werkstatt,
f. ,
seit dem späten mhd. bezeugte bezeichnung der arbeitsstätte, die ältere namen wie werkgadem, -haus
allmählich verdrängt, bald aber selbst von werkstätte
und -stelle
bedrängt wird. der plural ist wie beim simplex statt (
s. teil 10, 2, 1, 957)
im nhd. unüblich; als vereinzelte belege finden sich (
über die dativischen pluralformen s. u. werkstätte): wilche tzyt die ire werckstedde reynigetin (
wohl plural von werkstatt,
nicht singular von werkstätte,
vgl. die dry stedde
ebda 405,
wenngleich die stad Franckenberg
auch als die seligin stedde Franckenberg 387
erscheint) (
anf. 16.
jh.) Wigand Gerstenberg
chron. 399
Diemar; die schulen seyn werckstAette der gottseligkeit Sandrub
hist. u. poet. kurzweil 18
ndr.; darinne haben etliche handwercksleut jhre werckstett Schweigger
reyszbeschr. (1619) 53; bauete schon zuchthäuser und werkstätte Grimmelshausen
vogelnest 23
Scholte; viel schOene werck-stAette antrifft Hohberg
georg. cur. aucta (1682) 1, 68; deren felder öde, deren werkstätte verlassen werden sollten Klinger
w. (1809) 4, 150; baut dem betruge geheime tempel und werkstätte Bode
Montaigne (1793) 1, 386; Nürnberg und Augsburg blieben lange die vornehmsten werkstätte (
der Nürnbergischen eier) Fr. Th. Schubert
verm. schr. (1823) 4, 317 (
ein weiterer beleg ebda 2, 187).
will man nicht den plural von werkstätte (
s. dort)
gebrauchen, so werden bisweilen zusammensetzungen wie werkstattbetriebe (Alten
hdb. f. heer u. flotte [1909] 4, 697)
als plural genutzt. mundartlich ist werkstatt
für Barmen, Elberfeld, Cronenberg (
bei Solingen)
und für weite teile des md. und obd. sprachgebiets bezeugt, stellenweise bis zur einsilbigkeit verschliffen (
formen wie wärkscht Jecht
Mansfeld 121; wargd Gerbet
Vogtl. 274),
während im nordfries. und nd. die form werkstätte
bevorzugt wird (
in varianten wie warkstEd Mensing
schlesw.-holst. 5, 529; warkstêe Schambach
Göttingen 287; wirktidə Martin
Rhoden 284; werkstîe Woeste
westfäl. 320). 11) '
arbeitsstätte der handwerker, (
fabrik-)
arbeiter sowie der bildenden künstler' (
vgl. komposita wie tischlerwerkstatt);
officina, laboratorium, fabrica, artificina (15.
jh. Diefenbach
gloss.): item 3
m. 5 scot minus 10 den. vor 15 und 100 steyne zu furen of dy werkstat
Marienburger tresslerb. (1399—1409) 532
Joachim; er (
der goldschmied) sprach: 'gnad her, ich wil ech sagen' do ich sasz in meyner werckstat, der pfarrer zu mir eintrat ...' (15.
jh.)
pfarrer v. Kalenberg 73
ndr.; vff ein zeit wonte ein kürszner zuo Berlin, der wz ... rych vnd hielt ein guote werkstat
Eulenspiegel 85
ndr.; in des schusters werckstadt (1537—40) Luther 47, 597
W.; solchs schneiders, sag ich, stuben und werckstat lag voller wahr zu verarbeiten Kirchhof
wendunmuth 2, 179
Ö.; auch den schuestern, satlern, riemern und dergleichen hantwerchsleiten ... merers nit, dann was jeder zu nottürftiger versechung seiner aignen werkstat bedürftig, zu kaufen verstatt werden soll (17.
jh.)
österr. weistümer 2, 28; wie aus eines kunstreichen bildhauers werkstat Butschky
Pathmos (1677) 400; wie wenn ein handwerks-mann auf seiner werkstatt sitzet und lehrling und gesell in scharfer arbeit schwitzet
poesie d. Nieders. (1721) 1, 291
Weichmann; auch im neueren dt. noch durchaus geläufig: der bildende künstler ... ist meist auf eine einsame werkstatt beschränkt Göthe I 47, 30
W.; solche gedanken habe ich immer in meiner werkstatt gehegt, und gott sei dank! sind meine uhren stets gesucht Brentano
ges. schr. (1852) 5, 338; so sieht man im geiste den meister immitten einer groszen werkstatt und von ausgezeichneten, zahlreichen schülern umgeben Herman Grimm
Michelangelo (1890) 1, 40; der (
schmiede-)meister war eben dran, seine werkstatt abzuschlieszen Kluge
Christoph Mahr (1934) 135.
