grasen,
vb. ,
ahd. bildung nach der ô-
klasse zu gras,
n. (
s. d.)
wie ahd. bluomôn '
blumen pflücken'
u. a. zu ahd. bluomo, bluoma.
ahd. grasôn
ist noch ersichtlich aus heīgrasont (3.
pl. präs.)
ahd. gl. 2, 637, 21
St.-S.; mhd., nhd. grasen.
abweichend von der normalform zeigt der stammauslaut im 16./17.
jh. häufig -ss-
oder -sz-.
für jüngere alem. maa. ist neben grasen
auch gräsen
mit unorganischem umlaut bezeugt; vgl. Fischer schwäb. 3, 797;
schweiz. id. 2, 797.
im nd. begegnet der umlaut gelegentlich bei faktitivem gebrauch des wortes (
s. 2 b)
analog zu den schw. verben der ersten klasse; vgl. Paulsen
aus m. leben (1909) 63; Mensing
schlesw.-holst. 2, 470
s. v. grasgeld;
ebda 472
s. v. graser; Frederking
Hahlen 12. 11)
gras und kräuter sicheln, schneiden, rupfen, besonders zum zwecke der stallfütterung und vornehmlich als arbeit von frauen und mädchen. vgl. secant (
herbas) heīgrasont (11.
jh.)
ahd. gl. 2, 637, 21
St.-S.; falcare grasen (
md. 1476) Diefenbach
nov. gl. 165
b;
falce resecare grasen Faber
thes. (1587) 304
b; grasen
gramen colligere Stieler
stammb. (1691) 694; grasen
gras sicheln Bruns
volkswörter d. prov. Sachsen (1916) 26
b. 1@aa)
gewöhnlich in intransitivem gebrauch. 1@a@aα): daz wîp zuo dem manne sprach: geselle, lâ dîn grâsen sîn! Wirnt v. Gravenberc
Wigalois 5328
Kapteyn; unpilleich grasen in weingarten oder anderswo ... ist verpoten (
um 1400)
österr. weist. 9, 344, 39; sy mus mir noch lenger aufspuln, mist praitn vnd helffen grasn Probst
dram. w. 80
ndr.; ich acker eines mit denen bauren herum, helffe ihnen säen, pflantzen, grasen, haber abschneiden Zend. a Zendoriis
teutsche winternächte (1682) 343; und zwar so ist vornemlich der schade, wenn ein schlag in dem kieferichten oder schwartzen holtze betrieben oder darinnen gegraset wird, dahero grosz Göchhausen
notabilia venatoris (1741) 230; dasz er (
gott) einen frühen frühling gab und man schon zeitlich im april grasen konnte Jer. Gotthelf
s. w. 14, 72
Hunziker-Bl. formelhaft grasen und hüten
oder halten,
unsicher, ob hierher oder im sinne von 2 b: wer nach sand Jorgen tag in dem (
wein-)perg grast oder halt (
hütet), der ist nach iedem haupt meinen frawn ze wandel verfallen 12 D (1413)
österr. weist. 7, 679, 11; ok de weyde ... scholen se vrijg darane beholden to hodende vnde to grasende (1463)
urkundenb. d. st. Lübeck 10, 441. 1@a@bβ)
der sachzusammenhang legt gelegentlich die bedeutung '
unkraut jäten'
nahe; aber auch in diesen fällen besteht in der regel die absicht, das gesammelte gras als viehfutter zu verwenden: da sahe sich sanct Peter umb unnd horte ein bawren magdt singen, die war grasen in einem acker unnd ware zu irer arbeyt sehr guotter ding (1559) Schumann
nachtbüchl. 273
Bolte; es soll auch niemant dem andern in seinen äckern, gärten oder mad grasen, noch jöten ohne seinen willen (1621)
österr. weist. 2, 171, 11.
häufig mundartlich; vgl. Schmeller-Fr.
bair. 1, 1008; Fischer
schwäb. 3, 797;
schweiz. id. 2, 798;
rhein. wb. 2, 1361. 1@a@gγ)
gelegentlich vom schröpfen des getreides; vgl. Campe 2 (1808) 442
b.
