gleichgewicht,
n. ,
seit dem frühen 17.
jh bezeugt; gelegentlich gleichgewichte Chr. Wolff
mathem. lex. (1747) 37; Gellert
dicht. 303
Schullerus; J. H. G. Justi
d. chimäre d. gleichgewichts v. Europa (1758) 25. AA.
im eigentlichen gebrauch sachlich-gegenständlicher anwendung. A@11)
zur kennzeichnung eines gewichtsverhältnisses. in getrennter schreibung lexikalisch im 16.
jh häufiger gebucht, in der zusammenschreibung als gleichgewicht
jedoch nicht vor dem ersten drittel des 17.
jh. belegbar, doch vgl. das adj. gleichgewichtig (
s. d.)
schon im späten 16.
jh. neben älterem gleichwichtig (
s. d., 15.
jh.)
und gleichwichtigkeit (
s. d., 1573)
sowie gleichwagung und gleichwiegung (
s. d.). A@1@aa)
zufrühest, aber von dem üblichen gebrauch deutlich geschieden in der bedeutung '
gleichheit des gewichtes',
entsprechend gleich II B 3 b,
als eigenschaftsbegriff der schwere: aequipondium gleichgewicht zweyer ding gegen einander Orsäus
nomencl. (1623) 143,
vgl. bereits aequipondium gleychgewicht, wenn vnder zweyen eins vil als das ander wigt Frisius (1556) 47; Calepinus (1598) 45
b; Decimator
thesaur. (1606) 22
b.
diese bedeutung, die der heute vorherrschenden vorstellung von gewicht als einer eigenschaftsbezeichnung der schwere entspricht, ist von dem übrigen, unmittelbar auf den prozesz des wiegens zurückzuführenden sprachgebrauch von gleichgewicht (
s. u.b)
zu trennen. sie tritt aber auch in jüngeren umschreibungen gern hervor, zumal '
gleichheit des gewichts'
auch für die anwendung b
die sachliche voraussetzung bildet: nach diesen regeln müssen die glieder auf ihrem mittelpunkte eine gleichheit des gewichts haben, und sie können dieses gleichgewicht nicht haben, wenn sie sich nicht untereinander kontrastiren Jacobsson
techn. wb. 2 (1782) 116; das gleichgewicht
die gleichheit des gewichtes zweyer körper Adelung
vers. 2 (1775) 710; Campe 2 (1808) 397
b. A@1@bb)
als bezeichnung für den wagerechten gleichstand der schalen im wiegeverfahren (
s. gleich VI A 4),
bei dem das zünglein am wagebalken einsteht und im zustand der ruhe bleibt. in enger anlehnung an lat. aequilibrium
und entsprechend jener älteren bedeutung von gewicht,
die das wiegeverfahren selber meinen kann, s. gewicht
teil 4, 1, 3, 5714
f., 5722, 5723
f., jenem gebrauch von wage gemäsz, der zur vorstellung des gleichstands der wagschalen gehört, s. wage teil 13, 357-361,
vgl. das im 17.
und 18.
jh. neben gleichgewicht
stehende konkurrenzwort gleichwage (
s. d.);
in deutlicher parallele auch zu einzeln (1604)
bezeugtem, als nomen actionis gebildetem gleichwiegung (
s. d.)
und (1623) gleichwegung (
s. gleichwagung 2)
für aequilibrium. von hier aus erklärt es sich, dasz einereihe der gängigsten verbalverbindungen mit gleichgewicht
wie das gleichgewicht
oder im gleichgewicht halten, im gleichgewicht stehen, sein, hängen, schweben, bleiben
u. a., in eigentlicher und übertragener anwendung, zunächst nur neben die gleichen verbindungen mit bloszem gewicht
oder wage (
bzw. gleiche wage)
treten, die schon im 16.
und 17.
jh. geläufig waren; allmählich erst verdrängen sie einen teil dieser älteren verbindungen. an älteren umschreibungen für aequilibrium, die den oben berührten zusammenhang besonders verdeutlichen, vergleiche: wenn die wag gerad innstat,
esse in aequilibrio auff der wag seyn Frisius (1556) 47
b; gleiche der wage, wenn die wage gerad einstehet Decimator
thesaur. (1606) 22
a; instend gewicht
sacoma Maaler (1561) 179
b u. s. w. noch bei Noel Chomel (1750) 1, 219;
weiteres s. gewicht
teil 4, 1, 3, 5722, 5723
f. demgemäsz: innstehend
sive gleichgewicht
aequilibrium, libramentum, aequipondium, aequamentum, exacta aequalitas Stieler
stammb. (1691) 2526; im gleichgewicht hangen
stare nell'
equilibrio Kramer
teutsch.-ital. 2 (1702) 1234
a; 'gegengewicht ...
ein gewichte, welches, wenn es mit einem andern auf eine gewisse art appliciret wird, das gleichgewichte
oder die wage
hält'
Noel Chomel 4 (1751) 775; bei ermittelung des gewichtes eines körpers, ohne alle rücksicht auf seinen rauminhalt (des absoluten gewichtes), legen wir ihn auf die eine wagschale und auf die andere so viel gewichtseinheiten (pfunde z. b.), bis beide sich im gleichgewicht befinden J. Liebig
chem. br. (1844) 77; solche brückenwaagen, bei denen das gegengewicht zum gewichte der last, im zustande des gleichgewichts, sich wie eins zu zehn oder wie eins zu hundert verhält
preusz. gesetzsamml. (1853) 589. A@1@cc)
im rahmen eines mehr oder minder ausgeführten bildes, oft neben anderen der zum wiegeverfahren gehörenden sachlichen einzelheiten. meist im zusammenhang des übertragenen gebrauchs B 1: es will das theure recht nicht blind gewogen seyn; man musz hier gantz genau das gleichgewichte kennen (1706) H. v. Hoffmannswaldau
u. and. Deutschen ged. 6 (1709) 257; das rechte gleichgewicht der länder und der reiche schlägt schädlich um, wann ich (
die eintracht) die schalen nicht vergleiche v. König
ged. (1745) 221; unglück und verdienst sind hier im gleichgewicht. aber lassen sie uns das gewicht in der einen oder andern schale vermehren Lessing 17, 77
M.; die goldene schale der kritik, die den dichter und musiker abwägen wollte, würde gewisz hier im gleichgewicht schweben Schubart
ästhetik d. tonkunst (1806) 214; die schneide, über der der wagebalken mit den schalen des lebens und todes fortan im gleichgewicht bleiben müsse Hans Grimm
volk ohne raum (1926) 1, 13; die schwere der regierung liegt in der wagschale von eurem herzen ... das gleichgewicht ist der freie geist. der schwebt und zeigt dasz das züngelchen einsteht Bettine
dies buch gehört d. könig (1843) 1, 124.
seltener im sinne der für den übertragenen gebrauch B 2
geltenden anwendung: man könnte unter einem andern bilde sagen, sie (
die leidenschaft) entferne sich von ihrer angewiesenen stelle an dem hebel, und bringe die seele dadurch aus dem gleichgewichte. laszt uns also auf der andern seite ein gegengewicht anbringen, um die ruhe wieder herzustellen, nicht aber alle gewichte wegnehmen Th. Abbt
verm. w. (1768) 2, 64; da dir die milch der menschheit schmacklos war geworden, schien bald kein reiz dir geistig scharf genug; dem gleichgewicht entrückt durch eignes schwanken, durchliefst du jeden punkt des groszen hebels und suchtest nur den ort, um fest zu stehn Grillparzer
s. w. 2, 29
Sauer. noch ganz bildhaft gefühlt sind auch wendungen wie im gleichgewicht schweben
oder stehen
zur umschreibung eines noch unentschiedenen, in seinem ausgang noch ungewissen zustandes, s. wage teil 13, 355
f.: es stehe noch im gleichgewigte desz zweifels, was Livius für Caruntes oder Caruntos eigendlich gemeint Valvasor
d. ehre d. herzogth. Crain (1689) 1, 79; eins von beiden! tod und leben steht itzt in des zweifels wage länger nicht im gleichgewicht v. Gökingk
lieder zweier liebender (1777) 98; so schwebten ihre ernsten erwägungen im gleichgewicht; sie stellte die entscheidung endlich auf ein welkes blatt, das in der wasserstille langsam kreiste und einen ausweg suchte G. Keller
ges. w. (1889) 5, 170; gegen Gabii ... stand der kampf ... im gleichgewicht Mommsen
röm. gesch. (1874) 1, 98. A@1@dd)
speziell und sehr gebräuchlich in der beziehung auf einen einzelnen körper, zur bezeichnung jener auf den schwerpunkt bezogenen gleichmäszigen gewichtsverteilung, die einen festen stand, eine senkrechte oder auch wagerechte stellung verbürgt, ein schwanken oder stürzen verhindert. dasz auch hier der von jüngerem sprachgefühl kaum noch empfundene zusammenhang mit der gleich schwebenden wage ursprünglich besteht, zeigt der gebrauch des einfachen gewicht (
teil 4, 1, 3, 5715
f.)
