stiefmutter,
f. ,
nicht leibliche, durch eine neue heirat des vaters erworbene mutter. mnl., nl. stiefmoeder,
altfries. stiepmoder,
ags. stéopmódor,
engl. stepmother,
altn. stjúpmódir,
schwed. styvmoder,
dän. stifmoder, stedmoder.
ahd. häufig bezeugt, s. auch u.: noverca steofmoter
ahd. gl. 3, 6, 26; stiufmuater 1, 285, 21; stuphmuoter 3, 426, 17; stiefmuoter 3, 65, 43;
altnd. stiefmoder
ahd. gl. 4, 206, 12, stefmoder 3, 715, 44,
s. Gallée
vorstud. 305;
mnd. stēfmoder. 11)
in eigentlicher anwendung. 1@aa)
meist von der gattin des vaters: sinir stiefmuter er liez Lavine ir stat, dú ir e was und die ir bute Eneas Rudolf v. Ems
weltchr. 26584
Ehrism. ze glycher wys wie ain witib, die von dem ersten mann kinder hat, ainen andern man nimpt, der ouch kinder der frowen zuobringet, so ist sie ierer kind rechte muoter und ist der andern kind stieffmuter Steinhöwel
Äsopus 49
Österley; spreke eyn echte sone sin steyfmoder an na dode sines vaders ume ene schichtincge sines vaderliken gudes
hans. gesch.-qu. 3, 115
Frensdorff; nachdem kam er, woselbst ein angenehmes weib als eine hüterin bey zweenen knaben sasz ... ein vater zeugte von zwo müttern dieses paar, daher denn seine frau stiefmutter von dem einen und von dem andern nur die rechte mutter war Brockes
bethlehem. kinderm. (1715) 233. stiufmuater (
qui dormierit cum noverca sua, levit. 20, 11)
ahd. gl. 1, 354, 25; ez mag ein chint seines vater guot oder seiner muoter erbe verwurchen mit vier dingen. daz ist eines, ob der vater hat ein weib, deu ist sein steufmuoter, ob der sun bei ir leit
spiegel deutscher leute 42
Ficker; aber da er innen ward, daz der zuo Chorinth seine stfmuoter genommen het, do schrib er so ain haisse und strenge epistel hin, als er noch ye gethon hat Luther 10, 3, 253
W.; die geschichte des unglücklichen dom Karlos
[] und seiner stiefmutter, der königin Schiller 5, 1, 2
G.; da aber ihre mutter starb, und statt derselben eine junge stieffmutter ins hausz kam, zog zugleich der uneinigkeitsteuffel mit ein Schnabel
insel Felsenburg 1, 86
Ullrich; sie werden demnach nicht nur die gefälligste gattin, sondern auch eine weise und billige stiefmutter, eine häusliche wirthin ... seyn L. A. Gottschedin
br. 3, 24
Runkel; ich bin seine braut, weil ich zu ihm ja gesagt habe und ja sag zum schicksal stiefmutter P. Dörfler
d. notwender (1934) 248.
vom vater aus gesehen seinen kindern eine stiefmutter geben,
nämlich durch eine neue heirat: ich wette, er geht damit um, uns eine stiefmutter zu geben Bauernfeld 4, 79; so vernarrte er sich nach dem tode seiner ersten gemahlin in das weib, das du gesehen hast. durch sie gab er seinen erwachsnen kindern eine stiefmutter Klinger
w. 3, 129;
vgl.: den kindern eine stiefmutter über den hals führen
novercam inducere liberis Steinbach (1734) 2, 95. —
gelegentlich mit bezug auf auszereheliche verhältnisse: ob ain son bei seines vatters weib leit mit wissen, die sein steufmueter ist, die sein vatter eelich oder ledig gehabt hat (1535)
österr. weist. 9, 786; sich müeste ouch bergen unde steln Hercules in wîbes wât dur die vil angestbæren tât ..., daz sîn stiefmuoter Jûne in wolte hân ersterbet Konrad v. Würzburg
trojan. krieg 14474
K. —
für das vogelweibchen, das ein fremdes ei ausbrütet: die rephuner ein ander stelent ir eier, daz si sere helnt, und prutend si als ir kint. als si ze voglen worden sint, so nement si ir rechten muter war, swo si die horent, und vligent dar und lazent ir stiefmuter vrie und wonent ir rechten muter bie
kl. mhd. erz. 99
Rosenhagen; die henne jammert ums ufer und ruft die gleitenden entchen, die sie gebrütet; sie fliehn der stiefmutter stimme, durchplätschern die fluth und nagen am schilf Ew. Chr. v. Kleist
w. 1 183
Sauer; man giebt ihnen ... eine stiefmutter, wozu sich truthennen am besten schicken, läszt die fasaneneier von dieser ausbrüten, bringt nachher die jungen sammt der mutter in einen geräumigen kasten Naumann
naturgesch. d. vögel 6, 456. 1@bb)
die vorstellung des harten, boshaften, auch grausamen ist für die stiefmutter
in ihrem verhältnis zu den stiefkindern seit früher zeit in besonders starkem masze ausgeprägt: ten sin stiefmuoter vilo willigo sougta, doh si anderiu iro stiefchint hazeti Notker 1, 800
Piper; anno 702 conspiriert Pipinus, der sun Caroli, ... wider seinen vatter von wegen der greulichkeyt der stieffmuotter Fastrade Seb. Franck
chron. Germ. (1538
im nov.) 73
b; sie (
die menschen) sind alle stolz und hart, und seine mutter ist seine stiefmutter Fontane I 5, 56.
