unfall,
m.; hört man in der rede der arbeitenden bevölkerung die unfall,
so ist die staatliche unfallversicherung
gemeint; das (
im schwed. noch vorhandene)
neutrum scheint nicht entwickelt. wie ein ahd. val
neben gival,
steht spätmhd. unval
neben ungeval;
altfries. unfall, onfal Richthofen 1104
a;
anord. úfall,
n.; ags. onfeall
a swelling Bosworth-Toller 750
a; Höfler 885
a.
das mnd. kennt unvallich, unvellich,
das mnl. onvallich;
nl. onval
veraltet, wb. 10, 2080;
schwed. ofall, ofälle. Schmeller 1, 705; Staub-Tobler 1, 739;
lux. 314
b Frischbier 2, 422
a.
vgl.ungefall, ungefälle
u. s. w. ohnfall
th. 7, 1202; onfellen (
dat. plur.) Münster
cosmogr. 192; vnnfall Schaidenreiszer
Odyssea 1
b;
Clemen flugschr. 2, 67; onfall Frischbier
a. a. o. mundarten haben wie in fāl (Staub-Tobler 1, 734; Fischer 2, 922)
oft lange stammsilbe, was in der schriftsprache bis ins 17.
jh. nachwirkt; so unfahl Sachs 14, 235, 6. 15, 207, 6. 16, 39, 23
Keller u. o.; Kirchhof
wendunmuth 1, 88; Calepinus;
[] Ayrer 173, 12. 351, 9
Keller; Hoeck
blumenfeld 18, 7
neudr.; Agricola-Bech (1621) 18; unfalh Wickram 2, 61, 24; unfaal Boltz
Terenz 25
a; Frisius 43
a. 135
b.
auch das unterbleiben der verdoppelung im dativ unfale (Fries
Würzb. chron. 323
r)
deutet auf diese länge. Schmidt-Petersen 148
b setzt ein fries. unfāl
an. im luxemb. onfa
ist der den vocal etwas dehnende schwebelaut bezeugt (
wb. 1906
a. a. o.).
bei der schweizer. form uffall
wird im idiotikon 1, 737
an ungeschickte schreibung für u
nfal
gedacht. plural unfehl
ebd. 739; unfäl Maaler 460
c; unfäll Fischart
ehzuchtb. 142, 19;
unumgelauteter gen. plur. unfal (aller dieser unrat und unfal .. schuldig) Eberlin v. Günzburg 2, 33
neudr.; dat. unfallen
Garg. 322
neudr.; Fischart
Stauffenb. 298.
concurrenzbildungen wie miszfall;
mnl. misval;
mhd. nôtval;
ahd. urval
interitus, corruptio, vorago; nhd. ohrfall, urfall,
vor allem ungefall, ungefälle (
s. d.);
mnd. vorval;
nhd. zwischenfall (alles andere sind zwischenfälle, die man wie andere unfälle erdulden musz Göthe IV 28, 120
Weim.),
und mundartliche bildungen wie fürfall, infall, uffall
u. a. nähern sich unserem begriff theilweise. ganz abstract nichtfall: im nichtfall (
wenn das nicht der fall, das papier nicht schön ist) ist's freilich anders Meusebach
an J. Grimm 191
Wendeler. für adversität, missewende
empfiehlt Campe
verd. wb. 89
b unfall.
ferner steht umfall Weigand
syn. 3, 855; Höfler 885
a. 120
b.
seine ältere hauptbedeutung II 1 a
hat unfall
nach dem 17.
jh. an unglück (
s. d.)
abgetreten. das verhältnis zu dem grundwort fall
ist nicht eindeutig: fall
kann selbst schon pejorativ oder sozusagen negativ (Adelung 2, 25; Staub-Tobler 1, 735)
sein, neben gefall, fall
stehen ungefälle, unfal
buszen, zu unfall bringen (
Reinicke Fuchs 1650, 103)
neben zu fall bringen, fälle und unfälle (in allen fällen und unfällen Herder 13, 54, 69.