und wage (
teil 13, 359
f.)
in gleicher bedeutung, der jedoch seit der mitte des 18.
jh. von gleichgewicht
abgelöst wird, zumal mit dem aufkommen von gleichgewicht
als einem begriff der statik (
s. u. 2 a)
gerade diese bedeutung gestützt wird und ihr im übertragenen gebrauch neue anwendungen zuwachsen (
s. u.B 2). A@1@d@aα)
vornehmlich vom körper des menschen oder tiers in der ihm angemessenen natürlichen haltung: denn meine gnädige comtesse sitzen viel zu gelehrt in dem samtnen sattel; und im schärfsten trott ... ist das gleichgewicht ihres edlen körpers eben dasselbe, als wenn ... J. Fr. Löwen
schr. (1765) 3, 92; ohne balancierstange mit zierlich angespannten armen das gleichgewicht des schlanken leibes wiegend Cl. Brentano
ges. schr. (1852) 5, 346.
in absolutem gebrauch: wodurch aber könnte die mahlerei die körperliche figur einer gottheit von der körperlichen figur eines menschen so vorzüglich unterscheiden, dasz unser auge nicht beleidigt würde, wenn es bei der einen ganz andere regeln der bewegung, der schwere, des gleichgewichts beobachtet fände, als bei der andern? Lessing 9, 55
M.; dasz die beiden tanzenden ... in immer erneutem wegwerfen und wiedergreifen des gleichgewichtes empfindungen darstellten, die allen menschen vertraut ... sind H. Hesse
d. weg nach innen (1932) 282.
in festen verbalverbindungen. (sich) im gleichgewicht halten, das gleichgewicht halten: selbst da, wo zwischen tiefen der schmälere fuszsteig sich schlängelt. wandelt sie, ungefolgt, in sichrem gleichgewicht gehalten, durch den gelinderen zug der trense Klopstock
oden 2, 24
M.-P.; ich ging auf den zehen und hielt mich mit den händen im gleichgewicht Heinse
s. w. 4, 15
Schüddekopf; das liebliche mädchen (
das auf einer waschbank abgetrieben worden war) im rothen mieder ... wie es ... mit armen und füszen das gleichgewicht zu halten unbewuszt bemüht war W. Alexis
d. hosen d. herrn v. Bredow (1846) 1, 54; Magda fuhr (
auf dem eise) immer nur brav den rand entlang, steif wie eine latte, ... und bemüht, das gleichgewicht zu halten Br. Brehm
auf wiedersehn, Susanne (1939) 121.
ähnlich: die bäuerin zog ab mit ihrem bündelturme, mit mühe das gleichgewicht behauptend G. Keller
ges. w. (1889) 4, 134; nur noch eine kleine viertelstunde hatte der (
angeheiterte) oheim ... durch eigene kraft das gleichgewicht zu bewahren W. Raabe
d. hungerpastor (1864) 1, 159.
namentlich das gleichgewicht verlieren: dasz sie ..., wenn sie das gleichgewicht verloren, viele stufen wieder zurück fielen Dusch
verm. schr. (1758) 176; verlor sie stolpernd das gleichgewicht und verschüttete den kaffee Fontane
ges. w. I 6, 269.
daneben: er kam aus dem gleichgewichte und stürzte in das wasser Tieck
schr. (1828) 7, 311; er hatte im felde die schwere kunst erlernt, zu trinken, ohne aus dem gleichgewicht zu kommen G. Freytag
ges. w. (1886) 1, 39.
entsprechend: sobald er das gleichgewicht wiedergefunden hatte O. Ludwig
ges. schr. 2, 111
Schm.-St. in transitiver verbindung: ein unsichtbarer und neidischer gnome risse ihn aus dem gleichgewichte, und er wäre beinahe der Clarimene zu den füszen gefallen Liscow
sat. u. ernsth. schr. (1739) 394; wenn einer ... den andern (
beim ringen) aus dem gleichgewicht gehoben und zu boden geworfen hat Wieland
Lucian v. Samosata (1788) 4, 326. A@1@d@bβ)
so auch von andern körpern in jenem ruhezustand, der ein schwanken oder stürzen verhindert: sie (
die alten holzhäuser) verloren in keinem jahrhundert ihr gleichgewicht W. Alexis
d. Roland v. Berlin (1840) 1, 4; um die last auf dem kopfe nicht aus dem gleichgewicht kommen zu lassen Herm. Grimm
Michelangelo (1890) 1, 304; Angelika breitete im kahn ihre sachen aus und prüfte vor allem erst des fahrzeuges gleichgewicht K. Gutzkow
d. zauberer v. Rom (1858) 3, 272.
in fühlbarer nähe zur vorstellung des wiegeverfahrens steht der die bedeutung '
wagerechte lage, wagerechter stand'
einschlieszende gebrauch: worüber ... die verungleichte oder aus dem gleichgewigte oder aus gleichem stande verdrungene brücke sich vollends nach der einen seiten gesenckt Valvasor
d. ehre d. herzogth. Crain (1689) 4, 2, 77; dasz er ... den ungeheuern wurfspeer nur mühsam und prüfend ins rechte gleichgewicht zu bringen wisse Fouqué
zauberring (1812) 1, 126; ein italiänischer gypsgieszer, auf dem haupte sein wohlbeladenes bret gar kühnlich im gleichgewichte schwenkend Göthe I 34, 1, 3
W. A@1@d@gγ)
in noch deutlich bildhafter anwendung, entsprechend dem übertragenen gebrauch B 2: wie die geschenke, so ist der advokat. kommen gar keine, so ist der niederträchtigste betrieger der redlichste mann. kommen welche, aber nur kleine, so hält das gewissen noch so ziemlich das gleichgewicht Lessing 1, 310
M.; der verstand des guten wesens hatte das gleichgewicht verloren Mörike
2 w. 2, 63
Maync; diesz alles sey aber nicht geklagt, sondern einem manne vertraut, der in manchen stürmen des lebens aufrecht gestanden und ... sich und andere zu guter und böser stunde in sittlich-religiosem gleichgewicht zu erhalten bemüht ist Göthe IV 41, 35
W.; ich werde nicht glauben, dasz mit einer solchen kammer ein zweites paar pferde hinter den wagen gespannt werde, sondern ich werde glauben, dasz dadurch dem staatsschiff das nöthige gleichgewicht verliehen wird Bismarck
polit. reden 1, 153
Kohl; zur rechten (
im reichstag) die junker ... zur linken die neuen und demokraten: beide hände wollten dem reich das gleichgewicht halten W. Schäfer
d. 13
bücher d. dtsch. seele (1925) 490. A@1@d@dδ)
gelegentlich, und schon im übergang zu 2 a,
steht die vorstellung eines festen, stetigen beharrungszustandes ganz im vordergrunde: allein eine schwere masse kann nur durch rasche und starke bewegung aus ihrem gleichgewichte gebracht werden Schubart
ästhetik d. tonkunst (1806) 70.