zuweilen ausdrücklich von fabrik
unterschieden (
s. auch unter werkstätte): manche meiner genossinnen kamen aus der werkstatt und der fabrik Lily Braun
memoiren e. sozialistin 2 (1911) 227;
doch auch für eine kleinere fabrik gebraucht: porcellan-fabric die werkstatt, officin, wo das porcellan-geschirr gemacht wird Belemnon
cur. bauern-lex. (1728) 144; herr Hessling wünschte, dasz Diederich die ferien benütze, um in der väterlichen werkstatt den gang der papierverfertigung kennenzulernen H. Mann
untertan (1949) 28. 22)
nicht selten spricht man auch von der werkstatt eines apothekers, chronisten, dichters, komponisten, schauspielers, totengräbers
u. a.: welche vermessenhait ich fürnemlich geschöpft hab ausz deiner angepornen güete, damit du piszheer noch nichts, das ausz meiner (
des chronisten) werkstat komen were, verschmecht hast (1516) Christoph Scheurl
ep. üb. d. verf. d. reichsst. Nürnberg, in: städtechron. 11, 804; die (
apotheker-)werkstatt (
hatte) umb essenszeit offen gestanden
Zimmer. chron. 22, 318
Barack; die werden sennen genennt, jre wonungen vnd werckstatt aber sennhütten Stumpf
Schweizer chron. (1606) 291
b; solcher närrischen dauben und grillen ersanne ich täglich einen uberflusz, weil es meines (
des narren) handwercks war, so dasz man meine werckstatt nie läer fand Grimmelshausen
Simpl. 157
Scholte; und ist ihnen besser, es werde ihnen eine kugel durch die haut gejagt, als das sie vielleicht den hencker ... solten seine werckstadt ziehren J. Döpler
theatrum poenarum (1693) 502; weil ich damahl frisch aus dem grabe kame, so ist sich nicht zu verwunderen, dass der erste, so mir begegnete, ein todten-grAeber ware, welcher dahin kame um seine werckstatt der fAeulnis zu versorgen Lindenborn
Diogenes (1742) 1, 9; um so lehrreicher sind die wenigen ... beispiele, welche uns in seine (
Mozarts) werkstatt führen O. Jahn
Mozart (1856) 1, 599; wie gerne, wenn ich könnte, würde ich zu ihnen (
anrede) eilen, um in dem lieben haus über dem see, in der traulichen werkstatt selber den meister sein werk vortragen hören (13. 7. 1885) J. Rodenberg
an C. F. Meyer, in: s. br. 204
Langm.; aber nicht nur gingen die liebesleute liebenswürdig und im tode erschütternd aus seiner (
des schauspielers J. Kainz) werkstatt hervor, seine seele vermochte auch in anderen empfindungen aufzuwirbeln
F. Gregori
Josef Kainz (1904) 56; (
er sah,) dasz durch die rolladenritzen von herrn Mösingers (
des drogisten) laboratorium noch ein unruhiger lichtschein drang. er klopfte an; die erleuchtete werkstatt gab ein dumpfes pochen zurück Langgässer
d. unauslöschl. siegel (1946) 169.
scherzhaft sogar: ich hort einist von eim das im einer fünff pfening wolt geben, er solt im ein mesz leszen, da sprach er ich mag es kum in der werckstat selber darumb haben Keisersberg
brösamlin (1517) 1, 92
a. 33)
das schon bei 2
ersichtliche bestreben, werkstatt
auf alle möglichen stätten schöpferischen wirkens zu übertragen, wird in anderen anwendungen noch deutlicher. 3@aa)
man spricht von der werkstatt der wissenschaft (
universität), der werkstatt eines volkes (
z. b. Deutschland), gottes, der natur, der geschichte, des geistes
u. dgl.: in deiner werkstat sahen wir dich ein edel gewant von regenbogen wurken; darein wurden engel, vogel, tier, fische vnd allerlei wurme gestalt (1400) Joh. v. Saaz
ackermann 21
Hübner; wer aber sach, das die vnuerstendigen die anzaigten verwanlichen vrsachen nicht wOelten annemen, sunder verachten vnd verspotten, die mOegen ir bebegreiflikait laiten in die werckstat der natur J. Grünbeck
spiegel aller trübsal (1508) C 1
a; ich (
Maria) byn nur die werckstat, darynnen ehr (
gott) wirckt (1521) Luther 7, 575
W.; ein weib ist unsers herr gotts werckstadt (1527)
mon. germ. päd. 21, 82, 1; dann es wircken die sterne nicht nach jhrer wahrhafftigen grösse, sondern nach dem augenmaass, nach dem jeder gross scheinet allhie auff erden, allda die werckstatt zu solcher wirckung ist Kepler
opera 1, 582
Frisch; durch was erkennen wir die seele im menschen? durch ihre werckstatt, den leib D. v. Czepko
geistl. schr. 67
Milch; nebst einem hertzlichen wunsche ..., dasz ... unsere weltberühmte Friedrichs-universität ... eine vollkommene und blühende werckstadt sey, wo man nützliche und galante wissenschafften treibet bisz an der welt ende J. G. Neukirch
anfangsgründe (1724) 906; wenn wir dich, o vater, sehen in der werkstatt der natur stoffe sammeln, lösen, binden, als seist du der schöpfer nur Göthe I 4, 259
W.; es ist mithin hier kein anderer rath, als dasz sie (
Schreyvogel) ihre grundidee von neuem in der innern werkstatt bearbeiten (6. 5. 1817) Müllner in:
jahrb. d. Grillparzerges. 3 (1893) 246; ich glaube, dasz keine stadt so mich anregen würde als Rom, Neapel ausgenommen durch sein paradies herum, da man dort in die werkstatt der geschichte eintritt (1837) Emma Förster
br. (1889) 101; Deutschland ... seit 1870 zu einer gewaltigen industriellen werkstatt entwickelt ...
