gasse,
f. vicus, platea. II.
Form und verbreitung. I@11, I@1@aa)
ahd. gaʒa, gaʒʒa,
vicus (
civitatis),
platea Graff 4, 105,
mhd. gaʒʒe,
schwachformig; auch nhd. hat die schwache form auch im sing. noch lange als schriftmäszig gegolten, nicht oberd. blosz, auch md.: unde wer do besehen wirt, daʒ er uf der gassen futtert ..
Leipz. urk. 1, 175,
vom j. 1446; zwene reuter sollen bestalt .. werden, die in der gassen hin und wider reiten in fewers nöten.
Leipziger ordn. 1544 N 4
b; wir wollen uber nacht
auf der gassen bleiben. Luther
1 Mos. 19, 2
u. o.; mit einem geschrey .. so sich eher auf der gassen als in einem engen zimmer .. schicket. Liscow 139; was ists
das auf der gassen ausgerufen wird? Ludwig 693; grosz' und kleine kommen zu haufen auf der gaszen einher gelaufen. Rost,
der teufel an hrn. Gottsched, n. Berl. monatschr. 1805 13, 39; darf mich, leider, nicht auf der gassen noch in der
kirche mit (
damit) sehen lassen. Göthe 12, 149. I@1@bb)
aber auch starke form kommt schon mhd. vor (
ob auch im plur.?),
z. b. in der gaʒʒe
MSH. 2, 82
a,
s. unter II, 2,
b, vgl. das. unter c, α aus den Nürnb. poliz. gassen
und gasse
dat.; über die gaʒʒe.
Freiberger stadtr. s. 161; Erkenbolt rief oben in der gaʒʒe 'ir enwert mir nimmer holt, her Nîthart ligt im vaʒʒe'.
Neidhart xxxv, 9.
so nhd. im 16.
jh., neben der starken in demselben schriftstück: sol niemants auf der gasse one latern und liecht gehen.
Leipz. ordn. 1544 L 4
a; des abends auf der gasse.
das.; und giengen hin eine gasse lang. Luther
apostelgesch. 12, 10. I@1@cc)
im nom. gassen
voc. inc. teut. h 3
a, gasse
voc. 1482 k 3
a, gasz Dasypod. 335
d, Schönsl., gassen
und gasz Maaler 157
c.
schon um 1400
selbst von gasz ze gasz Lil. 1, 180
a (
s. II, 1,
a). I@22)
im nd. gebiete ist auffallender weise das wort eigentlich nicht entwickelt, um so auffallender weil es im nord. und engl. besonders reich entwickelt ist (
s. II, 2).
kein alts. gata,
kein mnd. gate
bisher verzeichnet, nur im ältern nl. in schwachen spuren gatte, gat, gaet,
s. im nl. wb. III, 1, 306.
aber die hochd. form ist hie und da eingedrungen. I@2@aa)
selbst im nl. erscheint neben dem gewöhnlichen straat
auch gas,
plur. gassen,
demin. gasje,
früher auch bei schriftstellern, dichtern, schon mnl. auch gasse, gas;
jetzt besonders noch in Geldern, demin. gesken, gaske Schuermans 139
a.
die vermittelung geschah durch das nrh., wo es früh schon bestand, z. b. in Aachen im 14.
jh. neben dem vorherschenden straisze, strasze
auch drei gassen,
wie des Kalen gasse,
eine platea Mutzersgasse,
s. Laurent
stadtrechn. 421; gasse, steege,
vicus, viculus, van gasse to gasse
vicatim Teuth. 100
b (straite
platea 262
a);
vicus, straete, gasse.
Cölner gemma 1511 Z 6
d, gasz Harf 176, 9. I@2@bb)
auch ins nd. ist oder war es eingedrungen (
s. II, 2,
e, β):
vicus, gasse, strate, wech. Dief.
nov. gl. 381
b;
strata, strate, gasse. 350
a; ick wil min har laten flegen, den leidigen kramern to sehen, de up der gassen gan. Uhland
volksl. 243. I@2@cc)
in nnd. wbb. aber find ich nur gatze, im Göttingischen Schamb. 60
a,
auch in Braunschweig, doch mit eingeschränktem gebrauch und verengtem begriffe (
s. II, 2,
e, β);
auch Frisch 1, 322
c gibt an, '
einige Niderteutsche'
sprächen gazze
aus, und schon im 15. 16.
jahrh.: vicus, gatze. Dief. 381
b aus dems. voc., das strata gasse
hat; do sloch men de trummen in allen gatzen, so gar in allen straten. Liliencron 3, 608
b; den büssen makde men gatzen. 2, 552
c,
vgl. II, 5,
b, γ.
auch fläm. gats
neben gas Schuermans 139
a.
ebenso tritt hd. -s
gleich mhd. -ʒ
entlehnt im nd. nrh. als -z
auf in kreiz,
nl. kreits,
s. V, 2144.
vgl. übrigens gatz
unter III, 1,
a am ende. I@33)
selbständig dagegen im nordischen, in der form genau zum hd. stimmend (
auch schwachformig),
doch mit weiterem begriffe (
s. III, 2):
altn. altschw. gata
f., noch isl. norw. schwed. gata,
dän. gade.
Englisch in der form stimmend, im begriffe aber noch weiter: gate, yate,
thor, weg, altengl. gate Stratm. 234,
schott. gate, gait. I@44)
auch goth. einmal bezeugt, aber in auffallender gestaltung, gatvô
schw. f. (
vergl. III, 3): usgagg sprautô in gatvôns jah staigôs baurgs,
ἔξελθε ταχέως εἰς τὰς πλατείας καὶ ῥύμας τῆς πόλεως Luc. 14, 21, in plateas et vicos
vulg., auf die
straszen und gaszen der stad Luther (
bei Beheim umgekehrt gaʒʒin und strâʒin),
gassen und gäszchen, gatvô
deutlich unser gasse,
wie der staiga
entsprechend noch im 15.
jh. vicus geszchin
vel steig Dief. 618
b,
im Teuth. 100
b steege
viculus (
s. 2,
a),
nnl. steeg
f. enges gäszchen. I@55)
auswärtig sind entlehnungen, von Diefenbach
goth. wb. 2, 394
gesammelt, aus dem hd. litt. gásas
m., sloven. gása
f., niederwend. gassa,
oberwend. hassa,
churwelsch gassa,
aus dem schwed. lapp. gato,
finn. katu (katu-puoti
taberna, schwed. gatubod,
gassenbude).
aber merkw. lettisch gatwa
f., weg zwischen zwei zäunen, durchgang, allee, auch fahrwasser, in der ersten bed. auch gate,
s. Ulmann 1, 72
b;
in gatwa
sieht Diefenbach '
die älteste deutsche form erhalten', Ulmann
vergleicht litt. gátwe
viehtrift. IIII.
Bedeutung und gebrauch. II@11) gasse
in städten, orten, dörfern, in neuerer zeit von strasze
immer mehr bedrängt, verdrängt (
vgl. 2). II@1@aa) gaʒʒe, gasse
ist im hd. das alte wort, das da von haus aus den platz hatte: die gaʒʒen wâren spils vol, als eʒ ze hôchzîten (
festtagen) sol.
Erec 248; ze Wienen, dô ich zuo in reit, die gaʒʒen wâren alle vol von vrowen ... Lichtenstein 251, 27
u. ö.; ein îklich man, der hûs und hôf hât, der .. mac bûwen vîrdehalben vûʒ über die gaʒʒe.
Freiberger stadtr. Schott 3, 161; drütusent liefen hinden nach, hin und her von gasz ze gasz. Liliencron 1, 180
a,
in Würzburg bei einem aufruhr ende 14.
jahrh.; (
die ernde war so reich) das men .. dröschete in den kirchen und hüsern und in den gassen.
Straszb. chron. 685, 24; das hinfür alle die, die do pawen .. ir ertrich, steinhewig .. über zwei monad an der gassen nit ligen laszen.