ähnlich in der anwendung auf schwebende körper: wenn sie (
die weltkörper) zusammenstoszend aus ihrem gleichgewicht fallen Bodmer
Noah (1752) 258; wer hält die millionen sterne im schweben und im gleichgewicht? J. A. schlegel
verm. ged. (1787) 1, 2.
von hier aus auch unter völligem zurücktreten der gewichtsvorstellung von dem gleichmäszigen gang einer bewegung oder eines vorgangs: bis der bewegte, kühle nord, sein gleichgewicht gemach verliehrend die winde wieder blasen heiszt (
till the ruffled air falls from its poise) Brockes
Thomsons jahreszeiten (1745) 281; auch sei nach auszen hin ein schirm gestellt vors licht, damit kein lüftezug es stör im gleichgewicht Fr. Rückert
ges. poet. w. (1867) 8, 10. A@22)
auszerhalb der anwendung auf ein eigentliches gewichtsverhältnis, als bezeichnung für ein bestimmtes verhältnis äuszerlich meszbarer kräfte, zähl- oder teilbarer gröszen verschiedenster art. A@2@aa)
in der fachsprache der naturwissenschaft und technik als grundbegriff der statik in vielfacher anwendung, zur bezeichnung des ausgleichs- und ruhezustands, der durch entgegengesetzt aufeinander wirkende, in ihrer wirkung sich aufhebende kräfte gleicher stärke bedingt ist. s. Karmarsch-Heeren 1, 722; Lueger 4, 700; 6, 326; 7, 475.
mit der auffassung des wiegeverfahrens als eines physikalischen vorgangs, bei dem die gewichte als kräfte verstanden sind, war diese bedeutungserweiterung von gleichgewicht
natürlich gegeben; sie begegnet, in unmittelbarer anlehnung an den gleichbedeutenden lat. terminus aequilibrium,
schon vor der mitte des 18.
jh., wobei nun, in einer art umkehrung, das gleichgewicht
der wage nur als spezialfall dieser anwendung erscheinen kann: '
aequilibrium der wagerechte stand, das gleichgewichte,
heiszt in der mechanick der zustand zweyer oder mehr gewichte oder kräffte, die an einem körper zugleich arbeiten, da aus ihrer bestrebung gegen einander gar keine bewegung erfolget, so sind die gewichte in den schalen einer wage im aequilibrio,
wenn der wagebalcken oder die zunge stille steht' Chr. Wolff
mathem. lex. (1747) 37; der zustand der ruhe, welcher erfolgt, wenn zwo gleiche kräfte nach entgegen gesetzten richtungen einander entgegen wirken, so dasz beyde sich aufheben, und keine von ihnen bewegung hervor bringen kann ... diesen zustand nennt man das gleichgewicht der kräfte, welcher namen eben so, wie die lateinische benennung, von dem beyspiele der innen stehenden waage hergenommen ist. die lehre vom gleichgewichte der kräfte heiszt die statik Jacobsson
techn. wb. 5 (1793) 698
b; Gehler
physikal. wb. (1825) 4, 2, 1602.
in spezieller unterscheidung, je nach der lagerung des schwerpunktes: indifferentes, labiles, stabiles gleichgewicht Krebs
techn. wb. 5, 54.
im einzelnen auf verschiedenste kräfte-, druck- und spannungsverhältnisse bezogen: die würkungen der electrizität werden hervor gebracht, durch eine schnelle und heftige bewegung der lufttheilgen zusammengebrachter dinge, welche lufttheile aus ihrem ungleichen gegengewichte sich in das gleichgewichte zu setzen bestreben Joh. Georg Wagner
erforschung d. ursachen v. d. electr. würkung (1747) 5; man schreibe jedem körper, der keine elektrischen erscheinungen zeigt, eben soviel + e. als — e. zu, die sich beide völlig aufheben, wechselseitig binden und im gleichgewichte halten Gehler
physikal. wb. (1825) 3, 1, 310; feststellung des gleichgewichts der anziehenden und abstoszenden kräfte des erdballs Ritter
erdkde (1822) 1, 8; eine änderung in den bestandtheilen der luft, ein auflodern des tellurischen feuers, ein schwanken in dem gleichgewicht einer wassermasse ... begraben tausende G. Büchner
s. w. 55
Franzos; der apparat ist im gleichgewichte, wenn der druck des gases unter der beweglichen wand dem gewichte der letzteren sammt dem daran gehängten ventil entspricht Muspratt
chemie (1896) 5, 586. A@2@bb)
überhaupt von verhältnissen gleicher grösze, gleicher stärke, gleicher zahl: der dinge wechselkraft behält ihr gleichgewicht: der einen mindrung stimmt mit gottes absicht nicht. entstünd ein schwächer nasz, als feur, in elementen: wo wär die weisheit da, weil alle dinge brennten? durch welt- und himmelskreis theilt gott der kräfte maas Schwabe
belustig. (1741) 4, 296; in dieser frohen jahreszeit, worinn ihr letzt- und bestes licht, die sonn, in einem gleichgewicht, auf die gelinden tage senket (
sheds equal o'er the meeken'd day) Brockes
Thomsons jahreszeiten (1745) 353; ein merkwürdiges gleichgewicht des besitzes Bauernfeld
ges. schr. (1871) 6, 18; mag er immerhin durch seine zertheilung der gröszeren redemassen ein gewisses gleichgewicht zwischen reden und thatsachen erstreben D. Fr. Strausz
leben Jesu (1877) 170; zur ... verbesserung des diensteinkommens ... eine angemessene summe zu bestimmen, ohne das gleichgewicht zwischen einnahme und ausgabe zu stören Bismarck
polit. reden 3, 4
Kohl; nicht jedes der argumente, aus denen er das gleichgewicht der feindlichen und verbündeten kräfte zu beweisen suchte, war stichhaltig Fr. Meinecke
leben d. generalf. v. Boyen (1896) 1, 264.
der zusammenhang mit der vorstellung der gleichschwebenden wage kommt in den auch bei wage
geläufigen verbalverbindungen deutlicher zum ausdruck: wenn beide mutterfarben (
gelb und blau) sich in der mischung genau das gleichgewicht halten ... so ruht das auge ... auf diesem gemischten wie auf einem einfachen Göthe II 1, 320
W.; die nacht stand ... gerade im gleichgewicht
allg. dtsche bibl., anh. zu bd. 25/36, 3397; nun haben bisher alle volkszählungen uns belehrt, dasz die ziffern beider geschlechter im gleichgewicht stehen, und der überschusz des einen über das andere meist nur ein geringer ist O. Peschel
völkerkde (1774) 230.
auch als bezeichnung des zwischen extremen kräften gleicher stärke liegenden mittleren maszes: die luft, die den ganzen tag über beinahe in einem kochenden zustande gewesen war, fing nun an in dem entzückendsten gleichgewicht zwischen wärme und kühlung ... stille zu stehen Lichtenberg
verm. schr. (1844) 7, 96; man musz sich körper vorstellen, die das wahre gleichgewicht zwischen dem mageren und fleischigen gehalten haben Winckelmann
s. w. (1825) 1, 130. A@2@cc)
gelegentlich über die bestimmung quantitativ gleichen maszes hinaus auch als bezeichnung des für einen bestimmten zweck richtigen, notwendigen und angemessenen maszverhältnisses. in den ersten beiden belegen noch deutlich vom wiegeverfahren her: dasz man die cur gar zu bunt angefangen: weil man sich dabey keiner abwägung bedienet hätte, welches doch bey allen recepten zum gleichgewicht und proportionirung der ingredientien so nöthig seye H. Lindenborn
Diogenes (1742) 1, 526; gleiches gewicht ist fehl, nur gleichgewicht ist noth; ein ganzes pfund von mehl wiegt auf vom salz ein loth Rückert
ges. poet. w. (1867) 3, 213 (
erzählung: gleiches gewicht und gleichgewicht); es ist offenbar, dasz, wenn ein mensch zu wenig metalle, z. b. eisen, in sein blut bekommen hat, die andern atome gleichsam darnach lechzen müssen, um, damit verbunden, das chemisch heilsame gleichgewicht herstellen zu können A. Stifter
s. w. (1904) 1, 41.
