suite,
f. ,
ende des 17.
jhs. aus dem französischen entlehnt; dem widerspricht kaum ein vereinzelter weit früherer beleg bei Windecke
denkwürdigkeiten, um 1440 (
s. u. 1),
der sich aus den lebensumständen Windeckes erklären mag. das wort erreicht im 18.
jh. seine gröszte ausdehnung, heute lebendig nur noch in der musik (
s. unter 3).
die grundbedeutung '
folge'
ist in allen anwendungsbereichen deutlich wirksam. neben suite
begegnet die form svite (swede);
vgl. noch die aus der studentensprache bekannte, in heutigen mundarten noch lebende schwiete, schwitier
u. s. w., teil 9, 2623.
der plural lautet gewöhnlich suiten;
anfang des 18.
jhs. tritt noch die französische form suites
auf. J. S. Bach
gebraucht in den überschriften seiner suiten (
um 1720) suites
neben suiten (
s. unter 3). 11)
gefolge hoher herren und fürsten: do wurdent sehshundert und zwölf houpt nidergevellet allerleie wildes, von hirschen hinden rehen und wilde swin, wolfe, fühse und hasen. also ging die swede (
lesaa. sweyde, swide) gon Ofen uf den groszen hof, als sie der konig bescheiden hett E. Windecke
denkwürdigkeiten 91
Altmann. noch als französisches wort bei Stieler
verzeichnet für begleitung, die,
comitatus, galli appellant svite. er hat ein treffliche svite,
sive begleitung
stammbaum (1691) 1144; darauf sofort die verordnung geschehen, einen teil schöner präsenten verfertigen zu lassen, damit er und seine suite, solten beschencket werden Happel
hist. mod. Europae (1692) 300
c; und schickte sich auf die abreise, die den andern tag in ansehnlicher suite vor sich ging Chr. Fr. Hunold
d. europäisch. höfe liebes- u. heldengeschichten (1709) 68; die andern drey hofstäte reiseten etwas langsamer; aber könig und königin mit ihrer svite ... J. v. Besser
schr. (1732) 2, 459; man hatte ... den postmeister von Sainte Menehould gegen die ... weggefangenen personen der königlichen suite frei und ledig gelassen Göthe I 33, 94
W. so auch jagdsuite: da nun der graf selbst ein rehe hetzete ... verlor er seine gantze jagdsuite aus augen und ohren H. Süde
d. gelehrte criticus (1704) 1, 127.
ähnlich im militärischen bereich: doch wird des fürsten durchlaucht ... ihm einen offizier, aus seiner suite, senden, der den befehl, das merkt, ausdrücklich noch zum angriff auf den feind ihm überbringe H. v. Kleist 3, 42
E. Schmidt; ich war kaum ein halbes jahr beim regiment, als mein proprietär, graf Harrach, mich zu sich berief, um in seiner suite nach Görz zu reisen v. Ayrenhoff
w. 1, 11; der alte general ..., von seiner suite umgeben Fontane
ges. w. I 2, 213; à la suite
im gefolge und zur verfügung des feldherrn Sanders
fremdwb. 2, 528
b.
seltener auszerhalb dieser lebenskreise: Götz von Berlichingen nebst suite vereint mit Schillers räubern der zukunft Cl. Brentano
ges. schr. 5, 12; und wenn sie (
Rosalie) auf einem feurigen drachen angeritten käme, mit einer suite von allem, was die liebe hölle an niedlichen teufelchen besitzt Holtei
erzähl. schr. 12, 119; der restaurationspächter und dessen suite bis zur letzten küchenmagd 8, 228. 22)
folge, reihe zusammengehöriger gegenstände, sammlung naturwissenschaftlicher oder künstlerischer art in möglichst zusammenhängender, ununterbrochener '
folge'
; seit dem ende des 18.
jhs. bezeugt. in dieser bedeutung von [] Göthe
häufig gebraucht, bei dem sich in diesem sinne auch suitensammlung (IV 27, 89
W.)
