wurst,
f. ,
mundartl. auch m. ein genuin deutsches wort, der bildung nach fem. der -i-
klasse: ahd. mhd. wurst,
pl. wursti, würst(e),
as. mnd. worst,
wozu mnl. nl. worst.
als lehnwörter stellen sich dazu schwed. (1771) vurst
in der bedeutung B 3 a,
aschwed. metvorst,
schwed. metvurst Hellquist
31371; 645,
dän. vurst '
gestopftes kissen, das am bugspriet angebracht wird' Falk-Torp 1399
f. sowie aus ital. maa. senes. buristo '
blutwurst'
; trient. brusto,
rover. probus '
bratwurst' (
vgl. kimbr. burst, buarst Schmeller
cimbr. 176
a; Meyer-Lübke
rom. et. wb. 800
b).
die herkunft des wortes ist unsicher; meist wird es als *tsti-
auf idg. *ert '
drehen'
zurückgeführt (Fick
43, 398; Franck-v. Wijk 803
u. a.).
die zuletzt noch von Kluge-Mitzka 872
a geäuszerte vermutung, dasz wurst
als '
gemengsel'
mit idg. *wers- (
wie z. b. dt. wirren)
zusammenhängt, wird durch die tatsächliche bedeutung des wortes (
trotz A 3)
nicht gestützt. in den maa. begegnet das hier weit verbreitete und, besonders in festen wendungen und redensarten, sehr häufig gebrauchte wort auch als m., vgl. Martin-Lienhart
elsäss. 2, 855
b; Autenrieth
pfälz. 153; Mensing
schlesw.-holst. 5, 745.
für das md. und nd. sprachgebiet typisch ist die häufige senkung von -u-
zu -o-
im sg. des wortes: rst (
Trier 13.
jh.)
ahd. gl. 3, 154, 36
St.-S.; 368, 28; worst
in md. und nd. glossaren des 15. und 16. jhs., bei Diefenbach
gl. 509
a; 278
c; 225
b; 277
b;
n. gl. 58
a;
s. weiter die mundartwbb. zu regional eng begrenztem -o-
auch im obd. vgl. Schmeller
d. maa. Bayerns 75 (
am Main);
Fischer schwäb. 6, 997 (
in Franken);
vokallängungen zu -û-, -ô-
über md. und obd. gebiet verstreut, ebenfalls diphthongierungen zu -ua-, -uo-, -oe-
u. ä. verbreiterung des -s-
zu -sch-
ist in sämtlichen mundarten mit ausnahme der westnd. möglich und dringt vielfach auch in die umgangssprache ein. synkope des -r-
ist im westnd. weit verbreitet, im obd. ausnahme, s. Fischer 6, 997 (
im südwesten);
singulär bleibt synkope des -s-
wie in wur't, wurd Schmeller-Frommann 2, 1004;
steir. würt,
pl. Nicolai
österr. id. 142
in: reise durch Deutschl. 5 (1785).
apokope des auslautenden dentals gelegentlich im westmd. und nd., vgl. z. b. woosch Hönig
Köln 2220
a; wuh(r)sch Waldbrühl
rhingscher klaaf 220; wuss Mensing 5, 745.
zum einzelnen und zu weiteren veränderungen an der lautgestalt des wortes vgl. die einschlägigen mundartwbb. AA.
eigentlicher gebrauch. A@11)
nach dem stand der frühesten überlieferung ist das wort seit dem 11.
jh. bezeugt, und zwar als simplex und als kompositum in zahlreichen sachglossaren des 11.
bis 14.
jhs. die sache selbst gehört bereits der antike an, vgl. die mit fett und blut gefüllten tiermägen in Homers Odyssee 18, 44
f.; 20, 24—27
sowie gr. ἀλλᾶς und φύσκη.
als lat. vokabeln für würste und wurstsorten werden im dt. vor allem salsicia, salsicium (
und ihre entstellungen, ursprüngl. adjektiva, also salsicia =
s. [
hira],
salsicium =
s.[
fartum]),
farcimen und lucanica glossiert (
nicht botulus, tomacina, tomaculum),
vgl. z. b. salsicia uurst (11.
jh.)
ahd. gl. 3, 613, 13
St.-S.; saltia vurst (
nd. 11.
jh.)
ebda 3, 684, 46;
salsicia wrst (
hss. d. 12.
jhs.)
ebda 3, 154, 35.
im plural: salsitia uursti (11.
jh.)
ahd. gl. 3, 614, 24
St.-S. und salsicias wrsti, wrste (12.
jh.)
ebda 4, 94, 32;
farcimen wrst (11.
jh.)
ebda 3, 275, 22;
farcimen vvrst (12.
jh.)
ebda 3, 318, 1;
farcimen et farcinamenaum (
l. farcinamentum) wrst (13.
jh.)
ebda 3, 361, 56;
lucanica worst
ebda 3, 368, 28.
im plural: lucanicas uursti (11./12.
jh.) (
St. Emmeram)
ebda 3, 613, 16.
singulär: farsa (=
farsa longavo?) wurst (12.
jh.)
ebda 3, 617, 24.
in spätlat. varianten: salsities vvrst (
hs. anf. d. 12.
jhs.)
ahd. gl. 3, 323, 53
St.-S.; salsitia, saturcia wrst (11.
jh.) 3, 288, 4 (
saturcia ist von der in andern hss. folgenden glosse satureia quenela [3, 256, 72; 2, 308, 25]
her eingedrungen. salacia uurst [12.
jh.] 4, 94, 9;
salatia vvrst 172, 27
dürfte zu wurz
gehören, wie sicher salacia wrz [12./14.
jh.] 4, 94, 10
f.; wrzt [14.
jh.] 4, 94, 10
und gevvrz [13.
jh.] 4, 94, 11,
vgl. noch Du Cange 7, 278
b:
salacium '
quantum salis alicui necessarium est').
für die verbreitung des wortes und seine frühe sachliche differenzierung zeugen komposita mit wurst-
als zweitem wortglied im gleichen glossenbereich, z. b.: lunica (
l. lucanica)
aletica prat uurst (11./12.
jh.)
ahd. gl. 3, 613, 28
St.-S.; leucanica lebaruurst (11.
jh.)
ebda 3, 613, 16;
lucania lugenwurst (
l. lungenwurst) (12.
jh.)
ebda 3, 616, 23.
die wiederholt bezeugte verwendung der lat. wie der deutschen lemmata im plural sowie der aus lat. quellen sich ergebende sachliche befund (
vgl. z. b. Apicius Caelius
de re coquinaria libri decem 50; 76; 173
Schuch)
erlauben den schlusz, dasz wurst
von anfang an eine '
in tierdärme gefüllte, gewürzte fleischspeise'
bezeichnet, und nicht etwa nur eine zerkleinerte fleischmasse, '
gemengsel, gehacktes'
in der art der '
losen wurst',
wofür ahd. kehacchôt
ahd. gl. 2, 160, 1
St.-S., mhd. meizlinc;
s. dazu M. Heyne
hausalt. 22, 293
anm. 59.
auch das doppelinterpretament vvrst
vel wursti
in der sammelglosse lucanica asicia murcia farcimen salsicia farsia (13.
jh.)
ahd. gl. 3, 677, 10
St.-S. darf wohl nicht im sinne einer solchen doppelten bedeutung verstanden werden. zur möglichkeit späterer einschränkung der deutschen wortbedeutung auf '
fleischgemengsel, füllsel'
s. u. 3.
