wahrnehmen,
verb. sich umschauen, ins auge fassen, betrachten, acht haben, seine aufmerksamkeit schenken, sorge tragen, sich annehmen, sehen, bemerken u. s. w. eine verschmelzung der verbindung wahr nehmen,
die, soweit sie als solche noch erkennbar ist, schon oben sp. 749
f. besprochen worden ist. im nhd. ist wahr-
ganz zu einem präfix geworden, bewahrt sich aber seine trennbarkeit; selten wird es als untrennbar behandelt: was um uns her sichtbar und sinnlich ist, sehen wir, wahrnehmen und empfinden wir in und an sich selbst. Claudius 8, 97.
von dem ursprünglich als object stehenden subst. wahr
kann ein genetiv abhängig sein; nachdem die verbindung als ein wort angesehen wurde, bildete sich die anschauung aus, dasz wahrnehmen
den genetiv regiere. an die stelle des genetivs trat später der accusativ, doch hat sich der genetiv daneben erhalten, namentlich bei den übertragenen verwendungen des verbums (II).
wie wahren
mit gr. ὁράω übereinstimmt und die grundbedeutung '
acht geben, sehen'
hat (
oben sp. 770),
so musz auch für wahrnehmen
das rein sinnliche ausschauen und betrachten als ausgangspunkt genommen werden. der nebensinn des geistigen erwägens des gesehenen hat sich aber schon bei Notker
eingestellt, und so zeigt wahrnehmen
in der älteren sprache überwiegend die bedeutung '
in acht nehmen, seine aufmerksamkeit auf etwas richten',
wobei das object auch durch andere sinne als den des gesichts erfaszt werden kann. daran schlieszen sich eine reihe von abgeleiteten bedeutungen, bei denen der begriff des achtgebens durch hinzutritt anderer bedeutungsmomente nach verschiedenen seiten hin gewendet erscheint: so macht sich das bedeutungsmoment der rücksichtnahme auf etwas, der sorge für etwas, der pflege von etwas, der befolgung von etwas, der benutzung von etwas geltend. diese bedeutungen sind jetzt im absterben und im ganzen auf die poetische sprache beschränkt; doch hat sie auch die prosasprache noch in bestimmten wendungen. die dritte hauptgruppe der bedeutungen, die jetzt entschieden im vordergrund steht, knüpft direkt an '
acht geben'
an und entwickelt diese bedeutung, indem das gewicht auf das resultat gelegt wird, zu '
gewahr werden'.
ein nachklang der älteren bedeutung zeigt sich darin, dasz wahrnehmen,
namentlich in der philosophischen bestimmung, besonders das mit aufmerksamkeit verknüpfte gewahrwerden, also das innerliche bewusztwerden des durch die sinne oder geistig aufgefaszten bezeichnet. II. wahrnehmen
in der ursprünglichen bedeutung des acht gebens auf etwas. I@11)
die bedeutung von '
sich umsehen',
zunächst in rein sinnlicher auffassung, tritt nur in der älteren sprache hervor: I@1@aa)
mit dem genetiv: die riten schône gegen im dar, und nâmen mîn dâ alle war. dô mich dâ ir deheiner vant, und daʒ si sâhen mîn gewant dâ ligen ûf den pferden mî
n. si sprâchen 'warst diu künegîn?' Ulr. v. Lichtenstein 289, 12; er nam der jungvrouwen war: swenne er die niht ensach, sô sach man grôʒ ungemach an dem jüngelinge.
gesammtabenteuer 2, 106
Hagen; die suoch ich hie on alls gefar, ich luog und sich, ir nimme war: so gseen ichs nit, war synd sy kun. Ruff
Adam u. Heva 1464. um jemand wahrnehmen: doch entwichen sî dem gaste und machten im den wec dar. nû namer umbe sî war, und suochtes mitten ougen. Hartm. v. Aue
Iwein 5188.
mit abhängigem fragesatz: nun hat man wartmann oder specher usz gesant, das die werint warnämen und luogen, wen die heiden wider kamend.
volksbücher 157, 34
Bachmann u. Singer; die (
krieger) haben sich hin und wider in das gebürg getheylt und da wargenommen, ob jemandts proviand wolte herausz bringen. Hedio
Josephus vom krieg der juden (1556) 16
a.
absolut: 'besehet, lieben knappen mîn, waʒ in dem vaʒe müg gesî
n.' die selben eʒ ûf sluogen gar und nâmen in dem vaʒʒ war. dâ sâhen si ein schœn meit, diu was rein und unverzeit. Enikel
weltchron. 26880
Strauch; wir stelleten vier persohnen forn ins schiff, die fahrt zur insel, welche eine vor hochland liegende klippe gefährlich machte, wahrzunehmen, und dem schiffer beym rohr zu zuruffen. Olearius
persian. reise-beschreibung 39
b. I@1@bb)
vereinzelt hat sich aus '
sich nach jemand umsehen'
die bedeutung von '
jemand erwarten'
entwickelt: er bat den fursten riche gar einvaldecliche, daʒ er ein sache were, wi ime kint gebere sin frouwe iesa zu stunde ... er sprach 'nim min da heime war, kurzlich wil ich komen dar.'
Elisabeth 3411
Rieger. I@1@cc)
verwandt ist die bedeutung des auflauerns, die im mnd. vorkommt: schelet lude unvochliche under twischen unde cumt it also .. dat er en des anderen ware nimpt (
var. de eine up den anderen waret) unde mishandelet ene.
Lübecker recht 287
bei Schiller-Lübben 5, 601. I@1@dd)
öfter tritt im mhd. die nebenbedeutung der prüfenden auswahl unter mehreren hervor: sus kômen si under der frouwen schar und nâmen der aller schœnsten war diu under in was komen dar. Wirnt v. Gravenberg
Wigalois 69, 21; ich hân lande vil gesehen unde nam der besten gerne war. Walther 56, 30; ein chever der was goltvar, do nam er eines huses war, daʒ siner schone zæme; in duhte, swie genæme ein hus wesen mohte.
altdeutsche beispiele 15, 2 (
altd. wälder 3, 219). I@22)
ebenso ist nur in der älteren sprache (
mit einschlusz des frühnhd.)
die bedeutung '
beobachten, betrachten'
lebendig, zunächst in rein sinnlicher auffassung '
den blick auf etwas richten',
dann (
ohne dasz eine strenge scheidung möglich ist) '
die aufmerksamkeit auf etwas richten' (
vgl. die belege für das noch als getrennt empfundene war nemen
oben sp. 749. 750). I@2@aa)
nach den angaben der wörterbücher läszt sich diese bedeutung von der jüngeren von '
bemerken, gewahr werden'
nicht immer sondern, da viele umschreibungen z. b. durch '
animadvertere, advertere'
auf die eine oder andere bezogen werden können. doch ergibt sich mit genügender deutlichkeit, dasz im 18.
jahrh. die ältere bedeutung —
auch abgesehen von den übertragenen verwendungen —
noch nicht verschollen war: respicere, warnemen, waernemen. Diefenbach
gl. 495
a;
observo, ich nim war, mercke fleissig. Dasypodius 223
d; warnemmen,
notare frequent. respicere, metaph. observare. 389
c; ich hab nie gedacht oder wargenommen was ich thuon sölte,
nunquam cavi quid facerem. Maaler 484
a; man hat desse wargenommen und auch erfaren,
observatum. ebenda; warnemmen, ein auffsähen haben,
videre, observare, circumspicere, conspicere, comperire. 484
c; warnemmen was einer zeschaffen oder zethuon habe,
excubare animo. ebenda; eins dings fleyssig warnemmen,
observationi operam dare. ebenda; achten, acht geben, acht haben, acht nemen, warnemen, auffmercken,
attendere, conspicari, observare, respectum habere. Henisch 12, 67; wahrnehmen,
observare, animadvertere, notare. Dentzler 2, 341; wahrnehmen,
haver, prender riguardo, riflesso, riguardare. Krämer 1205 (
daneben: etwas wahrnehmen, mercken,
osservare, notare, scorgere, avvertire. ebenda); wahrnemen,
observare, animadvertere, notare, advertere. Stieler 1365; wahrnehmen, auf ein ding acht geben,
noter, remarquer, prendre garde à quelque chose. Rädlein 1026
b (
daneben: wahrnehmen, gewahr werden,
s'apercevoir, s'aviser. ebenda); wahrnehmen oder warnehmen, mercken, anmercken, gewahr werden,
to observe, learn, note, perceive, mark, advert a thing; to consider of it. Ludwig 2369; wahrnehmen, beobachten, bemercken, in acht nehmen,
waarneemen. Kramer (1719) 259
b; wahrnehmen,
animadvertere, deprehendere, notare, observare, habere rationem. Kirsch 2, 377; die zeichen wahrnehmen,
signa observare, wahrnehmen was vorgehet,
animadvertere quae fiant. Steinbach 2, 939; wahrnehmen,
observare, animadvertere, sentire. Frisch 2, 415
c; wahrnehmen, gewahr werden, merken,
observare, animadvertere, deprehendere, sentire, intelligere, notare. Nieremberger; warnehmen, wahrnehmen,
apercevoir, remarquer, observer, noter. Rondeau.
darnach tritt zuerst bei Ludwig
die ältere bedeutung entschieden zurück, die deutsch-lateinischen wörterbücher geben zwar wahrnehmen
auch später mit durch '
observare',
scheinen aber dadurch, dasz sie dies mit verben wie '
deprehendere, notare'
auf eine linie stellen, zu verraten, dasz die bedeutung '
beobachten'
nicht mehr deutlich aufgefaszt wird. Adelung
bemerkt dann ausdrücklich, dasz die bedeutung '
betrachten'
im hochdeutschen veraltet sei und Campe
macht gleich bei der definition des wortes einen unterschied zwischen wahrnehmen '
mit den sinnen das, was von selbst schon in dieselben fällt und von denselben erkannt werden kann, gleichsam wahr
d. h. als wirklich nehmen,
als wirklich empfinden'
und beobachten '
welches den begriff besonderer aufmerksamkeit noch hinzufüget'. —
in der litteratur erscheint die ältere bedeutung bis ins 16.
jh. häufig, während sie im 17.
jh. schon selten wird; doch tritt sie auch jetzt noch gelegentlich in poetischer sprache auf. I@2@bb)
auf die ältere sprache beschränkt sich die bedeutung '
etwas mit aufmerksamkeit betrachten, den blick auf etwas richten': baʒ turnierte ritter nie: sî nâmen al sîn eines war: er was der êrste dar und der jungest von dan. Hartm. v. Aue
Erec 2470; dô gienc mîn hêr Gâwân beidiu her unde dar, er nam des palases war. er sach an einer wende eine tür wît offen stên ... er gienc zer kemenâten î
n. W. v. Eschenbach
Parzival 566, 4; daʒ dûhte sie alle samt ein dinc grôʒ unde wunderlich. der edelen rîter jegelich îlte für den andern dar und nâmen der geschihte war. Wirnt v. Gravenberg
Wigalois 43, 24; dô warf Wolfdietrîchden êrsten wurf dar; er sach im zuo den ougenund nam sîns fuoʒes war. er warf im daʒ meʒʒerdurch den fuoʒ hin dan.
Wolfdietrich B 617, 2; ich lob ir har gar wol gevar, ir claren ogen nimm ich war mit scharpfen lieben blikchen. Hugo v. Montfort 21, 9
Kummer; nun wie mag das gesein .. das du mich nit erkennen solt, du liebes weyb ob allen weyben, thu auf dein schöne euglein, sich mich ein wenig an, nym war deines meyster Riciardo, der dich also liebe hat.
decameron 158, 38
Keller; ein gauckler .. liesz sich aller oberst in der höhe uff dem thurn sehen, rust sich mit seinen flüglen yetz hindersich, yetz fürsich zuo dem fliegen, macht damit, das alles volck mit aufgespertem maul in stetigs ansahe und des fliegens war name. Frey
gartengesellschaft 28, 29
Bolte; der fürst aber, so nicht schlieff, sonder alles fleissig war name. J. Wetzel
reise der söhne Giaffers 126, 6
Fischer u. Bolte; mit dieser rede gieng das letzte seiner (
des gegeiszelten gefangenen) seele ausz ihm, also dasz kein zeichen einiger ungebärden an ihm gesehen ward. Wenzesla nam sein fleissig wahr, meynete nicht, dasz ihm der tod so nahe gewesen wäre. Bucholtz
Herkules 1, 9
b.
auf etwas hinhören: sus kan Sirêne ertrenken swel ir stimme nement war.
Reinfrit v. Braunschweig 22027; kert euch zu ihm, o lieben leut, denn es heisset noch ymmer heut, er ruffet euch noch ymmerdar, nur nempt seiner stimm eben war!
M. Weisze,
Wackernagels kirchenlied 3, 267, 9; rasender, sprich, warum du Telemachos tod und verhängnis suchst, und die stimme verachtest der leidenden, deren ja doch Zeus wahrnimmt? (
οῖσιν ἄρα Ζεὺς μάρτυρος.) Voss
Odyssee 16, 423.
an den letzten beiden stellen schon in übertragener bedeutung (
e). I@2@cc)
damit berührt sich die bedeutung '
aufpassen': mer wollen groisze freide thun kunt, dasz mer Jhesum gefangen hon .. nemmet sin alle ware, ir Juddekint, want sine sinne so leufftigk sint, dasz er uns icht entphare, ee wir des werden geware!