Nürnb. poliz. 279; sollen der rat und unser borgere zu Erfort wasser (
aus der Gera) in die gassen zu leiten nach der stat nottorft macht haben.
rechtsd. aus Thür. 131; es sal auch .. kein kolgertener .. die do uf dem markte phlegen veile zuhaben krut .. kein stro adir haw mit sich brengen, (
sich) daruf zu setzen, davon der markt adir gassen bestroet adir bemist würden.
Leipz. urk. 1, 175,
v. j. 1445,
mit 'markt oder gassen'
ist alles umfaszt was in frage kommen kann; die von Regenspurg .. verschlossen alle gassen mit den ketten. Avent. 502
b; in disem biechly wirt .. anzeigt ... wie vil gassen, collegia und kilchen in der .. statt Paris sind.
Basel 1536 (Zarnckes
Brant s. cxvii
a); er erhaltet sie (
der papst die juden) in seiner statt Rom, und gönnt ihnen ein oder zwo der besten gassen die da seind. Fischart
bien. 1588 188
a,
übersetzt aus nl. straten Marnix 178
b; die häuser sind geschlossen, die gassen sonder volk. A. Gryphius 1, 225; was noth dasz man die stadt durch disz gekreisch erschrecke ... und gassen rege mach? 1, 229; weil ich nunmehr ganz verlassen pflaster tret' auf allen gassen. 2, 69; wehe, wenn sie losgelassen ... durch die volkbelebten gassen wälzt den ungeheuren brand. Schiller 78
b; reinliche gassen breiten sich aus ... 83
a,
Pompeji und Herculanum; die stadt voll prächtiger gassen. Voss
Il. 2, 329; mich dem münster (
in Straszburg) zu nähern, welcher .. mir schon lange .. im auge geblieben war (
bei der ersten ankunft im j. 1770). als ich nun erst durch die schmale gasse diesen koloss gewahrte. Göthe 25, 225; gasz aus gasz ein kam er endlich (
in Amsterdam) an den meerbusen, der da heiszt het Ey, oder auf deutsch das ypsilon. Hebel
schatzk. 155; giengen nach den vier sich kreuzenden gassen (
in Köln). Kinkel
erzähl. 170. II@1@bb)
auch dorfgasse, schon mhd. u. I, 1,
b; er (
der hauptmann) besach das dorf .. wo er die weitesten gaszen fünt, da den veinden (
die das dorf besetzt hatten) am basten abzugewinnen .. wer .. er macht sein ordnung und trat in ainer engen gaszen, da nit mehr dan sechs man neben einander gehn mochten, gegen den veinden.
Wilw. v. Schaumb. 113; dasz alle gassen zu Wellhausen, die den ausz dem dorf gahnd, also weit sollen sein, dasz sich ein (
d. h. der) keller darin mit einem geleiterten wagen wol bekehren mag.
weisth. 1, 256; gieng dann die gassen des dorfes hinunter nach dem schultheiszenhause. Kinkel
erz. 252 (straszen 245). II@1@cc)
unterschieden wird II@1@c@aα)
im allgemeinen weite
und enge gasse (
s. unter b aus Wilw.),
während jetzt an gasse
von selbst der begriff des engen hängt, aber keineswegs ursprünglich (
vgl. mhd. wîte gaʒʒe 5,
a); grosze weite gasze,
platea consularis, militaris Stieler 636,
wofür heute nur strasze
möglich wäre. die gassen und gäszlein einer stadt,
the streets, lanes and alleys Ludwig 693,
ebenso alle umfassend; er gibt auch z. b. die breite gasse
als gassennamen, the broad street, aber auch 'eine gasse da man zum andern end nicht auskommen kan, ein sack',
auch sackgasse
oder strumpfgasse, blinde gasse (
vergl. kehrwieder,
derber 'hundsfutt kehr um!'
in Augsb. Birl. 181
b,
in Aschaffenburg hollagäszchen Schm.
2 1, 945,
das einem holla
zuruft),
worin der genaue begriff eigentlich aufgehoben ist. auch ganz schmale durchgänge zwischen häusern, z. b. die brandgasse (
s. d.),
für feuersgefahr. s. auch gäszchen,
gäszlein. II@1@c@bβ)
nach bedeutung, lage, form u. ä. hauptgasse, nebengasse, seitengasse, hintergasse, ober-
und untergasse, mittelgasse, kreuzgasse, quergasse (
mhd. twerchgasse)
u. a., sehr verschieden nach örtlichem herkommen; die würtemb. bauordnung Stuttg. 1654
spricht z. b. von engen zwerch- und nebengassen
s. 49, dieweil die creuz- und abgassen in unsern städten gemeiniglich so eng 43,
entgegengesetzt den gemeinen creuz- oder täglichen wandelgassen 42, freien offnen wandelgassen 48,
d. h. allmeindstraszen und gassen darin man streng und täglich wandlet und gehet 26, allmeindgassen und strenge (
frequente) wandelstraszen 66. II@1@c@gγ)
nach richtung, ziel, nachbarschaft, zweck, inhalt u. ähnl. berggasse, thalgasse, kirchgasse (domgasse, münstergasse), schulgasse, schloszgasse, burggasse,
wallgasse, spital-
oder spittelgasse, marktgasse, brückengasse, feldgasse, waldgasse, mühlgasse, papiermühlengasse, windmühlengasse,
die nach den windmühlen vor der stadt führt, galgengasse (
s. u.galgenthor),
in der richtung nach dem galgenberge zu, auch armesündergasse (
Germ. 16, 279), ziegelgasse
nach der ziegelei zu, holzgasse
nach dem holzhofe zu o. ä. (
mhd. holzgaʒʒe); krautgasse,
z. b. in Erfurt, worin der krautmarkt ist o. ä., kohlgasse (
Straszburg), weingasse, borngasse, rittergasse; salzgasse
worin das städtische salzhaus steht oder stand, klostergasse, münzgasse,
worin ein kloster, die münze sich befinden oder befanden, frohngasse
mit dem alten frohnhause, rosengasse, liliengasse, paradisgasse, brandgasse (
worin ein brand gewesen),
natürlich meist auch mit -gäszchen. II@1@c@dδ)
bemerkenswert in den alten städten die gassen
nach den gewerben unterschieden, z. b. schon mhd. (Kehrein
samml. 69)
in rhein. städten mezzelergaʒʒe, îchergaʒʒe, henfergaʒʒe, spurergaʒʒe,
in Straszburg bei Closener 95, 2 sporergasse,
wie noch z. b. in Dresden (sporergäszchen
Leipzig), münzergasse,
schon im j. 776
in Mainz munzergaʒʒa.
im spätern mittelalter z. b. in Nürnberg eine schustergasse Baader
poliz. 180, scherergasse, platnergasse 181, pintergasse (
d. i. böttchergasse, s. u. kleinbinder,
vergl.kufband), messingslagergasse, beckslahergasse, spieglergasse 182, irchergasse 157 (
weiszgerbergasse), smidgasse 181, ledergasse 157,
eigentlich lederergasse.
besonders häufig, bis in die gegenwart, krämergasse, badergasse, färbergasse, fleischer-
oder metzgergasse, gerbergasse, pergamentergasse, fischergasse, schlossergasse, töpfergasse, webergasse,
s. die reichen sammlungen von E. Förstemann
Germ. 14, 1
ff., 15, 261
ff., 16, 265
ff., zur bedeutung der benennung s. 4,
a, β.
übrigens auch kurz schuhgasse, braugasse, malzgasse, spiegelgasse (
Straszb), kupfergäszchen (
Leipzig, für die kupferschmiede)
u. a. auch die judengassen
hierher. II@1@c@eε)
die unterscheidung geschieht aber auch ganz einfach z. b. durch neue gasse,
auch neugasse (neüwgasz
Straszb. 16.
jh.), alte gasse, kurze
oder lange gasse, halbe gasse, krumme gasse, breite
oder weite (
z. b. Augsburg)
und schmale gasse, weisze
und grüne gasse (Ludwig 693),
die letztere zwischen gärten, vergl. 4,
d. die kirchgassen
heiszen auch genauer z. b. frauengasse (
zur frauenkirche), heilige geistgasse
oder kurz geistgasse, Johannisgasse, St. Georgengasse
u. a., die klostergassen auch genauer barfüszergasse, predigergasse, brüdergasse
u. a., auch pfaffengasse,
was denn immer mehr in die örtlichen eigennamen übergeht, wie im Rheinlande die Rheingassen,
an der Saale, Elbe die Saalgassen, Elbgassen
u. s. w. II@22)
gasse und strasze im verhältnis sind aber genauer zu betrachten, wie das deutsche und das römische wort sich zu einander stellen, dem begriffe wie der verbreitung nach. II@2@aa)
beide erscheinen zwar gleich anfangs auch als wesentlich gleichgeltend, beide der stadt angehörig, denn schon ahd. wird sowol gaʒʒa
als strâʒa
mit platea glossiert (
nur das erste öfter mit vicus, das zweite nie);
mhd. und nhd. z. b.: seht dâ gehôrte er und vernam in gaʒʒen und in strâʒen von klage al solch gelâʒen ...