vgl. oben sp. 26, 3
und heur et malheur)
sind keine gegensätze. die bedeutung des präfixes ist wesentlich improbativ (
oben sp. 24),
den gegensatz giebt Alberus (1540)
durch glückfall, Frisius
sagt das unstAet glück verendert schnäll guoten fal in unfal 1375
b;
wie glück
ist dann fall
vox media. th. 3, 1273; Nyrop-Vogt 69.
ob es ein etwa zwischen unfall
und unsälde
stehendes unfäld (Steinhöwel
Äsop 160; Keisersberg
bilg. [1512] 173
b)
gegeben habe, musz hier zunächst dahingestellt bleiben. jedenfalls ist die ansetzung eines mhd. st. f. unvalte (Lexer 2, 1948)
irrig; die angezogene stelle aus dem spiel von frau Jutten des Dietrich Schernberg (halten: unfalden 1390
Schröder)
ist zunächst wie balde: unfalle 1128, solden: wollen 673
und andere md. reime (Weinhold
mhd. gr. § 212)
zu beurtheilen (
vgl. mundartlich folder = voller, kelder, seldery = keller, sellerie
u. s. w.); jhren unfalden
braucht nicht plur. zu sein. bedeutung und gebrauch. II.
reste sinnlicher grundanschauung werden meist von der abstracten vorstellung infortunium durchwuchert. I@11) unfall
entspricht dem einfachen fall 1 a (
th. 3, 1271),
ruina, dessen übles ergebnis betonend: die andern schreiben dise zerstOerung (
von Straszburg) Attile zuo, doch melt hie Nauclerus auch den unfal dieser statt Franck
chron. Germ. 88
b; das so seim baw ein unfall widerfuhr Sebiz 33. unglücklicher fall, sturz Höfler 120
b. I@22) fall 1 f (
th. 3, 1272)
entsprechend gilt es von der entehrung oder schwangerschaft einer jungfrau: eines tags die jung wainend anfing und ir muter den unfal klagt H. Sachs 2, 239, 39
Keller; die andere ursach desz unfals der jungfrawen ist die grosse freyheit Albertinus
hirnschleiffer 235; miss Ignorantia ward schwanger ... ihr unfall freute sie Pfeffel
poet. versuche 8, 31; se ös tô onfall gekme
sie ist schwanger Frischbier 2, 422
a.
von der ehefrau: kommt sie sonsten zu unfall und wird geschimpfet, so muss ihr mann .. billig vor sie sprechen
Reinicke Fuchs (1650) 233.
wenn heute von unfall (
defloratio)
der jungfrau und unfall (
abortus)
der frau die rede ist (sie hat einen unfall gehabt),
wird das [] gern nach bedeutung II 2
wesentlich euphemistisch aufgefaszt. mnl. misval van kinde
miskraam. nl. die doogter heeft eenen misval gehad
das mädchen ist zu falle gekommen; die vrouw h. e.
m. geh.
die frau hat ein unglückliches kindbette gehabt, es ist ihr unrichtig gegangen Kramer-Moerbeek 1, 276
c;
schwed. missfall Nemnich
nosol. 1
a.
vgl. ungefällig. I@33)
dasz aber unfall
abortus wie miszfall
fehlgeburt (
th. 6, 1283)
ursprünglich sinnlich gemeint war, lehren umfallen
niederkommen (Staub-Tobler 1, 753)
und fallen, gefallen
prolabi ex utero (
th. 3, 1279 A 3;
th. 4, 1, 1, 2103, 2): damit sie (
die schwangeren frauen) nicht zu frühe noch zu spat genesen, auch jnen nicht miszlinge und kein unfall begegne Ruoff
hebammenbuch 44;
beifusz, der frau an den rechten schenkel gebunden, hilfft der natur zu rechter wehe, wehret unfall, fürdert das nachwesen Gäbelkover
artzneybuch 2, 49.
noch heute heiszt miszfall
fehlgeburt, wobei die frucht sozusagen schlecht herausfällt aus dem leibe Höfler 120
a. I@44)
in der bezeichnung von krankheit und seuche als unfall (
mnl. misval
ziekte, lichaamsgebrek; s. auch anfall, zufall)
mischen sich sinnlich-unsinnliche und persönlich-mythologische beziehungen. vgl. III.