vergleichbar, im sinne von '
richtige verteilung, richtige anordnung': die chöre (
auf der bühne) ... sollen ... niemals, nach der art der kirchenchöre, eingerichtet seyn; weil sonst das gleichgewicht wegfallen würde, indem die sänger und instrumentalisten nicht beysammen stehen A. Scheibe
d. crit. musicus (1745) 274. BB.
im übertragenen gebrauch. fast gleichzeitig, vielfach schon in der wende vom ersten zum zweiten drittel des 18.
jh. neben den eigentlichen gebrauch tretend, gewinnt die übertragene anwendung, stärker noch als bei wage
und gewicht,
der eigentlichen gegenüber rasch die gröszere häufigkeit und selbständige geltung. dabei treten die im zusammenhange eines ausgeführten bildes noch deutlich sichtbaren beziehungen zu den sinnlichen bedeutungen des wortes (
s.A 1 c, d
γ)
oft ganz zurück oder bleiben nur in den ursprünglich zu wage
und gewicht
gehörenden formelhaften verbindungen (
s.A 1 b)
noch fühlbar. B@11)
in der übertragung auf das verhältnis von nicht stofflichen oder äuszerlich nicht meszbaren kräften und gröszen zueinander, oft über eine blosz quantitative vergleichung nach stärke, wirkungsgrad oder intensität hinaus in verschiedene arten qualitativer bestimmung vordringend. als ansatzpunkt dieser übertragung kommen A 1 b '
gleich schwebende wage'
und, über die bei wage
und gewicht
gegebenen möglichkeiten hinaus, namentlich der naturwissenschaftliche gebrauch A 2 a
in betracht. in gewissen anwendungen, in denen das verhältnis solcher kräfte zueinander bestimmt wird, die den zustand einer gemeinsamen übergreifenden ordnung bedingen (
s.b),
wird die grenze zu 2,
der mehr aus A 1 d
abzuleitenden übertragung, flieszend. B@1@aa)
allgemein im bereich des geistigen, seelischen und sittlichen lebens. B@1@a@aα)
noch fühlbar im sinne einer maszbestimmung, zur kennzeichnung von gröszen, deren keine gegenüber der andern das übergewicht hat: schulwitz und mutterwitz müssen ... mit einander in genauer verwandtschaft und in einem gleichgewichte stehen Gottsched
d. neueste aus d. anmuthigen gelehrsamkeit (1751) 1, 423; es findet sich allenthalben, sagt er, ein gleichgewicht von gutem und bösen J. J. Chr. Bode
Yoricks empfinds. reise (1768) 1, 167; dasz die hochschätzung beider (
des Plato und Aristoteles) sich im gleichgewichte hält Göthe II 3, 143
W.; dasz die ungeschicklichkeiten und taktfehler der nationalversammlung und der regierung sich fortwährend das gleichgewicht hielten G. Freytag
ges. w. (1886) 15, 71.
hierher wohl: mein vater war in der nemlichen verlegenheit (
wie wir) und hielt mit uns völlig das gleichgewicht (
d. h. wohl: er war ebenso verlegen wie wir) Hippel
lebensläufe nach aufst. linie (1778) 1, 215.
ungewöhnlich in der anwendung auf den gleichmäszigen wechsel von vorgängen: gern will ich einst, im ewgen gleichgewicht von keimen und verblühn, auch meinen acker düngen Gotter
ged. (1787) 1, 282.
in engerem anschlusz an A 2 a,
sofern es sich um kräfte handelt, die sich gegenseitig aufheben: erkennen wir die gegensätze als sich das gleichgewicht haltend und sich gegenseitig erschöpfend, so ist dies die natur Solger
vorles. über ästhetik (1829) 57.
auch als bestimmung eines mittleren maszes, einer mittleren linie zwischen zwei extremen punkten: es ist demnach hier, wie überall am rathsamsten, das gleichgewicht zwischen beiden lehrmeinungen zu halten, um die mittellinie der wahrheit desto gewisser zu treffen Schiller 1, 143
G.; dieses gleichgewicht zwischen enthusiasmus und kaltsinnigkeit Wieland
bei Gerstenberg
recensionen 234
lit.-denkm. absolut: (
Nemesis) eine feindin alles ... übermaaszes in menschlichen dingen, die, sobald sie dieses gewahr wird, das rad kehret, und ein gleichgewicht herstellt Herder 15, 413
S. B@1@a@bβ)
oft aber tritt hinter der bedeutung '
ausgeglichenes, richtiges, harmonisches verhältnis'
der gesichtspunkt eines quantitativ gleichen verhältnisses in die zweite linie oder auch ganz zurück: ein weiser untersucht der hohen recht und pflicht. er kennet beyder zweck und beyder gleichgewicht Hagedorn
poet. w. (1757) 1, 50; er erkannte die klugheit, mit welcher er in einem gleichgewichte die rechte des ackermanns gegen den vortheil der käufer hielt A. v. Haller
Usong (1771) 27; die thätigkeit und gewandtheit dieses mannes, sein reichthum, die benutzung und anwendung desselben, alles erschien im gleichgewicht Göthe I 27, 338
W.; in einigen (
ländern) erreichte es (
das königliche ansehen) eine spitze, wo es ... durch die heftigsten reaktionen erst wieder mit den rechten der völker ins gleichgewicht gebracht wurde Moltke
ges. schr. u. denkwürd. (1892) 2, 81; die ersten menschen ... sündigten ... durch ungehorsam gegen gott, und verloren dadurch das gleichgewicht zwischen den sinnlichen und sittlichen grundtrieben Jung-Stilling
s. schr. (1835) 1, 601; erst jetzt ist ihnen (
anrede) die bürgschaft geworden zu dem rechten gleichgewicht zwischen eigenleben und weltgeschichte G. Freytag in:
Freytag u. Treitschke im briefw. 103. B@1@a@gγ)
in verbalverbindungen wie das gleichgewicht geben
oder halten
u. ä. im sinne von '
den ausgleich geben, das gegengewicht halten'
tritt hier in einer art von überspringung eines zwischengliedes gleichgewicht
an stelle von gegengewicht (
s. d., vgl. auch 3 b, c).
zur bezeichnung einer kraft, die einer anderen derart entgegenwirkt, dasz ein ausgleich, ein zustand des gleichgewichtes —
im sinne von β —
eintritt oder erhalten bleibt; doch liegt hier sprachlich wohl nur anschlusz an die gleichen schon früher geläufigen verbindungen mit wage
vor, s. wage III 5 a
α, teil 13, 357: oft wird der zu groszen liebe der mutter durch die strenge des vaters das gleichgewichte gegeben werden Gellert
dicht. 303
Schullerus; solch eine karge sparbüxe müszt es seyn (
meine frau), die meiner freygebigkeit und geldverachtung das gleichgewicht hielt Ulr. Bräker
s. schr. (1789) 1, 252; alle jene früheren ideen, die ihr (
seiner liebe) allein das gleichgewicht hätten halten können, sind seiner seele fremder geworden; sie beherrscht ihn mit despotischer gewalt Schiller 6, 42
G.; dasz die rhetorische richtung Schillers nur dann zu ihrem rechte kommt ... wenn sie sich sozusagen zu der konservativen masse macht, die der fortstürmenden handlung das gleichgewicht hält O. Ludwig
ges. schr. 5, 374
Schm.-St. in diesem zusammenhang auch pluralisch möglich: zersplittert die gewalt oder sezet ihr sogenannte gleichgewichte entgegen: ihr werdet die schwierigkeit höchstens zurückschieben, aber das gesez der natur nicht aufheben können K. L. v. Haller
restaur. d. staatswiss. (1816) 1, 425; was sie meine 'welt' nennen, liebes kind, —das reicht vorderhand nicht hin jemanden zu nähren und zu erhalten, gerade dagegen musz man gleichgewichte aufnehmen, um im ganzen zu sein R.