dazu vielleicht: um Philippi Jacobi (
soll man) aufhOeren im winter-getrayd zu grasen Hohberg
georg. cur. (1682) 1, 120
b. 1@a@dδ)
das grasen
der mädchen und frauen ist ein beliebtes literarisches motiv im zusammenhang mit liebesabenteuern; vgl. auch unter b: (
einem mönch) ein iunges meydlein zuo gesichte kam ..., die ... grasen in dem anger pey dem kloster ginge Arigo
decameron 36
Keller; von ungeschicht reit der graffe eins tags wider ausz, sich zu verlustiern; vor einem lustigen höltzlein oder walde ward er des mägdleins gewar, grasende in einer wiesen, weit dort unten gar alleine oder ohne andere gesellschafft Kirchhof
wendunmuth 2, 502
Ö.; ein mannskerl (
der teufel) ... (
habe) sich mit ihr (
einer hexe) vermischet ..., welches unzehlig vielmahl, so wohl des nachts in ihrem bette, als auch in holtze und auf den wiesen, wenn sie grasen gegangen ..., geschehen Jak. Döpler
theatr. poen. (1693) 412; als sie in dem holz schlaagen graset, sey der böse gaist widerumb zur ir khommen
abdruck aktenmäsziger hexenprocesse (1811) 2.
gern in volksliedern: ich weisz mir ein hübsche greserin, sie grast mir in der wisen. da kam derselbig ritter und des die wise war (1584)
alte hoch- u. nd. volkslieder 1, 193
Uhland; es gieng ein mädchen grasen wol in den grünen klee; da begegnet ihr ein reiter, der bat sie um die eh
dt. liederhort 124
Erk; es ging ein mägdlein grasen, wollt holen grünes gras, da ritt ihr alle morgen ein stolzer reiter nach
dt. liederhort 1, 256
Erk-Böhme. 1@bb)
nur bis ins ältere nhd. hinein begegnet eine konstruktion mit dem dativ, '
für ein tier gras schneiden': man soll auoch des appts pferdt jn stellen, vnd soll man jm grassen (
elsäss. 1339)
weist. (1840) 4, 186; sú (
das mädchen) grast irm kalb und tet das best, als sú ir fröwen billich sOelt Hermann v. Sachsenheim
d. grasmetze 24
in: mhd. minnereden 2, 100
a Brauns-Thiele; ich hab dem fülly wöllen grasen, hab die sichel verloren Jac. Frey
gartenges. 32
Bolte; es tuot das Anneli früo ufsto, es wott im chuole (
in der morgenkühle) grasen go; es graset dem chälbli wie der chuo, es luegt ihm ein stolzer rüter zuo
Schweizer volkslieder 1, 118
Tobler. 1@cc)
selten und nur in älterer zeit in transitivem gebrauch: wie die gesworn inen verboten haben, gemeyn wege zu graszen (1496)
bei Bücher
Frankf. berufswb. 56
a.
sonst in erweiterter anwendung kräuter, nesseln (
u. ä.) grasen: Medea ... wunderparliche kreuter zu irer zauberei graszt Wickram
w. 7, 316
Bolte; eine andere (
soldatenfrau) wuste sich blöszlich ausz dem feld zu ernehren, im winter grub sie schnecken, im frühling grasete sie salat Grimmelshausen
Simpl. 318
Scholte; (
im april soll man) junge nesseln grasen, und auf dem boden dOerren Hohberg
georg. cur. (1682) 1, 117
a. 22)
in der beziehung auf das weiden oder äsen der tiere. hierher wohl und nicht zu 1:
graminare grasen, graszen (
md. 15.
jh.) Diefenbach
gl. 268
b. 2@aa)
ein tier grast. 2@a@aα)
prägnant von der nahrungsaufnahme des viehs: ain starker leo sach ain pferd grasen uff ainem wismad Steinhöwel
Äsop 141
lit. ver.; der (
esel) grast auf einer wiesen Hans Sachs
s. fabeln u. schwänke 3, 356
ndr.; seht das liebe vieh dort grasen, in der Klever weide fein Voigtländer
oden u. lieder (1642) 61; die pferde liesz er zwischen ihm und dem feinde unter einer schwachen bedeckung grasen Haller
Usong (1771) 365; dasz ... heerden von rennthieren vom festlande hinüber wandern, um dort zu grasen Baer
reden u. versch. aufs. (1864) 1, 168; (
die stute) bewegte den wagen zu einem kleinen gebüsch hin, wo sie zu grasen begann Langgässer
d. unauslöschl. siegel (1946) 461.
in jüngerer sprache nicht selten in der form eines attributiven partiz. präs.: der rebellierende könig ..., der seinen schöpfer (
gott) in einen grasenden ochsen (
götzen) bildete Bodmer
slg. crit. poet. schr. (1741) 1, 29; mag er (
der maler) die weiden mit grasendem rindvieh staffiren Göthe I 24, 367
W.; auf den schon ins braune verfärbten, abgemähten feldern und wiesenhängen weideten da und dort grasende kühe O.