wie fall
prolapsus und das durch fall
verursachte übel (
th. 3, 1272, 1 g)
bedeutet, kann unfall
eine plötzliche störung des bis dahin gesunden zustandes innerer organe sein. innerlicher unfall Höfler 120
b,
der ags. innanonfealle
hierher zieht: S. Johannsöl ... heilet die masen und heilt auch den brand, und wann eins im leib ettwan ein unfall hat, soll man jhm ein wenig zu trincken geben Gäbelkover
artzneybuch 2, 404. Luther
übersetzt 1
Mos. 42, 38
μαλακία (Zedler 49, 1284)
durch unfall;
allerdings hat die vulg. einfach si quid adversi.
verstopfung: darumb ich auch selbs vil personen gesehen hab, welche bei gantzer sechs tage keyne offenung des leibs haben mögen bekommen ... solchem unfall nun auch zu begegnen, soltu Sebiz 236; vor unfallen
vor schwächezufällen (?)
Garg. 322
neudr.; th. 8, 1886.
vgl. unfällig 4, 5. böser fall
krankheitsfall Staub-Tobler 1, 735; ungefäll
ansteckung 1, 746. unfall
viehseuche Schmeller 1, 705.
vgl. viehfall, viehumfall;
anthrax-epizootie Höfler 120
b; bald aber miszgewäsz in die frücht kummen, unfal under das vieh Wickram 2, 307, 26; von der pestilentz, so man den schelm nennet oder den unfall Hohberg 2, 225; nie hat ein unfall unsre bäume verderbt S. Gessner
schr. 1, 66; unfall
oder uffall
des weines Staub-Tobler 1, 737.
s. auch infall 1, 738.
nachklingend in unfall
pollution Zimmermann
einsamkeit 2, 287; unfälle und krankheiten seines klima Herder 13, 236; alle unfälle der witterung Schiller 9, 149.
wie pestis übertragen: den unfal der falschen leer schmucken sie Luther 17, 1, 37, 4
Weim. I@55)
gerichtsbuszen heiszen felle (
th. 4, 1, 1, 2106
γ)
und unfelle.
vgl.gefälle
und ungefälle, geld
und ungeld: item unfelle von wetten, freveln, eynungen und was andere sachen das weren .., des maht haben zu verteidingen (
einzuklagen), mymm herren yne zu bringen und ein getruwe rechenunge darumb z tn
im schultheiszeneid zu Bruchsal 1452, Mones
zeitschr. f. gesch. d. Oberrheins 7, 293.
auf rechtliche bedeutung (
s.gefallen
th. 4, 1, 1, 2105, 4 c)
spielt die verbindung an: sunder auff sein nachkummen erbet ... dieser unfal sam ein erb-recht Sachs 1, 50, 17
Keller. dagegen dürften die unfälle (Kinderling 266)
fatalia (Du Cange 4, 420
c)
eine nothfrist begründende ereignisse, natürliche hinderungsgründe sein. unfall
casus fatalis Dentzler 324
a (
sonst ist zu fatale tempus
der gegensatz tempus vivit Zedler 9, 300). I@66)
vieles steht auf der grenze sinnlicher und unsinnlicher anschauungsweise; z. b. und ewr unfal (
interitus) (kompt) als eyn wetter
sprüche Sal. 1, 27. 1, 565
Weim.; unfall und verstossung
der teufel Faust volksbuch 38, 59
neudr.; Adams unfall (
fall) Treuer
Dädalus 1, 284; untergang und unfall Triller
betrachtungen 1, 555; sturz und unfall Göthe
Faust 9719;
[] der donner schlägt der thürme spitze, und unfall wohnt tyrannen bei Haller
gedichte 14.
vielleicht auch aller spiler unfal Sachs 14, 179, 12
Götze; des spielens ich gar kein glück nit han, der unfal thut mir zoren Forster
teutsche liedlein (1539)
nr. 89; Gengenbach 385
Gödeke. gegensatz guoter val
th. 4, 1, 1, 2103, 3 b. IIII.
