gram,
adj. ahd., mhd., as., ags., dän. gram '
feindselig, erzürnt, böse',
an. gramr
gleicher bedeutung. aus dem germ. entlehnt afrz. gram,
it. gramo '
betrübt'.
mit gram,
m., grämen,
vb. und weiteren ableitungen ablautend zur germ. wortgruppe gremm(j)a-, gremman
in grimm, grimmen (
s. diese)
und wie diese aus idg. *ghrem- '
laut und dumpf tönen, knirschen',
deren auszergerm. verwandte unter 1grimm
aufgeführt sind; vgl. im übrigen Falk-Torp 142; Pokorny
idg. etym. wb. (1951) 458; Kluge-Götze
15276
b.
im ahd. ist gram
erst seit Notker (
s. u. B 1)
und auch bei ihm nur vereinzelt belegbar; die bezeugung des 12.
jhs. weist vorwiegend ins md. u. nd. (
Straszb. Alexander, Eneide, Eilhart
Tristan),
wie das wort schon dem Heliand geläufig ist. erst im 13.
jh. häufen sich die obd. nachweise. aber neben ahd. gram
steht gramî,
f. (
s.gräme)
und —
mit besonderer suffixbildung —
älter, z. t. seit dem 8.
und 9.
jh. bezeugtes ahd. gramizzôn (
s.gremsen)
fremere, gramizi, gramizzîg (
s. gremsig), gramizlîh
tristis, iratus, gramizî, gramiza
ira, gramizzunga
fremitus (Graff 4, 322
f.),
die grösztenteils schon vormhd. absterben oder nur mundartlich weiterleben, aber teils für die wurzelbedeutung fremere, teils für frühen wechsel zur bedeutung '
trauer'
hinüber bezeichnend sind. zu dem für die ganze sippe gramgrämen
typischen schwanken zwischen den bedeutungen '
zorn'
und '
trauer'
sieh im übrigen vor allem s. v. gram,
m.; zum nachleben der ursprünglichen bedeutung '
knirschen'
vgl. noch mhd. grambîzen '
mit den zähnen knirschen'
md. Hiob 6209; 6576
Karsten; s. auch s. v. 2grammeln,
vb- [] die dehnung der alten vokalkürze ist erst allmählich eingetreten, beim adj. später und zögernder als bei gram,
m. (
s. d.).
für das 16.
und 17.
jh. ist durch die schreibung gramm
vokalkürze noch in sehr vielen fällen wahrscheinlich gemacht, während bezeichnung der länge in schreibungen wie grahm Egranus
pred. (1522) 165; Greiser
historia (1587) B 1
b (
noch Henrici
ernst-, scherzh. u. sat. ged. [1727] 3, 28)
oder graam Kepler
opera 1, 574
demgegenüber vereinzelt bleibt; die im übrigen vorherrschende schreibung gram
läszt, auch in der stellung des reimworts, eine sichere deutung nicht zu. zur verschiedenen behandlung des adj. und des subst. vgl. noch im späteren 17.
jh.: zu unterscheiden sind: (
der) grahm
cura. gramm
odiosus Bellin
hdt. rechtschreib. (1657) 124; gram
mit dem kurtzen a,
ohne h,
ist feind, gehässig Gueintz
d. dt. rechtschr. (1666) 76;
noch gramm
gehässig Gottsched
dt. sprachkde (1748) 76.
seit der mitte des 18.
jhs. dürfte auch beim adj. die länge des vokals schriftsprachlich allgemein gelten; ein gramm
asper, grob, herb Frisch (1741) 1, 366
a im unterschied zu einem gram seyn
ebda greift nur noch historisierend (Maaler
zitierend)
auf den älteren gebrauch des wortes (
s. u.A)
zurück. die mundarten halten z. t. die alte kürze fest, vgl. schweiz. id. 2, 731; Mensing
schlesw.-holst. 2, 464; Böning
Oldenburg 40
u. ö. ein vereinzeltes gramm
noch bei Jahn
w. 1, 98
Euler steht wohl unter mundartlichem einflusz. —
an formvarianten vgl. mhd. und älternhd. gran Lexer 1, 1067;
schweiz. id. 2, 731; Fischer
schwäb. 3, 786;
dazu liedersaal 3, 224
Laszberg; Konrad v. Helmsdorf
sp. d. menschl. heils 2448; 3814
Lindqvist; Diefenbach
gl. 184
a.