M. Rilke
br. 1907 -1914 (1933) 253. B@1@a@dδ)
dieselben verbindungen, mit dem gleichen anschlusz an einem die wage halten
u. ä. teil 13, 357,
dienen auch zur bestimmung eines verhältnisses gleichen ranges und wertes oder gleicher bedeutsamkeit und wirksamkeit: seine unschuld verdient eine genugthuung, welche seiner beschimpfung das gleichgewicht hält Petrasch
s. lustsp. (1765) 1, 395; welches buch in rücksicht der darstellung gewisz vielen Goetheschen das gleichgewicht hält
Göthejahrb. 6, 103; dem prachtvollen inhalt dieser tafeln können die folgenden nicht wohl das gleichgewicht halten
archäol. ztg. 1, 95
Gerhard. etwas anders, zur bezeichnung eines verhältnisses innerer übereinstimmung: wenige Griecher werden so, wie diese, den worten durch ihre thaten das gleichgewicht halten J. D. Heilmann
gesch. d. pelop. krieges (1760) 225.
verdinglicht im sinne von '
gegenwert, gleichwertige gegenleistung': ich fühle die ohnmacht, ihnen gegenüber etwas zu thun, was nur einiger maszen als ein gleichgewicht gelten könnte (1858) A. Stifter
s. w. 19 (1929) 119.
persönlich gefaszt jmd. das gleichgewicht halten '
es mit ihm aufnehmen können': so werde ich öffentlich zeigen, dasz ich mir allen an die seite zu stehen getraue, und jedem das gleichgewicht halten könne B. Mayr
päckchen satiren (1769) 116; unser gröszter deutscher dichter des 13. jahrhunderts war Wolfram von Eschenbach und nur ein anderer vermag ihm etwa das gleichgewicht zu halten, Gottfried von Straszburg Jac. Grimm
kl. schr. (1879) 8, 440. B@1@bb)
als ästhetischer begriff soviel wie '
proportion, symmetrie, harmonie',
besonders in der bildenden kunst, als gleichmasz der einzelnen teile und glieder eines kunstwerkes. in äuszerlichem sinne, dem eigentlichen gebrauch A 2 b
noch nahestehend, vgl. Jacobsson
techn. wb. (1781) 2, 116
b: die symmetrie (
in den künsten) theilt, so zu sagen ein ding in zwey stücke, setzt die eintzelnen theile in die mitte und die wiederhohlten auf beyde seiten; woraus denn eine art von gleichgewicht entsteht, die dem dinge ordnung, leichtigkeit und anmuth ertheilt K. W. Ramler
einl. in d. schön. wiss. (1756) 1, 79; dieser kopf hat einen eichenkranz, jener einen blumenkranz. der blumen bekränzte ein langes haar, das dem barte das gleichgewicht halten mag Göthe IV 19, 153
W.; übrigens wurde das nothwendige gleichgewicht dadurch hergestellt, dasz solche theile (
abschnitte mit ungerader taktzahl) wiederholt wurden; dann hatte man eine doppelperiode von zwei mal fünf takten, also mit zwei gleichen hälften gehört und das gefühl für ebenmasz war befriedigt Frz.
M. Böhme
gesch. d. tanzes (1886) 256.
hierher auch die vereinzelte anwendung auf körperliches ebenmasz: denk dir ein weib im reinsten jugendlicht ... gieb ihrem bau das feinste gleichgewicht Wieland
s. w. (1794) 22, 146.
als harmonie der inneren wirkungen und kräfte eines kunstwerks: so brachten die (
bildenden) künstler durch mannichfaltigkeit (
der dargestellten empfindungen) ein gewisses gleichgewicht in ihre arbeit, milderten und erhöhten wirkung durch wirkungen, und vollendeten sowohl ein geistiges als ein sinnliches ganze Göthe I 47, 115
W.; aber nicht aus der unvergleichlichen durchbildung allein ergibt sich diese schönheit. sie entsteht aus der empfindung des gleichgewichts, des ausgleichs aller dieser bewegten flächen untereinander R.
M. Rilke
ges. w. (1927) 4, 318; das schöne ebenmasz, das zarte gleichgewicht, die treffende schicklichkeit ... den vollkommnen styl des goldnen zeitalters, die ächtheit und reinheit der griechischen dichtarten ... soll der moderne dichter ... sich zueignen Fr. Schlegel
pros. jugendschr. 1, 166
Minor; die mittlere stimmung (
im letzten satze der 2.
d-dur-symphonie) (
ist) keine folge der unfähigkeit zu einem fluge in höhere regionen ..., sondern einer edlen, maszvollen ausgeglichenheit aller kräfte, die einander im schönsten gleichgewicht halten O. Jahn
Mozart (1856) 4, 127. B@22)
in einer anderen, ebenfalls reich und selbständig entfalteten gruppe von übertragungen meint gleichgewicht
weniger ein bestimmtes verhältnis von kräften zueinander als vielmehr den ein solches verhältnis voraussetzenden oder aus ihm hervorgehenden zustand, der dann auf eine einzelne grösze, vornehmlich auf einen inneren oder äuszeren lebensstand des menschen bezogen ist. diese beziehung auf eine einzelne grösze, auf ein einzelnes subjekt als träger des gleichgewichts,
wie sie sich gelegentlich schon unter 1
ergab (
s. o. 1 b),
läszt einen zusammenhang mit der vorstellung der gleich schwebenden wage kaum fühlbar werden, oft aber deutlich den anschlusz an A 1 d,
den gleichgewichtszustand von körpern. B@2@aa)
vornehmlich als bezeichnung eines seelischen zustands, einer gemütsverfassung, im sinne der inneren ruhe, des gleichmuts, der sicherheit, des ausgleichs und gleichmaszes der inneren kräfte; im ersten drittel des 18.
jh. aufkommend. B@2@a@aα)
schon von vornherein ohne erläuternde beifügung, als reine zustandsbezeichnung: wer ihrem (
der tugend) winke folgt, wird niemals unrecht wählen, ... nie stört sein gleichgewicht der sinne gäher sturm (1730) A. v. Haller
ged. 75
Hirzel; stärke läszt sich durch gleichgewicht ersetzen, und im gleichgewicht sollte jeder mensch bleiben, denn dies ist eigentlich der zustand seiner freiheit Novalis
schr. 3, 161
Minor; es ist kein gleichgewicht und etwas zerstörendes und gewaltsam heftiges in ihm (
Steffens) W. Grimm
briefw. m. Jac. Grimm (1881) 95; aber seit der ankunft in Hamburg schien ihm Theodor Piontek nicht ganz im gleichgewicht zu sein, vermutlich aus angst vor dem wellengeschaukel Heinr. Wolfg. Seidel
Krüsemann (1935) 189.
oft fast soviel wie '
selbstsicherheit, selbstgefühl': die Teutschen haben von allen völkern das meiste lächerliche für die grosze welt an sich; vielleicht weil sie ... die grosze welt noch allzu sehr verehren und bewundern. wer nichts anstaunt, steht mehr auf seinem gleichgewicht Klinger
w. (1809) 11, 316; eine gewisse feierliche grazie bei gewöhnlichen dingen, eine art von leichtsinniger zierlichkeit bei ernsthaften und wichtigen kleidet ihn (
den edelmann) wohl, weil er sehen läszt, dasz er überall im gleichgewicht steht Göthe I 22, 150
W.; er (
Rodin) ist so ungeheuer im gleichgewicht, seine worte gehen so sicher, und auch die, welche ganz allein kommen, schwanken und zögern nicht R.
