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grasen

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DWB
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Eintrag · Grimm (DWB, 1854–1961)

grasen vb.

Bd. 8, Sp. 1952
grasen, vb. , ahd. bildung nach der ô-klasse zu gras, n. (s. d.) wie ahd. bluomôn 'blumen pflücken' u. a. zu ahd. bluomo, bluoma. ahd. grasôn ist noch ersichtlich aus heīgrasont (3. pl. präs.) ahd. gl. 2, 637, 21 St.-S.; mhd., nhd. grasen. abweichend von der normalform zeigt der stammauslaut im 16./17. jh. häufig -ss- oder -sz-. für jüngere alem. maa. ist neben grasen auch gräsen mit unorganischem umlaut bezeugt; vgl. Fischer schwäb. 3, 797; schweiz. id. 2, 797. im nd. begegnet der umlaut gelegentlich bei faktitivem gebrauch des wortes (s. 2 b) analog zu den schw. verben der ersten klasse; vgl. Paulsen aus m. leben (1909) 63; Mensing schlesw.-holst. 2, 470 s. v. grasgeld; ebda 472 s. v. graser; Frederking Hahlen 12. 11) gras und kräuter sicheln, schneiden, rupfen, besonders zum zwecke der stallfütterung und vornehmlich als arbeit von frauen und mädchen. vgl. secant (herbas) heīgrasont (11. jh.) ahd. gl. 2, 637, 21 St.-S.; falcare grasen (md. 1476) Diefenbach nov. gl. 165b; falce resecare grasen Faber thes. (1587) 304b; grasen gramen colligere Stieler stammb. (1691) 694; grasen gras sicheln Bruns volkswörter d. prov. Sachsen (1916) 26b. 1@aa) gewöhnlich in intransitivem gebrauch. 1@a@aα): daz wîp zuo dem manne sprach: geselle, lâ dîn grâsen sîn! Wirnt v. Gravenberc Wigalois 5328 Kapteyn; unpilleich grasen in weingarten oder anderswo ... ist verpoten (um 1400) österr. weist. 9, 344, 39; sy mus mir noch lenger aufspuln, mist praitn vnd helffen grasn Probst dram. w. 80 ndr.; ich acker eines mit denen bauren herum, helffe ihnen säen, pflantzen, grasen, haber abschneiden Zend. a Zendoriis teutsche winternächte (1682) 343; und zwar so ist vornemlich der schade, wenn ein schlag in dem kieferichten oder schwartzen holtze betrieben oder darinnen gegraset wird, dahero grosz Göchhausen notabilia venatoris (1741) 230; dasz er (gott) einen frühen frühling gab und man schon zeitlich im april grasen konnte Jer. Gotthelf s. w. 14, 72 Hunziker-Bl. formelhaft grasen und hüten oder halten, unsicher, ob hierher oder im sinne von 2 b: wer nach sand Jorgen tag in dem (wein-)perg grast oder halt (hütet), der ist nach iedem haupt meinen frawn ze wandel verfallen 12 D (1413) österr. weist. 7, 679, 11; ok de weyde ... scholen se vrijg darane beholden to hodende vnde to grasende (1463) urkundenb. d. st. Lübeck 10, 441. 1@a@bβ) der sachzusammenhang legt gelegentlich die bedeutung 'unkraut jäten' nahe; aber auch in diesen fällen besteht in der regel die absicht, das gesammelte gras als viehfutter zu verwenden: da sahe sich sanct Peter umb unnd horte ein bawren magdt singen, die war grasen in einem acker unnd ware zu irer arbeyt sehr guotter ding (1559) Schumann nachtbüchl. 273 Bolte; es soll auch niemant dem andern in seinen äckern, gärten oder mad grasen, noch jöten ohne seinen willen (1621) österr. weist. 2, 171, 11. häufig mundartlich; vgl. Schmeller-Fr. bair. 1, 1008; Fischer schwäb. 3, 797; schweiz. id. 2, 798; rhein. wb. 2, 1361. 