gilde,
f. ,
auch n. und m. verbreitung, herkunft, form. 11)
ein in nd. lautgestalt ins hd. übernommenes subst. mit reicher sprachlicher und sachlicher geschichte, unmittelbar oder mittelbar (
s. u. 2)
zum vb. gelten (
teil 4, 1, 2, 3066)
gehörig; im got. nicht bezeugt. im verein mit seinen engl. und nord. entsprechungen hat es sich in den randgebieten der Nord- und Ostsee ausgebreitet; in der kontinentalen gruppe des westgerm. (
dazu afries. ielde, iold Richthofen
wb. 843
a)
gehört es bis ins 17.
jh. fast ausschlieszlich dem hansisch-nd.-ndl. raum (
kerngebiete: Westfalen und nördl. und westl. Harzvorland)
bis zu einer südgrenze Brüssel-Löwen-Hamm - Kassel - Göttingen - Halberstadt - Zerbst - Frankfurt a. O. an. erst später geht es in das gesamtdt. sprachgebiet über. auszerhalb des kontinentalwestgermanischen entspricht an. gildi '
bezahlung, trinkgelage, vereinigung mit gesellschaftlichen zusammenkünften und dem ziele, den mitgliedern gegenseitige hilfe zu sichern' (Fritzner 1, 595
a),
norw. gilde '
gasterei, geselliges vergnügen' (Torp 153
a),
schw. gille '
gilde',
dial. auch '
grosze gasterei, wie hochzeit, begräbnis u. dgl.' (Hellquist 187
a),
dän. gilde '
gilde, gastmahl, gelage' (Falk-Torp 310),
ags. gilde '
gilde' (
nicht im nom. belegt und von Bosworth-Toller 476
a und suppl. 465
b fälschlich zu gild, gield =
ahd. gelt
gezogen, vgl. Holthausen
aengl. etym. wb. 131),
dazu gegilde '
mitgliedschaft einer gilde' (Bosworth-Toller
suppl. 334).
wegen der bei gelten
und bes. geld (
teil 4, 1, 2, 2890
f.)
hervortretenden religiösen bedeutung sucht man auch bei gilde
den ursprünglichen geltungsbereich im religiös-rituellen und setzt als älteste bedeutung '
opfermahlzeit, opfergesellschaft'
an, vgl. bes. Rooth
altgerman. wortstudien (1926) 79
ff., nach dem aber die opfergemeinschaft erst sekundär aus profaner speisegemeinschaft erwachsen ist; doch ist seine annahme, dasz die wurzel ghel-d
ursprünglich '
essen, nähren'
bedeutet habe, kaum begründet. 22)
neben der ntr. ja-
bildung des anord. und aengl. erscheint kontinentalwestgerm. ein jō-
stamm gilda,
f. im sinne von '
gemeinschaft, festgeschlossene personengruppe',
eine bedeutung, die dem nord. ntr. im 11.
jh. eigen ist. auf ndl. boden herrscht vorzugsweise die bedeutung '
gemeinschaft',
und zwar ist gängig das ntr. in Holland, das fem. allg. ndl., ntr. und fem. gemischt in Flandern (
wb. d. ndl. taal 4, 2349).
das mnd. hat im sinne von '
gesellschaft'
durchweg das fem., vereinzelt bi des gildes (
fischergilde) willekorn (1400)
livl. urkb. nr. 1524; die uhralte brauerordnung zu besserm aufwachs des braugildes revidiret (
Rügenwalde 1645)
bei Schott
land- u. stadtrechte (1772) 2, 97,
z. t. als masc. zu sichern: den brauergilde
ebda 98; in diesen brantgilde (
Kiel ca. 1630) H. Fr. Wiese
Schönkirchen (1886) 87;
sieh auch Lasch-Borchling 1, 2, 112.
in der bedeutung '
gelage'
erscheint mnd. neben dem fem. häufig das ntr. und masc. (
s. u. sp. 7493,
sowie Schiller - Lübben 2, 110
und 111).
in Schlesw.-Holstein gill
als ntr. und fem. (Mensing
schlesw.-holst. 2, 379).
der plural ist meist schw., vereinzelt stark (de gilde:
Braunschw. n. 1500
in: chron. d. dt. städte 16, 306, 11). —
morphologisch ist *gildja-
am leichtesten verständlich als ableitung von *gelda- '
bezahlung, steuer, opfer' (
so Hellquist 187
a, Torp 153
a);
bei dem hohen alter des wortes ist auch beziehung auf das st. v. geldan
möglich (
so Kluge
11 207; Weigand-Hirt 1, 728),
und für die nord. bedeutung '
ansehen, wert, geltung'
liegt die auffassung als substantiviertes adjektivum gildr '
gültig, wertvoll, trefflich'
am nächsten; dasz aber *gildja-
als ganzes so zu erklären sei (Falk-Torp 310)
ist aus bedeutungsgründen und wegen der beschränkung des adjektivs auf das nordische sehr unwahrscheinlich. 33)
als wurzelvokal erscheint meist i;
daneben e: eninge vel gelde (1219)
urk.-buch d. stadt Goslar 1, 411; ghelde
voc. ex quo (
nd. 15.
jh.)
bei Diefenbach 148
a; die gelden J. Letzner
Dasselsche u. Einbeck. chron. (1596) 1, 81
a; gel, geldə
u. ähnl. Jos. Müller
rhein. wb. 2, 1231;
lokale diphthong.: geilde (
Korbach 1434) Bauer-Collitz 306; gheyle (
Brilon 1428)
bei Seibertz
urk.-buch v. Westfalen [] 3, 48.
eine form gulde —
selten ü
geschrieben: Frankf. a. O. ca. 1425
in cod. dipl. Brand. I 23, 173 (
mit ü
aus i, e
vor l Franck
mnl. gr.2 § 49,
oder schwundstufige bildung wie gülte?) —
findet sich geschlossen in Flandern-Brabant (
Brüssel, Antwerpen, Mecheln, Löwen, s. wb. d. ndl. taal 4, 2349)
sowie in der Mark Brandenburg: (
Stendal 1304)
hans. urk.-buch 2, 25; (
Perleberg 1345)
cod. dipl. Brand. I 1, 143; (
Bernau 1441)
das. I 12, 175; (
Wittstock 1373)
das. I 1, 410,
und ihren randgebieten: (
Parchim 1395)
meckl. urk.-buch 22, 462; (
Grabow i. M. 1459)
urk.-buch d. stadt Lübeck 9, 693; (
Zerbst 1398)
urk.-buch d. stadt Magdeburg 1, 460,
sowie in Ostpreuszen (1452)
akten d. ständetage 3, 452.
