vorsein,
verb. ,
vgl. fürsein
th. 4, 1, 1,
sp. 811; Lexer 3, 587;
preesse vorwesen Diefenbach
gl. 453
c;
presidere vore sin 457
a; vorseyn Maaler 476
c; Stieler 174; Frisch 2, 407
a; Adelung; vorsein Campe. —
zusammenschreibung verwirft schon Adelung,
sie ist allmählich ungebräuchlich geworden. er meint, und ihm nachredend Campe
ebenso irrthümlich, dasz vorsein
nur im gemeinen leben gebraucht werde, während doch in jener zeit wenigstens das part. vorseiend
durchaus schriftgemäsz ist und z. b. von Göthe
oft verwendet wird; vgl. Fischer schwäb. wb. 2, 1639;
schweiz. idiot. 7, 1044; vor sein
th. 10, 1,
sp. 298. 11) vor
in räumlichem sinne, besonders wie voraus: er ist schon weit vor; vorseyn, weiter voraus seyn Frisch 2, 407
a;
vgl. auch Fischer
schwäb. wb. a. a. o.; übertragen: die alten sind auch in diesem stücke so weit vor Herder 3, 395
S. —
vorüber, vorbei: der wagen mit dem gelte ist vor,
sive vorbey Stieler 174. 22)
verdecken, so dasz man nicht sehen kann: der schleier ist vor, ich kann das gesicht nicht erkennen;
den zugang wehrend: ich kann nicht durch, es ist etwas vor Adelung. 33)
in übertragener anwendung entwickelt sich in älterer sprache der sinn aus dieser räumlichen vorstellung, vor etwas sich stellen und stehen kann schutz sein (
s. unter 5),
anderseits kann eine bewegung durch davorstehen gehindert werden, so entsteht die bedeutung abwehren, verhindern: vorseyn, einem vor dem tod seyn; einem vor schaden und gfaar seyn Maaler 476
c; ich will schon vor seyn,
id praecavebo ne eveniat Stieler 174;
mit dem dat.: demselben vor zuo sin und solches künfftiglich zuo fürkommen
nüwe stattrechten ... d. statt Friburg (1520) 24
b; bittend, sie solten dem vorsein und verhüten
Jan de Serres frantzös. hist. (1574) 186
a; sölchem uberfal in künfftigem vorzuseyn Stumpf
Schweizerchron. (1606) 384
a; so süllen sij unser losung nicht widersteen noch vorsein Lori
samml. d. baier. bergrechts (1764) 24 (
von 1718).
mit dem genit.: wellend ir ... uns vorsin der nuwerung, der unbillichait und beschwerden
bei Franz
d. dt. bauernkrieg, aktenbd. (1935) 32;
vgl. Fischer
schwäb. wb. 2, 1639. —
diese bedeutung ist erhalten in der wendung: da sey gott vor,
quod deus prohibeat Frisch 2, 407
a; solt uns der Türck übermögen, da got vor sey S. Franck
sprüchw. (1541) 2, 12
b; da sei gott vor Göthe 8, 52
W. 44)
einem gegner im kampfe widerstehen: (
gegatromeus, ein stein) macht seinen tragær sighaft an streiten und mag im nihts vor gesein in mer und auf erden Konrad v. Megenberg
buch d. natur 448
Pf.; do sie sachen, das sie im nicht vor mochten sein, do schickten sie umb hilff Schiltberger
reiseb. 20
lit. ver. 55)
wie vorstehen
zur bezeichnung von aufsicht, befehl, leitung, verwaltung, dann auch schutz und fürsorge; vgl. Fischer
a. a. o. 5@aa)
in bezug auf personen, verbände: der alt stamkünc Senebor von Cappadocia vor scholt sin der sibenden schar Johann v. Würzburg
Wilh. v. Österreich 16402
Regel; wan er nun alt und kranck worden were und dem reich nit notturfftiglich vor gesein möcht