1@a@gγ) gelegentlich vom schröpfen des getreides; vgl. Campe 2 (1808) 442b. dazu vielleicht: um Philippi Jacobi (soll man) aufhOeren im winter-getrayd zu grasen Hohberg georg. cur. (1682) 1, 120b. 1@a@dδ) das grasen der mädchen und frauen ist ein beliebtes literarisches motiv im zusammenhang mit liebesabenteuern; vgl. auch unter b: (einem mönch) ein iunges meydlein zuo gesichte kam ..., die ... grasen in dem anger pey dem kloster ginge Arigo decameron 36 Keller; von ungeschicht reit der graffe eins tags wider ausz, sich zu verlustiern; vor einem lustigen höltzlein oder walde ward er des mägdleins gewar, grasende in einer wiesen, weit dort unten gar alleine oder ohne andere gesellschafft Kirchhof wendunmuth 2, 502 Ö.; ein mannskerl (der teufel) ... (habe) sich mit ihr (einer hexe) vermischet ..., welches unzehlig vielmahl, so wohl des nachts in ihrem bette, als auch in holtze und auf den wiesen, wenn sie grasen gegangen ..., geschehen Jak. Döpler theatr. poen. (1693) 412; als sie in dem holz schlaagen graset, sey der böse gaist widerumb zur ir khommen abdruck aktenmäsziger hexenprocesse (1811) 2. gern in volksliedern: ich weisz mir ein hübsche greserin, sie grast mir in der wisen. da kam derselbig ritter und des die wise war (1584) alte hoch- u. nd. volkslieder 1, 193 Uhland; es gieng ein mädchen grasen wol in den grünen klee; da begegnet ihr ein reiter, der bat sie um die eh dt. liederhort 124 Erk; es ging ein mägdlein grasen, wollt holen grünes gras, da ritt ihr alle morgen ein stolzer reiter nach dt. liederhort 1, 256 Erk-Böhme. 1@bb) nur bis ins ältere nhd. hinein begegnet eine konstruktion mit dem dativ, 'für ein tier gras schneiden': man soll auoch des appts pferdt jn stellen, vnd soll man jm grassen (elsäss. 1339) weist. (1840) 4, 186; sú (das mädchen) grast irm kalb und tet das best, als sú ir fröwen billich sOelt Hermann v. Sachsenheim d. grasmetze 24 in: mhd. minnereden 2, 100a Brauns-Thiele; ich hab dem fülly wöllen grasen, hab die sichel verloren Jac. Frey gartenges. 32 Bolte; es tuot das Anneli früo ufsto, es wott im chuole (in der morgenkühle) grasen go; es graset dem chälbli wie der chuo, es luegt ihm ein stolzer rüter zuo Schweizer volkslieder 1, 118 Tobler. 1@cc) selten und nur in älterer zeit in transitivem gebrauch: wie die gesworn inen verboten haben, gemeyn wege zu graszen (1496) bei Bücher Frankf. berufswb. 56a. sonst in erweiterter anwendung kräuter, nesseln (u. ä.) grasen: Medea ... wunderparliche kreuter zu irer zauberei graszt Wickram w. 7, 316 Bolte; eine andere (soldatenfrau) wuste sich blöszlich ausz dem feld zu ernehren, im winter grub sie schnecken, im frühling grasete sie salat Grimmelshausen Simpl. 318 Scholte; (im april soll man) junge nesseln grasen, und auf dem boden dOerren Hohberg georg. cur. (1682) 1, 117a. 22) in der beziehung auf das weiden oder äsen der tiere. hierher wohl und nicht zu 1: graminare grasen, graszen (md. 15. jh.) Diefenbach gl. 268b. 2@aa) ein tier grast. 2@a@aα) prägnant von der nahrungsaufnahme des viehs: ain starker leo sach ain pferd grasen uff ainem wismad Steinhöwel Äsop 141 lit. ver.; der (esel) grast auf einer wiesen Hans Sachs s. fabeln u. schwänke 3, 356 ndr.; seht das liebe vieh dort grasen, in der Klever weide fein Voigtländer oden u. lieder (1642) 61; die pferde liesz er zwischen ihm und dem feinde unter einer schwachen bedeckung grasen Haller Usong (1771) 365; dasz ... heerden von rennthieren vom festlande hinüber wandern, um dort zu grasen Baer reden u. versch. aufs. (1864) 1, 168; (die stute) bewegte den wagen zu einem kleinen gebüsch hin, wo sie zu grasen begann Langgässer d. unauslöschl. siegel (1946) 461. in jüngerer sprache nicht selten in der form eines attributiven partiz. präs.: der rebellierende könig ..., der seinen schöpfer (gott) in einen grasenden ochsen (götzen) bildete Bodmer slg. crit. poet. schr. (1741) 1, 29; mag er (der maler) die weiden mit grasendem rindvieh