findet: mögen sie ... mir eine das geognostische sein des zinnsteines belegende suite verschaffen IV 24, 75
W.; was die akademie Jena betrifft, so besitzen wir daselbst eine vollständige systematische sammlung (
mineralogischer funde), auch fehlt es nicht an lehrreichen suiten IV 25, 137; eine suite von bairischen fürsten gehört unter die wichtigsten und besten medaillen der alten und neuen zeit Schubart
leben u. gesinnungen 1, 267; die (
bilder) von Dürer sind eine suite und werden daher nicht getrennt, sie stellen eine passion dar J.
u. W. Grimm
briefw. (1881) 40;
folge von zimmern, eine suite von zimmern Campe
wb. z. erkl. (1801) 629;
bildlich: erschrick über die fatale vielschalige suite von korrekzionsstuben, die ein ich umstellen! Jean Paul
w. (1826) 39, 28
Hempel. Sanders
fremdwb. 2, 528
b führt noch an: suite
von stöszen beim billardspiel. übertragen zur bezeichnung des zusammenhanges im aufbau einer dichtung: sollte denn nun vielleicht auch die komposition bei Shakespeare auf ähnliche weise entstanden sein? so, dasz aus einer einfachen vorgangsdisposition mit wenigen gelenken nach und nach durch erweiterung eine reiche entstand, deren suiten und auftritte hier sich verhielten, wie dort die parenthese und parenthese in parenthese? O. Ludwig
ges. schr. 5, 155;
zusammenhang von ereignissen: schreibe dir den brief an Göschen ab, ... dasz du in der suite bleibst und behältst was mit ihm verhandelt wird Göthe IV 8, 282
W. 33)
in der musik eine kompositionsform, auch partita (
italien.)
genannt. im 16.
jh. in Frankreich und den Niederlanden entstanden, in Deutschland im 17.
u. 18.
jh. reich entfaltet, bestehend aus einer folge zunächst loser, später innerlich verbundener tanzsätze, anfänglich zum tanz gespielt, später freie spielmusik für ein oder mehrere instrumente, vgl. K. Nef
gesch. d. suite u. sinfonie (1926); H. J. Moser
gesch. d. dtschen musik 1, 505
ff. die sache ist älter als die bezeichnung. im 17.
jh. sagt man noch nicht suite
sondern etwa gesäng und täntze
oder newe pavanen, galliarden, couranten, sarabanden
u. s. w. mit der französischen orchestersuite (Lully)
kam am ende des 17.
jhs. der name suite
nach Deutschland, vgl. auch A. Prüfer
Joh. H. Schein, sämtl. w. (1901) 1, xxviii.
durch J. S. Bachs suiten
ist die bezeichnung zu festem besitz der deutschen sprache geworden: six svittes avec leurs préludes pour le clavessin composées par Jean Sebast. Bach
titel des autographs der engl. suiten J. S. Bach
w. 45, 1, xiv
Bachgesellschaft; sex sviten pur le clavesin compossee par mos. J. S. Bach
titel des autographs der franzö
s. suiten 45, 1, xxv; suiten, sind solche instrumentalsachen, die erstlich ouverture, symphonie, oder intrade, und nachgehends nach des componisten gutbefinden, eine gantze reihe allerhand piecen, als da sind allemanden, couranten, u.