das gleichlautende nd. gulde,
f., '
abgabe' (
s. hd. gülte
teil 4, 1, 6, 1074)
ist dabei sicher nicht ohne einflusz geblieben. im 17.
u. 18.
jh. ist die schreibung gülde
häufig: in seiner gülde Zesen
verschmähete majestät (1661) 405;
vgl. auch die belege für gülde-
bei gildebrief, -bruder, -haus, -meister, -schmaus, -stube, -würdig. —
zu ll
assimiliertes ld
zieht sich durch das gesamte verbreitungsgebiet: (
Deventer 1323)
hans. urk.-buch 2, 168; gill, gille, gilde Stieler
stammb. (1691) 658;
ebenso Kirsch
cornucop. (1718) 2, 153
b; gylle, gel, jel Jos. Müller
rhein. wb. 2, 1231; gil Bauer-Collitz
waldeck. 40
a; gill Mi
Meckl. 27
a; Frischbier
preusz. wb. 1, 233
b.
die gelegentlich auf tauchende form mit -lt-
wird als umsetzung ins hd. anzusehen sein, vielleicht unter formalem einflusz von gülte, gilte, gülde '
abgabe' (
teil 4, 1, 6, 1074): gülte
contubernium voc. ex quo 1440
md. bei Diefenbach
gloss. 148
a; gulten Fischart
binenkorb (o. j.) 25
b,
s. unten sp. 7490;
corpus ... eine innung, gülten, zunfft Corvinus (
Frankfurt 1660) 1, 175; etliche gülten, das ist brüderschaften Otho
ev. krankentrost (
Nürnberg 1671) 302; gilte
et gülte Stieler (1691) 658
s. u.C; gilde, gülde oder gilte
Chomel (
Leipzig 1750) 4, 1091; Jacobsson 2, 94
b. 44)
sehr häufig sind latinisierte formen, vgl. auch Ducange
gloss. 4 (1885) 68
s. v. gilda: jura fratrum gilde (
Stendal 1231)
cod. dipl. Brand. I 15, 8; ghildam sive facultatem (
Höxter 1280) Nitzsch
kaufgilden (1880) 385; a gilda pannicidarum (
Salzwedel 1372)
cod. dipl. Brand. I 14, 67; pro gulda mercatorum (
Stendal 1304)
hans. urk.-buch 21, 25;
in karolingischer zeit: gildonia, geldonia, ghildunie, gilduniae (779)
monum. German. hist., leges II 1, 51; gellonia (789)
das. II 1, 66; gelda
in einem kapitular v. 884: ne collectam faciant quam vulgo geldam vocant
ebda 2, 2, 375. gilda/gelda
drang in der bedeutung '
opferversammlung german. soldaten'
ins vulg.-lat. ein und hat in den roman. sprachen eine reiche und selbständige entwicklung genommen J. Brüch
d. einfl. d. germ. spr. auf d. vulg.-lat. 105. 171; Meyer-Lübke
wb. 1, 321
b; Gamillscheg
Romania germanica 1, 173; 2, 188.
bedeutung und gebrauch. das wort erscheint auf dem boden des fränkischen reiches erstmalig im 8./9.
jh. als latinisierter volkstümlicher ausdruck eingestreut in lat. urkunden zur bezeichnung für eine spez. german. einrichtung. dann verschwindet es für uns auf mehr als drei jahrhunderte. seit anf. d. 13.
jh. (
vgl. z. b.: nulla gilda communis sine episcopi auctoritate statuetur
a. d. j. 1211
bei Stieda-Mettig
schragen d. gilden in Riga 669,
sieh auch unter A 1 a
β)
ist es —
abgesehen von wb.-belegen —
bis ins 16.
jh. fast ausschlieszlich urkundlich bezeugt als ausdruck nd.-ndl. gemeinschaftslebens. seit dem 15./16.
jh. zeigen sich, bezeichnenderweise zunächst in denkmälern, die, trotz hd. form und teilweise obd. herkunft des verfassers, dem nd.-ndl. nahestehen (Fischart
binenkorb 1579,
s.A 1 c;
N. Frischlin
braunschweig. pritschmeistersreime [
a. d. j. 1589]
in: dt. dicht. 168
lit. ver.; C. Knittel
poet. sinnenfrüchte [1677] 168)
ansätze zum übergreifen aufs gesamtdeutsche sprachgebiet; vom 17.
jh. an findet sich das wort vereinzelt auch in vocc. und wbb. obd. herkunft: Henisch (1616) 1621; Apinus (1728) 249.
neuen auftrieb erlebt das auf nd. gebiet teilweise noch lebendig gebliebene wort etwa seit der mitte des 18.
jh.: die ständig problematischer werdende sociale situation drängt seit den 30
er jahren in vielen staaten des reichsgebietes zu gesetzlicher neuordnung der städt. verhältnisse und bes. der handwerkerorganisationen [] (J. A. Ortloff
corpus juris opificiarii2 1820
verzeichnet für 1731-1801
allein 81
neue zunft- und gildestatuten).
