zugleich,
adv. ,
ist erst zu Luthers
zeit in gebrauch gekommen: haltet an am gebet, und wachet in demselbigen mit danksagung, und betet zugleich auch für uns
Col. 4, 3; auff das, wir wachen oder schlaffen, zugleich mit im leben sollen
1. Thess. 5, 10.
wenn Luther
es aus seiner mundart entnommen hat, die sich darin dem mnd. to like Sch.-L. 2, 693
b angeschlossen haben mag, so gilt das nicht für das ganze sprachgebiet. denn fast gleichzeitig erscheint es bei Dürer,
s. bei 1,
und in Straszburg: wie konnen wir dann zuoglich das unser mit solicher ufruor suochen?
polit. corresp. d. stadt Straszburg 1, 115 (1525).
es ist sicherlich weit älter als die schriftliche bezeugung. äuszerlich scheint es gebildet wie zwar,
ahd. zi wâre Graff 1, 919,
doch ist es als kurzform einer verbindung mit einem subst., wie wîs, mâze
oder ähnl., aufzufassen. das entsprechende ze glîcher wîs
ist freilich nur in einzelnen quellen belegt Straszburger bîhtebuoch 37
Oberlin; Steinhöwel
de clar. mulier. 74; 93
u. ö., zugleicherweisz Paracelsus
op. (1616) 1, 317.
als vorbilder für die zusammenziehung konnten ze mâze, ze rehte
dienen, weniger ze erste,
wie Paul
wb. 1573
vorschlägt, wegen der bedeutung. wie mhd. gelîche, algelîche,
an dessen stelle zugleich
getreten ist, bezieht es sich zunächst auf die art und weise. so geben es die älteren wbb. für mutuo Frisius 852
b; Maaler 513
b,
pariter Frisius 948, Maaler 513
b;
ad instar Calepinus
undec. ling. 32
b; 1026
a;
peraequo 1050
b.
die heute als hauptbedeutung empfundene gleichzeitigkeit, die zwar auch früh belegt ist, erscheint in wbb. viel später: insieme, d'una volte Hulsius (1618) 1, 138
b,
una, simul Stieler 667,
ad un tempo Kramer 2, 1478
a.
die form zugleiche H. v. Cronberg 69
ndr., bei dichtern des 17.
jh. verseshalber P. Fleming 1, 122; 233
Lappenberg; Logau 213
Eitner. 11)
ursprünglich bezeichnete es '
in gleicher weise': kegel ... die mag man schlecht oder gewunden machen, ... zuogleych wie for mit den selen A. Dürer
unterweis. der messung (1525) g 1
b; zugleich wie einer ein linien mit der hand zeucht Paracelsus
op. (1616) 2, 317; er hat die Gotthier und Italier zugleich lieb Stumpf
Schwytzerchr. (1606) 199
a; wann eheleut nicht zugleich ziehen, so bleibt der hauszwagen im koth stecken Lehmann
floril. 1, 405.
in engem anschlusz an ein verb: leg die messleiter widerumb mit hilff des compassen, wie sie vor gelegen ist, namlich daz diser ander cathecus dem vordrigen catheco zuogleich stand S. Münster
cosm. 30; dann diese schrifft Pauli, Petri und Joannis treffen zugleich mit dem evangelio
reformationsflugschr. 1, 30
Clemen. wie eine präp. gebraucht: ferner soll auff der seitten, da der bruch ist, ein bändlin angenehet werden ... zugleich demselbigen, das uber die achsel gehet O. Gäbelkover
arzneib. (1595) 1, 369.
diese verwendung ist nicht mehr üblich. 22)
die zeitliche vorstellung hat sich an zugleich
von anfang an angeschlossen, wie sie überhaupt in den adverbialen verbindungen mit zu
die vorherrschaft hatte, s. o. sp. 211
ff. alle heutigen verwendungen lassen sich davon ableiten, doch enthält das wort meistens ein unzeitliches, logisches element daneben, oder als vorherrschend. 2@aa)
in der bedeutung zu einer u. derselben zeit: denn ichs in keinen weg leucken wil, das gottes gewalt nicht solte so viel vermügen, das ein leib zugleich an vielen orten sein müge auch leiblicher, begreifflicher weise Luther 26, 336
W.; die strahlen ... von dem gestirn und den planeten nicht an allen orten zugleich ... eintreffen L. Thurneysser
m. alch. (1583) 12; wenn zwey auff zwey unterschiedenen und .. ziemlich weit von einander entlegenen thürmen stehende uhrwercke zugleich schlügen J. G. Schmidt
rockenphilosophie (1706) 2, 67; oder eine person will eine andre ... und die zuschauer zugleich etwas wissen lassen O. Ludwig 5, 355; dasz du zugleich mit dem heiligen Christ an diesem tage geboren bist Göthe 4, 249
W.; wechselnd bald, und bald zugleich eint es und entzieht mich euch Müllner
dram. w. 2, 95.