dt. städtechron. 3, 288, 35 (
Nürnberg); das ir nach einem gedenckent, der euch anweisz und der euch vorsei
histori von d. statt Troia (1499) e 4
a; ir gemeinde mit guter nutzparer ordnung und gesetzen vorzusein und zuversehen
Nürnb. polizeiordn. 226
lit. ver.; da ... sint die aller fürnempsten menner den schuolen vorgwesen Hedio
chron. Germ. (1530) 5
b; er ist dem reich vorgewesen 47 jar S. Franck
chron. Germ. (1538) 161
a; darzu helf euch got und sant Kilian ... und darzu die himelkonigin, dasz ir dem stift möcht vorgesein Liliencron
hist. volksl. 2, 332. 5@bb)
mit unpersönlichem dativ, wobei der sinn der fürsorge hervortritt, häufig ist einem amte vorsein
u. ä.; procurare vorsin Diefenbach
gloss. 462
a; (
er soll) deinem wesen vorsein und dich getreulich ziehen Steinhausen
privatbr. d. mittelalters 1, 90; welch priester irem ambt vor sein ... dieselben sol man in zwifachen eren halten Berthold v. Chiemsee
t. theologey 467
R. (die eltesten die wol furstehen
1. Tim. 5, 17; die priester, die do wol vorseind
d. erste dt. bibel 2, 219
K.); (
dasz) die procuratores von menige der sachen wegen beden emptern nit woll vorsein mögen
cammergerichtsordnung (155) 25
b; hilff, lieber gott, das ich meinem dienst mag trewlich vorsein Mathesius
erkl. d. ep. an die Corinther (1591) 1, 93
a. — vorseyn und nutzseyn ist ein sorg Wander
dt. sprichw.-lex. 4, 1700. 66)
in gegenwart jemandes sein, z. b. in folge eines befehls, einer ladung Fischer
schwäb. wb. 2, 1639. —
dann aber in freier übertragung, mit unpersönlichem subject in mannigfaltiger anwendung. es kann gemeint sein, dasz etwas in gedanken vorschwebt, oder aber, dasz es bevorsteht, besonders aber, dasz etwas im werke, gegenstand einer besprechung, behandlung, eines vorsatzes, planes ist. Heynatz
antibarb. (1796) 2, 603
bezeichnet diesen gebrauch als oberdeutsch, s. auch Fischer
a. a. o. hierbei ist vor allem die früher so häufige verwendung des
part. prä
s. zu erwähnen. 6@aa)
zu beachten ist, dasz auch vorschweben im sinne von bevorstehen gebraucht werden konnte, s. vorschweben 6:
obversor etwan vor seyn, etwan vor schweben Calepinus
dict. XI ling. (1598) 977
b; es war mir vor,
praesagiebat mihi animus Dentzler
clavis ling. lat. (1716) 338
a; wie ... etlichen burgern der statt sölich fürnemmen vorgewesen ... war, hatten sich deren etlich bewaaffnet Stumpf
Schweizerchron. (1606) 385
a; ir könt leicht gedencken, wie ich erschrocken bin ... es ist mir doch vorgewest Elis. Charlotte
br. 3, 254
Holland; es ist mir langest vorgesin, des ich ietz innen worden bin
schweiz. schauspiele d. 16. jh. 1, 250
B.; soll ich an disem ort lang sein, so musz ich kranckheit hon und pein, das ist mir vor und werdts auch sehen Scheit
d. frölich heimfart 499
Strauch; doch ist dir sonderlich für diszmal vorgewesen, du werdest etwasz bösz ausz näuer zeitung lesen Rompler v. Löwenhalt
erstes gebüsch s. reimget. (1647) 136. 6@bb)
im werke sein, verhandelt werden, vorliegen, aber auch bevorstehen: das recht aug tantzt mir im kopff. das ist, es ist mir ein grosz glück vor S. Franck
