hinten,
adv. pone, post, retro, a tergo. goth. hindana,
von jenseits; alts. hindan
in be-hindan
hinterdrein; ags. hindan,
post, pone, a tergo mit be-hindan
und onhindan;
engl. hind, be-hind
hinten, hinter; niederl. hinden
retro, post; ahd. hintana, hindenân,
von hinten und hinten, mhd. hinden, hindene, hindan, hindenân
hinten; das für ... verbrante do die hüser und schüren hyndenan in den garten.
d. städtechr. 9, 754, 28. —
Das wort geht auf den demonstrativstamm hi (
vergl. unter hie
sp. 1305, hin
sp. 1371)
zurück, doch nicht unmittelbar; zu seiner nächsten voraussetzung hat es, wie das unten folgende hinter,
ein adv. hint,
das wie goth. hva-þ, hva-d
wohin aus dem fragestamme hva,
goth. þa-þ, þa-d
dahin aus dem demonstrativstamme þa,
so aus dem stamme hi,
nur mit nasalierung des bildungssuffixes entwickelt, bewegung nach einem orte angibt, und das sich möglicher weise in einer ahd. glosse hint pacho
pro tergum (
so) Graff 4, 701,
sicher in dem goth. alten superlativ hind-uma
postremus und in dem ags. adj. hinde-veard
posterior erhalten hat. von diesem adverb ist hinten,
ahd. hintana
mittels des suffixes -ana,
ein woher hervorhebend (
gramm. 3, 204),
weiter gebildet. der sinn der bewegung, der namentlich im ahd. noch waltet, ist in den der unbeweglichkeit und ruhe umgeschlagen (
vergl. das gleichgebildete hinnen
in der bedeutung hier
oben sp. 1459),
wenigstens seit der mhd. zeit. Die gekürzte form hint,
die sich vorzugsweise oberdeutsch neben hinten
geltend macht (
schweiz.; bairisch Schm. 1, 1135
Fromm.; tirolisch Fromm. 6, 151): mit Grobiano hint und vorn will jederman sein unverworrn.
narrensch. s. 109
b,
anm.; die aber auch weiter reicht: viel lieber hett ihr vor salat ein storchs nest sambt den ganzen rath verzehrt dahint beim ofen. Hildebrand
volksl. 404 (
spottlied auf die Erfurter von 1664,
mitteldeutsch);
kann nicht auf die oben angegebene form hint
zurückgeführt werden, sondern scheint erst in verhältnismäszig junger zeit aus hinten,
zunächst durch verklingung des schleiszenden nasals, verstümmelt. Bedeutung. II. hinten
örtlich. I@11)
an einem rückwärts gelegenen orte befindlich: hinten stehen bäume; hinten scheint die sonne; er war hinden auf dem schiff.
Marc. 4, 38; tief hinten, in dem dunkel der höhle, steht der hauptaltar in der mitte. Göthe 28, 105; im augenblick, da es (
das ziel der liebenden in der komödie) erreicht ist, fällt der vorhang ... in der welt ist es anders, da wird hinten immer fort gespielt, und wenn der vorhang wieder aufgeht, mag man gern nichts weiter davon sehen noch hören. 17, 111; da befahl ich meinem diener, er sollte auch hinten bleiben; ich ritt auf meinem schönen pferdchen neben dem fräulein her. 34, 203; wie im sonnenschein die welt erfreulich daliegt; aber hinten droht schwarzer nächte graus, ich ahn ihn schon. Göthe 9, 280.
ein buch wird an ein andres hinten angebunden: und, wenn er was der zorn ihm eingab, niederschrieb, es wär ein feines werk, um an die zungensünden von Juvenal und Pop' es hinten anzubinden. Wieland 21, 280 (
Klel. u. Sinibald 5, 219).
oft auf körpertheile bezogen: hinden glatzet,
recalvus. voc. inc. theut. k 2
a; hinden aufschlahen, mit füszen widerumb schlahen,
recalcitrare, calcitrare, petere calce, hindenaufschlahend thier,
retractans et calcitrosum animal. Maaler 222
d; da stach in Abner ... mit einem spies in seinen wanst, das der spies hinden aus gieng.