s. w. in sich begreiffen. eigentlich werden solche suiten fürs clavier gesetzt, ... am meisten aber für allerhand gebräuchliche instrumente
kurtzgefasztes musikal. lexicon (1749) 367; nachdem er diese zu Bachs zufriedenheit durchstudiert hatte, folgten eine reihe suiten und dann das temperierte klavier E. L. Gerber
histor.-biograph. lexikon der tonkünstler (1790) 1, 492; bei Arcangelo Corelli sieht man noch deutlich, wie sich durch vervollkommnung des violinspiels und des violinsatzes aus der suite,
d. h. aus einem auf tasteninstrumenten abgespielten gebinde verschiedener tanzmelodien, nach und nach eine mehr geschlossene einfache form bildete
F. Chrysander
G. Fr. Händel (1858) 3, 173; obwohl es sich in wirklichkeit um drei partiten (suiten) und drei sonaten handelt A. Schweitzer
J. S. Bach (1928) 357. —
hierzu zusammensetzungen wie klaviersuite Mattheson
grundl. einer ehrenpforte (1740) 288; singsuite
ebda, zahlreicher in der modernen musikwissenschaft, wie z. b. orchestersuite H. J. Moser
musik. wb. 118
b, tanzsuite
ders. gesch. d. dt. musik 2 (1928) 110, triosuite 2, 108,
auch mit suite-
als erstem bestandteil z. b. suitenform, -komposition, -stück A. Schweitzer
J. S. Bach (1928) 302
u. a. [] 44)
studentisch mit mannigfacher bedeutung wie '
fahrt, unternehmen
, lustiger streich, duell, kommers',
die alle aus der grundbedeutung gefolge, folge von wagen, gemeinsame ausfahrt zu duell, kommers u. s. w. verständlich sind, s. Seiler
lehnwort 4, 482.
schon vor der mitte des 18.
jhs. bezeugt, vgl. Kluge
studentensprache 129; Vollmann
burschikoses wb. (1846) 439; Klosz
idioticon d. burschenspr. 24
ff. dazu suitier (
s. d.), suitisieren (
s. d.);
hierher gehört auch schwiete, schwittje
u. s. w., in volkstümlicher und mundartlicher redeweise gebräuchlich, sieh teil 9, 2623: und wie die studia mehr heiszen, auf die sich Schwelgrio gelegt. weil nun das geld durch solche sviten die schwindsucht zu bekommen pflegt, gerieth der feine herr in schuld und auch zugleich in schimpf und schande D. Stoppe
teutsche ged. 2.
sammlg. (1729) 180; von zeit zu zeit wurden zu rosz und zu wagen suiten dorthin gemacht, die niemals ohne händel abliefen C. Vogt
aus meinem leben (1896) 119; wenn ich ihm von meinen Berliner suiten und der reise nach Rom ... erzählte Gaudy
sämtl. w. (1844) 2, 124. eine suite anfangen
einen sport, handel beginnen Klosz
a. a. o. 25; eine suite ausmachen
späsze mitmachen ebda 25
u. 28;
geläufiger eine (fidele) suite reiszen
späsze mitmachen ebda 28: diese dinge sind so gewöhnlich, dasz sie in dem wörterbuche unserer jungen akademischen freunde suiten genannt werden, und dasz man, wegen der nahen verwandtschaft, ebenso gut suiten reiszen sagt, als possen reiszen Göthe 27, 115
W.; so hatten denn auch mutwillige studenten die gewohnheit während der ferien das land zu durchziehen und nach ihrer art suiten zu reiszen 25, 169
W. 55)
seltener und nur im 18.
jh. zu belegen '
folgen'
als etwas verursachtes, bewirktes, vor allem in der form suiten nach sich ziehen
oder herbeiziehen,
immer in einem negativen sinn böse, üble
u. s. w. suiten: es können aber aus solcher gelegenheit viele andere einfälle und belustigungen erwachsen, so das gute, so in der repetition geschafft werden könnte, bei weitem überwögen, und wohl gar destruirten und andere böse suiten nach sich zögen Chr. v. Zinzendorf
an Zinzendorf (1716)
zs. für brudergeschichte 4, 90; da hingegen, wo man ohne obige indicantia die aderlasz indifferenter vornahm, schlimme suiten herbeigezogen wurden
sammlg. von natur- u. medicingeschichten (
Breslau 1717) 2, 40; bei der niederlage und bei dem verlust musz sich ein feldherr ebenfalls klug und beherzt aufzuführen wissen. er musz sie erstlich erkennen, und bedencken, was vor fatale suiten weiter daraus entstehen könnten v. Fleming
d. vollk. t. soldat (1726) 191; nachdem nun solche gezwungenen werbungen viele böse suiten nach sich ziehen
ebda 122; um nur den bestien zu zeigen, was seine gegenwart vor betrübte suiten nach sich ziehen ... würde A. Bernd
lebensbeschreibung (1738) 1, 408.