so besonders im bereich des märchens: seit die mutter todt ist, haben wir keine gute stunde mehr, die stiefmutter schlägt uns alle tage, ... sie giebt uns auch nichts zu essen als harte brotkrusten
kinder- u. hausm. 1, 45
Panzer; stiefmutter trieb uns fort, wissen ach keinen ort. auszen im birkenwald ist es so kalt O. Ludwig 1, 109
Schmidt-Stern. in dieser beziehung erscheint die stiefmutter
früh als typische, fest ausgeprägte gestalt: da wurd sie irem stieffson feind, wie gwönglich all stieffmütter seind Hans Sachs 20, 364
K.-G., Agrippa, der sun Augusti, den sie als sein stieffmuotter hasset Seb. Franck
chron. Germ. (1538
im nov.) 17
a; obgleich aber die stiefmütter wider ihre stiefsöhne und stieftöchter nicht allezeit mit dem schwerdt, gifft und strick zu wüten pflegen, hegen sie doch insgemein einen schädlichen und schlimmen hasz im hertzen Hohberg
georg. cur. aucta (1715) 3, 1, 133
b; ein junge von ungefähr dreyzehn jahren ..., der in der residenz sein glück versuchen wollte, weil seine stiefmutter zu hause den
[] kredit ihres namens etwas zu strenge behauptete Seume
spaziergang (1803) 178; wie viel süszer denn stiefmutter ist die eigene mutter, so viel auch ist das land holder als wüste see E.
M. Arndt
s. w. 6, 59
R.-M. seit früher zeit in verbindung mit sinnentsprechenden beiwörtern: iniusta noverca ungnadikiu stiefmuoter (
zu Vergil ecl. 3, 33)
ahd. gl. 2, 679, 36; als ein rechte, rauhe und grauwsame stieffmutter
theatr. amoris 29; wie der letzte unglückliche printz Pantoja ... von seiner boszhafften stieffmutter mit gifft vergeben worden Ziegler
asiat. Banise (1689) 208; meinen sohn Ernst Lutzen, von meinem ersten weib, ... den ihr euch, vor gott, nicht als ein unachtsame, harte, untrewe stieffmutter, sondern als eine getrewe, wohlmeynende rechte mutter wolt zu allem guten trewlichen empfohlen haben Moscherosch
insomn. cura par. 17
ndr.; doch dürften wir dafür eine harte stiefmutter kriegen. seis drum, wir lassen sie keifen Schiller 3, 23
G. besonders böse stiefmutter: ich hab ein rechte, i. böse stieffmutter Alberus (1540) b b 1
a; dasz der ritter von B. die böse stiefmutter ersticht, ist unritterlich
allg. dt. bibl. anh. zu 25-36, 703; die böse stiefmutter aber war eine hexe
kinder- u. hausm. 1, 46
Panzer. —
häufig in sprichwörtern und redensarten: ein stieffmutter ist ein böse ruth und thut den kindern selten gut Petri
d. Teutschen weiszh. 2, y 5
a.
auf dem lat. apud novercam queri (
Plautus Pseudolus 302
Lorenz)
beruhend: seiner stieffmuotter klagen. dem wolf oder hencker beichten
ebda 2, 16
a; wer dem todt entfliehen wil, dessen mühe ist umbsonst. ... der klagt seine noth einer stiefmuter. der lehret das eisen schwimmen Moscherosch
gesichte (1650) 1, 451; er weynt ob seiner stieffmuotter grab Seb. Franck
sprichw. (1541) 1, 47
b.
mundartlich: du gäbst e rechte stiefmutter
zu einem kargen menschen Fischer
schwäb. 5, 1756.
durch übertragung des älteren sprichw. schwiegermutter teufels unterfutter (
teil 11, 3, 1557): eine stiefmutter ist des teufels unterfutter Binder
sprichwörterschatz (1873) 189.
besonders für das obd. bezeugt, s. Staub-Tobler
schweiz. id. 4, 596; Fischer
schwäb. 5, 1756; Rosegger I 12, 72. 22)
bildlich und übertragen '
böse, schlechte mutter',
s. 1 b.
