roh,
adj. crudus, rudis. II.
Formales. das wort ist gemeingermanisch. die gothische entsprechung fehlt zufällig. altnord. hrár,
schwed. r,
dän. raa;
ags. hreáw, hreów,
engl. raw;
neufries. rä, rê;
mnd. rô,
nnd. râ, rô, rau;
mndl. rouw, rauw,
holl. rouw.
verwandt erscheinen lat. cruor, cruentus, crudus,
altir. crúu
blut (
vergl. die älteste bedeutung von roh II, 1)
nach Fick 1
3, 539. —
ahd. ist belegt râuuer, rôer, râuuin, rouuaʒ, rouaʒ (Graff 2, 553. 554);
mhd. râ, rô, rou,
flectiert râwes, rôwes, rouwes (Lexer
mhd. wb. 2, 510),
daneben durch vermischung mit dem in form und gebrauch ähnlichen, der herkunft nach aber unverwandten rûch, rouch
schon früh rôher, rouher, rôch, rouch (
vgl. darüber rauh
sp. 262): swer in eʒʒen wil, der sol in sieden, sô ist erb eʒʒer denne rôher.
arznb. im mhd. wb. 2, 1, 757
a; unlust geschicht von rouher veuht.
ebenda; welchiu tier rôch flaisch eʒʒent, diu streitent mit andern tiern. Megenberg 116, 34; rauch (
cruda) fleisch Dief.
nov. gl. 121
b.
auch im älteren nhd. findet sich rôch
neben der heute üblichen form: (
die frauen) punden
[] rôch flaisch under die üechseln. Aventinus 2, 62, 33; fragen, da man mit der ewigen versehung die leute jrre, zweiffelhafftig, wild, roch unnd sicher macht. Mathesius
Sarepta 159
b; roch geblüt, ..
sanguis crudus imperfecte coctus Henisch 431, 10.
in die flectierten formen scheint das ch
nicht einzudringen. das 16.
jh. bietet als unflectierte form nicht selten ein historisch unberechtigtes rohe: was rohe ist, soll man meiden. Ryff
spiegel d. ges. (1544) 33
a. Dasypodius
hat neben rho, roher
noch rhow
und röwe
cruditas, Maaler
schreibt auch die unflectierte form mit w: rauw, rouw;
ebenso rauwlächt, halbkochet,
subcrudus. Schm. 2, 85
erwähnt aus älterer zeit ein neutr. sing. rabs (
die stelle s. unter II, 5). —
von der mitte des 17.
jahrh. ab scheint in flectierter und unflectierter form der heutige gebrauch festzustehen. IIII.
Bedeutung und gebrauch. II@11)
an die älteste bedeutung des worts rührt gewisz der gebrauch als wund oder blutig an: wenn derselb (
der priester) sihet und findet, das weis auffgefaren ist an der haut (
des aussätzigen), und die har weis verwandelt, und rho fleisch im geschwür ist, so ist gewis ein alter aussatz in der haut seines fleischs.
3 Mos. 13, 10; sich roh (
wund) liegen
bei Campe
als der '
gemeinen sprechart'
angehörig; so noch heute: er schürfte sich die haut ab, sodasz das rohe fleisch sichtbar wurde;
nd. raue (
zerrissene, wunde) handen dôn sër. ten Dornkaat-Koolman 3, 16
b; hê hed sük de handen wër rau reten.
ebenda; dâ von erschrac sîn muoter dô daʒ er (
Achilles) beschunden unde rô ze hûse ûf im den löwen truoc. Konrad v. Würzburg
troj. 16693; mit den thränen, die mein leiden billig scheide-wasser nennt, weil es .. die lippen schmertzlich friszt, die der abschied roh geküszt. Günther 302. II@22)
indem das rohe, blutige fleisch eines thieres dem durch feuer zubereiteten gegenübergesteltt ward, mag sich der ansatz ergeben haben zur entwicklung der freieren anwendung als ungebraten, ungesotten, ungekocht, ungebacken u. s. w.: ahd. rouuaʒ
crudum, glosse zu 2 Mos. 12, 9,
vom fleisch (
die stelle s. unten) Steinmeyer-Sievers 1, 274, 51; swenne diu milche rôhiu ist, sô schadet si mêre unde nicht gesoten.
