stiefel,
m. ,
auch vereinzelt f., fuszbekleidung, die höher reicht als der schuh.
verbreitung, herkunft und form. nur deutsch, fehlt im got., an. und angels.; ältester beleg in einer glossensammlung des 11.
jh.: stapius (
s. du Cange
s. v. '
stapio' 7, 583) stival
ahd. gl. 3, 683, 13
St.-S. die von Jacob Grimm (
grammatik2 2, 111; 3, 448)
erschlossene und von Massmann
fälschlich bei Graff 6, 662
als glosse zur lex Ripuariorum 36, 11
bezeichnete form stiful
ist nirgends belegt. stifal
ist entlehnt aus frz. estivel,
provenz. estibal,
ital. stivale
ein den fusz und den gröszeren teil des unterschenkels bedeckendes kleidungsstück (Meyer-Lübke
nr. 8264; Suolahti
franz. einflusz auf die deutsche sprache 274; 316
f.).
der zusammenhang der romanischen wörter mit lat. aestivale '
sommerschuh'
wurde wegen des angeblichen bedeutungsunterschiedes bezweifelt; aestivalia
erscheinen aber '
in geistlichen kreisen als nebenform von der in der Benediktinerregel den mönchen gebotenen fusztracht der caligae ...
mit höherem, bis an die knie heran reichenden beinleder zum schutz bei sommerlichen arbeiten auszerhalb des klosters und reisen für kloster und stift (
Benediktinerregel cap. 50)' Heyne
hausaltertümer 3, 286
ff. und dringen allmählich auch in adliche kreise, später in alle bevölkerungsschichten ein (Kretschmer
wortgeographie 847
anmerk.; Kluge
etym. wb. [
111934] 593
f.).
mhd. stival, stivel —
von hier aus weiter entlehnt ins tschechische (A. Mayer
dtsche lehnwörter im tschech. [1927] §§ 71; 76) —,
mnd. stevel, stavel Schiller-Lübben 4, 394,
mnl. stevel Verwijs-Verdam 7, 2111.
mundartlich überwiegt im nd. und teilweise im alem. e
als stammvokal, ebenso in der Luserner mundart (Bacher 394),
sonst im obd. das i,
während im md. der norden zum nd., der süden zum obd. steht. das a
der unbetonten silbe, das mit sicherheit auf ein lehnwort weist, ist im mhd. gut bezeugt und taucht gelegentlich sogar noch später auf (
vgl. Diefenbach 392
c, 15.
jh.);
die kürze ergibt sich aus dem reim stival: schaln
Seyfried Helbling I 233/34,
nur die Parzivalhdschr. D hat im versinnern â,
vgl. 588, 21
laa. der inlautende konsonant ist in Norddeutschland stimmhaft, meist spirant (w),
selten verschluszlaut (b),
in Süddeutschland stimmloser spirant (f);
das md. zeigt wie beim vokal der stammsilbe beide laute geographisch geschieden. —
im pl. stehen bereits im mhd. starke (Wolfram)
und schwache (
Seyfried Helbling)
formen nebeneinander, vgl. auch Gueintz
dtsche rechtschreibung (1666) 24; H. Paul
dtsche gramm. (1916) 2, 59;
indogerm. forsch. 1, 118.
vereinzelt erscheint neben dem masc. genus ein fem., vgl. z. b. usz eyner steffeln Stolle
thür.-erfurt. chron. 46
lit. ver.; fiel die wurst ausz der stifel Lindener
Katzipori 136
lit. ver.; der apotheker ... befindt des schmers oder drecks in der stifel
ebda 102;
in moderner ma. z. b. stiwel,
f., wb. d. lux. ma. 425
b,
ebenso bei Gangler 434.
bedeutung und gebrauch. stiefel
steht von anfang an im gegensatz zu schuh.
während dieser nur zum schutze des fuszes dient, reicht jener bis an den unterschenkel oder noch höher hinauf: caliga hoz oder stifel, beingewant Diefenbach 90
b; stival
vel lederhos
ebda 52
a u. ö.; caligae stiffel oder hosen auff halben waden Frisius (1556) 101
a,
s. auch 190
a;
pero halbe stifeln
[] Faber (1587) 609. —
zunächst gehörte der stiefel
zur adlichen, also vornehmen (
ritterlichen)
tracht, vor allem als reitstiefel; als solcher erscheint er bereits im Parzival (63, 15)
und in den späteren jhh. bis zur modernen zeit (
s. u.A 3).
erst nachdem der stiefel
auch in die übrigen bevölkerungsschichten, besonders auch in den soldatenstand, eingedrungen war, wird seine verwendung mannigfaltiger, wie zusammensetzungen zeigen, deren erster bestandteil den zweck, den träger oder die art des stiefels
angibt, z. b. jagdstiefel, marschierstiefel, wasserstiefel; bauernstiefel; kniestiefel, schaftstiefel
u. s. w.; seit dem vorigen jh. spielt auch der militärstiefel
oder kommiszstiefel
eine besondere rolle. in junger sprache bezeichnet stiefel
häufig die die knöchel mitbedeckende fuszbekleidung im unterschied zum schuh, halbschuh,
der die knöchel frei läszt; vgl. zusammensetzungen wie schnürstiefel, knöpfstiefel, zugstiefel, damenstiefel
u. a.; der langschäftige, die ganze wade mit bedeckende stiefel
musz demgegenüber durch adjektive oder compositionsglieder gekennzeichnet werden. von diesem stand weicht z. b. die militärsprache mit stiefel,
der die waden mit bedeckt und schuh,
der nur über die knöchel reicht, stark ab. diese moderne entwicklung fand bisher kaum literarischen niederschlag. AA.
in eigentlicher anwendung. A@11)
als teil der kleidung, allgemein in den mannigfachen sachlichen beziehungen: man siht im doch die stivaln von des rockes kürze
Seifried Helbling I 234
Seemüller; die herrin wedir rugetin, daz sich gar wol vugetin den vuzin di stevilen, so daz si en gevilen pfarrer zu dem Hechte
in: ztschr. f. dtsch. altert. 17, 221; ja wenn sie noch bey einem blieben, vnd nicht so leichten wechsel trieben in rOecken, wAembsen, stieffeln, hut Ringwaldt
lauter wahrheit 94; (
in Ruszland) schicket der bräutigam ... der braut neue kleider, eine mütze und ein paar stieffeln A. Olearius
pers. reisebeschreibung (1696) 109
b; setzt einen hut dreieckig auf mein rohr, hängt ihm den mantel um, zwei stiefeln drunter, so hält so 'n schubiak ihn für wen ihr wollt H. v. Kleist 1, 328
Schmidt; indem er sich ankleidete und nach seiner gewohnheit unordentlich und wild hier- und dorthin die kleider, die strümpfe, die stiefeln hinwarf Gutzkow
ritter vom geiste (
31855) 8, 5.
