wurmstichig,
adj. ,
von würmern angefressen, angenagt. ältere nebenformen: wormstichig (Luther
mehrfach; Lehmann
floril. polit. [1630] 10;
nomenclator lat.-germ. [
Hamburg 1634] 68); würmstichig ([1563] Kirchhof
wendunmuth 1, 184
Ö.; [1572] Fischart
praktik 24
ndr.; Sebiz
feldbau [1579] 364; Ulenberg
kurtze chron. [1586] 238
b); wurmstichicht (16.—18.
jh. vielfach); worm-, wurmstichtig (Luther 8, 368
W.; Eyering
proverb. copia [1601] 2, 492;
facetiae facet. [1615] 420; Sperling
Nicodemus quaerens 2 [1719] 510); (wurmstechig) Paracelsus
opera 2, 145
A Huser. mnl. wormstekelich, wormstekich Verwijs-Verdam 9, 2814.
mundartl. formen s. u. 11)
eigentlicher und bildlicher gebrauch; von früchten, holz, papier und anderen stoffen; s. auch 1stichig 2
teil 10, 2, 2,
sp. 2718: ich wene man súlle kume zwene rechter guoter Oephele ... kúnnen finden, si ensint ie wurmstichig; wie si doch gar schOene uswendig schinent, ie in dem grunde vint man locher Tauler
pred. 185
Vetter; das holtz ist nit wurmstichig Keisersberg
schiff d. hails 4
a (
s. Germania 28, 411); durch ungewitter alszo viel bluet vortirbt, frucht abefelt, wormstichtig wirdt, das kaum das tzehende teyl reyff wirt (1521) Luther 8, 368; 30, 2, 572; 32, 521; 33, 301; 34, 2, 51; 51, 61
W.; was pflanzen und zieren wir das wurmstichig fleisch also C. Adler
allen frummen christen ... zu lesen (1523) C 3
b; demnach (
hat man) ... die wurmstichichten götzen gar hinwek gereumet ausz den kirchen
bei Schade
satiren u. pasquille 2, 259 (
vgl. Manuel 226
Bächtold); nimm ... langen pfeffer, der nit wurmstichig sei Ryff
confectbuch (1548) 38
a; was von köstlicher guter wahr da was, stuond vornen im laden, all anders verlegnes, wurmstichigs und faules hinden auff der mauren gegem wasser Kirchhof
wendunmuth 1, 358
Ö.; dieselben artzneyen aber sollen frisch ... sein, nit welck, ... wurmstichig Henisch
Antonii Mizaldi artztbüchlin (1574) 1; schrifften, damit sie (
die kirche) iren wurmstichigen sinckenden r. papsstul vnterstützen vnd vnterspreissen will Fischart
binenkorb (1581) 120
b; wenn aber der baum wenig früchte bringet,
dazu ganz kleine, madige und wurmstichige J. Böhme
s. w. 2, 1
Schiebler; dahin Gregorius sihet, wann er dise welt verglichen mit einer wurmstichigen nusz: do du die welt mit dem messer der warheit auffthust ..., so wirst du nichts anders befinden als eytelkeit vnd boszheit Saubert
currus Simeonis (1627) 389; in faulen wormstichigen häusern wohnt niemand gern, es seye dann ein wüster hauszwirth Lehmann
floril. polit. (1630) 10; gleichwie bald wurmstichig worden das süsze manna (
2. Mos. 16, 19—20), also vergeht ... das ... glück der welt (1679) Abr. a
s. Clara
w. 2, 15
Strigl; der apfel der wollust ist allezeit wurmstichig Lohenstein
Arminius (1689) 1, 843
b; was sie aber gutes thun, ist wie das wurmstichtige obst, welches zu nichts taugt, denn dasz mans den schweinen fürwirfft Sperling
Nicodemus quaerens 2 (1719) 510; die frölichkeit, die du jüngst an mir sahest, war die wurmstichige frucht einer eiteln hofnung Wieland I 3, 48
akad.; das junge holz der kerntragenden sorte wird auf Benda leicht wurmstichig J. G. Forster
s. schr. (1843) 4, 344; achte ... jedes urtheil (
dieser art) für eine vom baum abgefallene, wurmstichige, und nur darum reif scheinende frucht Pestalozzi
s. schr. (1820) 104; da lag am boden nächst zur hand, wurmstichig, alt, ein foliant Mörike
w. 21, 244
Maync; ein sehr wurmstichiger schiffszwieback Schubert