arzneibuch im mhd. wb. 2, 1, 757
a; aber si (
die holzäpfel) sint gesünter geprâten oder gesoten denn rôch. Megenberg 330, 2; gib mir das fleisch dem priester zu braten, denn er wil nicht gekocht fleisch von dir nemen, sondern roh.
1 Sam. 2, 15; knobloch, speck, butter, saltz, also rohe, ist jr speisz. S. Franck
weltb. (1542) 58
b; den rohen honig allein und on brot genossen, treibt von seiner scherpffe wegen den bauch, aber gesotten honig fuoret. Ryff
sp. d. ges. (1544) 57
b; so sein (
des raben) eyer gekocht werden, unnd dann widerumb in das nest gelegt, so holt der rapp ein stein, mit welchem er berürt seyn eyer, und so werden sie als bald wider roh und lauter.
ein neuwer Alb. Magnus (1562) 32
a; dat is en old mene word, dat man secht: de hungher maket ro bonen soite. Schiller-Lübben 3, 492
b; de ro spise gheten heuet unde eme an sineme maghen licht, de scal nemen encianen.
mnd. arznb. im nd. jahrb. 1889 (15), 111; roher schinken,
petaso sive perna, nec cocta nec infumata. Stieler 1620;
heute heiszt auch geräucherter schinken roh;
vom bier, das nicht gehörig gesotten ist: worauf ein rohes wasserhafftes bier dem magen .. unruhe machte. Winckler
edelm. 87; so darff ich nicht mehr so viel rohe welcke rüben essen. Reuter
frau schlampampe K. u. T. neudr. 121; roher teig,
massa farina non cocta Frisch 2, 124
b; (
vom siedenden wasser:) dâr inne rôwe spîse wirt gemachet gar.
minnes. 1, 268
a Hagen; ein schlecht und rohes essen, vom feuer ungekocht. H. Sachs
meisterl. 134, 22
Gödeke; disz ist noch rho, jhens gar verbrent, das essen ist in boden gschendt.
Grobianus v. 2785
neudruck; (
im bilde): wir (
alamode monsiers) taugen nichts gesotten, roh sind wir auch kein nutz. Opel
u. Cohn 416, 20; der baum wird zum zelte, zum teppich das gras, und rohe kastanien ein herrlicher frasz! Göthe 13, 92. etwas roh essen: swaʒ er dar in (
Chiron in seiner höhle) gedinsen mohte wilder tiere diu gaʒ er alliu schiere beid ungesoten unde rô. Konrad v. Würzburg
troj. 5891;
[] ihr solts nicht roh essen (
das lamm), sondern am fewr gebraten. 2
Mos. 12, 9; einen apfel roh essen;
im bilde: man weis fast wol, das jr die welt nicht so rohe fressen werdet als jr gedenckt. Luther 4, 539
b; aber gesunde leut .. mögen den lattich wol rohe essen. Ryff
sp. d. ges. (1542) 39
b. II@33)
wie kochen
auch auf vorgänge in der natur angewandt erscheint, durch welche ohne menschliches zuthun eine gewisse verarbeitung oder zubereitung erwirkt wird (
vgl. theil 5, 1556),
so entwickelt roh
die bedeutung: in solcher weise nicht verarbeitet oder zubereitet. II@3@aa)
von unreifen früchten: do man zalt 1258 jor, do was alse groszes ungewitter daʒ daʒ korn fulet in der ernen und die trübel rou und unzitig blibent.
