tyrannei,
f. ,
alleinherrschaft, despotische herrschaft, handlung, wesensart; denominativbildung zu tyrann (
s. dort),
die —
formal an afrz. tyrannie
anschlieszend —
in allen germ. dialekten als wiedergabe von griech.-lat. tyrannis
üblich geworden ist (
ndl. tirannie,
engl. tyranny,
dän.-norw.-schwed. tyrannie);
im dt. zuerst auf nd. sprachgebiet nachweisbar (sîner tirannien nicht he kan vorgeten Gerhard v. Minden [
ca. 1370] 25, 19
Leitzmann),
seit ende des 15.
jhs. im hd. heimisch und früh in die diphthongierung einbezogen (thiranney
bereits 1495
bei Reuchlin
übers. d. 1.
olynth. rede d. Demosthenes 14
Poland).
die undiphthongierte form hält sich vor allem im alem. (tyrannye [1500]
Straszburger zunftverordn. 288
Brucker; tyrany Eberlin v. Günzburg
s. u.B 2; tiranny P. Gengenbach 55
Goedeke; tyranni J. Nazarei
vom alten u. neuen gott 37
ndr.; tyranny Zwingli
dt. schr. 1, 336
Sch.; Wickram
w. 1, 191
Bolte; schweiz. schausp. d. 16.
jhs. s. u. B 4 b
α; Tschudi
chron. Helv. 1 [1734] 28
a),
gelegentlich wohl auch an bildungen wie demokratie, monarchie
angelehnt (tyrannie Bodmer
s. u.B 4 b
β; Breitinger
crit. dichtkunst 1 [1740] 105; Wieland
s. u.A 1
u. B 1 c; Zimmermann
nationalstolz [1758] 112; S. v. Laroche
frl. v. Sternheim 1 [1771] 333
f.; Schiller
s. u.A 2);
sie ist in neuerem sprachgebrauch jedoch von tyrannei
völlig verdrängt. ält. orthographische varianten: tyranney Luther
s. u.B 1 a; Chr. Weise
s. ebda; Göthe
s. u.B 1 c; Holtei
vierzig jahre (1843) 1, 94; tirraney H. Sachs 1, 180
lit. ver.; tiranney Burkard Waldis
Esopus 1, 45
Kurz; Weckherlin
s. u.B 4 a; Schiller
s. u.B 1 a
α; thiranney H. Sachs 9, 208
lit. ver.; tirannei Boregk
behmische chron. (1587) 13; Schiller 7, 137
G.; tyraney Moscherosch
s. u.C 4. —
die neutrale bedeutung '
alleinherrschaft (A)'
findet sich vereinzelt in historischer darstellung; üblich wird tyrannei
im dt. —
dem gebrauch des grundwortes tyrann (
s. dort)
gemäsz —
lediglich im pejorativen sinne, despotische herrschaft (B),
handlung (C)
und wesensart (D)
bezeichnend, s. auch dt. wortgesch. 2 (1943) 20
Maurer-Stroh. AA.
alleinherrschaft, zu tyrann A
gebildet. A@11) '
uneingeschränkte monarchie (
als regierungsform)': es war also wrklich ihr vorhaben, die tyrannie, oder was man zu unsern zeiten eine uneingeschrAenkte monarchie nennt, aus dem ganzen Sicilien zu verbannen Wieland
Agathon 2 (1767) 120. A@22) '
absolutistisch regierter staat': von innerer zwietracht zerrissen, muszte der schwache staat (
Sparta) die beute seiner kriegrischen nachbarn werden oder in mehrere kleinere tyrannien zerfallen Schiller
s. w. 13 (1905) 68. BB.
gewaltherrschaft, despotismus. B@11)
im eigentlichen sinne, zu tyrann B 1
gebildet. B@1@aa) '
herrschaft der willkür und unterdrückung, schreckensregiment, despotisches walten einer tyrannischen obrigkeit, vgl. tyrannisieren 1 a
und 2 a. B@1@a@aα)
allgemein: und die Denen newlich haben yhren kOenig verjagt, zeigen beyde ursache an die untregliche tyranney, so die unterthanen haben mussen leyden Luther 19, 635
W.; Tarquinius ist ein tyran, daruM trängt er die Rhömer inn vyl wäg meer dann jämerlich: ... es würt ouch syn tyranny zum theyl mit der schwechung Lucretiæ (
im schauspiel) anzeygt, vnd zum theyl mit dem wuolen vnd prassen
schweiz. schausp. d. 16.