mit der sache gewinnt das wort an interesse. der braunschweig. hofrat K. A. Schrader (1732-1780),
an den gildeordnungen von 1765
nicht unbeteiligt, gebraucht es vielfach spielerisch: gildedichter
scherze (1762) 1, 94; -muse 2, 252
u. ähnl. J. Mösers
patriot. phantasien, einem anderen kerngebiet des gildewesens entstammend, unter Göthes starkem einflusz 1774 -1778
als buchreihe gedruckt, machen das wort gilde
mit einem schlage in ganz Deutschland bekannt. Herder, 1771
in Bückeburg selbst in einem zentrum des wortraumes, und Göthe,
zeitlebens ein verehrer Mösers, greifen es auf und verwenden es reichlich. damit geraten die bedeutungen von gilde,
die jahrhunderte fest gelegen, ins flieszen, neue spielarten, bes. pejorativer art, treten hinzu, die umlegung ins geistige, übertragene greift platz, das wort tritt aus dem kreise hist.-rechtlicher bindung heraus: es wird literarisch. um 1850
erstarrt es wieder und wird teilweise, vor allem im übertragenen sinne, durch das ursprünglich oberdt. zunft
abgelöst; nur in ironischer verwendung bewahrt es eine gewisse kraft. nach dem weltkrieg lebt es im bereiche romantisierender jugendbünde auf kurze zeit erneut wieder auf. AA. gilde
bezeichnet eine in bestimmter form zu bestimmtem zweck zusammengeschlossene personengruppe. A@11)
eine reihe im verlauf der dt. geschichte auftretender körperschaften, deren herkunft und wesen noch nicht in allen fällen restlos erforscht sind. allen ist, wechselnd ausgeprägt und im bereich sich vielfach überschneidend, eigen: verpflichtung, zumeist eidliche, der mitglieder zu gegenseitiger hilfeleistung und wechselseitigem schutz, unterwerfung unter eine gildegerichtsbarkeit, sorge für die bestattung verstorbener mitglieder, nach bestimmtem ritus vollzogene gesellige veranstaltungen: vgl. Hoops
reallex. 2, 253
ff.; Kauffmann
dt. altertumskde 2, 479
ff. und 1, 452
f.; Haberkorn-Wallach
hilfswb. f. hist. (1935) 213
a.
über reste der german. bundbrüderschaften, anord. fóstbrøðralag,
sieh Liebermann
gesetze der Angelsachsen 1, 66
und 99; v. Amira
grundr. d. germ. rechts2 116; Pappenheim
altdän. schutzgilden. als lateinische entsprechungen erscheinen in älteren quellen '
confratria',
vgl.: de collectis, quas geldonias vel confratrias vocant Hincmar von Reims
cap. 16
bei Migne patr. lat. 125, 777, '
fraternitas' (
z. b. 1282,
s. unten A 1 a
β),
vgl. dazu das ständige nebeneinander von gilde eder broderscop
bei Schiller-Lübben 2, 110
b, broderscop unde gilde
unten bei A 1 b,
vgl. auch unio seu societas sue ghylde (
Münster 1354) Wehrmann
lübeck. zunftrollen 24;
in älteren vocabularien kommen vor: monopolium gilde (15.
jh. nd. und md.)
bei Diefenbach
gl. 367
a,
ferner ghylde
monopolium, consorcium v.
d. Schueren
Teuth. 65
a V.; contubernium gülte
voc. ex quo (1440
md.), ghelde
voc. ex quo (15.
jh. nd.)
bei Diefenbach
gl. 148
a; eyn gheselschap, eyn ghilde
gemma (1495
Köln) f 1
b;
collegium, contubernium gilde, gulde, gesellschaft Henisch (1616) 1621,
vgl. mnd. ghilde
contubernium, collegium Kilian (1605) 152
a;
tribus, sodalitium gill (gille, gilde) Kirsch
cornuc. (1718) 2, 153
b.
in so allg. sinne ist das wort, unter wechselnder betonung der mit der sache von haus aus verbundenen charakteristika, in ältester und jüngster zeit belegt. schutz- und hilfsgenossenschaften sind die in karolingischen urkunden verschiedentlich erwähnten gelda, gildonia
u. ähnl. (
vgl. oben, dazu auch die '
coniurationes' [789]
mon. Germ. hist. leg. II 1, 64
und '
conspirationes' [805]
das. II 1, 124),
die, mit ausnahme gewisser gemeinnütziger bünde, mehrfach verboten wurden. ein gelage (
vgl. '
ebrietatis malum'
a. a. o. II 1, 64)
scheint dabei alt und wesentlich zugehörig, vielleicht als fortsetzung heidnischer opfergesellschaft (
vgl. auch unten C): de sacramentis per gildonia invicem coniurantibus, ut nemo facere praesumat. alio vero modo de illorum elemosinis aut de incendio aut de naufragio, quamvis convenentias faciant, nemo in hoc iurare praesumat (779)
mon. Germ. hist. leges II 1, 51; volumus, ut presbyteri et
[] ministri comitis villanis praecipiant, ne collectam faciant, quam vulgo geldam vocant, contra illos, qui aliquid rapuerint (884)
ebda II 2, 375.
als schutz- und hilfsverband ähnlich in späterer zeit: of nu ein gildebroder sloge doet einen de buten der gilde were, und weren sine gildebroder darbi, schege dat bi dem watere, so schollen se eme schicken ein schip edder ein boot mit siner tobehoringe (
Reval 15.
jh.) Pappenheim
altdän. schutzgilden 503; und roege de gilde nicht, dat is min rath, edder dat lest wort uel erger und kuath (
Reval 1556)
nd. jb. 31, 52;
aus neuerer zeit vgl. bes. im holsteinschen übliche wendungen wie brand- und moeblegilde (1762)
die heimat 9 (1899) 202;
sieh auch Mensing
schlesw.-holst. 2, 379.
für die specielle hilfe beim begräbnis vgl. z. b.: item so giebt auch die gilde von ihrem eingekauften rotholz einem jeden gildebruder und seiner frauen für ihre person, wenn sie des todes verfahren, die tannenbretter zu ihrem sarcke (
Amelinghausen 1634) v. Hammerstein-Loxten
Bardengau 336.
einen schutzverband meint gilde
ferner in der bedeutung '
bauernschaft, landgemeinde': nota anno 1553, is eyn mandat uthgegangen van landfürstlicher overicheit, dat de olden gilden und der gilden unkosten uffgesath wurden (
Ostbevern 1594) Sommer
archiv f. kulturgesch. 7, 414 (
nimmt bezug auf die aufhebung der ländlichen gilden in Westfalen im bezeichneten jahre);
hist.-referierend vgl. dazu: wir wollen hier ... an den namen der gilde für die landgemeinde, der sich in Westphalen mehrfach erhalten hat, ... nur flüchtig erinnern Stüve
wesen u. verf. d. landgem. (1851) 118.
