straufen,
schw. vb. ,
abstreifen, umherstreifen. herkunft und form. 11)
urspr. nur westgerm. wort: ahd. stroufen,
mhd. stroufen, ströufen,
frühnhd. straufen, sträufen;
mnd. stropen
streifen, abstreifen und (
aus dem md.) stroifen
umherstreifen, berauben; mnl. stropen, stroopen, stroppen
streifen, abstreifen, rauben, mnl. stroopen
abstreifen, umherstreifen; ags. bestrypan
abstreifen, berauben, me. to stripe, to strepe, tu strupe (ü),
ne. to strip
abstreifen, vgl. Murray 1, 827
und 9, 1, 1144;
ält. schwed. ströva
und ält. dän. strøve
plündern sind vermutlich aus mnd. (
aus dem hd.) stroifen, stroefen
entlehnt, vgl. Hellqvist
svensk etym. ordbok 32, 1093
f. 22) stroufen
gehört mit streifen, strauchen
und streichen
zu verschiedenen erweiterungen der grundwurzel ster- Walde-Pokorny 2, 636
ff., doch ist es im gegensatz zu den anderen streup- (
zu dem auszer straufen
3strupfen
t. 10, 4, 140
f. gehört)
auf das germanische beschränkt. Wadstein
idg. forschg. 14, 406
und nach ihm Lindqvist
beitr. 43, 100
stellen auf grund der bedeutungsverwandtschaft mhd. straufen
zu got. raupjan,
ahd. roufen '
raufen, rupfen'
und nehmen urgerm. anlautswechsel bei den wurzeln *raup-
und *straup-
an; vgl. aber Persson
beitr. z. idg. wortf. 1, 454
und S. Feist
vgl. wb. d. got. spr. (
31939) 395,
wo etym. zusammenhang von straufen
und raufen
verneint wird. —
stark flektiertes striefen,
prät. strouf (
vgl. Grimm
gramm. 2, 47
Sch., Lexer 2, 1238)
ist nur unzulänglich bezeugt: wenn ich des nachtes pei ir geschlof und ich sie ain gute fart gestrof (1522)
fastnachtsp. 2, 732
Keller (
var. schlaf: gestraf
ebda 1, 346); die este er pald abestrouf (: ouf) (15.
jh.)
St. Christophorus in: zs. f. dt. altert. 17, 113
ist konjektur für handschriftl. abstrauft,
var. abstreif. 33)
dunkel bleiben die lautlichen und semantischen verhältnisse der schweiz. und bair. mundartlichen wendung einen baum, einen balken strafen
bzw. straufen,
im sinne von '
einen baum, einen balken behauen, beschneiden'.
vgl. schweiz. id. 11, 2112
u. 2126
und Schmeller-Fr. 2, 810.
zur berührung beider verben im bedeutungsbereich '
castigare'
vgl.: ein verleugner gottes ist er ..., den gott auch weidlich zu streuffen und zu stroffen weisz
theatrum diab. (1569) 171
a. 44)
formen des stammvokals. 4@aa)
umlautlose formen mit -ou-: stroufen (10.
jh.)
ahd. gl. 2, 57, 36
u. 4, 316, 7
St.-S.; stroufent Notker 1, 97
Piper; strovfete
Vor. gen. 23, 5
dt. ged. d. 11. u. 12. jhs. Diemer; gestroufet Hartmann v. Aue
Erec 5321
Haupt; stroufen Heinr. v. Meissen 241
Ettm.; stroufen Ottokar
österr. reimchron. 13460
Seem. daneben seit dem 14.
jh. im bair.-österr. und später im ganzen obd. sprachgebiet formen mit au: straufen Konrad v. Megenberg
buch d. natur 244, 19
Pfeiffer; straufte Suchenwirt 97
Primisser; gestrauffet
ebda 78; strauffen (
Nürnberg 1444)
städtechron. 2, 90
u. 63; Aventin
s. w. 1, 427
bayer. akad.; straufende Fischart
Garg. 92
ndr.; strauffet
viehbüchlein (1667) 29. 4@bb)
umgelautete formen mit verschiedener schreibweise sind im obd. und md. raum seit dem 14.
jh. bezeugt (
im 17.
jh. von streifen
verdrängt): streufet (
anf. 14.
jh.)