jhs. 1, 107
Bächtold; unter einem könige ..., dessen tyranney dem volcke unertrAeglich ... war Chr. Weise
polit. redner (1677) 53; die erste festung wAere von den tyrannen Nimrod erbauet worden, als welcher Babylon und andere stAedte befestiget, damit er seine tyranney desto besser ausben, und die armen leute desto eher in seine sclaverei hAette fhren kOennen Fleming
teutscher soldat (1726) 385; eine tiranney (
Philipps II.) ohne beispiel greift leben und eigenthum (
d. niederl. volkes) an Schiller 7, 10
G.; da liegt also das mit blut und thränen so vieler millionen gekittete, durch die tollste und verruchteste tyrannei (
Napoleons) aufgerichtete ungeheure gebäude am boden Stein
bei Meinecke
Boyen 1 (1896) 342; trotz aller machtmittel und trotz aller noch so rücksichtslosen tyrannei (
würde sich Hitler nicht halten können); es musz glaube von ihm ausgehen Klemperer
l. t. i. (1949) 116; auf irgendeine weise muszte die tyrannei des zaren ... mit der politischen macht des groszgrundbesitzes verbunden sein A. Zweig
einsetzg. e. königs (1950) 288.
personifiziert: setze dich immer fester, mAechtige tyrannei (
great tyranny, lay thou thy basis sure Macbeth 4, 3 [
bzw. 6]) Bürger
s. w. 307
Bohtz; ebenso H. L. Wagner
theaterst. (1779) 118. B@1@a@bβ)
auf die unterjochung eines besonderen bereiches bezogen: seine (
Philipps) absicht war, die furchtbare gewalt, die er schon besasz, durch eine geistliche monarchie zu verstärken, ... man hätte sich (
dann) gegen den monarchen vergangen, sobald man sich von der formel seines glaubens entfernte; eine solche tirannei des gewissens — die schlimmste aller regierungsformen — wollte Philipp in seinen staaten errichten Schiller 4, 89
G.; Uli wuszte ... nicht, dasz alle, die etwas appartiges wollen, glaubensfreiheit, gewissensfreiheit nur so lange fordern wollen, bis sie in dieser duldsamkeit zur macht erwachsen sind, dann despotisch und gewaltsam zwang und tyranney des gewissens und des glaubens einführen, ... siehe
exempel an der französischen revolution Gotthelf
Uli, der knecht (1846) 158;
vgl. auch: es ist keine grOessere tyranney, als ber die gewissen herrschen Hoffmann
polit. Jesus Syrach (1740) 39. B@1@bb) '
zwingherrschaft, despotische fremdherrschaft',
zu tyrann B 1 b: des hertzogen lande von der vnmenschlichen gewalt und tyranney der keyserlichen zubefreyen Chemnitz
schwed. krieg 2 (1653) 286; hier steht die gottgesendete, die euch den angestammten könig wieder gab, das joch der fremden tyrannei zerbrochen! Schiller 13, 304
G. (
vgl. ebda 8, 55); Napoleon, deine stricke und arge tirannei, die hauen wir in tausend, in tausend stück entzwei! Ditfurth
volksl. d. pr. heeres (1869) 87. B@1@cc)
auf den despotismus als regierungsform bezogen; hierher gehört vielleicht schon: demnach fürbildet diszes spil, wie man die erobert fryheit behalten mOeg wider alle tyranny vnd oligarchi (das ist wider ein sOelchen gwallt, do wenig lüdt herren vnd meyster sind)
schweiz. schausp. d. 16.
