vorlaufen,
verb. ,
vgl.fürlaufen th. 4, 1, 1,
sp. 765. II.
ahd. fora-, furihlaufan Graff 4, 1118;
mhd. vürloufen
mhd. wb. 1, 1045
b; Lexer 3, 586; 604; Jelinek 909;
precurrere vorlauffen Diefenbach
gl. 453
a; vorlauffen, voranhinlauffen,
praecurrere Maaler 476
a;
praecurro, ante curro, celeriter antecedo Calepinus
dict. XI ling. (1598) 1127
a;
correre innanzi vorlauffen Hulsius (1618) 2, 109
b; vor-
et fürlaufen Stieler 1087; vorlauffen Kramer
teutsch-ital. dict. 1 (1700) 906
b; vorlaufen Steinbach 1, 1, 999; Adelung; Campe. —
mnd. vorlôpen Schiller-Lübben 5, 397
b;
mnld. vorelopen Verwijs-Verdam 9, 1018;
dän. foreløbe,
nach dem deutschen. —
das part. prät. vorgeloffen (
s.laufen I 3 b
th. 6,
sp. 315)
hält sich lange: die vorgeloffene händel Comenius
janua (1644) 196; solcher vorgeloffene betrug Grimmelshausen 4, 648
Keller; sehet doch, wie jenes dort alles ein- so wohl getroffen, was bey frölicher geburt Filarets dort vorgeloffen Neumark
fortgepfl. musik.-poet. lustw. (1657) 2, 134.
vereinzelte form, 1.
sing. präs. ind. umgelautet nach 2.
und 3.: denen ich nerrisch und finster mit diser geschrifft vorleuffe Eberlin v. Günzburg 3, 148
ndr. IIII.
der gebrauch des wortes ist im nhd. mehr und mehr eingeschränkt worden, indem die frühere mannigfaltige freiere und bildliche anwendung veraltet und fast immer die eigentliche bedeutung von laufen festgehalten wird, allerdings auch auf unbelebtes bezogen. noch Göthe
braucht v.
mit gröszerer freiheit, als in der sprache der gegenwart zugelassen ist. II@11)
schnell nach vorn, vorwärts, aus etwas hervor, vor etwas hin laufen: furiloufanti sum ... furi inan
Tat. 106, 1; einige haufen ... liefen alsbald gegen eine noch unangegriffene stelle des Römerlagers vor Fouqué
altsächs. bildersaal (1818) 2, 209; so läuft das geschüz von selbsten vor Hoyer
allgem. wb. d. artillerie (1804) 1, 93. —
aus etwas heraus: wenn mir das blut unter den nägeln vorlief O. Ludwig (1891) 2, 220;
in älterer sprache freier: vorlauffen, an tag kommen,
venir enlumiere Hulsius-Ravellus (1616) 389
a. II@22)
übertragen, nach vorn sich erstrecken: die viel weiter als der Posilippo vorlaufende, mannigfaltig ausgezackte erdzunge grafen zu Stolberg (1820) 8, 50; auf den langen sandspitzen, die in das meer weit vorlaufen Ritter
erdk. (1822) 6, 1198; eine harmonische bucht erstreckt, wie die sichel geründet zwei vorlaufende arm Voss
bei Campe
unter wallen. II@33)
vor jemandem her, voraus, vor jemanden hin laufen: wiewol Johannes zum grab vorgeloffen, ist er doch hinein nit gangen Berthold v. Chiemsee
t. theologey 641
R.; an jem. vorüber laufen; jemanden überholen und vor ihm laufen u. ä.; überall zeigt sich die ältere sprache beweglicher: der hund gab unwillige töne, er lief dem maulthiere vor Stifter (1901) 3, 88. —
an jemandem vorüber: wann Dilltapp geht offt überausz alltag auf und ab vor meim hausz sicht mich lieblich an im vorlauffen H. Sachs 9, 127
K. vor jemanden hin laufen, um ihn aufzuhalten: ob wol die leut schrien zum knecht: halt, halt, halt! rennet er doch desto fester, bisz ihrer ihm so viel vorlieffen und auffhielten, dasz
u. s. w. Kirchhof
wendunm. 2, 209
Ö.; (
im bilde:) wer will kann v., er wird gewisz müde werden Möser (1842) 3, 25; die frühwachen hirten und ackersleute suchten ihn (
den hirsch) mit geschrei und v. einzufangen Fouqué
zauberring (1812) 3, 116. II@44)
