keifen ,
altercari, die im nhd. herschende form für das strenghd. keiben,
mit der stufe des stammauslauts die den sprachen der nd. lautstufe eignet: mnl. nd. kîven,
nnl. kijven,
altfries. szîvia, szîwia (sz
für k),
nordfries. kîwin,
helgol. kîwen,
altn. isl. kîfa,
schwed. kifva,
norw. kivast (
refl.),
dän. kives;
ags. fehlend, aber engl. chivey
schelte, verweis, schott. kevel
scheint eine spur davon. entlehnt lettisch kîwétis
sich zanken, wie livisch kîv
streit (Bielenstein 1, 413).
Man musz demnach keifen
als die mitteldeutsche form ansehen, und schon Jeroschin 23025
hat kîfen,
im reim auf lîfen (
liefen)
; aber freilich ist noch mehr zu fragen dabei. es gibt z. b. kein md. bleifen, treifen
für bleiben, treiben,
warum macht keifen
eine ausnahme? und keiben
ist doch auch dem westlichen mitteldeutsch eigen, warum nicht dem übrigen, da es doch auch bleiben, treiben
sagt? andrerseits tritt keifen
im oberd. gebiete so früh auf, im 15.
jh. z. b. in der Hätzl. 90
a,
im voc. inc. teut., soll das ostmitteld. einflusz sein? und im 16.
jh. scheint es schon allbekannt, auszer im alem. gebiete, wo noch heute keiben
herscht (
noch bei Denzler
nur dieses, nicht keifen);
aus dem bair. aber gibt Schmeller
und ebenso früher schon Schönsleder
weder keiben
noch keifen,
auch in Tirol scheint nach Schöpf 309
auszer den ans alemannische grenzenden theilen, die kîben
haben, beides fremd, ebenso in Kärnten, Österreich. Ganz anders wieder und mit neuen fragen stellt sich das verhältnis bei den deminutiven oder frequentativen formen: kifeln
ist gut alem., schweiz. (
schon Brant, Keisersberg,
mhd. kiveln), kiferen
vorarlbergisch, und zwar schon in mhd. zeit alem. kiveren (
aber auch mnd. kivern Dief. 146
b), kiffern
auch rheinisch im 15.
jh. Dief. 26
c;
wiederum ist elsässisch kibbeln,
aber es ist auch nrh., nd., und auch in Österreich besteht kebbeln.
Dieselbe frage wegen eines zugleich hd. und nd. f (v),
das strenghd. b
sein sollte, liegt übrigens noch in andern wörtern vor, z. b. in hof, huf, hafer, hafen, kaff, käfe, käfer, schwefel,
deren einige auch, wie keifen,
in strenghd. form ein b
zeigen; die lösung des rätsels liegt zum theil in einer alten hd. mittelstufe zwischen f
und b (
genauer bh),
die nur zwischen vocalen erscheint und durch v
ausgedrückt wird, vgl. 1, 1053. 3, 1210
unten. 11)
Die formen. 1@aa)
starke form: keife, kiff, gekiffen Adelung, kiffe, gekiffen Schmotther,
mit schles. aussprache kief, gekiefen Steinbach,
also im östlichen mitteldeutsch heimisch, und so noch heute z. b. in Sachsen in der bauernsprache; auch in der stadt hört man noch gekiffnes
oder ausgekiffnes
oder gekiffen kriegen,
wie 'ausgezanktes' kriegen,
schelte bekommen, ausgezankt werden, sonst aber ist es da im erlöschen begriffen, viele kennens nur aus büchern (
man sagt zanken).
auch die zeugnisse sind wesentlich ostmitteldeutsch.: mein vater schimpfte, kiff und schalt.
Z. Werner 24.
febr. Lpz. 1819 88; noch am montag abend schrieb ich meinem bruder und kiff mit ihm, dasz er mir nicht meldet .. Lichtenberg 7, 58 (
ein Darmstädter); sie schalt und kiff ob dieser unart. Musäus
volksm. 711 (5, 112); der hausmeister kiff und bisz um sich wie ein wilder eber.
physiogn. reis. 4, 105,
also wol auch thür. (Stieler
sagt nichts von der flexion); kiff. Langbein 1, 707; er kiffe. und bisse wie ein alter murrischer hund.
ehe eines weibes (
Lpz. 1735) 293; wenn sie sich gekiffen haben.
causenmacher (
Lpz. 1701) 80; als ich mich .. ganz müde gekiffen hatte.