zum sachgeschichtlichen und kulturhistorischen vgl. im übrigen E. Lissner
wurstologia (1939), E. Johann
d. jahr d. metzgers (1957),
ferner A. Schultz
höf. leben 1, 384; 654;
M. Heyne
hausaltert. 22, 293
f. A@22) wurst
als kollektivbezeichnung für ein in zahlreichen sorten verbreitetes nahrungsmittel, das gewöhnlich aus zerkleinertem, gesalzenem und gewürztem fleisch, fett und den schlachtabgängen der schlachttiere, gelegentlich auch mit andersartigen zusätzen bereitet und in (
kunst)
därme, mägen oder blasen gefüllt wird. A@2@aa)
ohne wertenden beisinn, in rein sachlicher benennung: vnd an dem lihtmesstag (
gibt man) ie der vrowen ein wurst (13.
jh.)
in: quellen u. erört. z. bayer. u. dt. gesch. (1856) 1, 418; nu sol ich betrachten wurste in vier achten: vom hirne und vom sweize, auch leberwrste heize, und wurste vom brote könig v. Odenwald
ged. 70
E. Schröder; so asz er (
Petrus) mit jn (
den heiden) schweynen fleysch und würste (1522) Luther 10, 3, 39
W.; kauffte sich auf der garküchen eine wurst Joh. Riemer
polit. maulaffe (1679) 15; nicht weniger ward mir ein tüchtiges stück wurst gereicht Göthe I 33, 102
W.; (
der general) erzählt ... aus seiner leutnantszeit, wie er einmal um die wette würste gefressen ... hatte A. Zweig
einsetzung e. königs (1950) 177.
auf die möglichkeiten der wurstfälschung anspielend: si sullent ouch keine wurst niht machen danne mit dem fleisch daz von dem swîne komen ist (1317)
Meraner stadtrecht in: zs. f. dt. altertum 6, 418;
vgl. Nürnberger polizeiordn. 235
lit. ver.; ein wenig dreck schadet nicht in viel würsten
poco di merda non fa danno in molte salsiccie Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1408
c (
s. auch unter 3). A@2@bb)
vor allem in älterer zeit erscheint wurst
oft gewertet als gute, schmackhafte, nicht alltägliche kost, insbesondere als wesentlicher bestandteil derb-opulenter mahlzeiten: do liessen si (
die bäuerlichen hochzeitsgäste) das muos faren bis si die würst gassen (1.
hälfte 14. jhs.)
Meier Betz 191
Wiessner; luog auch was guots zu essen sey, ein stücklin von einr guoten wurst, so kompt dir drauff ein rechter durst Scheit
Grobianus 2551
ndr.; eine wurst, einen warmen leberkäs oder sonst was delikates O.
M. Graf
unruhe (1948) 210.
häufig in der reihung mit anderen speisen und gerichten: ich waiss ain schöne mätzen dort oben an dem egg, die soltu mir erswätzen, das gilt dir würst und wegg Oswald v. Wolkenstein
ged. 112, 128
Schatz; wirdt unser fraw den armen leüten spende geben, dieweyl sie würst und semmel herab tragen (1559) Schumann
nachtbüchlein 51
Bolte; richt würst und schunken her, wir haben schon auf sie gewart't (1815)
bei Ditfurth
volkslieder d. bayer. heeres (1871) 104; er solt ihr wurst und sauerkraut zu ihrer cur verschreiben (
zur kräftigung) Henrici
ernst-, scherzh. u. sat. ged. (1727) 1, 341.
redensartlich: einem eine hölzerne wurst auf's kraut legen
einen prügeln Klein
provinzialwb. (1792) 2, 239.
als bestandteil eines opulenten mahls, besonders älter und in derb-bäuerlicher sphäre: herbest wil berâten mang gesind mit guoten trachten bî der gluot ald swâ sî sîn: veize swînîn brâten, dar umb sol ir wirt in achten und ouch bringen guoten wî
n. wirt, besende uns würste, dâ bî schæfîn hirne Johannes Hadlaub 18, 7
in: schweiz. minnesänger 310
Bartsch; vgl. 20, 12; man pracht im met und wein, als
ob es wär ain fürst, visch, hüener, würst, neur wes sein herz begeret Oswald v. Wolkenstein
ged. 102, 33
Schatz; vgl. 112, 109; vnd bringet mit guot prouiandt, von obs vnd treublen allerhandt, mit wein die fläschen wol geladen, vmbhengt mit würsten, kesz vnd fladen Scheit
Grobianus 64
ndr.; da will nun jeder am festlichen mahl sich neben dem liebchen erfrischen; sie (
die zwerge) tragen die würste, die schinken so klein und braten und fisch und geflügel herein; es kreiset beständig der köstliche wein Göthe I 1, 180
W.; würste, schinken, süszes hirn, gut gekröse, därme, bletze, feisten schweinebraten her, dasz in der heiszen stube den knappen und den stolzen mägden die glühenden stirnen glosten G. Keller
ges. w. (1889) 6, 93.
ähnlich als fester, halb symbolischer bestandteil in der vorstellungswelt des schlaraffenlandes und verwandter utopien: diu hiuser sint gedact mit fladen, geziunet wol mit würsten
das wachtelmäre (
mitte d. 14. jhs.)
in: Wackernagel
dt. lesebuch 51, 1150; in Berlinczona in der gegent Lebwol do die weinreben mit wecken gepfält vnd mit würsten gebunden sein Arigo
decameron 475
lit. ver.; ir bantzer waren hasen-garn, ir heelbarten schweine braten, ir spiesz mit würsten wol geraten (
ein heerlager im schlaraffenland) Hans Sachs 5, 334
lit. ver.; das wär dir ein schönes gartengelände, wo man den weinstock mit würsten bände Göthe I 2, 228
W. ähnlich im bereich saturierter behäbigkeit und unheroischen wohllebens: du bist ein fechter hinderm ofen, da die würst und die hering trofen Hans Sachs 21, 5
lit. ver.; dann wie wolte der jenig einen schweren kürisz tragen, den spiesz führen, vnter dem harnisch schwitzen, vnd mit einem doppelhacken vmmgehen, welcher jmmerdar hinder dem ofen gesteckt, vnd epffel vnd würst gebraten? Albertinus
d. kriegszleut weckuhr (1601) 1, 32
b.
in die wunschwelt des schlemmers gehört die lange wurst: darzu prot und lang würst (15.
jh.)
fastnachtspiele 2, 613
Keller; ein lange wurst von einer saw, die einem neun mahl vmb das maul gienge Fischart
binenkorb (1588) 24
a;
vgl. Garg. 144; 240
ndr.; eine lange wurst mein sabel, mein tschako wär ein humpen gut Mörike
w. 1, 231
Göschen. A@2@cc)
in anderer gesellschaftssphäre und von verfeinertem lebensanspruch her als gewöhnliche, grobe, unfeine kost abgewertet, steht wurst
oft in ausdrücklichem gegensatz zu erlesenen speisen: fur wiltbræte wurste hiezu hove wir immer ezzen solten Albrecht v. Scharfenberg
jüng. Titurel 1482, 2
W. Wolf; das weder hüner noch ander fleisch wol zubekomen, das, wo es feylet, ich mit wursten vnd caldaünen mus nach füllen (
für ein hochzeitsessen) (1542) Luther
br. 9, 591
W.; so kann ich würste und solches essen mit aufsetzen, dasz wir den hasen schonen können J. E. Schlegel
w. (1761) 3, 592; an der wand hingen zwei schinken und eine geräucherte wurst ... nahrungsmittel des gemeinen mannes, frugale kost Tieck
novellenkranz (1831) 4, 141. A@2@dd)
in festen speziellen verbindungen. A@2@d@aα)
attributiv bestimmt, die art der zubereitung kennzeichnend: von gedörrten, gereucherten, gesottenen, gepratenen per omnes casus vnnd species würsten Fischart
Garg. 77
ndr.; eszt frische wurst, trinkt kühlen wein Tieck
schr. (1828) 1, 103; und wenn ich (
Sosias) wieder komme, will ich gebratne wurst mit kohlköpf' essen H. v. Kleist
w. 1, 276
E. Schmidt; da dampfte auch eine frische wurst Cl. Viebig
die vor d. toren (1949) 87.