in diesem sinne früher in mannigfaltiger freier und übertragener anwendung von belebtem und unbelebtem, wobei der begriff von laufen
völlig verblaszt und vor allem auch ein zeitliches vorausgehen gemeint sein kann. II@4@aa)
von personen: (
genius,) der Addisons vorlaufender glücksgöttinn nicht gleich sah Herder 23, 182
S.; dasz man ihn der irrlehre angeklagt, das schicksal hat er mit allen denen gemein, die ihrer zeit vorlaufen Göthe II 3, 163
W. —
vorbereitend, ankündigend vorausgehen (
beachte, dasz vorläufer
den freieren sinn bewahrt hat, der dem verbum verloren gegangen ist): dieser grosze man (
Johannes) muste Christo vorlauffen, auff yhn weysen Luther 20, 220
W.; der geheiligte ... vorlauffende ... furchtlose Johannes Treuer
dt. Dädalus (1676) 1, 906; darumb bin ich dem vorgelauffen und kommen, mit wasser zu tauffen H. Sachs 15, 303
K.-G.; mit dem vorbild vorangehen: (
indem er) vielen unter uns, welche gar selten oder ja fahrlessig bei den versperlectionibus sich finden lassen, vorgeloffen Hafenreffer
christl. leuchpred. (1600) 14
a. —
wieder im eigentlichen sinne, aber zugleich ankündigend: trompeten sind gleichsam deines zugs vorlauffende propheten v. König
ged. (1745) 29.
in der folgenden stelle bestimmt und gestützt durch vorläufer: nichts ist widriger, als hundert vorläufer und vorreiter zu einer winzigen lust zu sehen und zu hören; nichts ist aber süszer, als selber mit vorzureiten und vorzulaufen Jean Paul 1, 375
H. II@4@bb)
von unbelebtem, besonders im freieren und übertragenen gebrauch der älteren sprache: praemolestia ein vorlauffende bekümmernusz, urdrutz oder unmut, eines zukünfftigen übels Calepinus (1598) 1134
b; vorlauffende zeychen, darbey man erkennen kan, das wind auffstehen werden Herr
feldbau (1551) 21
b; (
sehr frei:) diser baum (
mandelbaum), wie gesagt, ist eyn fürkommender und vorlauffender baum Sebiz
feldbau (1579) 344; findestu das die sonne dem mohn noch vorlaufft Thurneysser
magna alchymia (1583) 99; das mordgeschrey war im so vil vorgelauffen Stumpf
Schweizerchron. (1606) 420
a; ahndung, vorlaufendes, richtiges gefühl Lavater
physiogn. fragm. (1775) 4, 132; (
so) will ich diesen brief v. lassen Göthe IV 6, 401; eine kurze vorlaufende erschütterung des schönen gesichts kündigt nun den eintritt der wuth an Thümmel
reise (1791) 8, 101. II@4@cc)
in einer darstellung vorangehen: ehe ich aber zum vorhaben schreitte, will nit aus dem weg sein, zuvor was wenigs von khaiser Friderico vorlauffen zu lassen v. Brandis
landeshauptleute in Tirol (1850) 16; so nuhn dieser punct vorlauffen soll Paracelsus (1616) 1, 769; Rousseaus confessionen bedörfen aber auch dieser vorlaufenden erklärung nicht Herder 18, 372
S. —
dann aber auch abgeblaszt wie vorkommen (
vgl. unten 6): das meiste, was hiraus zu bemerken, ist schon vorgelaufen
Reinicke fuchs (1650) 369; es ist
oben vorgelauffen, dasz alle hexen eine landschaft sollen zusammen halten Prätorius
Blockesberges verrichtung (1668) 293. II@4@dd) vorlaufende gnade
als theologischer fachausdruck: (
gott,) der anfängklich durch sein vorlauffende gnad, nachmals durch mitler den menschen underweist Berthold v. Chiemsee 129
R.; vorschmack der vorlauffenden süszen gnade gottes Franckenberg
bei Angelus Silesius
cherubin. wandersmann ix
ndr.; man spiegelt sich in den ersten rührungen und erweckungen der vorlauffenden gnade Thierbach
