vorfinden,
verb. ,
erst dem nhd. angehörig: vorfinden
et fürfinden,
offendere, deprehendere, reperire, praesentem et adstantem videre Stieler 484; vorfinden, '
vor sich finden, bey seiner ankunft gegenwärtig finden' Adelung;
nd. fürfinnen Bauer-Collitz 36
b;
das verb. ist in das dän. übergegangen: forefinde. Gottsched
bezeichnet v.
als niedersächsisch: hier (
in vorsinnen) ist das vor augenscheinlich umsonst angeflickt, und ändert
die bedeutung des wortes eben so wenig, als in dem niedersächsischen v.: welches nichts mehr als finden heiszt
versuch einer crit. dichtk. (1751) 296.
mit feinerem sprachgefühl —
doch s. die belege unter 7 —
hat Adelung
den gegensatz gegen finden
bestimmt; vor
wirkt mit seinem räumlichen sinne, es wird ursprünglich betont, dasz jemand etwas findend, vor sich sehend, bemerkend an einem ort oder in gewissem zustande feststellt; es kann zufällig geschehen oder folge einer absicht sein; natürlich ist die berührung mit dem gebrauch von finden
nicht ausgeschlossen. bei der verbindung mit schon
wird schärfer bezeichnet, dasz der gegenstand schon da war, ehe der bemerkende hinzukam. — für
statt vor: war ich ein narren seyen dar, do find ich für ein tusent par Murner
narrenbeschw. 14
ndr. als untrennbares compositum behandelt in einem unter 7
angeführten beleg des 17.
jh. 11)
mit gegenständlichem object: jetzt will ich nur eilen, damit sie diesen brief, womöglich bey ihrer ankunft in Wien schon v. Lessing 17, 337
M.; sie müsse bei ihrer nachhausekunft nothwendig schöne krebse v. Göthe 25, 1, 45
W.; wie es denn komme, dasz man die ächte ausgabe nur bis zum 20 ten theil, diesen nachdruck aber bis zum 26 ten vorfinde IV 37, 226; den beutel, den er beinahe geleert glaubte und in schönster fülle strotzend vorfand E. T. A. Hoffmann 11, 71
Gr.; als ich gestern meinen brief auf die post brachte, fand ich deine lieben zeilen vor Hebbel
br. 7, 204
W.; dasz er nach verflusz von zwei oder drei jahren schon ersparnisse vorfand G. Keller (1889) 1, 22; so dasz Spiegel immer etwas herunter zu holen und zu knabbern vorfand 4, 274. 22)
freierer gebrauch des unpersönlichen objects: (
alle geschichten sind) von Moses so treu und einzeln dahingestellt, als er sie ... vorfand Herder 7, 5
S.; begnügt euch mit denen rechten, die ihr vorgefunden habt
M. I. Schmidt
gesch. d. Deutschen (1778
ff.) 2, 439; gewisz ists, dasz Rom der hauptort in der welt ist, wo man die wahrheit am klärsten vorfindet Heinse 10, 151
Sch.; du kannst wohl denken, dasz ich hier mancherley zu thun vorgefunden Caroline 1, 224
W.; die interessante zeitfarbe, welche er schon in dem geschichtlichen bericht vorfindet Freytag (1887) 14, 16; (
dasz ich) alles in guter ordnung vorgefunden habe Moltke
schr. u. denkw. (1892) 6, 152; und jetzt erstaun ich über alle maaszen, dasz ich so kuriöse bräuche hier vorfinde Schiller
Turandot 2, 2.