die örtliche herkunft bestimmend: Braunschweiger wurst, herr richter H. v. Kleist
w. 1, 336
E. Schmidt. im scherz und in der satire spielt die Göttinger wurst
eine besondere rolle: wer von euch ist der sänger der Ilias? weil's ihm so gut schmeckt, ist hier von Heynen ein pack Göttinger würste für ihn Göthe I 5, 258
W.; vgl. Lichtenberg
br. 2, 125
L.-Sch.; die stadt Göttingen, berühmt durch ihre würste und universität H. Heine
s. w. 3, 15
Elster. A@2@d@bβ)
häufiger mit verben, die sich auf die herstellung von würsten beziehen. würste,
seltener in kollektivem sinne wurst machen: meizlinc unde würste kan er machen wol dâ von Seifrid Helbling 15, 308
Seemüller; farticia felg do mit man wurst macht (
Nürnberg 1482) Diefenbach
gl. 226
a; das (
mädchen) sölle in eim gschirrle das blut von der saw empfahen, das man würst könne machen Wickram
w. 3, 97
Bolte; trinck wein Martini, mach würst nativitatis Christi J. Prätorius
saturnalia (1663) 300; dasz wir diesen sommer ein schweinchen mästen und im herbst schlachten und wurst machen (1890) G. Freytag
br. an s. gattin (1912) 454.
in der nur älteren verbindung würste füllen
und der jüngeren würste stopfen
tritt eine nur scheinbare einschränkung auf die wortbedeutung '(
wurst)
hülle, pelle'
hervor, s. dazu unten 3: etlich stossen die finger in das maul mit der speisz, als wolln sie würst füllen Pauli
Keisersbergs narrenschiff (1520) 50
a; sie könne so gut würste füllen Petrasch
s. lustsp. (1765) 1, 432; im pastorat war ein schwein geschlachtet, es wurde wurst gestopft Moltke
ges. schr. u. denkw. (1892) 6, 170; Klemperer
l. t. i. (1949) 276. A@2@d@gγ)
andere verbalverbindungen, wie um würste singen, würste sammeln
u. ä. (
s. u.wurstsammler)
entstammen dem älteren brauchtum bei schlachtfesten, zu weihnacht, neujahr oder vorfasten; vgl. dazu sowie zu den schweizer. heischeliedern in der vorfastenzeit Lissner
wurstologia (1939) 225
ff.; hdwb. d. dt. abergl. 9, 1388; 869; 871: es soll ouch niemand singen gan vor noch nach dem hochzit (
weihnachten), umb würst, gelt noch anders (1420)
in: schweiz. arch. f. volkskde 7, 104; (1418)
ebda; damit (
mit ofenrusz) vorstelt das angesicht, so mann nach würsten singet
bergreihen 82
ndr.; und (
der bauer) mit dem könig selbsten ... tapffer umb die würst tantzete (1672) Grimmelshausen
Simpliciana 86
Scholte; da ich (
Luther) und sonst ein knab daheimen in der fastnacht, wie gewohnheit ist für den thüren sungen, würste zu sammlen (1531)
bei Luther
tischr. 1, 60
W. geradezu für '
betteln'
überhaupt: dann in dem er (
ein abgedankter landsknecht) ... herumb zeucht, den bawren die hundt auffzuwecken, vnnd ein par würst zu samlen, musz er manch vnnütz wort mit vnderfressen Kirchhof
milit. discipl. (1602) 215. A@33)
wohl kaum anfänglich (
s. ob. 1),
aber gelegentlich in späterem gebrauch kann wurst
als pars pro toto nur den weitaus wichtigeren, weil allein genieszbaren teil des ganzen bezeichnen und damit auf die bedeutung '
füllsel, fleischgemengsel'
reduziert erscheinen, vgl. vereinzelte lexikalische verzeichnungen wie: farcimina sunt carnes minute incise: wurst
gemma gemm. (1508) k 1
c;
aber ebda (1507):
farcimina volsell van worsten
bei Diefenbach
gl. 225
b.
unsicher: issicium, ein wurst oder das man in die därm fült, gehackt fleysch,
est pulmenti genus ex insectis et minutatim tritis carnibus confectum Alberus
dict. (1540) Ee 2
b.
ältere verbale verbindungen wie zu, in würsten hacken, würste hacken
u. ä. umschreiben dagegen eher den vorgang der wurstbereitung und beziehen mindestens, wie in der bezeichnung anderer herstellungsvorgänge (
z. b. ein buch schreiben),
den gedanken an das ergebnis des hier aus hülle und füllung bestehenden ganzen mit ein (
vgl. auch den plural),
wie das umgekehrt für wendungen wie würste stopfen, füllen (
s. ob. 2 d
β)
gilt, die die bedeutung von wurst
auf '
hülle, (
wurst)
pelle'
einzuschränken scheinen: ouch dhein pfynnig fleisch in wursten zu hacken (1498)
Schlettstadter stadtrechte 2, 442
Gény; die gefälschten würst, darinnen die fleischhacker ... das stinckend fleisch, so halb verwesen, zu würst hacken Guarinonius
grewel d. verwüstung (1610) 747; würste hacken
sminuzzare carne Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1408
c.
die tatsache des allein wichtigen wurstinhaltes ermöglicht die getrennte benennung von hülle und inhalt in redensartlichübertragenen wendungen wie den folgenden, in denen wurst
ausdrücklich nur den inhalt meint (
das umgekehrte, wurst
nur für die '[
wurst]
hülle',
ist trotz oben 2 d
β nicht möglich): ihr seid därme ohne wurst (
ironisch für schlappe menschen) A. Zweig
einsetzung e. königs (1950) 278; da hättest du d
ie wurst und i
ch hätt
e de
n darm '
du hättest den vorteil' Fischer
schwäb. 6, 997;
vgl. Schambach
Göttingen 305
b; es ist wurst wie schale
gehüpft wie gesprungen, einerlei Albrecht
Leipzig 238
b;
vgl. Regel Ruhla 131.
hierher schlieszlich auch wurst
als sammelname für solche wurstsorten, die in dosen oder gläsern konserviert werden. A@44)
als voraussetzung für den übertragenen gebrauch (
s.B)
in vergleichen, in denen besonders die vorstellung '
etwas ist wie eine wurst geformt'
ausdrücklich oder doch sinngemäsz zugrunde liegt: di naszlocher sind ir weyt: ain rotzel ir da vor leyt, das ist langk als ain wurst Heinrich v. Neustadt
Apollonius 4391
Singer; als were man darumb zusammen kommen, dasz man sich wie ein wurst füllen, oder gar zu todt fressen solte D. Schaller
theol. heroldt (1604) 93; in seiner (
Kasperls) nase, die so grosz wie eine wurst war, muszte er jedenfalls ein gelenk haben Storm
s. w. (1900) 4, 49; tes khent e krât wí ə wùət
so dick (
wie eine wurst) Martin-Lienhart
elsäss. 2, 855
b.
in unausgesprochenen vergleichen und metaphern: 's ist eine verzweifelt lange wurst, diese strasze Holtei
erz. schr. (1861) 20, 88; auf die maispflanzen und ihre dicken kolben weisend: hier wächst die wurst am stengel! das ist butter! das ist beefsteak! das ist speck!