diarium Herrnhuthianum (1748) 1, 45. — haec est ein vorlauffende lib (
gottes) Luther 17, 1, 265
W. II@4@ee) v.
kann dann auch wieder (
vgl.h)
einen ungünstigen sinn annehmen: dasz das morale der fabel nie unverschämt v., sondern jederzeit sittsam nachtreten müsse Triller
poet. betr. (1750) 2, 595; kein erbärmlicheres glied unter den menschlichen gliedern als eine vorlaufende zunge Herder 30, 224
S.; die sinnlichkeit läuft dem verstande vor Hippel
lebensl. (1778) 2, 240; es wird zeit diese einleitung zu schlieszen, damit sie nicht, anstatt dem werke blosz voranzugehen, ihm vorlaufe und vorgreife Göthe 47, 31
W.; dat gy myt yuwen vorlopenden worden my sus uth myneme bede verstorden
Reinke de vos 1669. II@4@ff)
an laufendem vorbeilaufen und es überholen; in älterer sprache mit dem acc.: liofun zuuene saman inti ther ander iungoro furiliuf sliumo Petrusan
Tatian 220, 2; der strauz läuft sô snell auf der erd, daz er ain pfärt fürläuft Konrad v. Megenberg
buch d. natur 223
Pf.; vorlieff sie ihn, so must er sterben H. Sachs 2, 180
K. schiffe: (
die Lübecker) kommen bey etliche des königes schiff bei Gesser, und sind dieselbige vorgelauffen Regkmann
lüb. chron. (1619) 100. —
in neuerer sprache mit dem dativ: einem rosz vorlauffen,
cursu transire Maaler 476
a; man mag den alten wol vorlauffen, man kan in aber nit vorrathen Tappius
adag. centuriae septem (1545) p 5
a; so ist mir nie keiner (
im wettlauf) vorgelauffen
buch d. liebe (1587) 194
b; wir haben gelernt mit englischen rossen den sturmwinden vorzulaufen Musäus
physiogn. reisen (1778) 4, 23; musz ich dich hier schon treffen, Elpenor! du bist mir gewaltig vorgelaufen Göthe 5, 254
W.; o sieh den armen schelm (
den hasen), o sieh den bängsten, wie er dem winde vorläuft Freiligrath (1870) 6, 213.
übertragen von uhren: die uhrn zu Basel all zumal vorlauffen andern uberal auch denen in gleicher revier bei einer gantzen stunde schier Frölich
d. statt Basel beschreibung (1608) 133. II@4@gg)
leicht geht dann v.
in den sinn von übertreffen über; mit festhaltung des bildes: drey suchten sich dir nach, und drey dir vorzustrecken; doch wie ein ieder lieff, lieffst du doch allen vor v. Besser (1732) 1, 66.
in freieren gebrauch übergehend; mit dem acc. in älterer sprache: warumb sy Timotheus vorlieff in volkommenhait Tauler
sermones (1508) 13
b; auff das sie (
Jesuiten) allen andern mönchen vorlauffen Fischart
bienenkorb (1588) 13
b; zum unglück machen die maschienen allezeit recht gute arbeit und laufen den menschen weit vor Jean Paul (1826) 15, 57; (
Horatio,) der aber an tapferkeit und lebensklugheit allen andern vorgelaufen ist Göthe 22, 160; loufet im an der êren spor ein zweiter eine wîle vor
kl. mhd. erzählungen 191
R.; secht, weibes list die ist so tief, das in kein man nie vor gelief
fastnachtsp. 1, 354
K. absolut: wer vil maid mag ze schanden pringen, der hat gelauffen vor (
gilt etwas) Hätzlerin 93
b. II@4@hh)
auch in ungünstigem sinne zuvorkommen, vgl. schweiz. idiot. 3, 1137; Unger-Khull
steir. wortschatz 247
b: ich bin im im marckt vorgelauffen Frisius
dict. (1556) 1041
b (
praemercor); und wann ein jud betrat ain, der etwas wolt kaufen, den fürgang wolt er han, er thet im stark vorlaufen Liliencron
hist. volkslieder 3, 330. II@55)
in älterer sprache mit dem acc. einer sache, versperren, verstellen, abschneiden, wegnehmen u. ä. (
wechselnd mit verlaufen 9
th. 12,
sp. 745);
häufig den weg vorlaufen: redt im nichts guets zu ruckhen, vorlauft im den weg Kopp
volks- u. gesellschaftslieder 192, 19; lasset euch bey leib keine weltliche gedancken ..., diesen h. weg vorlauffen Moscherosch
insomnis cura parent. 91
ndr.; auch fürlaufen
begegnet in dieser wendung: obsepire iter ad honores eim den wäg fürlauffen zuo eerenämpteren Frisius
dict. (1556) 896
a (
s. oben unter fürlaufen 7).