Alsfelder passionsspiel 3430
Grein. mit abhängigem satz: (
der meister soll haben) den stuol hündenan in der kirchen nebent der türen, uf das er dartzuo warneme und gesehen müge, das yegelicher tuoge als er tuon sol.
Straszburger zunftordnungen 53
Brucker; der zoller soll ouch am fritage, am samstage und an den merkettagen an das wasser luogen zuo den merketschiffen und do warnemen, was do inne ist ... und dozuo sol er ouch warnemen, wohin das getragen wurt. Eheberg
verfassungsgesch. d. st. Straszburg 1, 406 (1.
hälfte des 15.
jahrh.). auf etwas wahrnehmen
ist besonders im alemannischen üblich: fleyssig auf ein ding warnemmen,
animum advertere. Maaler 484
c; die ammeisters knechte oder die andern knechte, denen daruf empfolhen worden ist zuo lugen und warzuonemen.
Straszburger zunftordnungen 512
Brucker. mit abhängigem satz: der klingeler .. soll ouch altzit, so es ime die pflegere empfelhent, daruf luogen und warnemen, obe yemans unküscheit dete. 57; es söllent ouch alle meister und meisterin .. alzit daruf luogen und warnemen, daʒ yegelichs tuoge das es tuon solle. 53; söllent die ungelter kein pfant noch wortzeichen von niemans nemen .. und söllent war daruff nemen, das sü guote gelt und guldin empfohent. Eheberg
verfassungsgesch. der st. Straszburg 1, 142 (1446); dasz der bruchverseher ... solche ort ... zu besuchen und fleissig wahr darauf zu nehmen, schuldig sein solle, die mängel und ausbruchungen anzuzeigen.
Schlettstadter stadtrechte 2, 486 (
copie eines 1608
geschriebenen eidbuches)
Gény. in den letzten drei belegen ist schon die bedeutung '
sorge wofür tragen' (II, 5)
entwickelt. I@2@dd)
meistens verbindet sich mit '
betrachten'
der nebensinn des innerlichen beobachtens, erwägens: I@2@d@aα) deheiner slahte grüene ist gar gelîche der andern; nemt es war. Freidank 12, 8; des tages nim war: schint denn die sunne, das betütet vil frucht und alle wunne; regent es aber oder vellet ein snee, so swindet die frucht und geschicht ir we. K. Dangkrotzheim
heil. namenbuch 59; do giengent die meister des nachtes dar und nament des gestirnes war und woltent daran schouwen, ob es das kint möcht frouwen noch lute der brieffe zuo wallen. H. v. Bühel
Dyocletianus 503
Keller; und sachent sin sternensecher und luogtent den hymel und nament des gestirns war.
volksbücher 16, 21
Bachmann u. Singer; euch stell' ich eigens ihm zum gegner auf. setzt eure ruhe seiner hitz' entgegen, ermüdet ihn, nehmt seiner blöszen wahr. Uhland
Ludwig d. B. 3, 3. I@2@d@bβ) ist der arzt danne ein wîser meister, sô nimt er drîer dinge war an dem menschen, ê daʒ er sich des siechen underwinde. Berthold v. Regensburg 2, 46, 7; sollichen gebrechen zuerkennen, solt du dieser zeichen warnemen. Ryff
thierbuch Alberti magni C 3
b; wo wir sollichs mitt fleysz horen und warnemen wurden, wir werden dar durch erlangen seligkeyt. Hartmuth v. Cronberg
schriften 50
Kück. I@2@d@gγ)
es kann sich an den genetiv eine bestimmung anschlieszen: sie ... hielten auch die gantze nacht gar guote wacht, deren (
felsen) warzunemmen, inen bey guoter zeit zuoweichen. Rauwolf
raisz (1582) 13.
namentlich ein abhängiger fragesatz: nu nam sy des vil eben war, war der man die slússel tet. H. v. Bühel
Dyocletianus 1718
Keller; nemet war der lilien auff dem felde, wie sie wachsen, sie arbeiten nicht, so spinnen sie nicht.
Luc. 12, 27 (Zainer: mercket die liligen des ackers); uf dasz sine werk unvermischet bliben und sin war mag genummen werden, was oder wie er handelt. Schade
satiren 3, 14, 2; die büchssenmeister und hackenschützen sollen ernstlich darzu gehalten werden, das sie offt zu iren büchssen sehen und derselben warnemmen, ob nicht etwas mangel. Fronsperger
kriegsbuch 1, 154
b (1573). I@2@d@dδ)
häufiger schlieszt sich der fragesatz direkt an wahrnehmen
an: die gerne wolden nemen war, wie dâ wurde gestriten. Hartm. v. Aue
Iwein 6898; hie stehet stil und nemet war, wie sich die frösch auch müssen schmigen, inn forchten auch verborgen ligen! H. Sachs
fab. u. schw. 1, 20, 34
Götze; Martius .. rant ylents wider in das hör, und wolt war nemen, wie sich der stryt hielt .., da was es erst an dem, das man in anfahen solt. Schöfferlin
Livius (
Mainz, Schöffer 1514) 29
b; da sie also assen ... nam der guot gesel als war, wie man hausz hielt. Pauli
schimpf u. ernst 17
Österley; heb auf deine ougen, nim war, was er von der junckfrawen koum geborn gemacht hat, er ruft die hirten, er ruft die könig. Staupitz 1, 157
Knaake; die jungfrouwen heten in von dem houbet entwâfent gar und nâmen des vil rehte war, ob er lebte oder wære tôt. dô wâren im diu hiufel rôt und alsô lebelîch getâ
n. Wirnt v. Gravenberg
Wigalois 203, 19; sô man die cleidere zu waschene bringet in die traperîe, so sal der brûder, der dâ inne wonet, nemen war, ob man iht daran zu beʒʒerne vinde.
statuten des deutschen ordens 108, 29 (
gewohnheiten 34)
Perlbach. I@2@ee) wahrnehmen
ist auch nur '
aufmerksamkeit bezeigen',
was sich durch ansehen oder anhören äuszern kann. I@2@e@aα)
mit dem genetiv: ir helde von dem Rîne,ir sult mîn nemen war: ich kan iuch wol geleitenin Liudgêres schar. sô sehet ir helme houwenvon guoter helde hant.
Nibel. 194, 1.
namentlich mit der negation '
nicht beachten': einen rinc er an der porte vant: den ruorter vaste mit der hant. sîns rüefens nam dâ niemen war, wan ein juncfrouwe wol gevar. ûʒ einem venster sach diu magt. W. v. Eschenbach
Parzival 182, 15; si bugen all gen ir die bain und vielen ir zuo fuosse gar. des nam die küngin wenig war. sie sach hinwerd untugentlich recht als ein valck, der buosemt sich. Herm. v. Sachsenheim
mörin 742; Felix, mein pedagog, desglich mich offt thet warnen gantz trewlich; seiner warnung nam ich nicht wahr, das taub ohr ich im wendet dar. Wickram 6, 330 (
knabensp. 2812)
Bolte; ich han euch mein hant geboten: aber ir wolt ir nicht war nemen. Marcus v.
d. Lindauwe
buch der zehn gepot (1483) 50
b. I@2@e@bβ)
absolut: sie (
die jungen) nemen auch fleiszig war, so man andre jungen ir wolthat halben lobet. Wickram 2, 3, 20 (
knabensp.)
Bolte; dann ich hab mit fleysz wargenommen, wann mein vatter von der fleischbanck heimkumpt, setzet er zuo allem mal sein losung in einer schissel in seiner schlaff kammer auff den schafft. 2, 24, 38.
namentlich imperativisch nimm wahr! nehmet wahr!: vrowe, nû nemet war, an dirre stat dâ lieʒ ich in. Hartm. v. Aue
Iwein 5902; dô sprach der voget von Berne:'nemet alle war, sitzet alle stilleund gebet mir iuwern rât.'
Rosengarten A 28, 4
Holz; dû salt wesen vor der tur: nim war, als er gêet her vur, sô slâ in an daʒ houbet sî
n. livländ. reimchron. 1300
Meyer; Unfalo sprach: nembt war herr, hie hab îch bracht den doctor.
Theuerdank 67, 56; nimm war, hie sein wir allein, in unkeüsch hab mit uns gemein. J. v. Schwartzenberg 110
a, 1; man wurd sagen: nemen war, Lucretia die küscher gewesen ist, dann der gemachel Bruti ... volgt yetz nach ainem eebrecher.
N. v. Wyle
translationen 74, 37; das wil ich dir sagen, nym war: man mag ein ding für das ander lieb haben in vierlay weise. Marcus v.
d. Lindauwe
buch der zehn gepot (1483) 2
b; weib, sprach er tzur mutter, nym war, das ist dein sun, und wante sich tzum jünger sprechend, sich, das ist dein mutter. Staupitz 1, 77
Knaake; wann sie zuo euch sagen, sihe, nymm war, Christus ist in der wsten, gond nit hinausz, nymm war, er ist in der zell oder kämer, so glaubent es nit. Eberlin v. Günzburg 2, 125
neudr.; dann nemen war, es kamen eines tages vil kaufleüt gehn Hall. Wickram 2, 44, 34
Bolte; nimb war, ich hab dich nur ein wenig mit worten und der warheit angetast, so heistu mich gleich ligen. Frey
gartengesellschaft 62, 19
Bolte. I@2@ff)
der gedanke an die aufnahme durch die sinne kann auch zurücktreten, so dasz wahrnehmen
mehr ein innerliches in betracht ziehen, erwägen, beachten bezeichnet. I@2@f@aα)
mit dem genetiv: manec biutet d'ôren dar: ern nemes ouch mit dem herzen war, sone wirt im niht wan der dôʒ. Hartm. v. Aue
Iwein 252; dô nam er ir beider war, ir gebærde unde ir muotes: dône vander niht wan guotes. 4386; nement mînes rates war, ir fürsten ritter unde kneht. ob mîn munt iuch râte reht, dâ sehent endelîchen zuo.
Reinfrit. v. Braunschweig 9780; sehet, dicz ist mein zarter sone! des willen söllet er alle thon ... was zornes ich hatte uf gelacht, sehet, den hot hie gestillet gar: des nemmet siner lere ware!
Alsfelder passionsspiel 535
Grein; desz herrn saim. sanct Petrus schat, sanct Paulsen klaid, jedes sein statt mit wunderzaichen machet klar, wer wolt, nem rechter ursach war. J. v. Schwartzenberg 132, 2; ein predig ... die unsz lert fürsichtigklich warnemen des ends im anfang eins yegklichen wercks. Tauler
predigen (
Basel 1521) 5
b; die mächtigkeit und guothayt gotes wirt nit minder erkant in dem aller klainsten tier, der des warnemmen wil, dann in dem aller grösten. Keisersberg
predigen (1510) 46
b; wie offt du unser feinde plagest, thustu solches uns zur zucht, das wir deiner güte mit vleis warnemen, ob wir gerichtet würden, das wir doch auff deine barmhertzigkeit trawen sollen.
weisheit Salom. 12, 22; das man weis, das gott sey, ist inen offenbar, denn gott hat es inen offenbart, damit, das gottes unsichtbares wesen, das ist, seine ewige krafft und gottheit, wird ersehen, so man des warnimpt, an den wercken, nemlich, an der schepffung der welt.
Römer 1, 20; darumb sollen wir deste mehr warnemen des worts, das wir hören, das wir nicht da hin faren ... wie wollen wir entfliehen, so wir eine solche seligkeit nicht achten?
Hebräer 2, 1; das erste, nemlich die gebot, gehen uns nicht an, aber des andern sollen wir mit hertzen warnemen und Mosen darumb lesen, das so treffliche und tröstliche zusagungen darinnen geschrieben stehen. Luther 3, 168
a Jen. ausg.; dieser regel mus man offt in der schrifft warnemen, das von gott geredt wird, wie wirs fülen. 4, 46
b; ich hab seynes wandels so eben war genommen, das ich weys, das ich war sage dar
an. Eberlin v. Günzburg 2, 45
neudr.; uff ein zeit hat Amurates .. ein wascha in Italiam gsandt, der christen glauben und ceremonien zuo erkundigen. da ist er ... inn die recht pfarrkirch gangen und der christen andacht und ceremonien wol wahrgenomen. Frey
gartengesellschaft 14, 9
Bolte. mit persönlichem genetiv: derhalben, ir heiligen brüder, die ir mit beruffen seid, durch den himlischen beruff, nemet war des apostels und hohenpriesters, den wir bekennen, Christi Jhesu, der da trew ist, dem, der in gemacht hat.