im einzelnen bezeichnet gilde A@1@aa)
die städtischen berufsvereinigungen des mittelalters; vgl. Weider
d. recht d. dt. kaufm.-gilden d. ma. A@1@a@aα) gilde
wird dabei jenseits der erwähnten südgrenze im Rheinland abgelöst durch bruderschaft
und gaffel ( v. Lösch
Kölner zunfturkdn 1, 42
* und 135
*),
von Hessen an ostwärts bis zur slaw. sprachgrenze durch innung,
das im thür.-obersächs. stark gemischt ist mit werk, gewerk, handwerk;
das obd. zunft (
teil 16, 575)
bleibt weiter im süden. vielfach, bes. in späterer zeit, tritt, veranlaszt durch gesteigerten handelsverkehr, z. t. wohl auch durch ortsfremde schreiber, mischung der verschiedenen bezeichnungen ein, vor allem auch im literarischen gebrauch der neueren zeit. die seit 1933
erschienenen handwerks- und gewerbeordnungen haben das wort im gesamten dtsch. reichsgebiet zugunsten von innung
beseitigt: werken und gulden (
Wittstock 1373)
cod. dipl. Brand. I 1, 410; werck und gülde dher schumeker unser ebengenanthen stadt Freyenwolde (
Frankf. a. O. 1414)
das. I 12, 387; ampte, ghylde efte werke (1424)
urk.-buch d. stadt Lübeck 6, 594; wohe aber dye selbigen in stheten sessen, ire handtwerge vorschosseten, innunge, gylde undt zunft thun undt halden musten (1500)
stadtr. d. stadt Eisenach 82; die zünfften oder gilden und deren genoszen (
Unna 1687)
stadtrechte d. grafsch. Mark 3, 169;
ähnlich: ... ward ... durch dem rath geordnet, das hinfort kein werck, zunfft oder gilde, solten zusammenkommen, morgensprache oder zechen halten, ohne des raths urlaub Schütz
hist. rer. Pruss. (1599) 111
a; gilden und gewercken gewisse masze vorgeschriben worden Micraelius
altes Pommerland (1640) 3, 582;
auch später: zünfte und gilden sind die schulen derselben (
d. i. der erfindungen) gewesen Herder 14, 487
S.; wo blühen die zunftmäszigen innungen und gilden am vollständigsten auf? Fouqué
gefühle, bilder (1819) 1, 227; 1304 erklärten die zunftmeister der verschiedenen gilden ... den adligen, dasz sie ... K. Fr. Becker
weltgeschichte (1801) 5, 214; weg mit gilde, zunft und innung, weg mit allem rang und stand Hoffmann v. Fallersleben
ges. schr. 4, 185;
teilweise mit hinweis auf sachliche unterschiede: die 3 groszen gilden sind der ordnung nach folgende: die kauf-, schuster- und beckergilde, die 4 kleineren sind die knochenhauer-, schmiede-, schneider- und leinwebergilde. die übrigen handwerker machen, wenn ihrer 4-8 von einem gewerbe da sind, eine zunft aus Rüling
beschr. [] d. stadt Northeim (1779) 62; dasz rath und gemeinheit, junge und alte, dasz zünfte und gilden sich die haare ausreiszen Alexis
Roland (1840) 1, 18, 33;
vgl. ähnliche unterschiede zwischen gilde
und amt: gilde ist eine kleine zunft, deren glieder nicht zahlreich sind, denn eine starke gilde heiszet amt Strodtmann
Osnabr. idiot. (1756) 72;
vgl. auch (
Unna 1750)
stadtr. d. grafsch. Mark 3, 241 A@1@a@bβ)
einzelne berufszweige; handwerker- und kaufmannsgilden: iura fratrum gilde et illorum, qui incisores panni actenus nuncupatur (
Stendal 1231)
cod. dipl. Brand. I 15, 8; (
die kürschner in Höxter erhalten) ghildam sive facultatem eo jure vendicionis et emptionis quo antiquitus habuerunt (1280) Nitzsch
nd. kaufgilden in: monatsber. d. preusz. ak. d. wiss. (1880) 385; mercatorum veteris civitatis Saltwedele fraternitati, que gilde theutonice nuncupatur (1282)
cod. dipl. Brand. I 14, 30; ghilde der gherwere (1350)
braunschw. urk.-buch 4, 348, 8; de gilden der koplude, beckere, wullenwevere, scomekere unde linenwanwevere der stat to Gotingen bekennen ... (1355)
urk.-buch f. Niedersachsen 6, 187; der gewantsnider gylde in unser stad Tangermunde (1447)
cod. dipl. Brand. I 16, 79; der becker, fleischhawer und schumacher gildten (
Unna 1633)
d. stadtrechte d. grafschaft Mark 3, 142; die vereinigung der bisher für sich bestandenen kaufmännischen gilden und innungen (1820)
corpor. d. kaufmannschaft v. Berlin 619; ich möchte wohl ein bedenken der schneidergilde über den letzten cometen lesen Lichtenberg
aphorismen 1, 133
lit.-denkm.; die gilde der goldschmiede, der sie (
die arbeit) gezeigt wurde, erklärte mich für den geschicktesten gesellen Göthe I 43, 39
W.; herr Walther war seines zeichens eigentlich ein zirkelschmied gewesen, hatte sich aber hervorgetan in seiner gilde W. Hauff
s. w. (1890) 2, 303; die groszstädtische bäckerinnung als die selbstsüchtigste, hochmütigste und bredalste (
brutalste) aller Berliner gilden Gutzkow
knabenzeit 124.
häufig auch in zusammensetzungen: cramergülde (
Lippstadt 1707)
stadtr. d. grafsch. Mark 1, 115; fischergilde
altpreusz. monatsschr. 17, 385
u. v. a. —
das oft gegensätzliche nebeneinander der verschiedenen gilden, insbesondere von kaufmanns- und handwerkergilden, mit meist unterschiedlicher rangwertung und rechtlicher stellung zeigt sich in bezeichnungen wie grosze
und kleine gilde: confrater maioris gilde nostre (
urkundl. ende d. 13.