vorwärts (1957) 32, 3. A@55)
für den umfangreichen sprichwörtlichen und redensartlichen gebrauch des wortes sind verschiedene, wenn auch nicht immer eindeutige anknüpfungspunkte gegeben. im folgenden kann nur das gängigste und das literarisch bezeugte angeführt werden, im übrigen ist auf die groszen sprichwortsammlungen und mundartwörterbücher zu verweisen. vereinzeltes s. noch ob. 2 b
und 3. A@5@aa)
auf den vergleichsweise geringen wert oder die relativ geringe grösze der wurst anspielend. A@5@a@aα)
vor allem die wurst an den bachen,
später an die speckseite
oder den schinken werfen, wagen
u. ä. '
mit geringem einsatz etwas wertvolleres zu erlangen suchen': wer waget der gewinnet vil wirff dü wurst an bachen vil licht so wirt er krachen das jn die wurst erschellet vnd das er mit ainander vellet
bei Laszberg
liedersaal 2, 641; ez muoz hie gewâget sîn die wurst wol an den bachen
herzog Ernst G 34, 8
Bartsch; dasz dieser ... teuffel, recht gleichsam ... die wurst nach dem backen werffe, und für ein so verfluchtes guth (
einen vergrabenen schatz) eine edle christenseele an sich zu fischen ... suche
Simpl. 1 (1685) 299.
mit bezug auf eine person soviel wie '
bestechen': da kommen sie (
die gern reich werden wollen) dann, das der (
reiche) herr ... jrer finantz, büberey, wuocher, lug, truog vnd beschisz zuosehe, werfen jm ein wurst an einn backen, ein portz ins maul, dann schweigt er wie ein häslin S. Franck
sprichw. (1541) 2, 129
a; B. Sartorius
d. schneider gnung- u. sattsame widerlegung (o. j.) 4.
seit dem änhd. auch und jünger fast ausschlieszlich in der gegenüberstellung zu speckseite
oder schinken;
vgl. hierzu bereits: so du ainem ain wurst schenckst, das er dir ain seytten specks dargegen schenck Keisersberg
granatapfel (1510) Bb 5
b; mit einer wurst hofft mancher ein speckseite abzuwerffen Petri
d. Teutschen weiszh. (1605) Pp 1
b; du hast die wurst nach den schincken geworffen Kern
sprichw. (1718) 15; bey dem verkehr mit ew. wohlgeboren wirft man immer die wurst nach der speckseite, oder um ein edleres gleichnisz zu brauchen: man vertauscht eherne waffen gegen goldene (1807) Göthe IV 19, 326
W. mit leichter sinnverschiebung: der mensch musz mitunter die wurst einer pflicht nach der speckseite eines vortheils werfen Immermann
w. 14, 45
Hempel; die wurscht nach de schpeckseite schmeiszen '
vortheile ausnützen' Brendicke
Berlin 194
b.
vereinzelte umstellung der glieder bedingt ein umgekehrtes sinnverhältnis: er sprach: es musz gewaget sein der bach wol an die würste! (
es spricht der von den Nürnbergern herausgeforderte herzog Casimir) (1502)
hist. volkslieder 2, 488
a Liliencron. A@5@a@bβ)
anderes ist weniger geläufig. im sinne von '
kleine ursachen, grosze wirkungen': von einer wurst kompt ein hausz voll rauchs Petri
d. Teutschen weiszh. (1605) Xx 5
b; Lehman
floril. polit. (1662) 3, 444.
eine einzelne wurst schätzt der bauer gering; von da aus: was ist aber der nutz davon (
von den wissenschaften)? ... geb auch der baur ein wurst dafür? Rollenhagen
froschmeuseler 1, 224
Goedeke; ein bawer gibt nicht ein wurst vmb aller gelehrten kunst Lehman
floril. polit. (1662) 1, 322;
vgl. 2, 606.
etwas anders, wohl von der vorstellung des für einen bestimmten zweck wertlosen, ungeeigneten her, in der älternhd. redensart etw. ist mit einer (der) wurst verstrickt, versiegelt, gebunden '
stimmt nicht, erweist sich nicht als wahr und stichhaltig'
; vgl. dazu noch s. v. versiegeln 4,
teil 12, 1,
sp. 1320: sag an, wie wurd wir pas betrogen, dann das man hin und briff schreibt und schickt, und ist als mit einer wurst verstrickt? (15.
jh.)
fastnachtspiele 27
Keller; (
dienstboten) verheissen trewen dienst, wann mann aber zuo sihet so ist es mit einer wurst versigelt
Petrarcas zwei trostbücher (1559) 31
b; wann man nachfragt (
bei lügenhaften gerüchten) ist alles mit der wurst bunden, ein blinder lermen (1701)
bei Birlinger
schwäb.-augsb. wb. 435
b. A@5@bb)
die meisten redensarten wurzeln in der vorstellung, dasz die wurst
eine begehrte gabe, etwas begehrenswertes ist. A@5@b@aα)
vor allem wurst wi(e)der wurst
und gleichaltriges, aber um 1700
verschwindendes wurst um wurst,
beide anfangs auch pluralisch, sowie seltenes wurst für wurst;
zunächst noch mit erklärung ihres ursprungs und in dem von da her sich verstehenden positiv gemeinten sinn '
eine gefälligkeit ist der anderen wert'
: sicut fecerunt mihi, sic feci eis würst vmb (
oder) wider würst
dicunt nostrates, solent enim vicini tempore quo mactantur sues, farcimina invicem mittere. si quis primus mactarit, vicino nihil mittit, ei postea a vicino mactante nihil mittitur Alberus
dict. (1540) Ss 3
b;
vgl. S. Franck
sprichw. (1541) 1, 138
a; 2, 169
b; wuerst wider wuerst, das selb ist not, das erhelt lang der freüntschaft rot (1551) Hans Sachs
s. fabeln u. schwänke 5, 282
ndr. vgl. dazu noch ebda 281;
ders., w. 14, 221
lit. ver.; (
Bacchus:) du hast mir auch offt liebs gethan. darumb heist es: wurst wider wurst Ayrer
dramen 2502
Keller; dann aber auch, und jünger vorwiegend, an das biblisch begründete jus talionis erinnernd (
Matth. 5, 38:
dictum est: oculum pro oculo, et dentem pro dente),
für den austausch von unfreundlichkeiten, '
wie du mir, so ich dir': gleich wie wir sie (
die Schweden) vor kauzten (
prügelten), wann sie uns jetzt auch dauzten (
schmähten), das wäre wurst um wurst (1631)
bei Opel-Cohn
dreiszigj. krieg 297; ich will wurst vor wurst geben, und euch die busz der anhörung auferlegen, weil ihr mich mit singen straffet S. v. Birken
ostl. lorbeerhayn (1657) 68; wurst um wurst geben
dare pane per focaccia, rendere la pariglia Kramer
t.-ital. 1 (1700) 459
a; ich blieb ihr nichts schuldig! wurst wider wurst! ich wusch ihr das maul wie sichs gehörte Wieland
s. w. (1794) 12, 357; erpicht zu kühlen nur der rache durst, erstatten beid einander wurst für wurst (
e rendonsi pan fresco per focaccia) Regis
Bojardos verliebter Roland (1840) 58; wenn bei denen drüben die spitzbuben mit den schellen läuten, so sollen bei mir die hunde bellen. wurst wider wurst G. Freytag
ges. w. (1886) 6, 129.