M. Rilke
br. 1902 -1906 (1929) 38.
ungewöhnlicher als bezeichnung eines natürlichen, naturgemäszen zustandes: nichts ist der frau im gleichgewicht fremder als die sogenannte allgemeine menschenliebe, nichts steht ihr näher als ein warmes interesse an dem besonderen falle Immermann
w. 18, 97
Boxb. gelegentlich durch ein beiwort ins negative gewendet: im trägsten gleichgewicht ist ihm zu treuem fleisz bereits der herbst zu kalt, und schon der lenz zu heisz Hagedorn
poet. w. (1757) 1, 62; auf der andern seite die partheien des Parnassus genau kennen, und da entweder im trägen gleichgewichte bleiben oder muthig mitkämpfen Schubart
leb. u. gesinn. (1791) 2, 12. B@2@a@bβ)
daneben in ausdrücklicher kennzeichnung: so steht ein gottverlobtes herz auch stets in einem gleichgewichte, und schaut mit einerley gesichte so wohl die freuden, als den schmerz Triller
poet. betracht. (1750) 1, 96; im herzchen ist kein gleichgewicht. ja, ja, der puls ist ein veräther Göthe I 12, 138
W.; ... der leib allein stört das gleichgewicht der seele Müllner
dram. w. (1828) 2, 41; beiden groszen männern (
Moltke u. Wilhelm I.) blieb die erhabene schlichtheit, das sichere gleichgewicht der seele gewahrt graf Waldersee
bei Moltke
denkw. (1892) 1, 265; als er ihre antwort vernahm, verlor er einen augenblick das gleichgewicht der stimmung und die vornehme ruhe, die er sonst immer behauptete Ranke
s. w. (1867) 4, 303; dasz sein eigenes gefühl nicht im gleichgewichte war Hans Grimm
volk ohne raum (1926) 1, 445.
mit adjektivischer bestimmung: ein neues zeugnisz für das innere gleichgewicht und die ruhige klarheit Mozarts O. Jahn
Mozart (1856) 3, 213; mehr brauche ich hier nicht als das seelische gleichgewicht. damit hoffe ich alles zu überstehen, was nervenkraft erfordert
kriegsbr. gefall. studenten (1928) 197. B@2@a@gγ)
in den formelhaften, meist absolut gebrauchten verbalverbindungen das gleichgewicht verlieren '
die ruhe, die fassung verlieren'
und ebenso aus dem gleichgewicht kommen, bringen
u. ä. wird der ansatz im eigentlichen gebrauch A 1 d
besonders fühlbar: lernet doch etwas vertragen, ... und verliert so leichtlich nicht aus der brust das gleichgewicht Triller
poet. betracht. (1750) 3, 51; meine schönheit ... is ... nicht so grosz, dasz man drüber s gleichgewicht verlieren musz Joh. Nestroy
ges. w. (1890) 2, 92; zwei schlanke mädchen, die eine so schlank und rosenroth, dasz mein Mecklenburger ganz aus dem gleichgewicht kam Friedr. Arndt
bei E.
M. Arndt
schr. f. u. an s. l. Dtschen (1845) 1, 43; Briseis war auch eine magd: doch bracht ihr weiszes angesichte Achillen aus dem gleichgewichte Triller
poet. betracht. (1750) 5, 235; das brachte meinen besucher aus dem gleichgewicht A. Winnig
heimkehr (1935) 321.
anderes gelegentlich: der gedanke des groszen ihn bewundernden Roms, der in seiner seele herrschte, hielt sie gleichsam innerhalb ihrer selbst gefangen, dasz der heftige reiz des thierischen übels zu wenig war sie aus dem gleichgewicht zu heben Schiller 1, 148
G.; dasz ... neue bekanntschaften, neue thatsachen ihn ganz aus seinem gewohnten gleichgewichte werfen konnten K. Gutzkow
ritter v. geiste (1850) 2, 262; nur dann gerieth er ein wenig aus dem gleichgewichte, wenn ... nichtige anmaszung sich breit machte Holtei
erz. schr. (1861) 24, 153; das ... drängt sie in sich zurück, dasz sie zusammenschrickt, dasz alles in ihr aus dem gleichgewicht ist W. v. Scholz
erz. (1924) 184.
in entsprechenden verbindungen, um wiederherstellung und wiederkehr des inneren gleichgewichts
zu bezeichnen: Karl hatte das gleichgewicht ihres herzens durch seine wärme aufgehoben und es durch kein wort der belohnung wieder hergestellt Jean Paul
s. w. (1826) 22, 206
Reimer; Marie fand das rechte gleichgewicht in ihrem innern erst wieder, als endlich der erste brief aus Gibraltar einlief Moltke
ges. schr. u. denkw. (1892) 1, 152; mir kehrte das verlorene (
seelische) gleichgewicht nach und nach wieder, als ich anfing, die ... lücken meines ärztlichen wissens auszufüllen Carossa
führung u. geleit (1933) 173. B@2@bb)
gelegentlich auf eine kennzeichnung geistiger oder sittlicher verfassung ausgedehnt: als Augusts feldzug ... unglücklich ablief, ... verlor Karl das gleichgewicht der überlegung Herder 23, 418
S.; wohl aber scheinen solche (
groteske) dichtungen auch später für ihn eine art erholung gewesen zu sein, ein mittel zur herstellung des geistigen gleichgewichts Justi
Winckelmann (1866) 1, 161; was ist an einer Emilie gelegen, die ... das sittliche gleichgewicht schon verloren hat und nur noch vor dem physischen, nicht vor dem geistigen fall bewahrt wird? Hebbel
s. w. 12, 8
Werner. B@2@cc)
als bezeichnung körperlichen wohlbefindens, gleichmäsziger gesundheit: dasz eine dergleichen mäszige bewegung, das gemüth erfrischt und den körper in ein köstliches gleichgewicht bringt Göthe IV 8, 347
W.; ich ... befinde mich heut in einem körperlichen gleichgewicht wie seit lange nicht Bismarck
br. an s. braut u. gattin (1900) 97; und alsbald umhüllte ihn die gütige natur mit tiefem schlaf, um ... das gestörte gleichgewicht des organismus wieder herzustellen Spielhagen
w. (1872) 1, 28.
bei Göthe
oft in absolutem gebrauch: nächstens hoffe meine persönliche aufwartung zu machen, bis jetzt wollte es mir noch nicht ganz gelingen mich wieder ins gleichgewicht zu stellen (
nach einer erkrankung) IV 29, 290
W.; vgl. IV 40, 70; IV 23, 67.
etwas anders, vom zustand körperlicher ruhe und beherrschung: wenn sie ... über rain und matten leichten laufes hineilte. dabei kam sie niemals auszer athem, und blieb völlig im gleichgewicht I 28, 16
W. B@2@dd)
gern in gleichzeitiger beziehung auf seelisches und körperliches wohlbefinden: durch eine sich immer gleiche, gemäszigte diät erhielt nicht nur sein körper, sondern auch die seele ein so bestimmtes gleichgewicht, dasz nichts ihn erschüttern konnte Hufeland
kunst d. menschl. leben zu verläng. (1797) 26; freyheit bey geistigen bedürfnissen, mäszigung bey körperlichen giebt ein gleichgewicht, das man vielleicht nur in einem verhältnisz wie das hiesige, erhalten kann Göthe IV 20, 143
W. B@2@ee)
als bezeichnung für den normalen, festen, ausgeglichenen bestand einer ordnung. am ersten als sachliche erweiterung der obigen anwendungen: die (
kinder) seynd der völcker trost, wunsch, hoffnung, zuversicht, der kronen werth und schmuck, der staaten gleichgewicht Chr. v. Scheyb
Theresiade (1746) H h 4
b; denn allerdings wenn der mit recht ein verschwender heiszt, ... der sich ... verleiten läszt das gleichgewicht seiner finanzen zu verletzen, dann war Mozart ein verschwender O. Jahn
Mozart (1856) 3, 247; bald überwältigte des äthers gleichgewicht der schweren wolken zug Lenz
ged. 140
Weinhold; in wie vielen bangen stunden dieses sommers ohne licht ich an leib und seel' empfunden das gestörte gleichgewicht der natur, wie der politik Rückert
ges. poet. w. (1867) 2, 572; deswegen musz man mit den geschwinden noten, bis zum äuszersten ende des zeitmaaszes warten, um das gleichgewicht des tactes nicht zu verrücken Quantz
anweis. d. flöte zu spielen (1789) 195.