vgl. noch: diewyl Esaw uf dem gejagt was, vorlyff im Jacob die benediction
quelle im schweiz. idiot. 3, 1137; hiemit werden die arme leut gemergelt und ausgesogen, das sie gantz und garnichts behalten und es endlich vorlauffen müssen Pape
bettel- u. garteteufel (1586) x 4
a. II@66)
sehr häufig in älterer sprache im sinne von sich ereignen, geschehen, dann auch von vorkommen, sich finden, vgl. verlaufen 3
th. 12,
sp. 743; vorlauffen, geschehen, sich zutragen Rädlein (1711) 1013
a; vorlaufen für vorfallen ist veraltet Heynatz
antibarbarus 2, 601. II@6@aa)
zunächst von ereignissen, handlungen, vorgängen: demnach aber bald anno 63 allerhande reisen sind vorgelaufen Schweinichen
denkw. 18
Ö.; sachen, die täglich unter gemeinen leuten vorlauffen Opitz
poeterei 23
ndr.; was ist neues vorgelauffen A. Gryphius
lustspiele 529
P.; inzwischen allerseits kleine scharmützel vorgelaufen A. U. v. Braunschweig
Octavia (1677) 1, 70; die löblichste that, so in diesem treffen vorlieff Olearius
pers. reisebeschreibung (1696) 264; nicht allein dasjenige ..., was an dem hofe, sondern auch im kriege vorgelauffen v. Fleming
d. vollk. t. soldat (1726) 89; wir hatten allerseit uns über das entsetzet, was vorgelauffen war S.
Dach 570
Ö.; es ist mir auch gesagt, was vor ein abendtheur da vorgelauffen ist Neumark
lustw. (1652) 462. II@6@bb)
dann auch in freierer anwendung: was bey den alten für ein ordnung gewesen, auch jetzt hin und wieder in den kriegeshandlungen vorleufft und gehalten wirdt Reutter v. Speir
kriegsordnung (1594) a 2
b; jener fragen, so darbey vielfältig vorlauffen
Spee cautio criminalis (1649) 16
a; es sind ... unterweilens miszverständ vorgelauffen Schupp (1663) 601; weil es (
das wort geläsz) in denen deutschen rechten ofte noch vorläuft Buchner
anleitung z. dt. poeterey (1665) 45; im gemeinen gespräch läufft viel gutes und viel böses vor Olearius
pers. rosenthal (1696) 59
a; herr Wolfgang Habermann, von dem in diesem werke verschiedene ideen vorlaufen Jean Paul (1826) 15, xxiv. II@77)
als ausdruck der fachsprachen: II@7@aa) einem v., '
ihm ein muster der nachahmung zu geben' Adelung,
oder einem etwas v.
kann besonders in der sportlichen sprache der gegenwart gesagt werden; doch auch: das kind läuft den eltern etwas vor. II@7@bb)
bei treibjagden einem zur seite ausbrechenden wilde v.,
um zu schusz zu kommen oder es in den trieb zurück zu jagen Behlen
forst- u. jagdk. (1840) 6, 171. II@7@cc)
eigenthümlich als transitivum im hüttenwesen (
s.laufen 15
th. 6,
sp. 325): vorlauffen, '
d. i. ertz, vorschläge, zusatz und schlacken vor den schmeltzofen zu fertigung der schicht anschaffen' Minerophilus
bergwerckslex. (1730) 697 (
diese schicht heiszt dann vorlauf,
s. dieses 7 a); v. '
die gewonnen massen von den gewinnungspuncten zum füllorte laufen' Veith
bergwörterb. 548;
vgl. vorläufer 6 b. —
hierzu: vorlaufkarren, karren, mit welchen die beschickung für die öfen gelaufen wird Lampadius
hwb. d. hüttenkunde (1817) 214.