mundartlich im ganzen sprachgebiet, vgl. z. b. Fischer
schwäb. 6, 997; Müller-Fraureuth
obersächs. 2, 684
a; Schambach
Göttingen 305
b. A@5@b@bβ)
α nahe stehen ausführlichere wendungen wie die folgenden mit der bedeutung '
eine hand wäscht die andere': es gibt der koch dem keller ein wurst, hergegen löschet der keller dem koch den durst Keisersberg
in: Alsatia (1862—67) 148; und der koch zu dem kellerknecht sagt, lesche du mir den durst, so brat ich dir eine wurst Schupp
schr. (1663) 31;
noch bei Dentzler
clavis ling. lat. (1716) 358
a und bei Martin-Lienhart
elsäss. 2, 855
b. A@5@b@gγ)
die schon bei β ausgenutzte vorstellung des wurstbratens führt noch zu anderen, in ihrer bedeutung unterschiedenen redewendungen. das wäre eine wurst, wenn sie gebraten wäre
wohl '
das wäre (
schon)
etwas, wenn es sich (
nur)
so verhielte': wer glaubt, wirdt nicht verdampt, das wär ein wurst wanns gebraten wär Joh. Nas
antipap. eins u. hundert 2 (1570) 92
a;
vgl. Prätorius
philos. colus (1662) 16. sich eine wurst braten lassen '
sich etw. sagen lassen': mein gsell, lasz dir ein wurst hie braten. du weist nit wie mein sach ist gstanden, bist nit viel gweszt in frembden landen (1579)
N. Frischlin
dt. dichtungen 25
lit. ver. anders, freundliche behandlung umschreibend: man wird dir ein wurst braten
magnam iniisti gratiam Dentzler
clavis ling. lat. (1716) 2, 358
a; Aler
dict. (1727) 2, 2220
b.
vor allem nach dem gast
oder mann brät man die wurst
u. ä. '
mit jedem verfährt man nach rang und verdienst': nach dem gast, nachdem brätt man die wurst J. G. Schmidt
gestrieg. rockenphilos. (1706) 1, 244; wie der mann ist, brät man ihm die wurst E.
M. Arndt
w. (1892) 1, 28
R.-M. von hier aus verkürzt: wie der mann, so die wurst Schellhorn
sprichw. (1797) 7.
gelegentlich auch prägnanter '
sein verhalten nach dem partner einzurichten wissen': kam er vor einen alten, die nicht mehr tanzen können, so richtete er auch die frage darnach ein, der wuste die wurst nach dem manne zu braten
angenehmer zeitvertreib d. brandtvorwergs (
o. j.) 113. A@5@b@dδ)
auch die anspielung auf die wurst als lieblingsspeise des hundes führt zu wendungen, die nach form und bedeutung verschiedenartig sind. würste im hundestall suchen '
etwas am unrechten ort suchen': men sal neine worste soken in des hundes stal (1514) Tunnicius
sprichw. 51
Hoffmann v. Fallersl.; vgl. Kirchhofer
schweiz. sprüchw. (1824) 256.
wendungen wie einen hund an eine wurst binden, einem hund die würste spicken
u. a. decken sich etwa mit der redensart '
den bock zum gärtner machen': ein hund ist nit lang an ein wurst gebunden Tappius
adag. cent. septem (1545) 161
b; wer eim hurer vertrawt sein weib vnd einem mörder seinen leib ... der hat dem hund die würst gespickt, den hund nach fleisch recht auszgeschickt Eyering
proverb. copia (1601) 2, 267. A@5@b@eε) es geht um die wurst '
es geht um die entscheidung, (
jetzt)
kommt es darauf an',
vgl. Albrecht
Leipzig (1881) 238
b: nein, für tanzstunden brachte Viktoria heuer keine zeit auf, so leichtsinnig war sie nicht, jetzt, wo es um die wurst ging, wie Fabian sagte K. H. Strobe
kamerad Viktoria (1933) 42. A@5@b@zζ)
zur redensart auf der wurst herumfahren
u. ä., die wohl nicht unmittelbar hierher gehört, vgl. unt. B 3 a. A@5@cc)
noch nicht befriedigend erklärt ist die umgangssprachliche redewendung das
oder etwas ist mir wurst '
ist mir gleichgültig' (
s. auch wurstig). Storfer
wörter u. ihre schicksale (1935) 284
versteht sie von der möglichkeit her, dasz wurst
als geringwertige fleischspeise betrachtet wird (
s. ob. 2 c
und 5 a);
von der vorstellung '
geringwertig'
zur bedeutung '
gleichgültig'
aber sei es kein groszer schritt. Behaghel in:
zs. f. dt. wortf. 1, 279
f. führt die wendung darauf zurück, dasz die wurst
zwei gleiche enden hat und es daher '
gleichgültig'
ist, an welchem man sie anbeiszt. obwohl eine wesentlich ältere redensart die zwei enden der wurst
anders auswertet (
s.d),
bliebe doch die abweichende deutung des gleichen tatbestandes, die offenbar in der studentensprache des frühen 19.
jhs. spontan erfolgt, sehr wohl denkbar. wurst
hat in dieser wendung als prädikatsnomen wohl adjektivischen charakter, wie entsprechendes für die redensarten das ist mir schnuppe, schnurz, piepe
gilt. nach Küpper
wb. d. dt. umgangsspr. (1955) 351
a schon 1813
in der studentensprache: (
chorist:) hörschst du die gelbe salbadre, mir ist des alles wurscht. ich spihr in meine adre, nur alschfort neie durscht Kobbe
d. burschen erdenwallen (1822) 9;
vgl. 15; 29; das ist wurst, heiszt so viel, als: das bleibt sich gleich, ist egal
d. flotte bursch (1831) 98; fahr wohl, sprach er, o welt, du katzenjammerthal, was sie auf dir hantiren ist wurst mir und egal Scheffel
gaudeamus (1868) 104.
literatursprachlich vor allem in der kennzeichnung burschikoser redeweise: das ist mir wurst! erwiderte der jugendliche notar in nachlässigem tone G. Keller
ges. w. (1889) 8, 220; die obern und gebildeten, generäle und direktoren von die I G farben (
die die reichsführung an der ausführung groszer pläne hindern), denens wurst sein kennt (
könnte), weil, zahlen sies? Berthold Brecht
stücke 10 (1957) 26.
vereinzelt auszerhalb unpersönlicher konstruktion: wie man nicht brauch die excellenzen und wie die throne sei'n ganz wurst (
studentensprachl. 1874)
fuimus Troes (1877) 178.
die häufige mundartlich vergröberte lautform wurscht
unter streicht bewuszt das derb-schnoddrige der wendung, vgl. ähnliches bei das ist mir piepe: alles andere ist mir pommade — oder wenn sie lieber wollen: wurscht! Holtei
erz. schr. (1861) 22, 106;
vgl. 13, 124; um Benedetti ängstigt er (
Bismarck) sich garnicht; der habe längst sein vertrauen verscherzt und es wäre ihm sehr 'wurscht', was der thäte und dächte (1866)
bei Keudell
fürst u. fürstin Bismarck (1902) 338;
vgl. 375; ob du darfst, is mir vollkommen gleichgiltig! ganz ungeheuer wurscht is mir das! Gerhart Hauptmann
Rose Bernd (1904) 82. A@5@dd)
an die äuszere gestalt oder an die zubereitung der wurst anknüpfend. zu älterem eine wurst hat zwei zipfel
vgl. auch ob. c: iz rollig, nun schmollig, iz runzelend, dan schmunzelend, iz hustig, nun lustig, jdoch allzeit mit vnterschaid, wie ain wurst hat zwen zipfel Fischart
w. 3, 18
Hauffen; ein gebratene wurst hat zween zipffel (
jedes ding hat seine zwei seiten)
volksb. v. dr. Faust 2114
ndr. unabhängig davon der als redensart umlaufende wortwitz alles hat ein ende, blosz die wurst hat zwei.
jungem wurst aus jmd. machen '
ihn derb züchtigen'
oder '
ihn heruntermachen'
entspricht hackfleisch, gehacktes aus jmd. machen: vielleicht kommen sie nur wegen den ekligen bengels, aus die sie wurst machen wollen? H. Mann
d. blaue engel (1950) 98;
vgl. 73; 78; 194.
