ungeberdig,
adj. adv. ,
formal gegentheil von geberdig,
doch älter als dieses. vom 15.
bis zum 16.
jh., wie noch heute in der ma. (Staub-Tobler 4, 1540),
mit unberdig
wechselnd (
durch unpertichait
inabstinentia Schmeller 1, 256
für den anfang des 15.
jhs. vorausgesetzt; unbertig
Ter. 1499, 63
a; unbAertiger sitten Münster
cosm. 1266; Frisius 379
b; Wickram 4, 79, 2488; Moscherosch 1, 433; unbärdig
morosus, unberdig
ineptus, agrestis, difficilis Dentzler 1716, 322
b. unbärdlich
neben ungebärdig Keisersberg
pred. 1508, 75
d;
spinnerin F 3
b. unbardig Abr. a St. Clara
narrin. 222.
vgl. unbard Schmeller 1, 272
und das schon oben sp. 246
angeführte, aber hierher gehörige unber[d] Kaufringers).
veraltete und unüblichere concurrenzbildungen: mhd. ungebærde Lexer
nachtr. 384; ungeberd (umb ungeperden
indecori wesens willen Luther 29, 632, 15
Weim.; ungepärd
unartig Staub-Tobler
a. a. o.), ungebärdet (
sich u. stellen Steffens 6, 116; Eichendorff 2, 298; Staub
drei sommer 2, 86. gebärdete historiker Sanders
erg. 44
a;
zs. f. d. wortf. 1, 230.
vgl. ungebaridon
inordinatos Graff 3, 151), ungebärdicht Mörike
erz. 217.
s. auch mhd. unbârende
incomptus, ungebarend
incomptus, distortus Radlof 3, 76,
nhd. berdlos, geberdlos.
die formerscheinungen wie bei ungeberde, geberdig;
insbesondere ungebertig
noch Rädlein 1711
und Cronegk
samml. v. schausp. Wien 1764, 2, 14.
die gesonderten bedeutungen des ebenso vielseitigen als vieldeutigen wortes grenzen oft hart aneinander. vor den syn. hat es den vorzug voraus, dasz es zugleich entsprechende ausdrucksbewegungen einschlieszt. 11)
nur vereinzelt gegentheil von geberdig (
th. 4, 1, 1, 1738) 1,
gestuosus, χειρονομικός: in uszsprechung sol der redende .. ungebAertig reden Riederer a 4
b.
vgl. 2
unten. 22)
wie ungeberde 1
von ungewöhnlichem äuszeren zustand oder befinden; von auffallender, seltsamer, unsinniger, widerlicher haltung; verwünscht (Staub-Tobler
a. a. o.),
befremdend, wunderlich, stolz, übermüthig; im engern sinne von zu viel, von übertriebenen, verzerrten ausdrucksgeberden. unpärdig der nit nach gemeinem brauch der menschen lAebt oder thuot Frisius 379
b: wenn du deinen nächsten also lieb hast, so irret dich nit, ob er ungeschaffen oder hüpsch ist, er sey dein freund oder frembder, er sey jung oder alt, er sey wolgebärig oder ungebärdig Keisersberg
spinn. F 3
b;
vgl. Luther 29, 632, 15
Weim.; Eyering
prov. 1, 54;
wortspielend etlich (
mönche) bAertig, die andern unbAertig und ungebertig Fischart
binenk. 26
a; unberdig, stolz und übermtig Wickram 4, 79, 2488; Maaler 461
c; Faber 978
b;
vielleicht noch: ungebehrdige (
majestät) fliehet und haszt man Herder 27, 65, 116; mit neusüchtigen, närrischen, unbärdigen gebärden Moscherosch 1, 433; wann sie der wein erhitzt, ... sie sich ungebärtig angestellt Harsdörffer
secr. 2, 64; gesicht Bodmer
v. wunderbaren 342; ohne dasz man einige bitterkeit des todes oder ungebärdige verwandlung gespüret hatte Schmolcke 2, 844; Kramer-Moerbeek 2, 364
a; dabei ist es aber hergebracht, dasz man denjenigen nicht achtet, der sich desshalb u. stellt; vielmehr soll man, je bittrer der kelch ist, eine desto süszere miene machen, damit ja der gelassene zuschauer nicht durch irgend eine grimasse beleidigt werde Göthe 29, 9
Weim.; die vögel stellen sich offt für freuden ganz u.