Trist. 152, 27 (6025),
das in
allein zeigt, dasz auch mit strâʒen
städtische, nicht landstraszen gemeint sind; die zusammenstellung hatte lange die geltung einer zusammenfassenden formel, überdiesz mit halbem reim, z. b.: zwen hoef, da haben die vogtherrn nichst zu gepieten, wan sich die hoifleude uf iren hoefen halden. aber wan sie sich misbrauchen (
sich vergehn) zu gaszen und straszen, sollen sie abtragen ...
weisth. 2, 524; ich wil aufstehen und in der stad umbgehen auf den gaszen und straszen. Luther
hoh. lied 3, 2,
vulg. per vicos et plateas,
vergl. unter I, 4 straszen und gaszen, plateas et vicos;
aus einer auflösung der formel stammt denn folgendes: der reiter auf die gaszen trat, er trat wol auf die straszen. Uhland
volksl. 247.
Auch wbb. bringen sie ohne unterschied: plat
ειa, ein gasz oder breite strasz in den stetten. Dasypod. 185
d; gassen, straasz,
via, platea, vicus. Maaler 157
c; ein grosze gasz oder straasz,
platea. ders., Junius 278
a;
platea, eine gasz oder strasz. Kirsch 1, 837
a; gemeine strasz oder gasse, da immer leuthe gehen,
via regia, publica, praetoria, militaris. 2, 129
b; ein jeder, der ein keller under der erden an gemeine straszen oder gassen .. bawen will, der mag kellershäls .. gegen der straszen oder gassen .. machen.
würtemb. bauordn. 1654
s. 55,
der ausdruck nimmt nach art der rechtssprache der sicherheit halber beides zusammen. II@2@bb)
dabei wird doch auch schon früh ein unterschied gemacht, wie er noch jetzt in geltung ist, strasze
als die breitere, gröszere, gasse
als die engere, kleinere: vicus gassa,
platea strasz. Wackernagel
voc. opt. 15
b;
platea, ein strasze
in urbibus. vicus ein gasse. Trochus J 4
a;
nrh. in der Cölner gemma 1511
zwar vicus straete, gasse Z 6
d,
aber nur platea strate off plaen Q 5
b.
Daher wol auch früher schon strasze
als der feierlichere ausdruck, z. b. in dem rechtlichen zu strasze gehn, zu kirchen und straszen gehn (
vgl. 3,
c): sie hat mit uns zu strosze gegangen in der stad, zu wegin und zu kirchen.
Magd. fragen s. 229 (zu wegin unde stegen 105); zur gerade (
gehören) .. des weibes kleider .. darinnen sie uf einen sonntag .. zur kirchen und straszen gegangen. Schott
land- u. stadtr. 2, 169,
aus Querfurt vom j. 1662,
während das. 167
nur von häusern und gaszen
der stadt die rede ist; doch kann sich das zugleich aus dem folg. erklären, in einem tanzleiche des Tanhausers: diu schar wirt aber michel, komen wir zesamne in der gaʒʒe von den strâʒen.
MSH. 2, 82
a,
nachher gleichbed. ûf den anger
und bî der linden,
vgl. 4,
c. II@2@cc)
aber auch dieselbe gasse
wird zugleich als strasze
bezeichnet, in verschiedener auffassung, schon mhd. und heute noch. II@2@c@aα)
mhd. z. b.: in der gaʒʒen bergeshalben, dâ man in den zwein vrîen jârmärkten aller leie gewant .. veile hât, daʒ (
da) nieman sîn vordreʒ tor her ûʒ in die strâʒen über die nuosche (
rinne) .. mit gewant .. verschrenken noch vermachen sol.
stadtrecht von Meran § 19, Haupt 6, 428,
niemand soll sein vordres hausthor, das straszenthor, mit waare verstellen über die rinne, gosse in die strâʒe
hinaus, also gaʒʒe
die strasze samt den häusern (
vgl. 4,
a), strâʒe
der gemeine verkehrsweg in der gasse, zu dem im genauen sinne auch der theil der gasse nicht gehört der noch innerhalb des trupfstals (
das. s. 429)
oder '
unter der dachtraufe'
und eigenthum der einzelnen hausbesitzer ist, s. aus dem Freib. stadtr. unter δ und RA. 549.
ebenso im folgenden: eʒ schol auch nieman kain haut schinten an der strâʒe, âne an (
auf) der ledergassen oder an der irchergasse.
Nürnb. poliz. 157 (14.
jh.),
d. h. wo die gerber wohnen. II@2@c@bβ)
nhd.: an der Zigelgassen was über die strosz doselbst ein umbgeender (
drehbarer) schranken gemacht. Tucher
Nürnb. baum. 212, 9,
im berichte über die von ihm gebaute lantwer umb die statt; die gassen und strosz hinter Albrecht Kressen garten hinab gegen dem Judenpühel zu, die was auch verschrankt. 214, 16; auf der strosz gen dem Schoppershofe was an der gassen auf dem eck .. ein huotheuslein, darinnen auch stetigs schutzen waren, und hetten ein umbgeenden gatter über die strosz. 214, 20,
das wachthäuschen zur hut der strasze ist an der
gassen angebracht, d. h. an den häusern, an einer ecke; so selbst ein gäszlein
mit strasze: so was in dem klein
geszlein, das gen der klein Reut geet, ein umbgeender gatter über die
strosz. 214, 7. II@2@c@gγ)
ebenso in dörfern, die bestimmung über die weite der gassen in Wellhausen im Thurgau unter 1,
b fährt dann fort: und sol ein keller eins geleiterten wagen wisbaum nemmen auf ein ros und sol das ros in mitten in der
strasz fuoren und den wisbaum mitten auf dem ros han und sol also durch das dorf faren all
gassen ausz, und was der wagenwisbaum erregen mag, das mag man abhauen mit recht.
weisth. 1, 256. II@2@c@dδ)
daher begreift sich dasz in manchen fällen beide wörter stehn können, z. b.: ein îklich man, der hûs und hof hât, der hât gewalt und vride alsô verre alse sîne troufe vellet, daʒ dâ nîmant gestên noch gevarn mac wider sînen willen, und der mist (
der vom verkehr bleibt) der ist sîn vor sîme hûse .. biʒ mittene in die
gaʒʒe. Freiberger stadtr., Schott 3, 163; schweinmist soll .. nicht uf die gaszen geschüttet .. werden. dergl. soll ein ieglicher bürger .. seinen mist auf der gasze vor den thoren (
thorfahrten) wegfüren laszen.
stadtordn. von Budissin das. 2, 43.
dagegen: eʒ sol nieman .. keinen harn noch hûspâht (
s.bocht,
koth) .. in die
strâʒe niht werfen.
Meraner stadtr. 12, Haupt 6, 424; swer mist treit an die strâʒe ..
Nürnb. poliz. 276; holz verbeut man auch .. ze legenne gegen der strâʒe. 277; dem (
höker) sol der burggrâfe wol erlauben, daʒ er in (
den häring) verkaufe ûf der strâʒe bî dem phenewärde,
d. h. im einzelnen, nachher einzähtin an der strâʒe oder in hûsern.