häufig ein paar stiefel: item 14 scot vor 2 par stefelen
Marienburger treszlerbuch 487
Joachim; ein par stavelen
Lübekisches urkundenbuch 11, 77; ein paar stiffel Dürer
tagebuch 88; nun lasz mir ... ein paar stiefeln machen Göthe IV 21, 254
W. überwiegend aus leder: ... leder daz man tuot an: hentschuohe wizze, die man treit mit flizze; wizze stival gemeit, die man treit durch kluokeit
könig v. Odenwald ii 127
Schröder; stiffel auss biberbelgen Herold-Forer
Gesners thierb. 23
v; die ledernen hosen und stiefeln Pückler
briefwechsel 2, 1, 183; die stiefeln sind aus wildhaut
F. G. Welcker
denkmäler 4, 45;
doch auch aus anderen stoffen, wachstuch: dem schuster wöllest ... gewüxtt thuch zu meinen stiffeln geben Paumgartner
briefw. 119
Steinhausen; in leinwaden stiefel (1677)
bei Creizenach
schausp. d. engl. com. 75. —
das anfertigen, ausbessern u. s. w. der stiefel
als beruf des schusters: (
die studenten) schlagen sich mit einander rum und hauen einander pfläntzsche von köpffen runter wie die wamsermel, flugs das einer ein paar stiefeln mit flicken könte Schoch
studentenleben 68
Fabricius; ich solte ... in die welt hinein ziehen, und hatte ... nicht mehr, als ich hier auch habe. dazu wars mir zu weitläufig, erst meine stiefeln versolen zu laszen Bürger 2, 351
Strodtmann; der schuster ... hat ihm die nachricht mit zwei versohlten stiefeln zugetragen Freytag
verlor. handschr. (1887) 1, 52; ich (
schuster) möchte gern das masz nehmen zu den stiefeln
[] Schiller 4, 187
Göd.; aber leicht ist es auch nicht, einen guten stiefel zu verfertigen Raabe
hungerpastor (1908) 7. —
verschiedene arten von stiefeln: versihe (
aufeiner dachsjagd) deine schenkel wol mit guten starcken stifeln Sebiz
feldbau (1579) 602; (
vor der tür) wurde ein trampeln hörbar, als ob einer den klei von seinen schweren stiefeln abtrete Storm
w. 7, 195; in ihren steifen stiefeln Göthe 33, 170
W.; ein kurfürst, welcher seine gardeuniform, klappenweste und steife stiefeln trug Immermann 1, 18
B.; schmuckvolle stiefel: gab den knaben goldgestickte stiefel, gab den mädchen lange reiche kleider Göthe 2, 52
W.; s. auch Herder 25, 298
Suphan; die beine in hohe glänzende stiefel gestellt Keller
w. 3, 164; so zog er seine sonntagsjacke und seine besten stiefel an Storm
w. (1912) 7, 167;
farbige stiefel
gelten als besonders vornehm: o künig, wolst mein auch gedenken und mir sein rote stifel schenken Hans Sachs 1, 128
K.; (
er) sass ... in dem vorhoff inn schOenen roten stiffeln angelegt Schaidenraisser
Odyssea 136
Weidling; auch hier (
bei der kaiserkrönung) stehen die Byzantiner nach, wo das anziehen der rothen stiefeln fast als hauptsache heraustrat Raumer
geschichte der Hohenstaufen (1828ff.) 5, 58; welche rothe stieffeln tragen, vor den laufen die khe Lehman
florileg. (1662) 3, 483. dort geht ein fraw, die, düncket mich, sey geschmückt auff den finkenstrich ... mantl und schauben ir alls rebisch staht weisz stiffel, pantöffelein glat Hans Sachs 17, 70
K.-G.; er trug weisse stieffeln, die bisz an die waden giengen J. Kuhnau
musikal. quacksalber 199
ndr. ein knabe mit gelben stiefeln Kästner
schr. (1772) 2, 95; in türkischer kleidung, ... rothe hosen an, gelbe stiefeln Gutzkow
ritter vom geiste (
31855) 8, 27
f. — neue
und im gegensatz dazu alte stiefel: die newen stiffel Geiler v. Keisersberg
narrenschiff (1520) 28
b; den einen räuber gelüstete ... nach seinen ganz neuen stiefeln Nicolai
Seb. Nothanker (1773
ff.) 2, 15; drauf hatt ich mich schön angethan, als gings zum hochzeitsfeste! ich zog die neuen stiefeln an und meines vaters weste Körner 2, 133
Hempel; (
ein wanderbursche, dem die füsze schmerzen) möchte am liebsten die füsze, just wie die neuen stiefeln, hinten auf den ranzen schnallen Gaudy
w. (1844) 2, 47; 2 kurcz sleuch von eim alten stiffel gemacht E. Tucher
baumeisterbuch 307
Lexer; es haben ire etlich noch alte stiffel dahaim
Zimmer. chron.2 3, 541
Barack; bitte um eine kleine gabe, ... wenn es auch nur ein paar alte stiefeln wären Freytag
w. (1886
ff.) 2, 138;
zerrissene, durchgelaufene stiefel: wie
s. Benedicts stiffel, bodenlosz on solleder ... wie vnserer ... hofleut stiffel, die man von fssen schttelt Fischart
Gargantua 383
ndr.; ich will nicht davon sprechen, dasz er mit seiner abschreckenden figur ... mit seinen abgerissenen stiefeln ... sich einbilden kann, noch einen eindruck auf dich zu machen Gutzkow
ritter vom geiste (
31854) 1, 270; mit seinen abgelaufenen, geflickten stiefeln
ebda 1, 36; seine stiefel waren durchgetreten Chph. v. Schmid
schr. (1858ff.) 8, 130;
bildhaft: ich hab mir mühe gegeben und hab mich geplagt ... und hab mir die sohlen von den stiefeln gelaufen Melch. Meyr
erzähl. a. d. Ries (1868) 3, 310.
scherzhaftes sprichwort: wasser geht durch stieffel, lieb durch handschuch Lehman
florileg. (1662) 1, 498.
hierher auch: er ist krank gewesen, in nassen stiefeln gegangen und hat ein katarrfieber gehabt br. Grimm
briefwechsel (1881) 273. — die stiefel drücken: der hielt stil und nam sich an (
stellte sich so), wie in eyn stiffel trucket, liesz eynen knecht abfallen, im den anzulosen Carbach-Micyllus
Titi Livii historien (1551) 127; also geht er gespornt lautdonnernd neben her und führt den müden gaul vom mantelsacke schwer, die stiefeln drücken ihn, doch er musz sich bequemen, bis dicht an Leipzigs thor den weg zu fusz zu nehmen Zachariä
poet. schr. (1772) 1, 8;
[] so auch: zwên stivâle ouch dâ lâgen die niht grôzer enge pflâgen Wolfram
Parzival 588, 21; (
wenn jungen mädchen) die schuhmacher die enge stieffeln anmessen Fischart
Gargantua 13
ndr. die stiefel knarren: schon aus dem knarren ihrer stiefeln höre ich heraus, wo sie her sind Alexis
Isegrimm (o. j.) 242;
im volksmund: wenn die stiefel ... knarren, dann sind sie noch nicht bezahlt
bei Wuttke
volksaberglaube (
21869) 198; Rother
schles. sprichw. 75
a. —
die stiefel
gelten als dem menschen eigenes bekleidungsstück, daher spöttisch: das es ein lust ist zu sehen, wie ein saw im chorrock, unnd ein aff in stiffeln Fischart
binenkorb (1588) 165
a; da trat aber plötzlich ein langer mann ... um die ecke, wie ein tanzbär in stiefeln Eichendorff
w. (1864) 3, 386.
ein alter brauch, der sich hauptsächlich auf dem lande bis in die jüngste zeit erhalten hat, besteht darin, den stiefel
als aufbewahrungsort oder versteck für erspartes geld u. a. zu verwenden: item so enphilen eynen usz eyner steffeln czwene gulden Stolle
thüring. chron. 46
lit. ver.; (
als er die schuhe auszog) fiel die (
gestohlene und dort versteckte) wurst ausz der stifel Lindner
katzipori 136
Lichtenstein; ... so wrde man der schmarotzer und desz losen gesinds nit so vil zuo hof finden unnd sehen, wie man yetzt leyder sicht, die andersz nichts wissen noch kOennen dann verleumbden, arme leut verderben und ihre seckel und stifel spicken Paul Crocius
auslegung ... Danielis (1560) 41
v; man beschuldigt mich, ich habe die gelder meiner kinder in meinen stiefeln versteckt
Dostojewski brüder Karamasoff deutsch (
Piper o. j.) 1, 130;
vgl. auch strumpf
teil 10, 4,
sp. 118, 4). —
in den stiefelschaft steckt man auch das messer: (
er) stöbert, sucht mit wirrem eilen in allen taschen, allen falten selbst in der stiefel engen spalten. 'hab ich mein messer denn verloren?' Annette von Droste-Hülshoff 2, 1, 14
Schulte-Kemminghausen. besonders bekannt als märchenhaftes motiv die siebenmeilenstiefel
sieh teil 10, 1, 814,
vgl. dazu noch: ja schreit in magischen stiefeln vor dir tag und hinter dir nacht neun meilen auf einmal! J. H. Voss
ged. (1802) 2, 188.