singulär bleiben grame Diefenbach
gl. 393
b; gramme (: flamme) Zinkgref
ged. 57
ndr.; gramb Guarinonius
grewel d. verwüstung (1610) 958. —
steigerungsformen mit umlaut, seltener umlautlos, vgl. deste gremer Cammermeister
chron. 146; gremmer Luther 49, 28
W.; grämer Lohenstein
Arminius (1689) 2, 99
a; 1055
a; Hübner
christ-comoedia 3
lit.-denkm.; am grämesten Herberger
hertzpostilla (1613) 1, 268; am grämsten Logau
sinnged. 122
Eitner; desto grammer Heroldt
v. d. zung (1544) 146
a; gramer Lessing 3, 425; 5, 75
L.-M. AA.
selbständiger, von der bindung an ein dativ- oder ein präpositionalobjekt (
s.B)
gelöster gebrauch des wortes begegnet in attributiver, prädikativer, vereinzelt auch adverbialer anwendung bis ins 17.
jh. durchaus nicht selten, darüber hinaus gelegentlich wieder in jüngster sprache, hier aber mit neuem ansatz (
s. u. 4). grimm
und grimmig,
beide geläufigeren gebrauchs, liegen bedeutungsmäszig nahe, decken sich aber mit gram
nicht durchaus. A@11) '
ergrimmt, erzürnt, wütend'.
in glossierungen für iratus Diefenbach
nov. gl. 222
a;
iracundus gl. 309
a; Schöpper
synonyma b 6
c.
vereinzelt mit spürbarer beziehung auf die wurzelbedeutung '
knirschen'
: frendere knarssen mitten tanden in grammen moede (
nl. 1500) Diefenbach
nov. gl. 182
a.
vornehmlich prädikativ: sînes muotes was er (
Alexander) gram. er zerstœrte Galleleam Lamprecht
Alexander (
hs. B)
s. 85
Kinzel; katzen haben zungen mit einer ... scherpffe, ... etzt dem menschen ... die haut auff. welches ein vrsach ist, ... wenn der geyffer schyer das bluot rüret, das sye gramm darüber werden (...
invitat ad rabiem) Eppendorff
Plinius (1543) 211; wie sie nun schwiegen allesamm, da sprach der graff vnd ward sehr gram: 'wir sehen wol, wir seind betrogen' Fischart
Eulenspiegel v. 3999
Hauffen; jemand gram machen
inimicare uno, farsi uno infenso ò nemico Kramer
t.-ital. 1 (1700) 555
b.
gern in zweigliedriger verbindung: do der buschof dat vernam, hei wart trurich unde gram, dat de burge waren verloren. hei intfeinc des so groissen zoren (
Köln um 1270)
städtechron. 12, 99:
[] eyn hellich wyf (
kam) gelopen seere. sy was so bissich und so gram, ich wende dat it eyn duovel were
mhd. minnereden nr. 23, 39
Thiele; do das der marschalk vernam (
die ablehnung einer bitte), er wart so iämerig vnd so gram (
auf den könig) Hans v. Bühel
Diocletian 4330
Keller. alliterierend: wie oft befand sich der gotlosz, wan er, gantz schröcklich, gram und grosz, mich zu nichts machen wolt, betrogen? Weckherlin
ged. 2, 96
Fischer. bei der besonders im mnd. formelhaften verbindung mit zornig
ist dagegen nicht zu entscheiden, wieweit gram
hier von '
zornig'
zu '
traurig' (
s. u. 4)
hinüberwechselt: des bin ich zornich ind gram
Karlmeinet 290
Keller; as scheir as si an den coninc quam, si maichde in zornich unde gram (
Köln um 1270)
städtechron. 12, 30; Konrad v. Helmsdorf
spiegel d. menschl. heils 3814
Lindqvist; do Hintze sach dat he sterven scholde, he was tornich unde gram
Reinke de vos 47
Prien; vgl. 160. A@22)
als '
grimmig, böse'
im sinne einer dauernden, wesensmäszigen eigenschaft, nicht eines vorübergehenden gemütszustandes; glossierend für dirus Diefenbach
gl. 184
a.
so mhd. substantiviert: ich (
Christus) quam in mines vater namen zu den holden und zu den gramen (
zu aller welt) Heinrich v. Hesler
apokalypse 19 246
Helm. verstärkt als der got(s) grame: ze jungst dem gotes gram unsännft ain tiefel kam und galt im sin boszhait
märterbuch 11 241
Gierach; vgl. 11 049; 16 259; 25 409
u. ö.; Nicolaus v. Jeroschin
pr. chron. 8992
Strehlke. attributiv gern als typisches beiwort, wie unter grimm,
adj. 3 a; b: dô wart den heiden gramen ein wârer gotes bote gesant
Servatius v. 148
in: zs. f. dt. altertum 5, 82; wie bitterlich die juden gram auff dich (
Christus) gefallen sind!
