verschwenden,
verb. ,
ahd. firswenden Graff 6, 885;
mhd. verswenden
mhd. wb. 2, 2, 800
b. Lexer
mhd. handwb. 3, 261. Schmeller
bair. wb. 2, 636. Scherz-Oberlin 2, 1772. 1782;
nhd. verschwenden Hulsius
dict. (1616) 354
b. Schottel
teutsche haubtsprache 646
b;
schwenden et verschwenden,
prodigere, consumere, per luxuriam dilapidare, effundere, et profundere. Stieler 1982;
vgl. Kramer
deutsch-it. dict. (1702) 2, 714
a; ich
verschwände, prodigo, dissipo, profundo. Steinbach 2, 554; verschwenden, die güter. Frisch 2, 248
c;
nld. verswenden,
dissipare, perdere. Kilian (1777) 2, 730,
im neunld. fehlend; auch dem nd. ist das wort fremd und dringt erst aus dem hochd. ein: verswenden Dähnert
plattd. wb. 528
a.
verschwinden für verschwenden
s. unter verschwinden 12
und verschwindung 2.
die alte factitive bedeutung des wortes '
verschwinden machen, vertilgen'
ist im neuhochd. völlig untergegangen; schon in alter sprache wird verschwenden
in dem sinne verwendet, dasz etwas durch gebrauch verschwindet, aufgezehrt wird; hier knüpfte der neuhochd. sprachgebrauch an, indem er den sinn ins schlimme wendet, '
unnütz aufbrauchen, vergeuden'.
in entwickelter sprache kann sich dann bei gehobner rede die bedeutung wieder ins gute wandeln, '
in überreicher fülle austheilen, spenden'.
das einfache verb. schwenden
wird zwar im neuhochd. noch im sinne von dissipare, prodigere gebraucht, weicht aber allmählich vor verschwenden
ganz zurück. 11)
in alter factitiver bedeutung. verschwinden machen, vernichten, vertilgen, verzehren, auf belebtes und unbelebtes, sinnliches und unsinnliches gerichtet: omne mortale omne corruptibile uuirt dâr an imo consumptum divino igne, fersuendit mit gotes fiure. Notker
ps. 64, 2; vom rouche des cederholzes wurt verswendet daʒ vergiftnisse der slangen. Tauler
bei Schmidt
els. wb. 403
a;
ebenda aus einer andern quelle: (
würde die) gestalt des brodes (
bei der messe) verswendet, daʒ wir jr nüt gesehen möhtent. Frisch 2, 248
a citiert aus einer älteren quelle: bisz dich der herr durch den schelmen verschwende von dem land (
Deuteron. 23, 21). er verswant ein vil michel her âne stich unt âne slac.
Rolandslied 177, 9; des wurden ir vil manige schar von den cristen verswendet gar.
herzog Ernst 5564;
verschlingen und somit verschwinden lassen: der trache gieng eʒ (
das rosz) aber an mit phnâste und mit fiure, unʒ eʒ der ungehiure, vor dem satele gar verswande. Gottfrid v. Straszburg
Tristan 8991;
burgen zerstören: achzên vesten ..., di man in sach vorswenden unde in pulvir wenden. Nikolaus v. Jeroschin 188
d; dô er zefuorte und verswant daʒ hûs, dâ er ist vorgelegen. Ottokar
reimchr. 29761;
weltende: die vogel fihe unde tier daʒ eʒ (
das feuer) diu verswende schier. Hugo v. Langenstein
Martina 197
d. 86; von dem flure waʒʒir unde luft diu erde craft und ir kruft die werdent also hie gebrant und ir gescheppfede verswant. 198
a, 4;
der winter verschwendet
die rosen: man siht wunniclîchen stân rôsen in der blüete, die der kalte winter het verswant.
minnes. 3, 222
b Hagen;
der tag verschwendet
die nacht: als schiere des liehten tages schîn die vinstern naht verswant. Heinrich v.
d. Türlin
krone 10459.
auf innerliches bezogen: durch liebe dîner vriundesô ist mîn sorge verswant.