Hebräer 3, 1; nemet war dieses Julii, und secht, wie er ein künig .. zuosein begert, auch solchs erlangt hat. J. v. Schwartzenberg
Ciceros officia (1531) 82
a; merck wie die tugent würt genöt. des Zacharie nimm ich war (
habe ich im auge), der zwischem tempel und altar erschlagen ward durch pöse schar. J. v. Schwartzenberg 156, 2
a. I@2@f@bβ)
seit dem früheren nhd. kommt statt des genetivs auch der accusativ vor: er (
Brant) hat ein schifffart uffgerist, do findt ein yeder, wer er ist; was yeder sy, würdt er bericht, der eben war nympt syn gedicht. Murner
narrenbeschw. 1, 38
neudr.; da mit aber der mensch mannigfaltig prüefe, warnem, merk, empfind und erkenn väterlich lieb in
got. Aventin
bair. chr. 1, 46
Lexer; es understuond ye ein stat die ander uber alle masz zuo schedigen, darumb sye alle zuo abgang kamen und verderbt seind, das sy doch nye wargenommen, untz solches beschehen und zuo verhtten zuo spot worden ist. Boner
Justinus (1531) 31
b; derselbigen länder innwohner leben, sitten, gebräuche .. zu observieren und warzuonemmen. Rauwolf
raisz (1582),
vorrede a 4
b; wer nun vollkommner abgescheidenheit adel und trutz mercken will, der nehme Christi wort wahr, .. da er sagt: es ist euch nütz, dasz ich von euch gehe. G. Arnold
leben der gläubigen2 (1732) 31; geh in dich, nimm dein ende wahr! wirst nicht noch einmal hundert jahr. Mörike 1, 207 (
der alte thurmhahn). I@2@f@gγ)
auch auf etwas wahrnehmen
kommt in diesem sinne vor: ich vörcht, der endkrist sy nit wyt. das man das merck, so näm man war uff dry ding, unser gloub stat gar uff applosz, bücher, und der ler, der man yetz gantz keyns achtet mer. Brant
narrensch. 103, 94; spricht der widerteyl, man söll uff syne werck warnemen und nit uff den wandel. Riedrer
spiegel der rhetoric 17
b. I@2@f@dδ)
anknüpfung eines abhängigen fragesatzes: och nam er war, wie was gebærde unde ir wort. W. v. Eschenbach
Parzival 33, 15; swer zühte hât, der ist ir gouch. nemt war, wie gar unfuoge für sich dringe. Walther 24, 8; wir hân wol genomen war umb die sache wie sî lît.
Reinfrit v. Braunschweig 9820; und die vil eben nemen war zuo dem urbar, waʒ man dâmit begê. Ottokar
österr. reimchron. 26842
Seemüller; bist du mit grober sünd der welt bey dir und sünsten nit vermelt, nimm war dabey woll wer du bist, in mancher sünd di gaistlich ist. hab acht auff aigen leib und eer und wie dein grund in gott sich ker. J. v. Schwartzenberg 111
b, 2; wann tringken fast söll seyn ain kunst, und bey den leüten machen gunst. nem wir recht war was das bedeüt, kain sünd macht ungeschickter leüt. 157, 1
b; es sal auch yderman warenemen wen er herberge, und in siner husunge wole fursehen vor fuer legen und andere sachen.
Frankfurts reichscorrespondenz 1, 199 (1411)
Janssen; edann sie (
die jünglinge) die frawen sachen, Pampinea mit lachendem munde an hub und sprache: lieben frawen, nempt ware wie sich dan gelüke schiket zuo unserm anfang und in unser trübsale uns hilflichen ze sein.
decameron 12, 16
Keller; Maria sein mter hatt disze wort allesammt gefasset und behalten und sye hyn und här gerüttlet und gewägen in irem hertzen und wargenomen, was sye uff inen getragen haben. Keisersberg
postill 1, 22
b; in allen yetz gesagten guotheyten, dye wir andern beweysen, ist sonderlich war zuo nemen, wesz einem yegklichen allermeyst not sey. J. v. Schwartzenberg
Ciceros officia (1531) 13
b; ihr hättet warnehmen, oder in acht nehmen, sollen, mit was für einem mann ihr redetet. Ludwig 2369; zum funfften soll man inn beschedigungen oder verletzungen war nemen, ob die verdacht person auss neidt, feindtschafft, vorgeender trou oder gewartung einichen nutz zu der gedachten missethat ursach nehmen möcht.
Carolina art. 25; tzu dem andern soll er warnemen, ob yemant tauglich sey undter den armen, andern zu dienen. Eberlin v. Günzburg 3, 26
neudr.; nembt aber wahr, wann ihr nur einmahl das gebet underlasset ... ob euch nicht ohne underlasz im sinne ligen werde, ihr habt etwas vergessen? Moscherosch
ins. cura par. 93
neudr. I@2@f@eε)
absolut: lieber sun, nim war und lere wisheit bi mir und sich, wie ich tuo. Königshofen,
städtechron. 8, 493, 5.
mit reflexivem dativ: dan man findt oft ain alten kriegsman, der vil in kriegen ist gelegen, im vil war hat genumen, dem got auch von natur ain gueten verstand hat geben, der nur ain nuzlichen rat, wo er gefragt wird, künt geben. Aventin
werke 1, 249, 4. I@2@gg)
in der mystischen und der sich anschlieszenden theologischen litteratur wird wahrnehmen
auf die innere selbstbeobachtung des menschen bezogen: wer nû wil vinden lieht und underscheit aller wârheit, der warte und neme war dirre gebürte in im und in dem grunde.
mystiker 2, 12, 32 (
meister Eckhart); der geist macht lebendig, das ist ein innerlichs befinden der rechten warheit. dʒ solt du gar fleissigklich warnemen in dir. Tauler
predigen (
Basel 1521) 17
b; nym deins herczen offt im tag war, vindstu bösz auff der mül deins herczen, das treib ausz und schüt guots darauff. Nider 24
guldin harpffen 4
a.
mit reflexivem genetiv: musz ein jegelich bruder sin selbes mit sunderheite warnemen, waruf er von naturen geneiget si oder wes er sich von sin selbes angenommenheit underwunden habe.
gottesfreund 2, 215, 17
Rieder; darumb nützet in sich selbst sehen und sein selbst warnemen. Staupitz 1, 181
Knaake; kehr in dich und nimm dein selbst wahr. G. Arnold
leben der gläubigen (1732) 34. IIII. wahrnehmen '
seine aufmerksamkeit auf etwas richten'
erscheint dann in verschiedenen übertragenen gebrauchsweisen, indem zu dem bedeutungsmoment des achtgebens noch andere hinzutreten, die die grundbedeutung in verschiedener weise variiren. während das wort in der eigentlichen bedeutung jetzt abgekommen ist, lebt es noch z. th. in den übertragenen, wenn auch namentlich nur in bestimmten wendungen. II@11)
die bedeutung '
rücksicht nehmen auf etwas'
steht der grundbedeutung sehr nahe. II@1@aa)
besonders in negativem sinn (
vgl. I, 2,
e, α): er was verschrôten, mit bluote berunnen gar. des nam si vil lützel war: sî kust in als er wære gesunt. Wirnt v. Gravenberg
Wigalois 197, 33; wir nemen (leyder) gröblich war des krysten glouben nott und klag. der myndert sich von tag zuo tag. Brant
narrensch. 99, 10; das stuck haben wyr aber leyder nicht geachtet noch dieser warnung wargenomen. Luther 14, 32, 24
Weim. ausg.; kommen und lassen uns in schlahen mit der zungen (also schlahen si uf disen tag) und nit nemen war aller siner red. Schade
satiren 3, 28, 33; dweil der selb pfarrer weder der zeit noch des jars warnam noch wiszte, so verkündet er auch den bauren weder fasznacht, fasten, ostern noch andere festag des jars. Frey
gartengesellschaft 23, 27
Bolte. II@1@bb)
aber auch ohne negation, noch im 17.
jahrh.: ir hant an mir die sippe genomen frúntlichen war, das ir mir dise herren gar, riche und arme die hie stant, und iuch ze frúnd gewonnen hant gar nach mines herzen gir. Rudolf v. Ems
Willehalm 2483
Junk; will ein juncker seyn und sein vater war ein schneider: da er doch billich seines herkommens warnehmen .. solte. Philander (1650) 1, 59; richte dein herz zu gott auf, so wird dich der menschen verachtung nicht betrüben ... es gehen dir solche geringe sachen darüm so sehr zu herzen, das du noch fleischlich bist, und der menschen mehr, als du solst, wahr nimst. Butschky
hd. kanzelley 729. II@1@cc)
damit berührt sich die bedeutung '
in anschlag bringen': daʒ ime (
Tristan) ir hêrre Marke holt unde willic wære, noch hin ze im dirre mære niemer war genæme. G. v. Straszburg
Tristan 16311; das (
stehlen) ist nu gar ein weitleufftig gemein laster, aber so wenig geachtet und wargenomen, das über die masz ist, also das, wo man sie alle an galgen hencken solte, was diebe sind und doch nicht heissen wollen, solt die welt bald wüst werden. Luther 4, 402
a; nimm ja in der gefahr nicht unsers kleinmuhts war, der sich bey uns musz regen. S.
Dach 312
Österley. II@22)
wie lat. observare die bedeutung '
ehrerbietung, achtung erweisen'
annehmen kann, so zeigt sich das in der älteren sprache auch bei wahrnehmen: Sara diu getriwelegit ir man zu ir diwe: also diu ein chint gebar,der vrouwen nam si nindir war.
genesis 35, 23
Diemer; Jesus, du bist ain thor gar, du nembst woll bas der hern war! wie antworstu unserm hohen man?
Brixener passion 1308
Wackernell, ein hoffertiger .. mensch kame zuo Leiptzig in ein gartkuochen, wolt darinnen zeren. dweil man aber sein nit wahr nam und ime ... nit sunders vil ehr embot ... fieng es in zuo letst an zuo verdriessen. Frey
gartengesellschaft 70, 31
Bolte. besonders gegenüber gott, Christus: der keiser wîsete sînen haʒ, der im sîn herze gar besaʒ ûf die die Cristes nâmen war.
passional 686, 61
Köpke; wir wellen auch zu diser frist unser oppher pringen dar und des chunigs nemen war, wann er ist ein fürst reich, gewaltig himels und erdreich.
Erlauer spiele 2, 86
Kummer; wann böser zustand ist, da nimmt man gottes wahr, wo gutes glücke wohnt, raucht selten ein altar. Opitz
ged. (1690) 1, 35 (
Vesuvius). II@33)
ebenfalls lat. observare entsprechend, steht es früher für '
befolgen, beobachten'
von geboten: dô brâht diu erde dô grüen, krût mit sînem sâmen, diu sînes (
gottes) bots war nâmen. Enikel
weltchron. 386
Strauch; mein herze nimmt nur deiner satzung wahr. Opitz
bei Adelung.
mit dem accusativ: ihr seyd ein münch, der sein orden recht warnimbt. Zincgref
apophth. 35. II@44) wahrnehmen
mit reflexivem genetiv kommt bis in die neuere zeit vor. es ist zunächst '
die aufmerksamkeit auf sich richten (
oben I, 2,
g),
für sich selbst besorgt sein': das der mensch sins selbs war nem, das er siner sinnen huet oder sich selber nider truk in zorn, in nid .. dis warnemen des menschen sin selbs in im selber, e das diu untugent herus brech, das denn der mensch sich selber stilti, das weri dem menschen besser. Wackernagel
altd. predigten nr. 70, 194 (
s. 206); und lasset uns unternander unser selbs warnemen (
κατανοῶμεν ἀλλήλους) mit reitzen zur liebe und guten wercken, und nicht verlassen unsere versamlung, wie etliche pflegen, sondern unternander ermanen.