M. Graf
unruhe (1948) 270.
ungewöhnlich ist ein attributives partiz. prät.: ebenso sicher aber war auch dann schon vor einbruch der schlimmsten wintersnoth ein auf dem naheliegenden marschhofe des senators fett gegraster mastochse für die armen ausgeschlachtet und vertheilt worden Storm
s. w. (1899) 7, 284.
vereinzelt steht transitiver gebrauch: wenn sie (
die pferde) auff der weyde bey einander gehen oder wiesen grasen J. Walther
pferde- u. viehzucht (1658) 92.
in der wendung (
ein tier) grasen lassen: (
Peter) zoch darnach den pferden jre zaume ab vnd liesse sie weyden vnd grasen Warbeck
schöne Magelone 57
a Bolte; ein ander baur lAesset sein pferd in der nacht im busche grasen Olearius
persian. reisebeschr. (1696) 60; es liesz ein hirt auf grünen rasen die weiszen lämmer grasen J. G. Jacobi
s. w. (1807) 2, 205; das recht ihre herde in meinem walde grasen zu lassen Brentano
ges. schr. (1852) 4, 69. 2@a@bβ)
das grasen
als ein gemächliches weiden oder äsen des viehs oder wildes weckt leicht die vorstellung des friedens und der ländlichen idylle: secht, wie schOen steht die landschafft hie, wie sicht man nur so weit das vieh, wie es dort graszt in einem thal Fischart
w. 2, 137
Hauffen; und endlich (
lernen wir aus einer dichtung Nicolais), dasz die ruhe am bache, wie eine kuh, grasen oder weyden gehe Schönaich
ästhetik in einer nusz (1754) 244; wie thront auf mosz und rasen der hirt in stolzer ruh! er sieht die herde grasen und spielt ein lied dazu Hagedorn
poet. w. (1769) 3, 89; sonne will schon schlafen gehn, läszt ihr goldnes hemdelein sinken auf den grünen rasen, wo die schlanken hirsche grasen Brentano
ges. schr. (1852) 5, 32; man sah zwischen den stämmen damhirsche wandeln und grasen Stifter
s. w. 2 (1908) 54; der eine (
hirte) nahm sich vorzüglich aus, als er mitten im haufen zu pferde sitzend sich eine zigarette drehte, während die kühe um ihn herum grasten Fritjof Nansen
Sibirien (1914) 213.
von da her auch in verbindung mit bewegungsadverbien: die lämmer grasen herab und heran O. Ludwig
ges. schr. (1891) 1, 120. 2@bb) jemand grast ein tier '
jmd. läszt ein tier weiden',
prägnant in transitivem gebrauch: die drie tage sol man mins herren zelter grasen einen schrit an der anewant (
elsäss., ende 14.
jhs.)
weist. (1840) 4, 209; wer in denen wegen oder strassen vich oder ross haltet oder graset (1707)
bei Fischer
schwäb. 6, 2063; er hatte ein paar fennen, wo er raps und bohnen baute, auch eine kuh graste Storm
s. w. (1899) 7, 153; vor allem zog er auch junge pferde und gräste jütische kühe Paulsen
aus m. leben (1909) 63.
sprichwörtlich: ein jeder graset sein kelbichen, weil er kan Petri
d. Teutschen weiszh. (1605) V 7
b. 33)
der übertragene gebrauch beruht im wesentlichen und soweit er auf personen oder personifikationen bezogen wird, auf der vorstellung, dasz das grasende vieh sich auf der weide sättigt und dabei immer neue streifen der weidefläche in angriff nimmt (
s. 2 a). 3@aa)
seinen vorteil suchen, sich notwendiges oder nützliches beschaffen, sich annehmlichkeiten bereiten. 3@a@aα)
im hinblick auf die beschaffung des zum leben notwendigen: er (
der wein) bringt mir (
dem teufel) manchen wider yn, der sunst were vermunttet gsyn ... ich mszt vff dürrer ouwe grasen H. R. Manuel
d. weinspiel 1208
ndr.; es gehOert sonsten noch hieher, dasz jAehrlich von den Anneberger spitzen, vor viel tausend thaler an die FranzOesische im land Meissen und Sachsen, und sonsten haussirende und grasende Franzosen ... verkaufft, und von diesen kundbarlich wiederum ... an den mann gebracht werden Hornick
Österreich über alles (1685) 256; grast wo ihr wollt, ihr sollt bei mir nicht hausen. ... geh, bettle, hungre, stirb am wege! Göthe I 9, 246
W.; da stehn die drei gänse (
drei mittellose männer) beisammen und halten rath, auf welcher wiese sie heut grasen sollen Tieck
schr. (1828) 3, 96.