als name für einen geist in den dt. sagen (1891) 1, 66. A@22)
häufig werden die stiefel
ausdrücklich als langschäftig bezeichnet. hohe, lange stiefel: die leut ... mssen hohe stifeln an legen Münster
cosmographie (1550) 1194; der stallmeister ... mit seinen hohen stiefeln G. Keller
w. (1898) 3, 20; (
er liesz sich) lange stiefeln ... machen Schweinichen
denkwürd. 93
Österley. auch grosze stiefel
meint meistens langschäftige: etlich (
bürger) ir vernunft so gar an werden mit hauen, schaufeln und gabeln, do mit sie in dem mist umb krabeln, mit groszen stifeln, peurischen kappen ... daz mancher umb ein aug moht kemen
fastnachtspiele 1, 381
Keller; fur ein par grosz stifel 10 ℔. ... fur 1 par schuh czwifach soln 2 ℔ Ant. Tucher
haushaltbuch 70
lit. ver.; von einem reuter, der gar vbermessige grosse stieffel anhatte, sagt er: sehet, da kommen zwen stieffel voll reuter Zinkgref
apophthegmata (1628) 381; Franzose, nicht an mann und pferd, an heldenmut gebrichts. was hilft dir nun dein langes schwert und groszer stiefel? nichts! Gleim
in: anakreontiker 1, 258
Muncker. in näherer beschreibung: (
der husaren) stiefeln gehen ihnen bisz an die knie, und sind ohne stulpel v. Fleming
d. vollk. teutsche soldat (1726) 113; stiefeln mit braunen stolpen Göthe 28, 155
W.; stiefeln, die höchstens bis an die kniebeuge hinaufgehen E.
M. Arndt
schr. f. u. an s. l. Deutschen (1845) 2, 170; mit ... hohen, über die knie gezogenen stiefeln
M. Meyr
erzähl. a. d. Ries (1868) 1, 12; mächtige stiefeln bis über die kniee aufgezogen E.
M. Arndt
w. 1, 19
R.-M.; pero hohe schuh, bawrenschuh, halbe
[] stieffeln Starck
lexicon lat.-germ. (1620) 146.
so auch: ein ... landjunker mit ungeheuren stiefeln Brentano
w. 5, 15
Schüddekopf; durch stichblätter wie suppenteller, durch sturmhüte, riesenstulpen, schlaghosen und stiefeln wie löscheimer ist (
die fechtkunst) ... sehr ausgeartet Fr. L. Jahn
w. 2, 1, 8
Euler. A@33)
eine feste anwendung, besonders in alter zeit, doch auch bis heute, ist '
langschäftiger stiefel des reiters': dô leite der degen wert ein bein für sich ûfez phert, zwên stivâl über blôziu bein Wolfram
Parzival 63, 15; lieben gesellen ... nement ewer kleider und peck, leggen die auff unsere pferdt! so wOellen wir unser stifel abthuon und mit euch zuo fuosz durch den wald gon Wickram 2, 318
lit. ver.; die mittel zu stiefeln, zeug, sattel, pistolen sind ritterlich neben der strasze gestohlen Logau
sinngedichte 171
lit. ver.; durch eine geheime pforte ... in seiner kutte, ohne stiefel noch beinkleider, ritt er (
Luther in Augsburg) davon Ranke
w. (1867) 1, 270.
symbolisch: das sind wir aus braven reitern geworden. aus stiefeln machen sich leicht pantoffeln Göthe 8, 137
W.; vgl. ähnlich bei Binder
sprichwörterschatz 189.
die stiefel
des reiters werden meist mit den sporen
zusammen genannt, s. auch teil 10, 1, 2680: do (
sie) ir stiffel, sporen vnd swert von in legten vnnd ein klein erfrischet vnd ruoe namen Arigo
decamerone 645
Keller; o bringet mir her meinen harnisch, schildt vnd spAer, stieffel vnd sporen
buch der liebe (1587) 13
a; gab ihme ein pferd, ein schwerd, stiefeln vnd sporen, vnd was darzu gehOeret Micraelius
Pommerland (1640) 452; ein junger ritter war doch so verwegen, ... der rief: he, stiefeln, sporen, harnisch her! der ritt hinaus Tieck
schr. (1828) 1, 259; wenn er in die stadt reisete, gieng er in den stieffeln hinein, und wenn er schier hinzu kam, gurtet er sporen an, als solte man gedenken, er were hineingeritten Hertzog
schiltwache f ij. —
fest in der wendung stiefel und sporen,
vgl. gestiefelt und gespornt (
teil 4, 1, 4159; 4232): ich tar nit lenger daheimen sein tragt mir stifel und sporn herein!
fastnachtspiele 1, 163
Keller; lang mir her stiffel und die sporn, das ich meiner tochter entgegen reit Hans Sachs 13, 363
K.-G.; er trug stiefel und sporn und hatte ein hifthorn über dem rücken hangen br. Grimm
dtsche sagen (1891) 1, 205; (
sie entfloh) in mannskleidern, stiefel und sporen an den füszen Ranke
w. (1867) 9, 328.
als zeichen der vornehmheit: ein bauer, der stiefel und sporn anthut, vermeynt er sey nun ein edelmann Lehman
florileg. (1662) 2, 606;
ähnlich: ist es nicht lächerlich, dasz mancher alte mann ... ein paar kleine stieffeln und spornen an stat der schuhe trägt Warnecke
versuch (1704) 317. —
in präpositionaler verbindung in
oder mit stiefeln und sporen: (
pfalzgräfin Elisabeth,) die in stiffel und sporn ... umbrait
dtsche städtechron. 11, 682; unter des kompt des keysers kurtzweiliger rath und schalcksnarr ... in stieffeln und sporen Kirchhof
wendunmuth 2, 56
Österley; da kamen etzliche vornehme cavallier ... in stiefel und sporn Schupp
schr. (1663) 76; man empfienge den gaul von im, nam ihn in stifel und sporen, wolt im nit so vil zeit zuo lassen, das er sich hett mogen ausziehen, sunder er muost eilends zuom essen gehn Frey
gartengesellschaft 143
Bolte. mit stiflen unnd sporen Tappius
adagiorum centuriae septem (1545) D d 2
a ; (
der teufel) in der gestalt eines ... mans, so mit stieffeln vnd sporen an gethan Nigrinus
von zäuberern ... (1592) 23; darüber er auch (
infolge eines traums), im schlaf aufstund, sich anzoge, mit stiefel und sporen Prätorius
anthropod. pluton. (1666) 2, 17; die katze putzt sich bisz über die ohren, es kömmt ein gast mit stieffeln und sporen J. G. Schmidt
rockenphilosophie (1709) 1, 113;
[] er sasz zu pferd mit stiefeln und sporn K. v. Erlach
volkslieder der Deutschen 2, 251. —
bildhaft übertragen, im sinne von '
fertig ausgerüstet',
s. Borchardt-Wustmann
sprichwörtl. redensarten (
51895) 175: das buch solt volliger sein, ihm ist zuviel abgebrochen, es hat weder stiefel noch sporn Luther 20, 3
W.; 'umbgurtet mit wahrheit', stiffel und sporen an den fussen, sollen heissen das fridsam euangelion, das ist der harnisch gots
ebda 34, 2, 367; (
menschen, die sich nicht allein beschäftigen können) haben einen zu kleinen vorrath an ideen und eine grosze mattherzigkeit im denken; und doch sind sie für jeden ort, wo etwas zu hören und zu plaudern ist, immer in stiefeln und sporen Zimmermann