Nib. 1444, 4; wer kan trûren baʒ verswenden, danne ein reine minneclîcheʒ wîp?
minnes. 1, 55
b Hagen; sîn vröude wart verswendet. Konrad v. Würzburg
troj. krieg 3560; ich sol mit sender herzenôt verswenden hie mîn armeʒ leben.
herzmäre 503;
jüngere belege für die alte factitive bedeutung: wirst du got unnutz unnd eytel nennen, er wird dir sel und leib verschwenden. Wackernagel
kirchenl. 2, 905 (1126, 3); wöllicher inbrunst alle mackel der seelen und alle pen der schuld verschwendet, gleich als das feür auszbrennet, den rost des eyszens. Geiler von Keisersberg
seelenparad. 145
a (1510). scheiszmeld gessen weychet dyn bauch und verschwendet mancherlei geschwulst.
quelle bei Crecelius
oberhess. wb. 2, 877. 22)
durch gebrauch zu nichte machen, gut, habe verbrauchen, aufbrauchen, so dasz nichts mehr zurück bleibt: ern kundeʒ niht verswenden,sold er iemer leben. hort der Niblungebesloʒʒen hât sîn hant.
Nib. 717, 2; er gît iu alsô vil daʒ irʒ verswendet nimmer. 1215, 4; sperre verschwenden,
sie im kampf zersplittern (
vgl. verschwinden 1): vil starker sper des heldes hant mit hurte verswande. Wolfram v. Eschenbagh
Parz. 72, 5; swaʒ sper gebieten moht ir (
der knappen) hant diu wurden gar von im verswant. 384, 6; ir habet doch alle iuwer zît mê starker lanzen vorswant wan tôren kolben in der hant getragen nâch der narren site. Heinrich v. Freiberg
Tristan 5245.
freier: soltu mit sælden werden alt zuo dîner schœne die du hâst, durch dich verswendet wirt der walt.
Winsbekin 13, 10.
aber in anderm sinne, den wald verschwenden,
ihn ausroden, s. unten. schuh verschwenden,
sie verbrauchen, dasz sie nicht mehr taugen: schuhe (
der Gibeoniter) sind zufahren und verschwendet.
quelle bei Frisch 2, 248
a (
Jos. 9, 13).
von speise, aufzehren, so dasz nichts mehr übrig bleibt: eʒ ist ein wol gewanteʒ brôt (daʒ dir der tiuvel tuo den tôt!) daʒ dû frâʒ verswendest. Hartmann v. Aue
Greg. 2637; man vleiʒ sich guoter spîse und süeʒer wîne zuo dem spil. der wart dâ beider harte vil verswendet und verdœset. Konrad v. Würzburg
troj. krieg 16193; vaiszte kelber, ochsen stier wir schier verschwenden mit vier pachen. Cl. Hätzlerin 1, 91, 148.
der übergang zu der uns geläufigen verwendung des wortes liegt hier besonders nahe: wo pfaffen in einem dorff waren, blinderten sie jn die heuser, was sie von essendhaffter speis funden, verschwendeten sie (
aszen sie auf); was sie zur noturfft nit essen mochten, verwüsten sie. Wickram
rollw. 154, 12
Kurz. 33)
auf zeitbegriffe bezogen, hinbringen, zunächst ohne die nebenbedeutung des miszbrauchs, die sich aber auch hier leicht einstellt: in hât sîn gelücke niht betrogen der mit ir verswendet sîniu jâr. Neidhart v. Reuenthal 69, 24; mit maniger hande mæren die stunden verswenden. Heinrich v.
d. Türlin
krone 8007; swer nu in den sunden lît unde sine irgangene zit iteliche hat verswant.