schr. d. Götheges. 2, 91; knirps E. Th. A. Hoffmann 5, 96; ungebärdige schlecht beholfene übertragungen J. Grimm
kl. schr. 1, 330; der Fritzchen, der schrie und hatte sich ungeberdig (
vgl. 4, 5) Alexis
ruhe 1, 14; Krünitz 196, 231; diese ungeberdigen räthsel (
werke Michelangelos) Justi
Winckelmann 2, 2, 85 (
vgl. 6);
auch niemand begreift, warum diese wälschen berge das löbliche herkommen und ehrenhaft solide aussehen ihrer deutschen brüder so vollkommen aufgeben, sich so absonderlich und ungeberdet gestaltet haben Steub
drei sommer 2, 86; ein kloben von 50 jahren und ziemlich angetrunken und ungeberdig Keller 6, 329 (
vgl. 6).
enger: redener sollen nicht ungeberdig sein
nimis gesticulari Fr. Wilhelm
sprw. d d α n. 64; einer sitzt bey der tafel so ungebärdig, als wolt er mit beeden armen ein gewölb unterstützen Stranitzky
ollap. 138, 15
neudr.; der tenorist gesticulirte so u., dasz man in lachen ausbrach O. Jahn
Mozart 1, 233;
also gegentheil von 1. 33)
wie ungeberde 2
unziemlich, ungezogen, zuchtlos und abgeschwächt unmanierlich, unartig. Pansner
schimpfwb. 73
a; Staub-Tobler 4, 1540; Schmeller 1, 272 abärdig: 1
Cor. 13, 5,
oft falsch erklärt, s. ungeberde 2
ende; die alten werden
durch den wein kinder, die beschayden ungeperdig Schwarzenberg
v. zutrink. 40
neudr.; eines unverschampten ungeberdigen wandels Wickram 2, 249, 31; nur ein unbardigs wort Abr. a St. Clara
narrin. 222; lottersbuben
mercks Wien 53;
wälsche musik sey eine buhlerinn, die allerley verliebte gebärden zu machen glaube, aber nur mit den wörtern u. thue Gottsched
das neueste 3, 662; wenn J. sich sonst u. aufgeführt hätte Schmidt
gesch. d. D. 2, 542; in so u. weise Raabe
schüdderump 1, 149; die dienstboten seien kostspieliger und ungeberdiger als je Rosegger 1, 84.
eigentlich für die schriftsprache veraltet und in den jüngeren beispielen nach 6
umgebogen. 44)
wie ungeberde 3
aufs gefühl bezogen unwillig, ergrimmt, entrüstet, wüthig, tobend, wild, barsch, verzweifelt, ungeduldig, tief getroffen, bewegt, gekränkt u. dgl., doch stets so, dasz der äuszere ausdruck dieser gemüthsbewegungen mit bezeichnet wird: aber sie nötigten jn, bis er sich ungeberdig stellet (
vulg. donec acquiesceret, 1529
puderet eum)
2 könige 2, 17; dahAer kompt es, das man saget, so einer ungebAerdig und bewegt, das ym die gall über geschossen sei Eppendorff
Plin. 11, 215; kOempt jemand (
zum geizhals), wenn er malzeit helt, er sich gar ungeberdig stelt Ringwaldt
lauter warheit 100; Reinke, wenn ihm sein ring weggekommen, so stellt er sich so u., als wolte er alsobald des todes seyn Beuther (1650) 324; aber der hr. prof. Ph. hat keine ursache, sich des Briontes wegen u. zu stellen Liscow 247; meine seele zu beschäfftigen, die sonst u. werden wollte Göthe IV 2, 37, 7
Weim.; als Lilis bruder ... ziemlich u. ins zimmer trat 29, 50, 8
Weim.; (
selbstmordkandidaten) die sich gar ungebärdig stellen
das neueste von Plundersweilern 126; 6, 61
Weim.; s.ungeberde 1; rennen andere nun in zweifelhafter erwartung ungebärdig herum, da musz ich des sarges gedenken
Hermann u. Dor. 9, 45 (