staffiren Göthe I 24, 367 W.; auf den schon ins braune verfärbten, abgemähten feldern und wiesenhängen weideten da und dort grasende kühe O. M. Graf unruhe (1948) 270. ungewöhnlich ist ein attributives partiz. prät.: ebenso sicher aber war auch dann schon vor einbruch der schlimmsten wintersnoth ein auf dem naheliegenden marschhofe des senators fett gegraster mastochse für die armen ausgeschlachtet und vertheilt worden Storm s. w. (1899) 7, 284. vereinzelt steht transitiver gebrauch: wenn sie (die pferde) auff der weyde bey einander gehen oder wiesen grasen J. Walther pferde- u. viehzucht (1658) 92. in der wendung (ein tier) grasen lassen: (Peter) zoch darnach den pferden jre zaume ab vnd liesse sie weyden vnd grasen Warbeck schöne Magelone 57a Bolte; ein ander baur lAesset sein pferd in der nacht im busche grasen Olearius persian. reisebeschr. (1696) 60; es liesz ein hirt auf grünen rasen die weiszen lämmer grasen J. G. Jacobi s. w. (1807) 2, 205; das recht ihre herde in meinem walde grasen zu lassen Brentano ges. schr. (1852) 4, 69. 2@a@bβ) das grasen als ein gemächliches weiden oder äsen des viehs oder wildes weckt leicht die vorstellung des friedens und der ländlichen idylle: secht, wie schOen steht die landschafft hie, wie sicht man nur so weit das vieh, wie es dort graszt in einem thal Fischart w. 2, 137 Hauffen; und endlich (lernen wir aus einer dichtung Nicolais), dasz die ruhe am bache, wie eine kuh, grasen oder weyden gehe Schönaich ästhetik in einer nusz (1754) 244; wie thront auf mosz und rasen der hirt in stolzer ruh! er sieht die herde grasen und spielt ein lied dazu Hagedorn poet. w. (1769) 3, 89; sonne will schon schlafen gehn, läszt ihr goldnes hemdelein sinken auf den grünen rasen, wo die schlanken hirsche grasen Brentano ges. schr. (1852) 5, 32; man sah zwischen den stämmen damhirsche wandeln und grasen Stifter s. w. 2 (1908) 54; der eine (hirte) nahm sich vorzüglich aus, als er mitten im haufen zu pferde sitzend sich eine zigarette drehte, während die kühe um ihn herum grasten Fritjof Nansen Sibirien (1914) 213. von da her auch in verbindung mit bewegungsadverbien: die lämmer grasen herab und heran O. Ludwig ges. schr. (1891) 1, 120. 2@bb) jemand grast ein tier 'jmd. läszt ein tier weiden', prägnant in transitivem gebrauch: die drie tage sol man mins herren zelter grasen einen schrit an der anewant (elsäss., ende 14. jhs.) weist. (1840) 4, 209; wer in denen wegen oder strassen vich oder ross haltet oder graset (1707) bei Fischer schwäb. 6, 2063; er hatte ein paar fennen, wo er raps und bohnen baute, auch eine kuh graste Storm s. w. (1899) 7, 153; vor allem zog er auch junge pferde und gräste jütische kühe Paulsen aus m. leben (1909) 63. sprichwörtlich: ein jeder graset sein kelbichen, weil er kan Petri d. Teutschen weiszh. (1605) V 7b. 33) der übertragene gebrauch beruht im wesentlichen und soweit er auf personen oder personifikationen bezogen wird, auf der vorstellung, dasz das grasende vieh sich auf der weide sättigt und dabei immer neue streifen der weidefläche in angriff nimmt (s. 2 a). 3@aa) seinen vorteil suchen, sich notwendiges oder nützliches beschaffen, sich annehmlichkeiten bereiten. 