ungehalten,
part.-adj. adv. ,
im allgemeinen gegentheil von gehalten th. 4, 1, 2, 2319 (4
wohl nur rückbildung aus ungehalten). 11)
in pass. bed. nicht voll adjectiviert, meist verbal; z. b. sîn reht uuéret iêmer, ioh an gehaltenên, ioh an ungehaltenên (
non salvatis) Notker 2, 479, 17
P.; Luther 29, 352, 7
Weim.; nicht festgehalten, gestützt Lexer 2, 1836; Luther 24, 38, 33; 10, 2, 130, 4; 28, 535, 32
Weim. u. s. w.; mnl. wb. 5, 568;
nicht für werth gehalten, zurückgesetzt: Lexer
a. a. o.; wie er dardurch vor andern fursten ungeachtet unde ungehalten were W. Gerstenberg
chron. 138;
wie ungefangen
ohne hütung: esz soll niemant sein vich ungehaltner vor st. Georgitag, alweil die zeun nit gemacht wern, auf die gmain lasen
öst. weisth. 6, 206, 9; Schweinichen 254; ungehalten und ungezempt rosz Carbach
Liv. 352
r;
infrenus Dentzler 325
a; ein ungehaltenes versprechen
u. dgl. insbesondere wie mnd., mnl., nl. ungebunden, frei, nicht verpflichtet: wo der teich gar voll wassers wird, so leuffts über den tham her, denn es will ungehalten (
halb sinnlich) sein Luther 16, 9, 24
Weim.; unaufhaltsam 32, 511, 6; noch wollen sie mit klarem text szo offentlich beschlossen ungefangen und ungehalten seyn 7, 391, 15; ihr (
der ode) stilus trittet aus und lauffet ungehalten
disc. d. mahl. 2, 35.
mit gen. wie mhd.: sonst will ich meines worts u. seyn
an m. wort nicht gebunden Moscherosch (1666) 2, 8.
heute etwa ich will nicht gehalten sein, das zu thun,
aber nicht mehr ungehalten ( Campe).
auch ausdrücke wie ein ungehalten stimm (
vox non repressa, immoderata; vgl. 2 a) Fischart
groszm. (1607) d 2
r sind nicht fest geworden. 22)
die heutige act. bedeutung (ungehalten, bös, zornig, unwillig Rädlein 978
a)
geht auf eine alte bed. incontinens, gegentheil von gehalten 3,
zurück. in älterer lit. unbelegt, nicht nl.; doch deutsch im 16.
jh. voll entwickelt. umdeutung ins pass. (
einer oder etwas, der oder das nicht im zaume gehalten werden kann)
liegt bes. bei a
nahe; unklarheit bezeugt Stieler 740 (ein ungehaltener mensch
exponitur homo malis moribus praeditus).
einseitig knüpft das neuere sprachgefühl an sich halten, an sich halten
u. dgl. an. vgl. ungehebig. 2@aa)
von dauernder eigenschaft; bis auf fälle, die pass. umdeutung erlauben, veraltet. 2@a@aα)
zügellos, schranken-, maszlos, unbändig. mnd. wb. 5, 45
a; Haltaus 1932; Staub-Tobler 2, 1225.
von personen: die jugent ist zaumlosz, ungehalten und wilde Luther-Aurifaber
tischr. 316
a; ein solch grosz ungehalten und wild volk Melanchthon 5, 724
Bretschneider; also warden der B. feind mehr ungehaltener und mutwilliger, rauscheten hin und wider durch die gantze stad Dreyfelder
hist. (1580) 191
a; u. soldatesca Micrälius 5, 181; etliche freche, ungehaltene, junge scholastische .. studenten Moscherosch
ins. cura 85
neudr.; du ein ungehaltener, gehezorniger und grimmiger mensch seyest Hartmann
fluchsp. (1672) 170; Stieler (
s. o.) scheint die eigentliche bed. nicht mehr zu empfinden. von nichtpersönlichem: er ... hat jhm derhalben seine untugent, ungerechtigkeit und ungehalten gemüt vorgeworffen Barth
weibersp. (1565)
G vi
b; zorn
L iii
a; in solcher jrer ungehaltener hartnäckigkeit J. Schlusser
peurisch krieg (1573) 26; ein ungehaltes geschrei C. Dietz
annales 374; zorne und liebe sind so ungehalten bey ihme, das er sein eigenes schwerd ergreiffet Micrälius 2, 160 (
in iram et furorem effervescit Schottel 611); ungehaltnes lachen Grob 63; jagen
jägerordn. bei Staub-Tobler
a. a. o.; begierde
disc. d. mahlern 2, 82; der sieg ist von natur grausam und ungehalten (1733) Staub-Tobler
a. a. o.; rachgier Breitinger
dichtk. 2, 176; wuth Gottsched
schaubühne 2, 382,
ans pass. grenzend. vgl. unverhalten.
wortspielerisch: sein ungehaltener sprühender wort- und witzstrom ist wirklich unterhaltend Chamisso 5, 239. 2@a@bβ)
steigernd und als schelte (
vgl. unhältig Staub-Tobler 2, 1242, 2): wo wiltu doch hinaus, du ungehaltener neidt? Müntzer
bepstl. gesch. 624; ein ungehalten lawr Petri 3,
R r r vi
v; eine unmässige, ungehaltene begierd (
vgl.α) Spee
tugendb. 245; ein ungehaltener narr
pazzo da catena Kramer (1700) 1, 604
b; allein die schildwacht ... schalte mich so u., dasz Lindenborn
Diog. 1, 647 (
vgl. b). 2@a@gγ)
unenthaltsam (
vgl.ungehaltsam und ahd. cahaltana
casta, kihaltnissa
pudicitia): alle ungehaltene widwer und widwen, welche kaum so lang warten können, bis jr verstorbene ehegatten erkalten Pomarius
gr. post. 1, 109
b; die ungetrewe und unreine, ungehaltene blutsüchtige hende haben
ebd. 130
a; die ungehaltene (
vgl.α,
β) unzucht und hurenwesen ... verunreinigen fast alle länder Harsdörffer
secr. 2, 93; fliehet die trunckenheit ... seyt doch nicht ungehaltener als die wilde thiere, welche, wan sie den durst gelöschet, vom trincken abstehen Moscherosch
ins. cura 60
neudr. nicht verschwiegen: ein ungehalten zung Petri 2,
y viii
r; Butschky
Pathmos 414; maul Hollonius
somn. 32
neudr.; es sollt' da haimlich seyn, wasz er erfunden hat; so ist er ungehalten, vertraut es einem freund Rompler
erst. geb. 59.