absolut in den verbindungen ins gleichgewicht bringen
oder kommen: hier bring ich meine diätfehler wieder ins gleichgewicht Göthe I 24, 153
W.; nahm ich sie da nicht, selbst gerührt, in die arme, ... tröstete sie und versprach, alles ins gleichgewicht zu bringen? A. Stifter
s. w. (1904) 1, 135; die weiber müszten nur lieben oder hassen; da wären sie ganz scharmant. die männer aber müszten weder lieben noch hassen. so käme alles wieder ins gleichgewicht Göthe
ges pr. 2, 168
W. v. Biedermann; die welt wird lange brauchen, bis sie wieder ins gleichgewicht kommt W. Weigand
d. ewige scholle (1927) 234.
auch im gleichgewicht stehen: wie wenig eigentlich ein dritter fruchtet, wenn es zwischen zwei nah verbundenen personen nicht ganz im gleichgewicht steht Göthe I 20, 25
W. seltener auf den gleichmäszig steten ablauf eines vorgangs bezogen: was stürmte aber auch alles auf könig Franz, um ihn aus solchem französischen gleichgewichte der lebensregel zu werfen H. Laube
ges. schr. (1875) 4, 164; das erzeugt ... schwankungen im gleichgewicht der fortschreitenden handlung K. Gutzkow
ges. w. (1872) 7, 244. B@33)
für sich zu nehmen ist der begriff des politischen gleichgewichts, die übertragung des wortes auf das verhältnis von staaten und mächten, gruppen, parteien und persönlichkeiten, die in feindlicher oder rivalisierender beziehung stehen, gegeneinander oder doch nebeneinander wirken. der ansatzpunkt dieser übertragung liegt, wie bei 1,
in A 1 b
und A 2 a,
soweit die mehr quantitativ bedingte vorstellung der zum gleichstand gebrachten wagschalen oder der sich aufhebenden kräfte im vordergrund steht, doch tritt mehr und mehr, wie bei 2,
der anschlusz an A 1 d
hinzu, die beziehung auf eine einzelne grösze und ihren durch ein bestimmtes kräfteverhältnis bedingten, aus ihm hervorgehenden zustand, ohne dasz im einzelnen diese verschiedenen möglichkeiten deutlich zu trennen wären. bildliche und übertragene beziehung auf das verhältnis von mächten zueinander begegnen bei wage (
s. d. teil 13, 357)
und gewicht (
s. d. teil 4, 1, 3, 5757,
bes. Schottel [1648])
schon im 17.
jh., s. auch unten gleichständigkeit.
die lat. form bilanx Europae
ist 1716
auf deutschem boden zu bezeugen (
s. zs. f. dt. wortf. 14, 218). gleichgewicht
jedoch ist in dieser bedeutung erst 1733 (
s. u.c)
und 1741 (
s. u.a)
zu belegen, dies auch nur in engem anschlusz an lat. aequilibrium,
engl. equilibrium,
frz. équilibre
und engl.-fr. balance,
die schon seit dem 16.
und frühen 17.
jh. dem wortschatz der europäischen diplomatie und staatsrechtslehre angehören, vgl. dazu Murray 1, 631
a; Hatzfeld-Darmesteter 1, 186; 947; Lothar Bucher in:
dtsche revue 12 (1887) 3, 333
ff.; zs. f. dt. wortf. 6, 49; 9, 289; 10, 235; 14, 217. B@3@aa)
vor allem gleichgewicht von Europa, europäisches gleichgewicht,
daneben auch politisches gleichgewicht, gleichgewicht der mächte
u. ä., auch einfach gleichgewicht,
als grundbegriff eines politischen lehrsystems und als politisches schlagwort zur bezeichnung jener europäischen mächteordnung, die es verhindert, dasz eine macht die absolute vorherrschaft gewinnt und die nationale unabhängigkeit der übrigen anzutasten vermag. zum sachlichen, besonders zur vorgeschichte und entwicklung dieses begriffs, der in der abwehr der universalmonarchischen bestrebungen Spaniens gegen ende des 16.
jh. in der europäischen publizistik aufkam und im lauf seiner entwicklung, je nach der wechselnden mächtekonstellation und den besonderen politischen absichten einzelner staaten, mannigfacher umformung und den verschiedensten wertungen unterliegt, vgl. Lothar Bucher
a. a. o., E. v. Heyking
z. gesch. d. handelsbilanztheorie (
Berliner diss. v. 1880) 24
ff., an älteren arbeiten namentlich J. H. G. Justi
d. chimäre d. gleichgewichts v. Europa (1758) 18
ff., Fr. v. Gentz
fragmente aus d. neuest. gesch. d. polit. gleichgewichts in Europa (1806) 1
ff. der älteste bisher nachgewiesene deutsche beleg zeigt bereits den charakter des politischen schlagworts: für eine person, die nicht mehr, als ich, für das gleichgewicht von Europa zu sorgen habe Schwabe
belustig. (1741) 1, 163.
noch deutlich vor dem bildlichen hintergrund der auf einer wage gleich abgewogenen mächte, vgl.: 'politisches gleichgewicht
besteht darin dasz die beherrscher eines erdtheils in hinsicht ihrer macht einander die wage halten' Voigt
hwb. f. d. geschäftsführung (1807) 1, 346; es ist ohne zweifel eine sehr grobe idee von dem gleichgewichte von Europa, wenn man sich unsern welttheil als eine waage vorstellet, von welcher die häuser Oesterreich und Bourbon die zwo wagschaalen ausmachen, an welche sich die seemächte und andre europäische staaten bald auf der einen, bald auf der andern seite anhängen, nachdem diese oder jene wagschaale das übergewicht erlangen will. unterdessen war doch dieses ehedem der fast durchgängig angenommene begriff des gleichgewichtes J. H. G. Justi
d. chimäre d. gleichgewichts v. Europa (1758) 25; (
Napoleon:) das gleichgewicht Europas fliegt bebend aus den angeln ... gleichgewicht! als ob man völker abwägen und zählen könnte! Grabbe
w. 3, 63
Bl. verfeinert und verselbständigt in der vorstellung eines ausgeglichenen kräfteverhältnisses, das einen gegebenen übergreifenden ordnungsstand erhält, ihn vor dem schwanken und stürzen bewahrt: der andere (
d. i. neuere) begriff ist ein klein wenig gesünder. nach demselben ist das gleichgewichte von Europa eine beständige regel des krieges und friedens in Europa, vermöge deren die europäischen mächte allezeit eine besondere aufmerksamkeit tragen, dasz kein reich unter ihnen eine so grosze macht erlange, welcher die andern staaten nicht wiederstehen könnten, und dasz mithin die unabhänglichkeit der übrigen mächte und die freyheit von Europa nicht in gefahr gesetzet werden möge J. H. G. Justi
d. chimäre d. gleichgewichts v. Europa (1758) 26.
ausdrücklich nicht im sinne eines quantitativ gleichgewichtigen,
sondern eines richtigen, den frieden im ganzen und die unabhängigkeit im einzelnen gewährleistenden verhältnisses: das, was man gewöhnlich politisches gleichgewicht (balance du pouvoir) nennt, ist diejenige verfassung neben einander bestehender und mehr oder weniger mit einander verbundner staaten, vermöge deren keiner unter ihnen die unabhängigkeit oder die wesentlichen rechte eines andern, ohne wirksamen widerstand von irgend einer seite, und folglich ohne gefahr für sich selbst, beschädigen kann ... ebenso wird es der eigentliche charakter eines völkerrechtlichen gemeinwesens (wie es im neueren Europa sich gebildet) und der triumph seiner vortrefflichkeit seyn, dasz eine gewisse anzahl auf sehr verschiednen stufen von macht und reichthum stehender staaten unter dem schutz eines gemeinschaftlichen bandes, ein jeder unangetastet in seinen sicheren gränzen verharre Fr. v. Gentz
fragmente aus d. neusten gesch. d. polit. gleichgew. in Europa (1806) 1
und 4.