Augsb. stadtb. s. 201.
da ist strâʒe
der genauere ausdruck, weil es sich um den verkehrsweg, die gemeine strasze
handelt und im strengsten sinne der bereich der dachtraufe ausgeschlossen war oder ausgedingt werden konnte; aber gasse
umfaszt nach der stelle aus Freiberg doch auch die strasze mit, wie denn auch von der gemeinen gasse (3,
a)
die rede ist. II@2@dd)
das führt aber auf den genaueren ursprünglichen begriff von strasze,
mit dem es sich dann von gasse
durchaus trennt: strasze die durchs land geht, und sich auch in und durch städte fortsetzt. so erklärt Brack vicus
mit gasz, platea
aber als ein grosze gasz do die landstrasz geet Dief. 441
a (
Lpz. 1491 21
b).
und noch im 17.
jh.: in unsern fürnehmen städten, da landstraszen durchgehen.
würt. bauordn. 44; denen städten, die an der straszen ligen. 71.
daher auch kurz gasse
und strasze
beisammen als stadtgasse und landstrasze, z. b.: sie hingegen (
die juden) halten über der heiligung des sabbaths sehr strenge und ernstlich .. dasz man den ganzen tag über nicht leicht einen juden auf der gassen, vielweniger auf der straszen siehet. Gerber
unerk. sünden 1386. 'die strasze'
im dorfe: (
gesetzt) in dem dorfe schege ungerichte binnen des dorfes zunen in der strosze vor dem kruge .. adir (
überhaupt) in dem wege binnen des dorfes grenize ..
Magdeb. fragen s. 52,
die landstrasze, an der auch der krug steht; mhd. des dorfes strâʒe Neidhart 62, 31. 10. II@2@ee)
aber die geltung der beiden worte ist nicht überall gleich, sie zeigen eine merkwürdig verschiedene vertheilung über die deutschen, germanischen lande hin. II@2@e@aα)
im hd. gebiete ist von haus aus gasse
heimisch (
vgl. 1),
im niederd. strâte;
erst in ziemlich neuer zeit dringt auch dort strasze
vor, ungefähr seit dem allgemeiner werdenden öffnen der städte durch das abbrechen der mauern und thore. der erste anlasz dazu wird nach dem vorigen der gewesen sein, den auch Schmeller 3, 689
angibt (
im j. 1836): »
während in städten die zwischen ältern häuserreihen liegenden räume, sie mögen schmal oder breit, kurz oder lang sein, vom volk ausschlieszlich gaszen
genannt werden, läszt es den erst seit menschengedenken mit häusern besetzten ehmals eigentlich bloszen straszen
die letztere benennung.«
neu angelegte gassen
wird es seit der eisenbahnzeit kaum geben, eine bahnhofsgasse,
eine Göthe-
oder Schillergasse
sind undenkbar (
doch z. b. in Siebenbürgen);
aber auch die alten gassen
müssen sich immer mehr umtaufen lassen und werden zu straszen
erhöht, nur die gäszchen
bleiben vor der hand von dieser titelerhöhung verschont (
vgl.straszen und gäszchen schon Göthe 41, 255)
und diejenigen gassen welche gar zu wenig den heutigen ansprüchen an eine strasze
entsprechen, sodasz für gasse
nur der begriff des engen, geringen, winklichten u. ähnl. übrig bleibt. Aber noch weiter geht die bedrängung des alten wortes von den gröszeren städten aus; eine eben erschienene straszenpolizeiliche verordnung des Leipziger rathes z. b. spricht nur noch von öffentlichen wegen, straszen und plätzen,
trotzdem dasz es hier noch eine Johannisgasse (
volksmäszig bettelgasse,
schon im 14.
jh., mitth. d. d. ges. 1, 118), Ulrichsgasse, Fleischergasse, Klostergasse, Schulgasse, Rosenthalgasse
gibt: d. h. gasse
ist als lebendiges wort für sich von amtswegen beseitigt, fristet nur einzeln als alterthum sein absterbendes leben, während früher gassen
das zusammenfassende wort war, das selbst die plätze umfassen konnte (4,
c),
s. z. b. unter 1,
a markt oder gassen
aus einer straszenpolizeilichen anordnung des Leipziger rathes vom j. 1445.
doch hiesz es schon um 1630 die Nickolstrasze, Peterstrasze, Ritterstrasze, Reichsstrasze (Heydenreich
Leipz. cron. 29. 53),
die hauptstrasze aber die Grimmische gasse (
s. 346. 373),
wie noch vor nicht langer zeit; die Katharinenstrasze
aber erscheint schon im 15.
jh. als Katterstrasze (
mitth. d. d. ges. 1, 124),
und die Reichsstrasze
geht bis in die älteste zeit zurück als strata quae ad imperium pertinet,
dazu schon im 14.
jh. eine twerstrâʒe (Posern-Klett
Leipziger urk. 1, xxvi);
jenes ist das mhd. des rîches strâʒe,
s. darüber unter königsstrasze,
auch in Braunschweig noch eine Reichsstrasze
und Kaiserstrasze
aus alter zeit (
Braunschw. chron. 1, xiv),
d. h. eigentlich straszen
im ursprünglichen sinne. der plan von Straszburg vom j. 1577,
nach Specklins
modell von jenem jahre (
städtechron. bd. 9),
zeigt unter allen gassen
nur 4
oder 5 straszen,
davon eigentlich nur eine in der alten inneren stadt, die Oberstrasz,
als durchschneidende hauptstrasze erscheinend (
als wäre nach ihr die stadt benannt),
drei andere in der vorstadt, wie die Steinstrasz,
in der bedeutung wie anderwärts steinweg,
z. b. in Leipzig (
im 15.
jh. mitth. d. deutsch. ges. 1, 119. 124),
Frankfurt a. M., Braunschweig, schon alts. stênweg,
in Speier im 12.
jahrh. platea lapidea (Mones
zeitschr. 19, 131),
eine rhein. steinstrâʒa
im j. 1006, '
die röm. strasze von Bingen nach Trier' Förstem. 2, 1304;
vermutlich sind alle alten städtischen straszen
ursprünglich solche steinstraszen, viae lapide (silice, saxis) stratae
altrömisch zu reden, obwol nachher auch gepflasterte gassen,
strata viarum Stieler 636,
platea Kirsch 2, 129
b (
vgl. mehr u. gassenbesetze);
schwed. ist gata
sogar auch das pflaster selbst, gatsten
pflasterstein. dagegen in Aachen erscheinen schon im 14.
jahrh. weit mehr straiszen
als gassen,
s. Laurent
stadtrechn. 420
fg. (
ein steinwech 358),
wie in Wien im 13. 14.
jahrh. noch weit mehr strâʒʒen
als gaʒʒen,
s. font. rer. austr. II. 18, 580
b fg., was auf älteren und tiefer gehenden einflusz aus der römischen zeit deutet. Bemerkenswert ist noch, wie strasze
und gasse
auch tauschen, z. b. die heutige Leipziger Burgstrasze (
dicht bei einer Schloszgasse)
heiszt schon im j. 1455
so, aber auch Burcgasse 1428 (
cod. dipl. Lips. 1, 251. 106),
vgl. dazu 2,
c; auffallend gibt der Leipziger voc. opt. 1501
für platea
wie für vicus
blosz strasz.
die ursprüngliche vertheilung beider genauer zu bestimmen wäre aber wertvoll für die geschichte der römischen und der heimischen cultur; am fraglichsten ist dabei das herschen des röm. wortes in dem nd., also dem röm. einflusse entrücktesten gebiete. II@2@e@bβ)
denn nd. z. b. im 15. 16.
jahrh. nur strate,
für enge wie weite gassen: contracta, hd. gasse,
nd. aber ein cleine strate. Dief. 147
b;
plateae wyde straten,
angiportus ein klen enge strate. Chytraeus 58,
cap. 12,
wie nl. bei Junius 278
a:
platea, alem. grosze gassen oder straasz,
belg. een wijde, breede strate,
angiportus al. ein klein enges geszlin,
belg. een enge strate oft ganck.
in Braunschweig z. b. finden sich im 14. 15.
jahrh. nur straten,
z. b. joddenstrate (
hd. judengasse)
städtechron. 6, 170, kostrate (
kuhgasse) 171
anmerk. 2, lange strate, guldenstrate, echterenstrate
u. a. 165;
ebenso in Göttingen, s. urk. des hist. vereins f. Nieders. 6, 469
a. 7, 485
b. 419;
auf dem plane von Magdeburg aus dem 17.
jh. zum 7.
bande der städtechron. nur straszen,
im 15.
jh. z. b. up der Hertzstraten 377, 31,
im 17.
jh. Hartstrasze.
noch jetzt gibt es in nd. städten nur strât, strasze,
wie ich z. b. aus Meklenburg, Holstein, Hamburg, Oldenburg berichtet bin, auch vom kleinsten gäszchen wenn das nicht einen besondern namen hat, wie gang (
s. Junius
vorhin und sp. 1226), twiete.