direkter zusammenhang mit einer voll bildhaft gefühlten ähnlichen wendung bei Luther
dürfte kaum bestehen: einer wird komen, dich schlachten und würst aus dir machen und dich auffressen und das schmeer, schmaltz und fette verzeren (1529)
bei Luther 28, 650
W. vgl. schlieszlich ein fartem facere ex hostibus bei Plautus
miles gloriosus I 1, 8
Lindsay, ferner (
anno 1486)
bei Du Cange 3, 388
c. A@5@ee)
seit dem 16.
jh. gelegentlich als kraftwort und fluch in verbindung mit potz
und blut(ig): hirniger wurst botz Verden güt Wickram
w. 4, 59
Bolte; so kan das ander auch allein, sammer botz wurst! nit vnrecht seyn W. Spangenberg
ausgew. dichtungen 316
Martin; potz kohl und wurst! kennt ihr mich denn nicht? Kotzebue
s. dram. w. (1827) 41, 101; blutige wurst! blut an d
ie würst
e! (
Augsburger flüche) Fischer
schwäb. 6, 997. BB.
die vielfältigen übertragungen des wortes knüpfen grösztenteils an form und gestalt der wurst an (
s.A 4). B@11) wurst
als bezeichnung für einen menschen, aus dem eigennamen zu appellativischem gebrauch entwickelt. B@1@aa) Hans Wurst,
älter daneben auch Heintz, Fritz Wurst (
s. u.).
über die s. v. Hans 3,
teil 4,
sp. 459; 461
f. gegebenen nachweise und feststellungen hinaus ist einiges nachzutragen. der eigenname Hans Wurst (
Augsburg 1441,
s. Heintze-Cascorbi
d. dt. fam.-namen [1933] 525
a;
nd. [1492] Hans Worst, [1518—19] Hans Wroste [Wrouste],
s. Kleemann
d. fam.-namen Quedlinburgs [1891] 145)
kennzeichnet in der satire und im komischen spiel des 16.
jhs., schon in halb appellativischen gebrauch hinübertretend, vornehmlich den tölpischen, bäurischen dummkopf. zuerst 1519
in der nd. bearbeitung des Brant-
schen narrenschiffs anstelle des Hans Myst
der obd. fassung (76, 83
Zarncke): ich kenne noch eÿnen, de heth Hans Wurst
dat nye schip van Narragonien 5241
C. Schröder. dann vor allem, aber zur allgemeinen bedeutung '
dummkopf'
erweitert, bei Luther wider Hans Worst (
titel),
s. d. bes. III; 4; 5
ndr. auch in der zusammensetzung worst teufel
ebda 44;
weiter: in ehesachen hat der bapst nicht macht zu setzen oder zu richten, viel weniger Hans Unvernunfft und Heintz Worst zu Löuen (
d. i. die theologisten zu Löwen) (1545) Luther 54, 437
W. und jünger: Deutschlands gröszter dummkopf, ... der Hans Wurst, streitprediger und exjesuit Aloisius Merz in Augspurg Zimmermann
über d. einsamk. (1784) 2, 447.
für diesen gebrauch scheint neben anderen möglichkeiten (
lieblingskost, verfressenheit)
am ehesten die vorstellung unförmigen (
wurstförmigen)
aussehens maszgebend zu sein, vgl. dazu: wol meinen etliche, jr haltet
m. g. h. darumb für Hans Worst, das er von gottes ... gaben starck, fett vnd volligs leibes ist (1541) Luther
wider Hans Worst 5
ndr.; ventricosus, ventriosus, ventrosus, φύσκων,
porcus schmehrbauch, Hans Wurst A. Siber
gemma gemm. (1578) 195.
als name bäuerlicher spieler in fastnachtsspielen: Haintz Wurst (1553) Probst
d. dr. w. 99
ndr.; Fritz Wurst
ebda 76;
dazu einl. XIV,
wie schon seit 1550
in der form Wursthans (
s. d.)
als derber name für personen niederen standes in fastnachtsspielen des Hans Sachs. —
anders und erst seit 1573 (
doch s. noch wurstbube)
als name des narren nach Devrient
gesch. d. dt. schauspielk. (1905) 1, 99
bei G. Roll
in einem spiel von Adam und Eva; als solcher sicher von der vorstellung eines deutschen lieblingsessens her, entsprechend den analogen figuren der europäischen komödie wie franz. Jean Potage,
engl. John (Plum) Pudding,
ung. Paprika Jansci: der fünfft ein bürger oder bawer ist, Hans Wurst der narr musz auch nicht seyn gemist Voigtländer
oden u. lieder (1642) 91
a; das stück (
ein fingiertes satirisches zeitstück) könnt ihr nennen wir ihr wollt, werdet ihm wohl einen namen finden ... Hans Wurst hat es zubenannt die schöpfung aus nichts E.
M. Arndt
geist d. zeit (1806) 1, 15; Hans Worst (
als narrenrolle neben Kasperle und Pickelhering in einem satirischen spiel) A. Holz
w. 3, 17
H. W. Fischer; vgl. 82; 93.
die speziell den quacksalberspielen zugrundeliegende situation darstellend: wann er am offnen marckt mit seinem Hansz Wurst oder Hansz Supp auftritt, und auf den ersten schray und phantastischen krummen sprung seines narren mehr zulauffs und anhörer bekombt, als der eyferigste seelen-hirt Grimmelshausen
continuatio 7
Scholte. dazu, dasz später auch der narr der alten fastnachtsumzüge Hans Wurst
genannt wurde, scheint die zu seinem narrenkostüm gehörige, die stelle der pritsche vertretende, vielleicht auch mit ihr zusammen fungierende lederne wurst
zu passen (
s. u. 2 c
ende).
in dem jünger meist zusammengeschriebenen, appellativischen Hanswurst
scheinen in dem nebeneinander der bezeichnungen für einen berufsmäszigen spaszmacher und clown einerseits, einen lächerlichen tölpel andererseits die älteren obigen unterscheidungen noch spürbar zu sein, obwohl in altem wie in jungem gebrauch die verschiedenen anwendungen dazu neigen, durcheinanderzugehen. B@1@bb)
anderes seltener. wohl aus Hans Wurst
in der bedeutung '
tölpel'
verkürztes einfaches wurst: das du, worst teufel (
herzog Heinrich v. Braunschweig) zu mal ein grobe worst bist Luther
wider Hans Worst 44
ndr.; fax ... ein lap, tildtap, wurst, plunst, ein narr, grober vnuerstendiger mensch S. Roth
dict. (1572) G 2
a.
bairisch auch '
feigling': d Goldegg pflegr (
amtmann) is gr die gröszt wuscht (
er ist beim ersten schusz davongelaufen) (1809)
hist. volkslieder 3, 111
Hartmann-Abele. anderes singuläres bei Schmeller-Fr.
bair. 2, 1004
und s. v. næen 1, 1708; Fischer
schwäb. 6, 998. B@22)
körperliches und gegenständliches innerhalb des menschlichen, seltener des tierischen lebensbereiches benennend. B@2@aa)
als bezeichnung für körperteile. vor allem, derb verhüllend, für das männliche glied, bes. in der fastnachtsspiel- und schwankliteratur des 15. u. 16. jhs.: wann sie (
die vernachlässigte ehefrau) der nachthunger anficht hart, so geb er (
der buhler) ir ein wurst mit eim part (15.
jh.)
fastnachtspiele 160
Keller; vgl. 167; 748; 750; 1107; (
die gesellen sind) ihre (
der jungfern) besten zeitvertreiber, helffer zu geschlecht vnd kind, ... würste recht zu jhren schincken, vnd zu jhren thüren klincken Voigtländer
oden u. lieder (1642) 72
b.
auch in verbal entsprechend erweiterter übertragung: sie het zuo sölcher zeit lieber würst gessen dann seinem predigen zuo ze hören Arigo
decameron 185
Keller; alszbald zeuhet derselbige grobe esel sein penal ... herausz und spricht zuo der diernen: geh hin, brate mir die wurste Lindener
katzipori 160
lit. ver.; als würst essen 156.
