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ungeberdig

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Eintrag · Grimm (DWB, 1854–1961)

ungeberdig adj. adv.

Bd. 24, Sp. 621
ungeberdig, adj. adv. , formal gegentheil von geberdig, doch älter als dieses. vom 15. bis zum 16. jh., wie noch heute in der ma. (Staub-Tobler 4, 1540), mit unberdig wechselnd (durch unpertichait inabstinentia Schmeller 1, 256 für den anfang des 15. jhs. vorausgesetzt; unbertig Ter. 1499, 63a; unbAertiger sitten Münster cosm. 1266; Frisius 379b; Wickram 4, 79, 2488; Moscherosch 1, 433; unbärdig morosus, unberdig ineptus, agrestis, difficilis Dentzler 1716, 322b. unbärdlich neben ungebärdig Keisersberg pred. 1508, 75d; spinnerin F 3b. unbardig Abr. a St. Clara narrin. 222. vgl. unbard Schmeller 1, 272 und das schon oben sp. 246 angeführte, aber hierher gehörige unber[d] Kaufringers). veraltete und unüblichere concurrenzbildungen: mhd. ungebærde Lexer nachtr. 384; ungeberd (umb ungeperden indecori wesens willen Luther 29, 632, 15 Weim.; ungepärd unartig Staub-Tobler a. a. o.), ungebärdet (sich u. stellen Steffens 6, 116; Eichendorff 2, 298; Staub drei sommer 2, 86. gebärdete historiker Sanders erg. 44a; zs. f. d. wortf. 1, 230. vgl. ungebaridon inordinatos Graff 3, 151), ungebärdicht Mörike erz. 217. s. auch mhd. unbârende incomptus, ungebarend incomptus, distortus Radlof 3, 76, nhd. berdlos, geberdlos. die formerscheinungen wie bei ungeberde, geberdig; insbesondere ungebertig noch Rädlein 1711 und Cronegk samml. v. schausp. Wien 1764, 2, 14. die gesonderten bedeutungen des ebenso vielseitigen als vieldeutigen wortes grenzen oft hart aneinander. vor den syn. hat es den vorzug voraus, dasz es zugleich entsprechende ausdrucksbewegungen einschlieszt. 11) nur vereinzelt gegentheil von geberdig (th. 4, 1, 1, 1738) 1, gestuosus, χειρονομικός: in uszsprechung sol der redende .. ungebAertig reden Riederer a 4b. vgl. 2 unten. 22) wie ungeberde 1 von ungewöhnlichem äuszeren zustand oder befinden; von auffallender, seltsamer, unsinniger, widerlicher haltung; verwünscht (Staub-Tobler a. a. o.), befremdend, wunderlich, stolz, übermüthig; im engern sinne von zu viel, von übertriebenen, verzerrten ausdrucksgeberden. unpärdig der nit nach gemeinem brauch der menschen lAebt oder thuot Frisius 379b: wenn du deinen nächsten also lieb hast, so irret dich nit, ob er ungeschaffen oder hüpsch ist, er sey dein freund oder frembder, er sey jung oder alt, er sey wolgebärig oder ungebärdig Keisersberg spinn. F 3b; vgl. Luther 29, 632, 15 Weim.; Eyering prov. 1, 54; wortspielend etlich (mönche) bAertig, die andern unbAertig und ungebertig Fischart binenk. 26a; unberdig, stolz und übermtig Wickram 4, 79, 2488; Maaler 461c; Faber 978b; vielleicht noch: ungebehrdige (majestät) fliehet und haszt man Herder 27, 65, 116; mit neusüchtigen, närrischen, unbärdigen gebärden Moscherosch 1, 433; wann sie der wein erhitzt, ... sie sich ungebärtig angestellt Harsdörffer secr. 2, 64; gesicht Bodmer v. wunderbaren 342; ohne dasz man einige bitterkeit des todes oder ungebärdige verwandlung gespüret hatte Schmolcke 2, 844; Kramer-Moerbeek 2, 364a; dabei ist es aber hergebracht, dasz man denjenigen nicht achtet, der sich desshalb u. stellt; vielmehr soll man, je bittrer der kelch ist, eine desto süszere miene machen, damit ja der gelassene zuschauer nicht durch irgend eine grimasse beleidigt werde Göthe 29, 9 Weim.; die vögel stellen sich offt für freuden ganz u. schr. d. Götheges. 2, 91; knirps E. Th. A. Hoffmann 5, 96; ungebärdige schlecht beholfene übertragungen J. Grimm kl. schr. 1, 330; der Fritzchen, der schrie und hatte sich ungeberdig (vgl. 4, 5) Alexis ruhe 1, 14; Krünitz 196, 231; diese ungeberdigen räthsel (werke Michelangelos) Justi Winckelmann 2, 2, 85 (vgl. 6); auch niemand begreift, warum diese wälschen berge das löbliche herkommen und ehrenhaft solide aussehen ihrer deutschen brüder so vollkommen aufgeben, sich so absonderlich und ungeberdet gestaltet haben Steub drei sommer 2, 86; ein kloben von 50 jahren und ziemlich angetrunken und ungeberdig Keller 6, 329 (vgl. 6). enger: redener sollen nicht ungeberdig sein nimis gesticulari Fr. Wilhelm sprw. d d α n. 64; einer sitzt bey der tafel so ungebärdig, als wolt er mit beeden armen ein gewölb unterstützen Stranitzky ollap. 138, 15 neudr.; der tenorist gesticulirte so u., dasz man in lachen ausbrach O. Jahn Mozart 1, 233; also gegentheil von 1. 33) wie ungeberde 2 unziemlich, ungezogen, zuchtlos und abgeschwächt unmanierlich, unartig. Pansner schimpfwb. 73a; Staub-Tobler 4, 1540; Schmeller 1, 272 abärdig: 1 Cor. 13, 5, oft falsch erklärt, s. ungeberde 2 ende; die alten werden durch den wein kinder, die beschayden ungeperdig Schwarzenberg v. zutrink. 