bei Fischer-Tümpel
evang. kirchenlied 1, 105; mit was schlimmen, gramen leuten ich zu thun gehabt, weiset das werk aus, denn sie mir das geleugnet, was brief und siegel besaget hat Schweinichen
denkw. (1878) 312; siner (
Daniels) vyenden grosser nyd stifft das in kúng Nabuchodonosor hiess ... ablassen in des todes ban under siben löwen gran Konrad v. Helmsdorf
spiegel d. menschl. heils 2448
Lindqvist. ähnlich noch bei Lohenstein,
der das wort vieldeutig verwendet (
s. auch 3): wie viel ist noch verspielt? des gramen vaters wort
Ibrahim sultan (1680) 36; aus den vogeln die fledermausz mit dem gestirne des gramen Saturnus verwandtschafft habe
rosen (1708) 129.
auch objektiviert, neben sachlichem beziehungswort: Cain mit dem morde gram in sibenleige sunde quam
historien d. alden ê 167.
als '
bitter'
im gegensatz zu '
süsz': wer schwätzt dir grame lügen für süsse warheit ein: dasz deiner jahre mey, der voller knospen steht, nicht liebesfähig sey? Lohenstein
Ibrahim sultan (1680) 65. A@33)
bei Lohenstein
anscheinend auch in der passiven bedeutung '
verhaszt',
s. dazu auch B 3: nun! Nero mag sich nicht mehr mit der gramen kwälen (
mit seiner ihm verhaszten gemahlin Octavia)
Agrippina (1680) 5;
vgl. 84.
[] A@44)
die bedeutung '
traurig'
tritt nur in spuren hervor, freilich schon früh: daz ich ir heiles gan baz danne ein ander man, und bin dâ bî ir leides gram, ir liebes frô
minnesangs frühling 207, 34; do en was ze houe neman gram, mer blyde, vro ind gemeyt
Karlmeinet 315
Keller. so vielleicht auch, wenn das und
disjunktiv genommen werden darf, in der unter 1
aufgeführten verbindung zornig und gram,
zumal ihrer mnd. belegung, da mnl. (
nicht nl.) gram
häufig den sinn von '
traurig, betrübt'
annimmt, s. Verwijs-Verdam 2, 2100.
poetischer gebrauch in jüngster sprache ist spontan und steht zweifellos unter dem einflusz von gram,
m., in dessen jüngerer bedeutung '
kummer': schirmherrin du empfingst mich oft am tor wenn ich von westen kam mit gramem blicke Stefan George
d. siebente ring (1909) 200; 'nein', erwiderte die frau und ein gramer zug haftete an ihrem mund Watzlik
d. alp (1923) 24. BB.
seit alters vorherrschend und seit dem 18.
jh. nahezu ausschlieszlich in den wendungen jmd. oder einer sache gram sein und gram werden, älter gelegentlich auch mit präpositionalem objekt an stelle des dativischen (
s. u. 4 a). B@11) jmd. gram sein, werden
in der persönlichen beziehung auf ein lebewesen. in allgemeinen und spezielleren anwendungen, wobei die grundbedeutung feindlicher beziehung sich mehrfach abstuft und sich besonders in jüngerer sprache mildert; diese beziehung selbst wird meist als andauernde, seltener als affektbestimmte empfunden. in älteren glossierungen für infestus Diefenbach
gl. 296
c; Reyher
thes. (1686) 1278;
odiosus Diefenbach
gl. 393
b;
invidiosus Alberus
dict. (1540) Dd 2
a. B@1@aa)
als '
feindlich, übelwollend',
namentlich im bereich politischer feindseligkeit und offener fehde; so schon in der frühesten hd. bezeugung des wortes, aber kaum über das 16.
jh. hinaus: fone in dien er (
der könig Theoderich) so gram uuas Notker 1, 28, 28
P.; dannen er (
Alexander) durch daz lant brach. er tede ein michel ungemach. er was Dario gram
Vorauer Alexander v. 685
Kinzel; ich diene einem kurfursten hochgeboren, der mich zum ernst hat auserkoren, pfaltzgraue Friderich ist sein nam, den rawbern ist er gram (
ca. 1470) Ziegler
geschützinschriften (1886) 35; wurden dem alten könig gram, stelten im heymlich nach dem reich Hans Sachs 2, 296
lit. ver.; und weil er, der bapst, sahe, das die Meilender dem keyser sonderlich gram waren, schickt er legaten zu jnen Luther 54, 326
W.; da von worden sie jhm (
Jesus) ser gram, sagten, er wer ein böser man Wackernagel
dt. kirchenlied 3, 252; dann der hertzog was denen von Zürich gramm (
vor 1572) Tschudi
chron. Helvet. (1734) 1, 206.
