stiefvater,
m. ,
nicht leiblicher, durch eine spätere heirat der mutter erworbener vater. mnl. nl. stiefvader;
afries. stiapfeder;
ags. stéopfæder,
engl. stepfather;
altnord. stjúpfaðir,
schwed. styvfader,
dän. stiffader, stedfader.
ahd. stioffater
parasitaster ahd. gl. 4, 230, 22; stieffvater
patriaster ebda 84, 45.
altnd. stiffader
ebda 2, 500, 42; steffader
ebda 3, 715, 43;
s. Wadstein sprachdenkm. 86
b; Gallée
vorstud. 305.
mnd. stēfvader. 11)
in eigentlicher verwendung. 1@aa)
zur bezeichnung des äuszeren verwandtschaftsverhältnisses zu den kindern der gattin aus früherer ehe: vitricum i. qui uxorem ex alio viro filium vel filiam habentem ducit i. steophater (
omitto Oedipum ... matris maritum ... vitricum suum Orosius 62, 11
Zangemeister)
ahd. gl. 4, 341, 32;
vitricus i. stiufater 2, 109, 3; und swuoren, wurde in Ruolant, daz si den tôten zehant. des was sîn stieffater frô Stricker
Karl 2523
Bartsch; nach dem tode des tugendsamen keysers Octaviani ist zum römischen reich kommen sein stieffsohn, genant Tiberius, der dan nachgefolget hat in tugenden seinem vorfahr und stieffvater Wig. Gerstenberg
chron. 15
Diemar; aber mein stiefvater, für dessen sohn ich immer galt und noch gelte, ist schon lange todt Raupach
dram. w. kom. gatt. 1, 112; später kam ein stiefvater und eine neue regierung in das haus Stifter 2, 139
Sauer; alse ich daz gegebin han byzhere den egenanten mime stffadere Johanne und miner muoder Luozen (1357)
hess. urkdb. 2, 633
Wysz; seine mutter war schauspielerin, sein stiefvater Ackermann ... der erste spieler der zeit Gervinus
gesch. d. dtsch. dicht. 5, 486; daz nu fürbaz mer dhein vater und sin sun mit ainander an den klainen rat hie zu Nördlingen in ewig zit nit gan süllen, es si ein rehter vater oder ein stüfvater
Nördl. stadtr. 59, 17
Müller; vielleicht ist der Jethro der frawen stieffvater gewesen, und wird Reguel, der rechte vater, nu gestorben sein Luther 16, 393
W. —
vereinzelt vom liebhaber, buhlen der mutter im verhältnis zu ihren rechtmäszigen kindern: sol dann die schlang, als ich verstan, mit Even sich vermischet han, so sein all unrein wurm und schlangen ... auch eur (
der juden) stifveter zu recht
fastnachtsp. 1, 20
Keller; so sollet ihr wissen, dasz sie (
eure mutter) mich zur bulerey getrieben und gezwungen ... ich bin ewer stieffvater, und dieser mein sohn ist ewer stieffbruder, wie kömpts dann, dasz ihr wollet auff ewren vater und bruder zornich seyn?
engl. comed. u. trag. (1624) Qq 7
b. 1@bb)
mit dem beiklang des unväterlich harten, lieblosen, auch bösen: Amalia indesz gieng mit gefasten muthe nach der hauszthür, selbige dem vater zu eröfnen, und scheuete sein anschnautzen garnicht, weil sie desselben von ihm als stieffvater gar wohl gewohnet J. Riemer
polit. maulaffe (1679) 19; der knabe Weisenau hatte also einen stiefvater, der ihn hart hielt, indessen sorgte doch seine mutter dafür, dasz ihm das nöthige nicht abging Jung-Stilling 4, 355.
daher im vergleich und bild: kein vater schützt mich mehr, nun seh ich, dasz auf erden ein ieder gegen mich stieffvätern ähnlich ist Henrici
ged. (1727) 1, 3; dat ein steefvader dat dorch den rechten vader help recht unde unrecht thosamen gelagen unde tho hope geschlagen gudt weddermme manck de lüde bringet Nic. Gryse
wedewenspegel (1596) l 2
b; darzu auch, wenn sie (
die person, die zum zweiten male heiratet) beerbet ist, ihren kindern einen stiefvater oder
stiefmutter erheuratet Butschky
Pathmos (1677) 590; meine söhne, die sind beide jung und klein, ... ich darf ihnen nicht bald einen stiefvater frein E.