3@a@aα) im hinblick auf die beschaffung des zum leben notwendigen: er (der wein) bringt mir (dem teufel) manchen wider yn, der sunst were vermunttet gsyn ... ich mszt vff dürrer ouwe grasen H. R. Manuel d. weinspiel 1208 ndr.; es gehOert sonsten noch hieher, dasz jAehrlich von den Anneberger spitzen, vor viel tausend thaler an die FranzOesische im land Meissen und Sachsen, und sonsten haussirende und grasende Franzosen ... verkaufft, und von diesen kundbarlich wiederum ... an den mann gebracht werden Hornick Österreich über alles (1685) 256; grast wo ihr wollt, ihr sollt bei mir nicht hausen. ... geh, bettle, hungre, stirb am wege! Göthe I 9, 246 W.; da stehn die drei gänse (drei mittellose männer) beisammen und halten rath, auf welcher wiese sie heut grasen sollen Tieck schr. (1828) 3, 96. redensartlich: wir häben alleweil in einen kreben (korb) gegrast 'zusammen gearbeitet und gespart, bes. von eheleuten' Fischer schwäb. 3, 797. vereinzelt reflexiv: sich grasen aliquid ad suum commodum, in rem suam convertere, sibi intus canere Aler dict. (1727) 1, 977a. im sinne eines primitiven lebens ohne geistige und sittliche ansprüche: die menschen sind nicht da, um neben einander zu grasen, und ein mann kan sich mit einem süszern gedanken schlafen legen als dasz er satt ist — es gibt gesellschaftliche pflichten Leisewitz Julius v. Tarent 53 lit.-denkm.; was wäre uns ein weib, das uns die natur das jahr nur einmal reizte? ... höchstens würden wir die übrige zeit zusammen grasen Klinger w. (1809) 12, 68; willst du nur sehen, was heute ist, du siehst, so weit die sonnenpferde rundwandeln, lug und hinterlist und knechte grasen auf der erde Arndt w. 3, 291 R.-M.; von den vom könig von Bavarien angestellten poeten ist Paul Heyse ein wirkliches und schönes talent, welches aber noch gar keinen rechten animus hat, da er unter lauter eseln aufgewachsen ist und noch mit ihnen graset G. Keller br. u. tageb. 2, 358 Ermat. auch transitiv: sie (für die 'vaterland und freiheit leere namen' sind) grasen wie das vieh nur die speise des tages, und was ihnen wollust bringt, däucht ihnen das einziggewisse E. M. Arndt schr. f. u. an s. lb. Deutschen (1845) 1, 270; die Bayern, die in solchen dingen (beim requirieren) am wenigsten blöde zu sein pflegen, sagen sogar: hühner und enten werden gegrast Imme soldatenspr. (1917) 125; de grast alles, was e sieht rhein. wb. 2, 1361. 3@a@bβ) in verbindung mit der vorstellung, dasz recht oder eigentum eines andern angetastet werden; vgl. unter gras I D 11: allein wir (der tod) doch manigen kunstenreichen, edeln, schonen, mechtigen vnd heftigen leuten sere vber den rein haben gegraset, davon witwen vnd weisen, landen vnd leuten leides genugelich ist geschehen d. ackermann aus Böhmen 2 Hübner; wer seinen garten vermietet, der darff nicht darein grasen gehen Glaser gesindteufel (1564) D 4a; dasz, wenn sie von strafung des teufelsgesinds handlen, sie nicht fürüber können, den juristen in ihre weide grasen zu gehn Fischart Bodinus (1591) vorr.; in eines andern garten grasen falcem in alienam messem mittere Stieler stammb. (1691) 694; auf eines andern wiesen grasen Frisch t.-lat. (1741) 367b. 3@a@gγ) speziell im hinblick auf liebesabenteuer; besonders hier in festen wendungen. im ersten beleg nicht ganz sicher: er (der verliebte) get ouch grasen vnd gramen vnt kunt menier von damen vom hurübel in: cod. 111, mscr. Dresd. M 209, bl. 128; her konig, ir habt allzeit ein wan, wie man frauen betriegen kan. ir wolt in fremder wiesen grasen (15. jh.) fastnachtspiele 143, 12 lit. ver.; die ordenshern hetten keine eheweiber; darum graseten sie umbher, das sie sich sunst behalffen, schendeten der underthanen weiber und kinder (16. jh.) Kantzow chron. v. Pommern 281 Gaebel; wolan ich (Pan) nehm es an, die schOenste blum seyt ihr, wann ich euch haben soll, so mst jhr gehn mit mir: nein, sagte sie, ihr mOegt hier andre blumen grasen, die blume, so ihr nennt, taugt nicht fr eure nasen Hohberg d. unvergnügte Proserpina (1661) 154a; weil ich mich so betrogen befande, gedachte ich meine betrügerin (meine frau) wieder zu betrügen, massen ich anfienge grasen zu gehen, wo ich zukommen konte Grimmelshausen Simpl. 