2 Sam. 2, 23; einem die hände hinten zusammen binden,
pone tergum vincire manus. Steinbach 1, 756;
auch auf länder, die für unsern gesichtskreis ab und zurück liegen: o, wie fühl ich in Rom mich so froh! gedenk ich der zeiten, da mich ein graulicher tag hinten im norden umfing. Göthe 1, 269;
[] wenn hinten, weit, in der Türkei, die völker auf einander schlagen. 12, 51;
endlich auch auf die der sonne abgewendete nordseite, wie durch vorn
die südseite bezeichnet wird. Schmeller 1, 1137
Fromm. —
Nähere ortsbestimmungen treten hinten
zu: da hinten, dort hinten (
vergl. theil 2, 693. 1308); hinden darauf geschriben, ze ruck,
scriptus a tergo. Maaler 222
d; er bawet hinden im hause .. ein cedern wand.
1 kön. 6, 16; trat hinden zu seinen füszen.
Luc. 7, 38; hinden an der wonung .. soltu sechs bret machen. 2
Mos. 26, 22; dem pfaffen wardt dort hinden bang. B. Waldis
Esop 4, 66, 175. I@22)
häufig erscheint hinten
in verbindung mit seinem gegensatze vor, vorn: seht, dô gebôt er unde hieʒ daʒ er gehenket würde enbor und man im hinden unde vor mit fiure tæte unmâʒen wê. Konr. v. Würzburg
Pantaleon 1196; da zoch ich in mein neu haus .., das ich selb gepawen han, und hett es alles hinden und vornen.
d. städtechr. 5, 142, 2; und stehen also ir hütten hinden und fornen, und zu allen seiten offen. Luther 5, 3
b; und umb den stuel (
waren) vier thier, vol augen fornen und hinden.
offenb. 4, 6; da war fornen und hinden streit.
2 chron. 13, 14; lies sich darinnen (
im neuen pelz) besehen, hinden, vornher, und neben zu auf beiden seiten, oben und unden, innen und auszen.
Schiltbürger (1599)
s. 103; im ganzen dorf, noch forn noch hinden, kan ich niergend kein herberg finden. B. Waldis
Esop 4, 66, 79.
bei tanzbewegungen: so sol man ain solches tanzen an mir sehen, das ir werdet wunder an mir spehen, hinten auf und vorn nider.
fastn. sp. 716, 15.
im sprichwort: er weisz vorn nicht, dasz er hinten lebet. Schottel 1115
a; und voren loben und hinten schelten.
fastn. sp. 743, 7; hüte dich vor den katzen, die vorne lecken und hinten kratzen. Simrock
sprichw. s. 290. hinten und vorn
in der bedeutung überall, allenthalben: und glauben für gewisz, der son gottes sei mit hinden und forn beim schmelzen und treiben. Mathes.
Sar. 151
b; er ist wie ein geschickter hauswirth, der hinten und forn ist, und alsobald siehet was fehlet.
Felsenb. 4, 551; und das gesinde mag sein wie es will, wenn die frau nicht hinten und vorne ist, so kommt doch nichts zu stande. Göthe 11, 272; letzthin kam einmal die rede auf deine interpunction, die ihm (
Wolf) hinten und vorne nicht recht war. Zelter
an Göthe 2, 447; was ich in der welt nur anfing, dabei war kein segen, sondern krebsgang hinten und vorn. J. Paul
Tit. 2, 93; wo ich nit bin hindu und vor. H. Sachs 1, 509
b; narn, dhoren, lieben herren mein, die müssen hinden und forne sein.
hist. Magelonae spielweis A 3
b; der könig war bald hinden bald vorn. Soltau 501 (
von 1632); das si gern mer hetten und nit wissen, wo si hinden oder vorn in der sachen steen.
Wilw. v. Schaumb. 201. —
In bezug auf liebkosende anrede: jetzt bin ich ja auf einmal ein wackerer mann und ein lieber meister hinten und vorne. Kotzebue
dram. sp. 2, 333; seht, wie sich herr und frau bemühn, da ist mops hinten, möpschen vorne. Lichtwer
fab. 2, 7. I@33) hinten
tritt vor adverbia der bewegung, um seite und ort der letzteren genauer anzugeben. so entstehn verbindungen wie hinten an: hängt dann die regeln und maximen hinten
an. Klinger 11, 46; derhalben du geringer held, der du bist hinden an gestelt, und kaum vier gülden sold einnimbst.