in festem terminologischem gebrauch: zu der obigen art (
den histor. schriftstellern) gehören aber noch die urheber der sogenannten staatsinteressen, oder vortheile besonderer staaten ...; ingleichen des europäischen gleichgewichtes, und der universalmonarchie Gottsched
d. neueste aus d. anmuth. gelehrsamkeit (1751) 4, 17; dann gute nacht, freiheit der Ungarn! gute nacht, östreichische herrlichkeit! deutsche freiheit! Europas gleichgewicht! Schubart
ges. schr. (1839) 8, 213; das europäische gleichgewicht muszte sich nun andere grundlagen suchen Ranke
s. w. (1867) 30, 187; sondirende fragen über die zukunft des europäischen gleichgewichts Bismarck
ged. u. erinner. 2, 121
volksausg. in ironisierendem oder scherzhaftem gebrauch: gleichgewicht von Europa! du grosze erfindung, von der kein zeitalter vorher wuste (1774) Herder 5, 548
S.; wenn man nur einen nachtwächter anulkte, riskierte man gleich das ganze europäische gleichgewicht Cä
s. Flaischlen
Martin Lehnhardt (1921) 69.
auch ohne ausdrücklichen hinweis auf den gesamteuropäischen hintergrund: den protestantischen charakter hatten wesentlich auch die drei schlesischen kriege 1740 bis 1763, wenn auch bei allem diesen die interessen des territorialismus und das gleichgewicht mitspielten Bismarck
ged. u. erinner. 1, 190
volksausg. modifiziert erscheint der begriff eines europäischen gleichgewichtes
in der von England geprägten und seinen besonderen interessen angepaszten fassung, als bezeichnung jener festländischen mächtekonstellation, für welche die macht Englands das zünglein an der wage bildet und in der sie zugleich jederzeit den ausschlag geben kann: bewache doch den thron des britischen monarchen! bewahre den erhalter des gleichgewichts Europens, mit ihm das güldne alter Dusch
verm. w. (1754) 82; liesz sich Heinrich der achte, könig in England, deutlich heraus, dasz der vornehmste grundsatz seiner staatskunst darauf ankäme, zwischen denen kronen Frankreich und Spanien das gleichgewicht zu erhalten, und sich mithin auf diejenige seite zu neigen, welche die schwächste wäre J. H. G. Justi
d. chimäre d. gleichgewichts v. Europa (1758) 20; England ... hielt (
im anfang des 18.
jh.) die wage des europäischen gleichgewichts in starker hand Ranke
s. w. (1867) 25, v; sein (
Englands) altes dogma vom europäischen gleichgewicht
dtsche allgemeine ztg. v. 21.
febr. 1943. B@3@bb)
in der anwendung auf das verhältnis einzelner staaten oder mächte zueinander steht weniger der gedanke an den bestand einer übergreifenden ordnung als der gesichtspunkt tatsächlich gleicher macht und stärke im vordergrund: die societäten in der welt ..., die sich zusammen gethan, und so lange in der freyheit gewirthschaftet haben, bis sie sich untereinander so geplagt, dasz, so lange einer allein die oberhand gehabt, einer über den andern tyrannisiert; wenn aber die andere nachbarn das gleichgewicht gekriegt haben, dasz sie einander, einer so viel als der andere, haben schaden und nützen können, sie sich endlich über gewisse puncten miteinander vergleichen lernen Zinzendorf
gemeine-reden (1748) 269; unglücklicher mittelnationen, die sich nicht in sich selbst zu gründen und gegen benachbarte macht nicht ins gleichgewicht zu setzen geeignet sind Göthe I 41, 2, 143
W.; ein kampf zwischen zwei in politischem gleichgewicht stehenden mächten Mommsen
röm. gesch. (1894) 5, 44.
in der verbindung das gleichgewicht halten
für das gegengewicht halten
auch in persönlicher beziehung (
s. o. 1 a
γ, δ): der (
preuszische kronprinz) wird nach dem tode des königs dem kaiser schon das gleichgewicht halten (1780) Heinse
an Fr. Jacobi bei Gleim
briefw. 2, 88
Körte; sein (
Franz. I.) zweck war erreicht, da er in Italien eine grosze stellung eingenommen hatte, durch die er seinem nebenbuhler (
dem papst) das gleichgewicht hielt Ranke
s. w. (1867) 4, 84.
auch hier als jene besondere politische situation, die es einem interessierten dritten ermöglicht, den ausschlag zu geben: er (
Napoleon III.) suchte gleichzeitig die erfüllung der deutschen einheit zu verhindern und doch Preuszen eine abrundung seines gebietes und eine bestimmt begrenzte einfluszsphäre in Norddeutschland zu gewähren, um ein gleichgewicht der politischen kräfte innerhalb Deutschlands sicherzustellen, das ihm die möglichkeit beständiger einmischung bot v. Cochenhausen
schicksalsschlachten (1937) 186. B@3@cc)
analog in der anwendung auf innerstaatliche machtverhältnisse. schon früh, wie bei wage III 5 a
a, teil 13, 357,
zur bezeichnung solcher machtgleichheit entgegengesetzter kräfte, die einem dritten den entscheidenden ausschlag in die hand gibt: der groszen gleichgewicht, die kenntnisz von den stämmen, verheiszung, gegendienst, bespähen, drohen, schlemmen, vielleicht was baarers noch, ist wahre herrschaftskunst (1733) Haller
ged. 107
Hirzel; einen augenblick länger hielt sich die bisherige regierung in Basel; sie schmeichelte sich noch ein gleichgewicht zwischen beiden bekenntnissen zu behaupten Ranke
s. w. (1867) 3, 69.
als blosze maszbestimmung sich das
oder im gleichgewicht halten '
gleich stark sein': so lange ihr gemahl lebte, ... hielten sich die beiden partheien, Whigs und Torys ... fast das gleichgewicht Herder 23, 161
S.; wir müssen bei dem könig stehen, so lange wenigstens, bis die parteien sich im gleichgewicht halten Görres
ges. schr. (1854) 2, 465.
in persönlicher beziehung jmd. das gleichgewicht halten '
ihm die wage, das gegengewicht halten' (
s. o. 1 a
γ, δ): den rheinischen bischöfen hielten die weltlichen fürsten jener gegenden das gleichgewicht Raumer
gesch. d. Hohenst. (1823) 4, 211.
im hinblick auf eine durch den gleichstand der kräfte bedingte ordnung: wenn das verworrene chaos sich sondern, und die streitenden mächte des staates in dem gesegneten gleichgewicht ruhen sollten, wovon unsre jetzige musze der preisz ist Schiller 9, 92
G.; während rings in den nach barvölkern schon die religiösen kämpfe aufgeflammt waren, schien Deutschland noch einmal einer verhältnismäszigen inneren stille zu genieszen. aber es war nur ein dumpfes gleichgewicht sich gegenüberstehender kräfte K. A. v. Müller
dt. gesch. u. dt. char. (1926) 12.
so namentlich dort, wo es sich um ein ausgeglichenes, harmonisch abgestimmtes verhältnis solcher einzelkräfte handelt, deren zusammenwirken den bestand der regierungsgewalt, der verfassung oder der gesellschaft verbürgt: das gleichgewicht der drey theile, welche die gesezgebende gewalt hier ausmachen, ist bewundernswürdig Archenholz
England u. Italien (1785) 1, 2, 561; die verfassung hält das gleichgewicht der drei gesetzgebenden gewalten in allen fragen, auch in der budgetgesetzgebung, durchaus fest Bismarck
polit. reden 2, 81
Kohl; die schule fordert bei einem reich und lebenskräftig entwickelten volke ein gleichgewicht der groszen arbeitsgruppen; eine nation, die blosz ackerbau, oder gewerbe und handel oder geistesarbeit einseitig überwiegend betriebe, würde ihre persönlichkeit im wettkampfe der culturvölker nicht dauernd behaupten können W. H. Riehl
d. dtsche arbeit (1861) 69.
von hier aus: so hat sie alle ... gewohnheiten und rechte des hauses bestehen lassen und wacht über ordnung und ein billiges gleichgewicht A. v. Droste-Hülshoff
ges. schr. (1878) 2, 328.
in absolutem gebrauch auch pluralisch: übermuth des geistes, der die rechten und natürlichen gleichgewichte aufhob, hat alle staaten zerfressen und zerstört E.
M. Arndt
schr. f. u. an s. l. Dtschen (1845) 2, 126.