397 Scholte; er hat auf eines andern wiesen gegraset fundum alienum aravit, i. e. alienam uxorem subagitavit Stieler stammb. (1691) 694; kinderey, warum soll denn mein schaf (meine frau) nicht auch auf einer andern wiesen grasen können Bäuerle kom. theater (1820) 2, (Staberls wiedergenesung) 46; und is oane (ein mädchen) gflachset, is s'schwarz oder braun: a jede grast auszi, für dös geit 's koan zaun Karl Stieler ged. 4, 63 Reclam. redensartlich: auff gemeiner almend ist niemand zu grasen verbotten Lehman floril. polit. (1662) 1, 435 s. v. hurerey; mancher meynt, in ander leut garten sey auch gut grasen ebda; hei graset dör de tuine (zäune) 'von einem verheirateten manne, der unerlaubten umgang mit andern frauen pflegt' (Sauerland) Wander sprichw.-lex. 2, 127. ebenso: hei graset düür de schliggen (zaunplanken) (Soest) ebda. 3@a@dδ) mehr auf der vorstellung des gemächlichen weidens beruhend (s. ob. 2 a β), sich laben, sich vergnügen: wenn wir nun grasen vff der weiden diser welt lust, freud vnd üppigkeit Keisersberg bilgersch. (1512) 74a; alle tage bedauere ich, dasz Hensel die Schweiz nicht liebt, ich finge sonst schon heute an, euch zu quälen, ihr sollt euch nächsten sommer aufsetzen, in acht tagen hier, oder im Berner Oberland sein, und einige zeit mit uns grasen Hensel familie Mendelssohn (1879) 3, 24; so blieben die bahnbrechenden gedanken der historischen juristen der zünftigen staatswissenschaft lange ganz unbekannt. die liberalen staatsgelehrten grasten vergnüglich auf der gemeinweide ihres naturrechts und rühmten sich des fortschritts, während sie arge reaction trieben Treitschke dt. gesch. (1897) 4, 468; er ... liesz die gedanken nicht ewig auf demselben leeren felde der trauer und ungenüge grasen H. Hesse nachbarn (1909) 311. ähnlich, aber auch von der vorstellung des abweidens her: die Eisendecher habe ich gestern beim spatzirengehn besucht und fand sie in ihren stachelbeeren grasend Bismarck br. an s. braut u. gattin (1926) 329; vgl. aber: grasen 'unreifes obst essen' rhein. wb. 2, 1361. 3@bb) in verbindung mit präpositionen und adverbien kann grasen darauf zielen, dasz jemand in der absicht, sich gewinn und vorteil zu verschaffen, seinen macht- und einfluszbereich ausdehnt, sich ausbreitet oder nach einem bestimmten ziel strebt. 3@b@aα) um sich grasen 'seinen macht- und einfluszbereich ausdehnen', vornehmlich in politischem sinne: dieser ist fast geschickt gewesen, auff alle gelegenheit vleissig zu mercken, dadurch er mOecht das reich ausbreiten, und weiter umb sich grasen J. Jonas ursprung d. türk. reichs (1542) D 3b; da fordert Ismal seiner mutter morgengab, welche ein theil lands war, von dannen graset er jmmer weiter vmb sich, bisz er das gantz reich vnter sich bracht Schweigger reyszbeschr. (1619) 72; die grOeste schuld hatten die rOemischen pAebste, welche immer weiter um sich graseten G. Arnold kirchen- u. ketzerhist. (1699) 259a; welcher so dann es machet wie die lausz wann sie in grind kommen ist, greiffet und graset m sich Chr. Gryphius helicon. reichstag (o. j.) 186; in so engen schranken zu bleiben, ist ihm unerträglich. immer graset und greift er weiter um sich Reiske Demosthenes (1764) 1, 72. 