bei der übertragung und entsinnlichung des begriffes, wie sie schon in den spätmhd. beispielen vorliegt, sondert sich ziemlich deutlich eine ältere entwicklung von der jüngeren; diese betont im unglück den zufall und verengt sich immer mehr zu dem technischen unfall-
begriff unserer tage, jene beherrscht, auf allgemeineren grundlagen beruhend, ein viel weiteres gebiet. II@11)
die ältere entwicklung erfaszt unfall
als thatsache, ereignis und zustand; gewollte, planmäszige bethätigung ist nicht ausgeschlossen. II@1@aa)
unglück, unheil, miszgeschick, miszerfolg, gern collectiv im sing.: man vint auch noch derselben wunder gleichen, die got verhengt den armen und den reichen, päbst, fürsten, herren, den ir list vor unval nicht möcht trösten Oswald v. Wolkenstein 97, 38
Schatz; ich mag nicht laufen perg noch tal, das ist mein gröster unfal
fastnachtspiele 1, 469, 26
Keller; möcht ein unfall komen, dasz man des und merers notturftig wurd
städtechron. 3, 144; ich sage ... daz Chilpertus meins manns bruoder .. geschlagen und bald darnach inn gleichem unfal auch mein mann erwürgt ware Stainhöwel
ber. frauen 320; so ain unfal auff den menschen fellet zuo recht oder zuo unrecht Tauler
serm. (1508) ciiii
a; ich habe mir lengest furgenomen ... zu schreiben ... trost widder den unfal, so euch der satan zugefugt hat, durch den mord ... an dem ... magister Georgen Luther 23, 402
Weim.; weyl der unfal (
unheil des wuchers) so weyt eyngerissen 15, 293; sunde, laster und unfal 10, 2, 457; zufellig teglich jamer, unfal und fahr 32, 472, 17; da Moses in Egypten zeuhet, begegnet im ein unfall oder todesfall, das er geschwind und plötzlich kranck wird 16, 62, 23; es möcht mich ein unfal ankomen, das ich stürbe
1 Mos. 19, 19; so vil unfals und hertzenleyds richt die sunde an 19, 211, 28
Weim.; all ding zuo unfal schicken Murner
schelmenzunft 19, 34
neudr.; die histori meiner gefenknus, arbeitseligkeyt und unfals Franck
chron. d. Turckey A 4
b; in unfall Sachs 19, 16, 13
Götze; im unfall 7, 165, 34
Keller; noch bei Gellert
von Heynatz
antib. 2, 518
getadelt; allem unfal wil er weren Sachs 22, 165, 8
Götze; ist dir was unfals zugestanden? 14, 161, 29; sol ich nit sagen von unfal? 14, 295, 10; unfals an leib und seel Ambach
vom zusauffen A 2
b; Clitus ... der Macedonier furcht und zagheit für ein unfall und widerwertig glück rechnet Kirchhof
wendunmuth 2, 14; unfal haben, unglückhafftig seyn Maaler 460
d; noch (nach) unfall Carbach
Liv. 58
v; si hatten zwar im uonfal meiner not mich uberfaln Schede
psalmen 61, 19
neudr.; wo unser ein ... ein unfal sol bekomen Ringwaldt
evang. F 1
a; mit grossem unfall beladen
buch d. liebe 184
c; wie kompt euch doch an der unfall, ir christlich nationen all, das jr so onauffhörlich heut wider eynander selber streit? Fischart
L. Schwendi 296, 1
Kurz; musz man doch nicht ausz dem unfal ein sach urtheilen jedesmal
Stauffenberg 619; ausz unfall
unglücklicherweise binenkorb 95
a; zu unfall gebracht werden Fronsperger
kriegsbuch 3, 177
b; er gedachte auff mittel, wie er mir den stein stossen und durch meinen unfall dem seinigen vorkommen mögte
Simpl. 79
Kögel; welch unfall zwinget sie, bey nacht sich so zu wagen? Gryphius
trauersp. 311, 41
Palm; [] denk aber nach, wie allgemach im unfall du wirst stehen Neumark
fortgepfl. lustw. (1657) 1, 390; trüber unfall Morhof
unterricht 2, 51; Lisettens auge will nur lauter unfall dräuen Hoffmannswaldau-Neukirch 2, 50; ich sehe des unfalls grösze noch nicht ein Ramler
fabellese 1, 179; einen theil des über sie schwebenden unfalls Nicolai
Nothanker 1, 43.