Hebr. 10, 24; ir menner von Israel, nemet ewer selbs war (
προσέχετε ἑαυτοῖς. Zainer: vernemt eúch) an diesen menschen, was ir thun sollet ... lasset ab von diesen menschen, und lasset sie faren. ist der rat oder das werck aus den menschen, so wirds untergehen. ists aber aus gott, so könnet irs nicht dempffen.
apostelgesch. 5, 35.
daraus entwickelt sich dann die bedeutung '
sich vorsehen, hüten': ihr müst euer bey ihm wahrnehmen oder euch für ihn hüten,
you must beware of him. Ludwig 2369; der sein nicht wahrnimmt,
incautus. Kirsch 378
b; nehmet euer wahr,
prenez garde à vous. Rondeau; es weren eitel mörder drinnen, darumb möcht er seiner wol warnemmen und sich fürsehen. Luther
tischr. 389
b; nement üwer war von den falschen propheten, wölche zuo üch kommen in schafkleidern! (
Matth. 7, 15. Zainer: mit fleisz hútet euch. Luther: sehet euch fur.) Schade
satiren 3, 7, 28; so bald er zuom stall eingeht und sein nit wahr nimpt, so ist das füllin fast hungerig, .. erwüscht das grasz und alles mit einander, beiszt damit dem armen teufel den gots böszwicht .. hienweg. Frey
gartengesellschaft 31, 25
Bolte; also kam nun wie gemelt don Kichote uff den Biscainer zu, so seiner gnugsam wahr nahm, seinen degen in der höhe führte und mit dem küssen sich wol bedeckete.
junker Harnisch 100; o mensch, nimm stündlich deiner wahr, entkomm durch busse der gefahr, sie giebet ruh in dieser zeit, und dort die seligkeit. S. Dach 170
Österley. II@55)
sehr verbreitet und noch jetzt in bestimmten wendungen erhalten ist die bedeutung '
für etwas sorge tragen, sich einer sache annehmen': warnemmen, sorg haben, versorgen. Emmelius
sylva Oo 6
b; wahrnehmen,
haver, prender riguardo, riflesso, riguardare, v. acht, sorge. Krämer 1205; einer sache wahr nehmen,
rerum suarum satagere, curam habere. Stieler 2410; wahrnehmen, für etwas sorge tragen,
avoir soin d'une chose, avoir égard sur qu. ch. Rädlein 1026; wahrnehmen,
prendre garde, avoir soin, veiller, considerer, faire attention, avoir égard. Rondeau; '
sorge für etwas tragen, mit dem genetiv; im hochdeutschen mehr in der dichterischen schreibart'. Adelung,
auch das ndl. kennt waarnemen
als '
wofür sorge tragen, wofür eintreten, (
von geschäften)
etwas versehen, verwalten'. II@5@aa)
von personen: einiger wahrnehmen, andrer nicht,
parti civium consulere, partem negligere. Nieremberger; des kindes, des kranken fleiszig wahrnehmen,
avoir soin d'un enfant, d'un malade. Rondeau; die andern zwêne niht vermiten, sine trüegen trinken und eʒʒen dar, und nâmen ir mit dienste war. W. v. Eschenbach
Parzival 237, 20; von gesinde noch von gesten wart geherberget nie sô wunneclîchen alse hie ... dar zuo sô nam ir Marke war sô grôʒe und alsô rîche, daʒ si alle rîliche lebeten unde wâren frô. G. v. Straszburg
Tristan 606; Isac und Rebegkâ gewunnen wol mit freuden da .. zwei reht schœniu kindelî
n. diu mohten in wol liep sî
n. diu frou alsô klâr nam der kind war. Enikel
weltchron. 4310
Strauch; sie wolten pei dem pfarrer nachten .. der pfarrer nam ir aller war und pot in allen grosse eer.
pfarrer v. Kalenberg 1773
Bobertag; got hat dir gebotten, du solt warnemen deren heyligen und frummen christen, dieweyl sie auff erdreych leben, und yhnen guts thun umb gots willen. Eberlin v. Günzburg 3, 25
neudr.; dasz sie ... nicht wider zu uns kommen könte, wiewohl ihr der haubtman befohlen hatte, unserer wahr zu nähmen. Zesen
Sofonisbe 259; weil ich keinem geistlichen unterworffen, der meiner gepflegt und wargenommen hätte.
Simpl. (1669) 471
neudr.; Reineke sagte darnach: frau Ermelyn, nehmet der kinder (ich empfehl es euch) wahr, vor allen andern des jüngsten, Reinharts. Göthe 40, 47 (
Reineke 3).
von gott '
beschützen, bewahren': herr gott, erbarm dich über mich ellenden durch die magt, die dich gebar: bös begir tuo an mir wenden, nimm min mit gnaden war. Hugo v. Montfort 28, 672
Kummer; herr gott, gib mir din ewig rich, nimm min mit gnaden war! 38, 148; der blöden und sehwachen nyhm war, das in kein übel widerfar.
M. Weisze,
Wackernagels kirchenlied 3, 355, 9; so steh yhn bey und nyhm yhr war, das ihn kein schaden widerfar, vonn feinden ser verhawen. 3, 356, 5; doch als kein hoffen war, hast du, herr, meiner war genommen. Weckherlin 1, 399 (
ps. 142, 3)
Fischer; so wird gott mit euch sein und euer nehmen wahr, euch segnen land und leut, für einfall euch beschirmen. Opel
u. Cohn
30jähr. krieg 204, 52; das lamm im stuel nehm' ihrer war und weide sie für allen, dasz keine trübsal und gefahr mög' ewig auff sie fallen. S. Dach 310
Österley; ein gott ... gebot den mördern ruh; nahm des verlasznen wahr. Gotter 2, 400.
mit reflexivem genetiv '
für sich sorgen': ich habe schon genug zu thun, meiner selbst wahrzunehmen,
I have enough ado to take care for my own self. Ludwig 2370; hastu so ein guoten raum und zeyt .. dein selbs zuo warten oder wahr zuo nemen gehapt und ander leuten müssen wachen. Frey
gartengesellschaft 18, 4
Bolte; hatte der (
gefangene) fuchs seiner selbs wargenommen und war unterdesz entlauffen. Kirchhof
wendunmuth 4, 263
Österley; deiner selbst (
hast du) nicht wargenommen, nichts gegeben auff den frost, bist aus keinen kleidern kommen, hast genommen schlechte kost. S. Dach 672
Österley. früher auch gern ironisch '
jemand vornehmen' (
vgl. den ironischen gebrauch von jemand es besorgen
u. dgl.): mit im (
Salatin) gar die Sarracin stritten ritterlichen gar, si namen mit haʒʒe der Cristen war.
Ludwigs kreuzfahrt 4251
Hagen; man hort sein swert erchlingen so werleich in der veinde schar, er nam mit swinden slegen war der veinde auf der widerpart. Suchenwirt 13, 62
Primisser; lasz uns nemen der atzeln war, sprach die frowe zuo der magt, sy hat als vil geklafft und clagt, darumb muosz sy haben ungemach. H. v. Bühel
Dyocletianus 2570
Keller; gott Zebaoth, o herr, erwache, Israels gott, ertheile rache, such' auff die heiden; nim doch war der übelthäter bösen schaar. Opitz
psalmen Davids 110, (59, 3).
mit dem accusativ: zugen dran im namen des herren, durchs Engadin tettens kerren, die fiend woltens nemen war. J. Lenz
Schwabenkrieg 116
b; also und schröcklicher hat dich der stoltze feind oft wahrgenommen, dasz bessere füsz er für sich als hände wider dich bekommen. Weckherlin 1, 123 (
od. 1, 5)
Fischer. II@5@bb)
von dingen: des leybs gesundheit pflägen oder warnemmen,
corpori vacare. Maaler 484
c; der gesundheyt wahrnemmen, seine gesundheyt in achtung haben. Emmelius
sylva Oo 6
b; der gesundheit wahrnehmen,
valetudinem curare, valetudinis rationem habere. Dentzler 2, 341
a; seiner gesundheit, seines nutzens wahrnehmen,
inservire valetudini, suis commodis. Nieremberger; der gemeinen wohlfahrt wahrnehmen,
omnibus consulere. ebenda; seines gerüchtes wahrnehmen,
avoir égard à sa renommèe. Rädlein 1026
b. II@5@b@aα) '
sorge tragen für etwas': man hete sich gepînet dar ûf mit hôhem flîʒe gar, daʒ man ir dinges neme war nâch volleclichen êren. man kunde ir fröude mêren mit wunneclîchen dingen. Prîant der hieʒ ir singen, tambûren, harpfen, gî
gen. K. v. Würzburg
troj. krieg 23190
Keller; solle er auch bei freunden seiner sachen wahrnemmen, und nicht jederman alles offenbaren. Zincgref
apophth. (1639) 1, 110; mögen doch andre ihre sachen wohl oder übel machen! wir wollen unsrer eigenen angelegenheiten wahrnehmen. Wieland
Lucian 6, 323; wir menschen leben gantz on wytz, das wir der sel nît nämen war. des libs wir sorgen yemer dar. Brant
narrensch. 85, 145; lere unsz der seelen und des hymelischen erbteyls alleyn warnehmen. Luther 7, 221, 10
Weim. ausg.; solches (
in versuchung fallen) kan auch euch wiederfahren, wann ihr eurer seelen nicht besser wahrnehmet. Harsdörfer
ars apophth. 20; weil also auch deine (
seele) so hoch zu achten, warum nimst du ihrer nicht besser wahr? Butschky
hd. kanzelley 743; meins husz nim ich gar wenig war. Gengenbach 63 (10
alter v. 343)
Gödeke; Eneas noch kein schlaff hett gnommen: er nam des schiffs und segels war und setzt sich zu dem ruoder dar.
Vergils Aeneis übers. v. Murner (1559) h 7
b; wir sond .. alle von dem kiel gan in das gebirg, den allein der mariner sol in dem kyel beliben und sin war nämen.
volksbücher 131, 2
Bachmann u. Singer. mit angeschlossenem nebensatz: swen der ander tac erschin, daʒ man des war næme, daʒ meniclich ze velde kæme. Ottokar
österr. reimchron. 15481
Seemüller; an den barten unde ouch an den granen sol man ouch des nemen war, daʒ dâ iht zu wênic sî oder ubermâʒe.
statuten des deutschen ordens 40, 8 (
regel 12)
Perlbach; zünftmeister, die da solten warnemen, dasz sich der rat keins gewalts in der stat unterstund. Meisterlins
Nürnberger chronik, städtechron. 3, 135, 24; er muosz mit grossem fleysz warnemmen, das er zuo allen zeyten in grosser grundloser demütigkeit bleyb.
leben Tauleri in dessen predigen (
Basel 1521) c 6
b; hiet dich und nim war, das du dich am meisten vor den kleinen schuldneren (
hietest). Thomas Platter 93
Boos; doch solt du dabey nemen war, wan nun das pulfer an wirt gan, das Tewrdannck nit kome darvon.
Theuerdank 58, 26; die .. furent zuo kunig Rudolf .. und sprachent zuo ime, daz er darzuo ware neme, wie er den trugener vertribe. dete er daʒ nüt, schiere alles tutsches lant würde im huldende. Closener,
städtechron. 8, 45, 32; wer viermahl ungefehr erreichet sieben jahr, der such ein eignes nest, und nehme fleissig wahr, was seinem bette dient. Rachel
sat. ged. 36 (3, 4)
neudr. II@5@b@bβ) '
behüten, wahren, wofür einstehen': eʒ muoʒ under uns beiden got ze rehte scheiden. dem wil ichʒ bevelhen gar: wand er nam ie des rehten war, ân in kan ich niht strîten. Wirnt v. Gravenberg
Wigalois 78, 18; sprack Reynke: om, gy segget recht. id is best, dat ik kome dar unde mynes rechtes neme war.
Reinke de vos 1314 (Göthe: meines rechtes selber zu wahren); du trauest dir zu sehr.nimm deiner wohlfahrt wahr! wer bösen meistern folgt, begiebt sich in gefahr. J. E. Schlegel 321 (
Herrmann 1, 2). der alte pförtner ... nimmt endlich des verdienstes wahr: 'was stehen sie so fern?bin ich nicht werth, dasz man das wort mir gönne'? Gotter 1, 169; alsbald schlieszt uns der engel schaar mit freud in ihrem bogen und nehmen unsrer seelen wahr, die, wann sie ausgeflogen, in ihre hutmit stillem mut zu gott kommt angezogen. P. Gerhardt 291, 63
Gödeke; nimm meines lebens gnädig wahr; auf dich hofft meine seele, sei mir ein retter in gefahr, ein vater, wenn ich fehle. Gellert 2, 141. II@5@b@gγ) '
bewachen': und nemmet wol des grabes war, dasz die jungern icht kommen dar und steln uch den toden man!
Alsfelder passionsspiel 7013
Grein; so hette her gereite bestalt mit den Taberiten ... wanne sich das geleuffte hube, das sy danne mete zu louffe und helffe solden, und des ratis husz war neme solden, das danne der von Proge beste werr und der schatcz ist. Stolle
chronik 1; man hatte für eine wächterin gesorgt, welche in der ersten zeit des leichnams wahrnehmen sollte. Göthe 17, 408 (
wahlverw. 2, 18). II@5@b@dδ)
die verbindung mit dem genetiv kommt im 18.
und 19.
jahrh. in poetischer und gehobener sprache noch vor (
s. oben die belege aus Gellert, J. E. Schlegel, Wieland, Gotter, Göthe),
doch wird schon vom 17.
jahrh. an daneben auch der accusativ gesetzt: die da meinen, dasz das weibliche geschlecht zu anders nichts geschaffen, als dasz sie die kammer, die küche, die keller und kisten sollen warnehmen. Weidner
apophth. 4, 189; die guten leute hätten ihre sachen besser können wahrnehmen, als dasz sie nun in diesem lumpen-städtgen nicht viel herrlicher als die bauren leben müssen. Weise
erznarren 197; ihre pferde aber wurden dem wirthe anvertrauet, solche wohl wahr zu nehmen.
Plesse 1, 119; aber der sauhirt nahm nicht dort sein lager, entfernt den schweinen zu schlummern; sondern hinauszugehen bewafnet er sich; und Odysseus schauete froh, wie besorgt sein gut, des entfernten, er wahrnahm. Voss
Odyssee 14, 527.
üblich sind namentlich noch die wendungen jemandes bestes wahrnehmen, interessen
u. dgl. wahrnehmen: ich mache ihnen hiermit den vorschlag, den reis so schleunig als möglich hier zu verkaufen, wobei ich gewisz ihr bestes aus allen kräften wahrnehmen werde. L. Weyl
der praktische kaufmann (1844) 2, 112; Jenatsch erklärte ihm ruhig, er habe als freund sein bestes wahrgenommen. C.