deutsche chron. 2, 1, 65, 41. 44)
übergehend in den sinn des miszbräuchlichen nützens, des unbesonnenen, leichtsinnigen verbrauchens, des vergeudens, verschleuderns u. s. w.; zunächst bezogen auf besitz, gut, habe, auf alles, was allgemein oder für einen gewissen zweck wertvoll ist: prodigere, verschwenden. Diefenbach
gloss. 462
c; ein prasser (schlampamper) der das seine mit gastereyen (pancketiren) verthut und verschwendet. Comenius
sprachenthür übers. von Docemius 820 (1657);
funditare rem, sein gut verschleudern, verschwenden. Corvinus
fons lat. (1660) 285
b;
dissipare patrimonium, sein vätterlich gut verschwenden. 608
a; das gemeine guht verschwenden; er verschwendet das seine, als könnte es nimmer alle werden;
ohne object: er verschwendet, da er keine ehre von hat. Stieler 1982; das gütlein musz wol schwinden, wenn man es verschwendet; mit fressen und sauffen verschwenden. Kramer
deutsch-it. dict. (1702) 2, 714
a; in kurtzer zeit ein groszes vermögen verschwänden; sein erbgut mit schmausen verschwänden; des vaters vermögen mit der frau verschwänden. Steinbach 2, 554; viel geld mit bauen, an einem baue verschwenden. Adelung; er verschwendet das geld im spiele. Campe;
besonders häufig ist die wendung an einen, an etwas verschwenden,
ebenso geld für etwas verschwenden
u. ä.; dann er hett durch bösz regiment vast all keyserlich schätz verschwendt. H. Sachs 8, 414, 5
Keller-Götze; sein hertz erwachet in hochmut und verschwendet der kirchen gut. 641, 5; weil Salomon spricht: gutes vil wird weng, wo mans verschwenden wil.
fastn. sp. 1, 85, 82
neudruck; es wird ein andrer erben, der dieses was wir ietzt durch müh und noth erwerben, mit lust verschwenden soll. Opitz 1, 109 (1690); halt ein, das jenige so unnützlich zu verschwenden, welches deine vorderen vielleicht mit saurer mühe und arbeit ... erworben ... haben. Grimmelshausen
Simpl. 2, 152, 18
Kurz; dasz ich unser geld ... nicht unnütz verschwende. 14, 32; die ihre und ihrer eltern haab so unnützlich verschwendeten. 45, 17; sie hatten erstlich grosze schätze und überflüssige nahrung, die sie aber keines wegs unnützlich oder liederlich verschwendeten. 89, 30;
die verstärkenden zusätze zeigen, dasz die neutrale bedeutung des verbums noch nachwirkt; Indiens schätze (
hatte man) an die wiedereroberung Hollands, an das schimärische projekt, die französische thronfolge umzustoszen, an einen verunglückten angriff auf England verschwendet. Schiller 8, 98; (
sie) erbeuten nicht nur durch den überschusz ihrer anstrengung drei ruhende tage, sondern auch drei verschwendende. J. Paul 20, 188 (
jubelsenior); er liebte alle möglichen raritäten, für die er ein ungeheueres geld verschwendete. Gutzkow
ritter v. geist 4, 309.
nach der alten bedeutung hinweisend, mehr im sinne von verderben: auch würt verschwendet leyb und guot. Schwarzenberg (1535) 157
b.
andere objecte: doch wenn bey jenen auswüchsen, höchstens nur einige bogen verschwendet worden. Lessing
3 11, 60; es wäre thorheit, zu ausbesserung einer baufälligen hütte materialien zu verschwenden, von welchen ein ganz neues gebäude aufgeführet werden könnte. 213. den wald verschwenden,
ihn durch raubnutzung verderben (
vgl.schwenden 2,
b, th. 9,
sp. 2521); die waldung damit besslich verschwenden.
tirol. weisth. 3, 314, 2; von gueter ordnung der wäld, das sie nit verschwendt oder ausgeödet werden. 4, 2, 635, 6.
merkwürdig ist der gebrauch des wortes in folgender stelle: (
ihr könnt) durch betrug euch gantze städte zueignen, und durch wollust euere weiber verschwenden.
pers. baumgarten 4, 12;
der sinn ist wohl: durch miszbrauch verderben, also nach der alten anwendung (1)
hinweisend. 55)
der freiere und übertragene gebrauch von verschwenden
ist im neuhochd. reich ausgebildet, zunächst wird das wort auch hier in schlimmem sinne verstanden, eine milderung tritt aber leicht ein;
nicht mehr miszbrauch wird dann bezeichnet, sondern nur reichliche aber vergebliche aufwendung; eine noch weiter gehende abtönung s. unter 6.