vergleichbar: der hundt ist dem hasen zwar graam, wann aber der haass in seinem gesträuss bleibt, und der hundt zu hauss, so gehet einer den andern nichts an Kepler
opera 1, 574
Frisch. B@1@bb)
als beziehung von person zu person, für ein verhältnis persönlicher, durch hasz bestimmter feindschaft: ... than uuirdit thoh huue ôdrumu an is môde sô gram
Heliand 1441
B.; wande dir ist vil gram Caracter mîn junger sun, wande du irslûge Porum, den vater sînis wîbis
Straszburger Alexander v. 6228
Kinzel; vgl. 2568; 4128; vnd Esau war Jacob gram vmb des segens willen
1. Mose 27, 41; aber Bartholomaeus Usingen ... war Luthero grahm, und sahe jhn sawer an Greiser
historia (1587) B 1
b;
[] Ulysses wurd mir tödlich gram Spreng
Äneis (1610) 24
b.
ebenso vereinzeltes gram bleiben (
s. noch unter 4 a): Reinken bleib ich gram
Reinicke fuchs (1650) 297.
auch für das verhältnis gottes zum menschen: ac (
wenn er) uuenkid thero uuordo, than uuirdid im uualdand gram, mahtig môdag, endi sô samo manno barn
Heliand 1377
B.; wenig frúnde solt got han, wan er ist in mit liden gran E. Stagel
bei Seuse
dt. schr. 397
Bihlm.; wer sin hertze kusch lesst sin ... wy mochte god dem werden gram Johannes Rothe
lob d. keuschheit 2260
Neumann; vgl. 3523; quia quando cor dicit: deus ist mir gram, sol fides da sein und schilt fur halten et dicere: ego baptizatus et ornatus veste Christi Luther 46, 131
W. jünger gemildert, aber noch auf dieser linie: Matabrun, seine mutter, ging ihm aber entgegen und war der jungen braut gram; darum, dasz er sie nackt und blos heimgeführt hatte und niemand wuszte, woher sie stammte br. Grimm
dt. sagen (1891) 2, 156; er ... trieb es überhaupt so häszlich, dasz Tobias ihm recht gram wurde Holtei
erz. schr. (1861) 5, 141.
nur in älterem gebrauch gelegentlich im sinn einer plötzlich aufflammenden gefühlswallung des zornes oder hasses: als der sieche daz gesach, daz er sîn wort niht vernam, des wart er im alsô gram, daz er im begunde fluochen Stricker
Dan. v. blüh. tal 4620
Rosenhagen; des wart der keiser wünne frî und alsô zornbære, daz er mir was gewære und alsô vîentlichen gram, daz er mir sîne hulde nam und er mir gruozes niht enbôt Konrad v. Würzburg
Partonopier 18 143. B@1@cc)
die verbindung jmd. gram sein
umschreibt mit einer gewissen vorliebe das verhältnis zu einer gruppe von lebewesen oder zu einem bestimmten menschentyp, die man ablehnt, denen man heftig abgeneigt ist: wer frawen haszt, dem bin ich gram
liederbuch d. Hätzlerin 100
Haltaus; sey den bösen gram
mon. Germ. päd. 20, 58, 7; ich bin keinem menschen so gram, alsz dem der fluchen thut B. Krüger
Clawerts werckl. hist. 29
ndr.; ich binn ihnen allen von herzen gram (
den groszen herren), und wo ich sie scheren kann, so thu ich's Göthe I 39, 5
W.; darum muszte jeder kantor den pietisten gram sein Schweitzer
Bach (1948) 154.
schwächer auch soviel wie '
jmd. nicht leiden mögen': das Xenocrates ein weiser, frommer kOenig gewest sei, vnnd doch so überausz heszlich, das man jm seiner heszlichkeyt halben gram war, vnd mst seine weiszheyt vnd fromkeyt seiner heszligkeyt entgelten Er. Alberus
ehbüchlin (1539) F 2
a; die welt ist alten leuten gram und ehrt sie kaum mit einem blicke Logau
sämtl. sinnged. 477
lit. ver.; wenn er (
der häszliche, gute hund) es länger treibt, so höre ich endlich auf, den budeln (
pudeln) gram zu seyn Lessing 2, 184
L.-M. B@1@dd)
alt ist eine spezielle anwendung auf erotische beziehungen. zunächst allgemein für das fehlen solcher beziehungen, als umschreibung erotischer gleichgültigkeit oder abneigung: dô was si mir iemer mêre in ir herzen gram unde erbôt mir leit ze aller stunde Reinmar v. Hagenau
in: minnesangs frühling 161, 9; den (
mann) schol man schwerzen als ainn morn und schol in beschern als ainn torn, das im di frauen werden gram
fastnachtspiele 705
Keller; vgl. 758;
[] ich bin fromm, als wie ein lamm, gleichwohl sind die jungfern alle mir zum blossen possen gram Chr. Weise
d. grün. jugend überfl. gedanken 137
ndr. der Luther
bibel entstammt formelhaftes jmd. gram sein, gram werden '
seiner überdrüssig werden',
prägnant für das erlöschen des erotischen gefühls von einem liebenden oder einem ehegatten zum anderen, im 16.