bei philosophen: ein jeder wird bey sich selbst befinden, dasz, sobald er annimmt, es sollen verschiedene dinge zugleich seyn, er sich eines auszer dem andern vorstellet Chr. Wolff
vernünftige ged. von gott 19;
vgl. unten 7. 2@bb)
besonders von dem zugleichsein des entgegengesetzten oder sich widersprechenden: sihe, es kompt die zeit, spricht der herr, das man zugleich ackern und erndten, und zugleich keltern und seen wird
Amos 9, 13; fing an zu agirn und zugleich darunder zu geigen Grimmelshausen 2, 50
Keller; ohn leben ich noch lebe, bin todt ohn todt zugleich Spee
trutz-nachtigall (1649) 61; ich wünschte ... zugleich meine hände verdeckt im spiel zu haben und als zuschauer die freude der illusion zu genieszen Göthe 21, 19
W. daher die häufigen wendungen von dem, was man nicht zugleich kann: derhalben ist unmuglich, das tzugleich das evangelion und geystlich recht regiren konnen Luther 8, 541
W.; eten unde spreken to gelyk is quât to doen Tunnicius
nr. 1303
Hoffmann; man kan nit zweien herren zugleich dienen Tappius
adag. (1545) 133
b; denn ich kann nicht zugleich lachen und weinen Gryphius
Peter Squenz 11
ndr.; es kan niemand zugleich blasen und schlucken Pistorius
thes. paröm. 240; dasz ebendieselben augen nicht zugleich grau und schwarz sein können Lessing 2, 46
M.; man kann die waare und das geld nicht zugleich haben Göthe 22, 334; man kann nicht zugleich auf zwei hochzeiten tanzen.
anderes Lehmann 2, 813; 845; Petri 1, c iii
a; 2, k i
b. 33)
die zeitvorstellung tritt zurück, und zugleich,
oft zugleich mit (
adv.),
drückt die einheitlichkeit eines vorganges aus: zugleich in einer müh,
eadem opera Dentzler 2, 367
a; ja wenn das hertze also gepresset wird, so werden auch die lungen zugleich mit gedrückt Prätorius
anthropod. pluton. 1, 26; es ist ein sehr glücklicher kunstgriff, dasz der adler, indem er die flügel hebt, das gewand zugleich mit in die höhe bringt Göthe 47, 229
W.; verkürzungen, die zugleich sinn und wirkung aufheben! 22, 165
W.; ich glaube, dasz niemand etwas für uns thut, der nicht zugleich sein interesse dabei findet Bismarck
ged. u. erinn. 1, 207
volksausg. meist wird so entgegengesetztes in der einheit verbunden: auff dasz ich sie (
die welt) nicht allein ergetzet, sonder zugleich auch mit dem ergetzen, dest süsser das gute möcht einschwetzen Fischart
Eulensp. 16
Hauffen; wer vor dem stamm sich neigt, der grüszt zugleich die äste Stoppe
Parnasz 51; wir wollen sie (
die vorurtheile) nicht ausjäten, um nicht vielleicht edle pflanzen zugleich mit auszuraufen Göthe 22, 7
W. s. auch th. 1,
vorr. XIII
oben. 44)
es tritt das '
zusammen'
in den vordergrund. 4@aa) zugleich
betont die zusammenfassung: und alles volck antwortet zugleich, und sprachen
2. Mos. 19, 8; wie kunden die wellen des meeres schaden, weil der schöpffer des meeres bey ihnen zugleich im schiffe war? J. Agricola
sprichw. c viii
b; des ewigen geist- und naturfeuers urstand geschicht durch eine ewige conjunction oder zusammenfügung, keines sonderlich, sondern beides zugleich J. Böhme 2, 17; ob sie sich gleich ungerne von beiden (
kindern) zugleich trennte Göthe 23, 107
W.; dreiszig, vierzig wagen zogen zugleich aus in den schönen mondnächten Droste-Hülshoff 2, 263.