3@b@bβ) mit ortsadverbien, herzu, nahe grasen. besonders im hinblick auf kriegerische unternehmen: das es scheinet als spotte gott unser reichstage und lasse den teffel die selbigen hindern und meistern, bis der Trcke mit guter weile herzu grase und also Deudsch land on mhe und on widderstand verderbe Luther 30, 2, 113 W.; wofern man nicht in kurtzen tagen mit dem entsatz eilete, mste er accordiren vnd die stadt bergeben; dan die kOenigl.-schwedische ihm gar zu nahe graseten Chemnitz schwed. krieg 2 (1653) 164b; als er (Mithridates) aber so nahe Galatien grasete Lohenstein Arminius (1689) 1, 929a. abgezogener: weil dergestalt die kriegs vnruhe den Schweitzern, je lAenger, je nAeher grasete, als hielten die sAembtliche eydgenossen, vmb diese zeit, eine tagleistung zu Baden Chemnitz schwed. krieg 1 (1648) 325a. in unpersönlicher konstruktion: nahe hat es uns allen dreien gegrast, indesz gott hat uns dieses mal alle auf wunderbare weisen gerettet (1813) W. Alberti kriegsbr. 24 Brieger. auf andere verhältnisse bezogen: Sannazarius, welcher der poeten adler Virgilio zierlich nahe gegraset, hat mit seiner trefflichen Arcadia allen seinen landtsleuten die augen auffgethan, allen Römern trotz gebotten Martin Opitz dt. poemata 5 ndr.; niemand soll sich vermählen mit seinem fleisch und blut ... wie weit aber in specie solches fleisch auszzutähnen und einzuspannen, davon ist im gemelten capitel ... weiterer bericht einzunemmen, ... die leuth abzuschrecken, damit sie in diesem stuck nicht zu nahe grasen Dannhawer catech.-milch 3 (1661) 243. noch mundartlich: ich lass mir net gar zu nah grasen 'zu nahe kommen' bei Fischer schwäb. 3, 797. 3@b@gγ) (jemandem) nach etwas grasen. jemandem einen leibesschaden zufügen wollen, ihm nach dem leben trachten: den man allen nach den kOepffen grasete B. Faber Saxonia (1563) 288b; denn es hetten beide kOenige ein jeglicher auff den andern eine gewisse anzal etlicher leute bestellet, die jhnen nach der gurgel grasen solten C. Spangenberg manszfeld. chron. (1572) 296a; denn die jden selbst verfolgeten jn zu Damasco und graseten jm nach dem leben J. Mathesius erkl. d. episteln a. d. Corinthier (1591) 1, 3a; frsten, denen man alle tage, wo nicht nach dem leben, doch nach ihren lAendern grasete Lohenstein Arminius (1689) 1, 24a; als der tod stärcker anklopffte, und ihm nach dem hertzen zu grasen begunte, wiederholete der könig seine erinnerung Sperling Nicodemus quaerens (1719) 2, 162; bis endlich Herodes der fuchs ... dieser turteltauben (Johannes d. täufer) den kopf abgerissen. solchen lohn pfleget die gottlose welt treuen lehrern und predigern zu geben. wenn die turteltaube sich lässet hören, so graset man ihr nach dem kopffe D. Schneider allg. bibl. lex. 3 (1731) 458b. nach dem besitz eines andern trachten oder ihn in seinen rechten beeinträchtigen wollen: an etlichen orten graset man darnach (randglosse zu: darumb haben wir bisher vber dem kirchenrecht vnd gerechtigkeit gehalten, vnd noch jmerdar) (mit bezug auf das beichtgeheimnis) bei Luther tischreden oder colloquia (1566) 227a Aurifaber; sintemal sie (die eulen) den krAeen, welche ein langes leben haben, nach jhrem neste hinterlistiger weise grassen Wiesaeus εὐθανασία (1625) 5; wordurch man dann ferner nach des verstorbenen gther grasete A. Bekker nohtdrüngende beantwortung (1664) B 1b. überhaupt nach etwas streben, etwas erlangen wollen: wenn ein soldat ein weibsbild gefhret, vnd jhme ein Crabat (Kroate) begegnet, jhme dieselbe nicht gutwillig geben wollen, so hat er jhr stracks den kopff ab vnd entzwey gehawen, wie denn dieselben meistentheils nach den schOensten menschen gegraset Eleutherius fax Magdeburgica (1632) C 3b; lasset denn die blinde heiden, die nichts von gOettlicher frsorg wissen, sich mit ihren sorgen schleppen und nach dem zeitlichen grasen, weil sie kein ewiges leben glauben Otho evang. kranckentrost (1683) 825; als ich dort neben der frau von Hormayr keine andere frau vorfand als deine bekannte freundin, welche immer nach eigenen lorbeern graset und keine zeit hat, fremden kränze zu winden, wurde mir es gleich wohl Emma Förster br. (1844) 166. 