einsamkeit (1784) 1, 44; besser ists, dachte ich, du trittst ihnen als ein gemachter mann mit stiefel und sporen entgegen Gaudy
w. (1844) 18, 105. '
in voller rüstung', '
so wie man ist', '
ohne weiteres',
vgl. oben in eigentlicher anwendung den beleg aus Frey: wann sie sterben, so faren sie mit styfeln vnnd sporen in himmel Nas
das antipap. eins und hundert 2 (1568) n 1
b;
ähnlich: meynstu du wollst ins paradeisz mit stieffel und sporen lauffen? Kehrein
kathol. gesangbücher (1859) 2, 438; meinem herrn ... wird der gast übel bekommen, denn unsere alte Sabine ... ist wie ein drache, dasz er die hausordnung stört und ungefragt ... ein fremdes menschenkind mit stiefeln und sporen ins haus schleppt Hauff
w. (1890) 1, 66. A@44)
auch die ausdrückliche unterscheidung gegenüber schuh
beruht auf der bedeutung von stiefel
als langschäftigem. singulär erscheint schuh
als der untere, den fusz bedeckende teil des stiefels: wenn die reuter ihre pferde beschlagen lassen, so gehöret das alte huffeysen, ... den meister und seiner schmieden umbsonst, wie die alten schue an denen stieffeln der werckstatte eines schusters Prätorius
abentheuerl. glückstopf (1669) 232, (
vgl. hierzu teil 9,
sp. 1839, 1). — stiefel
und schuh
nebeneinander genannt: ir sit mir noch schuldic achte guldyn ..., nu hat ir ... genomen ... also vil als vor nune guldyn, dez wart uch selber eyn nu par styuelen vnd vier par nyderschu
Lübeckische urkundenb. I 4, 126 (
um 1370); (
jem. erhält eine summe,) dar he kledere unde stevele unde schov mede koffte
dtsche städtechron. 6, 253
anm. 1 (
um 1414); die ... schuwelepper sollen schuwe, stiffel, sohn und anders lappen wie von alter (
um 1500) Bücher
Frankf. berufswb. 100
b; als wenn ein schuohmacher kan machen schuoh, solen vnd stiffelen Geiler v. Keisersberg
postill (1522) 89 (
vgl. teil 10, 1,
sp. 1410 b); wan nichts musz deinen leib berühren ... wan deine handschuh, stifel, schuch, dein kleyd von seyden oder tuch Weckherlin
gedichte 2, 432
lit. ver.; von den stiffeln vnd schuhen kan man sich billich verwundern, dasz selbe nicht mehr nach dem fusz, sondern nach eines jeden fantasten sinn gemachet werden Harsdörffer
gesprächspiele (1641) 1, f v
a; dem herrn hofmeister bin ich ... für stiefel, pantoffel, schuh zehn gulden schuldig geworden Schubart
in: Strausz
w. 9, 152; in dem waarengewölbe glänzten auf den brettern die schuhe, bundstiefel und stiefel Stifter
w. 5, 1, 212. —
in direktem gegensatz: jetzt hat sie stumpfe schue, bald kurtze stiefel an Rachel
satyr. gedichte 27
ndr.; sie hielten dafür, dasz niemand (
im theater) in stiefeln probieren sollte, wenn die rolle in schuhen zu spielen sei Göthe 22, 184
W.; ich glaube nächstens verlernt ihr noch, einen stiefel von einem schuh zu unterscheiden Raabe
hungerpastor (1908) 2.
im gegensatz zum stiefel
steht im mittelalter auch der gebundene schuh, die fuszbekleidung der bauern (
zu bundschuh
vgl. auch teil 2,
sp. 522
f.): ich bin ain schuster reich, niendert ist mein gleich. ... die puntschuch und di stifal helfen mir ausz manchem fall
fastnachtspiele 2, 617
Keller; [] warumb tregstu an einem bein ein stiffel und am andern kein, sunder einen buntschuoh grosz, das man den schenckel dir sicht blosz? buntschuoh, stiffel hört nit zuosamen, das kint muosz hon ein andern namen Th. Murner
luther. narr 2500
Merker; bildlich: phui, daz er verwâzen sî, er gemachter dienstman! — niht baz ich in ahten kan — er rehter unruoch! als bî stivaln buntschuoch welnts iu dienstman machen
Seifried Helbling IV 782
Seemüller; meist stehen die stiefel
als gröbere straszentracht den schuhen
als feinere gesellschaftstracht gegenüber: ich truog gar clain schuoch an; nun muosz ich grosz stifel han Hätzlerin
liederbuch 41; vor seidne strmpff vnd knappe schuh ... trag ich ein weit paar stieffell an
in Voigtländer
oden und lieder (1642) 77; kommen sie (
Tellheim) nicht so, wie sie da sind; in stiefeln, kaum frisiert. ... kommen sie in schuen und lassen sie sich frisch frisieren Lessing 2, 224
M.; wer nicht in schuhn zu gaste kam, der mag hier ohne gram und scham in stiefeln tanzen und springen Hoffmann v. Fallersleben
schr. (1890
ff.) 3, 92.
ähnlich: es dantzet sich mechtig wol (
auf samt- und atlasschuhen), besser als inn den baslerischen roten und schwAebischen weissen stiffeln Fischart
Gargantua 176
ndr. —
auch ohne ausdrückliche nennung der schuhe
in jüngerer zeit als gegensatz zu feinerer oder gesellschaftlicher kleidung: darum werden sie mir auch die kühnheit vergeben, dasz ich in stiefeln dero vorzimmer betrette Petrasch
lustspiele (1765) 1, 3; erlustigt sich der kaiser in gärten und kiosken, so darf niemand in stiefeln auf die teppiche treten. ein tartarischer fürst kommt an, man zieht ihm die stiefel aus Göthe 7, 195
W.; ohne verweilen, nur dasz ich die stiefeln auszog, ging ich nach dem palaste und begegnete dem herzog
ebda 44, 251; (
er) fuhr den ankömmling empfindlich an, schon weil er in stiefeln bei ihm eingetreten Dahlmann
französ. revolution (1845) 77; (
er) konstatierte mit schaudern, dasz er hohe stiefeln zu den fracksachen trug W. v. Polenz
Grabenhäger 1, 370;
ähnlich: in stiefeln könnte niemand tanzen Göthe IV 30, 123
W. A@55)
die stiefel
werden als unentbehrlich für den bekleideten, gerüsteten menschen angesehen, vgl. auch in stiefel und sporen (
o. sp. 2777),
dem entsprechend mehr oder weniger fest stiefel anziehen, ausziehen
u. s. w.: das markt der pfaff, derhalben er eilendts der frawen stiffel anlegt ...
Zimmer. chron.2 4, 204
Barack; (
ich ging in pantoffeln über die strasze ins bad, denn) ich scheute unschuldig das an- und ausziehen der stiefel Jacob Grimm
an S. Hirzel, anz.
f. dtsch. altert. 16, 258; (
ein mann) zog jeden morgen ein paar grosze stiefel an und am abend wieder aus, ohne jemals vom hause weg zu kommen G. Keller
w. 6, 134; Knebel, der sich beim stiefelanziehen verrenkte Göthe III 3, 323
W.; da ich morgen eine grosze reise nach der welt antreten werde und daher schon neue stiefeln angezogen Fouqué
gefühle, bilder (1819) 1, 164; Gockel fuhr in die groszväterlichen stiefel und grafenhosen Brentano
schr. (1852) 5, 25.
