zotte,
f. ,
ahd. zota, zata Graff 5, 633,
mhd. zote, zotte
mhd. wb. 3, 947
b, Lexer 3, 1154.
noch im 18.
jh. auch zote
geschrieben, sogar von Adelung,
s. bei zote.
es hat im nhd., zum theil wohl schon früher, das daneben vorhandene schwache masc. verdrängt, s. bei zott.
da das wort überwiegend im plur. gebraucht wird, war das gramm. geschlecht meist nicht kenntlich. es ist möglich, dasz die nhd. ganz zur geltung gekommene verdoppelung des t
von dem schwachen masc. stammt. in den übrigen germ. sprachen findet sich nur das masc., an. toddi,
m. Fritzner 3, 709
b,
nd. tot Schambach 233
a.
die ursprüngliche form und das geschlecht von engl. tod
ist nicht festzustellen. das an. m. tǫturr,
nom. plur. tǫtrar Fritzner 3, 741
b '
fetzen, lumpen'
hat dieselbe ableitung wie ahd. zaturra,
f., hure Graff.
verwandt ist mhd. zotte
heuschwade Lexer 3, 1154
b,
noch in neuerer zeit angeführt bei Schmid
schwäb. wb. 541.
zu diesem gehört wieder an. tad,
schw. dial. tad
n. dünger Falk-Torp-Davidsen 1240.
das entsprechende verbum ist mhd. zetten,
nhd. verzetteln,
an. teðja '
düngen' (
verwandte verben in heutigen nord. dial. bei Falk-Torp-Davidsen).
die germ. grundform war offenbar ein in der landwirthschaft besonders gebrauchtes verb und hatte die bedeutung, '
heu oder dünger gleichmäszig auf dem felde ausbreiten'.
weiter zurück gehört es zusammen mit gr. δατέομαι.
die allgemeine bedeutung '
gleichmäszig verteilen'
liegt dem got. ungatass,
adj., zugrunde, vgl. Fick 4 1, 451; 3, 167.
der zusammenhang mit diesem verb zeigt sich am besten in dem Grubenhagener tot '
vom heu: ein maulvoll; en tot hû.
ähnlich bei flachs, hede u. s. w., so viel als man mit einem mal faszt' Schambach.
auch in engl. maa. ist tod '
ein bündel heu',
engl. dial. dict. 14, 175
b.
es ist also ein ursprünglich bei der arbeit des heuens und düngens übliches wort auf andere vorkommnisse des bäuerlichen lebens übertragen. die ursprüngliche bedeutung war dann '
der einzelne griff beim streuen des heus oder düngers',
dann '
die menge heu oder düngers, welche bei einem griff mit der gabel gepackt und ausgestreut wird'.
so wird es wie zopf,
s. oben sp. 83,
zu einem masz, zunächst von waren, die sich ähnlich packen lassen, deutlich im engl. tod '
gewicht, im wollhandel üblich, meist 28 ℔' Skeat 647
b;
english dialect-dict. 14, 175
b,
weniger deutlich in an. toddi '
kleines stückchen',
crustulum. dann ist es auch auf lebendes übertragen und bedeutete nun '
so viel wolle, wie man am schaf, oder so viel haare, als man am menschen mit einer faust fassen kann'.
diese bedeutung gibt Schambach
auch. so kommt man auf das deutsche zotte,
m., f. es bedeutet nie schlechthin haarbüschel, wie etwa schopf
und zopf,
sondern immer unordentliches, zerzaustes oder, wie beim schaf, wollig verfilztes haar. den übergang vom zausen zum struppigen bietet auch zausbärtig: der alte zausbärtige schloszherr C. Hauptmann
Einhart der lächler 2, 201.
diese entwicklung gehört mindestens dem westgerm. an. die mannigfachen bedeutungen von tod
in den engl. maa. zeigen, dasz es nicht etwa ein lehnwort aus dem nord. ist. wahrscheinlich vom buschigen schwanz hat der fuchs den beinamen tod
bekommen, daher auch ein brettspiel tod and lamb. tod
als busch wird besonders von der eibe gebraucht ivy-tod Skeat, Jamieson
scottish etym. lex. 4, 591. tod
ist auch der wipfel eines gekröpften baumes, dann der ganze baum, schlieszlich, völlig vom ursprünglichen abliegend, ein baumstumpf engl. dial.-dict. 14, 175
b.