archaisierend: wie wol mich jetzt unfall anficht Arnim 14, 111; unfall hat ihm sein freud gewendt 21, 19; dasz sie ... mehrerm unfall möchten unterworfen sein Grimm
deutsche sagen 2, 120.
bildlich: denn zumal setzte sich das unglück auff den ersten staffel jres unfalls
Amadis 1, 26
Keller; alles unfalls zornig meer Logau 70, 61.
tautologisch: unfall und (oder) unglück, unglück und unfall Luther 28, 384, 24
Weim.; Alberus
diction. 33
a; Prätorius
anthropodemus plut. 1, 108. unfal und jamer Maaler 460
d. unfall
dicitur et ungefäll
infortunium Stieler 419.
im 18.
jh. erlöschend. 'zu unfall kommen
Sirach 31, 6
ist nur noch in den gemeinen sprecharten üblich, so wie der biblische gebrauch, wo dieses wort mehrmahls als ein abstractum von einem unglücklichen zustande für unglück gebraucht wird, im hochdeutschen gröszten theils veraltet ist, daher auch das ehemahlige bey- und nebenwort unfällig
für unglücklich daselbst nicht mehr gehöret wird' Adelung. II@1@bb)
beeinträchtigung, schädigung, schaden, subjectiv wie objectiv; verderben, niederlage: der durch unfal (
iniquitas) oder misshandel in erzürnung der oberkeit .. entsetzt wird Riederer
rhetoric a 5
b; da mit nicht unfall (
verb. schade) entstehe
Esra 4, 22 (
Zerbster handschrift 1523 1, 346
Weim.); zu letst wurt aller unfall ussgon wider die schander Eberlin v. Günzburg 1, 198
neudr.; die ding alle sind vorzyten durch unfal (
inique) in unseren landen verborgen gesin 1, 3
neudr.; uns zu unfal Sachs 2, 424, 23
Keller; aber es ist ausz unfall der zeit (
iniquitate temporum) nicht an tag kommen Franck
weltbuch 47
b; Aventin 1, 331, 19; unfal oder schaden Maaler 460
d; verderbnusz, ein bösz end eines yetlichen dings Frisius 502
a; teutsch landt wer kummen in unfal, so das nit wer geschehen Soltau
volkslieder 316; erblick' ich, dasz nur je den bürgern unfall blüht, an guten glückes stat, so kan ich nichts verhälen Opitz
opera 1, 170.
ἄτη Sophokles Ant. 185;
clades Frisius 230
a; verlust und schaden im krieg erlitten Maaler 460
d: die unserige .. den platz .. zum zeugnus ihres unfalls mit todten .. überstreut verliessen Grimmelshausen 4, 677, 7
Keller. auch mnl. misval
nederlaag; dich nicht verlass auf schöne gestalt, dasz du nicht kömmst in unfall bald Erlach
volkslieder 3, 79 (1615).
noch früher als bedeutung a
veraltet. seltener auch mit einseitiger beziehung auf das gefühl für entrüstung, trübsal, betrübnis: Hiob 3, 26
ist von Luther 1, 396 (
Weimar 1906) unfall
durch toben ersetzt (
indignatio, unruhe); wie offt denck ich an mein gemahl, graff Ulrich selig mit unfahl, so in einr schlacht umbkommen ist Frischlin
dicht. 18.