3@cc) in jüngerem gebrauch können auch personifizierte gegebenheiten subjekt der handlung sein, die deutlich auf der bildvorstellung des abweidens und erntens beruht: der unwillige ausruf ..., die kunst gehe betteln, und die dummheit grase Bettine Brentanos frühlingskranz (1844) 163. besonders im hinblick auf das durch not, krieg oder seuchen bedingte sterben der menschen: er schlug auf einer erde, wo der tod graset, keinen unphilosophischen lärmen darüber auf, dasz er die blumen und saaten nicht mähen und das grüne obst nicht gelben werde sehen Jean Paul s. w. I 4, 226 akad.; trommel rase durch die strasze, wüthend grase bundesschwerdt dem tod zum frasze, bis der feind zum rückzug blase Brentano ges. schr. (1852) 7, 322; hunger, krieg und pest hatten hier gewaltig gegrast Watzlik pfarrer v. Dornloh (1930) 290; er war der pest nachgegangen, die durch Tirol schlich und den menschenrasen graste Kolbenheyer Paracelsus (1926) 3, 329. 3@dd) die wendung (jemandem) im bart grasen '(jemanden) zausen, übervorteilen, ihm übel mitspielen' u. ä. beruht auf der vorstellung des grasrupfens (s. 1 a): der seines laids ergetzt well sein und ungenetzt beschoren vein (um sein geld gebracht werden), der ziech gen Costnitz an den Rein, ob im die rais wol füege. darinn so wont mang freulin zart, die künnen grasen in dem part, ob sich kain har darin verschart, das er nicht geren trüege Oswald v. Wolkenstein 145 Schatz. im älteren nhd. redensartlich sich (nicht) im bart grasen lassen '(nicht) mit sich spielen lassen, sich etwas (oder nichts) gefallen lassen': unser herr lasst im schlechts nicht im bart grasen (1561) bei Fischer schwäb. 6, 2063; wie kOent jr doch so fromb und gtig gesein, und euch diesen losen losen losen verdorbenen schneider und kuttenhengst so lassen auff dem maul trumpffen, und im bart grasen Nigrinus examen d. schandtbüchl. br. Johan Nasen (1571) N 2b; lasst ihm einer in dem bart grasen, so tut man ihm bald gar auf das maul (1677) in: schweiz. id. 2, 798; er lAeszet sich nicht im barte grasen non patitur se illudi Stieler stammb. (1691) 694; wer sich im bart grasen lAest, dem hofiert man endlich gar aufs maul Kramer t.-ital. 1 (1700) 59a. 44) in spezieller übertragung wird grasen in älterer sprache auf massive geschosse bezogen, die am ende der flugbahn ihre geschwindigkeit vermindern, den boden berühren und wieder abprallen; vgl. dat lôt grāset d. i. ein prellschusz Lasch-Borchling mnd. wb. 1, 2, 150 s. v. grāsen 3; ferner Campe 2 (1808) 442b: zu solchem schiessen aber hat es sich zugetragen, dasz, wie das schiff Gelderlandt ein schusz nach dem grossen thurn (des schlosses) thAet, vnd die kugel im schlosz graste, gemelter thurn ... in die lufft auffgeflogen ist L. Hulsius neundte schiffart (1606) 48; die andre (kugel) grasete anfangs etliche mahl Hunold d. europ. höfe liebes- u. heldengesch. (1709) 673; kugel nun roll; grase am boden toll, tod ist des lebens zoll (1806) A. v. Arnim bei: R. Steig Arnim u. Brentano (1894) 1, 204. 55) uneigentlich vom schleifen eines schiffs- oder brückenankers auf dem grund; vgl. Alten hdb. f. heer u. fl. (1909) 4, 350b; rhein. wb. 2, 1361.
24965 Zeichen · 458 Sätze