oft ist es völlig gleich zusammen: wolff und lamb sollen weiden zugleich
Jes. 65, 25; die waldt und berg zuegleich auff einen orth getragen Opitz
t. poeterei 21
ndr.; alle zugleich: auff das wir uns alle zugleich auch machen einen groszen namen H. Sachs 6, 196
K.; so fuhr sie sich mit allen fünf fingern zugleich in die haare Ph. Hafner
ges. schr. 1, 7. zugleich mit (
präp.): drumb sende yhn gott eben den geyst, den Christus hatt, der auch kind ist, das sie zugleich mit yhm ruffen: Abba, lieber vatter Luther 10, 1, 1, 370
W.; warum untergräbst du denn allein, was du mit ihm zugleich gebauet? Lessing 3, 76
M.; er hatte ... seinen arbeitslohn mit der arbeit zugleich verlieren ... müssen G. Keller 5, 11. 4@bb)
es betont das gegensätzliche in der zusammenfassung, ebenso wie heute zu gleicher zeit,
frz. en même temps: du solt nicht anziehen ein kleid von wollen und linnen zugleich gemenget
5. Mos. 22, 10; so werden freylich zuogleich sündigen ..., der so die warhait verbürgt, wie auch der so die lugen treibt J. Nas
antipap. eins u. hundert 1,
vorr. a ii b; so soll man erdrich auszerlesen, welchs kiselsteinen seie ... und sonderlich die ... kiselig und sandig zugleich seien Sebiz
feldbau 14; frew dich, du schöner Rein, und du gelehrte statt, die hungersnoth und krieg zugleich getragen hat Opitz
t. poemata 24
ndr.; ein weib ..., das mit dem verlangen nicht zugleich liebe und ehrfurcht einflöszt Göthe 21, 45
W.; wie heiszt die schöne, die ... in ihren sittsamen schelmenaugen gift und gegengift zugleich führt? 23, 303
W.; der tod ist endigung und anfang zugleich Novalis
Athenäum 1, 73; wir haben mit den rechten des königs Christian .. zugleich die landesherrlichen pflichten in bezug auf Schleswig übernommen Bismarck
pol. reden 3, 14; Dörr hielt das gewöhnlichste zugleich für das vorteilhafteste Fontane I 5, 123. 4@cc)
insbesondere von dem gegensätzlichen, das durch eine oder in einer person zu tage tritt, s. auch die beiden belege aus Göthe
bei b: und meyneten, gott hette Adam also gemacht, das seyne eynige person zugleych eyn mans und weybs bilde were Luther 18, 147
W.; die köchin, welche zugleich auch die stell einer kellerin und beschlieszerin vertretten muste Grimmelshausen 2, 345
Keller; er scheint einer von den talentvollen menschen, der als offizier, employé oder spion, wohl auch alles zugleich, durch den kriegesbesen hin- und wieder gepeitscht worden Göthe IV 29, 80
W.; nun sitz' ich hier zugleich erhoben und gedrückt 2, 145
W.; sie ist so sitt- und tugendreich, und etwas schnippisch doch zugleich 14, 128
W. (
Faust 2612); Michae l Kohlhaas ..., einer der rechtschaffensten zugleich und entsetzlichsten menschen seiner zeit H. v. Kleist 3, 141
E. Schm. 55)
mit schwindender eigenbedeutung übernimmt zugleich
syntaktische funktionen. 5@aa)
es verknüpft einzelne satzglieder, meistens sie zugleich gegenüberstellend, wie sowohl ... als auch,
mhd. beide ... und: und (
da) dann den äuszern sinn zugleich die lieblichkeit der formen, die grösze und einfachheit der gestalten ... in durchgängige klarheit versetzt Göthe 46, 38
W.; und ehrst bescheiden dich und uns zugleich 10, 122
W.; zu meiner groszen verwunderung, zu meiner freude zugleich 33, 292