jh. Dortmund)
bei K. Hegel
städte und gilden (1891) 2, 366
anm. 1; mercatorum nostre civitatis maiorem fraternitatem, que thetunice grote ghilde dicitur, statuimus (1327
Höxter)
ebda 2, 394
anm. 3; de erafftige gemene geselschop der groten gilde to Revel (1528)
bei E. v. Nottbeck
d. alten schragen d. groszen gilde zu Reval (1885) 76; anno 1610 fastelabendt ist disse grote companie der groten gilde einsz geworden (
Riga 1610) Stieda-Mettig
schragen 323; de broder uth der kleinen gilde (
Riga nach 1542)
nd. jahrb. 31 (1905) 47; das eigentum an gebäuden ... der groszen oder st. Mariengilde (kaufmannsgilde) und der kleinen oder st. Johannisgilde (handwerkergilde) geht auf die handels- und industriekammer bzw. ... handwerkskammer über (
in Riga)
dtsche allgem. zeitg. 10. 4. 1936;
vgl. in diesem sinne auch groter
und klener gildestove
unten s. v. gildestube 3,
sp. 7502;
vgl. noch: in Nordhausen hat jeder bürger, welcher zu einer rathsfähigen gilde gehört, auch das recht, eine stelle im rath zu hoffen Fr. Chr. Laukhard
leben u. schicksale 5, 213; und diese (
kleineren) zünfte insgesammt machen mit andern in geringer zahl vorhandenen handwerkers, den ackerleuten, brauers und bödeners ohne profession die sogenannte gemeinheitsgilde aus J. Ph. Rüling
beschreibung der stadt Northeim (1779) 62;
im ndl. vgl. hoofd-, laage-, burger-, raadsgilden, grote gilde
wb. d. ndl. taal 4, 2349. A@1@a@gγ)
häufig in verbalen fügungen: nene gilden mach man verhogen (
im rang hinaufsetzen) ane des rades willen noch nene gilden setten (
gründen) (
vor 1340)
braunschw. urk.-buch 4, 554, 28; wer in der inninge sin wel und koufen sal unde kan er eyn hantwergk, daz sal er von stund verloben,
[] sweren unde nidderlegen, die wile er sich der innunge unde gilde gebruichen (
sich bedienen) wel (
Kassel 1402) Doren
kaufm.-gilden d. ma. 216; item tho sprekende umme de gesellen, de ziick mit vorzäte ut der henze gegeven hebben und in den steden liggen, dat me de ut den giilden wiise (
ausstosze) (
Reval 1425)
livl. urk.-buch 7, 213; wenn ein angehender hauswirth sich zu einem gildebruder annehmen und in itztgedachter gilde einklopfen (
unter bestimmten klopfzeremonien aufnehmen) läszt (
Amelingshausen 1634) v. Hammerstein-Loxten
Bardengau 337;
in fester wendung auch von der gilde sein '
sein handwerk (
beruf, obliegenheiten)
verstehen': ja, die (
Brunhilde, die die schiffe führt) ist von der gilde Müllner
dram. w. 3, 66. A@1@bb)
geistliche brüderschaften. sie führten, wie auch die schutzgilden und die handwerklichen vereinigungen, gern einen heiligennamen, bestanden, auch frauen einbeziehend, vielfach aus mitgliedern von gewerbegilden, waren teilweise auch mit einer solchen identisch; nach art des kaland (
teil 5, 49)
sterbekasse und geistliche institution zugleich, unterhielten sie altäre und priester, richteten das begräbnis ihrer mitglieder aus, bemühten sich um das seelenheil der verstorbenen und entfalteten reiche tätigkeit in der armenpflege (
vgl. Weider
a. a. o. 296
ff.): de erliken koplude ... wolden stichten unde maken mit hulpe framer lude woldath eyne ewige broderschop unde gilde in de ere gades, Marien, syner leuen moder, unde aller gades hiligen, unde sunderliken des hilligen truwen nothhulpers sunte Nicolaus, tho hulpe unde to trost der levendigen unde doden unde alle dergennen, de ere rechtferdige neringe soken to waterwarth, ... der leider vele van waters noth to deme dode komen ... unde sterven ungebichtet unde unberuwet (1401)
urk.-buch d. stadt Lübeck 5, 731; do begunden frame lüde gode tho love ... tho ehren sunte Catherinen unde Dorotheen eine bröderschup und eine gilde tho haldende ... de in disse gilde hören, hebben in isslicken closter van den grauwen bröderen in dessen dren rieken twee ewige misse ... welk man, de tho Bergen stervet unde in de gilde höret, den schall man hahlen mit alle den gildenkerssen, besten boldyck und bringen one tho grave, dar he liggen wil (
Bergen 1397)
hans. urk.-buch 5, 153; (
eine rente, die) den ersamen heren broderen unde zusteren der zelschup des hilgen lichams bynnen Oldenburch, de nu zint, unde eren nacomelingen yn derzulven gilde (
verkauft wird) (1475)
Oldenburger urk.-buch 4, 443; de andere marck ghiift (
N. N.) vor sick unde ere frunde, den presteren des vrigdaghes na des hilghen lichames ghilde (
ca. 1503)
urk.-buch d. klost. Neuenwalde 224.
häufig, bis in die neueste zeit, in kompositionen: Jacobigilde
die heimat 38 (1928) 170; liebfrauengilde Mensing 2, 379.
früher obd. beleg, aber aus dem ndl. übersetzt: zu solchem (
mönchswesen) haben sie noch die h. bruderschafften, so man gilden nennet, gefügt als die bruderschaften von
s. Rodio, von
s. Hubrecht ... Fischart
binenkorb (1581) 28
b (1588, 25
b: guolden;
o. j., 25
b: gulten).
histor.-referierend: in derselben zeit und gegend (12.
jh. i. d. Niederlanden) stiftete ein schmied Manasse eine gilde, wo zwölf männer die zwölf apostel vorstellten, ein mädchen aber die heilige jungfrau Raumer
gesch. d. Hohenstaufen (1823) 3, 283.
heute noch teilweise zur bezeichnung von begräbnisgenossenschaften und wohltätigkeitsvereinen: die (
Pantaleons) gilde (
in Lunden) hat aber nicht nur ihren wohltätigkeitssinn bis heute gepflegt, sondern auch in treuer pietät noch alle ihre alten papiere ... erhalten
die heimat 5 (1895) 43. A@1@cc)
vereinigungen zu geselligen zwecken, vorzugsweise die vielfach aus älteren gilden
als wehrverbänden der städte hervorgegangenen (
vgl. Fr. A. Redlich
sitte u. brauch des livländ. kaufmanns [
diss. 1935] 88)
schützengesellschaften: in den vereinigten Niderlanden war vor jahren ein löblicher brauch, dasz in einer jeden stadt, freyheit oder groszem dorf etliche gülten, das ist, brüderschaften, aufgerichtet wurden, die sich auf gewisse feyertag übeten in ringen, fechten, schieszen und allerhand schöne spiel verrichteten Otho
evangelisch. kranckentrost (1671) 302; die ehrbare gilde der bürgerschützen G. Freytag 13, 142;
hauptsächlich [] als zusammensetzung: (
ein buch) denen sämtlichen gildebrüdern der löblichen Bergenhusener schützengilde aus guter wohlmeinung frdl. verehret (1694)
heimat 31 (1921) 72; vielleicht wie jetzt die sogenannten schützengilden nach der scheibe
etc. geschossen haben Lessing 5, 253
M.; die schützengilde ist die erste und vornehmste aller gilden Krünitz 227 (1855) 183;
zuweilen abschätzig gebraucht für militärische verbände und vereine mit schlechter haltung: die kompagnie steht wieder da wie eine schützengilde frh. v. Schlicht
was ist los? 67;
aber auch für neu entstandene reine vergnügungsorganisationen: in erwägung, dasz eine gilde blosz zur lust auch nur die flüchtigen vortheile der lust gewähre ..., haben wir unterzeichneten jungen leute im kirchspiel Lunden uns zu einer gilde, für welche der name Rosengilde beliebt ist, nach untenstehenden gildeartikeln vereinigt (1.