redensartlich: wir häbe
n alleweil in ein
en krebe
n (
korb)
gegrast '
zusammen gearbeitet und gespart, bes. von eheleuten' Fischer
schwäb. 3, 797.
vereinzelt reflexiv: sich grasen
aliquid ad suum commodum, in rem suam convertere, sibi intus canere Aler
dict. (1727) 1, 977
a.
im sinne eines primitiven lebens ohne geistige und sittliche ansprüche: die menschen sind nicht da, um neben einander zu grasen, und ein mann kan sich mit einem süszern gedanken schlafen legen als dasz er satt ist — es gibt gesellschaftliche pflichten Leisewitz
Julius v. Tarent 53
lit.-denkm.; was wäre uns ein weib, das uns die natur das jahr nur einmal reizte? ... höchstens würden wir die übrige zeit zusammen grasen Klinger
w. (1809) 12, 68; willst du nur sehen, was heute ist, du siehst, so weit die sonnenpferde rundwandeln, lug und hinterlist und knechte grasen auf der erde Arndt
w. 3, 291
R.-M.; von den vom könig von Bavarien angestellten poeten ist Paul Heyse ein wirkliches und schönes talent, welches aber noch gar keinen rechten animus hat, da er unter lauter eseln aufgewachsen ist und noch mit ihnen graset G. Keller
br. u. tageb. 2, 358
Ermat. auch transitiv: sie (
für die '
vaterland und freiheit leere namen'
sind) grasen wie das vieh nur die speise des tages, und was ihnen wollust bringt, däucht ihnen das einziggewisse E.
M. Arndt
schr. f. u. an s. lb. Deutschen (1845) 1, 270; die Bayern, die in solchen dingen (
beim requirieren) am wenigsten blöde zu sein pflegen, sagen sogar: hühner und enten werden gegrast Imme
soldatenspr. (1917) 125; de grast alles, was e sieht
rhein. wb. 2, 1361. 3@a@bβ)
in verbindung mit der vorstellung, dasz recht oder eigentum eines andern angetastet werden; vgl. unter gras I D 11: allein wir (
der tod) doch manigen kunstenreichen, edeln, schonen, mechtigen vnd heftigen leuten sere vber den rein haben gegraset, davon witwen vnd weisen, landen vnd leuten leides genugelich ist geschehen
d. ackermann aus Böhmen 2
Hübner; wer seinen garten vermietet, der darff nicht darein grasen gehen Glaser
gesindteufel (1564) D 4
a; dasz, wenn sie von strafung des teufelsgesinds handlen, sie nicht fürüber können, den juristen in ihre weide grasen zu gehn Fischart
Bodinus (1591)
vorr.; in eines andern garten grasen
falcem in alienam messem mittere Stieler
stammb. (1691) 694; auf eines andern wiesen grasen Frisch
t.-lat. (1741) 367
b. 3@a@gγ)
speziell im hinblick auf liebesabenteuer; besonders hier in festen wendungen. im ersten beleg nicht ganz sicher: er (
der verliebte) get ouch grasen vnd gramen vnt kunt menier von damen
vom hurübel in: cod. 111,
mscr. Dresd. M 209,
bl. 128; her konig, ir habt allzeit ein wan, wie man frauen betriegen kan. ir wolt in fremder wiesen grasen (15.
jh.)
fastnachtspiele 143, 12
lit. ver.; die ordenshern hetten keine eheweiber; darum graseten sie umbher, das sie sich sunst behalffen, schendeten der underthanen weiber und kinder (16.