eine häufige verbindung ist an einen (
mit dem dativ unten bei Freytag), an etwas verschwenden,
daneben andre verbindungen mit praepositionen; die zeit unnützlich verschwenden, seine kräften verschwenden. Kramer
deutsch-it. dict. (1702) 2, 714
a; alle wohlthaten sind bey ihm nur verschwendet; gute worte, ermahnungen an jemanden verschwenden. Adelung; nein; selbst ihr lächeln nicht! ich hab' es ja wohl schöner noch an aberwitz, an tand, an höhnerey, an schmeichler und an buhler, verschwenden sehn. Lessing
3 3, 149 (
Nathan 5, 4); wie viel verlorne müh verschwendete der ritter nicht an sie. Wieland 17, 281 (
Idris u. Zenide 5, 48); ein flüchtiger verdacht ... giebt er dir recht, das blut der unschuld zu verschwenden? Gotter
ged. 2, 160 (1788); der verschwendet nur das leben, wer der weisheit alten streit mit der unvernunft erneut. Göckingk
ged. 1, 31 (1780); verschwende nicht die pfeile deiner augen, deiner zunge. Göthe
Tasso 2, 3 (10, 157
Weim. ausg.); nicht so umher, mein liebes kind, verschwende die blicke staunend.
natürliche tochter 1, 4 (10, 258); nicht in das grab, nicht übers grab verschwendet ein edler mann der sehnsucht hohen werth. 3, 4 (10, 324); und muszt' ich so die schönste zeit verschwenden, die kraft der jugend, mit unwürd'ger that. Uhland
ged. 1, 362
Schmidt-Hartmann; denn alle worte sind an dem verschwendet, der da verhöhnet, wo er ehren soll. Freytag
ges. werke 2, 101; dasz man ihnen vorwerfen kann, ihren beyfall an etwas ganz unwürdiges verschwendet zu haben. Lessing
3 7, 415; schade, sagte Lais, dasz so viel witz und laune an so ein attisches hühnchen verschwendet wurde. Wieland 33, 197 (
Aristipps briefe 1, 14); ein mädchen, an welches die natur ihre reichsten gäben verschwendet hat. 38, 32 (
Narcissus und Narcissa); die umstände, unter welchen ein körper einen theil seiner lebendigen kraft ohne wirkung verschwendet Kant 8, 179; sowohl im verschwenden der güter, als der gesundheit (unmäszigkeit) und der ehre. 10, 442; wenn mich nicht schon die paar worte gereuten, die ich mit ihnen verschwendet habe. Schiller
räuber 2, 3
schauspiel (
schriften 2, 103); so sah man die Anhalt, die Mansfeld, die prinzen von Weimar
u. a. ihr blut in mörderischen schlachten verschwenden. 8, 97; unterdessen wurde in Antwerpen mit fruchtlosen deliberationen eine kostbare zeit verschwendet. 9, 46; Friderich Gianibelli hiesz dieser mann, den das schicksal bestimmt hatte, der Archimed dieser stadt zu werden, und eine gleiche geschicklichkeit mit gleich verlorenem erfolg zu deren vertheidigung zu verschwenden. 55; von jeder seite wurden an diesem tage zehntausend schüsse verschwendet. Göthe 33, 72
Weim. ausg.; (
die natur) hat lieblinge an die sie viel verschwendet und denen sie viel aufopfert. II, 11, 7. 66)
die bedeutung des wortes kann sich noch weiter mildern und verfeinern, so dasz es im sinne von '
überreichlich spenden, hingeben, freigebig darbringen, opfern'
gebraucht wird; s. auch unter 7;
vgl. verschwenderisch: aufs neu (
sie) die zähr verschwendet mit noch so starkem gusz. Spee
trutznachtigatl 50, 363
Balke; erd, himmel wîrd sich wenden in wesen aller neu und ihre schätz verschwenden gar häufig und ohn scheu. 146, 99; die reben blühen und verschwenden düfte. Platen 4
a. 77)
reflexive wendungen: zu verhüten, dasz sich dieser enthusiasmus ... an betrug und täuschung nicht unwürdig verschwende. Schiller 9, 80; blüthen, blumen, eure fülle duftend sich der nacht verschwende. Brentano
ges. schriften 3, 310;
kühner: wie sie sich an mich verschwendet, bin ich mir ein werthes ich. Göthe
west-östl. divan VIII (6, 162
Weim. ausg.); die, recht als blume liebend sich verschwendet. Rückert
ges. ged. 1, 131 (1840);
anders gewendet, mit accusativ der wirkung: das glück mag dann, mit vollen händen, an jedermann. der schleppen kann, sich arm verschwenden. Bürger 275
Sauer.