Phil. Lugd. 4, 270;
in der fügung hinten an setzen,
wo eine umdeutung von früherem hindan,
späterem hintan setzen
vorliegt (
vgl. sp. 1406. 1482): sie setzen ihr werthes ich bei dieser voraussetzung nicht hintenan. Gotter 3, 301; so müszte, däucht mich, der politische held in eben dem grade kein subject für die bühne sein, in welchem er den menschen hinten ansetzen musz, um der politische held zu sein. Schiller
Fiesko, vorrede (2, 217
Kurz).
hinten aus: hintenaus sehen, hintenaus wohnen.
[] hinten drein: ich will nur hinten drein laufen, nur auf der seite lauern. Göthe 8, 10; da stund der bischof und gab Franzen die hand, wie er vorbei ging, und gab sie mir auch, wie ich hinten drein kam. 24; und die kerle ersoffen, wie sie das wasser schmeckten; und was wir Holländer waren, gerad hinten drein. 174; wenn zu Rom der triumphator, ruhmbekränzt und purpurgeschmückt, auf seinem goldnen wagen mit weiszen rossen vom campo Martii einherfuhr ... dann sang der pöbel hintendrein allerlei spottlieder. H. Heine 1, 280.
hinten ein: hinden ein blasen, oben auszlassen (
von ärzten).
Garg. 161
a; die spur geht hinten ein bis an die schwelle. Kleist
zerbr. krug, 11.
auftr. hinten her: wan er merkt das das fleisch nit genugsam abgestorben was, nam er ein rut und capitelt sie hindenher damit. Fischart
bienk. 176
b.
hinten hin: die knaben, die voll schwer beutel haben, die machen, dasz ich hinden hin musz traben (
bildlich, zurückgesetzt werde).
fastn. sp. 703, 9.
hinten nach: hin für was den jungen gâch, die alten zugen hinden nâch.
Meier Helmbr. 724; David aber und seine menner giengen hinden nach.
1 Sam. 29, 2; gieng aus der höle, und rief Saul hinden nach. 24, 9; Theagenes lief auch hinden nach.
b. d. liebe 208
c; wir sehen ihm hinten nach. Schuppius 262; der leser lacht ungern über die tugend, vielmehr will er diese göttin durch hintennachloben für sein zurückbleiben von ihr schadlos zu halten scheinen. J. Paul
grönl. proc. 2, 57; die glaten antlütz lieben den weiben, darümb ich hinden nach musz treiben (
bildlich, zurückstehen).
fastn. sp. 703, 5; di tugent ghät weit hinden nach. Schwarzenberg 157
a.
erweitert: der hinden nacher sapt und knapt, wie ein hinkendes rosz. Nas
widereinwarnung A v
b.
hinten über: schlitten, mit rothem atlas ausgefuttert, und hintenüber mit weiszen baarenhäuten (
bärenhäuten) beleget.
pers. reisebeschr. 1, 14.
hinten um, a tergo. Scheller
handlex. 723; (
liest mir) ein krankes carmen vor, und schilt bei jeder zeile, und räuspert, bis ich ihr ein falsches lob ertheile; ei! sprech ich, ei das klingt! ja! denk ich hintenum, der herr verschaffe sich ein privilegium ... Günther 389.
hinten zu: hindenzuo, hinderwärtz,
pone, a tergo. Maaler 222
d; do worent die von Rütelingen hindenanzuo an dise kumen und umbegobent die herren.
d. städtechron. 9, 834, 11. I@44) hinten
nach praepositionen, namentlich von
und nach: du solt nicht hin auf ziehen, sondern kom von hinden zu inen. 2
Sam. 5, 23; ein weib .. trat von hinden zu im, und rüret seines kleides saum
an. Matth. 9, 20; ehe sie wider zur ladung kommen kunten, waren wir schon von hinden an ihnen.