40 neudr.; eines unverschampten ungeberdigen wandels Wickram 2, 249, 31; nur ein unbardigs wort Abr. a St. Clara narrin. 222; lottersbuben mercks Wien 53; wälsche musik sey eine buhlerinn, die allerley verliebte gebärden zu machen glaube, aber nur mit den wörtern u. thue Gottsched das neueste 3, 662; wenn J. sich sonst u. aufgeführt hätte Schmidt gesch. d. D. 2, 542; in so u. weise Raabe schüdderump 1, 149; die dienstboten seien kostspieliger und ungeberdiger als je Rosegger 1, 84. eigentlich für die schriftsprache veraltet und in den jüngeren beispielen nach 6 umgebogen. 44) wie ungeberde 3 aufs gefühl bezogen unwillig, ergrimmt, entrüstet, wüthig, tobend, wild, barsch, verzweifelt, ungeduldig, tief getroffen, bewegt, gekränkt u. dgl., doch stets so, dasz der äuszere ausdruck dieser gemüthsbewegungen mit bezeichnet wird: aber sie nötigten jn, bis er sich ungeberdig stellet (vulg. donec acquiesceret, 1529 puderet eum) 2 könige 2, 17; dahAer kompt es, das man saget, so einer ungebAerdig und bewegt, das ym die gall über geschossen sei Eppendorff Plin. 11, 215; kOempt jemand (zum geizhals), wenn er malzeit helt, er sich gar ungeberdig stelt Ringwaldt lauter warheit 100; Reinke, wenn ihm sein ring weggekommen, so stellt er sich so u., als wolte er alsobald des todes seyn Beuther (1650) 324; aber der hr. prof. Ph. hat keine ursache, sich des Briontes wegen u. zu stellen Liscow 247; meine seele zu beschäfftigen, die sonst u. werden wollte Göthe IV 2, 37, 7 Weim.; als Lilis bruder ... ziemlich u. ins zimmer trat 29, 50, 8 Weim.; (selbstmordkandidaten) die sich gar ungebärdig stellen das neueste von Plundersweilern 126; 6, 61 Weim.; s.ungeberde 1; rennen andere nun in zweifelhafter erwartung ungebärdig herum, da musz ich des sarges gedenken Hermann u. Dor. 9, 45 (vgl. 25 ff.); mit ungeberdigem grimme ἀλύων Voss Od. 9, 398; ein u. feind E. Th. A. Hoffmann 2, 185; der ungeberdige rasende Gutzkow zauberer 1, 84; ihre bis zur ungereimtheit ungebärdige antwort D. Fr. Strausz 4, 318; still, ungeberdig herz! Heyse dram. 31, 26. 55) in einer gruppe von ausdrücken tritt neben der gefühlsäuszerung der wildheit, unbändigkeit (vgl. 4) u. dgl. noch eine richtung auf allgemeine steigerung hervor, ohne dasz wiederum die vorstellung einer ausdrucksbewegung völlig zu schwinden braucht; manche beispiele wie das Trillers weisen deutlich auf bed. 1 zurück, in andern tritt die eigenthümliche vermischung der begriffsgruppen 'sich gebahren' und 'schreien' hervor (th. 4, 1, 1, 1639, 4; Falk-Torp 124): vil ungebärtigs geschreys Stumpf chr. 531b; ungebärdig prahlen Zinzendorf d. letzt. reden 35; allda sasz sie tag und nacht, heulte und schrie, that ungeberdig und hielt bei dem körper wacht Triller betr. 2, 227; vgl. sich sehr haben, sehr thun der nordd. umgangssprache undn. bære sig; mit ungeberdiger freude Klopstock 12, 205; ungebärdiger verdrusz Göthe IV 23, 413, 24 Weim.; ein ungeberdiges bewusztsein seiner herkunft und würde Forster 3, 148; die u. jammertöne des alten Marsyas F. Schlegel 5, 246; ein heftiges ungebärdiges schluchzen Viebig schlaf. heer 1, 154; da die Rheinländer gar so ungebärdig klagten, so wurde am Rhein die katastrirung zuerst begonnen Treitschke d. gesch. 3, 94. 66) aus diesem reichthum von bedeutungen und bedeutungsschattierungen, der hier nur angedeutet, nicht entfaltet werden konnte, sonderte sich nun durch veräuszerlichung und verengung der sprachvorstellung die heutige hauptbedeutung widerspenstig (-setzlich, -borstig), zappelig, sich sträubend, revêche, mutin, unruly u. s. w. ab. gegensatz sanft, nicht ungeberdig Lavater fragm. 1, 70. erst Campe hebt in der worterläuterung den begriff der widersetzlichkeit hervor. die andern bed. 2 bis 5 klingen oft nach: ein unbärtiger bauer verursacht dem amtmanne viele späne Staub-Tobler 4, 1540; ein böses weib wirfft und schmeisset umb sich und stellet sich ungeberdig Mathesius Syrach 168b; wann ihm (dem jungen pferde) was ins maul gelegt wird, das ihm zuwider ist, wolt es solches gern heraus haben, wird unruhig und schlingend von hals und kopf und stellt sich zu allem ungebärdig Hohberg 2, 158; u. ausschlagen Wieland 38, 373 Hempel; sündlich ist es ... nicht zu wollen, was gott will, u. sich anzustellen, wenn sein wille gegen unsern willen durchdringt A. v. Haller tageb. (1787) 2, 299; vgl. Göthe IV 6, 20, 20 Weim. th. 7, 712 und Bohner 76; ich .. stampfe wie ein ungeberdiges kind, wenn mans waschen will Bräker 2, 143; der knabe wurde immer lauter und ungeberdiger Eichendorff 2, 180; dieser alte zwinger (gefängnisthurm) der ungebehrdigen Gutzkow ritter vom geist 2, 13; die Drau auch so ein trotziges, ungeberdiges ding Meissner bibl. d schr. a. Böhmen 7, 8; aber es liebkoste ihn so heftig ungeberdig nnd zappelte wie ein fisch Keller 4, 158; die ungebärdige französische lehnsritterschaft Alten handb. 9, 240. —
9526 Zeichen · 188 Sätze