jh.) Kantzow
chron. v. Pommern 281
Gaebel; wolan ich (
Pan) nehm es an, die schOenste blum seyt ihr, wann ich euch haben soll, so mst jhr gehn mit mir: nein, sagte sie, ihr mOegt hier andre blumen grasen, die blume, so ihr nennt, taugt nicht fr eure nasen Hohberg
d. unvergnügte Proserpina (1661) 154
a; weil ich mich so betrogen befande, gedachte ich meine betrügerin (
meine frau) wieder zu betrügen, massen ich anfienge grasen zu gehen, wo ich zukommen konte Grimmelshausen
Simpl. 397
Scholte; er hat auf eines andern wiesen gegraset
fundum alienum aravit, i. e. alienam uxorem subagitavit Stieler
stammb. (1691) 694; kinderey, warum soll denn mein schaf (
meine frau) nicht auch auf einer andern wiesen grasen können Bäuerle
kom. theater (1820) 2, (
Staberls wiedergenesung) 46; und is oane (
ein mädchen) gflachset, is s'schwarz oder braun: a jede grast auszi, für dös geit 's koan zaun Karl Stieler
ged. 4, 63
Reclam. redensartlich: auff gemeiner almend ist niemand zu grasen verbotten Lehman
floril. polit. (1662) 1, 435
s. v. hurerey; mancher meynt, in ander leut garten sey auch gut grasen
ebda; hei graset dör de tuine (
zäune) '
von einem verheirateten manne, der unerlaubten umgang mit andern frauen pflegt' (
Sauerland) Wander
sprichw.-lex. 2, 127.
ebenso: hei graset düür de schliggen (
zaunplanken) (
Soest)
ebda. 3@a@dδ)
mehr auf der vorstellung des gemächlichen weidens beruhend (
s. ob. 2 a
β),
sich laben, sich vergnügen: wenn wir nun grasen vff der weiden diser welt lust, freud vnd üppigkeit Keisersberg
bilgersch. (1512) 74
a; alle tage bedauere ich, dasz Hensel die Schweiz nicht liebt, ich finge sonst schon heute an, euch zu quälen, ihr sollt euch nächsten sommer aufsetzen, in acht tagen hier, oder im Berner Oberland sein, und einige zeit mit uns grasen Hensel
familie Mendelssohn (1879) 3, 24; so blieben die bahnbrechenden gedanken der historischen juristen der zünftigen staatswissenschaft lange ganz unbekannt. die liberalen staatsgelehrten grasten vergnüglich auf der gemeinweide ihres naturrechts und rühmten sich des fortschritts, während sie arge reaction trieben Treitschke
dt. gesch. (1897) 4, 468; er ... liesz die gedanken nicht ewig auf demselben leeren felde der trauer und ungenüge grasen H. Hesse
nachbarn (1909) 311.
ähnlich, aber auch von der vorstellung des abweidens her: die Eisendecher habe ich gestern beim spatzirengehn besucht und fand sie in ihren stachelbeeren grasend Bismarck
br. an s. braut u. gattin (1926) 329;
vgl. aber: grasen '
unreifes obst essen'
rhein. wb. 2, 1361. 3@bb)
in verbindung mit präpositionen und adverbien kann grasen
darauf zielen, dasz jemand in der absicht, sich gewinn und vorteil zu verschaffen, seinen macht- und einfluszbereich ausdehnt, sich ausbreitet oder nach einem bestimmten ziel strebt. 3@b@aα) um sich grasen '
seinen macht- und einfluszbereich ausdehnen',
vornehmlich in politischem sinne: dieser ist fast geschickt gewesen, auff alle gelegenheit vleissig zu mercken, dadurch er mOecht das reich ausbreiten, und weiter umb sich grasen J. Jonas
ursprung d. türk. reichs (1542) D 3
b; da fordert Ismal seiner mutter morgengab, welche ein theil lands war, von dannen graset er jmmer weiter vmb sich, bisz er das gantz reich vnter sich bracht Schweigger
reyszbeschr. (1619) 72; die grOeste schuld hatten die rOemischen pAebste, welche immer weiter um sich graseten G. Arnold
kirchen- u. ketzerhist. (1699) 259
a; welcher so dann es machet wie die lausz wann sie in grind kommen ist, greiffet und graset m sich Chr. Gryphius
helicon. reichstag (o. j.) 186; in so engen schranken zu bleiben, ist ihm unerträglich. immer graset und greift er weiter um sich Reiske
Demosthenes (1764) 1, 72. 3@b@bβ)
mit ortsadverbien, herzu, nahe grasen.