F. Meyer
Jürg Jenatsch 136; eine commission, welche unter der leitung Margarethas das österreichische interesse nach allen seiten hin wahrnahm. Ranke
deutsche gesch. im zeitalter d. reform. 1, 365; die diplomatie hat dort thätiger als jemals ihre geburtstümlichen interessen wahrgenommen. Heine 5, 57 (
französ. zustände)
Elster; die abwägende gerechtigkeit, mit welcher wir, nicht etwa die interessen der einzelnen regierungen, sondern die wohlbegründeten forderungen der einzelnen stämme .. wahrzunehmen beflissen waren. Haym
die deutsche nationalversammlung 57. rechte
u. dgl. wahrnehmen (
vgl. oben β des rechtes wahrnehmen): vom göttlichen geiste sey er auf diesen stuhl erhoben worden, mit der pflicht die immunitäten der kirche, die gerechtsame gottes wahrzunehmen. Ranke
die röm. päpste 2, 323; der eid ward allerdings zunächst dem kaiser geleistet: in der formel verpflichtete man sich aber zugleich die ehre und den nutzen des h. reiches wahrzunehmen.
deutsche gesch. im zeitalter der reform. 1, 458. II@5@cc)
etwas anders ist der gebrauch von wahrnehmen,
wenn der von dem verbum abhängige genetiv (
später accusativ)
auf etwas auszuführendes hindeutet. die bedeutung nähert sich dann der von '
verwalten, ausüben, ausführen'.
so wird auch im mnd. war nemen
gebraucht: he heft siner misse stedeliken waer ghenomen.
Münstersche chronik 2, 441
bei Schiller-Lübben 5, 601 (
daneben auch mit dem accusativ: he heft de misse und godsdenst vlitigen wair genomen. 2, 438
ebenda). II@5@c@aα) ich kann dessen nicht wahrnehmen, es ist des dinges zu viel für mich,
I would not take care of that business. Ludwig 2, 369; wo bistu nu, Michael ein engel clar? ganck her und nimme des war! nim Luciper den hellenhunt und bint en in der helle grunt!
Alsfelder passionsspiel 7232
Grein; swer wil gemaches nemen war, dern kum an solch bette niht: gemaches im dâ niemen giht. W. v. Eschenbach
Parzival 569, 12; von danne chert ich zu der stund und nam der widerverte war. Suchenwirt 25, 369
Primisser; denn wer ein andern jagen wil mus warlich auch nicht sitzen still, sondern mit allerley gefahr der widerstehung nehmen war und fürchten, dasz der ander auch (dieweils im gilt) sein faust gebrauch. Ringwald
laut. warh. (1598) 121; Empanda nimmt für sich des ackerbauen wahr. Fleming 150; darzuo so ist die geschrift gar úbele zuo lesende: der es noch schriben sol, der muos der sinne warnemen.
gottesfreund 2, 70, 11
Rieder; darumb, lieber bruder, nym christlicher freyheit wol ware, und fasse die wurtzel wol, so magstu die vast gebrauchen. Eberlin v. Günzburg 2, 48
neudr.; also hat er von jugent uff der kirchlichen haltung wargnummen, und ist im der ketzer gmeinschaft gar abschülich worden. Hedio
chronica der christl. kirchen (1530) 48
a; in dem gespräch kam die wacht, und verstendigt den könig, dasz sie der hinderhut wargenommen, und die feinde nahe bey der statt waren.
Amadis 94
Keller; und dasz, eh ich des neuen etwas ihr (
der liebsten) wünschen soll, sie doch erst mir der wünsche nehme. der alten, wahr. Rückert
ges. ged. 4, 161. II@5@c@bβ)
gelegentlich auch von concreten '
sich bedienen, gebrauch machen von etwas': herr (
Pilatus), nu tret her in den sal und nempt des zepters war und nempt dye kron in dye hant.
Sterzinger passion 1296
Wackernell; nembt der heyssen speys eben war und enthalt eüch von der kelt gar.
Theuerdank 70, 33. II@5@c@gγ)
von tugenden '
erzeigen, ausüben': do enbôt ouch hêr Gâwan .. al der massenîe gar, daʒ si ir triwe næmen war und daʒ sim künege rieten kumn. W. v. Eschenbach
Parzival 626, 4; das volck ist unstät wie ein ror im wyer, bwegt sich hin und har, trüw, ehr und eyd nimpts wenig war.
tragoedia Joannis (
Basel 1549) E 6
a; einst entsproszte das goldne geschlecht, das von keinem gezüchtigt ohne gesez freiwillig der treu und gerechtigkeit wahrnahm (
fidem rectumque colebat). Voss
Ovid 1, 9; doch vorerst dieses halbe jahr nehmt ja der besten ordnung wahr. Göthe 12, 97 (
Faust I). II@5@c@dδ)
üblich ist jetzt namentlich seines amtes wahrnehmen: ein jeder musz seines amts und seiner pflicht-schuldigkeit fleiszig wahrnehmen,
every one ought diligently to comply with his office, charge or duty. Ludwig 2369; wo der (
geiz) ist, kans nicht geschehn, das er des ampts warnehme und warte. Luther 9, 593, 24
Weim. ausg.; wo aber ein herr odder fürst solch seines ampt und befelhs nicht war nympt ..., der gehort unter die heyden, ja er ist ein narr. 19, 648; nehmt eures amtes wahr, zum tempel laszt sie nicht! Gotter 2, 382; ob es unanstöszig sei, dasz eine meist aus laien zusammengesetzte behörde die staatskirchlichen befugnisse wahrnehme. E. Friedberg
die gränzen zwischen staat und kirche 1, 213. II@5@c@eε) geschäfte, verrichtungen
u. dgl. wahrnehmen: es ist ziemlich bekannt, dasz ich mich an industriellen unternehmungen nicht betheiligt habe, um schätze zu sammeln, sondern lediglich um mir zu ermöglichen, ohne vermögensverluste meine parlamentarische thätigkeit wahrzunehmen. v. Kardorff
bei Glagau
des reiches noth 68; so steige ich ab, um das protokoll (
über den selbstmord) aufzunehmen .. nachdem ich das erforderliche wahrgenommen, besteige ich wieder meinen wagen. Liliencron
sommerschlacht 37.
als '
versehen': die theologische fakultät in Bonn .. besteht, so viel ich weisz, jetzt aus einem ordinarius und die übrigen fächer werden notdürftig von privatdozenten wahrgenommen. Windthorst
bei Flathe
deutsche reden 2, 235. II@5@dd)
besonders anzuführen ist ein schlesisches sich wahrnehmen, '
sich worum kümmern, sich einer sache annehmen'
mit dem accusativ: Hannes hat manchmal recht zu leiden gehabt — unter meinen launen. er hat mir oft genug leid gethan. aber man kann eben nicht gegen seine natur: das ist das unglück! man war allzu sicher. man hat sich's nicht wahrgenommen. Gerh. Hauptmann
eins. menschen 4 (
s. 78); die mutter war so überglücklich, dasz er hier ein so schönes unterkommen gefunden hatte. und nun .. nun weisz er sich das so wenig wahrzunehmen.
weber 4 (
s. 77); das mädel ist gutt .. schuften kan se mehr wie vier männer. daderbei nimmt se sich Gusteln wahr: mehr kennte de mutter au nich machen.
fuhrm. Henschel 2 (
s. 40); ihr nehmt euch die schenkstube ebens nich wahr. wenn ihr euch das geschäfte thät wahrnehmen: ausgeborgt miszt't ihr schonn haben 's geld. 3 (
s. 50).
vgl. westfäl.: he niemt sik dat wâr,
er benutzt die gelegenheit. Woeste 316. II@5@ee)
kaufmännisch heiszt es seine kosten, auslagen wahrnehmen,
sich gleich dafür bezahlt machen, indem man sie von geld, das man in händen hat, abzieht. II@5@ff)
hier ist wol auch anzuschlieszen das seemännische wahrnehmen (
nd. wrnemen),
etwas in empfang nehmen (
eigentlich wol: die sorge dafür übernehmen). Stenzel
seemänn. wb. 457
a. II@66)
am üblichsten ist jetzt, von der dritten hauptbedeutung abgesehen, wahrnehmen
in wendungen wie der zeit,
häufiger die zeit, wahrnehmen,
ausnutzen, nicht unbenutzt verstreichen lassen. es ist hier auf die sinnliche anschauung des aufpassens, auflauerns (I 2,
c)
zurückzugehen, wie sich das noch aus den bestimmungen der wörterbücher ergibt: der zeyt warnemmen,
observare et aucupari tempus. Maaler 484
c;
observare tempus, der zeit wahrnemmen, auff die zeit achtung geben. Dentzler 714
b; der zeit wahrnemen,
tempus aucupari, dispensare tempora. Stieler 1365; ihr müszt der gelegenheit wahrnehmen,
you must take your time, you must watch an opportunity. Ludwig 2370; seiner schanz wahrnehmen,
veiller sur ses interêts, profiter de l'occasion. Rondeau. II@6@aa) darzwischen nimb deinr schantz auch war, reicht dir jemands ein becher dar, da noch in ist ein portion, so lasz in deinen kragen gon. Scheidt
Grobianus 1798; ich wil ... euch ermahnet haben, dasz (
in der schlacht) ein jeder seiner schantz warnehme, und dasz er sich erinnere, dasz er ein Römer ist. Albertinus
fürstl. lustgarten (1619) 1, 92; (
der räuber) fiel auch mit solchem ungestüm auf ihn, dasz er seiner wuht drey schritte weichen muste, dessen er sich vor Ladisla nicht wenig schämete; fassete doch bald wieder stand, und nam seiner schanze fleissig wahr. Bucholtz
Herkules 1, 25; wie hierzwischen das Hermanst. capitulum erfahren, dasz das reine wort gottes von tag zu tag unter ihren zuhörern sich auszbreitete .. wolten sie ihrer schantzen bey zeit wahr nehmen, damit sie nicht letzligen gantz von Hermanstadt auszgemustert, und ihrer fetten gütter mögten entsetzet werden; schickten derowegen ihre legaten. Matthias Miles
siebenbürg. würg-engel (
Hermannst. 1670) 16; der dritte der (
in den brunnen) hinein wolte, war ein fuhrmann, selbiger wolte seiner schantze besser (
als die beiden umgekommenen) wahrnehmen, liesz sich derohalben mit einem strick umbgürten und hinunterlassen. Thomasius
historie der weiszheit u. thorheit (1693) 3, 236.
ähnlich: drum sorgt vor kopff und cron; gebt acht auf eure schantzen, der himmel spielt euch zu, nehmt ihr den schlag nur wahr, gott gibt gelegenheit, ergreifft sie bey dem haar. A. Gryphius (1698) 1, 563. II@6@bb) thu, was der himmel heisset. nimm der bequemheit wahr, eh sie sich dir entreisset. Fleming 71; der stathalter und seine schwäger hatten sich an einem andern orte zur unterredung niedergesetzt; so nahm Ladisla dieser guten gelegenheit wahr, wie imgleichen frl. Sophia dieselbe nicht verseumen wolte; traten von den andern in einer ziemlichen absonderung zusammen. Bucholtz
Herkules 1, 63
a; sie nahmen der gelegenheit wahr den Galliern ihre schimpffliche dienstbarkeit stachlicht zu verweisen. Lohenstein
Arminius 1, 354
a.
mit dem accusativ: herr Hodges nahm die gelegenheit wahr, verschiedne portraits von diesen leuten zu zeichnen. G. Forster 2, 163; die kammerthür stand geöffnet für die ab- und zugehenden und ich nahm die gelegenheit wahr, mich hinaus zu machen und im freien umher zu schlendern. G. Keller 2, 76 (
gr. Heinrich); lasset heut im edeln kreis meine warnung gelten! nehmt die ernste stimmung wahr, denn sie kommt so selten. Göthe 1, 139 (
gesellige lieder). II@6@cc) o! nimm der stunde wahr, eh' sie entschlüpft. Schiller 12, 111 (
Piccol. 2, 6); da nahmen wir der musze wahr. Rückert
ges. ged. 3, 257 (1837).
mit dem accusativ: er kunte kaum die zeit warnehmen, von seiner princeszin die ursache zu erforschen. Kormart
Cassandra (1685) 430; er (
der hausirer) weis wie die frau mit dem manne steht, und nimmt die zeit wahr, jene heimlich zu bereden, wenn der grämliche wirth nicht zu hause ist. Möser
patr. phant. 1, 221; da der annähernde abend die gegend immer mehr in's dunklere zog, so nahm ich den zeitpunct wahr, ehe sie mir entwischte, ihr meinen feyerlichen segen zu geben. v. Thümmel
reise 2, 314 (1791); mein stier nahm frisch und froh dies tempo wahr, und spielte, als sie nîcht sah und fühlte, ein neues qui pro quo. Bürger 23
a (
prz. Europa); da nahm ich das tempo wahr, sprang hinaus und schlosz ihn ein. Göthe
Götz v. Berl., bühnenbearbeitung 3.
aufz. 13.
auftr. (
Weim. ausg. 13, 2, 296); dennoch nahmt ihr den augenblick wahr, als sie mit dem wetter kämpfte, euch heranzustehlen, wo sie nicht entrinnen konnte. Heyse
nov. 5, 28 (
Annina). II@6@dd) weil aber Ingram (
beim falle) das glück hatte oben zu kommen, nahm er seines vortheils so wohl wahr, dasz er dem Decebal den helm vom haupte risz. Lohenstein
Arminius 1, 148
a; Papin hätte dadurch seinen gegner rechtschaffen in die enge treiben können, wenn er seines vortheils wahrgenommen hätte. Kant 8, 126 (1747); wäre nun Laokoon blosz ein gemeiner mensch, so würde er seines vortheils wahrnehmen, und wie die übrigen Trojaner in einer schnellen flucht seine rettung suchen. Schiller 10, 165; darum hatten die höfe .. klüglich in mancherley traktaten ihres vortheils wahrgenommen. Görres
Teutschland und die revolution (1819) 11.
mit dem accusativ: lady Grey (
zu könig Eduard). und was euch nur gefällt, soll mir genügen ..