d. städtechron. 8, 133, 28;
crudum pomum, ein saurer roher apfel, unzeitig. Dasypodius; rauwe unzeytige frucht,
fructus acerbus Maaler 326
b; der apfel fällt einmal, roh oder reif, herab. Lichtwer 220. II@3@bb)
von bestandtheilen des animalischen körpers, die nicht zu rechter entwicklung gelangt sind: unlust geschicht von rouher veuht.
arznb. Diemer im
mhd. wb. 2, 1, 757
a; die früht (
des erdapfels) sint alle schad, wan sie pringent rôch fäuht und fäul in den âdern. Megenberg 391, 10; ich rât aber nicht, daʒ dû der (
aus dem regen entstandenen) vischel eʒʒest, wan si sint von rôher materi und sint vergiftig. 82, 23; rôch geblüt, wässerige feuchtigkeit,
pituita, φλέγμα,
sanguis crudus imperfecte coctus. Henisch 431, 10.
ähnlich vom nicht assimilierten pflanzensaft: so lange noch rohere säfte abzuführen sind, so lange müssen sich die möglichen organe der pflanze zu werkzeugen dieses bedürfnisses ausbilden. Göthe 58, 34. II@3@cc)
von nicht verdauter speise: fürbe den magen mit sô getâner arzenîe, diu di rouhen speis üʒ füere.
arznb. im mhd. wb. 2, 1, 757
a; der êrst pauch nimpt daʒ eʒʒen alsô rôch, der ander nimpt eʒ gekocht, der dritt kocht eʒ paʒ, der vierd nimpt daʒ eʒʒen wol gekocht und læʒt eʒ auʒ. Megenberg 31, 18; rohe pische (
urina)
diabetes, quando id excernitur, quod bibitur. Stieler 1454. II@44)
an die bisher aufgeführten bedeutungen schlieszt sich wol die besonders der älteren sprache eigene anwendung als frisch oder neu. schon ahd. recentes niuuiu, rauuiu Steinmeyer-Sievers 1, 290, 14;
crudescere, et incrudescere rho oder neuw werden. Dasypodius; rouw, frisch und neüw gemacht,
crudus Maaler 336
c; die (
sünden) wâren vrisch unde rôch.
Servatius 3463. II@55)
allgemein von gegenständen, die noch irgend einer verarbeitung oder vervollkommnung fähig sind. zunächst wol von solchen, die man wie speise und trank mit feuer zubereitet, kocht, schmilzt, läutert u. s. w., dann in allgemeinerer verwendung. so rohes eisen, roher stahl (
vgl. roheisen, rohstahl): item weisen auch die zwölff, welcher koeler den buisch entpfangen hatt, da von soll der wermeister haben ein rhoen zender eisens und der furster ein rhoen zender eysens.
weisth. 2, 581; rohe eisen, oder grobe eisen, centner schwere stück aus dem schmelzofen,
frusta rudia Frisch 2, 124
b; einen slegel er vor im swanc von einem rôhen stâle. v.
d. Türlin
krone 14291. roher schwefel,
der vom ersten treiben fällt und noch nicht geläutert ist. Jacobsson 3, 431
a. rohe kalkkerne,
roh gebliebene mitteltheile gebrannter kalkstücke. Jacobsson 7, 90
b. rohe seide,
fila bombycina non excocta, sua naturali ruditate dura. Frisch 2, 124
b. roher zucker,
der erste zucker, den man aus dem saft des zuckerrohrs bereitet. Jacobsson 7, 90
b. roher teig (
ungesäuerter): und das volck trug den rohen teig, ehe denn er versewret war, zu jrer speise, gebunden in jren kleidern, auff jren achseln.