jhs. 1, 107
Bächtold; beide (
Platon u. Dion) waren gleich erklärte feinde der tyrannie und der demokratie Wieland
s. w. 2 (1794) 284; man schilt mit gleichem recht auf anarchie und tyranney (16. 3. 1814) Göthe IV 24, 201
W.; da ein unbegreifliches glck die tyranney von Athen entfernt hielt Niebuhr
röm. gesch. 1 (1811) 251; in jenem systeme (
in welchem der sklave kein rechtliches selbst hat) wird die zwangsherrschaft ein besitz: dies nun ist die tyrannei Fichte
s. w. (1845) 7, 564.
als herrschaftsprinzip: die zwei prinzipen, welche die welt beherrschen, freiheit und tyrannei, ständen sich feindlich einander gegenüber, und an eine friedliche ausgleichung wäre nicht zu denken; denn nie würden absolute fürsten ihren völkern gutwillig liberale institutionen geben Börne
ges. schr. 10 (1832) 104. B@1@dd)
vereinzelt mit bezug auf die macht des despotischen staates gebraucht: er (
Napoleon) war von vier französischen königs-dynastien und allen revolutionsherrschern der letzte kopf, dem die zusammengehäufte tyrannei als eine tontine allein zugefallen Börne
ges. schr. 6 (1829) 95. B@22)
in erweiterung des anwendungsbereiches für jedes despotische '
regime'
im gesellschaftlichen und privaten leben, vgl. die entsprechenden bedeutungsgruppen von tyrann B 2,
sowie tyrannisieren 1 c
und 2 c. B@2@aa)
seit der reformation insbesondere auf das intolerante despotische regiment geistlicher gewalten bezogen: denn das bapstum gewislich das recht endchristisschs regiment odder die rechte widderchristissche tyranney ist, die ym tempel gottes sitzt und regiert mit menschen gebot Luther 26, 507
W.; der bAettelOerden vnd ires rOemischen abgots tyrany Eberlin v. Günzburg
s. schr. 1, 83
ndr.; man urtheile aus den krallen, welche die geistliche tyranney in einem ihrer grimmigsten, zum glück noch gefesselten tyger bereits zu entblössen wagt! Lessing 13, 165
L.-M.; auch der atheismus des achtzehnten jahrhunderts war grösztentheils nur ein durch die kirchliche tyrannei hervorgerufener kampf gegen die in der glaubenslehre versteinerten anthropopathischen vorstellungen Schleiermacher
s. w. I 3 (
21830) 190; tyrannei des römischen bischofes Ranke
w. 14 (1870) 168. B@2@bb)
für das despotische walten weltlicher machthaber, welche die auf grund ihrer sozialen stellung, ihres besitzes oder amtes ihnen zufallende macht miszbräuchlich ausüben: weil sie (
die als hexe angeklagte) frcht die grewligkeit vnd tyranney desz richters, welcher also zuwten gewohnete gegen vnschldigen menschen Nigrinus
v. zäuberern (1592) 407; ... desz leichten pöfel-volcks verwirrte policey ... übt freche tyranney Logau
sinnged. 269
lit. ver.; der zweykampf war ein letztes verzweifeltes mittel des unschuldig unterdrckten gegen ... die unredlichkeit der richter oder die tyranney der mAechtigen Schubert
verm. schr. (1823) 2, 312; feudalische tyrannei Forster
s. schr. (1843) 5, 244; eine die tyrannei der römischen vögte weit überbietende zwingherrschaft Mommsen
röm. gesch. 2 (
61874) 294; die erregung über die tyrannei der offiziale, die schon öfters zur ermordung dieser beamten geführt hat, wird sofort nachlassen Boehmer
d. junge Luther (1939) 187.