Clarence (
beyseit). ich sorge nicht, wenn sie nicht etwa fällt.
Gloster (
beyseit). verhüt' es gott! er nähm' den vortheil wahr (
for he'll take vantages).
Shakespeare Heinrich VI. 3, 3, 2. die bauern haben sicher die vortheile der neuen zeit hier wahrgenommen, sie haben sicher die laudemien und gefälle abgekauft. Gutzkow
ritter vom geist2 1, 261. II@77)
im südhannöverschen findet sich wârnömen
als '
worauf gefaszt sein, sich etwas gefallen lassen' (
eig. erwarten). Schambach 287
z. b.: wër't goue (
gute) verleif nümt, dei maut det slechte âk wârnömen. IIIIII.
die im nhd. vorwiegende bedeutung von '
bemerken, inne werden'
tritt schon im mhd. auf und macht sich im 16.
jahrh. bereits stark neben der ursprünglichen von '
auf etwas acht geben'
geltend, obgleich sie damals noch nicht allgemein herrschend ist, so gebraucht z. b. Luther wahrnehmen
noch in der älteren bedeutung und unterscheidet es von gewahr werden.
später fallen die beiden verba aber mehr und mehr zusammen, abgesehen von den resten der älteren gebrauchsweisen von wahrnehmen.
die schriftsteller gebrauchen entweder die verba ohne unterschied neben einander oder bevorzugen eins der beiden, wie z. b. Göthe gewahr werden,
und zwar keineswegs blosz für '
ein plötzliches und unvermutetes, oder ein minder genaues und weniger umfassendes ... wahrnehmen' (Eberhard
synon. handwb.15 568).
der verschiedene ausgangspunkt bei wahrnehmen
äuszert sich indes doch darin, dasz dies nachdrücklicher als gewahr werden
ein mit aufmerksamkeit verbundenes sinnliches oder geistiges erfassen bezeichnen kann, wie dies namentlich im gebrauch des wortes in der philosophischen sprache (6)
hervortritt, auch wahrnehmung
als '
beobachtung'
weist auf die ältere bedeutung hin. in den mhd. belegen tritt das bedeutungsmoment der aufmerksamkeit meist noch deutlich hervor: do gesach ich sitzen einen man in almitten under in (
den thieren): daʒ getrôste mir den sin, dô ich aver im nâher quam und ich sîn rehte war genam, dô vorht ich in alsô sêre als diu tier, ode mêre. Hartm. v. Aue
Iwein 422; sus begunder suochende gân und sach ein schœne palas stân .. nû nam er einer stiege war. 6434; dâ frâgter gegen Schanpfanzûn swaʒ im volkes widerfuor. hôch gebirge und manec muor, des het er vil durchstrichen dar. dô nam er einer bürge war: âvoy diu gap vil werden glast. W. v. Eschenbach
Parzival 398, 29; niht lebendes drinne (
im feuer) mac genesen, eʒn verbrinne ze pulver gar. des habt ir ofte genomen war. Wirnt v. Gravenberg
Wigalois 191, 29; swer hœren welle daʒ er nie vernæme, von mir, daʒ er ie, der hœre hie swaʒ im mîn zunge entsliuʒet und neme des süeʒen lobes war von der diu gotes kind gebar.
lobgesang 11, 5.
dann drückt wahrnehmen
aber auch ein unbeabsichtigtes, unvermutetes bemerken aus, so dasz die bedeutung sich weiter von der ursprünglichen entfernt. in den wörterbüchern wird seit dem 17.
jh. deutlich auf die neuere bedeutung des wortes hingewiesen und dieselbe wol auch (Krämer, Rädlein)
von der älteren unterschieden (
s. die angaben unter I, 2,
a). III@11)
wie wahrnehmen
in seiner ursprünglichen bedeutung seit dem frühnhd. auch mit dem acc. verbunden wird (
oben sp. 946),
so tritt diese construction auch bei wahrnehmen '
bemerken'
seit dem 15.
jh. auf: hie ensleffet nicht, das nemmet war!
Alsfelder passionsspiel 3366
Grein; damit da vieng die mörin an und lasz den zedel gancz und gar, das namen all die frouwen war und sprauchen all: sin ist genuog. Herm. v. Sachsenheim
mörin 1092; von liebe wegen .. machen wir uns selbs underwürfig tusentfaltigen sorgen und angsten. nim war mich selbs, yetz wirt ich sin ain exempel, ain fabel und ruofe aller menschen.
N. v. Wyle
translationen 50, 19
Keller. doch ist im 16.
jahrh. die verbindung mit dem gen. noch durchaus das gewöhnliche (
belege s. unten 2,
a, α.
b, α.
β),
daneben steht seltener der acc. (
s. 2,
b, α.
β die belege aus Wickram, Schumann, Rauwolf, Wetzel).
im 17.
jahrh. erlangt die verbindung mit dem acc. das übergewicht. doch tritt auch der gen. noch nicht selten auf: weil sie also beyde förchteten, man möchte seiner fuszstapffen gegen dem tage warnemmen. Zincgref
apophth. 13, 9; das fräulein hatte seiner liebes-blicke in guter auffmerckung wahrgenommen. Bucholtz
Herkules 1, 32
a; ehe man des wolfs warnimt,
ex improviso. Schottel 1116 (
sprichw.); jedweder sinn und glied nîmmt meiner würckung wahr. ein kräfftig seufzer ist ein werckzeug meiner stärcke. Lohenstein
rosen 69.
im ganzen wird aber wahrnehmen
als '
bemerken'
transitiv, während sich in den unter II
besprochenen verbindungen der gen. besser hält. aus den wörterbüchern läszt sich die anwendung des gen. nicht mehr belegen. Adelung
spricht sich ausdrücklich gegen den von ihm als obd. angesehenen gebrauch aus. doch findet er sich auch später noch in der poetischen sprache: doch der mohr begibt sich nach dem lustschlosz, wo mit freudigem sinn er seines magischen flügelpferdes wahrnimmt. Platen 329 (
Abbassiden 4);
sowie in alterthümelnder prosasprache: er .. schlürfte bedächtig den unklaren stoff. des schlafenden gastes nahm er nicht wahr. Scheffel
Ekkeh. 71; aus freundschaft zu Romeias, dem wächter am thor, war er zurückgeblieben, wir hatten desz nicht wahrgenommen. 177; zugleich hatte er meiner wahrgenommen und bohrte mich mit seinen kleinen augen
an. Storm
sämmtl. werke 3, 224 (
aquis submersus).
einen eigenthümlichen reflexiven gebrauch von wahrnehmen
in passivischem sinn hat H. v. Kleist: das drängen nur verwirrter kriegerhaufen nimmt sich wahr, die im gefild' des tod's einander suchen. 1, 212 (
Penthes. 7). III@22) wahrnehmen
ist zunächst '
gewahr werden, bemerken'. III@2@aa)
die bedeutung tritt am unmittelbarsten hervor, wenn von personen oder gegenständen, die sinnlich erfaszt werden können, die rede ist und es sich um einen bloszen sinneseindruck handelt. III@2@a@aα)
verbindung mit dem gen.: als der die frawen nye gesechen noch ir nye wargenomen het (
come colui che mai guatata non l'avea).
decameron 178, 37
Keller; als aber die Indianer unser war genomen, kunden sie uns kein grösser puberey thun, dann das sie .. flohen. Schmidel
reise nach Süd-Amerika 31, 14
Langmantel; bisz er (
der junker) on gefahr die augen auffhebet, und neben der seiten im holtz einen gewapneten ritter ersahe .. dieser nun sehende, dasz der junckher seiner wargenommen, und deszhalben still schwiege, nähert er sich hinzu.
Amadis 87
Keller; Friderich ... in das frawenzymmer kam ... die hertzogin des edelmans bald wargenommen hat, in zuohandt zuo ir nider schuoff zuo sitzen. Wickram 1, 60, 1 (
Galmy 18)
Bolte u. Scheel; nach kurtzen tagen ist geschehen, dasz ihm der wirt wider bekam und desz centelons nicht war-nam und hett sein beyde augen offen. H. Sachs 17, 267, 1
Keller-Götze; sie thet sam nem sie sein nit war und ging hinein ir stras.
fab. u. schw. 5, 730, 24
Götze-Drescher. III@2@a@bβ)
verbindung mit dem acc.: jemand von weitem wahrnehmen,
apercevoir quelqu'un de loin. Rondeau; die milchstrasz ist eine grosse menge sternen die so klein sind, dasz wir sie hier unten nicht können wahrnehmen,
non le potiamo distinguere. Krämer 1205; man konte es kaum wahrnehmen,
appena era osservabile. ebenda; ich hatte das nit wahrgenommen,
non m'ero accorto di questo. ebenda; es wird nicht wahrgenommen,
it passed unobserved. Ludwig 2369; ehe ichs wahrnahm, ehe ich dessen gewahr wurde,
before I observed, or perceived it. ebenda; warnehmen, gewahr werden, sehen, entdecken, einige schiffe auf der see. Kramer (1719) 259
b; so neugete si sich nahch ihr zu, und sah' ir unter das gesichte, die mahlzeuchen ihrer trähnen wahr zu nähmen. Zesen
Rosemund 22
neudr.; indem man diese klippen zur nacht, auch durchs loot .. nicht kan wahrnehmen, geschiehets, dasz viel schiffe daselbst untergehen. Olearius
persian. reise-beschreibung 4
a; figuren, welche derselbe .. auf einer gefrornen fenster-scheibe wahrgenommen. Liscow
schriften 46; wenn sie nicht in eben demselben augenblicke den grünen zwerg wahrgenommen hätte, der auf seiner bremse angeritten kam. Wieland 11, 81 (
don Sylvio); blasz oder blutroth waren die (
gesichts)-farben, die man gemeiniglich in extremen wahrnahm. Nicolai
reise durch Deutschland 1, 139; Giafar wollte sich nun diesen empfindungen überlassen, als er auf einmal den aufgeschwollenen flusz wahrnahm, der fürchterlich einherrauschte, und menschen ... mit sich fortrisz. Klinger 5, 21; ich bekleidete mich schnell, sah hinaus und konnte erst nichts wahrnehmen als die gewöhnlichen erscheinungen der marktwelt, berge von kohl und anderen gemüsen .. aber bald sah ich, dasz niemand bei seinem waarenlager geblieben. Arnim 2, 95 (
ehenschmiede). III@2@a@gγ)
während in den meisten fällen wahrnehmen
auf den gesichtssinn geht als '
erblicken',
kann es auch auf den gehör-, geschmack-, geruch- oder gefühlssinn bezogen werden: personen, die mühlen oder wasserfällen nahe wohnen, nehmen die geräusche derselben auf die länge nicht mehr wahr. Meiners
denkkräfte und willenskräfte (1806) 1, 55; so glaubt er leicht einen schwachbitteren oder einen anderen nebengeschmack ohne weiteres wahrzunehmen. G. Valentin
lehrb. d. physiol. d. menschen2 2, II, 297; da und dort eine scheltende lippe mit dem süszen honig allgemeiner freymüthiger redensarten besalbt, dasz sie sich, wahrnehmend den lieblichen schmack, betroffen schlieszt. Görres
Teutschland u. d. revolution (1819) 59; die allerfeinsten theilchen der körper werden durch den geruch wahrgenommen. L. H. Jakob
erfahrungs- u. seelenlehre2 (1795) 96; der geruchsinn nimmt die von den riechenden substanzen ausströmenden in der atmosphäre auflöslichen theilchen wahr. Rud. Wagner
lehrb. d. speciell. physiol. (1842) 354; ersetzte ich die reibung durch anhaltendes pinseln, so nahmen zwei gehilfen und ich den tasteindruck zuerst wahr. G. Valentin
lehrb. d. physiol. d. menschen2 2, II, 296. III@2@a@dδ) wahrnehmen
als weidmännischer ausdruck bezeichnet zunächst das aufhorchen des wildes bei drohender gefahr, dann das gewahrwerden des jägers: wahrnehmen sagt man, wenn das wildpret, an welches man anschleichen wollen, einen zu gesicht oder in wind bekommen hat und also flüchtig wird. Heppe 319; gewahr werden, wahrnehmen, wird gesagt vom wildpret, wenn selbiges den jäger durch den wind vernimmt, oder gar zu sehen bekommt, so dasz es durchgehet und ausreisset.
handb. f. prakt. forst- u. jagdkunde (1796) 2, 41. III@2@bb)
in anderen fällen macht sich neben der sinnlichen erfassung doch auch die verstandesthätigkeit geltend, wenn wahrnehmen
nicht auf einen speciellen sinneseindruck, sondern auf das gesammtbild, das man von einer erscheinung gewonnen hat, geht. namentlich die neuere sprache braucht es gern von dingen, die erst durch abwägen und beurtheilen der erhaltenen eindrücke ermittelt werden können. III@2@b@aα)
bei anreihung eines abstractums. III@2@b@a@11))
im genetiv: dô kom der vâlant gegân hin für sîn bett stâ
n. dô er nam war ir beider klag, er sprach: 'vernim, waʒ ich dir sag'. Enikel
weltchron. 2155
Strauch; do hett der mayster ein sollich starck gedencken auff sein wercke damitt er umbgieng, das er der frag nit warnam. Keisersberg
predigen (1510) 11
a; wie sie gemerckt, do (
l. das) die insel mit den Griechen im bund wäre, haben sie (
die zu hilfe eilenden) sich besorgt, wo man der sach whar näme, so wurden sie ihnen die schiff anzünden. Joh. Herold
Dictys (1554) 52; hie soll man warnemmen der grossen weiblichen schwachheit und blödigkeit, bei dieser fürstin, welche ... aus einer schönen jungfrawen ein hübsche frauw gerathen ist.