bedeutung: 11) zotte
ist ein haarbüschel bei thieren, insbesondere die verfilzten, durch schmutz verklebten, wie zottel 1)
und nordfries. tāder '
baumelnde kladde in den haaren des viehs, klabuster' Schmidt-Petersen 133
a,
vornehmlich bei solchen mit wolligem vliesz, wie schafen, ziegen, hunden, bären: villus, dependentes sine ordine pili haarzotte Frisch 2, 481
c; '
eine anzahl herabhangender und zusammenklebender haare' Adelung,
ähnlich Campe; die böck haltet man für die besten, die grosz und weitseittig seind, mit groszen hüfften, die voll dicker langer weiszer zotten hangen Mich. Herr
feldbau 204
b; der lewen seind zweierlei geschlecht, eins kurz und gestoszen, mit krauszen zotten Eppendorf
Plinius 8, 51; sie (
die bären) schüttelten brummend die um sich gieszenden zotten E. v. Kleist 1, 175
Sauer; wir schlummern in grotten, umkräuselt von zotten sicilischer vliesze Matthison 1, 157; Barry voran, obgleich in scheiben und schollen sich die zotten reiben Droste-Hülshoff 2, 62.
so von ähnlicher bewachsung bei thieren: von den underen kyffbaggen (
des radfisches) hangend härab fleischlechte zotten, kurtz und lind Geszner
thierbuch 3, 20
a Herold-Forer. der heutigen naturwissenschaft ist das wort durchaus geläufig, vgl. auch unten bei 6): die ohren (
der steppenantilope) .. innen mit ... zotten bekleidet Brehm
3 8, 414.
danach auch von weichen, wolligen stoffen: denn über disz .. müssen die fädene der werfte von fast unzehlbaren zotten gefaszt .. werden Lohenstein
Arminius 2, 189
b; heftete über den rock mit einem hafte den weiten doppelten mantel, weich und rauh von seidenen zotten Stolberg 11, 332 (
Ilias 10, 131); sprachs und nahm vom haupte den schöngeformeten filzhut, weisz und samtener weiche, mit bräunlichen zotten gerändet Voss
ged. 1, 134. 22) zotten
sind haare von menschen. 2@aa)
die wüste behaarung wilder, verwilderter männer: unter den knien hangen ihnen (
einer art wundermenschen) lange rauche zotten herab Prätorius
anthropodemus plutonicus 1, 403; doch wie kompts, hör, mein sauber Nas, das weil du alls kanst riechen bas, das dir nicht selbst in busen riechst und deine groben zotten siehst (
wortspiel mit zotten = zoten) Fischart
Dominici artlich leben 128
Kurz; Lampard, der rauche heiszt der zweite mann, denn zotten trägt sein leib im überschwange Gries
Bojardos verl. Roland 1, 28; (
glaubt ihr denn) dasz, weil zuweilen unter zotten schlägt ein herz, wo grosze elemente schlafen, deszhalb, wer eine feine wolle trägt, unfehlbar zählt zu den merinoschafen? Droste-Hülshoff 1, 70. 2@bb)
ungepflegtes, unordentlich herabhängendes haar von weibern: mein magt die ist stutfaul, die zotten hangen ir ins maul Forster
frische teutsche liedlein 195
neudr. stehende wendung, so auch H. Sachs 22, 510
Keller-Götze. 33)
wie die verschmutzt und verklettet herabhängenden zotten, besonders des kleinviehs, heiszen zotten
die am boden schleifenden schmutzig-zerfetzten kleider, dann allgemein fetzen, lumpen: corruptela Diefenbach 153
b,
nov. gloss. 116
a;
fratilli 246
a;
quadrulus nov. gl. 310
a;
sarcimen nov. gl. 327
a.
mundartlich in südd. Schmeller
2 2, 1166; Lexer 266; Schöpf 765.
auch in der literatur: da wandeln sich plötzlich vor den augen der mutter die kleider der töchter in zotten Grimm
d. mythol. 4 2, 771.
md. mehr zottel,
s. d. wort. schwäb. hiesz früher zod
auch schleppe Fulda
versuch 603
a;
germ. wurzelwörter 295.
vgl. an. tǫturr,
s. o. 44) zotte
ist daher ein schlumpiges, dann ein liederliches frauenzimmer, vgl. ahd. zaturra '
hure',
an. tǫtrughypja
ancilla Sveinbjörn 821
a, huttl
in Tirol, aus hutten
hadern, fetzen Frommann 6, 157, zerrissenklaide oder hur oder ruffyanyn
lena voc. theut. 1482 pp 6
b.
diese beiden, sich mischenden bedeutungen sind über das ganze festländische gebiet verbreitet Unger-Khull 654; Schmid
schwäb. wb. 551; tutte, onnoozel, slordig vrouwpersoon, ook los, zedeloos vrouwspersoon Dijkstra 354
b.
vgl. auch bei zottel.
literarische belege: die alte zoht, die herzoginn von Zell, breydt zu Paris ein geschrey ausz, so mich piquirt hatt Liselotte 1, 163
Menzel; damit der herr mit der zote ein vergnügtes leben führen kann Rosegger
weltgift 28 (
das wort ist unmittelbar aus der ma. genommen, daher einfaches t). 55) zotten
sind auch putz der kleidung. 5@aa)
im 16.
jh. die spitzen, herabhängenden lappen, besonders an den weiten hosen, mit lappen oft zusammen genannt: sonst möchten ihne die hundt an den zotten halten Fischart
geschichtsklitterung 1, 247
neudr.; wer jetzt nicht pluderhosen hat die schier zu erden hangen mit zotten, wie der teufels hat, der kan nicht höflich prangen Joh. Walther
bei Ph. Wackernagel d. kirchenlied 3, 191; so machte ich den frawen an die kappen zoten und zerhaute lappen
altd. passionssp. aus Tirol 270
Wackernell; ein rote kapp mit vier farben, nemlich roten, gelben, weisen und graen zotten Thomas v. Absberg 198; ire hüet sind von weiszen filtz, gleich wie die griechischen priester tragen, allein dasz sie gerings herumb mit langen zotten und tollen ausz roszharen behenget sind Niclas Nicolai
reysz in die türkey (1572) bb
c. seit man die engen schue erdacht und zoten und lappen auf die cleider macht Schmeller
2 2, 1166. 5@bb)
fransen: der ein grosze grüne sidene schnur als ein barfüszergürtel hat, mit groszen zotten, sydenen fasen Judas nazarei
vom alten u. neuen gott 142
neudr.; die andern reichten brot behend, handtthücher rein, lang zotten dran Murner
Äneis (1543) 24
b; zwei hemden, eins mit knoten, das ander aber hängt voll frantzen und voll zothen Henrici
ged. 1, 524. 66)
an pflanzen und den inneren theilen der thiere: wahr ist es, dasz er (
der hirs, die hirse) nicht dick darf gesäet werden, so bringt er schöne grosze kolben oder zotten (
fruchtstände) Hohberg
georgica curiosa 2, 42; Schmeller
2 2, 1166.
als fachwort der botanik: apices, croci, zoten, sind spitzen oder zäsergen, welche gemeiniglich in den blumen an den sogenannten drätgen hangen Chomel 1, 564; zotten '
eine partie langer weicher haare, womit pflanzentheile bedeckt sind' Dietrich 10, 477, Bischoff 226.
hiernach in freier anschaulicher bildung bartzotten: murmelnd und schäumend kam das wasser .. gehüpft, .., geheget von den fichten, so mit grauen bartzotten behangen wie alte riesen aussahen Wille
Abendburg 45.
in der anatomie nennt man zotten
die faserigen organe im inneren der därme, die bei der verdauung thätig sind allg. d. biblioth. 12, 2, 266; Sömmering
bau des menschl. körpers 6, 891.
botanik und anatomie brauchen viele zusammensetzungen wie zottenbau, -bildung, -haut, -öffnung, -spitze, zottenförmig, -reich
u. s. w. 77)
in den maa. der deutschen Alpen ist zotte, zatte
legföhre, knieholz, pinus mughus Schmeller
2 2, 1159, Lexer 266.
daneben allgemeiner '
büschel'
der (
heidelbeeren)
schwarzbeeren Schöpf 827.
hierzu zette, zötte
dirngestrüpp, gesträuch Schöpf, zettach, zöttach
gestäude wie der heidelbeeren Schmeller.
diese wörter berühren sich mit engl. tod
und dem verb. zetten
und dürfen als überbleibsel alter bedeutung und zugleich als beleg für den zusammenhang zwischen zetten
und zotte
angesehen werden.