auch für die durch revolutionäre massen errichtete gewaltherrschaft: es gibt eine tyrannei ganzer massen, die höchst gewaltsam und unwiderstehlich ist Göthe II 3, 133
W.; die zügellosigkeit, womit losgerissener pöbel die verfassungen umstürzt und tyranney ausübt Niebuhr
röm. gesch. 1 (1811) 81. B@2@cc)
für das strenge, unduldsame regiment im häuslichen kreise: endlich hat eine gewisse erbschaft den herr von Lylienfeld in den stand gesetzt, sich der tyranney seines oncles zu entziehen Knigge
roman m. lebens (1781) 2, 145; er (
der schneider) seufzte nämlich trotz seiner dreiszig jahre noch unter der tyrannei einer baumlangen stiefmutter Ludwig
ges. schr. (1891) 2, 11; ich (
Eva Dornbluth, zeitweise gesellschafterin der baronin v. Poppen) ... benutzte ihn (
baron v. Poppen), die apathische tyrannei seiner mutter so bald als möglich abzuwerfen W. Raabe
s. w. I 5, 113
Klemm; sie (
Klara, die junge herrin von Grabenhagen) sah, dasz unter ihrer (
der wirtschafterin) tyrannei das ganze hauswesen litt Polenz
Grabenhäger 1 (1898) 94; die sache war die, dasz ihm die liebevolle tyrannei (
des vaters) schon längst lästig geworden war Wassermann
fall Maurizius (1928) 78; nach der hochzeit ist es bald anders geworden, und herr Kräutlein schmachtet in furchtbarer tyrannei (
in einem geknechteten zustand) H. Seidel
Leberecht Hühnchen (1899) 116.
in freierer anwendung: was weibliche sorgfalt mit liebender tyrannei gebietet Holtei
erz. schr. 4 (1861) 104. B@2@dd)
für das herrschsüchtige benehmen eines kindes (
vgl.tyrann B 2 e)
oder das rücksichtslose gebaren der schuljugend: da muszten seine (
d. hl. Hippolytus) tyranney die kleineren geschwister fühlen J. G. Jacobi
s. w. (1807) 1, 62; unter meinen männlichen lesern wird wohl niemand sein, der nicht weisz, was für eine tyrannei in einer schule von schulknaben ausgeübt werden kann und (
vom lehrer) ertragen wird; ... nicht immer hat der lehrer die bessere hand im kampf gegen den rücksichtslosen feind W. Raabe
hungerpastor (1864) 1, 54. B@2@ee)
gelegentlich auch allgemein für unduldsamkeit den mitmenschen gegenüber: unter den pfahlbrgern und pfahlbrgerinnen von jeder sehr kleinen stadt herrschet ... uneinigkeit, rangstreit, hochmuth, ... intrigue, rache, machtgeitz, plauderey und tyranney Zimmermann
einsamkeit 2 (1784) 248; jedermann trauen ist eine thorheit, niemand trauen ist eine tyranney Kirchhofer
schweiz. sprichw. (1824) 179; (
Walsing:) ... nur betrage dich so, dasz du fordern darfst, der humor zunehmender jahre mOege nicht in tyranney ausarten Iffland
theatral. w. 3 (1827) 280. B@33)
grausam wütendes treiben schlechthin, überleitend zu tyrannei
despotische handlung, gewalttat (C): (
die Türken) verhergeten drumb, was sie ankamen, mit grewlicher tyrannei Seb. Franck
Germ. chron. (1538) 82; die kriegsleute trieben grosse schande und tyrannei daselbst H. Kellner
chronica (1574) 113
b; grimmige, verwstende tyranney Guarinonius
grewel der verwüstung (1610) (b) 1
a; und heltest nun davor, dasz stelen, rauben, fressen, dasz neid, betrug und mord, dasz wste tyranney nicht sauer sehenswehrt und lauter kurtzweil sey Rachel
satyr. ged. 56
ndr.; in neuerem sprachgebrauch nur vereinzelt nachweisbar: viel könnte ich sagen von den schrecklichen einfällen und der grausamen tyrannei der Hunnen (
bei Holzminden) W. Raabe
s. w. I 3, 16
Klemm. B@44)
metaphorisch in verschiedener, an B 1
bzw. 2
anschlieszender anwendung, vgl. tyrann B 4
u. tyrannisieren 1 d
und 2
d. B@4@aa)
bildlich, insbesondere vom walten des teufels: ihr (
menschen) seyd biszhero des teuffels gefangne gewest, der hat euch plagt mit wasser, fer, pestilentz. und wer wil doch das unglck alles erzelen? da ligt jr armen menschen unter seiner tyranney Luther 52, 45
W. (
vgl. ebda 515); aus des teuffels gebiet vnd tyranney errettet sind Dedekind
christl. ritter (1590) b 3
b; tyranney der hOellischen geister Prätorius
anthropodemus pluton. (1666) 3, 143; dasz ... die tyranney des antichristen geschehen wrde, wenn die zerstreuung des ... jüdischen volks ein ende hätte Jung-Stilling
s. schr. 3 (1835) 485;
des todes: o gott, der todt mit not durch tyranney sich bet Wolfhart Spangenberg
u. Isaac Fröreisen
gr. dramen 1, 123
lit. ver.; und des unwiderstehlichen liebesgottes: ... Amors tyranney vnd brand Weckherlin 1, 176 (
la.)