in obszöner umschreibung für eine mischehe: e
ine lutherische wurst in 'me
n katholische
n hafe
n siede
n Fischer
schwäb. 6, 998;
vgl. Frischbier pr. 2, 484
a.
seltener für '
darm, wanst': füll die wurst (
als randglosse) Scheit
Grobianus zu 2891
ff. ndr. so als pars pro toto einen gefräszigen menschen kennzeichnend: wie man ein egyptischen könig von seinem viehischen vnd wüsten leben Phiscon den mastdarm, oder grosze wurst nennet J. Mathesius
Sarepta (1571) 85
b.
die mundart kennt nicht nur diese bedeutung noch (
s. Martin-Lienhart
elsäss. 2, 856
a; Schmeller
cimbr. 176
a),
sondern weitere wie '
nackenwulst' Müller-Fraureuth
obersächs. 2, 814
b, '
unordentlich gebundenes haar' Martin-Lienhart
a. a. o., '
geschwulst (
am körper)'
oder '
blase (
am finger)' Fischer
schwäb. 6, 998.
in der soldatensprache für die finger selbst, vgl. Imme soldatenspr. (1917) 103. B@2@bb)
von der wurstförmigen ausleerung des darms, '
exkremente, kot'
; vor allem im 16.
jh.: ein testament eins pfaffen ist wie ein wurst, die isst man, dein egeritur, sus devorat, vnd wird wider ein wurst, sic sine fine (1532)
bei Luther
tischr. 1, 137
W.; scheyszt man würst, so beschert gott würst Lindener
katzipori 136
lit. ver.; vgl. 89; 's ist sonderbar dasz der hund boiner friszt und würst scheiszt Birlinger
schwäb.-augsb. wb. 435
b. B@2@cc)
von teilen der kleidung und gewissem zubehör, z. t. in analogie zu gebräuchlicherem wulst.
für miederwülste, vgl. s. v. wulst B 2,
teil 14, 2,
sp. 1758: (
die weiber) mit gürtel, würsten vnd miederwerck sich dermassen auszfüllen, dasz sie vornen ein bauch wie ein bierfass, hinden ein breites gesesz ... herausz sprotzen Guarinonius
grewel d. verwüstung (1610) 770;
vgl. Moscherosch
gesichte (1650) 2, 87; sie hamt lange kitteln an, d wurst is hoch obm
bei Schmeller-Fr.
bair. 2, 1004.
für einen bestimmten teil einer älteren kopfbedeckung, s. dazu s. v. wulst B 1 b,
sp. 1757: wurst oder wulst über die haube Amaranthes
frauenz.-lex. (1715) 2147.
zunächst nur halb prägnant für eine um den leib gebundene wulstartige geldbörse, vgl. s. v. wulst B 4,
sp. 1759: bruder, ich mag das teuffelsgeld nit mehr allein so herumb schleppen, band demnach ein paar würste oder wülst, die er auff blossem leib trug, herunder Grimmelshausen
Simpl. 361
Scholte; vgl. ders. 2, 494
Keller. dann auch prägnant: einen strumpf ..., den er mir gelegentlich als eine 'mit alten zwanzigern gefüllte wurst' vorzeigte Holtei
erz. schr. (1861) 1, 19;
vgl. Frischbier
pr. 2, 484
a.
berlinisch und omd. in der zugleich die eigentliche bedeutung des wortes (
s.A)
auswertenden redensart einem die wurst anschneiden '
ihn zur rechenschaft ziehen': wäre sie bei mir gewesen, ich hätte ihr die wurst schon anschneiden wollen Stinde
fam. Buchholz (1884) 1, 97; dir warrn se se schunn de worscht schneida Rother
schles. sprichw. 313
b.
etwas anders: einem die wurst anschneiden '
ihm im spiel die börse leicht machen' Frischbier
pr. 2, 484
a.
für einen bestandteil des narrenkostüms, eine besondere art der pritsche in gestalt einer ledernen wurst, vgl. auch oben 1 a
ende und Birlinger
volkstüml. a. Schwaben 2, 26: dieser (
ein als fastnachtsnarr verkleideter student) ... eylet mit seiner wurst, und ledernen scepter auf die gassen Abr. a
s. Clara
Judas (1686) 1, 252; mit der wurst lauffen
correre colla marotta; ein streich mit der wurst
una marottata Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1409
a; über dem g'schell trägt er im linken arm sein narrenbuch und an der rechten die lange, lederne und mit sand gefüllte wurst Lauterwasser
schwäb.-alem. volksfasnacht (1956) 17. B@2@dd)
blosz mundartliches: wurst ...
beim heu '
schwade' Müller-Fraureuth
obersächs. 2, 814
b; '
zusammengedrehte flachsknocken' Mensing
schlesw.-holst. 5, 746; wurst ...
dünne rolle gekratzter wolle ebda; eine schnur mit angereihten spielknöpfen heiszt wurst Fischer
schwäb. 6, 999.
vgl. noch rotwelsches wurst,
felleisen der wandernden handwerksburschen (1939) S. A. Wolf
wb. d. rotwelschen (1956) 346
a. B@33)
von technischen und handwerklichen erzeugnissen. B@3@aa) wurst,
später verdeutlichend auch wurstwagen (
s. d.)
für einen wagen, dessen vorder- und hinterachse durch eine lange, aufliegende, gepolsterte wulst so verbunden sind, dasz darauf mehrere personen hintereinander reitend oder, quer zum gefährt, rücken an rücken sitzen können; vornehmlich wohl als jagdwagen dienend. als vurst
ins schwedische und als wourst
ins franz. entlehnt, s. Hellquist
3 1371
sowie Garsault
traité des voitures (1756) 62: man fährt hir nicht auff der wurst, aber in Lotteringen fahren sie drauff (1706) Elisabeth Charlotte v. Orleans
br. a. d. j. 1676 —1706, 463
Holland; nach dem essen geng es auf ein gemachtes jagen bey Echterdengen, auf der wurst fur man hen (1781) Franziska v. Hohenheim
tagb. 107
Osterberg; nun fuhr der könig und seine gemahlin und der kronprinz mit dem ganzen hofstaat auf einer wurst nach Gelnhausen Brentano
ges. schr. (1852) 5, 113; mit einem leichten jagdwagen der baronin, einer sogenannten wurst A. v. Arneth
aus m. leben (1891) 1, 134;
vgl. noch Fischer
schwäb. 6, 3446.
seltener für einen entsprechend konstruierten schlitten (
s. auch wurstschlitten): wurst
spezie di slitta contadinesca poco differente dalla treggia Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1409
a; wurst '
wagen, schlitten mit einem langsitz, auf dem man reitend sitzt' Fischer
schwäb. 6, 999; horch, horch, die pauk' und trompeten, dort von der harmonischen wurst (
ged.: '
die schlittenfahrt') Kretschmann
s. w. (1784) 5, 68.
in militärischem gebrauch: bei den österreichischen kavalleriebatterien ... (
waren) die lafetten mit einer 'wurst' (gepolstertem reitsitz) versehen, auf der die kanoniere rittlings saszen Alten
hdb. f. heer u. flotte (1909) 2, 22;
dazu wurstlafette Hoyer-Kreuter
technol. wb. (1902) 1, 859.
redensarten wie auf der wurst (herum-)reiten, fahren, reisen
im sinne von '
herumschmarotzen'
kombinieren offenbar mit der vorstellung des gefährtes diejenige des nahrhaften im sinne von wurst A,
worauf die schon früh (
s. u.)
begegnende variante auf die (
statt der) wurst reiten
etc. besonders hinzudeuten scheint. die redensart ist fast völlig auf das 18.