qu. a. d. j. 1929.
zuweilen geradezu im allgemeinen sinne von '
tätigkeitsfeld': vnd wir alle müssen sie (
die welt) verlassen an dem todbedt, wir müssen alle die werckstat vffraumen, das muosz sein Keisersberg
brösamlin (1517) 2, 89
a; das dritte (
hauptstück) ist die aller edlest werckstat und der theureste freund, der zu lieben ist, das ist der nehiste (1525) Luther 17, 2, 101
W. es verwundert schlieszlich nicht, dasz man auch im hinblick auf den bienenstock von einer werkstatt
spricht: das wachs ist die ordentliche werckstatt, in welcher die bienlein jhre ssse arbeit embsiglich verfertigen Harsdörffer
gesprächsp. 2 (1657) 268; schlagt eure werkstatt auf in dieser linden hier, die hohl ist von natur, ihr honigmeisterinnen P. Fleming
dt. ged. 1, 498
lit. ver. 3@bb)
nicht selten auch mit einer genitivischen bezeichnung des hervorgebrachten, erzeugten verbunden, wobei nicht mehr die vorstellung von der wirkungsstätte eines schöpferisch tätigen, sondern '
stelle oder raum, wo etwas entsteht, sich formt'
herrscht: ist das hertz ... ein werckstatt der natrlichen hitz vnnd leblichen wAerme Ryff
anatomi (1541) H 2
a; (
bei den Römern war es,) dasz sie Teutschland haben genennt
officinam hominum oder
populorum, das ist, ein werckstatt, darausz die leut entspringen Schweigger
reyszbeschr. (1619) 162; die sonne kam wieder mit wagen und pferden, bezoge, gezieret mit purpurnem pracht die werkstat der trAeume, die herberg der nacht S. v. Birken
lorbeerhayn (1657) 1; (
sich entblöszend sagte sie:) siehe Marbod, dasz die werckstadt mehrer sOehne hier noch gantz unverletzt sey Lohenstein
Arminius (1689) 1, 1142; die von zahlreichen völkerschaaren durchzogene wildniss ist die werkstatt der töne, die jahrhunderte später als rede und dichtung an unser ohr schlagen W. v. Humboldt
ges. schr. 4, 233
akad.; mich triffst du überwach, phantastische nacht, geheimnisvolle werkstatt der gedanken! Eichendorff
s. w. (1864) 4, 238; die rastlos weiter formende werkstatt menschlicher anschauungen
M. Kähler
d. lebendige gott (1894) 17; in solchem bewusztsein werden wir es nicht verachten in die werkstatt des worts selber einzutreten Binding
kraft dt. wortes (1933) 7.
vereinzelt sogar auf einen zustand bezogen: trbsal ist die rechte werckstat der hoffnung Petri
d. Teutschen weiszh. (1605) F 2
b. 44)
in älterer fachsprache wird werkstatt
vereinzelt auf den werktisch, die werkbank u. dgl. eingeschränkt (
s. auch Müller-Fraureuth
obersächs. 2, 659): eine von holtz gemachte werckstatt, darauff die planen zum ertzwaschen gelegt werden Schönberg
berginform. (1693) 2, 49; herd in der wäsche ist eine von holtz und brettern gemachte werckstadt, worauf die gepochten ertze gewaschen werden; ist ohngefehr 8 bisz 9 ellen lang und 2 ellen breit Minerophilus
bergwerkslex. (1730) 334; werkstatt bei einzelnen handwerkern, z. b. schneidern, schuhmachern
etc. die tisch- und bankartige einrichtung, auf welcher sie arbeiten Krünitz
encycl. 238 (1856) 247.