hälfte 19.
jh.) Cl. Harms
verm. aufs. (1853) 80. A@22)
übertragen auf andere personengruppen. A@2@aa)
in hist.-refer. zusammenhang zuweilen von gildeähnlichen organisationen anderer zeiten und völker: Demosthenis rede von den gilden (
seitenkopf, neben hauptüberschrift: von den zünften,
für griech. τῶν συμμοριῶν) Reiske
Demosthenes u. Aeschines reden 1 (1764) 289; hier gab es ... (
nicht) die in den municipien nicht unansehnlichen auf das feuerlöschwesen bezüglichen gilden Mommsen
röm. staatsrecht 1, 267. A@2@bb)
gewisse heimische berufsgruppen auszerhalb des alten gildewesens, auch lockerer von einer beruflichen gemeinschaft ohne äuszeren, formalen zusammenschlusz, sowie im hinblick auf die gleichartige beschäftigung allein (
seit dem 18.
jh.): die ruszigen (
metallarbeiter), welche daselbst (
in Nürnberg) noch heutiges tages eine grosze gilde ausmachen Göthe I 48, 153
W.; die luftschiffer haben sich, um subsistiren zu können, genötigt gesehen, sich an die gilde der luftspringer anzuschlieszen Lichtenberg
verm. schr. 7, 36; die vorteile ..., welche die byzantinische gilde (
deutsche maler) noch immerfort als überlieferung bewahrt, werden anerkannt Göthe I 49, 15
W.; ich wurde in ihre (
der holzhacker) gilde aufgenommen, doch wuszte ich nicht, was die leute dabei dachten A. Winnig
heimkehr (1935) 373;
mit scherzhaftem unterton: (
man begrüszte den künstler,) der sich nach allen seiten mit jener grazie verbeugte, die ein ausschlieszliches geheimnis von kunstreitern, seiltänzern und sonstigen angehörigen der lustigen gilde ist Spielhagen
s. w. 2, 20; zwar hat soeben einer von der gilde (
sc. der dichter) ein lied, das mir (
der Fortuna) geweiht ist, angehoben Uhland
ged. (1898) 1, 347; der junge mann ... trat also in die gilde der zeitungsschreiber Rosegger
schr. III 3, 160;
zuweilen ironisch: man ersieht daraus, dasz sie (
die lebemänner) diesen beruf, viveur zu sein, nicht blosz als eine kunst, sondern auch wie eine geschlossene gilde betrachten Th. Mundt
Paris u. Louis Napoleon 1 (1858) 155; künstler auf dem dudelsack, der schwegelpfeife und zither hatten sie (
die landstreicher) unter ihrer gilde P. Dörfler
der notwender (1934) 219;
so spricht man wohl von der gefährlichen gilde der internationalen taschendiebe, der fassadenkletterer
u. ä. A@2@cc)
ohne die vorstellung einer gleichartigen beruflichen tätigkeit übertragen auf geistige gemeinschaften; häufig in ungünstigem sinn; isoliert bei Luther: wer solchs nicht kan, den solt man aus der schwermer zunfft und gilde werfen 23, 113
W.; aus späterer zeit: der neugierigen gilde führt böses im schilde W. Binder
medulla prov. lat. (1856) 141;
hierhin auch ohne den ungünstigen accent: jene unglücklichen vertriebenen fürsten, die ... nicht einmal in die bescheidene gilde tätiger wanderer aufgenommen werden könnten Göthe I 25, 188
W. A@2@dd)
die verstockten zunftverhältnisse des 18.
jh. führen zu dem abfälligen sinn '
enge, beschränkte, am alten über gebühr festhaltende gruppe von menschen': dasz auch hier brave menschen durch ehrgeitz, lebhafftes gefühl der pflicht
[] getrieben etwas thun können, das nicht nach der gilde riecht, versteht sich von selbst Lichtenberg
aphorismen 63
lit.-denkm.; in keiner gilde kann man sein, man wisse denn zu schultern fein; denn was sie lieben, was sie hassen, das musz man eben geschehen lassen; das was sie wissen, läszt man gelten, was sie nicht wissen, musz man schelten, althergebrachtes weiter führen, das neue klüglich retardieren Göthe I 3, 353
W.; auch wird der freie weltbürger sich schwerlich in eine enge gilde einzunften lassen Fr. Schlegel
pros. jugendschriften 2, 135; und auch nimmts wunder noch, dasz euch, beim menschenbilden, der funk erlischt, noch eh er ist entglüht, und dasz, statt menschen ihr, ein bloszes volk von gilden und roh handwerkenden gelehrten zieht J. D. Falk
a. d. erzieher d. 19. jh. 458
lit. denkm.; so oft mit vorliebe von gelehrten, deren tätigkeit als zu rein handwerksmäszig gescholten werden soll: warum musz ich meinen namen leihen, spricht die vernunft zu dem, was eine gilde (schule oder facultät genannt) oder was ein toller in ihr gesagt hat? Herder 21, 295
S.; ich kannte damals ... die beschränktheit der wissenschaftlichen gilden noch nicht, diesen handwerkssinn Göthe II 4, 304
W.; aber er hatte etwas aus den alten gewonnen, was die philologen von der gilde gewöhnlich zuletzt oder gar nicht lernen I 46, 99
W.; so übt schon seit zwanzig jahren die physiko-mathematische gilde gegen meine farbenlehre ihr verbotsrecht aus II 11, 101, 4
W. u. ö.; eine recht derbe schmähschrift auf die ganze gilde der ärzte Bremser
mediz. parömien (1806) 101; jede ächte ... philosophische leistung wird auf die ihrigen (
feinde) zu viel schatten werfen und überdies den absichten und beschränkungen der gilde sich nicht fügen A. Schopenhauer 2, 188
G.; die anpreisenden vorreden (
zu einem buch) und die nachhalle davon aus allen kritischen hansen und gilden scheinen ... eine warnende rüge zu verdienen J. H. Voss
mythol. briefe (
21827) 1, 3.