und 17.
jh. geläufig: wenn jemand ein weib nimpt, vnd wird jr gram, wenn er sie beschlaffen hat
5. Mose 22, 13;
vgl. 16;
richter 14, 16;
2. Sam. 13, 15;
Mal. 2, 16;
Sirach 42, 9 (
wo in der ersten dt. bibel überall umschreibungen mit hasz
und hassen); da der man macht hatte eyn weyb von sich zu stossen, wenn er yhr gram odder müde ward Luther 12, 118
W.; vgl. 30, 2, 190; ein ehmann seinem weib war gram, legte demnach hin allen scham, gieng in ein hurhausz ohne schew Sandrub
hist. u. poet. kurzweil 66
ndr.; (
dasz jemand im gedränge erstochen wird,) geschiehet auch wol von den weibern an ihren männern, wenn sie ihnen gram werden Andersen
oriental. reisebeschr. 21
Olearius. archaisierend: du kind der arbeit, das bei mir lag, ich wurde dir gram seit manchem tag. meine liebe verblich wie ein brand verblaszt, deine stimme ward meinem herzen verhaszt Agnes Miegel
ges. ged. (1929) 6.
in umgekehrter wendung jmd. nicht gram sein '
jmd. lieben',
zumindest '
jmd. gut leiden mögen',
bis in jungen gebrauch: sie, die jungfrau, war mir auch nicht gram ... nun wäre es leichtlich angangen, dasz ich sie geheiratet hätte (1574) Schweinichen 1, 95
Büsching; ich hab jhn lieb, er ist mir nicht gram, da kommen die lieben kinder van Petri
d. Teutschen weiszh. (1605) Kk 2
a; (
Lieschen:) er ist mir gut — ja, ja, das weisz ich — und ich — ich bin ihm auch nicht gram Kotzebue
s. dram. w. (1827) 1, 242; Gaudy
s. w. (1844) 2, 112. B@1@ee)
schon in frühem gebrauch auch wesentlich gemildert, soviel wie '
jmd. böse sein, werden, jmd. etwas übel nehmen',
unter der voraussetzung einer meist nur vorübergehend gestörten menschlichen beziehung und oft mit ausdrücklicher benennung des eine solche störung auslösenden anlasses; vgl. schon: muot ik (
Abraham) thi frâgon nu, sô thu mi thiu gramara ni sîs, god hebanrîki?
as. genesis 202
B.; dar umbe sî mir niemen gram, daz ich die wârhait hân gesprochen Heinrich v. Melk
erinner. 438
H.-K.; mit senfften worten glat bat wir den heiligen man (
den pater guardian), das er unns nit wer gran und uns ein urlaub geb meister Altswert 235
lit. ver.; isz wie ein mensch, was dir furgesetzt ist, vnd frisz nicht zu seer, auff das man dir nicht gram werde
Sirach 31, 19; (
Karl d. gr.) ist den ärzten etwas gram gewesen, das si im das pratten, das er am allerliebsten as, immer verpoten Aventin
bayer. chron. 2, 152
L. im späten 18.
jh. neu auflebend: und er (
der vater) würde vielleicht vom schlechteren diener befriedigt, der diesz (
seine eitelkeit) wüszte zu nutzen, und würde dem besseren gram sein Göthe I 50, 253
W.; übrigens musz man Wieland deswegen nicht gram werden
ders., gespräche 3, 58
W. v. Biederm. in jüngerer sprache liegt hier der hauptgebrauch des wortes, wenn er auch, im unterschied zu der gleichen wendung mit böse,
im ganzen gewählter sprechart vorbehalten bleibt: übrigens, bester freund, empfinde ich keine neigung zu ihnen, so wenig als zu jemand anderm, und hoffe, dasz sie sich mit aller hingebung und artigkeit, die sie soeben beurkundet,
[] in das unabänderliche fügen werden, ohne mir gram zu sein G. Keller
ges. w. (1889) 4, 56; er merkte auch, dasz ich ihm nach möglichkeit aus dem wege ging, aber er war mir darum nicht gram Fontane
ges. w. (1920) II 1, 180; (
die schwester) aber ... sprach ruhig und beruhigend auf Jodokus ein und sagte, dasz keiner zu haus ihm gram sei und jeder sich auf seine rückkehr freue Winnig
wunderbare welt (1938) 159.