Breslauer arzneybüchl. 26
Külz; streuffen Muskatblüt 241
Groote; Trochus
voc. rer. (
Lpz. 1517) J 2
b; streufen (1521) H. v.
d. Planitz
berichte 57
Wülcker; ströufft Keisersberg
postill (1522) 2, 113; sträufften S. Münster
cosmogr. (1550) 258.
die hd. form ist bereits in mnd. zeit, und zwar in den bedeutungen A
und B,
ins nd. gedrungen; vgl. zu den unten angeführten literarischen belegen noch excoriare streufen (15.
jh. nd.)
bei Diefenbach
gl. 215
b.
nicht zufällig verbindet sich in den heutigen nd. maa. (
auch in den nordischen sprachen)
mit streufen (
schwed. ströva,
dän. strøva)
fast ausschlieszlich die bedeutung vagari, bzw. latrocinari: stroife (straife) Jensen
nordfries. 591; stroifi Möller
Sylt 265; sdroifn Mensing
schlesw.-holst. 4, 885; streufen Böning
Oldenburg; ströfe Rovenhagen
Aachen 143; âfschtreufen
ein gebiet, eine fläche abgehen, durch ein gebiet streifen Damköhler
Nordharzer wb. 7
b;
doch vgl. auch sträufen
streifen, sich die haut schinden Hönig
Kölner ma. 176; ströhfen
streifen, abstreifen Waldbrühl
rhingscher klaaf 211
und das subst. streufen
gamaschen Strodtmann
id. Osnabrugense 233.
in der nd. form ströpen
vereinigen sich beide bedeutungen, s. Woeste
westf. 259; Doornkaat Koolman 3, 342; Stürenburg
ostfries. 269; Mensing
schlesw.-holst. 4, 902; herumströpen
ebda 4, 199; Nerger
wb. zu Eggers
tremsen 362; Mi
Mecklenb. 88
a.
vgl. ferner die übrigen zeugnisse für stroepen '
streifen'
auf nd. boden: wb. d. Elberf. ma. 159 (afstroepen
z. b. die gegend); Hasenclever
Wermelskirchen 95 (
neben strypen); Schmoeckel-Blesken
Soester Börde 293; Schumann
Lübeck 84; Dähnert
pomm.-rüg. 469;
ferner strepen (
erbsen)
abstreifen Strodtmann
a. a. o. 232; strepen, strepeln (
bohnen)
abfasern Böning
a. a. o. 109.
inlautend begegnet in teilen des obd., bes. im südalem., die affrikata pf,
vgl. die belege des schweiz. id. 10, 1348; 11, 2124; 2125; 2126; 2128
und unten 2streifen.
bedeutung und gebrauch. straufen,
das ursprünglich vor allem im bayr.-österr. raum und in der Schweiz zu hause ist, beginnt bereits im 16.
jh. aus der schriftsprache zu schwinden. seine aufgabe übernimmt in beiden bedeutungsrichtungen (
s. u.A und B) streifen (
s. 2streifen II und III).
abgesehen von den nd. maa. (
s. o.)
hat sich straufen
nur noch in der Schweiz bis in die gegenwart ungeschwächt erhalten; darüber hinaus begegnet es nur sporadisch: straufe
umherstreifen Heinzerling-Reuter
Siegerl. wb. 246; strāfm Gebhardt
gramm. d. Nürnb. ma. 54; Schöpf
Tirol 719. AA.
meist im sinne von '
abstreifen'.
grundbedeutung ist die unter einem gewissen kraftaufwand kontinuierlich ziehende oder schiebende bewegung der bloszen oder bewehrten hand über einen gegenstand hin, wobei die oberfläche des gegenstandes verändert oder verletzt oder von ihrem körper losgelöst wird; stets ist die vorstellung des verletzt- bzw. verändertwerdens vorhanden. zuerst in den Boethiusglossen des 10.
jhs. bezeugt: (
nec quaeras avida manu vernos)
stringere (
palmites) stroufen
ahd. gl. 2, 57, 36
St.-S.; colligere, stroufen
ebda 4, 316, 7. (
beide glossen zur consol. philos. I
metr. 6, 12; Notker: handelôn).
bis ins 16.
jh. ist stroufen
in dieser bedeutung lebendig; in schweiz. maa. bis zur gegenwart. in älterer sprache vereinzelt auch in der bedeutung '
hinausschlüpfen': so sliuft sie (
die natter) durch ein engez hol und stroufet uz der alten hiut (14.
jh.) Heinrich
d. Teichner 2, 125
Niewöhner. übertragen '
in etwas schlüpfen': der uns armen daz leben mit seinem tode koufte und sich frilich stroufte in die crankin menscheit (13.
jh.) Hugo v. Langenstein
Martina 206.