Amadis 24
Keller; sie haben wargenomen der grosen lieb, die mirs königs tochter treget, Signe, das selbig sie beweget zu solchem grossen neidt und hasz. H. Sachs 13, 216, 30
Keller-Götze. III@2@b@a@22))
im accusativ: eine dunckelheit des mondes wahr nehmen,
lunae obscuritatem deprehendere. Steinbach 2, 939; als er seins gesindts weynen warnam, und sich erynnert, wie das kein gesundtheit zuo verhoffen were. Hedio
chronica der christl. kirchen (1530) 5
b; nachdem ich nun .. die grosse statt, gewerb und handlungen erkennet, ire sitten und gebraüche zimlich wargenommen. Rauwolf
raisz (1582) 131; solche seine bestürzung warnemend, zwunge sich Mirina, freundlich auszusehen. Anton Ulrich v. Braunschweig
Aramena 3, 74; mich deucht, meine herren, ich nehme in dero ... augen ... einen heimlichen widerwillen wahr. Liscow
schriften 146; wir empfinden (
bei der musik), ohne eine richtige folge unserer empfindungen wahrzunehmen. Lessing 7, 121; zwischen diesem unsern selbst und einer andern person können wir ähnlichkeiten der empfindung und der urtheile wahrnehmen. 11, 94; die miene der natürlichen antipathie, die man immer zwischen menschen von sehr ungleicher sinnesart wahrnimmt. Wieland
Lucian 1, 239; ich habe hier .. die regste theilnahme und ein festes vertrauen für Preuszen wahrgenommen. Varnhagen
denkwürdigkeiten 3, 103; seine eigne lebhaftigkeit risz ihn fort; jede unkunde, die er wahrzunehmen glaubte, jeder zweifel, der sich zu äuszern wagte, steigerte seinen eifer. 176; schon nahm man ihre (
der Jesuiten) wirkung wahr: im jahre 1561 versicherte der päpstliche nuntius, dasz 'sie viele seelen gewinnen'. Ranke
die röm. päpste 2, 32; auch nicht das geringste verständnis der arbeiterbewegung konnte (
in den berichten) wahrgenommen werden. Schäffle
aus meinem leben 1, 253; wer neben dieser pracht auch merkket die gefahr und nimmt so manchen fal des hohen glükkes war, den kommt ein schrekken
an. Rachel
sat. ged. 67 (6, 212)
neudr.; wo kluge leute zusammen kommen, da wird erst weisheit wahrgenommen. Göthe 6, 304
Weim. ausg. III@2@b@bβ)
verbindung mit einem pronomen, das auf einen vorausgehenden satz geht. III@2@b@b@11))
im genetiv: Curneval erkannt die schönen Isalden von verren, und sprach: 'ich sihe mein frawen dort her füren'. do des Tristrant war nam (
im Wormser dr. gewar ward), klaget er, das ein so unreiner masselsüchtiger man mit seiner hand den reinen leib berüren solte.
Tristrant 93, 21
Pfaff; wie zwen guot gesellen yeglicher dem anderen sein weib beschlafet, des der erst von dem andern warname.
decameron 515 (8, 8)
Keller; es bliben uff dem kirchoff sitzen nach der predig wol 40 menschen, desz hett der man wargenommen.
leben Tauleri in dessen predigen (
Basel 1521) c 5
a; Galmy dem edelman ein solchen frevelichen stosz gab, das er ... zuo boden fallen muoszt .., von dannen reiten thet. Galmy aber desz nit warnam, sonder sich versach, des dritten rits von dem edelman zuo warten. Wickram 1, 64, 24 (
Galmy 19)
Bolte u. Scheel; das .. die fraw iren schlayer abthet und den anderst wolt auff setzen. desz der mann bald wahr nam und ir die blatten ersehen het. Lindener
rastbüchlein 26
Lichtenstein; der mann aber verschluog sich in ein kamer, darausz er wol sehen mochte, was die fraw in der kuchen thete ... solch klagen sie ein guote weil trib, des der mann eben war name. Montanus 13, 14 (
wegkürzer 2)
Bolte; und also die drey nunnen in kleiner zeyt mit den zweyen gesellschafft machten. und zuo letst die eptissin, die eins solchen nit war genommen hette, eins tags spatzieren in den garten allein gangen war. 61, 1 (
wegkürzer 29).
die alte genetivform kann später als acc. angesehen werden: hat er im schlaff geredt und gesagt: 'knecht, mach mir das wammes ...' welchs die guot jungk fraw eben war genommen hat. Montanus 24, 1 (
wegkürzer 5)
Bolte; ich bitt euch aber, sagt der könig, wöllet zum wenigstens ewern helm hinweg thun. denn zumahl ohne einige antwort neiget der juncker sein angesicht mehr undersich, welchs der könig warnemmend, und dasz sein bitt nichts erschosse, bat er die jungfraw, ihn von seinetwegen hierumb anzulangen.
Amadis 68
Keller; an des churfürsten .. hoff sagte ein .. theologus, dasz Cornelius Tacitus von den alten Teutschen geschrieben, wie es bey ihnen kein schand gewesen, tag und nacht zu sauffen und voll zu sein. darum fragt ihn ein edelman, der solches wargenommen in der predigt, wie lang es, das disz geschrieben were. Kirchhof
wendunmuth 3, 121
Österley; richtet sie der fürst auff, nimpt sie bey der hand .., siehet gegen dem bild, welches also bald lachet. da der fürst solchs war genommen, mercket er gleich den betrug der jungfrauwen. J. Wetzel
reise der söhne Giaffers 120, 22
Fischer u. Bolte; diese traten alsobald, jeder in vollem plancken küris, von der scheitel bisz auf die fuszsohlen gewaffnet ... hinter einer tapezerey herfür, davon ich dergestalt erschrack, dasz ich mich gantz entfärbte. die alte nam solches wahr und sagte lächelnd ...
Simpl. 1, 371, 4
Kurz. III@2@b@b@22))
im accusativ: disz hat Felix bald wargenommen. Wickram 2, 73, 13 (
knabensp.)
Bolte; die fraw war desz spils gar sittig. das nam der herr war. 2, 93, 20; als er nun kame, gieng sie nicht weyt, sonder wincket ihm. das het der ritter wargenommen. Schumann
nachtbüchlein 106, 8
Bolte; die magt, als sie das alles von der frauwen geredt, wol wahrgenommen. J. Wetzel
reise der söhne Giaffers 29, 15
Fischer u. Bolte; das nahm der standhaftgesinnte edle Odysseus wahr, und ward im innern erschüttert. Bürger 229
b. (
Il. 5, 670). III@2@b@gγ)
anreihung eines abhängigen fragesatzes: nun was Wilhalm ouch in groszen nötten, das er nit ware hat genomen, war Vivancz komen was noch als sin her.
volksbücher 140, 35
Bachmann u. Singer; wann wir ein köstliches eingefallenes hausz eingehen und es beschawen, alszdann können wir leichtlich warnehmen, wie grosz es gewest ist, aber wir können nicht wissen, wie schön es gewest. Albertinus
fürstlicher lustgarten (1619) 1, 208; dieser orth soll eine rechte raub- und mordgrube seyn .. dann man auff der einen seiten genau wahrnehmen kan, wenn leute auff der andern seiten herunter wandeln. Olearius
persian. reise-beschreib. 249
a; als ich gleich im ersten anblick, da sie eben in solcher andacht gegen ihre arbeit begriffen und deszwegen stockstill sasze, warnam, wie künstlich und schön die hochweise unter die liebliche rosenfarb in ihrem ... angesicht gemengt und auszgetheilet war.
Simpl. schriften 4, 92, 4
Kurz (
vogelnest 2, 12); auch hast du wohl wahrgenommen, wie sehr mein herz an dieser arbeit hing. Kosegarten
Hainings briefe an Emma 1, 41; mein netz liegt hier gar zierlîch in einer schönen hand ., was es mir hat gefangen, will ich nun nehmen wahr. Rückert
ges. ged. 3, 510 (1837); III@2@b@dδ)
anreihung eines nebensatzes mit dasz: endlich nahm ich wahr, dasz es Juden waren,
alla fine li rauvisai hebrei. Krämer 1205; ich nahm wahr, dasz ihr euch hierin offt verstosset,
this a frequent misprision I animadverted upon you. Ludwig 2369; ouch nam er war, daʒ lützel hie überiger rede ergie, der doch gerne vil geschiht dâ man vil wîbe ensament siht. Hartm. v. Aue
Iwein 6293; (
Adam) nam war, das verpotten holtz gut was zu essen, schön in augen, und lustparlich zusehen. Staupitz 1, 144
Knaake; auff einen tag hat er wargenommen, dasz die keyserin mit dem raht in einen garten gangen was. J. Wetzel
reise der söhne Giaffers 98, 27; so hab ich doch offt wargenommen, dasz die demütigen erhebt, und die hochtrabenden hansen geniedrigt werden. Albertinus
fürstlicher lustgarten (1619) 1, 51; warnemend, dasz er den arm in der binde hatte, fragte sie ihn: ob er diese wunde vom feind trüge? Anton Ulrich v. Braunschweig
Aramena 3, 65; das mittlere grosz beyder kriegsheere kam am längsamsten zum treffen, weil hertzog Herrmann wahrgenommen, dasz die grösseste macht der Römer darein gestellt war. Lohenstein
Arminius 1, 43
a; wie er wahrgenommen, dasz sie ihre zarte augenlieder zur erde geschlagen. Kormart
Cassandra (1685) 430; da wir durch die bäume weit ins land hin wahrnahmen, dasz viele feuer die gegend erleuchteten. G. Forster 2, 9; sobald sie wahrnahmen, dasz ihre regierung .. widersprechende maszregeln ergreife, setzten sie sich zur wehre. Ranke
die röm. päpste 2, 70. III@33)
es kann auch die verstandesthätigkeit durchaus im vordergrund stehen, so dasz wahrnehmen
sich der bedeutung '
zur einsicht von etwas gelangen'
nähert: er hat die gabe genau etwas wahrzunehmen,
he is endowed with a penetrant wit. Ludwig 2369; ich habe es wahr genommen,
intellexi. Steinbach 2, 939; in der anatomie hat man viele sachen wargenommen, davon die alten nichts gewuszt haben,
on a remarque ... Rondeau; ir wârent ie al iuwer tage und sint ouch noch ein werltzage. des nim ich wol dâ bî war: daʒ ich doch lîden getâr, daʒn turret ir niht dulden. Hartm. v. Aue
armer Heinrich 1321; ich verwundere mich, Egesippe, dasz du nicht warnimbst, dasz aus deiner schönen gestalt ... eben das jenige wird werden, was du an deinen vorfaren erlebt und ersehen hast. Albertinus
fürstlicher lustgarten (1619) 1, 121; mich bekümmert ein sach, so ich disen morgen gesehen hab, sehr übel: denn ich durch gewüsse zeichen genugsam, was darausz werden möchte, verstanden und wargenommen hab. J. Wetzel
reise der söhne Giaffers 23, 2
Fischer u. Bolte; ob nun wohl der feldherr die unvermögenheit der Römer ihr läger zu beschützen wahrnahm. Lohenstein
Arminius 1, 57
b; Marcomir nahm wahr, dasz dieser einwurf eine gelegenheit zu einem neuen zwiste geben würde; daher er, um selbten zu unterbrechen, anfing. 138
b; wenn man viele einzelne dinge gegen einander hält, so nimmt man wahr, dasz etliches an ihnen auf einerley art, etliches aber auf verschiedene art bestimmet ist. Gottsched
erste gründe der gesamten weltweisheit 1, 22; da ihr (
der zeit des mittelalters) miszbräuche ... angedichtet werden ... die wir schon jetzt offenbar als werkzeuge zu grossem guten in der zukunft .. wahrnehmen. Herder 5, 526 (
auch eine philosophie)
Suphan; in der geschichte einer nation, einer macht ist es immer eine der schwersten aufgaben, den zusammenhang ihrer besondern verhältnisse mit den allgemeinen wahrzunehmen. Ranke
die röm. päpste 2, 3; rechtliche verdachtsgründe sind umstände, welche zwischen einer person und einer strafbaren handlung einen solchen zusammenhang wahrnehmen lassen, dasz ...