zustand und verhältnis des '
böse seins'
bezeichnend: Gottern bin ich gram und grüsse ihn also nicht (1797) Caroline
br. 1, 186
Waitz; Marie Antonie war Calonnen gram, seit er, ohne sie zu fragen, die notabeln eingeleitet Dahlmann
gesch. d. frz. revolution (1845) 113. B@1@ff)
in weiter abgeschwächtem sinne jmd. nicht gram sein (können)
u. ä. '
ihm nicht böse sein können, ihn leiden mögen, ihn gern haben müssen',
in alter und in junger anwendung: er es skône end lussam, hem enmochte nieman wesen gram Heinrich v. Veldeke
Eneide 1546
B.; der minneclîchen meide triuten wol gezam in muote küener recken: niemen was ir gram
Nibelungenlied 3, 2
L.; ich kan ihm nicht gram seyn Kramer
t.-ital. 1 (1700) 555
b; es ist nicht möglich, ihm gram zu seyn, der erste anblick hat mich erobert Schiller 4, 279
G.; im grund kann man dem burschen gram nicht sein Grillparzer
s. w. 8, 65
Sauer; auch wenn er immer mit einer bitte kam, so konnte ihm doch niemand gram sein E. Wiechert
missa sine nomine (1950) 136. B@1@gg) sich selber gram sein, werden '
sich selbst hassen',
meist in dem milderen sinne von '
auf sich selbst böse sein, sich selbst nicht leiden mögen': von hertzen wer mir selbert gram, wann ich solt helffen bundtsgenossn, ja brüder, sich zusammen stossn Gilhusius
grammatica (1597) 131; denn ein mensch ist oft im äuszern also böse von sternen genaturiert, dasz er ihm selber gram wird Jac. Böhme
s. w. 3, 265
Schiebler; ich bin mir selber gramm, mein leben ist mir leydt, weil ich von euch gehaszt, auff die ich einig trawe Opitz
teutsche poemata 35
ndr.; ja wie beist mich mein gewissen (
aus reue über die sünden),... und wie gram bin ich mir selber, dasz ich mich kaum leiden kan Schmolck
s. trost- u. geistr. schr. (1740) 1, 49; ich bin mir recht gram, dasz ich mir nur einen augenblick etwas unrechtes von ihnen habe einbilden können Lessing 2, 137
L.-M.; ich bin mir gram, dasz mich der zorn bemeistert Grillparzer
s. w. 7, 10
Sauer. B@1@hh)
gelegentlich kann die wendung jmd. gram sein
ein sachliches subjekt haben, sofern dieses personifiziert gedacht ist: wan mir ist diu Sælde gram Hartmann v. Aue
Gregorius 2562; die lieb ist stoltzen (
menschen) gram und stürtzt sie mit den jahren J. Chr. Günther
ged. (
21739) 268; die musen sind mir gram Stoppe
Parnasz (1735) 341. B@22) einer sache gram sein
oder werden,
vorwiegend in abstrakter beziehung; seit alters neben 1. B@2@aa)
im sittlichen bereich, auf den widerstand gegen moralische unwerte und laster bezogen: uf saz der allen schanden gram was und eren gert Johann v. Würzburg
Wilhelm v. Österreich 11 816
R.; lügen bin ich gram, vnd habe grewel daran, aber dein gesetze habe ich lieb
ps. 119, 163; Hagedorn
poet. w. (1769) 2, 79; den peccatis gram werden et in illa innocentia confirmari Luther 49, 220
W.; [] dem spielen war ich gram und geiler metzen schaar S. v. Birken
forts. d. Pegnitzschäferey (1645) 54; allein dem prahlen bin ich gram Wieland
s. w. (1853) 3, 266. B@2@bb)
darüber hinaus in verschiedenartigster sachbeziehung, soviel wie '
eine sache ablehnen',
auch '
ihrer überdrüssig sein oder werden',
auch in junger gewählter sprache noch sehr gebräuchlich: ich (
gott) bin ewrn feiertagen gram, vnd verachte sie, vnd mag nicht riechen, in ewr versamlung
Amos 5, 21;
vgl. 6, 8; aber ich bin newen wörtern gram (1543) Luther 54, 32
W.; vieleicht redet hier ein medicus, der den hausmitteln gram ist
anmuth. gelehrsamkeit (1751) 8, 764
Gottsched; es ist sonderbar, dasz sittenmeister, kleiderordner, vorsteher von bildungsanstalten und ähnliche herrn, demjenigen kleidungsstück (
der jacke) so gramm sind, was noch am meisten die männliche menschengestalt ... hervorschimmern lässet Fr. L. Jahn
w. 1, 98
Euler; die spekulation, der er mit den jahren gram wurde Meinecke
Boyen (1896) 1, 26; ... die götter walten: lassen sie das neue werden, traun, so sind sie gram dem alten Fr. W. Weber
Dreizehnlinden (1907) 31.