vgl. z. folgenden die belege im schweiz. id. 9, 1892
u. 1897; 10, 1348; 11, 2124—2127. A@11) '
abstreifen'
in verschiedenen anwendungsbereichen: im bat diu juncfrouwe fier ab nemen helm untz hersnier. do manz von im strouft unde bant, Clamide wart schiere erkannt
Parzival 110. 3
L.; zevloket und zerauffet, ir pent (
bänder) het si gestrauffet, daz iz ir auf der achssel lag Suchenwirt 78
Primisser; vrow scham des suezzen tawez tror straufte snelle von dem gras in ein tuech, daz seydein was pis ez die fauchte durich gie
ebda 97; de tonnen, de tho klein sin, schoelen dorch den wraker geströpet (
d. h. die tonnenbänder abgestreift) unnd to nichte gemaket werden
bei Schiller-Lübben 4, 441; ich bin die aynig pfort, die zum himel geet, der weg ist enge, ... darumb mustu schmal und enge werden. das geschicht aber, wenn du ann dir verzagst; kombstu aber mit grossen hopfsecken vol werck (
voll guter werke), so must du straufen (
d. i. die guten werke), sunst kumbst du nicht hyndurch (1522) Luther 10, 3, 165.
W. fachsprachlich: sträufen (štropan)
grob pliesten, den schneidewaren nach dem schleifen die erste politur auf der lederscheibe geben, danach folgt das eigentliche pliesten Hardenberg
d. fachspr. d. bergischen eisen- u. stahlwarenind. 159.
im sinne von '
entgräten'
: exdorsuare (
pisces) streuffen Trochus
voc. rerum (1517) J 2
b. A@22)
das fell, die haut abziehen; schinden (
vgl. auch 2streifen II);
vgl. excoriare streufen villen schinnen (
nd. 15.
jh.) Diefenbach
gl. 215
b: man mac mich (
die welt) stroufen (
schinden) unde mâlen ... (
so behandeln, dasz wundmale entstehen) (13.
jh.) Heinrich v. Meiszen 241
Ettm.; er (
der aal) ist gar übel zu straufen Konrad v. Megenberg
buch d. natur 244, 19
Pfeiffer; er (
der aal) hât gar ain swæren tôt, wan sô er schôn gestrauft, dannoch lebt er
ebda 244, 24; Reynke, de valsche pelegrym, vorwerff, dat her Ysegrym van beyden vorvoeten ton knyen to heft vorloren syne scho. des ghelyck syn wyff, vrow Ghyremod, worden er achtersten voete blod, dat vel al myt den klawen af. desse scho men vort Reynken gaf. sus worden den beyden ghestroyfet de been (1498)
Reinke de Vos 2669
Leitzmann; nach meinem (
des esels) tod werd ich gegeben dem schelmen schinder, der mich streufft. nach meiner haut mein herr dann läufft (16.
jh.) Burkard Waldis
Esopus 1, 116
Kurz; mich (
pferd) zu erwürgen vnd zu streuffen, dem gerber meine haut verkeuffen
ebda 2, 283; aber ein verleugner gottes ist er, und eine rechte grosse hAeuptsnde, der unglaube selbst und schlangenkopff, den gott auch weidlich zu streuffen und zu straffen weisz A. Fabricius in:
theatr. diab. (1575) 147
a;
mundartl.: sträufe
streifen, sich die haut schinden Hönig
Kölner ma. 176;
intr.: swenne daz har uz streufet (
beim kämmen ausfällt), da von daz die sweiz loch zu sere offen sten, so sal man daz houbit mit rosen ole salbin (
anf. 14.
jh.)
Breslauer arzneib. 26
Külz. in bildlicher verwendung als umschreibung für hinrichten und töten: all geistlich fürsten und prelaten helfft uns die junge genslin (
die anhänger d. verbrannten Huss) braten, daz si verliesen yren atem, so mogen wir uns gefreuwen! wan si sint werlich gar zu fluck; kund wer sy recht bereuffen die plumen von yrem ruck, so wulden wir sie dan streuffen. wir wulden singen gloria, wan sie sprech nymmer ga ga ga Muskatblüt
lieder (
anf. 15. jh.) 241
Groote. A@33) '
abstreifen'
von pflanzen und pflanzenteilen (
vgl. dazu die Boethiusglossen oben);
mit affiziertem objekt: do antworte Amos und sprach zu Amaysam: ich bin nicht ein prophete, ouch bin ich nicht eins propheten son, sunder ich bin ein rynderhirte, der stroyfet da wilde mulboum (
armentarius ego vellicans sycomoros, Amos 7, 14) (
anf. 14.
jhs.) Claus Cranc
prophetenübers. 328
Zies. der abgestreifte gegenstand steht als (
effiziertes)
objekt: Seres sizzent hina uerro ostert in eben india. die stroufent aba iro boumen eina uuolla dia uuir heizen sida Notker
Boethius 1, 97, 6
Piper; es soll kainer ... laub straufen in ains andern weingarten (
anf. 16.
jh.)