österr. strafprozesz-ordnung von 1853, § 135.
vgl. dunkel wahrnehmen
im gegensatz zur klaren erkenntnis: ob sich der ... unterschied der menschlichen gesichtsbildungen .. nicht nur dunkel wahrnehmen, sondern unter bestimmte charactere, zeichen und ausdrücke bringen lasse? Lavater
physiogn. fragmente 1, 53. wahrnehmen
vom vorausschauen des sehers: jezt war erhascht ein geschirr; zween tapferste männer des volkes trug es, von Merops erzeugt, dem Perkosier: welcher vor allen fernes geschik wahrnahm. und nie den söhnen gestattet, einzugehn in den krieg, den verderblichen. Voss
Ilias 11, 330. III@44) etwas an jemand wahrnehmen. Adelung: ich hân an dir genomen war, dû schînest harte riuwevar: des was ich an dir ungewon. Hartm. v. Aue
Gregorius 427
Paul; ich habs an unsern vorfahren, und an den gegenwertigen wargenommen, vermeyne auch, es werde in den nachgehenden zeiten auch also seyn, dasz nemlich, wenn einem das leben am allersüssesten ist, alszdenn unversehens der todt in sein hausz eingehet. Albertinus
fürstlicher lustgarten (1619) 1, 223; wir nehmen es an uns selber wahr, dasz wir uns die begriffe der dinge, die wir empfunden haben, auch alsdann, wenn sie nicht mehr zugegen sind, wieder vorstellen können. Gottsched
erste gründe der gesamten weltweisheit 1, 221; das sterben kann kein mensch an sich selbst erfahren (denn eine erfahrung zu machen, dazu gehört leben), sondern nur an anderen wahrnehmen. Kant 10, 170 (
anthrop.); capitain Cook, der noch immer einige zeichen seiner gallenkrankheit an sich wahrnahm. G. Forster 2, 42; sein beichtvater betheuerte, er habe nie etwas an ihm wahrgenommen, was die seele von gott entfernen könnte. Ranke
die röm. päpste 3, 162; dabei glänzten ihm seine augen so verstohlen und lieblich, wie ich's noch nie an ihm wahrgenommen hatte. Heyse
nov. 1, 260 (
im grafenschlosz). etwas an einer sache wahrnehmen: darauf frt in der Fürwittig zuo derselben palliermül dar, sprach: 'herr, nembt daran der kunst war, wie alle sach ist zuogericht.'
Theuerdank 21, 14; wenn wir an einem dinge mancherley sachen wahrnehmen, die wir uns zwar als etwas davon unterschiedenes, doch aber dazu gehöriges oder nicht gehöriges vorstellen, alsdann urtheilen wir davon. Gottsched
erste gründe der gesamten weltweisheit 1, 32; die scharfsinnigkeit ist also eine kraft der seele viel an einem dinge wahrzunehmen, oder ein ding sehr geschwinde zu überdenken. 1, 231. etwas in einer sache, in jemand wahrnehmen: sobald ich die logik anfing zu hören, da fand ich mich sehr gerührt durch die vertheilung und ordnung der gedanken, die ich darin wahr nahm. Leibnitz
deutsche schriften 1, 377
Guhrauer; wir sagen, es werde lichte, wenn wir etwas in einer sache wahrnehmen, dadurch wir sie von anderen unterscheiden können, und von diesem unterscheide völlig versichert sind. Wolff
vern. gedancken von gott 95; wo sie (
die socratische methode) in den behauptungen der älteren einen irrthum wahrnimmt. Garve
versuche 2, 342; lange hatte man in churfürst August von Sachsen eine hinneigung zum katholicismus wahrzunehmen geglaubt. Ranke
die röm. päpste 2, 138; wenn es anziehend ist, den künftigen staatsmann Humboldt ... im revolutionsjahre 1789 in Paris zu sehen, und schon dort und damals den kühl besonnenen beobachter in ihm wahrzunehmen. Gregorovius
kleine schriften 2, 130. aus einer sache etwas wahrnehmen: etwas aus dem briefe wahrnehmen,
aliquid ex litteris animadvertere et discere. Hederich (1753) 2572; man besorgte, sie möchten sich mit den bauern vereinigen, deren fortdauernde verbindung gegen adel und geistlichkeit man soeben aus den geständnissen einiger eingezogenen im Breisgau wahrgenommen hatte. Ranke
deutsche gesch. im zeitalter der reform. (1839) 1, 217. III@55) wahrnehmen
bezeichnet auch das innere, seelische empfinden, dann meist mit verdeutlichendem zusatz (in sich),
doch auch ohne denselben: dasz die sinnenlust noch etwas anders sey, als gefühl der verbesserten beschaffenheit des körpers, welche die seele blos als zuschauerinn wahrnehme. Lessing 10, 7; was kann die seele in diesem augenblick anders wahrnehmen, als das dunkele, aus tausend einzelnen empfindungen zusammengesetzte gefühl einer unvollkommenheit, die ihrem körper den untergang drohet? Mendelssohn
phil. schr. (1777) 1, 83; wenn sie ... jeden wohlklang, jeden mislaut in der tiefe meines wesens, im momente, da er begann, noch eh ich selbst ihn wahrnahm, mir enthüllete. Hölderlin
Hyperion (1797) 1, 109. an sich, in sich wahrnehmen: der umgang mit Kreutznern machte nach und nach unsern Siegwart in manchen stücken leichtsinniger, eh ers selber an sich wahrnahm. Miller
Siegwart2 1, 174; als Tristrant des (
der liebe) in ym selbs warnam und empfande, schyde er traurig und hart kranck von der frawen.
Tristrant 45, 19
Pfaff; himmlische einflüsse in sich wahrnehmen zu wollen ist eine art wahnsinn. Kant 6, 357; die ... innere erfahrung ist nicht blos anthropologisch, wo man nämlich davon absieht, ob der mensch eine seele ... habe oder nicht, sondern psychologisch, wo man eine solche in sich wahrzunehmen glaubt. 10, 163 (
anthrop.); die in sich wahrgenommene leere an empfindungen erregt ein grauen. 10, 253; diese meinung von ihm selbst war ihm (
Nicolai) nach und nach so zur fixen idee geworden, hatte sich so mit seinem selbst verwebt und war selbst zu seinem innersten eigensten selbst geworden, dasz man keine spur hat, er habe dieselbe je deutlich in sich wahrgenommen und sie zum bestimmten bewusztseyn erhoben. Fichte 8, 11. III@66)
in der philosophischen sprache des 18.
jahrh. kommt wahrnehmen
für percipiren auf, sich des angeschauten oder empfundenen unmittelbar bewuszt werden (
das genauere s. unter wahrnehmung 3,
c); Adelung
kennt diese bedeutung noch nicht: sich mit bewusztseyn etwas vorstellen oder wahrnehmen (
percipere). Kant 1, 393; wahrnehmen .. der erste act einer erkenntnisz, indem ein sinnesgegenstand eine vorstellung erregt, die ihn auf sich bezieht. Pierer
medic. wb. (anat.) 8, 630; wahrnehmen heiszt soviel als mit aufmerksamkeit etwas in das bewusztsein aufnehmen. Harms
psychologie 104; eine unbefangene betrachtung führt indes nur auf zwei geistige vermögen innerhalb des wissens: das eine ist das vermögen wahrzunehmen, das andere das vermögen zu denken. das wahrnehmen zerfällt in das wahrnehmen vermittelst der sinne und das wahrnehmen der eigenen seelischen zustände, welches hier selbstwahrnehmung genannt werden soll. J. H. v. Kirchmann
katechismus der philosophie4 20.
einige machen den versuch das sonst in der bedeutung von wahrnehmen
vorkommende gewahrnehmen (
vgl. theil 4, 1, 4783)
für appercipiren, das deutliche, innere anschauen eines wahrgenommenen in aufnahme zu bringen: es ist etwas ganz anderes, sagt schon Aristoteles, etwas sehen und hören; und gewahrnehmen, dasz man etwas sehe und höre .. eben deszwegen sind in allen sprachen wahrnehmen (
percipere, perceptio) und gewahrnehmen, oder bewuszt werden (
appercipere, apperceptio), von einander verschieden. Meiners
denkkräfte u. willenskräfte (1806) 1, 111; wenn aber das denkende wesen hinzu kömmt, die theile vergleichet, und ihre verhältnisse zum ganzen wahrnimmt, so nimmt es in einem steinhaufen unordnung, in einem gebäude aber symmetrie und regelmäszigkeit gewahr. Mendelssohn
von der unkörperlichkeit der menschl. seele (1785) 6.
eigenthümlich ist die auffassung von Hegel,
der wahrnehmen
mit wahr
in verbindung bringt: während daher das blosz sinnliche bewusztsein die dinge nur weist, — das heiszt, — blosz in ihrer unmittelbarkeit zeigt; — erfaszt dagegen das wahrnehmen den zusammenhang der dinge, — thut dar, dasz, wenn diese umstände vorhanden sind, dieses daraus folgt, — und beginnt so, die dinge als wahr zu erweisen. 7, 2, 262.
ebenso: bei der wahrnehmung tritt das wahrgenommene gleichsam selbst vor uns hin und wir sagen eben darum, dasz wir es wahr-nehmen, weil es sich uns unmittelbar darstellt als etwas wahrhaftes oder wirkliches. Krug
fundamentalphilosophie2 161.
auch Campe
knüpft wahrnehmen
an wahr
an (
oben sp. 943).
unter dem einflusz der philosophischen bestimmung des wortes kann wahrnehmen
auch in der gewöhnlichen sprache ein bewusztes, denkendes empfinden bezeichnen (
vgl. oben 2,
b. 3): zuerst freut es mich überhaupt, dasz du das talent besitzest, wahrzunehmen ... sehen und hören
etc. können alle menschen, aber wahrnehmen, das heiszt mit der seele den eindruck der sinne auffassen und denken, das können bei weitem nicht alle. H. v. Kleist
briefe an seine braut 132
Biedermann. III@77)
wie bemerken
wird auch wahrnehmen
bei hinweisen auf früher dargestelltes gebraucht: III@7@aa) wir haben wahrgenommen, dasz das regiment sich in den frühern reichsversammlungen die majorität verschaffte, aber auch wie viel mühe das machte, wie sehr sie schwankte. Ranke
deutsche gesch. im zeitalter d. reform. 2, 135; noch war nicht von weiterer ausbreitung (
der evangelischen organisation) die rede. ... die gründung haben wir wahrgenommen. sehen wir nun, ob sie fähig sein wird sich zu behaupten.
werke 3, 7; nahmen wir wahr, dasz keine macht emporkommen wird, die nicht zugleich auf der grundlage der idee beruhe, so können wir hinzufügen, dasz sie auch in der idee ihre beschränkung findet.
die röm. päpste 2, 191. III@7@bb) ich habe in dem discourse von dem meditiren wahrgenommen, dasz diese leute ... beredet sind, das meditiren führe beschwerden mit sich.
discourse der mahlern 1, 50 (Breitinger)
Vetter. diese verwendung für '
eine bemerkung machen' (
engl. observe)
bleibt vereinzelt. IVIV.
der substantivirte inf. das wahrnehmen
wird in den bedeutungen des verbums gebraucht: das wahrnehmen,
observatio. Steinbach 2, 129; wo ist der der geboren ist, in einer demtigen forcht, und in einem warnemen von innen, was gott von inen welle, das sy dem genuog then. Tauler
predigen (
Basel 1521) 12
a; ich rede aber hier von einem wahrnehmen und erkennen der sache, oder von der anschauenden erkenntnisz. Mendelssohn
phil. schr. (1777) 2, 7; nun sind aber gedanken und ausdehnung, bewegung und das wahrnehmen, oder inneres bewusztseyn der bewegung, von ungleicher natur, von disparaten eigenschaften.
von der unkörperlichkeit der menschlichen seele (1785) 9; vom ersten beginne sinnlichen wahrnehmens, zum erhabensten anschaun. Jahn
volksthum 452; wir nahmen ... als das letzte, worauf unser wahrnehmen und denken uns führte, ... die idee des universum herüber. Strausz
der alte u. der neue glaube6 226; erkannte ich, wie monistisch der mann eingerichtet, gewachsen ist, wie wahrnehmen, fühlen, denken und handeln unmittelbar eins bei ihm sind. G. Keller
nachgel. schr. 196.
mit abhängigem genetiv: du ... hast kein betrachtung vor in dir selber, oder wenig und kein warnemen des endes, ob du daʒ z eynem guotten end mügst bringen. Keisersberg
christ. bilger 162
b; das wissen, in einem höhern sinne, ja in dem höchsten, ist das unmittelbare geistige anschauen oder wahrnehmen der vernunft. Ancillon
über glauben u. wissen (1824) 56.