Ausnahmen allerdings fehlen nicht, s. das entlehnte gasse
neben strate I, 2,
b, das doch wieder beseitigt ist, während gatze (I, 2,
c)
in der bed. ganz verengt erscheint, wie ein verächtlich behandelter eindringling: '
der schmale durchgang, der aus einer strasze in die andere führt oder zwischen gärten hinläuft' Schamb. 60
a,
fläm. gats, gas,
smal en onrein straatje, smalle gang tuschen twee gebouwen Schuerm. 139
a (
vergl.mehr gang als gäszchen Göthe
sp. 1225
unten),
vgl. ostfries. 'n gatt van'n strâte,
enge schlechte strasze Stürenburg 66
b,
zu gatt
loch (
s. III, 1).
Im osten dagegen reicht mit der mitteldeutschen sprachfärbung dort auch gasse
in einer schrägen linie von der Saale aus nordwärts bis an die see, in Königsberg heiszen oder hieszen langgasse
sogar '
die drey hauptstraszen weil sie sich durch ihre länge unterscheiden' Hennig
preusz. wb. 80 (langgassenträger,
eckensteher 142),
in Danzig herscht gasse
vor, s. Förstemanns
verz. Germ. 14, 3
ff., auch in Berlin sind noch gassen
genug. wenn auch auf ursprünglich rein nd. boden doch gassen
vorkommen, mag das eine spätere umtaufung aus der hd. zeit sein, wie bei der Kesselbeiszergasse
in Magdeburg, früher Ketelböterstrasze
Germ. 14, 10 (
s.kesselbüszer);
vgl. gassenwärts. II@2@e@gγ)
auch bei den Germanen über see beide worte. in England herscht jetzt zwar street,
aber völlig nur im süden, schon in York z. b. ist eigentlich gate
der straszenname, z. b. the Stonegate, Peter-gate
die Steingasse, Petergasse (
vgl.gate-door,
thür nach der strasze Halliwell 393
b),
ebenso in Schottland z. b. in Aberdeen the Castle-gate, the Braid-gate, the Overkirk-gate,
und Netherkirk - gate, Gallow - gate,
Schloszgasse, Breitegasse, Galgengasse, s. Jamieson 1, 451
a,
suppl. 1, 456
b,
freilich mit der klage dasz man sie nun englisch übersetze in Broad-street
u. s. w. In Scandinavien dagegen behauptet umgekehrt das germ. wort den ersten platz, das römische hat den geringeren (
wie umgekehrt gatze
auf nd. gebiete unter β),
schwed. norw. gata,
dän. gade,
gasse, strasze, dagegen schwed. dial., norw. sträte
n., dän. sträde,
enge kleine gasse, gäszchen (
altn. stræti
n., ags. stræt
f.);
in Kopenhagen ist z. b. Nörrebrogade
eine der längsten hauptstraszen, zu der als nebengäszchen, selbst sackgäszchen Nörrebrosträde
gehört. II@33)
weiteres über gasse selbst. II@3@aa)
die gasse
gilt als dem '
gemeinen'
verkehr und gebrauch gehörig, keines eigenthum (
mit der ausnahme 2,
c, δ),
als '
publicum',
daher 'über die gasse,
per publicum' Kirsch 2, 129
b,
z. b. wein über die gasse holen lassen Ludwig 693, einem nicht über die gasse trauen,
wie sonst nicht über den weg.
Dabei sind straszen, plätze, selbst der markt oft eingeschlossen: auf der gasse spielen,
von kindern; du pflegst um diese zeit die gasse nicht zu lieben (
dich auszer dem hause sehn zu lassen). Hagedorn 1, 56.
auch die
gemeine gasse,
z. b.: nachdem .. vil lewte .. ir horb, ertrich, kerich und anders zu mist nit dienende (
vgl. unter 2,
c, δ) .. vor iren hewsern an der gemeinen gassen nider schüten ..
Nürnb. pol. 279,
vgl.auf die gemein schüten 280;
ebenso die gemeine strasz
würt. bauordn. 25,
vergl. 2,
a am ende. auch die
freie gasse,
rechtlich, wie freie strasze (
sp. 96): ein hunt lyf mich odir mein vy an uf der freien gassin.
blume von Magd. s. 68; auf freier gassen,
in the open streets. Ludwig 693.
daher einem die gasse zu eng machen,
wie einem weg und steg eng machen (
s. unter eng 3),
ihn verfolgen, auch da '
ins enge treiben'
wo alle freien weg haben; der wolf z. b. klagt über den fuchs: er macht mir alle gassen zeng. Waldis
Es. IV, 94, 44; die wîten gaʒʒen wurden mir vil enge.
Neidhart 169, 62. II@3@bb)
daher auf der gasse
gleich vor den leuten,
öffentlich, in publico, auf öffentlicher gasse Adelung: wölle sie (
die päpstin) selig werden .. so müsse sie zur busz offentlich auf der gassen on ein hebamme kindern. G. Scherer (
s. u. kindern 1);
von der fasnachtsmummerei heiszt es: was ie verwurfen unser eltern, zurissen, faul ist und verlegen, musz als herfür und sich erst regen und auf der gassen laszen schauen.
fastn. 383, 4; wan mir die faulkeit gar wol dut, so ich ge auf der gassen glunkern und mich selb schatz für einen junkern. 792, 18; stolz auf der gasse, kein heller in der tasche. Simrock
spr. 3030; schön auf der gassen, wenig in der taschen. Henisch 1364, 32. II@3@cc)
formelhaft zu gassen und straszen,
s. unter 2,
a, auch vervollständigt zu kirchen und gassen
u. ä., wie zu kirchen und straszen,
weil in der kirche die gemeinde am völligsten versammelt ist (
s. kirche II, 1,
e): wir sehen ze gaʒʒen unt ze chirchen umbe die armen tagewurchen (
taglöhnerinnen) ...
erinnerung 319; diu müet uns ze kirchen und ze gaʒʒen. Neidhart 38, 5; darf mich leider nicht auf der gassen noch in der kirche mit sehen lassen. Göthe 12, 149. II@3@dd)
dagegen mehr heimlich als öffentlich auf die gassen gehn
von jungen burschen, bei nacht, einen besuch beim mädchen machen Schm. 2, 72,
s. mehr unter gässeln.
von mädchen aber im schlimmen sinne, auf der gassen gan (
wie ein verkäufer),
sich selbst verkaufen Ambr. lb. 70, 52,
s. V, 191;
vgl.gassenhure,
gassenfahrerin.
von jungen männern gleichfalls nächtliches auf der gassen gehn
gleich gassatim gehn,
s. unter gassentreter,
vgl. gassengehen. II@3@ee)
vom leben auf der gasse, volksleben, öffentlichen leben. von etwas, das stadtbekannt ist, heiszt es: das wissen (
sogar) die kinder auf den gassen,
any body knowes that. Ludwig 693,
vgl. von den gänsen sp. 1260; die kinder auf der gassen wusten, das eitel betrug in klöstern war. Mathesius
Luther 106
b; die kinder es an gassen sagen. Murner
schelm. 11
a. die weisheit auf der gasse,
von den sprichwörtern des volkes, jetzt selber sprichwörtlich (Körte
sprichw. s. xviii),
wol erst nach dem buche von Joh. Mich. Sailer die weisheit auf der gasse, oder sinn und geist deutscher sprichwörter
Augsb. 1810.