in der beziehung auf betont positive werte leicht ironisierend: der kunst ist niemand gram, als der sie nicht kan Lehman
floril. polit. (1662) 1, 485; so wurden wir zuletzt auch unser hoffnung gram (
gaben sie auf, als zu oft enttäuschte) Olearius
persian. reisebeschr. (1696) 44
a; betrachtet, wofern ihr eurem eigenen vergnügen nicht gram seyd, diese rede in ihrem ganzen zusammenhange Liscow
slg. sat. u. ernsth. schr. (1739) 332.
vgl. mundartl. scherzhaftes einer speise gram sein
sie gerne essen, erpicht darauf sein. d' spatze
n sind de
n chriesene (
kirschen) gram
suchen sie zu vertilgen schweiz. id. 2, 731.
der gegenstand des gram seins
kann gelegentlich, wie unter 1 h,
als ein lebendiges empfunden sein: sei meiner stimme nicht auf ewig gram, wenn sie dir jetzt den allerbängsten schall angiebt, der je dein ohr durchdrungen Schiller 13, 125
G.; es gibt eine anzahl menschen ..., die jener französischen granate gram sind, die an einem dezembermorgen, aus blinder ferne abgefeuert, mann, pferd und wagen zerschmettert habt Bröger
d. unbekannte soldat (1917) 54.
in formelhafter wendung keinem ding gramer sein als ... '
nichts so sehr ablehnen wie ..., nichts weniger leiden können als ...': Germanicus wuste wol, dasz Tiberius keinem dinge grämer als neuerungen wäre Lohenstein
Arminius (1689) 2, 1055
a; ich (
Lessing) bin zeit meines lebens keinem dinge gramer gewesen, als den critiken über gedichte Lessing 5, 75
L.-M.; vgl. 3, 425. B@2@cc)
auch hier, 1 h
entsprechend, mit personifiziert gedachtem sachlichen subjekt, nur mhd. nachweisbar: minn unde kintheit sint ein ander gram Walther v.
d. Vogelweide 102, 8; Winsbekin 32, 1; din rede si der untogent gram Johannes Rothe
lob d. keuschh. 5228
Neumann. B@33)
nur ganz vereinzelt und nur in älterer sprache scheint in der wendung jemandem gram sein
das wort aus seiner aktiven bedeutung in die passivische '
verhaszt'
hinüberzutreten, in analogie zu A 3;
vgl. mnd. mi is gram
mir ist etwas leid, verhaszt Lasch-Borchling 1, 2, 148: dem bure was dyt (
das eigenmächtige vorgehen des vogtes) gram unde was quad (1416)
Lübecker chron. 2, 491
Grautoff (
bei Schiller-Lübben 2, 139
als substantiv angesetzt).
im folgenden beleg nicht sicher zu entscheiden: (
der teufel) bracht sie (
Eva) ausz der gnad vnd lieb vnter den zorn vnnd feyndtschafft gottes, das die liebe Eua gott wider gram vnnd feynd wardt Mathesius
ausg. w. 4, 132
Loesche. die wendung sich selbst gram sein
unter 1 g,
die sich oft ohne mühe in passivischem sinne deuten liesze, ist angesichts fast des gesamten übrigen wortgebrauchs wohl doch als aktivische aufzufassen. [] B@44)
in besonderen syntaktischen konstruktionen. B@4@aa)
nur selten tritt an die stelle des dativobjekts ein präpositionales. mhd. gram werden an: er wolt daz die getriuwen wurden an einander gram
Wolfdietrich A 50
Amelung. namentlich im mnd. gram sein auf: al is de konninck gram up mi unde mannich ander, de em is bi
Reinke de vos 77
Prien; ick was up my selven gram unde wret
bei Schiller-Lübben 2, 138
b.
vgl. noch gram bleiben auf: so gram und verbittert waren sie nun auff die Polen geblieben Petreius
hist. u. ber. v. Muschkow (1620) 28. B@4@bb)
elliptische gebrauchsweisen. so besonders mit ersparung des hilfsverbums, meist in prädikativer funktion: darauff beruhets, dasz er (
papst Sixtus V.) in gemein allen ketzern gram, in sonderheit dem könig von Nauarren Fischart
discours (1589) E 3
a; sein herze, so dem schauer gram Grob
dichter. versuchgabe (1678) 130; das (
herz) lange schon, der hofgaleere gram, nach einem freien augenblick sich sehnte Schiller 5, 51
G.; gram dem spiel von freund und schwester sprengt er (
der held als kind) einsam über schluchten Stefan George
d. siebente ring (1909) 58.
ungewöhnlich in attributiver funktion: daher belägerte er ihn mit denen ihm ebenfalls gramen Breutzen Lohenstein
Arminius (1689) 1, 492
a.
vereinzeltes, auch substantiviertes gram sein
setzt ellipse des dativobjekts voraus: (
die feinde) die mich, weisz nicht, warümm aus selbst gefastem hasz und gramm seyn rennen ümm Fleming
teutsche poemata (1642) 20; (
er) behält doch das recht und die macht, von sich zu lassen, welche er wil, nach dem sie es verdienet, oder er sie lieb hat oder gram wird Prätorius
Turci-cida (1664) S 2
b.
die aus der wendung jmd. gram sein
verkürzte älternhd. redensart gram wider gram
ist anekdotischen ursprungs: bey vns lag ein jud inn eim gasthof tödtlich kranck; wie die andern im befehlen, er sol Abraham, Isaac und Jacob von jrent wegen grüsen, Christus aber ist dir gram: wider gram, sagt der sterbende jude Mathesius
ausgew. w. 3, 347
Loesche. vgl. Luther 25, 61
W.; Henisch (1616) 1728; Eyering
proverb. copia (1601) 2, 699; 3, 198; 611. B@55)
synonyme oder antithetische verbindungen gehören vor allem älterer sprache an. feind und gram, auch in umgekehrter wortfolge, vom 15.
bis ins 17.
jh. sehr geläufig: wan er ungerechtickeyt also feint wer und gram
theologia deutsch 77
Mandel; da wird man denn balde dem gesetze feind und gram Luther 16, 83
W.; yederman ist dir gram und feindt Hans Sachs 9, 146
lit. ver.; wäre gott mir gramm und feind, würd er seine gaben, die mein eigen worden seynd, wol behalten haben Paul Gerhardt
bei Fischer-Tümpel (1903) 3, 384.
vereinzelt auch jünger noch: wenn die weiber einander wirklich sich gram sind und feind — wann's gegen die männer geht, so sind sie alliiert und freund Meisl
theatr. quodlibet (1820) 5, 12.
daneben gram und gehässig o. ä.: ich bin in von schulden immer nîdic unde gram Neidhart 97, 38
Wiessner; beheltest (
du als mann) aber ettwas in deinem gewalt, so spricht sie (
deine frau), du wOellest ir nit getrawen, wirt dir gehasz vnd gram, schilt vnd flucht dir Albrecht v. Eyb
dt. schr. 1, 6
Herrmann; mancher macht es darnach, dasz ihm die leute gram und gehäszig werden Quirsfeld
geistl. myrrhengarten (1717) 362.
von da aus [] auch in mehrgliedriger reihung: also das die thier dermassen auch sind vnder einander, einander gramm vnd grasz, neydig vnd häszig (
wie die menschen) Paracelsus
opera 2, 326
Huser; er, der verdammte geist ... wie er nun allen christen gram, feind und gehäszig ist, so ist ers absonderlich lehrern und predigern
d. wohlgeplagte priester (1695) 102.
anderes mehr gelegentlich: du solt auch nit gedencken, das ich (
Marke) von deinent wegen ym (
Tristrant) grame oder ungünstig werd
Tristrant u. Isalde 65
Pfaff; Luther
br. 10, 10
W.; da wirstu finden nicht allein ... böse buben, sondern auch deine nehesten und besten freunde, ... die dir gefehr und gram seyen, auf das ergeste nach reden
ders., w. 28, 158
W.; so erbittert und gram war ich damals dem andenken an alles, was mich an Hohenberg erinnerte Gutzkow
ritter v. geiste (1850) 3, 386.
seltener ist gegensätzliche zuordnung: ich was ir ein wêning gram, nu wil ich ir abir holt sîn Eilhart v. Oberg 7314
Lichtenstein; ich leugne nicht, ich war jr ein wenig gram, das lass ich nu hie seyn und wil jr wider freundlich seyn
buch d. liebe (1587) 101
a; sei hold der kunst, noch mehr des weisen freund, dem laster gram, sonst keines menschen feind Herder 23, 97
S. B@66)
vereinzelt bleibt jemandem gram tun '
jmd. etwas böses antun, ihn beleidigen': so kunth man auch dem narren nit gremer thun, dann man in nar hiesz Grunau
pr. chron. 1, 724
Perlbach. vgl. noch grammachen
commouere (
Köln 1507) Diefenbach
gl. 136
b.