M. Arndt 6, 200
R.-M. sprichwörtlich: der seinem vatter nit wil volgen, der muosz zuletzst dem stiffvatter volgen Seb. Franck
sprichw. (1541) 1, 85
a; Lehman
floril. polit. (1662) 3, 473; de nicht wil volgen sineme vader gherne, mod vaken volghen sineme steffader verne H. v. Ghetelen
narrenschyp 40
Brandes. 22)
in bildhafter und übertragener ausdrucksweise, auf starker hervorkehrung des beisinns der härte, bosheit (1 b)
beruhend. übertragen auf den leiblichen vater bezogen: der ist ein stieffvatter, der kinder zeugt und sie nicht liebt, lehrt und zeugt Lehman
floril. polit. (1662) 1, 191.
sprichwort: de eine stefmoder heft, de kricht ok wol einen stefvader Tunnicius
sprichw. 41
Hoffm. v. Fall.; man sagt, wer ein stieffmutter hat, der kriegt auch ein stieffvatter drat Burkard Waldis
Esopus 2, 173
Kurz; auch auf obd. gebiet, vgl. Hans Sachs 8, 468
K.: (
er wurde) vom Gretel alles dessen berichtet, was ihr vatter und stieffmutter ihrentwegen ... geredet ... ja, sagte sie, man spricht, wer eine stiffmutter habe, der kriege auch einen stiffvatter; aber mein stieffmutter meinets wol besser mit mir als mein leiblicher vatter Grimmelshausen 2, 365
Keller. auch in verkürzter form: stiefmutter, stieffvater
M. Neander
sprichw. 25
Latendorf; Kramer 2 (1702) 970
b.
mundartlich besonders auf nd. gebiet, s. Woeste
westfäl. 252
b; Wander
sprichwörterlex. 4, 853
für Köln; Mensing 4, 816; Kern-Willms
Ostfriesl. 32;
doch auch Fischer schwäb. 5, 1756; Staub-Tobler
schweiz. id. 1, 1130.
über die umkehrung des sprichworts s. oben sp. 2807. —
besonders von personen, denen sonst uneigentlich die bezeichnung vater
beigemessen wird (
s. teil 12, 1, 17
ff.).
früh von den geistlichen vätern der kirche als ausdruck der kritik: dennoch was er (
der papst) guots niht sater. für einen stiefvater mac man in zeln hin für Ottokar
österr. reimchr. 53688
Seemüller; (
Christus) spricht nit: ir solt oder must fasten! wie unsere stieffvätter zu Rom thun Hans Sachs 22, 18
G.; das bruchend die andächtigen väter (
der römischen kirche) ouch nit: denn es sind nun stüfväter, verstoszend die kind und nemend sy das guot Zwingli
dt. schr. 1, 336.
vom fürsten, dem landesvater: käyser Carol der vierdte ist ein stieffvater des römischen reichs gewesen Schupp
schr. 122; verliere mich in die frage, ob es geschichtliche notwendigkeit gewesen, dasz diese groszen kaiser (
die Hohenstaufen) stiefväter ihrem heimatland waren Fr. Th. Vischer
auch einer (1879) 2, 393.
von gott: wie ihr an zeigen, so hetten wir ein groben stieffvatter am fabricatore, hette für das fiat wol ein anders gesprochen Paracelsus
chir. (1618) 256
Huser. personificierend, vgl. stiefmutter: der erd bin ich (
der sommer) ein muter süsz. du (
der winter) bist des erdterichs stieffvatter Hans Sachs 4, 261
K. —
mit besonderer hervorkehrung des zuges der kargheit, des geizes, sprichwörtlich: er ist seins mauls stieffvatter Seb. Franck
sprichw. (1541) 2, 73
a;
vgl. Lehman
floril. polit. 4, 184; er ist seines maules stiefvater und sollte fasten predigen W. H. Riehl
dtsche arbeit 117; aber ein geistlicher stirbt wol, der allzeit seiner seelen ein vatter, dem leib aber ein stieffvatter abgeben Abr. a
s. Clara
mercks Wien (1680) 45;
vgl. Fischer
schwäb. 5, 1757: Müller-Fraureuth 2, 564
b; Jecht
Mannsf. 108
b. 33) stiefvater der kirche
übertragen, doch ohne pejorativen beiklang, für das zur wahrnehmung der weltlichen angelegenheiten dem pfarrer beigeordnete gemeindemitglied; wohl dem mlat. vitricus ecclesiae (Diefenbach 624
a; du Cange 8, 360
c)
nachgebildet: ydoch nam der burgermeister zu sich den rath und den scholczen und der kirchen stiffveter und gingen uff das rathhuws (1450)
akten d. ständetage Preuszens 3, 124
Töppen; frau Margaretha Ludwigsdorffin mit ihren söhnen ... haben gezeuget und gekaufft ewiglich von unserer kirchen stieffvätern mit e. e. raths willen ein ewiges licht und lampe, die da hengen soll mitten in der kirche unser pfarr Carpzow
analecta fastorum Zittaviensium (1716) 3, 9
b.
auch als zusammensetzung kirchenstiefvater (1503)
akten d. ständetage 5, 480
Töppen, dass. wie kirchenvater 4 (
teil 5, 814).