besonders im hinblick auf kriegerische unternehmen: das es scheinet als spotte gott unser reichstage und lasse den teffel die selbigen hindern und meistern, bis der Trcke mit guter weile herzu grase und also Deudsch land on mhe und on widderstand verderbe Luther 30, 2, 113
W.; wofern man nicht in kurtzen tagen mit dem entsatz eilete, mste er accordiren vnd die stadt bergeben; dan die kOenigl.-schwedische ihm gar zu nahe graseten Chemnitz
schwed. krieg 2 (1653) 164
b; als er (
Mithridates) aber so nahe Galatien grasete Lohenstein
Arminius (1689) 1, 929
a.
abgezogener: weil dergestalt die kriegs vnruhe den Schweitzern, je lAenger, je nAeher grasete, als hielten die sAembtliche eydgenossen, vmb diese zeit, eine tagleistung zu Baden Chemnitz
schwed. krieg 1 (1648) 325
a.
in unpersönlicher konstruktion: nahe hat es uns allen dreien gegrast, indesz gott hat uns dieses mal alle auf wunderbare weisen gerettet (1813) W. Alberti
kriegsbr. 24
Brieger. auf andere verhältnisse bezogen: Sannazarius, welcher der poeten adler Virgilio zierlich nahe gegraset, hat mit seiner trefflichen Arcadia allen seinen landtsleuten die augen auffgethan, allen Römern trotz gebotten Martin Opitz
dt. poemata 5
ndr.; niemand soll sich vermählen mit seinem fleisch und blut ... wie weit aber in specie solches fleisch auszzutähnen und einzuspannen, davon ist im gemelten capitel ... weiterer bericht einzunemmen, ... die leuth abzuschrecken, damit sie in diesem stuck nicht zu nahe grasen Dannhawer
catech.-milch 3 (1661) 243.
noch mundartlich: i
ch lass mir net gar z
u nah grasen '
zu nahe kommen'
bei Fischer
schwäb. 3, 797. 3@b@gγ) (jemandem) nach etwas grasen.
jemandem einen leibesschaden zufügen wollen, ihm nach dem leben trachten: den man allen nach den kOepffen grasete B. Faber
Saxonia (1563) 288
b; denn es hetten beide kOenige ein jeglicher auff den andern eine gewisse anzal etlicher leute bestellet, die jhnen nach der gurgel grasen solten C. Spangenberg
manszfeld. chron. (1572) 296
a; denn die jden selbst verfolgeten jn zu Damasco und graseten jm nach dem leben J. Mathesius
erkl. d. episteln a. d. Corinthier (1591) 1, 3
a; frsten, denen man alle tage, wo nicht nach dem leben, doch nach ihren lAendern grasete Lohenstein
Arminius (1689) 1, 24
a; als der tod stärcker anklopffte, und ihm nach dem hertzen zu grasen begunte, wiederholete der könig seine erinnerung Sperling
Nicodemus quaerens (1719) 2, 162; bis endlich Herodes der fuchs ... dieser turteltauben (
Johannes d. täufer) den kopf abgerissen. solchen lohn pfleget die gottlose welt treuen lehrern und predigern zu geben. wenn die turteltaube sich lässet hören, so graset man ihr nach dem kopffe D. Schneider
allg. bibl. lex. 3 (1731) 458
b.
nach dem besitz eines andern trachten oder ihn in seinen rechten beeinträchtigen wollen: an etlichen orten graset man darnach (
randglosse zu: darumb haben wir bisher vber dem kirchenrecht vnd gerechtigkeit gehalten, vnd noch jmerdar) (
mit bezug auf das beichtgeheimnis)
bei Luther
tischreden oder colloquia (1566) 227
a Aurifaber; sintemal sie (
die eulen) den krAeen, welche ein langes leben haben, nach jhrem neste hinterlistiger weise grassen Wiesaeus
εὐθανασία (1625) 5; wordurch man dann ferner nach des verstorbenen gther grasete A. Bekker
nohtdrüngende beantwortung (1664) B 1
b.