im gegensatz zum 'salon': gehet hin und prediget auf allen gassen, steht geschrieben. Auerbach
n. leben 2, 113. II@3@ff)
aber auch geringschätzig, auf der gasse auf lesen,
ex trivio arripere Steinbach 1, 560, Denzler, auf der gasse gefunden, aufgelesen
u. ä., von alltäglichem oder gemeinem, von der gasse geholt,
das erste beste, z. b.: o, sagte Uli, es machte mir wenigstens zehn thaler unterschied, und .. zehn thaler findet man nicht auf der gasse. Gotthelf 3, 247.
auch von menschen: damit die doch inne würden, wie man nicht ab der gasse sei und nichts d'r gotteswille begehre. 13, 166.
nd. vielmehr mit strât,
in der Altmark 'k bin ôk nich upp de straot funn,
nicht so arm, von schlechter geburt u. ä. Danneil 214
b. II@3@gg) auf
oder in allen gassen,
überall in der stadt oder im dorfe: auf allen gassen,
trivialis, trivialiter. Kirsch 2, 129
b; unkraut wächst allenthalben, das bös ist auf allen gassen feil. Lehman
flor. 1, 117; sonderlich wenn das quartal kam, dasz ifgn. ihm sollten geld geben, brannte es in allen gassen. Schweinichen 2, 70,
war grosze not; es ist nicht gut mit unreiner lust sich schleppen und durch deren getrieb ihm (
sich) ein böses geschrei in allen gassen machen. Scriver
goldpredigten 116 (
vergl. gassengeschrei); solte denn ja unser nechster mit einem feil (
fehler) übereilet sein (
sich übereilt haben), so sollen wir nicht alsbald es .. in allen gassen austragen. 124. Hans in allen gassen, maister Fürwitz,
ardelio, homo inquietus et curiosus, alienis se immiscens negotiis Henisch 1363,
s. mehr IV
2, 459
fg. ähnlich: wer in allen gassen wohnet, der wohnet übel. Henisch 1364, 33. II@3@hh) die gasse kehren,
als pflicht der einzelnen hausbesitzer wenigstens an jedem sonnabend; daher das sprichwort (
vgl. V, 407): ein jeder kehr vor seiner thür, so wirds auf der gassen allenthalben sauber, oder so werden alle gassen rein. Henisch 1364, 27.
als ausdruck tiefster verachtung mit einer die gasse kehren: so solt man dir dein maul drein pern (
in den eignen dreck) und dann die gassen mit dir kern.
klopfan, weim. jahrb. 2, 118. II@44)
aber der begriff bedarf noch genauerer prüfung. II@4@aa) gasse
mit inbegriff der sie bildenden oder einschlieszenden häuser und höfe. II@4@a@aα) so ausgehet der befelh das Jerusalem sol widerumb gebawet werden .. so werden die gassen und mauren wider gebawet werden. Luther
Dan. 9, 25 (
vulg. plateae et muri); gewaltiger unterschied, wenn ein land oder eine gasse zwischen ihnen (
unsern thorheiten) und uns liegt! Thümmel 2, 177; die schmeckenbrätlin, so ein leckerbiszlin über 3 gassen riechen. Frank
spr. 1, 37
a,
vgl.übers dritte haus (etwas hören) II, 1422; ihr rufen allein (
wenn sie allein rufen) wird er nicht drei gassen weit hören. Lessing 1, 342. II@4@a@bβ)
auch mit einschlusz der bewohnerschaft und ihres gesamten lebens: durch zusamenwachsung und vernachbaurung einer ganzen freundschaft wird ein gasz besetzt, ausz vielen gassen ein flecken, ausz eim flecken ein statt, ausz stätten ein land ..
Garg. 65
a (
Sch. 108); das hus ist die erst ordnung der elichkeit und ist vor der gassen,
wie vorher ehliche gemeinschaft
im unterschied von der gemeinschaft der gassen. Birl.
Augsb. wb. 182
a aus d. Münchner cod. germ. 201.
solche sind die gassen in denen die zünfte sich geschlossen ansiedelten, wie ein ort für sich in der stadt (
oft auch mit ketten oder thoren verschlieszbar),
s. die webergassen, gerbergassen, judengassen
u. s. w. 1,
c, δ.
vielleicht auch in der bedeutung stadtviertel, s. gassenhauptmann,
besonders gassenmeister. II@4@a@gγ)
der unterschied von der gewöhnlichen bedeutung drückt sich eigentlich auch aus in dem unterschiede von in
und auf,
auf den Adelung
aufmerksam machte: »in
oder auf der langen gasse wohnen,
d. h. an derselben«; auf (
früher auch an,
z. b. 3,
a)
meint genau die strasze, den weg, in
die häuser, z. b. eine seuche ist ausgebrochen in
der und der gasse,
aber die kinder spielen auf der gasse;
doch gilt bei engen gäszchen auch vom wege in,
nicht auf. II@4@bb)
ob gasse
ursprünglich auch eine solche gasse für sich, also einen ort bezeichnete? so war lat. vicus
auszer gasse, häuserreihe, stadtviertel auch dorf, flecken, ort, und mhd. kommt gaʒʒe
einmal als übers. dieses vicus
vor: diu hôchgezît was in einer gaʒʒon, diu hieʒ Chana. Grieshaber
pred. 2, 16 (
wb. 1, 490
a).
bei Melber
wird viculus
erklärt: dorflin, wylerlin vel gasz die da kein muer hat,
vergl. Dief. 618
b.
in dem Münchner cod. germ. 201
kommt vor: in einer guten gassen oder in einer guten statt. Birl.
Augsb. wb. 182
a,
wenn nicht zu a, β gehörig. man müszte dann freilich gasse
in ortsnamen finden, wie es doch in engl. Ramsgate, Margate,
namen von marktflecken, wirklich vorliegt (
vgl. auch Newgate),
ags. z. b. Corfesgeat
in Dornsœtas, Dorsetshire, auch Corfget,
jetzt Corfe Gate, Dûnget,
jetzt Downgate,
auch Gatatûn, Gatawîc
u. ähnl., und blosz Geat,
jetzt Yate,
s. Kemble
cod. dipl. 6, 274
a. 281
a. 290
b. II@4@cc)
anderseits auch gleich platz im orte, wie ja platz
selber aus platea
hervorgegangen ist, eigentlich eine gasse an einer breiten stelle, die breite stelle einer gasse (
platea, plan, strasz, gasz Dief. 441
a),
vgl. ahd. strâʒa
für forum Tat.; so mhd. beim Tanhauser
unter 2,
b (gaʒʒe
gleich dem anger
des dorfes)
und noch in Luthers
bibelübers., s. Dietz 2, 11
b;
vgl.wallgasse in festungen, der freie platz zwischen wall und stadt. ähnlich noch z. b. in Kärnten gasse
der freie platz vor dem hause, wo gewöhnlich eine bank angebracht ist, auf die gasse gên,
dort zur unterhaltung zusammenkommen, mit der erweiterung dasz auch die zusammenkunft und unterhaltung selber gasse
heiszt (gassen
sich plaudernd unterhalten)
und zu einem auf die gasse gên
sogar überhaupt ihn besuchen (
eigentlich vor dem hause),
s. Lexer 109, Fromm. 2, 346. II@4@dd) gasse
ohne häuser. II@4@d@aα)
z. b. in gärten des alten franz. geschmacks: prinz Roccocco, hast die gassen abgezirkelt fein von bäumen ... Eichendorf
prinz Roccocco (Gruppes
musenalm. 1854).
auf dörfern, vor den städten grüne gasse,
zwischen zäunen, gärten, auch nd. gatze (2,
e, β),
schwed. gata. II@4@d@bβ)
eine solche ist auch die alem. hein gasse,
als viehweg. item die heingassen, da dʒ vihe usz und in gat, die sol man befriden über jar. wer dʒ nit duot, der bessert 2 sch. dn. der burschaft.
weisth. 1, 418,
der weg der vom dorfe zur almende
führt (
s. 420)
zwischen äckern oder wiesen, und dessen einzäunung jährlich in stand zu setzen ist durch die anstöszer, angrenzer, dasz das vieh nicht ausschreite; das hein-
kann vor dem g-
für heim
stehn (
vergl. heimburger
s. 417),
wie in heingarten
spalte 1395
fg., als die gasse die zur heimweide
führt, wie bair. die almende heiszt, heim
als das dorfgebiet, vgl. altfries. hêmeswegan
plur., hêmwei
dorfweg Richthofen 795
b. II@4@d@gγ)
aber auch hagen gasse
kommt alem. vor und scheint dasselbe: 1 fl. 2 sch.