Phil. Lugd. 4, 153; wundersam von unten und hinten ausgefressene felsbänke. Göthe 28, 169; stiegen wir den berg wieder hinauf, um jenem punkte von hinten her beizukommen. 67; von hindenzu,
ex insidiis Stieler 842; dem manne, der mir von hintenzu einen dolch in den leib stöszt. Wieland 8, 221; vorn herein liest sich das lied nicht zum besten; ich les es von hinten, strophe für strophe, und so nimmt es ganz artig sich aus. Schiller 1, 341
Kurz (
xen. 201).
als übersetzung des philosophischen kunstausdrucks a posteriori,
wie von vorn herein
für a priori
gesetzt ist: Gustavs schönheit kann man erstlich aus der vernunft oder von vornen darthun, zweitens von hinten. J. Paul
uns. loge 1, 50. — nach hinten: einen nach hinten drängen; nach hinten gehen. I@55) hinten
in verbindung mit den verben bleiben, lassen
und stehen,
aus der sinnlichen bedeutung zu unsinnlicher verblaszt, hinten bleiben
wie zurück bleiben,
im wetteifernden streben und thun, hinten lassen,
zurücklassen, hinten stehen,
zurückstehen: sollte es auch nur gelegenheit geben, uns immer aufmerksam zu machen, wie weit unsre sprache und poesie hinten bliebe (
gegenüber der griechischen). Herder
bei Bürger 113
a; diese arbeit läszt alle ähnlichen weit hinten; hinten sein,
zurück, vergessen sein: und war alles trauren umb ire liebe guete muetter und schwiger schon hind und vergessen.
Zimm. chron. in Pfeiffers Germ. 4, 68; hint sein,
zurück sein, von weibspersonen in den wochen sein. Schm. 1, 1136
Fromm.; [] sie wollen gar zu hoch hinaus. kurfürsten und königen wollen sies im prunke gleich thun, und wo der fürst sich hingetraut, da will der graf, mein gnädger herre, nicht dahinten bleiben. Schiller
Piccol. 4, 5; sie müssen doch weit hinden stahn, dieser geschicht den vorzug lahn.
mückenkr. 1, 39.
Auch das biblische hinten abwenden, hinten abweichen von einem,
fuszt auf dem bilde des vorausgehenden führers und des nachfolgenden haufens: werdet ir euch aber von mir hinden abwenden, ir und ewre kinder, und nicht halten meine gebot und rechte.
1 kön. 9, 6 (
ἐὰν δὲ ἀποστραφέντες ἀποστραφῆτε ὑμεῖς septuag.); derselb wand Israel hinden ab vom herrn.
2 kön. 17, 21 (
ἐξέωσεν .. τον 'Ισραὴλ ἐξόπισθε κυρίου); er hieng dem herrn an, und weich nicht hinden von im abe. 18, 6 (
οὐκ ἀπέστη ὄπισθεν αὐτοῦ). IIII. hinten
zeitlich; dies nur in verbindung mit den adverbien drein
und nach. II@11) hinten drein: dasz man nothwendige auslagen machen musz und gern macht, und hintendrein über die wiedererstattung unangenehme erfahrungen macht. Heyne
an J. v. Müller s. 224;
Selbitz. das hätte dir übel gerathen können.
Georg. so denk ich auch hinten drein. Göthe 8, 69; wenn sie mir liebkost, weisz ich voraus, sie will mich zahm machen. dann sagt sie hinten drein: lieber Franz, thu diesz, thu das. 42, 191. II@22) hinten nach: und wart die münz so unwert, dasz sie niemant wolt nemen; man gab hindennach 10 pfd. Münchener um 1 fl.
d. städtechr. 5, 112, 8; daʒ worde eme villichte hindin nôch leid. Rothes
chron. bei Menken
script. 2, 1798 A; noch danocht von vil teglichen sünden so würt der last hindenach grosz, daʒ er ein dernider truckt. Keisersberg
sünden des munds 76
a; der bruder stundt und hört im (
dem vogel) zu und hindennach gedacht er, er müszt zu der prim heiszen leuten. Pauli
schimpf 130
a; niemand kund in finden .. hindennach so sicht man in auf dem dach. Frey
garteng. 57; eine vorstellungsart, deren man sich hinten nach, wenn die principien .. ins reine gebracht sind, bedienen kann. Kant 1, 193; ich sah hintennach wohl ein, wo ich unwürdig gewesen. Göthe 19, 312; du bist immer klug hintennach. Tieck 1, 126; ir fürsten kunt wol vil gehaiszen und gebt uns hindennoch ein dreck.
fastn. sp. 185, 21; du trittst mit vieler kühnheit ans geschäft: besorgst du keine reue hinten nach? Göthe 9, 305; wir haben nicht geweinet (
beim abschiede), wir seufzten nicht weh! und ach! die thränen und die seufzer, die kamen hintennach. H. Heine 15, 114.