überhaupt nach etwas streben, etwas erlangen wollen: wenn ein soldat ein weibsbild gefhret, vnd jhme ein Crabat (
Kroate) begegnet, jhme dieselbe nicht gutwillig geben wollen, so hat er jhr stracks den kopff ab vnd entzwey gehawen, wie denn dieselben meistentheils nach den schOensten menschen gegraset Eleutherius
fax Magdeburgica (1632) C 3
b; lasset denn die blinde heiden, die nichts von gOettlicher frsorg wissen, sich mit ihren sorgen schleppen und nach dem zeitlichen grasen, weil sie kein ewiges leben glauben Otho
evang. kranckentrost (1683) 825; als ich dort neben der frau von Hormayr keine andere frau vorfand als deine bekannte freundin, welche immer nach eigenen lorbeern graset und keine zeit hat, fremden kränze zu winden, wurde mir es gleich wohl Emma Förster
br. (1844) 166. 3@cc)
in jüngerem gebrauch können auch personifizierte gegebenheiten subjekt der handlung sein, die deutlich auf der bildvorstellung des abweidens und erntens beruht: der unwillige ausruf ..., die kunst gehe betteln, und die dummheit grase Bettine
Brentanos frühlingskranz (1844) 163.
besonders im hinblick auf das durch not, krieg oder seuchen bedingte sterben der menschen: er schlug auf einer erde, wo der tod graset, keinen unphilosophischen lärmen darüber auf, dasz er die blumen und saaten nicht mähen und das grüne obst nicht gelben werde sehen Jean Paul
s. w. I 4, 226
akad.; trommel rase durch die strasze, wüthend grase bundesschwerdt dem tod zum frasze, bis der feind zum rückzug blase Brentano
ges. schr. (1852) 7, 322; hunger, krieg und pest hatten hier gewaltig gegrast Watzlik
pfarrer v. Dornloh (1930) 290; er war der pest nachgegangen, die durch Tirol schlich und den menschenrasen graste Kolbenheyer
Paracelsus (1926) 3, 329. 3@dd)
die wendung (jemandem) im bart grasen '(
jemanden)
zausen, übervorteilen, ihm übel mitspielen'
u. ä. beruht auf der vorstellung des grasrupfens (
s. 1 a): der seines laids ergetzt well sein und ungenetzt beschoren vein (
um sein geld gebracht werden), der ziech gen Costnitz an den Rein, ob im die rais wol füege. darinn so wont mang freulin zart, die künnen grasen in dem part, ob sich kain har darin verschart, das er nicht geren trüege Oswald v. Wolkenstein 145
Schatz. im älteren nhd. redensartlich sich (nicht) im bart grasen lassen '(
nicht)
mit sich spielen lassen, sich etwas (
oder nichts)
gefallen lassen': unser herr lasst im schlechts nicht im bart grasen (1561)
bei Fischer
schwäb. 6, 2063; wie kOent jr doch so fromb und gtig gesein, und euch diesen losen losen losen verdorbenen schneider und kuttenhengst so lassen auff dem maul trumpffen, und im bart grasen Nigrinus
examen d. schandtbüchl. br. Johan Nasen (1571) N 2
b; lasst ihm einer in dem bart grasen, so tut man ihm bald gar auf das maul (1677)
in: schweiz. id. 2, 798; er lAeszet sich nicht im barte grasen
non patitur se illudi Stieler
stammb. (1691) 694; wer sich im bart grasen lAest, dem hofiert man endlich gar aufs maul Kramer
t.-ital. 1 (1700) 59
a. 44)
in spezieller übertragung wird grasen
in älterer sprache auf massive geschosse bezogen, die am ende der flugbahn ihre geschwindigkeit vermindern, den boden berühren und wieder abprallen; vgl. dat lôt grāset
d. i. ein prellschusz Lasch-Borchling
mnd. wb. 1, 2, 150
s. v. grāsen 3;
ferner Campe 2 (1808) 442
b: zu solchem schiessen aber hat es sich zugetragen, dasz, wie das schiff Gelderlandt ein schusz nach dem grossen thurn (
des schlosses) thAet, vnd die kugel im schlosz graste, gemelter thurn ... in die lufft auffgeflogen ist L. Hulsius
neundte schiffart (1606) 48; die andre (
kugel) grasete anfangs etliche mahl Hunold
d. europ. höfe liebes- u. heldengesch. (1709) 673; kugel nun roll; grase am boden toll, tod ist des lebens zoll (1806) A. v. Arnim
bei: R. Steig
Arnim u. Brentano (1894) 1, 204. 55)
uneigentlich vom schleifen eines schiffs- oder brückenankers auf dem grund; vgl. Alten hdb. f. heer u. fl. (1909) 4, 350
b;
rhein. wb. 2, 1361.