d. denen, so die hagengassen plestern laszen, zuo stewer (
als beitrag aus gemeindemitteln). Mones
zeitschr. 19, 145,
aus Mosbach v. j. 1537;
jener viehweg, wie er anderwärts heiszt (
vgl. den häufigen namen Vieweg, Fiebig),
ist oft auch gepflastert, mit hagen-
mögen die einfassenden zäune gemeint sein, doch ist die form vielleicht eine spätere ausdeutung des älteren heingasse, heimgasse.
sie heiszt auch gasse
schlechtweg, s. z. b. weisth. 1, 360,
und gesselin,
elsäss. 15.
jh.: der meier hat auch ein recht, dasz er .. soll han (
halten kann) vier ochsen, die sollent uszgahn zue dem gesselin in den ban ..
weisth. 4, 155,
d. h. sie haben freie weide, sind aber zur ausfahrt auf denselben weg beschränkt wie das dorfvieh. II@4@ee)
endlich auch ganz unabhängig von ort und wohnung hohle gasse,
hohlweg im felde oder walde: bisz das er kam gän Küsznach in die holen gassen. Etterlin 16
a (
leseb. 3
1, 73); der Tell aber luff .. bisz uf die höhe an der landstrasz zwüschend Art und Küsznach, da ein hole gasz ist .. und wie sie der gemelten holen gassen nachneten .. Tschudi 1, 239
a,
d. h. eine stelle wo die offene landstrasze
in eine gasse
übergeht, eingeschlossen durch felsen wie sonst durch häuser; durch diese hohle gasse musz er kommen. Schiller
Tell 4, 3.
aus der Heanzenmundart bringt Schröer gassen
allgemein als feldweg. Fromm. 6, 181,
ob auch als offener? vgl. III, 2. II@4@ff)
auch gassen
im lager, feldlager, wieder mit verschiedener bezeichnung, s. z. b. brandgasse;
auch eine feuergasse,
mit geschützen zu bestreichen. II@4@gg)
eigen heimliche gasse,
geheimer gang, zugang, in einem klag- und preisliede auf Tilly: mancher kund es nit fassen, wo doch herkäm sein glück: Tilly hat haimbliche gassen, dort her kams oft und dick. Körners
hist. volksl. 319,
geheime gänge, durch die das glück ihn besuchte. II@55)
in übertragener verwendung. II@5@aa)
im kampfleben, eine gaʒʒe
die sich einer durch die feinde haut (
auch eine strâʒe machen
En. 211, 24
nach limitem agere
Aen. 10, 514): sîn swert Schoyûse daʒ er truoc, dâ mit er sölhe gaʒʒen sluoc, des manc storje (
schar) wart zetrant. Wolfr.
Wh. 40, 18; dâ von sô muosten dicke werden dünne unt wîte gaʒʒe ûʒ engen pfaden.
Lohengr. 4434; vil lücken unde gaʒʒen wart von in ... gemachet. 4604;
auch altn. höggva götu Möbius 133.
nhd.: sich eine gasse durch den feind hauen. Frisch 1, 322
c aus Brotuff
Merseb. chron.; der löw fehlet irer (
der heiden) auch nit, sondern er macht ein weite gassen umb sich.
buch d. liebe 28
d,
mehr zu der bed. platz unter 4,
c; lanzen hätten sie ergriffen, niedergerissen und sich eine gasse geöffnet. Niebuhr 3, 120,
wie von Arnold von Winkelried im Sempacher liede: hiemit do tet er fassen ein arm voll spiesz behend, den sinen macht er ein gassen ... Wackernagel
leseb. 1
4, 1112, Lil. 1, 131
a; drück dir den speer ins treue herz hinein, der freiheit eine gasse! Th. Körner
leyer u. schwert 37 (
aufruf); dir, gott, befehl ich weib und kind .. und also sprengt er pfeilgeschwind der freiheit eine gasse ... und durch Europa brechen wir der freiheit eine gasse. G. Herwegh
i. j. 1841 ('
der freiheit eine gasse!'). II@5@bb) gasse,
von menschen gebildet. II@5@b@aα)
so bei den landsknechten, wenn sie über einen der ihren gericht hielten und ihm den tod gaben: ist es nun an dem, dasz der beklagte .. keine gnad erbitten mag, wird von den spieszen (
d. h. spieszträgern) eine gassen gemacht also, dasz der arme gegen aufgang der sonnen laufe. Kirchhof
mil. disc. 225.
daher das spätere spieszrutenlaufen (
d. h. die spiesze durch ruten ersetzt),
das auch gassenlaufen
hiesz: anstatt vieh und pferde zu pfänden sollte man die ... säufer und zänker fleiszig durch die gassen laufen lassen (
meint ein officier). Möser
phant. 3, 286,
noch mit schwachem acc. sing.; durch eine preuszische grenadiergasse von 500 mann .. gejagt. Bürger 476
a; kritische spieszruthen oder gassen laufen müssen (
schlimm recensiert werden). J. Paul
Nepomukkirche 133,
kurz gassen l.
statt durch die g. l.;
noch jetzt z. b. tirol. gassenlaufen (müssen),
etwas herbes, mühvolles unternehmen Schöpf 177. II@5@b@bβ)
ähnlich gasse
der helfer beim löschen einer feuersbrunst, die sich die feuereimer u. a. zureichen, in der gasse eine lebendige gasse bildend, die zugleich den verkehr frei läszt: ich sah gar bald, dasz wenn man eine gasse bildete, wo man die eimer herauf und herabreichte, die hülfe die doppelte sein würde ... die anstalt fand beifall .. die gasse vom eintritt bis zum brennenden ziele war bald vollendet und geschlossen. Göthe 18, 20. II@5@b@gγ) die gasse öffnen,
platz machen in gassenform, von einer menge: Tell (
sich zum schusse rüstend). öffnet die gasse! platz! Schiller
Tell 3, 3.
in einer schlachtordnung: dasz gassen geöffnet blieben, leichte truppen durchzulassen. Niebuhr 3, 120.
ähnlich gasse
für geschütze, freie flugbahn für die geschosse, bei einer belagerung: den büchsen macht man gassen, liesz sie an drinkmur gan. Körners
hist. volksl. 116, Lil. 2, 552
b. II@5@cc)
in buchdruckereien im setzersaale der gangartige raum zwischen den setzerkasten, auf der bühne zwischen den coulissen; in bienenstöcken der zwischenraum zwischen den scheiben ( Adelung),
wo die bienen geschäftig gehn; s. auch schnepfengasse.
die raine oder pfade zwischen dem hohen korn: als ich müszig daher gezogen durch des korns hoch wallende gassen. Schiller 491
a. II@5@dd)
auch für todtes das sich bewegt, z. b. im hüttenwesen feuergasse (
s. d.),
ähnlich darrgasse
im darrofen, saigergasse
am saigerherde, in welche die absaigernde legierung flieszt, letzteres aber auch gosse,
s. unter f. bair. sogar die leinwand hat gassen,
fehlerhaft dünner oder dichter '
fortlaufende'
stellen Schm. 2, 73.
auf dem kegelschub heiszt die gasse
die öffnung zwischen dem vordersten kegel und dem vordersten nachbarkegel nach links und rechts, die linke
und rechte gasse,
man strebt in die gasse zu kommen
mit der kugel, das kommen
wie in nit in dscheiben kommen
vom schützen selber Haupt 3, 251 (
s.kommen II, 10);
vgl. gassenkegel. II@5@ee) gasse
zur see, durchfahrt, passage: wir haben Thulen nicht die länge bleiben lassen das letzte land der welt, gefunden eine gassen durch frost und dicke nacht (
nach Neu-Zembla). Opitz 1, 109,
lob des kriegsgottes 802.