Schelmufsky 2, 13. 12.
ältere zeugnisse liegen nicht vor, falls nicht folg. her gehört: und (
die beiden träger) giengen also zanken (
für zankend) mit dem stock (
bienenstock) füran zuo
kiffen under einander.
Eulensp. 9,
Lapp. s. 11,
wenn man nach zuo
ein komma setzen darf und nicht giengen zuo kifen,
d. i. kifend, gemeint ist; vgl. das starke keiben,
und hier 3.
auch das mnd. kîven
ist stark, z. b. lange wyle se hierumme keven
Rein. vos 4987,
wie mnl. alle wijl si daer om keven (
keiften, kiffen)
Reinaert 5517;
noch nnl. kijve, keef, gekeven,
während das nnd. wort nur schwach scheint, wie es das fries. und nordische von je her war. 1@bb)
schwache form, die auch schon mnd. neben der starken bestand (
z. b. kyveden Leibnitz
scr. brunsv. 3, 280)
und beim hd. keiben
sp. 432: die junge frau keifte sehr mit ihm. Stilling
jüngl. (1778) 10; sie keifte in alle lebende wesen hinein. J. Paul
uns. loge 1, 70; auch keifte der pfarrer jetzt weniger.
Hesp. 1, 49; er wird ihn (
den knecht) aber bald fortgekeift haben. Gotthelf
Uli d. knecht cap. 15,
durch sein keifen fortgetrieben. diese schwache form herscht jetzt vor. 22)
Bedeutung und gebrauch. ursprünglich wird es, wie hd. keib,
nd. kîf
sp. 430,
von allerlei streit gegolten haben, auch mit händen und waffen, vgl. noch im 15.
jh. bellax kiefende, kivende,
bellare kiffen Dief. 71
a aus einem rhein. voc. von 1414, sîn recht bekîven
Rein. vos 4429,
im kampf vor gericht beweisen (
s.kämpfen vom gerichtsstreit mit waffen oder worten, ebenso kriegen);
es ist aber früh auf wortstreit beschränkt worden. 2@aa) 'keifen mit worten,
cavillare, garrulare, proprie est brutis ut canis'.
voc. inc. teut. n 1
a (
wahrscheinlich Ulm); keifen, kifeln, beswatzen,
cavillare. voc. th. 1482 q 2
a (
Nürnb.); kyffen, kriegen, zanken,
contendere, litigare, rixare oder vechten
oder kyffeln,
altercari, oder schelten
oder snappen,
unnutz strafen oder arguirn. q 4
a;
contendere keyffen,
contentio kyffung.
voc. opt. Lpz. 1501 G 4
b,
litigare kyffen ader kriegen P 5
b,
rixari kyffen ader schelden Aa 1
b,
conflictare kyffen G 3
a,
in der gemma kyfen.
schon Frisch 1, 513
c gibt keifen
nur als vulgär für schreien und zanken, Adelung
als gemein und vertraulich für zanken, schmälen;
die schriftsteller halten es fest als das ausdrucksvollste wort. gebt im zwei weiber zu der e, die thun im wol das groste we mit kippeln, keifen, wil ich sagen, thun im all tag sein herz abnagen.
fastn. sp. 159, 4; darnach sein sie (
die frauen) die ganzen nacht schwetzig, kippeln und keifen. Albr. v. Eybe 1
b; besser ungelegenheiten auszer hause vertragen als inwendig des hauses stets knarren und keifen hören müssen. Olearius
pers. baumg. 7, 22; es sei sich an der weiber keifen und krunzen niemals zu kehren. Riemer
pol. maulaffe 162; er kan nichts als keifen und schlagen. Weise
kl. leute 308; wo sie ihre gesundheit durch unablässiges keifen und beiszen in äuszerste gefahr setzten.
ehe eines mannes 249,
wie kiff und bisz
unter 1,
a, vgl. u. f; des tages wollt ihr weiber immer todte männer haben, denn sie keifen fein nicht. J. E. Schlegel 2, 136;
Anton. warte, Lisette! das will ich meinem herrn sagen. ich will mich schon rächen, noch für das gestrige, besinnst du dich?
