ganerbe,
m. cohaeres, consors. 11)
die form. ahd. ist bezeugt kanarpun
consortes, canherben
cohaeredes Graff 1, 406 (
vgl. afdirherbo
proheres 407),
aber glücklich auch die ältere gestalt geanervo,
fränkisch 9.
jh., in einem capitulare der könige Ludwig und Lothar, das die formen einer gutsvergebung namentlich an die kirche bestimmt (Schilter 3, 343
a, 2
1, 239
b, Pertz
mon. 3, 262): inde avo noch thanne sachun sînu (
so) bit geanervun sînen gesunduruth ne havôda
als übersetzung von et si nondum res suas cum cohaeredibus suis divisas habeat,
nachher der geanervo sîner,
coheres ejus, aber auch schon ganorvo sîner,
wie dann mhd. ganerbe,
mnd. ganerve (
auszer hd. und nd. unbekannt),
also urspr. gi-ana-erbo (
gramm. 2, 753).
das bestätigt eine form des 13.
jh. mit umstellung der beiden vorsätze anegerve (
s. 3,
b),
vermutlich schon ahd. auch ana-gi-erbo. 22)
bedeutung. 2@aa)
am deutlichsten wird der urspr. begriff in der formel erben und ganerben,
die alle irgend erbberechtigten zusammenfaszt, z. b. in einem hess. weisthum von 1485
über das recht eines unterthanen, sein erbe zu veräuszern: welchen armen eigenen mann unsers gn. h. des landgrafen rechte leibsnoit antrifft, der auch geerbt ist (
ein erbe
hat), also dʒ er sein erblich gut müsse versetzen, verkeufen odder begeben, der soll es zum ersten bieden den rechten erben und ganerben (
dann erst einem genoszen,
d. i. unterthanen desselben herrn, endlich dem herrn selbst).
weisth. 3, 346;
ähnlich ebenda: welch mann sich weibet aus seinen genoszen, der geerbet ist, da soll das erblich gut alsdann volgen (
im todesfalle) den rechten erben und nechsten ganerben, und nicht den auskindern,
d. h. seine kinder gelten, weil er aus der genossenschaft hinaus geheiratet hat, als kinder eines ausmannes,
das erbe darf nicht in die gefahr kommen auch nur theilweis dem ursprünglichen gesamtbesitze der genossenschaft verloren zu gehn, fällt darum an die gesipten die auszer den kindern die rechten erben sind. doch kann ein solches auskind wieder zu seinem väterlichen erbe kommen, wie ein nachtrag vom j. 1532
bestimmt, wenn er sich weibet zu den genoszen,
nach dreiszig jahren; ein solcher soll sein eigen gut, des er erbe und ganerbe hoffet zu sein, ausziehen und behalten (
vorbehalt machen gegen andere veräuszerung, als ihm zustehend erweisen, behaupten) mit seinen gebsem und ganerben.
das. 347.
die gebuosemen
sind die nachkommen in gerader linie, die erben
im genauen sinne, alle anderen erbberechtigten sind die ganerben,
die ganze sippe in ihrer verzweigung die hinter den erben
wie im kreise steht. nd. im Ssp. 1, 17, 1,
von einem erbe, dessen letzter eigenthümer keine leibeserben hinterläszt: alle dê sik gelîke nâ tô der sibbe gestuppen (
Leipz. hs. gestôʒen) mogen, dê nemet gelîke dêle dar an, it sî man oder wî
f. disse hêtet de Sassen ganerven.