es entspricht dem nd. nl. gaten
pl., von dem Opitz
wol kenntnis hatte: seegaten
heiszen die gänge der see zwischen dem festen lande und den inseln an Ostfriesland, da nicht allein die schiffe in der flutzeit durchfahren, sondern in zeit der ebbe die leute eine halbe meile zu fusz hinüber gehen können. Frisch 1, 322
c;
doch im sing. nur gat
n., mündung eines flusses als einfahrt, hafeneinfahrt, enge durchfahrt, s. Brem. wb. 2, 491, Richey 71, seegatt
meerenge Stürenburg 66
b,
daher das Kattegat,
zugleich als katzenloch (
s. d.);
s. dazu III, 1,
a. II@5@ff)
nur misverständnis des niederdeutschen sprachgefühls ist gasse
für gosse: diese engen straszen (
in Paris) haben nur éine gasse, das pflaster läuft abwärts von den häusern zur mitte. J. E. Bollmann (
aus Hannover), brieflich im j. 1792,
bei Varnhagen v. E.
denkwürd. 1, 16;
die gosse heiszt nd. auch gate (
für gote) Dähnert 144
a,
aus dem Göttingischen gibt Schambach 67
a 'gôte
f., die gosse, wassergasse'
; s. auch unter d gasse
und gosse
tauschend. im begriffe vermittelt werden beide durch gang,
vgl.wassergosse und wassergang canalis Dief. 94
a,
auch mlat. strata
gleich canalis Graff 6, 759. IIIIII.
Verwandtschaft und herkunft. III@11, III@1@aa)
ganz nahe liegt nach form und inhalt das nd. nl. alts. gat
n. loch, öffnung, auch altn. norw. schw. dän. gat
n., ags. geat, gat
n., engl. nur mundartlich noch gat
a gap, an opening Halliw. 393
b,
sonst vielmehr gate
thor, zugang u. ä., wie auch ags. geat
schon, schott. aber gate
strasze, gasse (
sp. 1442)
gleich dem nord. gata.
Das sind deutlich zwei schwesterbildungen, ein neutr. mit der bed. öffnung, ein fem. mit der bed. gasse, weg; im nord. stehn auch beide von jeher zusammen, bei uns sind sie vertheilt sodasz dem hd. das f., dem nd. das n. zufällt, ob von jeher? wenn als plur. neben gaten (
schon im Rein. 3342)
auch gette
erscheint, z. b. Tunnicius
nr. 103,
wie noch ostfries. gäte
und gaten Stürenb. 73
a,
so weist diesz schwanken vielleicht auf eine urspr. doppelheit auch im nd. hin und gaten
ist möglicher weise der rest eines f.; auffallend ist es dasz engl. fast nur gate (yate),
ags. aber nur geat, gat
erscheint (
vgl. besonders II, 4,
b),
kein gate, geate,
dem jenes entsprechen würde. bemerkenswert ist übrigens, dasz auch md. gaz, gatz
loch vorkommt, z. b. in einer md. hs. des Ssp. I. 63, 1 houbitgazze
dat., gaz
bei Kirchberg 750, 66 (Lexer 1, 744),
und selbst im Brem. wb. 'gat,
auch wol gatz',
vgl.gatze für gasse I, 2,
c. III@1@bb)
wie nahe sich beide ursprünglich auch innerlich stehn, läszt sich noch am mhd. erkennen, z. b. wenn das durchbrechen durch den feind als ein gaʒʒen machen
bezeichnet wird, noch deutlicher als lücken unde gaʒʒen machen
Lohengr. 4604 (
s. II, 5,
a)
und wenn das. 4622
das bild vervollständigt wird, indem von den angegriffenen diu tür versloʒʒen
wird mit den swerten unde verrigelt.
da ist die gaʒʒe
zugleich noch die öffnung, d. h. der anfang und die entstehung der gaʒʒe,
ein gebrochnes loch, zugleich auch mit engl. gate
thor zusammenfallend. wie aber an diesem punkte die begriffe der öffnung und des dadurch gewonnenen weges in eins fallen, zeigt z. b. engl. gate-way,
gleich unserm thorweg. III@1@cc)
danach scheint gasse
ursprünglich nichts als eine öffnung (
zum durchgehn)
und diesz gat, gaʒʒe
stimmt zu griech. χαδ in χανδάνω offen stehn; s. dazu sp. 1137.
auch bei der nächstverwandten stammbildung gap
zeigt sich der ansatz zu gleicher verwendung in engl. gap
mauerbresche, schwed. mundartl. gap
n. (
eigentlich loch, öffnung, wie engl. gap),
loch in einem zaune, sowol ein solches das nicht sein soll (
altschwed. gapa syn,
gemeindliche besichtigung der zaunbeschädigungen)
als eins das als durchgang dient, auch für menschen, und dann mit einer einfachsten art thür versehen die man entfernt und wieder einsetzt (
mittelst sog. gapstänger
pl., zaunlochstäbe),
s. Rietz 186
a;
ebenso gatt
n. 188
b als zaunloch z. b. für schweine zum durchgange. jene schwed. art der zaunthüren mag uralt sein, und auch gata, gaʒa
ist vielleicht ursprünglich nichts als ein solches zaunloch, zaunthor, im hofzaune wie im dorfzaune u. ä.; denn da das germ. wort sicher über die zeit des städtebaues zurückgeht, musz man ohnehin seine urzeit im dorfleben aufsuchen. an die urbedeutung zaunöffnung konnte oder muszte sich die des weges leicht anschlieszen, sobald der name fest übergieng auf die zaunöffnung für alle, an die sich ja der weg ins dorf für alle, die gasse, anschlieszen muszte. im engl. gate
ist die erste bedeutung fast allein geblieben, in gasse
allein die zweite. III@22)
in frage kommt dabei freilich, dasz engl. und nord. das wort weg überhaupt bedeutet, gelöst von zaun, dorf, stadt. so altn. gata,
z. b. gata himinrîkis
weg zum himmel, auch koma af götu
vom wege, von der reise ankommen, selbst bildlich wie weg,
daher z. b. alla götu
gleich alla vega,
in jeder hinsicht, allerwegen, immer u. ä. (Fritzner 194
a),
wie altengl. alle gate, algate Stratm. 234,
noch nordengl. algates
gleich always
u. ä. Halliw. 42
a.
Altengl. z. b. im prompt. parv. 188
b gate or wey,
via, iter, unterschieden von gate or ʒate
porta (
vgl.yate Stratman 256),
dazu gateschadyl
wegscheide, kreuzweg, gebildet wie mhd. wegescheidele Schm. 3, 323;
und wie altn. auch für das gehen selber (
engl. auch geschrieben gait),
z. b. to take the gate
fortgehn, im prompt. gate downe
descensus, z. b. vom untergang der sonne. ags. geat, get, gät
oft in schilderungen von flurgrenzen, z. b. Kembles
cod. dipl. 6, 42. 104. 182 (
neben weg, stræt),
wo grenzwege gemeint sein müssen. Wie das aus dem vorigen geworden, wird vorstellbar wenn man sich denkt wie man zuerst in der nähe der wohnungen, innerhalb des dorfzaunes auf eine künstliche behandlung der wege verfallen muszte, die dann mit dem namen auch ins offene land übergieng (
vgl. umgekehrt damm 5
in die stadt übergegangen als straszenpflaster).
an eine entstehung von gehn
zu denken, wie man seit Stieler
oder länger thut, ist nicht nötig, oder nicht möglich, da jenem doch wol nur gang
zu grunde liegt (
vgl.gankeln am ende). III@33)
auffallend bleibt dabei die goth. bildung gatvô,
freilich nur auf einer stelle beruhend. äuszerlich stimmt dazu ags. geatwan
parare, ornare, geatwe
pl. f. rüstung, schmuck; letzteres altn. götvar
pl. f., das erste aber, götva
in der bedeutung bestatten mit errichtetem steinhaufen, götvaðr
so bestattet (Egilsson 262
a, Möbius 147).
war also gatvô
eig. der mit steinen beschüttete, bereitete weg? vgl. schwed. gata
straszenpflaster, dammweg. die bedeutung schmücken kann aus dem bestatten erwachsen sein, vgl. dazu kummel.