2 Mos. 12, 34; und sie buchen aus dem rohen teig, den sie aus Egypten brachten, ungesewrte kuchen. 39. rohes leder: es sollen auch die lederer enhalb der Jnprugk ir leder rabs hingeben und nicht geswertz. Schm. 2, 85; rohe felle,
pelles non subactae, non perfectae. Frisch 2, 124
b. rohes tuch (
ungewalktes): ich han meine heuser .. auf der gant behept umb 2 farden und 4 rohen tuech.
d. städtechron. 5, 134, 18; roh tuch das nicht gewalkt. Frisch 2, 124
b. rohe leinwad,
linum crudum Stieler 2406; rohe oder ungebleichte leinwand.
frauenzimmerlex. 2, 2914. rohes garn,
linum crudum Stieler 1620. roher flachs Schedel
waarenlex. 1, 406
b. rohe wolle,
lana nondum praeparata Frisch 2, 124
b. ein rohes
i. e. ungebunden buch. Kramer
nider-hocht. wb. 2, 170
c; rohe materie von büchern,
liber non compactus. Frisch 2, 124
b. rohes holz, rinden
u. s. w. Göthe 44, 276. rohe steine (
unbehauene): bänke fanden sie da von rohen steinen und rasen. Göthe 40, 266;
[] nur die stoffe seh' ich gethürmt, aus welchen das leben keimet, der rohe basalt hofft auf die bildende hand. Schiller 11, 90.
von ungeschliffenen edelsteinen: nicht der mechanische künstler nur, der den rohen demant zum brillanten schleift — auch der andre ist schätzbar, der gemeinere steine bis zur scheinbaren würde des demants veredelt. Schiller 4, 54; ein heller bergkristall und roher diamant, die ein verfolgter dieb verloren, geriethen auf ein häufchen sand. Lichtwer 31.
und so von allem, was mangelnde bearbeitung zeigt: ach gott, es war doch nur ein rohes grab, das armen ausgedorrten staub bedeckte. A. v. Droste-Hülshoff 42. aus dem rohen heraus arbeiten,
polire, e rudi materia politum facere. Frisch 2, 124
b. aus dem rohen fertigen: hättet (
ihr weiber) nur erst aus dem rohen gefertiget alle die aussteur. Voss
Luise 2, 37. rohe gestalt, rohes ansehen: diese ganz solide, einfache und rohe gestalt der tempel war jedoch dem auge des volks heilig. Göthe 38, 164; dem hause das rohe ansehen zu nehmen, hatte man es mit grünem reisig und blumen .. ausgeschmückt. 17, 156.
und so freier: ich werde den versuch einer erklärung von dem ursprunge des weltbaus .. darlegen, nicht von der gesammten naturordnung, sondern nur von den groszen massen und ihren kreisen, welche die roheste grundlage der natur ausmachen. Kant 6, 100. II@66)
unschwer erklärt sich die übertragung auf mangelnde künstlerische durchbildung insgemein: das ist eine rohe malerei, eine rohe musik.
so dann auch auf geistige durcharbeitung bezogen: roher stoff ist überflüssig vorhanden. Bürger
brief v. 30.
apr. 1778; mit Lichtenberg correspondirte ich eine zeit lang und sendete ihm einige aufsätze, freilich noch roh und ungeschlacht genug. Göthe 54, 301. II@77)
oft nähern sich so roh
und einfach: (
von arabischen landbewohnern:) die froh ihr tagwerk thun, .. und wenn sie hungrig und müd' in kühlen schatten ruhn, zum rohen bäurischen mahl dem pilger freundlich winken. Wieland 22, 61; am niedern herde kocht ein rohes mahl. Göthe 2, 146. II@88)
von kraft und bewegung, ungemäszigt: mit einem gedanken, mit einem winke — dafür schlafen auch wie viel kräfte! geschütz erfunden, und damit welche nerve roher körperlicher kriegsstärke und seelenkriegsstärke .. ermattet. Herder
z. phil. u. gesch. (1827) 3, 104; wo rohe kräfte sinnlos walten, da kann sich kein gebild gestalten. Schiller 11, 317.
mit anlehnung an die unter 9,
c aufgeführte bedeutung daher manchmal '
rücksichtslos wirkend': ach das toben roher stürme risz den goldnen frühling fort. Uhland
ged. 9.