der begriff ist da zu ergänzen durch die nechsten ganerben
vorhin, der nächste, gleich nahe kreis der sippe, bei dem da das erbrecht zur ausübung kommt, während es bei den weiteren, ferneren kreisen noch ruhen bleibt. aber der weiteste begriff war gewiss der der ganzen sippe nach ihrer erbberechtigung, sodasz urspr. auch die erben
im engsten sinne, die leibeserben wol inbegriffen sein konnten, wie denn wirklich in dem capitul. unter 1
auch heredi
mit themo geanerven
übersetzt wird, einmal heres
pluralisch mit geanervun,
das lat. genauer machend, geanervun
hat da wie es scheint denselben inhalt wie die formel erben und ganerben. 2@bb)
daher auch von einem besitzthum, bei dem eigentliches erben
ganz wegfällt, das ungetheilter gesamtbesitz einer sippe bleibt (
die auch beim wirklichen erben immer als letzte gesamtbesitzerin im hintergrunde gedacht war).
so erscheinen in der Pfalz wälder als eigenthum von ganerben,
wo denn freilich der urspr. begriff der sippe längst in den einer gaugenossenschaft, markgenossenschaft überhaupt sich erweitert hatte (Maurer
gesch. der markenverf. 33); diesz seind die recht, die die ganerben zue denen von Henne haben
nennt sich ein weisthum vom Mittelrhein, darin z. b.: dasz der förster, den die von Henne (
ein kloster) haben, soll der ganerben förster (
dat.) schweren .. der gemein ganerben wäld zue hüeten und dem ganerbenförster zue helfen.
weisth. 5, 608 (gemein ganerben
wie unter c).
es ist das. von fällen die rede, dasz der ganerben wald brannte (
conj.), wann die ganerben ihre lôch besehen (
gränzzeichen im walde);
auch der einzelne heiszt ein
oder vielmehr der ganerbe,
in § 5: wann an leiblich narung abging dem ganerben, kompt er gen Henne in das closter
u. s. w., und das landgebiet schlechtweg die ganerben,
in § 6. 7 wer es auch dasz iemand stürb in den ganerben, wer da bauwen wil in den ganerben,
auch durch die ganerben (
geht ein wasser) Maurer
a. a. o. 475;
es heiszt auch kurz die erben
und entgegengesetzt werden unerben,
die nicht zur ganerbschaft gehören 473
ff., noch im j. 1718
s. 477
ff. (
weisth. 5, 574
ff.);
der begriff wird recht kräftig ausgesprochen in einer pfälz. waldordnung von 1560
s. 485: (
wir) alle sammenthaft unzertheilte zusamen gebundene gemeine ganerben.
Auch in städten erscheinen sie als grundbesitzer, die Frankfurter reform. 2, 5
z. b. handelt von verkauf der liegenden güter, so vielen als ganerben gemein seind (Schilter 3, 343
b); gemeiner ganerben behausungen. 8, 10,
vgl. Göthe
unter ganerbschaft.
im salzwesen: ganerben,
pfänner deren einige an éiner pfanne theil haben Frisch 1, 315
c (
s. auch unter ganerbschaft).
vgl. im zollwesen unter 3,
a, auch im münzwesen. 2@cc)
mit einer besonderen entwickelung in adelskreisen: ganerben,
societas nobilium in castro vel oppido omnibus communi, vulgo ganerbii,
et haeredes mutui. Frisch 1, 315
c,
vgl.ganerbschaft;
urspr. gleichfalls eine sippe, die irgend eine burg oder gebiet als ungetheilten und untheilbaren gemeinbesitz bewahrte, dann durch aufnahme auch anderer zum begriff einer gesellschaft
erweitert mit erbverbrüderung, vgl. J. Grimm
rechtsalt. 481, Krünitz 16, 2; Haltaus 584
erklärt coheredes castri alicuius, iure pacti et per legem foederis, mutui auxilii atque etiam mutuae successionis causa inter se coniuncti, lat. eben coheredes,
z. b. das. aus einer urk. von 1265 Reinhardus de Hagenowe et Engelhardus de Winsberg, coheredes in Minzenberg;
aus einer henneb. urk. v. 1403: alle dy itzund ganerben sint und teil und gemein haben zum Ebersberg, Doppelhusen
u. s. w. das., vgl. ganerb,
so mit theil und gemein hat
RA. 481; nun waren die von Hutten, so auf dem Steckelberge haushielten, mit gan-erben auf Warberg. Spangenberg
henneb. chr. 1755 262 (1599 145);
ein fränk. weisthum vom j. 1448
handelt davon, wie der erber veste Eberhart Rude der elter von Kollenberg von sein und seiner ganerben wegen zu Rotenfelsch ... hat gefordert von ... der gemein des dorfs zu Birkenfelt, das sie im offen (
öffnen, eröffnen) sein und seiner ganerben recht, die sie dann da selbst haben.
