verzehrer,
m. ,
moviert verzehrerin, f., mhd. verzerer;
mnd. vorterer;
mnl. verterer (verteerder, verteerre).
mundartl.: vertEhrer Mensing
schlesw.-holst. 5, 440; fərtrə Leihener
Cronenbg. 36
b; verzierer
Luxembg. ma. 469
a.
in der lexikalischen tradition stark vertreten; früheste belege: cestosus eyn weder man, eyn vor terer (
nd. 1417) Diefenbach
nov. gloss. 87
b;
ambro eyn gut verczerer (
md. 15.
jh.) Diefenbach
gl. 29
a;
lurco verzerer (1516)
ebda 340
a; verzcerer
consumptor voc. incip. teut. (1485) ii 7
a; verterer
un despendeur, consumptor, impendiosus, profusus schat d. neder-duytsch. spr. (1575) Oo 2
b;
prodigus, profusus ein durchlas, verzerer, zubringer, der zu viel verthut Faber
thes. (1587) 651
a;
comedo ein prasser, verzehrer
ebda 271
a; verzehrer, verprasser Hulsius-Ravellus
teutsch-frz.-it. (1616) 362
a;
diuoratore, trangugiatore, pacchione auffresser, frasz, verzehrer Hulsius
dict. (1618) 2, 131
b. 11)
zerstörer, vernichter, anknüpfend an verzehren I,
nur unsicher bezeugt: der do ist vngelaubig, der thuot vngetrewliche, vnd der do ist ein verzerer, der verwúst (
qui depopulator est, vastat)
erste dt. bibel 8, 405
Kurr. (Luther: ein verstörer
Jes. 21, 2); Epicurus, meins wollusts lehrer, war der tod ein jeher verzerer H. Sachs 1, 464
lit. ver.; vgl. mnl. verterer
hij die verderft of te gronde richt Verwijs-Verdam 9, 134: er behauptet, dasz die vernunfft sey ... die zurückhalterin vom bösen, die verzehrerin der laster Treuer
Dädalus (1675) 1, 100. 22)
schon früh haftet dem wort der abwertende sinn '
verschwender, vergeuder'
an. vgl. die oben angeführten lexikalischen belege: mag genommen werden ein burg (
fidejussor) fuer einen jedlichen menschen, fuer einen waysen, vnnutzlichen guet verzerer (
prodigo)
summa legum 154
Gál; vnnutzer verzerer seiner gueter (
dilapidator opum suarum)
ebda 458; wie der weise heide Seneca zu einem verzehrer sagte: du hast eine seuche und krankheit, die heiszt gaudens dando
bei Luther
tischr. 6, 54
W.; wie er (
Odysseus) mit den werbern vnd verzerern wurde vmb geen Schaidenreisser
Odyssea (1537) 2
a; Clareta: o nein, der mann ist dein ernehrer Mariana ...: oder wol meins guts ein verzehrer, ein spiler, balger oder ein zecher, ein hurer oder ein ehbrecher Jac. Ayrer
dramen 2015
Keller. so wohl auch noch: aber was sind dann wir im Homer? eine ziffer verzehrer, taugenichte, Penelope's freier Herder 26, 262
S.; vgl. verzehrer Pansner
schimpfwb. (1839) 76
a. 33)
abwertender sinn klingt auch in den redensartlichen wendungen an, in denen verzehrer
mit betont positiven begriffen zu einem gegensätzlichen begriffspaar verbunden ist. vgl. auch die belege unter sparer (
s. d.)
und zehrer (
s. d.): gut wil einen ernehrer vnnd verzehrer haben Chr. Lehmann
floril. polit. (1662) 3, 135.
meist aber in der form: ez wart nie kein sperer, er funde ein verzerer (15.
jh.)