mnl. misval
beleediging, krenking, smaad, hoon. II@1@cc)
vereinzelt unangenehmer fall, übelstand, fehler: disem unfal (
lange aufbleiben zu müssen) kompstu am rechtsten, so du jn (
den gästen) gibst den aller schlechtsten (
wein) Scheit
Grobianus 1988;
es stellte sich heraus, dasz man viel zu weit von der festung mit der anlage (
des grabens) geblieben sei; man beschlosz daher sogleich die dritte parallele näher zu rücken und dadurch aus jenem unfall entschiedenen vortheil zu ziehen Göthe 33, 289
Weim. mnl. misval
auch onangenaame gevolgen van iets, dwaling, fout. [] II@22)
die jüngere entwicklung beschränkt unfall
im wesentlichen auf den begriff des unglücklichen zufalls, accidens, casus, und schlieszt ebensowohl das zuständliche wie alles planmäszige handeln aus. er ist meist äuszerlicher art: man sol nach solchen reichthumb trachten, das einer stetigs bey sich tragen und jhm durch kein eusserlich gewalt oder unfall benommen werden könne Zinkgref
apophthegmata (1628) 51; Lehman
floril. 3, 204; eine innerliche unruhe, so dem äuszerlichen unfall thür und thor öffnet Leibniz
d. schr. 1, 166; D.
F. Strausz 6, 13.
nicht gewollt: unfall war das, nicht böser sinn Grabbe 4, 92.
oft plötzlich und überraschend: pulvertonnen sind so zu verwahren, das es, wo unfall sich zu drg, allein uber sich mOeg schlahen Dürer
befestigung der stett (1527)
E 2
b; unter den acht unfällen ... als erdbidem, wassergüss, thier, krieg ... Sebiz 4; ein plötzlicher unfal Zesen
rosen-mând 40.
leichter als unglück (
s. d.): es ist wohl ein rächtes unglük oder vilmehr ein .. unfal Zesen
adr. Rosemund 37
neudr.; inconveniens, ein ungereimt ding, die ungelegenheit, ein unfall Spanutius 288; doch das ist eine verwechselung, ein kleiner unfall Schleiermacher I 5, 409; da der dragoman krank ist, konnte ich ihn nicht senden. dieser unfall wird für sie ein grund sein, bald das türkische zu erlernen Moltke
ges. schr. 1, 142.
nl. rampje. II@2@aa)
mit der gröszten folgerichtigkeit und notwendigen einseitigkeit ist der begriff im technischen sinne des heutigen versicherungswesens ausgebildet (Manes
versicherungslexikon 1240; Hoyer-Kreuter
technolog. wb. 1, 791). unfall
ist im versicherungsrecht ein ereignis, welches infolge einer plötzlichen, vom betroffenen nicht gewollten einwirkung körperverletzung oder tötung eines menschen herbeiführt. möglich ist diese bedeutung schon im 16.
jh., meist wird sie erweitert, beziehung auf sachen und selbstverschuldetes nicht ausgeschlossen: unfAel desz meers Maaler 460
c; darumb vermeid den harten trunck, das du nicht thust ein narrensprung .. oder durch unfall mancherley brechst schenkel oder arm entzwey Ringwaldt
lauter wahrheit 54; wenn wir die betrübten felle, die sich unter unsern vorfahren bey solchen jren grossen reisen und unfellen zugetragen haben, lesen Rätel
chron. v. Schlesien 25; die finsternis gab zugleich mit anlasz zu einem unfall
polit. maulaffe 282;
von der aufnahme in ein invalidenhaus werden ausgeschlossen, welche nicht in commando oder diensten, sondern durch ihre eigene schuld solchen unfall bekommen v. Fleming
teutsche soldat 321, 17; man sah, dasz sie ihn (
den kleinen finger) durch einen unfall muszte verlohren haben Schwabe
belustigungen 1, 555; ohne den geringsten unfall Schnabel
insel Felsenburg 76, 16; dem unfall meiner schwiegertochter beim reiten Göthe IV 41, 53
Weim.; ich habe zwar den unfall erlitten, dasz alle meine sachen ... gestrandet ... sind Forster 7, 123; ein unfall eben wie hundert andre auch Mörike 3, 48; kaum ein turnier mag ohne mehre schwere unfälle vergangen sein Freytag 18, 33; unfällen auf der eisenbahn Moltke
ges. schr. 7, 39; von tag zu tag sind in das tagebuch einzutragen: alle unfälle, die dem schiffe oder der ladung zustoszen, und eine beschreibung dieser unfälle
handelsgesetzbuch § 520.