W. in verbindung mit anderen conjunctionen u. partikeln: sie legte .. die kaffeserviette, stellte zwei leuchter, zugleich auch die zuckerdose ... in die mitte des tisches Fontane
rom. u. nov. (1890) 7, 10. zugleich sprachlich wie geographisch Mommsen
röm. gesch. 1
4, 12; ich hoffe auf diesem wege zugleich dem ... fortschritte der .. wissenschaften, als auch den besitzern dieses werks einen ... dienst leisten zu können Ritter
erdk. 1, xiii; forderte die armee nicht allein dessen bestrafung, sondern zugleich die baldige auflösung des parlamentes Ranke 4, 5. 5@bb)
es knüpft sätze an, sich mit auch, auszerdem
berührend. 5@b@aα)
in den satz eingefügt: an welchem end wir zugleich damit handelen wöllen, vom ampt, gebür oder zustand eines meyers Sebiz
feldbau 2; da hatten eltern den kreis ihrer ideen nicht für sich gesammlet; er war zugleich da, um mitgetheilt zu werden Herder 5, 116
S.; merkwürdig ist es zugleich, dasz durch diese behandlungsweise gerade die eigenthümlichkeiten .. ins widerwärtige gezogen sind Göthe IV 41, 15
W.; dieser gedanke hat nicht blos die arbeit frei und reich gemacht, er hat zugleich die mittelaltrigen stände als sociale rechtskreise gebrochen W. H. Riehl
die deutsche arbeit 26.
mit aber, doch, auch: ich glaube aber zugleich, dasz dieses talent nicht sein grösztes noch vorragendes sey Gerstenberg
schlesw. literat.-br. 125
lit.-dkm.; doch sage ich ihnen zugleich, dasz mir jeder augenblick zu lang werden wird Geller 4, 195; auch musz ich zugleich erinnern, dasz ich zwey oder drey lateinische ... wörter mit eingeschoben Rachel
sat. ged. 12
ndr. 5@b@bβ)
besonders kenntlich an der spitze des satzes: das höchste nicht blendende helle wirkt neben dem völlig dunkeln. zugleich werden wir alle mittelstufen des helldunkeln und alle farbenbestimmungen gewahr Göthe II 1, 5; zugleich aber lenkte man die poesie auf geistliche stoffe Scherer
literaturgesch. 44.
formelhaft in Göthes
briefstil: zugleich les ich den Livius IV 8, 143
W.; zugleich vermelde, dasz 41, 121,
ähnl. 27, 6; 28, 5; 31, 45
W. 5@b@gγ)
in nebensätzen wie gleich: und solte auch zugleich die gantze welt vergehen
volksb. v. gehörnten Siegfried 75
ndr.; es könte keiner ein poet seyn, er wäre dann zugleich ein narr Moscherosch
ges. 1, 470.
oder anknüpfend: weil zugleich A. U. v. Braunschweig
Octavia 1, 3; wenn er nur ... nicht zugleich Gellert 3, 68. 66) zugleich
als subst. immer im sinne der gleichzeitigkeit: ja, sagte der zweite, nichts ist so bemerkenswert als das grosze zugleich in der natur. überall scheint die natur ganz gegenwärtig Novalis 4, 33
Minor; wie das sein so auch das wissen, das sein ausdruck ist, musz ein zugleich des allgemeinen und besonderen, des denkens und vorstellens sein Schleiermacher III 5, 32. 77) zugleich
in zusammensetzungen mit infinitiven, besonders in der philosophie: das geräusch des zugleichsprechens der ganzen schule Herbart 11, 47
Hartenstein; das .. zugleichwissen der theile des bildes
allg. d. bibl. 116, 436; das unendliche zugleichwirken der in der absoluten idee enthaltenen bestimmten ideen Fr. Th. Vischer
ästhetik 1, 117;
vor allem das zugleichsein Kant 3, 25
ac.; Novalis 3, 181
Minor; Fichte 5, 434; Schopenhauer 1, 41; das zugleichdaseyn des blos vorgestellten Fr. H. Jacobi 2, 228; dieses zugleichgesetztsein Schleiermacher I 3, 24.
ähnlich: meine gesammt- oder zugleichliebe Jean Paul 7/10, 154
H.