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Von der indoeuropäischen Wurzel bis zur Mundart

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  1. 15.–20. Jh.
    Neuhochdeutsch
    Ungebêrdig

    Adelung (1793–1801) · +2 Parallelbelege

    Ungebêrdig , -er, -ste, adj. & adv. übel lassende, der Wohlanständigkeit zuwider laufende Geberden machend, besonders, s…

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Wortbildung

Komposita & Ableitungen mit ungeberdig

2 Bildungen · 2 Erstglied · 0 Zweitglied · 0 Ableitungen

Ableitung von ungeberdig 2 Analysen

un- + geberdig

ungeberdig leitet sich vom Lemma geberdig ab mit Präfix un-.

Alternativen: un-+geberden+-ig

Zerlegung von ungeberdig 2 Komponenten

ungeb+erdig

ungeberdig setzt sich aus 2 eigenständigen Lemmata zusammen. Die Klammerung zeigt die Hierarchie der Komposition; Klick auf einen Bestandteil öffnet seine Etymologie.

ungeberdig‑ als Erstglied (2 von 2)

ungeberdigkeit

DWB

ungeberdig·keit

ungeberdigkeit , f. , turpitudo in gestu, truculentia vultus, motio inepta Stieler 79 . noch bei Adelung und Krünitz als selten bezeichnet. …

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Cotta, M. (2026). „ungeberdig". In lautwandel.de — Aggregat aus 53 historischen deutschen Wörterbüchern. Abgerufen am 19. May 2026, von https://lautwandel.de/lemma/ungeberdig/dwb?formid=U06769
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Cotta, Marcel. „ungeberdig". lautwandel.de, 2026, https://lautwandel.de/lemma/ungeberdig/dwb?formid=U06769. Abgerufen 19. May 2026.
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Cotta, Marcel. „ungeberdig". lautwandel.de. Zugegriffen 19. May 2026. https://lautwandel.de/lemma/ungeberdig/dwb?formid=U06769.
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