übertragen: er wird das suchende gemüht, das nach dem grund fraget, hiemit nicht begnügen und ins centrum einführen, musz andere stiefel anziehen, wil er mit Christi geist über den tod und hölle reuthen Jacob Böhme
bedenken über Es. Stiefels büchl. (1682) 152; (
religiöse spötter) sehen die religion als ein paar stiefel an, das man nur bey schlechtem wetter braucht Hippel
über die ehe (1774) 139. —
sich die stiefel
ausziehen oder ausziehen lassen als zeichen der häuslichen bequemlichkeit: als dem juncker ... die stieffel ausgezogen wurden Grimmelshausen 3, 343
Keller; bringet pantoffeln und ziehet dem herrn die stieffel aus Stranitzky
ollapatrida 79
Wiener ndr.; [] oder kommt er spät nach haus, zieht man ihm die stieffel aus W. Busch
Max u. Moritz41 30; bei meiner niederfahrt in die hölle nehme ich mir ein paar von den kerlen drauszen mit, dasz sie mir drunten die stiefel ausziehen Watzlik
pfarrer von Dornloh (1930) 284. A@66)
die säuberung und pflege der stiefel: als er aber im herumraisen unsaubere stiffel (
bekommen hatte), wolt er dieselbigen seubern
Zimmer. chron.2 4, 36
Barack; (
ein bauer) gieng ... mit unsubern, kautigen stiffeln Steinhöwel
Äsop 55
lit. ver.; die musik bestand aus zerlumpten zigeunern mit schmutzigen stiefeln Moltke
schr. (1892) 1, 138; (
spuren,) welche die staubigen stiefel ... hinterlassen hatten Ebner-Eschenbach
schr. (1893) 4, 356; wenn man im tieffen drecke gegangen ist; dass man alsdenn einen besen nimbt, unde bekehret da seine stiefel wol mit abe Prätorius
philosophia (1662) 112; er (
hat) ewer genad die stifel gewischt
städtechron. 3, 151; und der knecht die stifel ihm auswüschet schlecht und spickts ime gantz rain und schon Montanus
schwankbücher 444
lit. ver.; der alte, der sich an einer fuszbürste sorgfältig die stiefeln reinigte Gutzkow
ritter vom geiste (
31855) 6, 285; ich machte sogar die ... stiefel meines freundes rein Bauernfeld
schr. 3, 159.
besonders der glanz der stiefel
spielt eine grosze rolle: er spiegelte sich in seinen gefirniszten stiefeln Gutzkow
ritter vom geiste (
31855) 9, 38; ein incroyable, dem eben ein Savoyard an den stiefel pinselt Göthe 47, 357
W.; weil ich meines herrn seine neue stiefel in glänzwachs setzen musz Knigge
roman meines lebens (1781) 1, 71; (
er) glänzte sich selbst seine stiefeln Gutzkow
ritter vom geiste (
31855) 8, 12; mit gewichsten stiefeln Hippel
w. (1828) 8, 4; ein ordentlicher mohr musz aussehn wie ein gutgewichster stiefel Grabbe
w. (1874) 1, 226; eure stiefeln sind blank, euer rock ist gebürstet Hebbel
w. 1, 340
Werner; seine stiefel schossen glänzende blitze Seidel
Leberecht Hühnchen (1899) 187. — stiefel putzen,
vgl. schon im 17.
jh. stiefelputzer (
sp. 2794): puzze mir die stiefeln Bahrdt
geschichte seines lebens (1790) 1, 101; die dragoner putzten ihre stiefeln auf den seidenen stühlen mit den vorhängen von damast ab A. v. Arnim 2, 135; (
ich) bürste meinem herrn die kleider aus und putze seine stiefeln Immermann 1, 89
Boxb.; als zeichen der dienstbarkeit oder abhängigkeit: (
ein junger mann) ist ... unstreitig wähler und wählbar, wie alle diese jungen menschen jetzt, wenn sie nämlich nachweisen, dasz sie keinem andern die stiefel putzen und dreiszig jahre alt sind Gutzkow
ritter vom geiste (
31854) 1, 103; er hielt sich seit jener stunde für zu vornehm ..., weigerte sich stiefeln zu putzen Holtei
erzähl. schr. (1861) 1, 27; ich ha n wachtmeister de stieweln geputzt G. Hauptmann 1, 321
volksausgabe; so auch: da doch dergleichen sausewinde vielmals nicht würdig sind, dasz sie solchen tapferen, gelehrten und hochverständigen männern ... solten die stifelen putzen Rist
friedejauchzendes Teutschland (1653)
vorrede )( )( 4
b.
übertragen, in der verbrechersprache: stiefel abputzen
verdächtiges beseitigen Ostwald
rinnsteinspr. 148. — stiefel schmieren: den (
schmerlaib) verschmecht er und wolt sein nit. sprach: bawrn schmieren ir stiffel mit Hans Sachs 17, 459
K.-G.; bisz zuo friden, ich will im heut die stifel schmieren Lindener
katzipori 101
Lichtenstein; ich werde meine stiefeln schmieren
samml. v. schauspielen (1764
ff.) 9, 100;
in der soldatensprache: wenn einer aus not im gehen das wasser auf (
des vordermanns) stiefel abschlägt, nennt er dies stiefel schmieren Horn
soldatenspr. 103;
im volksaberglauben: wenn man als gevatter zur kindtaufe geht, so darf man nicht seine stiefel schmieren, sondern nur trocken abwischen
mecklenburg. bei Bartsch
sagen (1879) 2, 48; wer in dem leichengefolge frisch geschmierte stiefel trägt, stirbt zuerst von den begleitern
bei Wuttke
volksaberglaube (
21869) 436;
sprichwörtlich-redensartlich: alte stiefel brauchen viel schmierens
bei Binder 189; an alten
[] stieffeln schmiert man sich müd Lehman
florileg. (1662) 1, 165;
wertvolle stiefel
brauchen nicht geschmiert zu werden: sein stieffeln haben kein geschmier, sein recht natrlich corduan Rollenhagen
froschmäuseler (1595) K 4
a.
ebenfalls im sinne von '
einfetten': nim aber hie das schmär darzuo ... dasz du die stiffeln darmit salbest Kirchhof
wendunmuth 1, 363
Österley; als der patient so mit ihm (=
sich) reden hörte, liesz er sogleich den andern morgen die stiefel salben und machte sich auf den weg J. P. Hebel 2, 175
Behaghel. A@77) polnischer stiefel,
seit dem 16.
jh. bezeugt, wohl ursprünglich eine modetracht: (
der zigeunerin) rock, der von kostbarem grünem englischen tuch war ... sie hatte weder brust noch wams an, aber wol ein par lustiger polnischer stifel Grimmelshausen 2, 32
Keller; (
ein reiter trug) rothe polnische stifeln mit messingen sporen Joh. Riemer
politischer guckguck (1684) 16; frantzösische
etc. stiefel ... ungarische, polnische
etc. stiefel
stivali all' ungaresca, alla polacca Kramer 2 (1702) 970;
vgl. noch: jeder (
polnische) edelmann ... kann auf dem landtag stimmen. (einer der baarfusz kam widersezt sich bis ihm der candidatus ein paar polnische stiefeln schenkte) Schiller 15, 2, 340
G.; (
eine zigeunerin) trug polnische stiefel A. v. Arnim 11, 181.
abweichend: polnische stiefeln
calopodia ferrata Stieler 2111.
schon früher übertragen bezeugt: also lesen sie (
die bibel), das sie den widersachern mit ihren verwirreten, bundtkrausen unteutschen schwartzfinstern und dick gespickten polnischen stieffeln beid thuren und fenster eroffnen Letzner
dasselische chronica (1596)
erste vorrede iii
v.
meist übertragen als 'stiefel,
der am linken und rechten fusz gleich gut paszt',
wahrscheinlich an die allgemein pejorative bedeutung von polnisch (
teil 7,
sp. 1986)
anknüpfend: die weil sie (
die augsburgische confession) von den Lutherischen selbst ein polnischer stiffel, so allen ketzereien gerecht, genandt worden J. B. Fickler
beschr. d. gesch. d. Hosii (1591) 362; (
es gab leute,) welche die augspurgische confession ausz schimpff vnd verachtung einen polnischen stüfel, so an bayde fsz gerecht ist, gehaissen
Laurentius Forer, lutherischer katzenkrieg deutsch (1629) 123; an beiden fuszen gerecht, wie ein polnischer stiefel
bei Binder 154; (
jemand) ist lincks und rechts wie ein polnischer stifel Lehman
florileg. (1662) 1, 318; der heutige politicus ist ein mann, der sich in alle sättel ... vnd in alle zeiten schikken kan: der ein fuchs und ein hase ist; links und rechts, wie ein polnischer stiefel Butschky
Pathmos (1677) 449. BB.