reise i. d. morgenland 3 (1839) 405; bilder in wurmstichigen ... holzrahmen Fontane
ges. w. (1905) I 2, 10;
mundartl. weit verbreitet: wurmstēkerig Doornkaat Koolman
ostfries. 3, 583; wormstēksch Böning
Oldenburg 135; wormstekig, wormstekerig, wormsteksch Mensing
schlesw.-holst. 5, 689
f.; wormschtichich (
obst) Damköhler
Nordharz 229; wormstiəkig, wuarmstiəksk Woeste-Nörrenberg
westfäl. 328; wuormstichig (
holz) Frederking
Hahlen 178; wormsteksch (
obst) Schambach
Göttingen 304
b; wurmstiękərəch Martin
Waldeck 285; wu
ermschdechich Heinzerling-Reuter
Siegerland 331; wormsteckig Müller-Schlösser
Düsseldorf 269; wormstekig
Elberfeld 177; vurəmštęchich (
holz) Krausz
nordsiebenbürg. handwerkssprachen 1082; worəmštichit Meisinger
Rappenau 234; wurmstichig (
holz, obst) Fischer
schwäb. 6, 996; Martin-Lienhart
elsäss. 2, 573; (
holz, obst)
schweiz. id. 10, 1309
f.; wurmstichi (
obst)
id. Austriac. (1824) 125; Schöpf
Tirol 822; wurmstichik Lexer
Kärnten 260. 22)
übertragener gebrauch. 2@aa)
von abstraktem. 2@a@aα) '
unlauter, verderbt' (
in religiöser oder ethischer beziehung): alles do der mensche sine ruowe suocht, das nút luter got enist, das ist alles wurmstichig Tauler
pred. 203
Vetter; wer mein wort hat, der predige mein wort recht, nämlich rain und lauter, onverfelscht, dasz nit durch menschlich witz und klughait wurmstichig sei Huber
ain trewe warnung (1535) B 2
a; ein wurmstichig gewissen gibt kein gut alter Lehmann
floril. polit. (1630) 313; (
ein hausvater soll) sich nie gebrauchen lassen, eine rechte sache zu hintertreiben, oder eine wurmstichige zu beschleinigen Hohberg
georg. cur. 1 (1682) 144
a; was sie (
die Franzosen) bisher gethan, ist alles schlecht gewesen und nichtswürdig und wurmstichig bis ins innerste mark hinein Görres
ges. schr. (1854) 1, 311; der pharisäer glaubte, er sey voll guter werke und sieh ..., sie waren alle wurmstichig und kothig Boos
pred. (1830) 2, 424; eine so wurmstichige, weil auf den baaren eigennutz basirte loyalität Riehl
land und leute 8100. 2@a@bβ) '
hinfällig, brüchig, (
innerlich)
morsch (
vor alter oder wegen innerer mängel)';
vgl. schweiz. id. 10, 1310 ('
zweifelhaft mit beziehung auf verläszlichkeit, güte'): dz ich leider besorg die beiden extrema wurmstichick sein J. L. Dyetz
sendbriff (
Krakau 1527) A 4
b; was ausz gott geht, das fehlet nit, hat hände vnnd füsz: was ausz der natur geht, ist allmahl wurmstichig (
unvollkommen, mangelhaft) vnnd in das ellendt geschaffen Paracelsus
opera 2, 504
Huser; was mit gewalt geschehen musz, dasz ist nichts wehrt vnnd wird zeitlich wormstichig Lehmann
floril. polit. (1630) 307; Serarius ... führet wurmstichige (
nicht stichhaltige) argumenta ein Dannhawer
catech.-milch 6 (1678) 701; die hoffnung allein auff unsere waffen ist baufällig, das vertrawen allein auff unsere stärcke ist wurmstichig Abr. a
s. Clara
reimb dich (1687) 218; bey den friedenstractaten zu Münster, welcher fried bald wurmstichig worden
ders., Judas (1687) 1, 247; 1, 24; 1, 378; wodurch alles wiederum in den veralteten wurmstichigen dogmatismus ... verfiel (1781) Kant
w. 2, 4
H.; der gegenstand (
des '
verlorenen paradieses') ist abscheulich, äuszerlich scheinbar und innerlich wurmstichig und hohl (1799) Göthe IV 14, 139
W.; auch in den besten staaten war das meiste wurmstichig, brüchig und veraltet; die gerüste und skelette standen noch, aber das leben und der geist war entwichen (1814) E.