Lautwandel-Kette

Von der indoeuropäischen Wurzel bis zur Mundart

Pro Sprachstufe der prominenteste Beleg. Klick auf eine Form öffnet das Wörterbuch.

  1. 1050–1350
    Mittelhochdeutsch
    grasenswv.

    Mhd. Handwörterbuch (Lexer) · +6 Parallelbelege

    grasen swv. intr. grasen, gras schneiden. sie graset dicke unde klêt Krone 24253. das ros gienc grasen in den walt Sigen…

  2. 1200–1600
    Mittelniederdeutsch
    grāsenswv.

    Mittelniederdeutsches Wb. · +1 Parallelbeleg

    grāsen , swv. , grasen 1. Gras fressen, weiden; Weiderecht ausüben, sein Vieh weiden lassen; trans. begrasen, de hêide g…

  3. 15.–20. Jh.
    Neuhochdeutsch
    Grasen

    Adelung (1793–1801) · +4 Parallelbelege

    Grasen , verb. reg. neutr. mit haben. 1) Das Gras abfressen, von dem Viehe; im mittlern Lat. graminari. Die Kühe grasen …

  4. 18./19. Jh.
    Goethe-Zeit
    grasen

    Goethe-Wörterbuch

    grasen a weiden, Gras abfressen [ Thomas zum Knecht: ] Hier [ am Haus ] ist eine Wiese .. Treibt nur das Vieh alle da hi…

  5. modern
    Dialekt
    grasen

    Elsässisches Wb. · +7 Parallelbelege

    grase n [krâsə allg. ] Gras mähen od. abschneiden (bes. mit der Sichel) und heim bringen; ( Blumen, Erdbeeren, Heidelbee…

  6. Sprichwörter
    Grasen

    Wander (Sprichwörter)

    Grasen 1. Ein jeder graset sein Kelbichen, weil er kan. – Petri, II, 200. 2. Hei graset dör de Tuine (Zäune). ( Sauerlan…

  7. Spezial
    grasen

    Deutsch-Ladinisch (Mischí)

    gra|sen vb.intr. (weiden) pascenté (-tëia).

Verweisungsnetz

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Wortbildung

Komposita & Ableitungen mit grasen

13 Bildungen · 4 Erstglied · 5 Zweitglied · 4 Ableitungen

Zerlegung von grasen 2 Komponenten

gra+sen

grasen setzt sich aus 2 eigenständigen Lemmata zusammen. Die Klammerung zeigt die Hierarchie der Komposition; Klick auf einen Bestandteil öffnet seine Etymologie.

grasen‑ als Erstglied (4 von 4)

grasensgerechtigkeit

DWB

grasen·s·gerechtigkeit

grasensgerechtigkeit , f. , berechtigung zur grasnutzung, zu grasen, vb.; vgl. grasgerechtigkeit unter gras- kompositionstypen 3 b α : hat a…

grasen als Zweitglied (5 von 5)

abgrasen

DWB

abgrasen , gramen depascere, das gras wegfressen. die lämmer grasen den anger, die junge saat ab.

begrasen

DWB

beg·rasen

begrasen , nnl. begrazen, in verschiednem sinn, 1 1) sich begrasen, herbascere, gramine vestiri, sich berasen: die hügel der gefallenen begr…

gegrasen

KöblerMhd

gegrasen , sw. V. nhd. grasen Q.: Krone (um 1230) E.: s. ge, grasen (1) W.: nhd. DW- L.: LexerN 3, 181 (gegrasen)

nachgrasen

DWB

nach·grasen

nachgrasen , verb. grasen, wo schon gegrast worden ist; sprichwörtlich: er hat ihm ziemlich nachgegraset. Wander 3, 836 ; grasend nachfolgen…

vergrasen

DWB

ver·grasen

vergrasen , verb. 1 1) intransitiv, zu gras werden: ein platz vergraset, wenn er mit gras überwächst. Adelung 4, 1437 . 2 2) transitiv, das …

Ableitungen von grasen (4 von 4)

begrasen

DWB

begrasen , nnl. begrazen, in verschiednem sinn, 1 1) sich begrasen, herbascere, gramine vestiri, sich berasen: die hügel der gefallenen begr…

ergrasen

DWB

ergrasen , 1 1) cespite, gramine obduci, die hügel der gefallnen ergrasen schon. 2 2) tr. depascere, demetere: die wiese ergrasen, abweiden,…

gegrasen

KöblerMhd

gegrasen , sw. V. nhd. grasen Q.: Krone (um 1230) E.: s. ge, grasen (1) W.: nhd. DW- L.: LexerN 3, 181 (gegrasen)

vergrasen

DWB

vergrasen , verb. 1 1) intransitiv, zu gras werden: ein platz vergraset, wenn er mit gras überwächst. Adelung 4, 1437 . 2 2) transitiv, das …