sprichw. (1541) 14
b; habe aber wegen der händel bei der kanzelei, so vorgewesen, abschreiben müssen Schweinichen
denkw. 552
Ö.; dieser stadt ist eine grosze gefahr vorgewesen, wann es gott nicht sonderlichen gemittelt Peccenstein
theatrum Saxon. (1608) 3, 133; er leicht vermuten konnte, dasz ihm etwas von sonderbarer wichtigkeit vorseyn würde A. U. v. Braunschweig
Octavia (1677) 1, 9; wir hören, dasz so was vorsein soll Klopstock (1823) 12, 82; er leugnet, dasz gegen die königin etwas vorgewesen Rehberg
untersuch. über d. franz. revol. (1793) 3, 167; als er fragte, was da vorwäre br. Grimm
kinder- u. hausmärchen (1812) 1, 268; dann Prisous liesz genug, dasz etwas vorsey, spühren König
ged. (1745) 407; glaub mir, es ist was vor — und gegen dich! ich weisz nicht, was sie sinnen Eichendorff (1864) 4, 600. 6@cc)
auszerordentlich häufig, doch ebenfalls veraltet ist vorseiend,
was vorliegt, im werke ist, verhandelt, vorgenommen wird, in aussicht steht, geplant wird, dann auch was zur zeit stattfindet, gegenwärtig ist u. ä.: im vorwesenden (
diesem) jahre Wedel
hausb. 235
lit. ver.; in den damahlen vorwesenden kriegen 245; bey vorseyenden jagen Göchhausen
notab. venatoris (1741) 318; auf dem eben vorseyenden landtage Nicolai
Seb. Nothanker (1773) 1, 73; von den vorseyenden geschäften Klopstock
gelehrtenrep. (1774) 199; in betreff einer vorseyenden vertauschung verschiedener werke Lessing 18, 363
M.; ein buch, das er in einer vorseienden auction im katalog angestrichen Göthe 41, 2, 370
W.; über die vorseyende affaire III 1, 30;
besonders in den briefen, vgl. z. b. IV 10, 149; 19, 300; 24, 154; 25, 35; 30, 17; 41, 43; durch die vorseiende veränderung Schleiermacher (1834) I 5, 79; die vorseiende heilige handlung darf nicht gestört werden Immermann 2, 163
B. 6@dd)
das part. prät. kann in gleichem sinne gebraucht werden, nur dasz die vorstellung in die vergangenheit gelegt ist: die tegliche experienz und erfahrung sonderlichen jüngster vorgewesener, aber nunmehr ... gestilter krieg
verh. d. schles. fürsten u. stände 2, 15
Palm; bey dem zu Franckfurt vorgewesenen convent Chemnitz
schwed. krieg 2 (1653) 233; bey jüngst vorgewester churbayerisch-französischer invasion
bekanntmachung von 1705
bei Steub
drei sommer in Tirol (1895) 2, 14; (
es ist) eine fabel, dasz die vielen wachskertzen bey seiner vorgewesenen beerdigung die kirche angestecket Hahn
einl. zu d. t. staats-, reichs- u. kaysergesch. (1721) 4, 235; von meinem vorgewesenen rufe (
verhandelten, geplanten) Lessing 18, 24
M. 6@ee)
anderseits wurde das part. prät. mit vor
in zeitlichem sinne in der bedeutung von früher, ehmals gewesen gebraucht: unserm vorgewesenen herrn Reutter v. Speir
kriegsordnung (1594) 20; allen vorgewesznen ruhmwirdigsten keysern Stumpf
Schweizerchron. (1606) 199
a; wie? oder beut man auch allda, was hundertmal schon vorgewesen, der welt noch hundertmal zu lesen?
bei Weichmann
poesie d. Niedersachsen (1721) 4, 202.
sehr frei: an dem vorgewesnen ort wüst er einen guten braten
Reinicke fuchs (1650) 80.