von thieren (
belegt nur vom pferde),
ungezähmt, ungebändigt: ein rohes pferd, so annoch wild und unbändig ist. Schottel 1387; ein rohes, unbändigs unabgerichtetes pferd. Kramer
nider-hocht. wb. 2, 170
c; er (
Egmont) hatte ein rohes pferd, das ich ihm loben muszte. Göthe 8, 252; ich hoffe das thier (
ein pferd) ist jung und wild und roh; es selber zuzureiten wär mir gröszte freude. 10, 11. II@99)
als '
mangelhaft entwickelt oder verfeinert'
auf abstractes gebiet übertragen. II@9@aa)
mit anlehnung an den begriff des unbearbeiteten vom menschen, der nicht durch veredelnde einflüsse (
erziehung, cultur u. s. w.)
zur wahren menschlichkeit entwickelt ist, rudis: (die geleichsnær) sint doch rôch, ungelêrt, ungeweiht, verluocht gepaurn, wan si tuont wider die offenne lêr unsers herren Jesu Christi. Megenberg 218, 31; (
von den gottlosen:) denn es sind rohe leute.
weish. Sal. 2, 1; aber solch drewen (
des herrn) ist zu weit aus den augen, und wens ein roher mensch höret, bleibet er doch bei seiner torheit, und bey seinem jrthum.
Jes. Sir. 16, 22; junge rohe leut sollen sich allhier vor sünden zuo hüten lernen. Kirchhof
wendunm. 1, 86
Öst.; also geschicht auch manchem rohen bergkman, der in allem mutwill und lüsten dieser welt ersoffen ist, und schlegt alle straff unnd warnung aus. Mathesius
Sarepta 139
a; er ist noch ein roher mensch,
informis adhuc, impolitus et crassior est. Stieler 1620; wer sich weder necken und beleidigen zu lassen noch eine beleidigung durch den zweikampf auszutilgen lust haben kann, der thut wohl, wenn er die gelegenheit vermeidet, ... mit rohen leuten vom soldatenstande in gemeinschaft zu kommen. Knigge
umg. m. menschen 3, 131; weil der umgang mit der
[] schönen, freundlichen witwe, und ihren artigen gästen sehr viele feine, versteckte empfindungen in dem rohen sohne des gebirges gezeugt, erweckt und entwickelt hatte. Klinger 6, 218; hat man nicht von jeher die furcht roher völker vor mächtigen naturerscheinungen, und sonst unerklärlichen, ahnungsvollen ereignissen, für den keim gehalten, woraus ein höheres gefühl, eine reinere gesinnung sich stufenweise entwickeln sollte? Göthe 22, 13; laszt mich, ihr seyd widersinnige rohe leute, mit denen ich nichts gemein habe. 33, 28; die gesellschaft macht einen rohen menschen bald höflich. 38, 28;
baro. war ewer lenherr ein papist?
pastor. o nein, er war ein roher christ, besoff sich (das ichs sagen sol) und hielt sich sonst auch gar nicht wol. Ringwaldt
spec. mundi g
b; (
an die vernunft:) dein licht, der gottheit strahl, der rohen völkern schien, hiesz aus des waldes nacht sie in die städte ziehn, gab ordnung und gesetz. Lichtwer 163; es sind Araber, spricht zu Hüon sein begleiter, und aus dem wege dem rohen volke zu gehn, wo möglich, wäre wohl das beste. Wieland 22, 58; beseht die gönner in der nähe! halb sind sie kalt, halb sind sie roh. Göthe 12, 12; schwelgend bei dem siegesmahle findet sie (
Ceres) die rohe schaar. Schiller 11, 294; und rohe herden lagern sich, verwildert im langen krieg, auf dem verheerten boden.
Wallenst., prolog. substantivisch: darf euch der rohe das ins antlitz sagen!