in bildhafter und übertragener anwendung. B@11)
in bildern, die das feste, grobe oder materielle kennzeichnen sollen. mit stiefeln in etwas hinein springen, fallen, fahren
auf grobe weise: wer es aber thut, der ist schon ynn den geyst hyneyn gesprungen mit stiffeln und mit allem Luther 18, 138
W.; s. auch 29, 8; er felt mit stiffeln drein Seb. Franck
sprüchwörter (1541) 2, 81
b; szo thuen alle ..., die mit stiffeln in die bibel fahren Luther 14, 335
W.; liebe einfalt, ... wie laszt du dir entraumen, das du so leicht als ein böhemischer holtzbawr ... in seinen weyten vnd breyten stiflen oder als ein pfeiffer in ein wirtshausz hinein fahren wilt? Guarinonius
grewel d. verwüstung (1610) 303. in etwas hinein fahren
u. s. w. wie ein bauer in die stiefel
grob, plump auf etwas losgehen: solche blinde kopffe sind unsere rottengeister, plumpen hynein ynn die schrifft wie ein bawer ynn die stiffel Luther 16, 438
W.; in ehestand platzen und fallen, wie die sonn ins wasser oder der paur in die stieffel Musculus
eheteufel (1556) f 2
a; da werden wir gerade so einfahren in die künste wie der bauer in die stieffeln Heinichen
generalbasz 766;
s. sprichw. schöne weise klugreden (1548) 36
b; Lehman
florileg. (1662) 2, 827; Körte
sprichw. (1837) 36; vermeint ihr, man fahr in himel hinein als wie der fischer in die stiefel Birlinger
schwäb.-augsb. wb. (1864) 411
a. — jemandem schwellen die stieffel
ihm schwillt der kamm: dem reichen weitzenbauer Cain
[] schwellen die stieffeln Val. Herberger
Jesus Syrach 442
b;
sprichwörtlich: wenn man den bauern bittet, so schwellen ihm die stiefeln P. Winckler 2000
gute gedanken (1685) j 7
b; Düringsfeld
sprichwörter (1875) 1, 81
a.
ähnlich: wenn man ein bawren stiesz inn sack, würden doch die stifel herauszragen Hans Sachs 29, 29
K.-G.; ebenso Neander
dtsche sprichw. 32
Latendorf; Binder 19. —
erst in jüngerer zeit entstanden scheint die ausdrucksweise jem. in die stiefel helfen
bzw. im stiefel sein
sowohl als ausdruck des körperlichen wohlbefindens wie günstiger wirtschaftlicher lage (
zum ausgangspunkt vgl. strumpf
teil 10, 4,
sp. 119, 6): du must dich ... verehlichen: ein reiches weib musz dir wiederum in die stiefel helffen Abele
unordnung (1670
ff.) 4, 421; wenn ich früher oder später einmal in einen guten stiefel gerate Keller
leben 1, 131
Bächtold; alem.: nitt im stifel si '
bei schlechter laune sein' Seiler
Basel 278
b;
anders im entgegengesetzten sinn, im stiefel sein '
zornig sein' Stalder
schweiz. id. 2, 398 (
vgl. etwa in gleicher bedeutung in harnisch sein);
hierzu alem. stiefelszorn (
sp. 2797);
vgl. dazu: und sie vernahm es bewegt, und sprach die gemüthlichen worte: bist du doch wieder im stiefel, als hätte man groszes verbrochen! ... Georg v. Gaal
nord. gäste (1819) 7; —
der stiefel
als zeichen der hausherrnwürde im gegensatz zum pantoffel
der frau: wie dasz einer durch alle land ein bar neuwer stiffel getragen habe, im willens dem mann, der sein weib nicht fürchte, zuo schenken Kirchhof
wendunmuth 1, 400
Österley; die stieffel hab ich tragen dreiszig meilen herummer schon. ich solt sie einem bringen, der herr ist in seim hausz, der sein weib kan bezwingen Ayrer 5, 3051
Keller; ihr herren! einer nur kann meine stiefel haben: der soll es seyn, der mir beweisen kann, ihm sey sein weib vollkommen unterthan Ramler
fabeln u. erzählungen (1797) 43;
s. auch R. Köhler
kl. schr. 3, 610
Bolte. —
modern erscheint der stiefel
als symbol des festen auftretens: der groszbauer ... ging mit seinen zwei söhnen zur kirche. breitspurig und wuchtig trat er mit schwerem stiefel auf, wie es ihm, dem besitzer des gröszten gutes im dorfe, zukam W. v. Polenz
Büttnerbauer 1, 1; und mit mut und festem stiebel trotzt der mensch dem gröszten übel
bei Zoozmann
zitaten- u. sentenzenschatz2 (1911) 1366; es thäte wirklich noth, dasz man ... das letzte fünkchen mitleid mit dem stiefel austräte Holtei
erzähl. schr. 5, 143.
ähnlich, als symbol der festen grundlage: die stiffel oder schuhe sind die werck desz beruffs, bey den man bleiben und bestehen musz, nicht weiter fahren noch herausz brechen uber das gesetzte ziel Luther
tischreden (1573) 301
b. —
von der vorstellung des festen, groben, bäuerischen des stiefels her, vereinzelt, stiefel
als schimpfwort tölpel, dummer mensch: wenn verstand ... sich immer schmiegen musz vor jedem dummen stiefel J. G. Zimmermann
über die einsamkeit (1784) 3, 276;
auch Follmann
lothring. 500. B@22)
redensarten der form seinen stiefel fortmachen
im sinne von unentwegt, ununterbrochen, unkritisch etwas fortsetzen. der eigentlichen bedeutung von stiefel
am nächsten seinen stiefel gehen: ach, was! krummbeinig! schafsgesicht! der kerl geht seinen stiefel, der, trotz einem. ich will von ungespaltnem leibe sein, wenn nicht ein schäferhund von mäszger grösze musz seinen trab gehn, mit ihm fortzukommen H. v. Kleist 1, 389
Schmidt; da er ruhig seinen stiefel nach hause ... gegangen war (1805) Ad. Müller
br. v. d. univ. in: aus Varnhagens nachlasz (1874) 171;
dann übertragen: ich liesz mich ... weiter nicht irre machen und ritt meinen stiefel ruhig fort Holtei
erz. schr. 14, 156.
besonders stark concret, im sinne des handwerklichen, geistlosen, schustermäszigen schaffens: was die schreiberei betrifft, ... so trat ich ... ohne besinnen jeden augenblick ein ... und lieferte bei jedem anlasz den verlangten stiefel Keller
leben 1, 28
Bächt.; deutlich auf secundärer [] concretisierung beruhend: der schöne stiefel (kennst du den ausdruck für schlechte schreibweise?) paszt zu den schuhen, die ich dir schicke Jos. Joachim
briefe 1, 119
Moser. am ältesten bezeugt von tätigkeiten, zu denen eine besondere geistige haltung gehören sollte, in mehr oder weniger abschätzigem oder ironischem sinn; bezeichnend ist dabei der häufige zusatz von richtungsadverbien wie weg, hin, herab, fort
u. ähnl.: er predigt dir ... seinen stiefel weg, dasz es eine art hat Rabener 3, 44; wenigstens entsteht aus diesem allem das gute, dasz ich nicht mehr mein herz an das projekt hänge, aus diesen rohen menschen etwas machen zu wollen, meinen stiefel schlecht und gerecht hin lehren werde Fichte
leben u. briefw. 1, 336
anm.; er unterrichtete seinen stiefel weg, und sie waren mit ihm zufrieden Alexis
Isegrimm 45; sie sah auf die armen leute (
schauspieler), welche hier ihren stiefel herabspielten, verächtlich herab Castelli
w. (1844) 10, 210; ich ... spiele meinen stiefel. zärtliche väter sind mein fach Holtei
erzähl. schr. 37, 122; ich arbeite ruhig meinen stiefel weg P. Cornelius
lit. w. (1904
ff.) 1, 114;
so auch: Italien lebt als drittes in der reihe ruhig seinen stiefel fort, schwelgt im altertum Fr. L. Jahn
w. 2, 736
Euler; dann lebt man vergnügt und unbehelligt seinen stiebel runter O. E. Hartleben
ausgew. w. (1920) 3, 178. —
in den mundarten leben redensarten noch stärker abschätzigen sinnes: ich schreib euch einen stiefel '
unsinn'
siebenbürg. bei Frommann
dtsche ma. 4, 414; der schreibt einen schenen stiefel Albrecht
Leipz. ma. 217; dä schript e stifel
schlechten stil Seiler
Basler ma. 278
b; der redt an stiefl zsamm
redet dummes zeug Hügel
Wiener dial. 157; der schuster redt ein stiefel zsamm Nestroy
w. (1890) 1, 124; plauder ken stiefl
sprich kein albernes zeug Ruckert
unterfränk. 176; an stiefel machen
einen fehler machen Jakob
Wien 183. —
gelegentlich scheint diese gruppe von redensarten mit der redensart anderen ursprungs seinen, einen stiefel trinken, vertragen
zusammengeworfen zu werden, s. u. 4,
sp. 2784. B@33) stiefel
in gelegentlichen und terminologischen sachbezeichnungen. B@3@aa)
im sinne von '
fusz'
oder '
bein'. B@3@a@aα)
gelegentlich in redensarten des sinnes '
von kopf zu fusz': wer heute in unserem vaterlande allein die abrüstung predigen wollte, der wäre ein hochverräther vom hut bis zum stiefel Rosegger II 2, 131;
meist mehr oder weniger eigentlich: (
der soldat) ist adrett wie einst, vom stiefel bis zum kopf, beruhigt uns geradezu in seiner strammheit Dwinger
wir rufen Deutschland (1932) 27; viele (
reisende) sind mit einer allgemeinen musterkarte ganz eigentlich drapiert, und tragen ihre reisegeschichte mit sich herum; man kan ihnen, von ihrem hut zu den stiefeln, aus Italien, durch Frankreich, nach England folgen H. P. Sturz
schr. (1779) 1, 58.