Lisette. ich glaube, du keifst? was willst du mit deinem gestrigen? Lessing 1, 243; ja, keifen würde sie, du muszt mich nicht verrathen. Göthe 7, 35; wir machen wahrhaftig diesen streit mit worten nicht aus, was sollen wir keifen? 40, 205 (
Rein. vos 6099); doch dürften wir dafür eine harte stiefmutter kriegen. seis drum, wir lassen sie keifen, und schmausen. Schiller 148
a; sie tändle oder keife nun (ich weisz von keinem dritten).
anthologie 1782
s. 73
Bülow; werden hoffentlich alle so befriedigt, dasz man weder pfeift noch keift. J. Paul
Fibel 165; schweigen bringt die beste frau auf, die eben im keifen ist. 184; ihr bücherleser! keift nicht mit dem armen .. der sein morsches leben verkeift. 2, 35; ich hab es oft gesehen dasz ein gast das heftpulver und bindewerk zwischen zwei keifenden ehehälften geworden.
Siebenkäs 1, 131; jeden morgen war immer ein dumpfes schelten der beiden schwestern am brunnen .. ein keifen als ob es an wasser fehlte. Arnim
kronenw. 1, 380; haltet euch die ohren zu wenn sie keift.
schaub. 2, 98; so redete Joggeli zu seinem sohne in seinem keifenden, hustenden tone. Gotthelf
Uli der knecht cap. 20,
mit anklang an keichen,
vgl. westf. kächeln
keifen und sp. 437. er keift wie ein rohrsperling,
sächs. 2@bb)
es heiszt mit einem keifen,
von zweien sich keifen: doch ist uns allhier nicht befohln das wir uns mit dir keifen soln. Hayneccius
Hans Pfriem act 4
sc. 3; so seet sie des nachts kiferbeis ins bett (
klagt ein ehmann), und hebt mit mir ain keifen
an. fastn. sp. 773, 8; mit ehrlichen geschäftsleuten keifen. J. Paul
Hesp. xxiii; eigentlich müszte ich mit ihnen keifen, dasz sie (
anrede) ..
sie auszanken. Forster
briefe 2, 84; dasz sich die liebste keifen musz und necken mit mir. Rückert
ges. ged. 2, 308. und welkerer spraek (
der hd. oder nd.) mehr zier is totoschriven, darüm heb ik gesehn twe buern sik dapper kiven. Lauremberg 4, 682,
erst mit worten, dann mit händen. ungewöhnlich mit auf (
wie schelten): fing an auf sie zu keifen. Rückert
mak. 2, 149. 2@cc)
früher auch einen keifen: leicht er zürnet in seinem muot und mich kippeln und keifen tuot.
Hätzl. 90
a,
klage eines mädchens über ihren liebhaber, das 'kippeln und keifen'
wie unter a, die trans. verbindung noch nd., enen kiven (
brem. wb.),
ebenso bei kiefeln, kriegen, kämpfen 6. 2@dd)
bildlich, vom pfeifenden winde: fängt ja der wind im norden an zu keifen. Gökingk 2, 138.
nordd. sagt man, wenns donnert, de leve god kift.
brem. wb., Strodtmann 104;
zu dem nd. kift
mit kurzem vocal (
neben kîven),
auch md. kifft,
vgl. unter keichen 3,
c sp. 437. 2@ee)
mit abgekürztem ausdruck auf einen los keifen (
wie zanken
u. a.), einen fort keifen Gotthelf
u. 1,
b, in einen hinein keifen J. Paul
das., u. a.; bis die frau zu bette keift. Voss 1825 2, 56 (
bleicherin v. 113),
keifend geht oder treibt. 2@ff)
kläffen ( Campe): unter denen ein keifender hund mit hinspringt. J. Paul
lit. nachl. 4, 173;
s. keif 3
sp. 441,
die angabe des voc. inc. teut. unter 2,
a, das keifen und beiszen wie ein hund, eber
unter a, '
beiszen'
ist auch mit gedacht in folg.: weil sie sich die cronen von den zähnen fast alle abgebissen, jedoch, wie ich nachhero gewahr wurde, noch ziemlich keifen konte.