mit unpersönlichem subject: welche schwierigkeiten findet die der idee des rechts zukommende selbständigkeit hier vor Jhering
geist d. röm. rechts (1852
ff.) 2, 1, 21. 33)
mit persönlichem object; die vorstellung, dasz jemand schon da ist, ehe ein andrer kommt, kann scharf hervortreten (
beachte das praevenit bei Stieler): ich habe meinen feind vorgefunden,
praevenit me inimicus meus Stieler 484; wo sie ... vier fürstliche trabanten, von einem unterofficier befeligt, vorfanden Nicolai
Seb. Nothanker (1773
ff.) 1, 50; er ging daher in das wohnzimmer, woselbst er Agathen vorfand Hebbel 8, 38
W.; leider habe ich meinen obersten nicht vorgefunden fürst Pückler
briefw. u. tageb. (1873
ff.) 3, 256; (
ich) bitte dich, sorge zu tragen, dasz ich den knecht Jakob ... in deinem hause vorfinde Fontane I 6, 357; zumahlen er in den bebüschten gründen Beraldo, seinen freund, verhoffte vorzufinden Brockes
ird. vergnügen in gott (1721
ff.) 4, 218. 44)
auch im gebrauch des part. prät. tritt fast immer die besondere färbung der bedeutung hervor: bestand der vorgefundenen artillerie, munition und gewehre Lessing 18, 464
M.; so hätte gott die welt aus nichts als einer vorgefundenen materie schaffen können Bode
Montaigne (1793
ff.) 3, 467; über die unbekannten gab ihm ein vorgefundener katalog den erwünschten aufschlusz Göthe 24, 116
W.; das nest befindet sich stets in einer vorgefundenen höhle eines baumes Naumann
naturgesch. d. vögel (1822
ff.) 5, 368; die auf den genommenen piratenböten vorgefundenen gemeinen ruderer Mommsen
röm. gesch. 4 3, 114; vorgefunden: erstens dein gedicht auf die Meersburg A. v. Droste-Hülshoff
br. (1893) 48
Sch. 55)
auszerordentlich häufig erscheint das verbum in reflexivem gebrauch; auch hier trennt das sprachgefühl, wenigstens das jetzige, im allgemeinen deutlich genug zwischen sich vorfinden, sich finden
und sich befinden,
aber berührungen und übergänge finden statt (
s. unter 7),
besonders können in vielen fällen sich finden
und sich vorfinden
vertauscht werden: zwei bogen des von Müller beschriebenen manuscripts haben sich im nachlasz noch vorgefunden Herder 12, 384
S.; dasz ich daraus abnehme, er (
ein einwurf) müsse sich bei jedem leser ... vorfinden Kant 3, 62
ak. ausg.; (
es) fällt mir auf, dasz an einen ... freund wie Zelter kein besonderes gedicht in dieser ganzen sammlung sich vorfindet Göthe 4, 82
W.; (
steine,) an denen sich noch drei ausgehölte steinsitze vorfinden br. Grimm
dt. sagen (1891) 1, 124; dann dürften sich verschiedentliche beobachter v., das gegentheil zu behaupten Holtei
erz. schr. 2, 146; (
die wirtin) erklärte, dasz sich bedeutende differenzen zwischen uns vorfänden Laube (1875
ff.) 8, 16; bei der visitation im jahre 1596 fand sich nur noch ein einziger priester vor Steub
drei sommer in Tirol (1895) 1, 165; fand sich im walde irgend eine böswillige beschädigung vor, sie war sein werk
M. v. Ebner-Eschenbach (1893
ff.) 5, 42; ob sich ein umstand endlich vorgefunden, der für des königs wünsche spricht Schiller
dom Karlos 2, 14. 66)
ganz ungewöhnlich das reflexivpronomen mit dem part. prät. verbunden: hiebey übersende die sich bey erster durchsuchung der Pariser profile vorgefundenen doubletten Göthe IV 47
W. —
im dän. wird das part. prät. in passivischem sinne gebraucht (
veraltet): efter de forefindende omstændigheder. 77)
schon unter den unter 5
angeführten beispielen waren solche, in denen v.
in einer dem jetzigen sprachgefühl fremden weise gebraucht war; hier folgen noch einige charakteristische belege; beachte die berührung mit finden, auffinden: gib acht, trüwe arzet zvorfinden, die den schaden recht wohl verbinden Opel-Cohn
dreiszigj. krieg 56; er hat noch nichts, das ihn kan halten, vorgefunden v. König
ged. (1745) 373; ich liebe, fuhr der graf fort, heyrathen zu stiften; denn wo würd ich sonst gelegenheit zu särgen vorfinden? Hippel
lebensl. (1778
ff.) 3, 1, 28; der neue in Mayland vorgefundene ... Homer Göthe IV 32, 131
W.; mit den scheinbarsten gründen ..., die er vorzufinden wuszte Schiller 4, 145
G.; (
die christen, die) ein ehrenvolles asyl in dem hausstande Tschingis-Khans vorgefunden haben müssen Ritter
erdk. (1822
ff.) 2, 296.