M. Stuart 1, 4.
in neuerer zeit stellt man manchmal den rohen naturmenschen dem civilisierten als den unverbildeten, reiner menschlichkeit näheren gegenüber: diese art von menschen (
gute, redliche menschen) ist unter den unverfeinerten klassen der polizierten völker, und unter den rohen kindern der natur, die wir barbaren und wilde nennen, viel zahlreicher als man glaubt. Wieland 8, 129; stolze selbstgenügsamkeit zieht das herz des weltmanns zusammen, das in dem rohen naturmenschen noch oft sympathetisch schlägt. Schiller 10, 286.
meist aber nähert sich roh
hier der bedeutung: gefühllos, hart. als gegensatz erscheint daher feinfühlend: die nase (
einer büste des Homer) ist des feinfühlenden, keines süszzärtlichen und keines rohen. Lavater
fragm. 1, 17, 245. II@9@bb)
vom geschöpf überhaupt, auf einer niederen stufe innerer entwicklung stehend: wo das geschöpf noch stumpf und roh ist, kaum für sich zu sorgen, da ward ihm auch die sorge für seine kinder (
von der natur) nicht anvertraut Herder
zur phil. u. gesch. 3, 223. II@9@cc)
als hart, gefühllos auf anderes belebt gedachte übertragen. so nennen wir das schicksal roh;
so spricht Uhland
von rohen stürmen (
d. stelle oben unter 8).
so heiszt auch die hand, die die handlung ausführt, roh. II@9@dd) roh
von seele, herz, gemüth: diese handlung zeugt von einem rohen gemüth; und die rohen seelen zerflieszen in der menschlichkeit erstem gefühl. Schiller 11, 296; das thaten die rohen herzen, und ich sollte leben.
Wallenst. tod 4, 12.
hier ist in gleichem masz der begriff des unentwickelten der eigentliche wie bei der beziehung auf den verstand: ein gesunder, aber roher verstand. Adelung. II@9@ee)
allgemein von eigenschaften, lebensführung, gesinnungen und handlungen, die ihren träger als nicht bis zu wahrer menschlichkeit entwickelt kennzeichnen: aber ein iegeliches gedenket wol an das heilige liden unsers herren in einer verloschener blinder rower minne. J. Tauler
bei Wackernagel
leseb.5 1, 1209; ein rohes leben führen,
agere vitam depravatam Schottel 1387; rohe sitten,
mores indomiti, inculti, horridi Stieler 1620; halte masz in deinem rohen trotz, der dir nur, verblendet wie du bist, männliche stärke scheinen kann. Klinger 2, 201; Mahal .. that nun auf einmal die sehr naive oder rohe frage an seine schöne wittwe. 6, 217; in den niedern und zahlreichern klassen stellen sich uns rohe gesetzlose triebe dar. Schiller 10, 285; die frömmern schrieen von anfang über den rohen geist, der einreisze. Hauff
mem. d. sat. 34; dabei rissen sie ihre rohesten zoten. H. Heine 2, 45; wie vermag ein mann von ihren kenntnissen in so roher weise gegen seine wissenschaft untreu zu werden? Freytag
handschr. 3, 248; o herr, verzeiht den rohen grusz. Göthe 12, 127; es befehden sich im grimme die begierden — wild und roh! Schiller 11, 35;
[] des freut sich das entmenschte paar mit roher henkerslust. 11, 251; es ist der krieg ein roh, gewaltsam handwerk.
Picc. 1, 2; den übermuth des jünglings trag ich nicht, spart mir den anblick seiner rohen sitten.
M. Stuart 1, 3. II@9@ff)
freier von allem, was die innere rohheit wiederzuspiegeln scheint: ein rohes äuszere, ein rohes antlitz, rohe züge,
obgleich hier manchmal der begriff der körperlichen entwicklung hineinspielt. so von der stimme: polternd roh und widrig greinend ist abwechselnd seine stimme. H. Heine 18, 212.