weisth. 6, 45,
es heiszt nachher die ganerben zu Rotenfels
oder die hern zu
oder von Rotenfels,
und derselbe vorgang wiederholt sich in demselben jahre in einem andern dorfe des amtes Rotenfels mit demselben Eberhart Rude von K. der elter, von sein und seiner ganerbin wegen zu Rotenfelsch (
s. 60
ff.).
auch im sing., z. b. im folg. aberglauben: so sie (
die hechte) sich lassen sehen, stirbt gewislich ein ganerb des hauses Ulmen. Heyden
Plinius 280.
Die einrichtung hatte eine besondere bedeutung für das fehdewesen, indem die burg, die die ganerbschaft
darstellte, als gemeinsamer enthalt (
zuflucht, sammelplatz u. dergl.),
ausfallspunkt u. s. w. diente, sodasz von reichs wegen einzugreifen versucht wurde, z. b. (
s. dazu die vorausgehenden worte unter ganerbenschlosz): und ob die gemeinen ganerben .. die theter oder fridbrecher (
eben auch ganerben) ires theils gemeins enthalts oder gerechtigkeit (
rechts am schlosse) nieszen oder gebrauchen lieszen .. wöllen wir dasz sie .. in die acht verkündt .. werden.
reichstagsabsch. von Augsb. 1500 (
reichsordn. Worms 1539 39
a),
wiederholt im reichsabsch. v. Worms 1521,
das. 108
b, die gemeinen ganerben
titelmäszig (
in dem gleichzeitigen drucke der gemein ganerbe B 5
a,
vgl. u. b),
wie u. b und nachher gemeine ritterschaft,
sie hieszen auch kurz gemeiner,
vgl. teil und gemein (
fem.) haben zum Ebersberg
vorhin. sie erscheinen auch, neben den gewöhnlichen mächten, wie grafen, herren, ritterschaft, als politische macht im lande, Götz v. Berlichingen z. b. erbot sich in seiner fehde mit Nürnberg zum schiedspruche für etlich churfürsten und fürsten, auch für etlich vil graven, herren und gemaine ritterschaft im land zu Franken und in der Wederaw, und für etlich ganerben etlicher schlosz (
anz. des germ. mus. 1865
sp. 418),
wo denn ganerben
eigentlich als plural des plurals gemeint ist. in Tübingen erschien 1620
eine schrift von J. W. Kyllinger de ganerbiis castrorum sive de arcium pluribus communium condominis, von den ganerben und burgmännern gemeiner schlösser, vesten und burgen. 33)
nebenformen und bildung des wortes. 3@aa)
begreiflich ist der '
pleonasmus' mitganerbe J. Grimm
rechtsalt. 482
anm. aus dem 17.
jh., auch bei Spangenberg
unter 2,
c ist gewiss mitganerben
gemeint; schon im 15.
jahrh.: Heinrich zum Jungen und sinen mideganerben an dem zolle zu Menze.
Frankf. reichscorr. 1, 301 (
vom j. 1416),
also der Mainzer Rheinzoll im besitze einer ganerbschaft;
es ist wie gleichfalls schon später mhd. mitgeselle, mitgenôʒ,
zur auffrischung des ge-,
das zudem hier in gan-
versteckt war. Dasz diesz gan,
an dem die spätere gelehrsamkeit wunderlich herumgedeutet hat, schon im 14.
jahrh. und früher verdunkelt war, zeigen die wunderlichen var. im Ssp. I, 17
bei Homeyer,
z. b. als gan
gönnt ausgelegt, wie die übers. favorabiles heredes
zeigt, oder als '
gegen'
nach generben
u. ä., im kaiserrechte 3, 10 gagenerben (Scherz 464),
auch als gahen
eilen (
s. d.)
nach gahen, gaen erben,
lat. accelerantes;
vgl. Wachter 519.