lit. ver.; uns soll Amors tiranney ... mit verdrusz und angst beleben
ebda 1, 254; kann ich denn Amorn nichts, sonst nichts entgegenhalten, so klag' ich, und mein reim flucht seiner tyranney Bode
Montaigne (1793) 2, 79;
gelegentlich aber auch sonst in poetischem stil: strmt, reiszt und raszt ihr unglcks-winde, zeigt eure gantze tyranney! Günther
ged. (
41746) 297; nicht wehnend, wie so leicht der wellen tyranney, durch einer bülge stosz, dem schiffmann tödtlich sey Weichmann
poesie d. Niedersachsen 1 (1725) 58; ... der verse tyranney ist allzu schwAer Drollinger
ged. (1743) 296; ... möglich, dasz der vater nun die tyranney des einen rings nicht länger in seinem hause dulden wollen! Lessing 3, 94
L.-M. B@4@bb)
übertragen. B@4@b@aα)
vom zwang überindividueller, geistiger wesenheiten, dem der mensch unterliegt: geystlich recht ..., das doch on yhm selb ein lautter tyranney, geytzerey und zeytlicher pracht ist, mehr dann ein recht Luther 6, 418
W.; yedoch wo jr (
römische bürger) noch wAerend fry vnd nit verhafft mit tyranny des nüwen eyds (
kein geld zu nehmen), der üch vergrabt, so wurdend jr gar rychlich bgabt
schweiz. schausp. d. 16. jhs. 1, 145
Bächtold; das ... gerade nur der mohr die stumpfnase für schön hält, und sonst niemand, ... zeigt ja klar, dasz das nur die tyranney eines hochhinabgeerbten nationalvorurtheils war, die das natürliche gefühl des schönen in solchen fällen zu tilgen oder zu krümmen vermochte Lavater
physiognom. fragm. (1775) 1, 60; mit murren trägt's (
Böhmen) des glaubens tyranney, ... und kann's der sohn vergessen dasz der vater mit hunden in die messe ward gehetzt? Schiller 12, 221
G.; (
Antonio:) die wahre freundschaft zeigt sich im versagen ... (
Tasso:) schon lange kenn' ich diese tyrannei der freundschaft, die von allen tyranneien die unerträglichste mir scheint ... Göthe I 10, 213
W.; die tyrannei der willkühr war mir nie so verhasst, wie die der gesetze Börne
ges. schr. (1829) 13, 13; wir sind im begriffe, von allen tyranneien uns zu emancipiren, ja von allem, was auf alleingültigkeit anspruch macht; nur immer tiefer verfallen wir in die tyrannei der mode, und keine ist so furchtbar in ihren folgen als die der prüderie W. Alexis
hosen 1 (1846) xix; tyrannei der öffentlichen meinung Storm
s. w. 4 (1899) 22; die tyrannei der werte Nic. Hartmann
ethik (
21935) 523;
insbesondere auch vom despotischen walten des glücks und des schicksals: mit dem schilde in der linken er des glckes tyranney unverletzt ersteht und trAegt was die menschen tragen mssen Sigm. v. Birken
ostländ. lorbeerhayn (1657) 266; des schicksals tyranney Pfeffel
poet. vers. 1 (1816) 124; wodurch verdienten sie (
anrede) das? tyrannei des geschicks Grabbe
s. w. 4, 488
Blumenthal. B@4@b@bβ)
vom joch menschlicher triebe, affekte und schwächen: es ist nitt gnug, das uns Christus erlosset von der tyranney und hirschafft der sund Luther 10, 1, 2, 31
W.; so ist der eiffer ein grausame betrbung vnd gar ein vngtig vngehaltene tyranney vnd wten Barth
weiberspiegel (1565) x 8
b; wer aber macht uns also frey von der begierden tyranney? Sim. Dach 928
Österley; (
ein glück,) bey dem er (
der wunsch) nicht mehr ... der tyranney seiner affecten ... unterworfen seyn ... wird Kaestner