mannigfach, wo im positiven sinn mit bezug auf liebe, freigebigkeit, schöpfungskraft u. s. w. das bild der mutterschaft möglich ist (
s. teil 6, 2809
f.): ir habent gemacht ausz der hailigen muoter, der ersten kirchen, ain stiefmuoter
satiren u. pasqu. 2, 88
Schade; die kirche, die ... mir ein mutterherz hätte zeigen sollen, ist vielmehr eine stiefmutter
M. I. Schmidt
gesch. d. Deutschen 3, 68; des gleich ist hie die erdt ain steufmueter aller kreuter werd und ain rechte mueter gancz aller kreuter, die man pflanczt
Sterzinger spiele 1, 175
Zingerle; die sonne wäre uns eine straffe und die erde eine harte stiefmutter, wann das wasser sie nit erweichete und feuchtete S. v. Birken
ostl. lorbeerhäyn 51; ade du böse welt, die du mir bist gewesen stieffmutter, gantz voll zorn Rist
neuer t. Parnasz 558; nur gegen fremdlinge wars (
Amerika) diese stiefmutter, die ... mit anderer constitution und lebensweise in seinem schoos leben Herder 13, 286
S. besonders von der natur, dem glück im verhältnis zum menschen: also das man nit wol ... sagen kan, ob sye (
die natur) dem menschen ein bessere rechte muter oder ein traurige styeffmuoter sey H. v. Eppendorff
Plinius (1543) 3; auch auf ihren körper wenden sie mehr. nehmen sie zur kunst ihre zuflucht, wo die natur an ihnen stiefmutter war Schiller 3, 43
G.; freylich, so wie die stifmutter natur mich erschaffen, kann ich keine liebesnetze ausspannen Kotzebue
doctor Bahrdt 18
Blei; ist Adelmund hin, so ist mein glükk verspilet und würd mihr gewüs zu einer
[] solchen harten stihfmutter wärden, dasz ich schohn dahrfohr erzittere Zesen
adr. Rosemund 152
ndr. redensartlich: seinem maule (Schwan
nouv. dict. 2, 717
a), munde (Campe 4, 655
b), leibe (Staub-Tobler
schweiz. id. 4, 596; Müller-Fr.
obersächs. 2, 564
b) keine stiefmutter sein '
sich nichts abgehen lassen'
; in md. und obd. maa. weit verbreitet, s. noch Rückert
unterfrk. 176; Follmann
lothr. 498
b; Fischer
schwäb. 5, 1756: mademoiselle Grillon war aber ihrem munde eine harte stiefmutter, wenn sie ihn aus eigener börse zu beköstigen hatte Langbein
s. schr. 9, 51. —
von abstracten mit dem gegensatz zur gebärenden mutter: du leydiger stoltz, der du bist eine stieffmutter aller tugenden, ein geberin aller laster
theatr. diab. (1569) 440
a; müssikait ist ... ain muotter der lugen und stiefmuoter der tugenden Albr. v. Eyb
spiegel d. sitten (1511) 49
a;
früh in prägnanterer form, sprichwörtlich werdend: müsziggang ist der tugend stieffmutter Lehman
floril. polit. 2, 541; die armuot ist aller künst stieffmuotter Seb. Franck
sprüchw. (1545) 1, 39
a; eilen ist des rechts stieffmutter Petri
d. Teutschen weiszh. 2 s 4
b; geitz ... ist eine stifmutter der gerechtigkeit Butschky
Pathmos (1677) 529. —
von der leiblichen mutter, wenn sie böse ist: was sollten sie mit der bösen stiefmutter anfangen; sie ward in ein fasz gesteckt von siedendem öhl
kinder- u. hausmärchen 1, 41
Panzer. im sprichwort: heszt du eerst n steeffaar (
stiefvater), dann kriggst du ook bold n steefmoor Stürenberg
ostfries. 262
b;
vgl. Staub-Tobler
schweiz. id. 1, 1130;
das sprichwort ist seit dem 16.
jh. bezeugt, doch verhältnismäszig selten und wohl nur als umkehrung der häufigeren folge stiefmutter stiefvater (
unten sp. 2816)
aufzufassen: darher men sprickt: bekümpt einer einen steffvader, he bekümpt ock balde eine steffmoder, edder erlanget einer eine steffmoder, de erlanget ock lichtiken einen steffvader Nic. Gryse
leienbibel (1604) 3, l 4
b;
so auch: deszhalb ich wol eyns andern manns bekommen wer. do sahe ich an dein kindtheyt ... und liesz es umb deinetwillen underwegen, sorgende, wa ich dich mit eynem stieffvatter belüd, ich möcht dir auch zuo eyner stieffmutter geratten Carbach
Titi Livii röm. hist. (1551) 37
a; die wirkliche mutter wird, nach dem tode des mannes, oft zur stiefmutter Schopenhauer 5, 269
Gris. 33)
vereinzelt als sachbezeichnung; durch übertragung von 1 b
her, vgl. K. Nyrop
d. leben d. wörter (1903) 22: in der stiefmutter
hess. flurname für einen ungünstig gelegenen feldstrich J. Grimm
kl. schr. 5, 300;
ein sitzbrett am feuerherd (
von der unbequemlichkeit?) Schmeller-Fr.
bair. 2, 737;
bezeichnung für eine blaue milch Fischer
schwäb. 6, 2, 3208. —
vereinzelt als pflanzenbezeichnung an stelle des üblichen stiefmütterchen,
s. u.: jacea dicitur herba seu flos trinitatis, viola tricolor ... unnütze sorge, ie langer ie lieber, stieffmutter Reyher
thes. (1686) 1188;
auch nd. steefmadder,
s. Mensing 4, 816.