auch in zusammensetzungen: recensentengilde Fichte
Nicolais leben (1801) 109.
diese abfällig wertende funktion hat gilde
sehr bald an zunft (
s. d. II 2 b
und 3 a,
teil 16,
sp. 577
f.)
abgegeben, gilde
hat seitdem ausgesprochen vornehmen sinn: ... gab mir ein gefühl der zugehörigkeit zur künstlerischen gilde des heimatlandes W. Schäfer
erz. schr. (1918) 3, 38. A@2@ee)
lockerer und unbestimmter in der bedeutung '
gruppe, schar, menge'
überhaupt: es hat mit mir und der gratulantengilde eine ganz andre bewandtnis P. A. Schrader
scherze (1762) 1, 149; und dein vor allen sei dies lied, das leichte, das du zuerst empfingst mit edler milde, versammelnd rings um dessen frühste beichte von fraun und männern eine schöne gilde Platen 1, 68
Redlich; bei einem lehrer ist von schülern eine gilde, die unterweiset er in gottesfurcht und milde Rückert
ges. poet. w. (1882) 3, 411; dann streute ich ihren ruhm aus unter der reisenden gilde (: milde)
ebda 11, 251; ... da lag er nun nach Griechenart auf einem holzstosz — rings die gilde trüber, erprobter freunde um ihn her geschaart Alfr. Meiszner
ged. (1845) 137; nun riefen die jünglinge der stumpfen gilde (
d. i. der versammelten bevölkerung) den namen des verehrten (
in der stadt geborenen groszen philosophen) zu
M. v. Ebner-Eschenbach
ges. schr. 1, 170.
hierhin auch composita: hier schlummert sanft der väter heldengilde Reithard
gesch. u. sagen a. d. Schweiz (1853) xi; denn zur gefangnen kam aus wald und feld hereingewandelt eine blumengilde Rückert
w. (1882) 3, 176.
gelegentlich mit dem unterton von '
partei, clique': im kaffeehause, wo er sich viel mit einem jetzt lange verstorbenen und vergessenen dichter aus der Novalis-Schlegelschen gilde, Ludwig Stoll, zu schaffen machte Grillparzer 20, 207
S. [] BB. gilde
bezeichnet die mitgliedschaft in einer der unter A 1
aufgeführten gruppen; meist in festen wendungen gebraucht: die gilde (ge)winnen '
erwerben': ein unechte sone, de seck wol helt, mag wol eine gilde gewinnen (
vor 1340)
braunschw. urk.-buch 4, 554, 32; dy gulde und werk tu Berlin wynnet, di geft der stat 10 schill. (
ende 14.
jh.)
Berlin. stadtbuch 30; ein becker, de wolde de gelde winnen (
Hameln 15.
jh.)
nd. jahrb. 33, 3; der den brauergilde zu gewinnen gemeynet ist, soll bey den verordneten gildemeistern sich angeben (
Rügenwalde 1645) Schott
land- u. stadtrechte 2, 98; die gilde beginnen: we de gilde beginnet on vulbort der gildebroder, hefft de feste verschuldet (
ca. 1350)
braunschw. urk.-buch 4, 555, 8; sich der gilde annehmen: we sick overst der gilde annemen ane orloff der gildebroder, de breckt, als de gilde geset hefft
ebda 4, 555, 6; die gilde haben '
besitzen': welik kopman emme sime vrunde, de der gilde nicht nehedde, lewant kopen wolde, de scal nemen van dem hunderde ses penninghe und nicht min (
ca. 1352)
urk.-buch d. stiftes u. d. stadt Hameln 1, 334; es sey den das er ein mitbürger ist und habe der fischer gülde (
Marienburg 1394)
altpreusz. monatsschr. 17, 305; (
welches gildemitglied stirbt), des ehliche husfrauwe sal die vorgenante gilde halb habin von irs huswirts wegen (
Kassel 1402) Doren
d. kaufm.-gilden d. ma. 217; auch soll niemandt keiner der diese gielde hatt gesellschafft haben mit einem der die gilde nicht hatt (
Königsberg 1538)
altpreusz. monatsschr. 17, 317; niemand, so der kaufleute gilde nicht hat, soll macht haben, ... (
bestimmte waren) zu lande heraus zu führen (
Rügenwalde 1655) Schott
land- u. stadtrechte 2, 90; würd aber jemand, der in vorgedachten schandthaten lebet, ... die gülde haben und behalten wollen (
Lippstadt 1707)
d. stadtrechte d. grafsch. Mark 1, 116; die gilde verkaufen: neyn man mach sine gilde verkopen (
ca. 1350)
braunschw. urk.-buch 4, 567, 23; die gilde verlieren: (
wer gewisse dinge tut), de schal darmede verloren hebben gilde und borgerschap
ebda 4, 553, 18; die gilde erwecken: sind aber die eltern oder voreltern eines solchen recipienden, schon mitglieder einer solchen gilde gewesen, so werden für die aufnahme nur 5 thaler bezahlt, und dieses heiszt alsdenn die gilde erwecken Rüling
beschr. d. stadt Northeim (1779) 63. —
vgl. auch wb. d. ndl. taal 4, 2356. —
diese bedeutung ist nicht liter. geworden. CC. gilde
bezeichnet seit alters und vielleicht anknüpfbar an seine heidnisch-rituellen ursprünge die gildeversammlung und das mit ihr verbundene gastmahl. belegt bereits in Altengland: in omni potacione, dacioni uel empcioni uel gilde uel ad quidlibet in hunc modum preparata, primo pax dei et domini inter eos qui conuenerint publica prenunciacione ponenda est et rogandum (1114—18) Liebermann
ges. d. Angels. 1, 597.
die nord. entsprechungen vgl. oben sp. 7485.
in Deutschland seit dem 13.
jh. nachzuweisen (
vgl. auch Schiller-Lübben 2, 110
b ff.);
mit der sache aber vermutlich älter. als masc., ntr. und fem. (
s. o. sp. 7485): wan so ein recht gilde is, unde man den mede bruowet, we so lange is in deme hove, dat water, honig unde hoppe to samene kuomet, de sal den mede helpen gelden, al ein he van dannen scheide (
Nowgorod zweite hälfte d. 13.
jh.)
urk.-buch d. stadt Lübeck 1, 704; welk tyt dat men de gilde drinket (
ende 13.
jh.)