vgl. die zahlreichen zusammensetzungen V. natürlich auch von den im versicherungsgesetz ausgeschlossenen krankheiten und von thieren (Göthe IV 8, 322
Weim.). II@2@bb)
wegen seiner milde eignet sich unfall
nun, ähnlich wie das fremdwort malheur,
in gebildeter sprache zur euphemistischen bezeichnung von unheil, widrigem aller art. das wort unglück
vermeidet man dabei oft abergläubisch oder aus höfischen rücksichten (
s. Herder
unten)
; für Göthes eulogismus vgl. Boucke 203
ff.: fange nicht an, mir meine unfälle (
geldverluste) vorzuzählen Lessing 2, 85, 29; nichts ist, was itzt die kühnen Neronen nicht vermögen! alles! alles! da Zeus sie selbst in unfall (
per acuta belli Horaz 4, 4, 76) birgt Herder 26, 223;
[] unfalls genug, wenn mein kahn leicht und brüchig ist 23, 138;
bei Göthe
vom tod Eugeniens (
nat. tochter 1463),
von überfall, einbruch, mangelndem erfolg Wilhelms auf dem theater u. s. w. Bohner 73; bürgerliche unfälle Göthe 25, 288
Weim.; im wirthshause ... wurde sie betrogen, und das war ein unfall! Lichtenberg
erklärung 2, 316; wenn ihm ein unfall — wie wird mir? Schiller 3, 438 (
kabale u. liebe 3, 5); zeit ist's, die unfälle zu beweinen, wenn sie nahen und wirklich erscheinen
braut von Messina 978; so unaussprechlich harte unfälle C. Schlegel
briefe 1, 138
Waitz; die eroberung von Cypern erschien als ein allgemeiner unfall Ranke 35, 138;
bankerott, wie fall (Staub-Tobler 1, 735) Krünitz 195, 597.
man sieht, wie die bedeutungsentwicklung zu II 1 a
zurückzukehren scheint. selten abenteuerliche erlebnisse: er ... dichtet seine unfälle Brentano 6, 4; Gervinus
gesch. d. d. dichtung 2, 202.
im witz des bratens unfall Heine 2, 271. II@2@cc) Göthe
versittlicht den begriff: sehen wir nicht in der geschichte, dasz menschen, die wegen groszer sittlicher unfälle (
moralischen schiffbruchs) sich in die wüsten zurückzogen, dort keineswegs .. verborgen .. waren? 20, 377, 8
Weim.; heilung eines ethischen unfalls IV 28, 118; unfall mit Gretchen 27, 88
Weim. allgemein so vermag der ... gesunde sinn sich gegen inneren und äuszeren unfall geschwind und leicht wieder herzustellen 24, 2
Weim. IIIIII.
personificiert (
vgl.unglück
und mhd. misselinge
Tristan 13496. Galle
die personifikation in d. mhd. dicht. 79). Meusebach
an J. Grimm 196
ff. 384.
Wendeler: unfall hat uns her getragn
Sterzinger spiele 193; unfahl der reyt mich gantz und gar alhie auff diser erden
Berliner meistersingerhs. T. 9494. 12.
nr. 8, 3;
mit teufel, dörrschnabel, plickars, narr, unglück
wechselnd th. 11, 270. Meusebach
a. a. o. th. 8, 777; dasz ihn unfal als ungemachs sein lebtag reitt, so spricht Hans Sachs Sachs 17, 491, 24
Keller-Götze; Forster
teutsche liedlein 12
neudr.; Frankfurter liederbuch 92, 9;
des bösen dienstmann Unfalo
verleitet Teurdank zu den gefährlichsten abenteuern. Teurdank cap. 25
ff.; Unfallo der wicht Scherz-Oberlin 1827; J. Grimm (
mythologie 2
3, 944)
suchte einen zusammenhang mit Phol
herzustellen, wogegen denn das geringe alter unsers wortes spricht. s. auch feiland
th. 3, 1448; unfal lag vor der thür; der unfall der wirdt klagen; das uns unfal nit riere; unfal hat jm sein freud gewendt
aus dichtungen des 16.