an β grenzend: einen ungehaltenen zungenwäscher Zinkgref (1628)
A 5. 2@a@dδ)
nicht an sich haltend, nicht an sich halten könnend Campe. ein ungehaltener mensch, der unfähig ist, seinen unwillen nicht durch äuszere merkmahle ausbrechen zu lassen Adelung.
als beilegewort selten Campe, Krünitz.
unüblich. 2@bb)
abgeschwächt und auf vorübergehenden affect eingeschränkt. grenzfälle gegen a
z. b. Sandrub
unten α; also war ich jetzt so u., dasz ich sagte (
vgl. auch facere non potui, quin)
Simpl. 309
Kögel; er .. wurde endlich so ungehalten, dasz er ... wider seine brüder murrete Grimmelshausen 4, 735, 20
Keller. die syn. unterscheidungen (böse, ungehalten, zornig, unwillig Eberhard 6, 205; Weigand 3, 859: kinder sind leicht böse mit einander; wer die stille liebt, kann leicht über kinderlärm u. werden, und unwillig, ja zornig, wenn dieser sich trotz des verbotes wiederholt)
erfassen weder die alte stärke des begriffs (weil er so ungehalten, sey sie wieder aufferweckt ins leben Nigrinus
v. zäub. 40; u. werden
andar' in rabbia, in bestia, ungehalten
infuriato Kramer
t.-it. 1, 604
b),
noch den nicht ausgeschlossenen mangel der ausdrucksbewegungen (die frau war u. und muszte doch ein freundliches gesicht machen Castelli 10, 207)
oder die eigenthümliche heutige farblosigkeit des wortes, die es gestattet, in der sprache der höflichkeit, der ehrerbietung (A. W. Schlegel
Shakesp. 9, 77;
vgl. unten),
der conventionellen glätte seine sinnverwandten zu überflügeln. lux. 315
a; Dähnert 506
a; Bauer-Collitz 108
a. 2@b@aα)
allgemein, ohne nähere bestimmungen. nicht häufig attributiv: der pfarrer sagt jhm die ursach, daran aber der ungehaltene zornige baur nicht habig und vergnügt ware Sandrub
kurzweil 19
neudr., hört eures ungehaltnen fürsten spruch! A. W. Schlegel
Shakesp. 1, 13 (
Rom. u. Julia 1, 1);
indignatorius musculus der ungehaltene augenmuskel Blancard
arzneiw. wb. 2, 193.
überwiegend prädicativ mit sein, werden, sich zeigen, stellen, erweisen, scheinen, machen
u. s. w.: als das liebe weib den unverhofften trost eines frembden kerls hörete, stellete sie sich nach der weiber weise noch mehr ungehalten Moscherosch
ges. 2, 295; mit solchen bekäntnissen machte er nun freylich die lutheraner u. Arnold
ketzerhist. 2, 243
a; dasz man in Gotha u. ist, ist recht gut Göthe IV 11, 243
Weim.; am ungehaltensten aber war Urban selbst Ranke 39,
anh. 167. die frau oberpräsidentin empfing mich sehr u. Ruge
briefw. 2, 49.
redensart: werden sie nur nicht u. Lessing 2, 292, 30; seyn sie ja nicht u. 17, 143; Gottsched
beob. 106. 2@b@bβ)
mit auf: die sind mechtig ungehalten auff jhn Artomedes
auszlegung (1609) 1, 503; welches wiewol der fürst ungern gesehen und sehr ungehalten darauff gewesen Chemnitz
schwed. kr. 2, 186.
über: so wird er ungedültig und u. darüber Strigenicius
Jonas (1595) 55
a; dasz der könig u. über mich sei Bismarck
gedank. 1, 162.
sonst regelmäszig: die römisch-catholische ... wurden hier
über auff die von Zürich ... gantz ungehalten Chemnitz 2, 198.
gegen Lessing 2, 47, 33.
um Chamisso 4, 44.
wegen Nigrinus
v. zäub. 160; deszwegen E. Charl. v. Orleans 2, 4.
bei: die geheimräthin war beim entkleiden u. Alexis
ruhe 1, 70 (
vgl. ungeberdig).
weil Moscherosch 2, 605; Hippel
kreuz- u. querz. 1, 36.
wenn Kreckwitz
lustwäldlin 410.
als Tieck
schr. (1829) 9, 277.
dasz: die leute schrien und waren u., dasz also jammer und noth zu sehen Schweinichen 49; ungehalten, ganz allerhöchst ungehalten bin ich, dasz ihr ... verunglimpft habt mein regiment Heine 2, 195.
mit inf.: man weisz, dasz derjenige, der das grosze altarblatt ... bestellte, sehr u. war, so grosze figuren darauf zu erblicken Göthe 47, 214
Weim.; durch ihn erfuhr ich, dasz der onkel sehr u. wäre, von uns nichts ... erfahren zu haben Holtei 40
jahre 1, 355. —