Livl. urkd. nr. 593, 7. (
ist der vorsteher) absens, quando gulda bibitur, (
soll ein andrer gewählt werden) (
Stendal 1328)
cod. dipl. Brand. I 15, 85; alle jahr schall men twee nye schaffers kesen, alse de gilde gedrunken werd (
Bergen 1397)
hans. urk.-buch 5, 154; schal nemand untemeliken gan med suonen klederen in den gilde (15.
jh.)
bei Falck
staatsb. mag. 4, 726; keyn bruderschafft ader gylde sal an der heyligen pfyngstfeyr, weynachten ader ander groszen feyrtagen mit quesszereye und tryncken begangen werden (1503)
acten d. ständetage Preuszens 5, 473; da auch jemand unter den gildebrüdern in wehrender gilde einen hader, stänkerey und unlust anfangen wollte (
Amelinghausen 1634) v. Hammerstein-Loxten
Bardengau 337; zum fähndrich ist Johann Peters in Windbergen erwählet worden, und (
hat) sein
[] amt zum ersten mal der gilde 1762 ... überaus schön gemacht (1762)
die heimat 9 (1899) 203; gilte
et gülte
saxonice etiam notat ein freudenfest, bacchanalia, liberalia, aliaque solemnia conventicula Stieler (1691) 658; Adelung 2, 689.
auffällig in Nürnberg (
gegen 1800): 'gild
kleines mahl, welches bei geschenkten handwerken (
sieh dazu teil 4, 2, 426
nr. 3)
den fremden gesellen auf der herberge zum besten gegeben wird' Schmeller-Fr. 1, 895.
in Ostpreuszen sind gillen
die '
auf dem lande in den pfingstfesttagen allg. üblichen tanzvergnügungen' Frischbier
sprichw. 1, 1279.
ähnlich in Pommern gille, gilde '
eine trinkzusammenkunft der handwerker von einer zunft' Dähnert 152,
in Angeln gill '
vielfach auch für beer (
gesellschaft, belustigung, feier)' Mensing 2, 381.
in Schleswig ist bis ins 19.
jh. schulgilde
ein lustiges fest, zu dem die schüler geschenke mitbrachten jb. f. landeskunde v. Schlesw.-Holst. 4, 270.
für das fest einer schützengilde: kein wunder, dasz in diesen beschwerlichen zeiten an die feier von schützengilden nicht gedacht werden konnte
heimat 31 (1921) 74,
vgl. dazu D 1 b.
lit. vereinzelt schon mhd.: man lîz blôz ir vleisch ûf dem gevilde den voglin und dem wilde zu spîslîchir gilde Nicolaus v. Jeroschin 9139
Str.; im 18.
jh.: als hei (
der knecht) de gill metheel
carm. nupt. 4, 324
b bei Frischbier 1, 233
b.
redensart: se maakt enen larm as wer dor gill Mensing 2, 380.
s. auch gildebier
und gildeschaft.
im mnd. die feste wendung dat gilde denen '
den dienst, schmaus ausrichten für die gilde'
in Dortmunder urkunden des 15.-16.
jh.: do quemen die sess gilden semptlichen, die dat gilde gedient hadden up dat lohus (1482)
bei Schiller-Lübben 2, 111
a,
daselbst weitere zeugnisse; ähnlich dat gilde brengen (1518)
ebda. —
dazu als verbale ableitung gilden, ält. nd., '
ein gildegelage abhalten, schmausen': dat gi (
die bierzapfer) ... vullen de vathe wedder up mit embeschem beyr unde geven vulle mathe unde nicht mede to lage sitten unde gilden (1438)
urk.-buch d. stadt Hildesheim 4, 225; Lasch-Borchling 1, 2, 114. DD.
zusammensetzungen. D@11)
subst. bildungen, in geringer zahl bereits im 13.
jh. vorhanden (
vgl. gildehalle, gildehaus),
nehmen bis zum 17.
jh. ganz langsam (
s. u.),
im 18.
jh. sprungartig zu. seitdem nur noch in histor.-jurist. fachsprache fruchtbar. in der kompositionsfuge vorherrschend -e-,
daneben oft -en- (
ohne bedeutungsunterschied, die zunahme erfolgt völlig parallel den -e-
bildungen),
ganz selten mit -es- (
vgl. gildeshaus, gildesrat
sp. 7498, 7500)
oder ohne fugenformans gebildet (
vgl. giltschap
sp. 7501) (
anordnung im folg. laufend nach -e-).
eine ältere schicht (13.-15.
jh.)
umfaszt fast ausschlieszlich für das leben der gilde wichtige und mit ihrer eigenart eng verknüpfte begriffe (
wobei ein teil der bildungen, dem mittelalt. verbreitungsraum des simplex entsprechend, auf nd. gebiet beschränkt geblieben ist; vgl. die zusammenstellung bei Lasch-Borchling 1, 2, 113
ff.): gildebaum (
wörter ohne stellenangabe s. u. eig. artikel), gildebier, gildebrief, gildebruder, gildebuch, gildehalle, gildehaus, gildeknecht, gildemeister, gilderecht, gildestube
sowie das für die ält. zeit als kompositum, nicht als ableitung zu wertende gildeschaft.
eine jüngere schicht, hauptsächlich in urkunden des 18.
jh. einsetzend, gibt vorzugsweise details des gildelebens wieder, eine erscheinung, die sich in wiss., bes. historischen, abhandlungen des 19./20.
jh. wiederholt und zu neubildungen, bes. auch abstrakten, in unbegrenzter menge führt. im gegensatz zur fülle des wortbestandes ist dabei die lebenskraft der einzelnen wörter gering: die meisten sind nur wenige male, viele (
bes. die Göthes)
nur einmalig bezeugt. beispiele für einzelne begriffsgruppen: D@1@aa)
personen: gildebote, -deputierter, -diener, -fischer, -genosse, -geselle, -glied, -leute, -rat, -schiffer,
und die mannigfachen synonyma zu gildemeister
wie: -herr, -könig, -obrist, -richter,