Loher u. Maller 99
b bei Lexer 2, 1082;
öfter noch: ein sparer wil einen vorterer hebben
qu. bei Schiller-Lübben 5, 473
b; man spricht gemeinlich: ein sparer musz ein verzerer haben, der das kan verthun, daz er erkratzt Pauli
schimpf u. ernst (1555) 84
b; zudem will ein sparer einen verzehrer haben Grimmelshausen
Simpl. 497
Kögel. so sehr häufig mit meist nur geringfügigen abwandlungen, vgl. Eyering
proverb. (1601) 2, 53; Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1432
c; Ludwig
teutschengl. (1716) 2198; Schwan
nouv. dict. 2 (1784) 847
a; Adelung
wb. 4 (1801) 1186
u. ö. auch in der ma.: na enen goden mehrer kümmt en goder vertehrer
bei Mensing
schlesw.-holst. 5, 440.
diese reimformel scheint alt zu sein: keyser Friderich, da jhn die Venediger mit einem stadlichen geschenck verehren wolten, ey, hat er gesagt: wir sind mehrer vnd nicht verzehrer des reichs Mathesius
Syrach (1586) 127
b. 44)
auch dort, wo verzehrer
unter wirtschaftlichem gesichtspunkt eine gruppe oder gesellschaftliche schicht charakterisiert, erhält es oft kritischen beisinn, besonders dann, wenn es im sinne von '
konsument'
dem begriff '
erzeuger'
gegenübergestellt wird: wer sind bürger? nur verzehrer. was sind bauern? ihr ernährer Logau
sinnged. 37
lit. ver.; waren solche verzehrer (
von getreide) noch nicht da, so konnte ja dies verbot (
der getreideausfuhr) nicht sogleich so viele einwohner mehr erzeugen, die den überfluss verzehrten
allg. dt. bibl. (1765) 109, 1, 295; denn der könig glaubte, man müszte, so viel möglich, die arbeiter und verzehrer (
männliche stadtbewohner) durchs ganze land vertheilen Basedow
agathokrator (1771) 178; (
die juden) sind also lediglich verzehrer, die den erzeugern zur last fallen müssen Mendelssohn
ges. schr. (1843) 3, 189; die manufaktoren verloren einen theil ihrer verzehrer Sonnenfels
ges. schr. (1786) 8, 344; das verhältnisz zwischen den ernährern und verzehrern (
im staat) Schleiermacher
Platon (1804) 3, 1, 43; das misverhältniss der verzehrer zu dem verzehrten, der population zu den lebensmitteln Ritter
erdk. (1822)
teil 4, 1138; die höheren gesellschaftskreise — die müszigen verzehrer nach dem systeme der physiokraten Bernhardt
waldeigent. (1872) 2, 30; dort (
in Belgien) unterwirft der hof ... die ... volkswirthschaft dem behagen der vornehmen verzehrer Treitschke
hist. aufs. (
51886) 2, 512; er sehe in ihm (
dem soldaten) den unentbehrlichen verzehrer dessen, was das land hervorbringt Ranke
s. w. (1867) 31/32, 43; der grosze verzehrer (
in Preuszen) war immer die armee
ebda 29, 259.
auch: glücklicherweise bilden diese verzehrer (
drohnen) in einem ... bienenstaate bei weitem die minderzahl D. Fr. Strausz
ges. schr. (1876) 1, 94. 55)
anschlieszend an verzehren '
aufessen, verspeisen',
nur gelegentlich bezeugt: da hatten die zuhörer ja so einen grossen abscheu für solche verzehrer (
menschenähnlicher fische) als für andere rechte menschenfresser Prätorius
anthrop. pluton. (1666) 2, 29; dasz die schmarotzer eines thieres, wenn dieses von einem andern verzehrt wird, in dem verzehrer sich ansiedeln Baer
reden (1864) 1, 175.
in erweiterter anwendung, s. verzehren II C: (
die erde ist) der lebenigen (
sic!) nererinne aller dinge ein vorzererinne (
devoratrix omnium) (14.
jh.)
in: zs. f. dt. altert. 22, 396; die zeit ist eine verzehrerin aller dinge Kramer
t.-ital. 2 (1702) 1432
c; zu hauf euch sehend scheint mir ein cicaden-schwarm herabzustürzen, deckend grüne feldersaat. verzehrerinnen fremden fleiszes! naschende vernichterinnen aufgekeimten wohlstands ihr Göthe I 15, 187
W. zum folgenden vgl. verzehren II D: also hie in der artzney dermassen die artzney als ein verzererin (
wie das feuer) auch soll verstanden werden Paracelsus
chir. (1618) 211
B. —