Felsenb. 3, 424.
es gibt einen nahen wortstamm für bellen, kläffen, nd. käffen, keffen, kiffen (Strodtmann,
brem. wb. u. a.),
md. kiffern Alberus,
ostfries. kiffken, kiffker,
kläffer, auch zänker Stürenburg 106
b,
nl. keffen
latrare Kil. (
auch von füchsen). 33)
es gibt aber auch eine dritte form, kifen
oder kiefen,
neben keifen kiff
und keifen keifte,
ganz wie keiben
ein kiben
neben sich hat, und die subst. keib
und keif
je ein kib (kieb)
und kief,
mit einer überraschenden übereinstimmung: gottes wort ist das in allen creaturen weset, in allen glaubigen prediget, in allen gottlosen kifet, küplet, hadert. S.
Frank 4, 160,
wie vorhin kippeln und keifen
verbunden; noch hört das widerpellen, kifen und kiplen des gaists .. nit auf zu nagen, schelten
u. s. w. ders. parad. 149
a (314
a); o Hercule, was fur unfur, was zanks und kiefens, was fur scheltwort.
moriae enc. 45
b; eins tages starb eim mann sein weib, die ihm lang peinigt hett sein leib mit kifen, zanken und mit nagen. H. Sachs 1, 527
d (1590 396
c); die täglich peinigt seinen leib mit kiffen, zanken und mit nagen. 5, 332
c; (
Gorgias und seine frau) lagen .. in stätem kifen und verweisen gegen einander zu feld. Fischart
ehz. 71 (464
Sch.); so wir (
weiber) an das kifen gerahten, können wir nit aufhören.
das. 626
Sch. (1614 244),
nach semel exorsae 'loqui'
bei Erasmus,
es ist aber von einer gardinenpredigt die rede; (
weiber) die tag und nacht kiefen, klagen, maulen, greinen, zanken wie eine sau an eim gatter.
das. 542
Sch.; sie (
die bettelorden) haben auch ein langes kiefen, wie man ein jeden (
Dominicus und Franciscus) an sol rufen. Fischart
S. Dominicus A 4
b; sie wird mich kiefn, zanken und nagen. J. Ayrer
fastn. 21
b; sie kiefet tag und nacht. Opitz 1, 97; der eine frau hatte, welche täglichs zu xanthippisieren, ich will sagen zu zanken und zu kiefen pflegte. Harsdörfer
lust- und lehrreiche gesch. 1, 197; man kan alle ding todt schweigen, aber nicht todt kifen.
sprichw. Schottel 1135
a.
noch Stieler 937
gibt kiefen
neben keifen,
und es ist noch im nördl. Thüringen zu finden, auch in Schlesien nebst kîfig
zänkisch, kîfeln Weinhold 42
b.
auch unter den 'kyffen', 'kyfen'
u. 2,
a können solche kifen
sein, vgl. kiffen
rixari Dief. 499
b,
bellare 71
a u. ö. diesz kifen,
wie kiben,
mit ursprünglich kurzem vocal, ist entweder von den subst. kif, kib
gebildet oder samt diesen vom plur. praet. des starken kîfen, kîben.
Doch mischt sich in dieses kifen
ein andres, stamm- und sinnverwandtes wort, kifen
nagen, das auch für zankend einem zusetzen gebraucht war, wie nagen
selbst; ebenso verflieszen beide stämme und bedeutungen in dem demin. kifeln
zanken und nagen. in den meisten stellen vorhin ist unsicher, ob dabei mehr an '
keifen'
oder an kifen
nagen gedacht sei, denn solche nahliegende worte vermischen sich und verwachsen im bewusztsein der sprechenden; Sachs, Ayrer
könnten selbst blosz kifen
nagen im sinn gehabt haben, da sie nagen
dazu setzen. selbst bei keifen
mischte sich wol dieser begriff ein, s. 'keifen und beiszen',
bes. aber die stelle aus der insel Felsenb. hier oben, wo zum keifen
zähne gehörig gedacht werden, ferner kieferbse,
das auch als keiferbisz
erscheint; s. auch kiefen,
keifig 2.
diesz oberd. kifen
nagen mag übrigens dazu beigetragen haben, das md. keifen
im oberd. einzubürgern; an einem alten kifen
zanken ist nach kiben, kib, kif
aber bei alle dem nicht zu zweifeln, vgl. keichen
mit nebenform kichen.