österr. weist. 9, 209, 20; laub straufen ist verpotten und alle dieweil drei weingarten zu lesen sein (1582)
ebda 8, 662, 36.
in diesem sinne jedoch häufiger in der präfigierten form abstraufen,
vgl. schweiz. id. a. a. o. A@44) '
berauben, ausrauben',
eigentl. etwas von jem. abstreifen (
vgl. hierzu das häufigere bestraufen Lexer 1, 229): unde under dusser mitler tit hebben acht snaphanen enen wagen to Luneborch ... up gehouwen und den gestroifet (1547)
Hamb. chron. 158
Lappenberg. in anderem zusammenhang im sinne von entledigen': des hab wir urkunde: aller tôtsunde sant Johans wart gestrouft, der Jesum Christum touft Ottokar
österr. reimchron. v. 52 157
Seem. A@55) gestrauft
im übertragenen sinne, '
schlau, listig, verschlagen' (
ursprünglich wohl in der bedeutung '
durch schmerzliche erfahrung gewitzigt',
der heutigen redensart '
mit allen hunden gehetzt, gerieben'
vergleichbar): es ist nit ein listig und gestraufft volck (
die einwohner Sumatras), guotte freünd der Christen, frembden und auszlendern S. Franck
weltb. (1534) 207
a.
vgl. unten gleichsinniges gestreift;
s. 1streifen g. BB.
umherziehen in kleineren oder gröszeren gruppen, meist ohne bestimmtes örtliches ziel, doch fast immer mit auf beute und raub gerichteter absicht. vgl. A 4
und die belege für die verbreitung im nd. oben. B@11)
meist von menschen: in dem püchlein stet verschriben ... was gen in (
den räubern) gehandelt ist mit kuntschaft, strauffen, halten und anderen sachen usw. und von dem schaden, was sie uns getan haben (
Nürnb. 1444)
städtechron. 2, 63, 4; die Turgken zcu Ungernn mit streufen vill schadens thun und vill leut hinweg furen v.
d. Planitz
berichte 57
Wülcker; der kunig Priamus ... nach manchem strauffen, gefecht ... starb seins reichs im sechs und zweinzigsten iar J. Schenck
ein schone cronica (1522) 9
a; ein hispanischer captain foll in das stift Munster und ... haben umbsicher (
sic) tzwe mile weges gestroefet und gerovet Schiller-Lübben 4, 440; Anaxitas hat die stadt umbgeworffen, gestreufft und darnach ein new auffgebawt G. Braun
beschr. u. contrafactur (1572) 1, 50
a; dann die Hungern hatten nun lenger als zwentzig jahr aus allen landen geraubet und gestreuffet
M. Quad
teutscher nation herrligkeit (1609) 34; wider die strassen-schender, so die reisenden überfallen, streuffen, niederwerffen, absetzen, berauben
Jülichische polizey-ordn. 89
bei Frisch
dt.-lat. (1741) 346
b.
zuweilen tritt die fast immer vorhandene beuteabsicht hinter anderen zwecken zurück und wird dann nicht besonders erwähnt: item an dem obgeschriben tag hab wir gesant 13 pferd entgegen dem Holtzschuher zu strauffen, als er kom von Österreich (
Nürnb. 1444)
städtechron. 2, 90, 42; ir aber vor im landt tut strauffen, nachmals kumb wir mit hellem hauffen Schmeltzl
David u. Goliath (1545) 7
b; die Langobarden, die jetz on allen widerstand sträufften das gantz Italiam S. Münster
cosmogr. (1550) 258; (
daher) hat Selimus dreihundert wolgerüste galeen, das Adriatische meer zu hüten und auff den grentzen zu strauffen, zugerüst und auszgesandt G. Braun
beschr. u. contrafactur (1572) 1, 51
a; darnach ward gesandt graff von Lerin ... mit wolgerüsten HussAeern vnd zweyen gschwader reutern hinab gar für Babotz zustrauffen. der Türck floch und hub an zu lauffen Schmeltzl
zug i. d. Hungerland (1556) B 1
b. B@22)
gelegentlich auch von tieren: er (
der antichrist) lawrt im verporgen zv nacht, wie ein leb thuet er strawffen, auf das er den elenden hetz (
insidiatur in abscondito, quasi leo in spelunca sua insidiatur, ut rapiat pauperem
ps. 10, 9) Hans Sachs 22, 113
lit. ver.; vri als eyn waltesel geborn, der nach syner willekur sunder joch wider unde vur in dem walde stroufet und nach syner weyde loufet
buch Hiob v. 4233
Karsten;