jh. und auf den osten des sprachgebietes beschränkt. vielleicht sind sowohl der name für den wagen wie die an ihn anknüpfenden redensarten, beides erst um 1700
belegbar, schon älter, vgl. dazu (1653) wurstreiter (
s. d.),
wenn diese bildung nicht anders zu beurteilen ist; sieh auch noch komposita wie wurstfahrt Sallmann
Estland (1880) 133, wurstreise Hippel
lebensläufe (1778) 2, 433: es waren continuirlich gäste da (
in einem schlosz) ... etliche waren grobe kerle, welche nur auff der wurst herum ritten, und so lange in sich fülleten, als ein darm halten wolte (1700) Joh. Kuhnau
d. music. quacksalber 173
lit.-denkm.; auf der wurst herumfahren
met. andar a scrocconare da' nobili che stanno in campagna, it. met. in città; scorrere, buscare le tavole franche Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1409
a;
vgl. Schwan nouv. dict. (1783) 2, 1079
b; wurstreiter. die liederlichen söhne vom adel gesellten sich damals (
um 1670) nach einer gottlosen weise zusammen und ritten mit einander, wie sie es nenneten, auf die wurst; da kamen 8, 10, 12 solcher schmarutzer ... zu einem von adel, machten daselbst quartier ..., frassen und soffen (1722)
bei Müller-Fraureuth
obersächs. 2, 685
a; sie (
die jungen edelleute) sind gut leben gewohnt, haben alle nacht ein warmes bette, und alle morgen ihr warm bier, reiten auf der wurst herum, daher sie krippenreiter genennet werden Joh. Tob. Wagner
entwurf e. soldatenbibl. (1724) 304; auf die wurst fahren, oder auf die (nicht der) wurst herumfahren ... heiszt in einem zuge auf mehrern höfen einen besuch abstatten, ingleichen in der gesellschaft mehrerer personen umherschmausen Hupel
Lief- u. Esthland (1795) 268. B@3@bb)
eine art '
faschine'.
beim deichbau: hat ... den Lech abzuwenden, allbereit ein schacht und ein wurst ins wasser machen lassen (
um 1598)
in: zs. d. hist. ver. f. Schwaben u. Neuburg 38 (1912) 57; musz das wasser mit sand-säcke, so genannten würsten und fachinen in der geschwindigkeit gefangen ... werden
corpus constit. Prutenic. (1721) 3, 528
Grube; vgl. 530; wurst ... ein strauchbündel von 10—18 cm durchmesser Lueger
lex. d. ges. techn. (1894) 7, 950;
vgl. dazu komposita wie wurstbank Eytelwein
faschinenwerke (1800) 8; wurstfaschine Mothes
ill. baulex. (1882) 4, 108
u. a. auch im belagerungs- und befestigungswesen, vgl. Eggers
kriegslex. (1757) 2, 1373. B@3@cc)
sonder- und fachsprachlich für die verschiedenartigsten, in gestalt und aussehen an die wurst
erinnernden gegenstände. in der älteren militärsprache '
minenzünder',
imfrühesten beleg noch nicht prägnant, sondern entsprechend unten 5: wann es aber eine feuerkugel mit zwey feuern (
sein soll), so macht man von heü eine runde wurst G. A. Böckler
neue kriegs-schule (1665) 228;
saucisse, eine wurst oder sack mit pulver eine mine damit anzuzünden Apinus
gl. nov. (1728) 480.
im rahmen eines bildes: der schwärmer welcher hetzt, und still die wurst mit pulver füllet Lenz
ges. schr. 3, 312
Tieck. anders in scherzhaften benennungen aus der soldatensprache: fliegende wurst, himmelswurst, divisionswurst (
für den fesselballon) Imme
soldatenspr. (1917) 37; wurst ...
ringförmiges zeichen für einen fehlschusz Müller-Fraureuth
obersächs. 2, 684
b.
in der seemannssprache: wurst:
ring aus tauwerk zum schutze des bordes Schumann
Lübeck 35 (
in dieser bedeutung ins dän. entlehnt, s. Falk-Torp 1399
f.); '
kurzes tauende' Kluge
seemannssprache 843 (
mit belegen von 1796
und 1870,
vgl. schepsmetwurst
brem. wb. 4, 657).
in der sprache des handwerks und der industrie: wurst
ein walzenartiges stück semmelteig, woraus die semmeln gebildet werden Jacobsson
technol. wb. (1781) 4, 675
a; wurst ... nennen (
die bleiarbeiter) also den koth, der aus den röhren kömmt Jacobsson
technol. wb. (1781) 8, 230
b;
vgl. Beil technol. wb. (1853) 1, 663; das pressen von porzellanröhren, thonstäben
etc. erfolgt auf der sogen. wurstpresse, welche ... ihren namen von der herstellung der würste oder nudeln für henkel
etc. erhalten hat Muspratt
chemie 8 (1905) 470; wurst nennt man mehrere mit draht zusammengebundene rohrhalme Helfft
wb. d. landbaukunst (1836) 413. B@44)
auszertechnisch nur in botanischer fachsprache: amentum, die wurst oder das käzlein; bei den käzleinblumen
Blancard arzneiw. wb. (1788) 1, 403
a;
vgl. Müller-Fraureuth
obersächs. 2, 684
b und würstchen 2, würstel 2, würstlein 2.
für einen pflanzenteil: diese wurst (boyau) gleitet zwischen dem zellgewebe des griffels hinunter Oken
naturgesch. (1833) 2, 69.
vereinzelt als pflanzenname: wu
rst:
breitblättriger rohrkolben, typha latifolia Fischer
schwäb. 6, 999. B@55)
spontan kann jedes wulstförmige gebilde auch auszerhalb der obigen sachbereiche als wurst
bezeichnet werden, vgl. die redewendung aus etwas eine wurst machen: nachdem wir die erde geknettet und zubereittet hatten ..., machten wir würst darausz ... und formirten geschirr drausz wie wirs haben wolten Grimmelshausen
continuatio 97
Scholte; rolle solches (
omelettenteig) als eine wurst zusammen Amaranthes
frauenz.-lex. (1715) 146; mei
n kittel geit würst
e auf'm buckel, er leit
nit gut a
n Fischer
schwäb. 6, 998; wurst,
m., '
wulst' Halter
d. alem. ma. (1901) 195. CC.
zusammensetzungen. komposita mit singularischem wurst-
als erstem wortglied, vereinzelt im 14.
und 15.
jh. (
s. unten 1),
häufiger seit dem 16.
jh., treten fast durchweg in fugenloser form auf. ausnahmen wie wurstefest (
s. 1), worstebog(h)el (
s. 1)
und wurstebrot (
s. 4)
weisen in mundartlich gefärbte sprachschicht. bildungen mit dem pl. würst(e)
sind etwas häufiger, vgl. z. b. würschtmachen, würstestopfen
unter 1, würstbendel
unter 2, würstebrei
unter 4, würstefinger
unter 5, würstebinder, -brater, würstfüller
unter 7 a.
kompositionstypen. fast sämtliche bildungen typenhaften charakters folgen der eigentlichen bedeutung von wurst,
meist im sinne von A 2,
vereinzelt von A 5.
die übertragenen gebrauchsweisen wurst B
entwickeln keine typenbildende kraft, doch vgl. einzelnes unter 6.
auf die anführung der zahlreichen blosz mundartlichen bildungen ist im folgenden weitgehend verzichtet. 11)
auf die herstellung der wurst bezogen, auf den vorgang selbst mit zeit oder ort, die dazu erforderlichen tätigkeiten und die dazu benötigten einrichtungen und hilfsmittel; bildungen dieser gruppe reichen bis ins 14.
und 15.
jh. zurück: wurstbogen (
oblitulum) (15.
jh.) Diefenbach
gl. 387
b,