verm. schr. 1 (1755) 14; jener, die als grosze männer nicht frei ausgingen von der tyrannei sünde Bettine
Günderode (1840) 2, 96;
häufig auch vom walten der phantasie, des verstandes, der vernunft u. ä. seelenbeherrschender kräfte: je mehr ihn (
Magny) sein naturell, das zu abgezogenen wahrheiten gewOehnt war, vor der tyrannie und dem betrug der phantasie bewahret hat Bodmer
abhandl. v. d. wunderbaren (1740) 45; mit dir (
aberglaube) kam auf die erde des wahnes tyranney, der wilde ketzereifer, der hasz, die barbarei Dusch
verm. w. (1754) 18; da nun doch phantasie und empfindung noch nicht so geschwächt waren, diese tyrannei (
des verstandes bei dichterischer gestaltung) schweigend zu erdulden ... fühlte ich ... je mehr der verstand sich befriedigte, eine unbefriedigung des ganzen menschen O. Ludwig
ges. schr. (1891) 6, 222; und o wie lieb ist mir noch der schmerz, der die tyrannei des raisonnements so schnell zerstOerte! J. G. Forster
s. schr. (1843) 7, 230. CC.
gewalttat, despotische handlung, vgl. tyrannisieren 1 e. C@11)
grausamer willkürakt eines tyrannen (
s. d. B 1): dafür behüte mich gott (
einen wehrlosen haufen von frauen, kindern u. schwachen anzufallen)! ich (
Alphonsus v. Arragonien) wollt nicht das ganze königreich Neapolis nehmen und solche tyranney und wütherey üben Joh. Mathesius
bei Luther
tischr. 5, 32
W.; der kais. Nero noch viel grOessere tiranneyen verbt Harsdörffer
teutsch secret. (1656) 1 I i 4
a; diese tyranney (
aburteilung und einziehung des vermögens der böhmischen rebellen durch kaiser Ferdinand) war zu ertragen, weil sie nur einzelne privatpersonen traf Schiller 8, 93
G.; nicht sowohl durch seine siege erscheint Karl grosz, als vielmehr durch seine beförderung der wissenschaften und schulen ..., am gröszten aber dadurch, dasz seine macht und geistige überlegenheit ihn nur selten zu willkür und tyrannei verführten Raumer
Hohenstaufen 1 (1823) 12; und durch die wissenschaftliche, vielmehr pseudowissenschaftliche rassenlehre begründet und rechtfertigt man ... jede eroberung, jede tyrannei, jede grausamkeit und jeden massenmord Klemperer
l. t. i. (1949) 142. C@22)
vom miszbrauch geistlicher gewalt; so besonders im sprachgebrauch der reformationszeit: es ist ein lauter tyranney, das man ubir felt szo weyt fur (
das über den bann entscheidende) gericht ladet Luther 6, 75
W.; die seelen mit bann und tyranneyen morden
ebda 10, 2, 114 (
vgl. 6, 457: on romisch tyranneyen); ein grauer münch, hat hölzen schuh, derselbig gleiszner hat mandat zu greiffen mich (
Hutten) in jeder stadt, ... seind nit, die diese tyrannei beweg, dasz sie mir wohnen bei Ulr. v. Hutten
op. 5, 87
Münch; vereinzelt auch aus neuerer zeit bezeugt: wir hätten nimmermehr geglaubt, dasz ein protestantischer theologe einer solchen päbstischen tyranney (
einen schauspieler von der communion auszuschlieszen) fähig sein könnte Lessing 4, 269
L.-M. C@33)
allgemein von jedem akt ungerechtfertigter härte: gleich wie aber die eltern an jhren kindern sie zur ehe zuzwingen, keinen gewalt vnd tyranney vben sollen: also sollen auch ... L. Sandrub
hist. u. poet. kurzweil 13
ndr.; ... gesetzt, dasz ihr (
der mutter) geblte so sehr unversOehnlich bleibt, und ihr zorniges gemhte solche tyranney (
verstoszung ihres kindes) betreibt Neumark
fortgepfl. musik.-poet. lustw. (1657) 1, 89.