vgl. 25
ff.); mit ungeberdigem grimme
ἀλύων Voss
Od. 9, 398; ein u. feind E. Th. A. Hoffmann 2, 185; der ungeberdige
rasende Gutzkow
zauberer 1, 84; ihre bis zur ungereimtheit ungebärdige antwort D. Fr. Strausz 4, 318; still, ungeberdig herz! Heyse
dram. 31, 26. 55)
in einer gruppe von ausdrücken tritt neben der gefühlsäuszerung der wildheit, unbändigkeit (
vgl. 4)
u. dgl. noch eine richtung auf allgemeine steigerung hervor, ohne dasz wiederum die vorstellung einer ausdrucksbewegung völlig zu schwinden braucht; manche beispiele wie das Trillers
weisen deutlich auf bed. 1
zurück, in andern tritt die eigenthümliche vermischung der begriffsgruppen '
sich gebahren'
und '
schreien'
hervor (
th. 4, 1, 1, 1639, 4; Falk-Torp 124): vil ungebärtigs geschreys Stumpf
chr. 531
b; ungebärdig prahlen Zinzendorf
d. letzt. reden 35; allda sasz sie tag und nacht, heulte und schrie, that ungeberdig und hielt bei dem körper wacht Triller
betr. 2, 227;
vgl. sich sehr haben, sehr thun
der nordd. umgangssprache und dän. bære sig; mit ungeberdiger freude Klopstock 12, 205; ungebärdiger verdrusz Göthe IV 23, 413, 24
Weim.; ein ungeberdiges bewusztsein seiner herkunft und würde Forster 3, 148; die u. jammertöne des alten Marsyas
F. Schlegel 5, 246; ein heftiges ungebärdiges schluchzen Viebig
schlaf. heer 1, 154; da die Rheinländer gar so ungebärdig klagten, so wurde am Rhein die katastrirung zuerst begonnen Treitschke
d. gesch. 3, 94. 66)
aus diesem reichthum von bedeutungen und bedeutungsschattierungen, der hier nur angedeutet, nicht entfaltet werden konnte, sonderte sich nun durch veräuszerlichung und verengung der sprachvorstellung die heutige hauptbedeutung widerspenstig (
-setzlich, -borstig),
zappelig, sich sträubend, revêche, mutin, unruly u. s. w. ab. gegensatz sanft, nicht ungeberdig Lavater
fragm. 1, 70.
erst Campe
hebt in der worterläuterung den begriff der widersetzlichkeit hervor. die andern bed. 2
bis 5
klingen oft nach: ein unbärtiger
bauer verursacht dem amtmanne viele späne Staub-Tobler 4, 1540;
ein böses weib wirfft und schmeisset umb sich und stellet sich ungeberdig Mathesius
Syrach 168
b; wann ihm (
dem jungen pferde) was ins maul gelegt wird, das ihm zuwider ist, wolt es solches gern heraus haben, wird unruhig und schlingend von hals und kopf und stellt sich zu allem ungebärdig Hohberg 2, 158; u. ausschlagen Wieland 38, 373
Hempel; sündlich ist es ... nicht zu wollen, was gott will, u. sich anzustellen, wenn sein wille gegen unsern willen durchdringt A. v. Haller
tageb. (1787) 2, 299;
vgl. Göthe IV 6, 20, 20
Weim. th. 7, 712
und Bohner 76; ich .. stampfe wie ein ungeberdiges kind, wenn mans waschen will Bräker 2, 143; der knabe wurde immer lauter und ungeberdiger Eichendorff 2, 180; dieser alte zwinger (
gefängnisthurm) der ungebehrdigen Gutzkow
ritter vom geist 2, 13; die Drau auch so ein trotziges, ungeberdiges ding Meissner
bibl. d schr. a. Böhmen 7, 8; aber es liebkoste ihn so heftig ungeberdig nnd zappelte wie ein fisch Keller 4, 158; die ungebärdige französische lehnsritterschaft Alten
handb. 9, 240. —