Dagegen klingt das richtige nach in der form geanerbet
Parz. 330, 30
var. (
vgl. geerbet
unter 2,
a), geanerbet sitzen
RA. 482
anm. (
vom j. 1326),
worin freilich anerbe, anerben
hineingefühlt sein wird, s. unter b. 3@bb)
um so merkwürdiger ist daneben, wie noch im jahre 1267
das ge-an-
am Rhein lebendig gefühlt, ja in seiner stellung beweglich, flüssig erscheint. ein herr zu Heinsberg und Blankenberg macht da eine schenkung an eine kirche de consensu liberorum et heredum nostrorum,
also der wirklichen erben (2,
a),
denkt aber auch an den fall, dasz schwierigkeiten gemacht werden sollten von den ganerben,
die er selber zu erledigen zusagt: siquid questionis .. emerserit ab hiis qui uulgo anegeruen dicuntur,
das duplicat der urk. aber hat ganeruen. W. Günther
urk. samml. zur gesch. der Rhein- u. Mosellande 1, 355.
Diesz ge-
und an-
klar zu halten diente übrigens dasz auch anerbe
und geerbe
bestanden. jenes sogar völlig gleich ganerbe,
s. im Ssp. I, 17
die var. anerven,
RA. 482 erven unde anerven
gleich erben und ganerben
unter 1,
a (
auch ervenden unde anervenden Schiller
u. Lübben
mnd. wb. 1, 87
a);
wie ganerbe
markgenosse u. 1,
b, so rhein. anerve (
vgl. unter anerbe): der here van Vrentze is ein der anerven.
weisth. 2, 793; soe wysent die voerster, dat der abt is ein anerve ... up des richs walde. 780;
daneben allerdings nd. anerve
erbe überhaupt, auch leibeserbe der in das ganze ungetheilte erbe eintritt (
s. Kosegarten
niederd. wb. 407),
welches letzte sich doch mit dem begriffe der ganerbschaft nah berührt, da er auch die untheilbarkeit des erbes einschlieszt. der pl. geerben
seinerseits scheint auch die ganerben einzuschlieszen, gleich erben und ganerben,
z. b. ich oder meine geerben Scherz 492,
vgl. bei Notker 15, 6 mîn erbe unde mîne geerben,
und wenn die leute einer gemeinde einandren genosz und geerb
sind (
weisth. 4, 316),
so liegt im letzten hintergrunde wirklich eine art ganerbschaft wie unter 2,
a. 3@cc)
man sieht nun wol wie begriff und wort sich decken: ge-
bezeichnete, dasz das erbrecht den ganerben
als gesamtheit, als sippe beiwohnte, schärfer entwickelt unter 2,
b, wo ein ganerbe
gar nicht zum erben
werden konnte, nur als theil der gesamtheit überhaupt ein anrecht hatte. in an-
aber musz die anwartschaft ausgesprochen sein, das recht des anwarters,
des anwartenden erben (Haltaus 48),
das in der ferne, in der zukunft liegt, wo es beim ganerben
immer bleibt. darum genügte wol auch anerbe,
das an
im strengsten sinne genommen, während im leichteren sinne anerbe
doch auch den zu bezeichnen im stande war, der zum wirklichen erben
werden konnte; ebenso liesz sich wol in geerben,
das ge-
ganz scharf genommen, der begriff des an
ergänzen. Wenn auch ein neutr. ganerbe
vorkommt, wie im folg.: ganerbe ist, wo sich ein erbe vorswistert odir vorbrudert,
mit der überschr. von ganerbe Böhlau
blume von Magd. s. 90,
so gehört das nur zu den misverständnissen der Sachsenspiegelstelle unter 3,
a.