hierher auch: ich schlah der rotzigen pauren vier umb ir kopf und umb ir stifel das sie vor mir ligen als die zwifel
fastnachtspiele 1, 195
Keller. B@3@a@bβ)
von tieren mit farbigen beinen wird poetisch gesagt, sie tragen stiefel: rothe stieffeln trug er (
storch) für hosen Rollenhagen
froschmäuseler (1595) I i 5
a; wie mögt ihr denn mein schönes pferd rabenschwarz nennen? ... es ist ja ordentlich wie mit schönen weiszen stiefeln geputzt Fouqué
altsächs. bildersaal (1818
ff.) 4, 102;
ähnlich: allein, so bald ... der abend kömmt, dann taumeln sie (
bienen) gleich als von nektar trunken, mit gelben stiefeln angethan Triller
poet. betrachtungen (1750) 1, 27. B@3@a@gγ)
als fachausdruck in der vogelkunde: stiefel, '
der ... weder in schilder, noch in schuppen, noch in maschen geteilte überzug der fuszdecke (=
der hornige überzug des ganzen beins)' Illiger
mammalia et aves (1811) 187; die falken haben ein dick haupt, runde, kurtze vnnd leichtbewegliche oder gänge stieffel
J. B. Porta menschl. physiognomie teutsch (1601) 8.
[] B@3@bb)
älternhd. '
metallene beinschienen'
als teil der rüstung, wie lat. ocrea, das klass. lat. '
beinschiene',
mlat. auch '
lederstiefel'
u. dgl. bedeutet, vgl. Diefenbach
gloss. 392
c:
ocrea ein stiffel, mit welchen sich die kriegsleut waaffen, beinschynen Calepinus (1579) 1031
b,
vgl. ocreatus mit eisinen stifflen angethon
ebda 1032
a;
ocrea beinschinen, damit man die schinbein bewaffnet oder bewaret,
item stiffel Frisius (1556) 905
b;
vgl. unten gestiefelt,
sp. 2792. (
Goliath) hett erin styfel an den beynen (
vulgata: ocreas aereas)
erste dtsche bibel 5, 71; (
Paris rüstet sich) an seinen halsz ein pantzer legt, auch stifel an die fsz zumal mit ertz beschlagen uberall, darzu geziert mit rincken weisz, so er ein gürten that mit fleisz Spreng
Ilias (1610) 36
a,
vgl. noch stiefelring,
sowie mhd. stivellichin
unten sp. 2788.
so wohl auch: wie aber ein ain streyt geordnet wirdt, schreibt Apuleius ... der gürtet umb das swert, der nimpt für sich den schilt, der legt an das pantzer, der setzte auff den helm, der straifft an die stiffel, der sattelt, der zAemett das pferde Albr. v. Eyb
spiegel der sitten (1511) 98. B@3@cc) spanische stiefel
hölzerne schienen, die an die beine gelegt und dann zusammengeschraubt werden, häufig neben gleichbedeutendem beinschrauben;
als folterwerkzeug seit dem 17.
jh. bezeugt, wohl aus der inquisition stammend (
s. auch teil 10, 1,
sp. 1887): der spannische stiefel vorgezeigt (
der angeklagten)
a. d. j. 1615
zs. d. hist. ver. f. d. württ. Franken 2 (1848) 66; will ... der ubelthäter mit der bekantnis nicht heraus, so musz man ihn mit der schärffe angreiffen, die spanische stieffel oder beinschrauben anlegen Harsdörffer
secret. (1659) 2, 707; in Deutschland hat man die daumstöcke, die spanischen stiefeln oder die beinschrauben, ... die schwefeltropffen und pechfackeln u.
d. g., ingleichen die spanischen kappen, den dänischen mantel, die englische jungfrau, die braunschweigischen stiefeln, das mecklenburgische instrument
Chomel 8, 2040; beinstiefel, spanische stiefel, beinschrauben, beinfolter. ... bey den Niederländern ... heissen solche: scheeniser,
ocrea ferrea, tibiale ferreum Chr. U. Grupen
observ. de applic. tormentorum (1754) 192; beinschrauben oder spanische stiefel ... solche schraubstiefel
halsgerichtsordn. Maria Theresias 1 (1769) 111; und läszt ihn (
den inquirierten) so ... hängen und legt ihm dabei oft auch noch die spanischen stiefel an v. Wächter
beitr. z. dt. gesch. (1845) 102; faszt ihn und legt ihm die ketten an die hände. vielleicht, wenn er die spanschen stiefel trägt, fällt dann ihm ein, was jetzt ihm ist entfallen Otto Ludwig
schr. (1891) 3, 223.
bildhaft: (
er war) jederzeit für grande représentation, und wenn er zu diesem zweck auch in spanische stiefel geschnallt worden wäre Fontane (1920) II 2, 63; diesem ... menschen muste das ... zipperlein oder podagra seine spanische stiefeln angelegt haben Lindenborn
Diogenes (1742) 1, 459; hierdurch gerieth die schrift in schröckliche gefahr: denn man verdammte sie, die folter auszustehen, sie muste satz vor satz in spanschen stiefeln gehen, bis ihr vor angst und schmertz ein stummes wort entfuhr Dan. Stoppe
dt. ged. 2 (1729) 102; mein theurer freund, ich rath euch drum zuerst collegium logicum. da wird der geist euch wohl dressiert, in spanische stiefeln eingeschnürt Göthe 14, 90
W.; wenn (
der gedanke) in die herkömmlichen spanischen stiefeln hätte eingeschnürt werden müssen A. Schopenhauer 2, 505
Grisebach; die spanischen stiefeln der logik Gervinus
gesch. d. dtschen dichtung (1853) 5, 111. B@3@dd) tragischer stiefel
im sinne von '
kothurn': man suchte sich aus dem mittelstande helden und schnallte ihnen den tragischen stiefel an, in denen man sie sonst, nur ihn lächerlich zu machen, gesehen hatte Lessing 6, 6
M.; im sinne von trauerspiel: den tragischen stiefel und die komische socke (
lustspiel) war eben derselbe dichter nicht gewohnt zu tragen
ebda 6, 265.
