wiegendruck,
m.,
druck aus der frühzeit der buchdruckerkunst (
gewöhnlich bis 1500
gerechnet);
zu wiege 2 c
nach inkunabel
gebildet, hieraus nl. wiegedruck (
und schwed. vaggtryck). incunabula,
wie wiege
häufig für '
anfänge, frühzeit'
gebraucht, gewann als ausdruck für die frühzeit des buchdrucks aufschwung durch den titel des werkes von Cornelius van Beughem 'incunabula typographiae sive catalogus librorum scriptorumque proximis ab inventione typographiae annis usque ad annum 1500 inclusive ... editorum,
Amstelodami 1688'.
Beughem scheint zu dieser titelfassung durch eine formulierung des französischen bibliographen Philippe Labbé aus dem jahre 1653 ('editiones quae ante centum et quinquaginta annos in ipsis paene typographiae incunabulis prodierunt')
angeregt worden zu sein. auf die frühdrucke selbst wird inkunabel
erst seit dem ende des 18.
jhs. angewendet (
s. zu diesem wort E. v. Rath in:
werden und wirken [1924] 289
f.; ders. in: lex. d. gesamt. buchwesens 2 [1936] 159
a;
vgl. noch F. Eichler in:
Gutenberg-jahrb. [1935] 65
f., der incunabula
schon in Beughems titel auf die drucke selbst beziehen möchte).
wenige jahrzehnte später ist das wort wiegendruck,
das erst '
in den letzten jahrzehnten des 19.
jhdts in aufnahme gekommen ist und sich immer mehr einbürgert' (
lex. d. ges. buchw. 2, 159
a),
bereits ganz vereinzelt nachzuweisen: die erhaltung von wiegendrucken dieser art (
holztafel-bilddrucken des 15.
jhs.) verdanken wir lediglich der sitte der alten buchbinder, die häufig zugleich auch briefdrucker waren, die innern seiten der bücherdeckel mit bildern zu bekleben K. Falkenstein
gesch. d. buchdruckerkunst (1840) 17 (
nach: die erhaltung von incunabeln dieser art verdanken wir endlich lediglich der sitte der alten buchbinder, die, häufig zugleich briefdrucker, auf die inneren seiten der buchdeckel bilder klebten J. D. F Sotzmann in:
histor. taschenbuch 8 [1837] 805
Raumer).
hierauf läszt Brockhaus' conversationslexikon seine früheren verdeutschungen erstlingsdrucke, druckerstlinge (5 [
81834] 505
s. v. incunabeln)
zugunsten des neuen wortes fallen (wiegendrucke 7 [
91845] 417;
in Meyers conv.-lex. 16 [1850] 644
b fehlt das wort).
es ist möglich, dasz wiegendruck
diesen beiden vielbenutzten quellen seinen späteren durchbruch verdankt. zunächst scheinen sie indessen ganz allein zu stehen, obgleich man sich vielfach um verdeutschung des wortes inkunabel
bemüht. in der älteren literatur zur druckgeschichte begegnen u. a. öfters die ausdrücke erste drucke, erstlinge, (
mit attributen, z. t. nicht genau für inkunabel)
und erstlingsdrucke: die Mainzer ersten drucke G. W. Zapf
ält. buchdruckergesch. v. Mainz (1790)
vorr.; die liebhaberey zu büchern des ersten druckes Breitkopf
über bibliographie u. bibliophilie (1793) 3; in den ... büchern ersten druckes
ebda 24; (
ein bücherspekulant) war damals im besitze vieler ersten drucke, und darunter der historie des antichrist, der ars moriendi C. A. Schaab
gesch. d. erfindung d. buchdruckerkunst (1830) 1, 259; unsere ersten drucke
ebda 270; auch die kupferstechkunst mag ihre erstlinge schon vor der erfindung der buchdruckerkunst geliefert haben
ebda 3, 338; die erstlinge der kunst wurden hauptsächlich in der behausung dieses Dritzehns bearbeitet J. Wetter
krit. gesch. d. erfind. d. buchdruckerkunst (1836) 88 (
von den ersten druckversuchen überhaupt, nach: primitiae artis in aedibus Drizehenii hujus praesertim tractatae sunt J. D. Schöpflin
vindiciae typographicae [1760] 23); dasz die erstlinge der kunst nicht in ihren (
der stadt Haarlem) mauern entstanden sind
ebda 102 (
nach: les prémices de cet art
M. Fournier l. j.
observations [1760] 41,
auf Schöpflin
fuszend); bei den Mainzer typographischen erstlingen Sotzmann
in histor. taschenb. 8 (1837) 457; der drucker jener typographischen erstlinge
ebda 565; die in einem zeitraume von 40 jahren zu stande gebrachten kostbaren erstlingsdrucke H. Lempertz
beitr. z. ält. gesch. d. buchdr.- u. holzschneidekunst (
21839) [2]. —
die fremdwörterbücher empfehlen namentlich druckerstlinge
und erstlingsdrucke,
vgl.: druckerstlinge Campe
wb. z. erkl. u. verdeutschung (1813) 371
a (
in der ersten aufl. [1801]
fehlt incunabel); druckerstlinge, urdruckschriften Heyse
verdeutschungswb. (
31819) 263
b;
dazu erstlingsdrucke (
91844) 367
b; erstlingsdrucke, urdrucke Favreau
fremd- u. sachwb. (
31852) 1, 428
a.
zwar tritt Petri
gedrängtes hdb. d. fremdwörter (
41823) 294 (
ältere auflagen waren nicht zugänglich)
schon früh mit wiegenschrift
hervor, aber wiegendruck
fehlt z. t. bis über die jahrhundertgrenze hinaus, vgl. Kehrein
fremdwb. (1876) 274
a; Heyse-Böttger
fremdwb. (1879) 441
b; Liebknecht
volksfremdwb. (
61890) 220
b; (
191922) 184
a.
die ersten buchungen des wortes finden sich in den 1880
er jahren: incunabeln wiegendrucke Reinecke
verdeutschungswb. d. kunst- u. geschäftsspr. d. dt. buchhandels (1886) 50; Sarrazin
verdeutschungswb. (
21889) 131
a (
nicht in der 1.
aufl. v. j. 1886); Saalfeld
fremd- u. verdeutschungswb. (1898) 185
a.
um diese zeit hat bereits seine literarische ausbreitung eingesetzt, die wohl etwa im ersten viertel des 20.
jh. zu seiner allgemeineren aufnahme führt: der baronet, ein tüchtiger bücherkenner, sah zu seinem erstaunen einen der seltensten wiegendrucke vor sich, die Venetianer-ausgabe von Bocaccio's decameron aus dem jahre 1471
deutsche roman-zeitung 16 (1879) 3, 557 (
zit. bei Sanders
erg. -wb. [1885] 165
a); Anton Einsle die incunabelbibliographie. anleitung zu einer richtigen und einheitlichen beschreibung der wiegendrucke (
Wien 1888)
titel; gesamtkatalog der wiegendrucke, hrsg. v.
d. preusz. kommission, probedruck (1914)
titel; man spricht von inkunabeln des kupferstichs, der radierung, der lithographie, während wiegendruck nur ein frühes produkt der buchdruckerkunst bezeichnen kann E. v. Rath in:
monatshefte f. bücherfreunde 1 (1925) 265; eine niederländische prosafassung, die zuerst durch die neuausgabe eines wiegendrucks bekanntgemacht wurde
wirkendes wort (1957) 139. —
dazu wiegendruckzeit, f.: vertreter des pharmazeutischen buches der wiegendruckzeit
forsch. u. fortschr. 11 (1935) 293.