jhs. bei Meusebach; und ist zu mercken, das disser psalm .. nymer mehr wird gründlich verstanden .. es gehe denn dem menschen der unfal under augen Luther 18, 480, 35
Weim.; kumpt der unfal für dein hausz Murner
die mülle 30, 868; mich hat der unfal heut besessen Sachs 21, 48, 20
Götze; gib dich nit und sei frisch, so fleucht der unfall wie ein fisch
sprichwörter 1548, 23
b; lasz dir kein unfall über die knie kommen
ebd. vgl. th. 5, 1425; unfal ist dir vor der thür, hocket uns vor der thür Frisius 655
a; der unfal hat jn ze boden geschlagen Maaler 460
d; unfall will seinen willen han Wander 4, 1427, 10; das euch das unglück nicht beschreit und der unfall betrette
N. Herman
sonntagsev. 18, 7
neudr.; kein thier lebet uberall, es hat seinen feind und unfall Rollenhagen
froschmeuseler D 7
a; o, wer weisz, was sonst für joch uns der unfall unversehens sonsten wo kan schnitzen noch! Logau 264, 1170; es wird wohl kein unfall mit mir mehr wollen zechen Rachel 141
neudr.; dasz sich kein unfall an ihn reibt
Königsberger dichterkreis 120;
[] denn wird sich der unfall schämen
ebd. 200; wenn ein unfall, mich zu tödten, grimmig seine zähne wetzt
ebd. 82; steht der unfall eisern, ein kämpfender schütze vor ihm Herder 27, 264; der vorwitz lockt ihn in die weite, kein fels ist ihm zu schroff, kein weg zu schmal; der unfall lauert an der seite und stürzt ihn in den arm der qual Göthe 2, 146 (
Ilmenau 142).
vgl. Furwittig
und Unfalo
im Teurdank; des unfalls tücke A. Grün 4, 106; unfal, unfal, du wildes thier, wie thust dich gegen mich sperren Görres
bei Schade
sat. 2, 294.
in der verwünschung unfal, das meinen buolen der ritt schidt!
germ. abhandlungen 25, 373, 1.
vgl.falbel
th. 3, 1268. Vilmar
idiot. 98. (
dän. du skal faae en ufærd! fy for al u.!).
als eigennamen weist J. Grimm
aus Nördlinger hexenprocessen Apollonia Unfahlin
nach. d. myth. 2, 944. IVIV.
in sprichwörtern, sentenzen und redensarten. Wander 4, 1427: wol kumpt unfal so gar nicht allain Stainhöwel
ber. frauen anhang 322, 4; was man von unfall sagen soll, wie bald kompt der eim zu handen
Teurdank 84, 90
Gödeke; wer kan für unfall! Scheit
Grobianus 1822; beulen und blae mal helffen offt für unfal Franck
sprüchwörter 2, 11
b; spar dem unfall (
sprichw. 1548, 147
b)
sagte man wie dem unglück husen (Staub-Tobler 2, 622); furcht und scham hindern viel unfall Lehman
florilegium 1, 251; dem kein unfall nie stiesz für, dieser ist ein wunderthier Logau 584, 2846; unfall macht den weg zur tugend Aler (1727) 2, 2078
b; wer gott liebt überall, den stürzt kein unfall Schellhorn (1797) 83.
wie natürlich, wirkt in III
und IV
die ältere bedeutung II 1
am längsten nach. VV.
zahllos sind die zusammensetzungen; z. b. berufs-, betriebs-, eisenbahn-, flieger-, kriegs- (Göthe 44, 307
Weim.), jagd-, reise-, schiffs-, see-, wagenunfall
u. dgl. sowie die compos. mit unfall
im wortanfang, mit wenigen ausnahmen fast alle im zusammenhange mit unserer socialgesetzgebung: