gramanzen,
grammanzen,
u. ä., pl., '
possen, komplimente, umstände'.
das wort ist s. v. cramanzen,
teil 2, 637
f. und ausführlich, mit einer anzahl sicher oder zweifelhaft zugehöriger varianten, s. v. kramanz, kramanzen,
teil 5,
sp. 1991
ff. abgehandelt; vgl. dazu inzwischen noch schweiz. id. 3, 817
f.; Fischer
schwäb. 3, 786
f.; 6, 2061.
der in Schröder
streckformen 106
ff. unternommene versuch, kramanzen (
wie kuranzen)
als streckform auf kranz (
in einer sehr speziellen, vorwiegend jungen kunstgewerblichen bedeutung dieses wortes)
zurückzuführen, ist bereits von Fischer
a. a. o. 3, 786
f. zurückgewiesen. eine derartige erklärung würde das wort nicht nur von mhd. gramazîe (
s. u.)
völlig lösen, sie müszte auch von sehr speziellen bedeutungen ausgehen, die zwar (
dies gegen Fischer)
der älteren überlieferung nicht völlig fremd sind (
s. u.),
für diese mit ihrem ganz anders gelagerten gewicht aber keine tragfähige grundlage abgeben können. doch bleibt auch im rahmen der herkömmlichen deutungsversuche genug an offenen fragen, die es nicht ausschlieszen, dasz in dieser ganzen sippe wortgleicher oder verwandter bildungen, den mundartlichen bestand eingeschlossen, nicht nur wortmischungen begegnen, sondern auch mehrere voneinander unabhängige wörter vorliegen. von gramanzen
her wäre noch folgendes anzumerken oder nachzutragen: für die mhd. bezeugung (
seit dem späten 13.
jh.)
ist doch sicher nicht mit Hildebrand
von frz. grand merci,
sondern von ital. (
ne)
gromanzia, mlat. nigromantia auszugehen, vgl. mhd. nigro-, nigramencie,
im 15.
jh. auch nigramacei,
zunächst in dem ernsthaften sinn von '
zauberei, schwarze kunst': künde er mit behendikeit diu swarzen buoch, ouch kunst der gramacîen, unt wære in sinnen wol bereit Boppe
in: minnesinger 2, 382
a v. d. Hagen. wohl ebenso: Klingsor ein priester khom hernach, mit seiner gramosey (15.
jh.)
in: minnesinger 4, 888
a v. d. Hagen. vgl. auch auf etwa gleicher ebene vergramazieren '
etwas durch zauberei bewirken' Ottokar
reimchron. 51 585
Seem. einer weiterentwicklung zur bedeutung '
possen, faxen'
u. ä. steht eine von Hildebrand
unter kramanz 2 a
behauptete begriffsfremdheit nicht im wege: des begünd ich lachen in der vinsternüsse (
der badestube), ich traf ouch, dâ daz küsse scheidet mich und die bank. ich sprach: 'geselle, nû hab dank diser gramazîn (
hs. gramassein) durch den willen mîn bit noch zwên würfe werfen dar'
Seifrit Helbling 3, 49
Seem., dazu anm. auf s. 330.
es bleibt indessen auffallend, dasz zwischen der mhd. und der nhd. überlieferung eine formdifferenz besteht, indem erst jetzt, seit dem späten 15.
jh., einerseits die dem vermuteten fremden vorbild näherstehenden formen mit -n-
vor dem dental nachzuweisen sind und andererseits der anlaut in den meisten fällen aus der media in die tenuis c-, k-
hinüberwechselt. es hat übrigens die relativ hohe zahl der formen mit doppeltem -m-
in den g-
formen des 16.
und 17.
jhs. bei kramanzen, cramanzen
keine entsprechung. die bedeutung zielt durchweg auf das possenhafte, umständliche und überflüssige in handlung, gebärde oder rede, auf übertriebenen, meist unehrlichen aufwand an gesten und worten: Cilix haud facile verum dicit lose grammantzen Seb. Franck
sprichw. (1541) 1, 52
a; sein wort sind nichts denn faule zotten ... es sind faul fisch, vnd ist loröll, es sind grammantzen inwend hol Eyering
proverb. copia (1601) 2, 233;
vgl. 550; grammantzen
faulefisch, lame zotten, loröl, fabulœ, ineptiœ Henisch (1616) 1729; gramanzen
dicuntur fabulae, ineptiœ, gesticulationes, gestus odiosi et inanes, pompa inutilis et vana Stieler
stammb. (1691) 704.
formelhaft gramanzen machen;
so als '
komplimente machen': ein heuchler, der ausswendig viel gramantzen mit in mache Seb. Franck
in: Fischer
schwäb. 3, 786.
ohne moralisch üblen beisinn: wol, sagte er, als der bauer sein gramantzies ausgemacht hatte, was wolt ihr, guter freund? Grimmelshausen 2, 371
Keller. meist soviel wie '
umstände machen': mit mir machstu nit vil gramantzn Schmeltzl
comedia d. verlor. sohns (1545) 28
b; man wird mit ihm nicht viel gramanzen machen
on ne fera point de façons avec lui Schrader
dt.-frz. wb. (1781) 1, 567; gramandes machen '
umstände machen' (
Augsburg) Klein 1, 158.
einflusz von frz. grand merci (
s. u. gramerschi),
aber eher in der pejorativbedeutung '
leere komplimente',
ist vom sinn her, wenn nicht nötig, so doch möglich, und wird zudem durch formen wie grammaschi, grammarschen
nahegelegt: dweil man ... im nit vil junckerischen grammarschen macht Jac. Frey
gartenges. 71
Bolte. im folgenden beleg freilich vom sinn her ohne nähere beziehung zu grand merci: einen sewtrog vergüldin ... vil bellischier, spengelwercks vnd grammaschi Seb. Franck
sprichw. (1541) 2, 90
a.
auf der anderen seite kann eine solche beziehung vorliegen, ohne dasz sie an der wortform ablesbar wäre: (
achtet auf die beiden übersandten predigtmanuskripte,) denn die feind des götlichen worts bei vns solche zwo predig sunderlich erzurnet vnd geben grosze gramantze für, wo sie darzu möchten komen Caspar Hüttel
an Stephan Roth (1527)
in: zs. d. Harzvereins 14, 124,
vgl. dazu die anm. ebda. ähnlich mag frz. grimace eingewirkt haben, zumal in jüngerer sprache gramanzen
weithin durch grimassen
abgelöst wird (
s. dazu s. v. grimasse II 1,
sp. 336,
vgl. auch unt. gramasse);
auch hier fehlt es nicht an alten formen, die auf vermischung der wörter deuten: er (
der gläubiger) mag jhm derhalb (
von seinem schuldner) nicht viel hofieren, unnd belschier, unnd grammasz lassen machen, dann er suchet solch gauckelwerck nicht mit seiner gabe, sondern das er seinem nechsten frey willig damit dienen will Huberinus
spiegel d. haustzucht (1567) 180
b (
das gleiche zitat bei Fischer
schwäb. 6, 1614
s. v. bellischier
hiernach zu korrigieren); dise hausrauber aber rauben und muosz einer still schweigen und grosz gramasen (
var. grammasen) darzuo machen Schade
sat. u. pasqu. 3, 179,
dazu Köhler
in: Frommann
s zs. 6, 76.
vgl. noch gramanzen,
pl. grimasses, façons Schrader
dt.-frz. wb. (1781) 1, 567.
formale mischung mit gramanzîe
scheint übrigens bereits in dem bedeutungsmäszig ganz zu gramerzî
gehörigen vb. gramazîen
aus jg. Titurel 1931
vorzuliegen. unsicherer zuordnung ist (1533) gramaschiss, (1598) gramaschich
als name eines kartenspiels bei Fischer
schwäb. 6, 2061; 3, 786.
im 16.
jh. überwiegen die formen mit anlautendem c-, k-
bei weitem, ohne dasz sich für sie anlehnung an heimisches wortgut nachweisen liesze, wenn man nicht nach Schröder
a. a. o. mit den aus dem alem. vereinzelt, aber früh bezeugten und mundartlich dort fortlebenden bedeutungen gegenständlicher art wie '
schriftschnörkel'
unter kramanz 1 a (
aber in verdächtiger nähe zu 1 b '
tanzfigur')
und '
franse, besatz'
bei Keisersberg
unter cramanzen,
pl. (
ende)
durch anschlusz an kranz
die herleitung des wortes überhaupt begründen will (
s. ob.).
oder weist kramanzen
als '
schnörkel, franse'
doch wieder auf ein weiteres fremdes vorbild zurück, auf ein mlat. gramata, gramicia du Cange 4, 95,
gramita ebda 96
für '
besatz, bordure (
an kleidern)'
entsprechend einem jünger griech. γράμμα gleicher bedeutung? —