[] B@3@ee)
gelegentlich als bezeichnung für Italien, auf grund der auf der landkarte sichtbaren form: ja — er! (
der papst) — der listge alte selber, der dreimal bekrönt in ihrem (
Europas) stiefel hauset Zach. Werner
söhne des thals (1803) 1, 9; nach Neapel hinfahren und durch den ganzen langen stiefel hinauf ziehen ohne rückhalt in der kasse, das ist höchst bedenklich Görres
briefe (1858) 3, 374. B@3@ff) stiefel
als röhre, kolben u. ä. B@3@f@aα)
am pumpwerk: stiefel '
an den wasserkünsten, spritzen, luftpumpen etc. diejenige röhre, in welcher die pumpstange mit dem kolben oder der stempel auf- und niedergeht' Campe 4, 654
b (
vgl. auch schuh
teil 9,
sp. 1853, 3 d); stiefel wird in der hydraulik bey dem röhrwerke diejenige röhre genennet, worein das ventil gesetzet, und die pumpstange mit dem kolben auf und ab beweget wird Wolff
mathem. lexikon (1747) 1258; (
der druck des wassers) geschieht vermittelst hierzu eingerichteter röhren, gewisser in diese eingepaszte kolben, sogenannte stiefel
allg. haushaltlexikon (1749
ff.) 2, 594
b; (
eine pumpenröhre) wird die kolbenröhre oder der stiefel genennet J. W. Langsdorf
salzwerke (1781) 340; (
es) besteht die luftpumpe aus einem hohlen metallenen cylinder (stiefel) Liebig
hdb. d. chemie (1843) 1, 32; Karmarsch-Heeren
technol. wb. (
31876
ff.) 5, 676;
ebenso bei feuerspritzen u. ä. s. allg. haushaltlexikon (1749
ff.) 3, 373; Jacobsson
technol. wb. (1781
ff.) 4, 294
b;
vgl. auch stange
teil 10, 2,
sp. 802: zum exempel: es stünde ein hültzener rundholer stifel im wasser eines schuchs weit offen, der hette unden am boden ein rundes loch eines zolls weit, das ging in eine röhren, in die höch gerichtet Joh. Kepler
opera 5, 535
Frisch; (
man treibt das wasser) durch diese see (gleichsam als wie durch teichel, schläuche oder stiefeln bey einer wasserkunst ...) Grimmelshausen
Simplizissimus 414
ndr.; der obere wasserthurm hat drey thürme oder besondere reservoire. in denselben sind 25 messingene stiefel im gange Nicolai
reise durch Deutschland (1783
f.) 7, 77; ich habe da eine feuer- oder dampfmaschine ... gesehen ... (
man) macht noch ein geheimnisz daraus; ich habe aber so viel gesehen, dasz der stiefel oben zu ist Lichtenberg
briefe 1, 233
L.-Sch. allgemein röhre: die nichts mehr, dann im chor wie die ochsen prllen, oder zum wenigsten, wie eine hummel im stiefel, brummen kOennen Cyr. Spangenberg (1562)
wider die bösen sieben n 3
b. B@3@f@bβ)
orgelröhre, orgelpfeife: stiefel ist an den schnarrwerken der theil von der pfeife, worinn der kopf mit dem mundstück steckt, und worauf der körper der pfeife steht: wodurch auch der wind in das rohrwerk getrieben wird Jacobsson
technol. wb. 4, 294
b; weil gemeiniglich die cörper (
des rohr- oder schnarrwerks der orgel) auf gewisse klötzen stehen, die man stiefel heisset Mattheson
capellmeister (1739) 464; demnach musz z. b. eine 8 füszige zungenpfeife auch einen 8 fusz langen stiefel haben G. Töpfer
lehrb. d. orgelbauer (1855) 2, 757. B@3@f@gγ)
im obd. stiefel
der untere fortsatz an der tabakspfeife, s. Fischer
schwäb. 5, 1761
f.: auch an der untern kante, so wie am stiefel war der pfeifenkopf mit silber beschlagen Auerbach
dorfgeschichten (1861) 1, 40;
vgl. stiefelpfeife. B@3@f@dδ)
botanisch als schaftförmiger pflanzenteil: stiefel,
pero (
ist dasselbe wie) tute,
ochrea ... ein blattförmiger körper, der ... den stengel innerhalb des blattstils nicht allein, sondern auch unterhalb desselben in gestalt einer walzenförmigen scheide umgibt Röhling
Deutschlands flora (1823) 1, 85
dazu 90. B@44) stiefel
als trinkgefäsz (
vgl. auch schuh
teil 9,
sp. 1851
γ).
dagegen, dasz stiefel
in dieser bedeutung mit an. staup
becher, mnd. stôp,
ahd. stouf
zusammen auf eine gemeinsame wurzel *steu-p
zurückgehe (Falk - Torp 2, 1199; Walde - Pokorny 2, 619),
spricht, dasz die bezeugung erst im 16.
jh. beginnt und von vornherein an die form der fuszbekleidung anknüpft; dabei kann es sich jedoch um volksetymologie handeln: ein glasz, was geformiert wie ein stifell Th. Platter 68
Boos (
v. j. 1529); man seufft ausz theereimern,
[] hüten, schuen. ... item schuch und stifel macht man, darausz zu trincken
theatrum diabol. (1569) 449
b; nun mag ich jetzt schier nicht mehr schwetzen, s maul ist mir z dürr, ... der mir ein stiffel voll jetzt brächt, ich sagt ihm danck G. Gotthart
zerstörung Trojas (1598)
akt 9; nur der trinksaal war unverändert und ... mahnte ... an die fernen, fernen tage, wo der 'stiefel' erfunden wurde, der auch den herzhaftesten enkel noch jetzt mit ehrfurcht ... erfüllt Hebbel
w. 9, 269
Werner; sprichwörtlich: wer keine kanne hat, musz den stiefel ... gebrauchen Düringsfeld 1, 463
b.
heute in den mundarten lebendig, s. bei E. v. Czihak
schles. gläser (1891) 88
f.; 234;
besonders obd.: stifel '
tiefes bierglas', '
halbe masz bier' Fischer
schwäb. 5, 1761; eine bouteille wein heiszen sie stiefel (
a. d. j. 1781)
ebenda; stifeli '
ein spitzgläschen',
auch stüfili Tobler
Appenzell 407
b; stifeli Hunziker
Aarg. 254; Seiler
Basler ma. 278
b; stifl
blechernes biergefäsz, eine masz haltend Mareta
Österreich 2, 65
a; kellner, an stiefel! (
bier) Loritza
Wien 126;
so auch: stewel moth sterwen, es noch so jongk Leithäuser
Barmen 150.
erstarrt in den wendungen: einen stiefel trinken, vertragen
u. ä. (
vgl. auch B 2),
s. Voigtel
wörterbuch (1793
ff.) 3, 357
b;
besonders häufig im nd., aber auch sonst belegt: en gooden stevel supen Schütze
Holstein 4, 199; Dähnert 461; Strodtmann
Osnabrück 230;
obd. en stifel trinke Hunziker
Aarg. 254. stewel verdregen Leithäuser
Barmen 150; Spiess
Henneberg 243; Brendicke
Berlin 178;
besonders einen stiefel vertragen
ist sprichwörtlichredensartlich geworden und kann auch übertragen in verschiedenstem sinn gebraucht werden, s. Körte
sprichwörter 414; Zoozmann
zitaten- u. sentenzenschatz (
21911) 1366.
literarisch schon im 16.
jh., wenn auch in anderer form: mich dürstet, dass ich möchte schumen; so gsich ich an dim spüwen wol, du hieltist ouch ein stifel vol H. R. Manuel
weinspiel 186
ndr.; (
er stellte fest) dasz ein zu starcker herr in seinem fuhrwerck sasz, der seinen stiefel tranck und seinen teller asz Henrici
ernst- scherzh. u. satir. gedichte (1727
ff.) 2, 548 es schlieszt ferner nicht aus, dasz, wie in Deutschland die studenten, so auch in Ungarn (
das volk) ... seinen tüchtigen stiefel trinkt K. Braun
reiseeindrücke 1, 54. B@55)
als gewichtsbezeichnung für 10
pfund, vielleicht vom behälter auf den inhalt übertragen, vgl. stumpf (
s. teil 10, 4, 438),
dann 4
nahe; vgl. auch schuh
als längenmasz (
teil 9,
sp. 1851);
alem., s. Stalder
schweiz. idiotikon 2, 398; Martiny
wb. d. milchwirtschaft (1907) 122.