im sinne von '
quälerei, schikane': ei lieber (
schulmeister) lasz einmal von deinen tyranneien Grob
dichter. versuchgabe (1678) 50; und das miszhandelte vieh entflieht den tyranneien der menschen Schiller 1, 176
G.; nein, es ist eine quälerei, eine tyrannei meines mannes Pocci
lust. komödienbüchl. (1859) 172; ich ... erfuhr, dasz Römer ... das opfer unerhörter tyranneien und miszhandlungen war Keller
ges. w. 2 (1899) 53;
so auch bildlich gebraucht: so soltu wissen, dasz so bald der verstossene engel in fall kam, ist er gott vnnd allen menschen feind worden, vnd sich, wie noch, vnterstanden, allerley tyranney am menschen zu vben
volksb. v. doktor Faust 32
ndr.; die natur hat oft diesen tyranneyen (
der gartenkunst) so sehr weichen müssen, dasz kaum noch eine spur von ihr übrig geblieben Hirschfeld
anm. üb. d. landhäuser u. d. gartenkunst (1773) 137. C@44)
im sinne von '
untat'
schlechthin: was knte aber frn grOesser mutwil, schrecklichere snde vnd greulicher tyranney auff der welt schier geschehen, als ... Pape
bettel- vnd garte-teuffel (1586) n 5
b; hat nit vor jahren Pallas grim ... auch dem Ajaci eingetrenckt sein tyranney und missethat, die er schantlich begangen hat an der jungkfraw Cassandra zart Spreng
Aeneis (1610) 3
a; diese lose tropffen, ihre tyraney zu verben, dachten an nichts anders, als wie sie einem mAenschen die zAehne ... herausz reissen ... mOechten Moscherosch
gesichte (1650) 1, 178; er (
gott) ist eben so gros in deinen (
Franz Moors) tyranneyen, als irgend in einem lächeln der siegenden tugend Schiller 2, 182
G.; gelegentlich auch im sinne von '
freveltat': solche vnerhOerte tyranney wider gott ... hat der allmechtig nachmals ... gestraft Joh. Nas
eins vnd hundert 1 (1567), 63
a. DD.
als bezeichnung der wesensart. D@11)
im sinne von '
gewalttätigkeit, grausamkeit, brutalität'
: crudelitas ... tyrannei Alberus
dict. (1540) D d 3
a; die, deren gaist und hertz von frechem übermuth und hochfart auffgeblasen (als meine tod-feind) mich mit tyranney und wuht zu tödten, rasen Weckherlin
ged. 1, 346
lit. ver.; seid mir doch samt (
bei all) eurer (
der seeräuber) tyrannei so gnädig und nehmt mich auch mit ihr (
dem geraubten eheweib) Abr. a
s. Clara
w. 2, 167
Strigl. D@22)
im sinne von '
rücksichtslose, eigenwillige strenge': geiz, eifersucht und tyrannei (
des ehemanns), diesz waren fehler hAerter zu verdauen; und die bewiesen ihr (
der neuvermählten), wie selten für die frauen zufriedenheit die frucht der ehe sei Eschenburg
beispielslg. (1788) 1, 229; doch zeichneten diesen regenten (
Friedrich Wilhelm I.) trotz aller seiner brutalität und tyrannei zwei grosze eigenschaften aus: energie und beharrlichkeit Pückler
briefw. u. tageb. 2, 1 (1873) 332.