M. Arndt
schr. (1845) 2, 77; Ungarns wurmstichige, zeitunangemessene konstitution Grillparzer
s. w. 14, 156
Sauer. 2@bb)
von menschen. 2@b@aα) '
sittlich nicht einwandfrei, charakterlich verdorben'
; vgl. dazu: auf eine andere zeit nennete
d. M. Luther die rottengeister, die da klüglinge und naseweise wären, 'unzeitige und unreife heiligen, welche bald wurmstichig würden und von einem weichen winde untern baum fielen' (1542)
bei Luther
tischr. 5, 151
W.; got behut, ne simus in turba illorum, qui, ubi audiunt semel etc ideo nec gratias agunt, laudant, sind wormstichig Luther 47, 858
W.; etwan wurmstichig kundenn (ettlich nennenn sie wölff ...) ... auch alsbald in ehrlichen wirdtsheusern einkeren Wickram
w. 3, 103
lit. ver.; der adel verdirbt und wird wurmstichig in den kindern, wo sie nicht auch, wie ihre voreltern ... mit tugendhaften wercken geziert seind Lorichius
instruction u. bericht (1618) 73; wurmstichige, anbrüchige herzen, halb eingepfarret in gottes kirche und halb in des teufels kapelle Jean Paul
s. w. 24 (1827) 39
Reimer; die (
von Bern) verstanden wohl zu regieren in ihrer guten zeit, zuletzt aber waren sie wie alles faul und wurmstichig geworden Gores
ges. br. (1858) 1, 178; vor dem Mercutio hüte dich, das ist ein wurmstichiger schuft, dem der schimmel der lasterhaftigkeit den kopf grau gemacht hat Eichendorff
s. w. (1864) 4, 410; mutter, wenn das meitschi ist, wie ihr sagt, so musz das was wurmstichiges sein, sonst hätte es ja längst einen mann J. Gotthelf
ges. schr. (1855) 4, 318.
s. auch die belege bei Fischer
schwäb. 6, 996 ('
unzuverlässig, unsolid')
und im schweiz. id. 10, 1310 ('
charakterlich zweifelhaft, unzuverlässig, unsauber, falsch'). 2@b@bβ) '
gebrechlich'
; s. Mensing
schlesw.-holst. 5, 689 (mien beenwark is all wat wormstekerig); wormstekig '
leidend'
Elberfeld 177; '
von krankheit befallen'
schweiz. id. 10, 1310;
auch von einem menschen, der ..., ausschläge hat Meisinger
Rappenau 234: ein armer schneyder, ein räudiger mann, ein krätziger, ein wurmstichiger mann, so ... krumme finger vnd lahme schenkel hatte Moscherosch
gesichte 1 (1650) 296; dem ... wurmstichigen (
körperlich erbärmlichen) kerl den hals zu brechen Schnabel
insel Felsenburg (1746) 2, 588; ein armer gichtbrüchiger, wurmstichiger, guter greis Jean Paul
w. 45/47, 324
Hempel; dasz das arme kind einen reichen bäckermeister freien sollte, so einen alten wurmstichigen mehlkneter Storm
s. w. 4, 148
Köster. ins seelische gewendet: weil frau Chauchat ja krank war, ... innerlich wurmstichig, ein umstand, der mit der zweifelhaftigkeit ihrer gesamtexistenz nahe zusammenhing Th. Mann
zauberberg (1953) 206. 2@b@gγ)
anschlieszend an wurm V 4 a,
einen intellektuellen mangel charakterisierend: der ist wurmstichig im hirn, der da will begeren, dasz jhm nicht kan werden Lehmann
floril. polit. (1630) 63; wilt du was, so nicht erlaubt, bist wurmstichig in dem haubt Schottel
teutsche haubtspr. (1663) 845; zumaln sich jenes (
des bauern) wissenschafft in allen weiter erstreckt, als dieses verschrumpfftes und wurmstichigtes gehirn jemals ümspannen kan Paullini
baurenphysic (1706) 4; so seynd diejenige leut eigentlich keine narren zu nennen, welche da ein öden und blöden verstand und eine wurmstichige vernunfft haben Abr. a
s. Clara
narrennest (1751) 1, 1; lauter verruckte köpf, verwirrte hirn, seltsame phantasten, wurmstichige schedel und einbildische narren
ebda 1, 42.
vgl. dazu: in ganz rechter zeit seid ihr durch eure wurmstichichte grillen hieher bewogen worden
kunst über alle künste, ein bös weib gut zu machen (1672) 66
Köhler.