mit eigenthümlicher übertragung von einem ort, wo die rohheit herrscht: siehe, du spottest über die damalige (
mittelalterliche) knechtschaft, über die rohen landsitze des adels. Herder
z. phil. u. gesch. (1827) 3, 91. II@9@gg)
von einer bethätigung des menschlichen geistes (
handwerk, kunst, wissenschaft u. s. w.),
die als solche mangelnde entwickelung oder vervollkommnung aufweist: allein, ich gestehe es selbst, dasz ... es dem rohen handwerk ganz natürlich ist, gebäude nur wie einen holzstosz übereinander zu legen. Göthe 38, 166; die kunst jenes volkes ist noch roh (
dagegen ist eine rohe zeichnung, malerei
u. s. w. —
vom einzelnen kunstwerk —
eine nicht durchgearbeitete, s. oben unter 6); auch die musik, so roh und mangelhaft sie unterm monde bleibt ... auch die musik bezähmt die leidenschaft. Wieland 9, 72.
so auch von der einzelnen derartigen handlung: die abschnitte in der geschichte blosz nach jahrhunderten zu machen, ist wol zu roh. Hugo
lit.-gesch. 69. II@9@hh)
mangelhaft entwickelt in allgemeinerem abstracten gebrauch, mit bezug auf culturentwickelung: sie (
die brüdergemeine) hatte sich nur in unbemerkten ranken durch die rohe welt hindurch gewunden. Göthe 26, 305; poesie wirkt am meisten im anfang der zustände, sie seyen nun ganz roh, halbcultivirt, oder bei abänderung einer cultur. 49, 27; und wie Brennus in der rohen zeit legt der Franke seinen ehrnen degen in die waage der gerechtigkeit. Schiller 11, 332.
wie der rohe naturmensch,
so wird auch die rohe natur
zur unverbildeten, lauteren (
vgl. oben 7): mir gefallen deine worte und dein muth: es sind kinder der rohen natur. Klinger 2, 254. ein rohes erkenntnis
als philosophischer begriff im gegensatz zum genauen: genau ist das erkenntnisz, wenn es seinem objecte angemessen ist, oder wenn in ansehung seines objects nicht der mindeste irrthum statt findet; — roh ist es, wenn irrthümer darin sein können, ohne eben der absicht hinderlich zu sein. Kant 1, 382. II@9@ii) roh
mit präpositionen zur bezeichnung dessen, das der entwickelung oder vervollkommnung bedarf: er ist noch rohe in den advocatensachen,
in causis tractandis rudis esse videtur. Stieler 1620; ein englischer sprachlehrer ..., welcher sich anheischig machte, innerhalb vier wochen einen jeden, der nicht ganz roh in sprachen sey, die englische zu lehren. Göthe 24, 194; da ... der proselyte ... so ganz roh von begriffen war, so war auch zu einer wahren umbildung des herzens ... keine zeit vorhanden. 33, 88; swaʒ ich die minnestrikke vlô, doch hânt si mich bevangen sô, daʒ ich an vröuden bin ze rô.
minnes. 2, 264
b Hagen. II@1010)
allgemein wie grob
oder derb
als gegensatz zu zart
oder fein.
so vom schall oder ton: ist es wahrscheinlich, dasz ein roher kanonenschlag dir den erfolg seiner unterhandlungen verkünde? Göthe 17, 359.
von der stimme mit verinnerlichung der beziehung H. Heine 18, 212 (
die stelle oben unter 9,
f); rohes glück
stellt J. Paul
in gegensatz zu einem zarten: oder dasz es ein so zartes überirdisches glück gibt, was wie der mondschein von jeder wolke zu dunkel wird, indesz rohes wie das tageslicht die breiteste verträgt.
Titan 3, 47. II@1111) rauh und roh.
über die allitterierende zusammenstellung beider vgl. rauh
oben sp. 271. —
ebenso wie von rauh
zu roh
tritt manchmal bedeutungsübergang von roh
zu rauh
ein: so ist rohe witterung
für rauhe witterung
nach Adelung
oberdeutscher sprachgebrauch; so rohreif
statt rauhreif: hier trinckt, hier singt nicht mehr ein singer; sein hals ist mit ihm wol zu friede, sein herr war auch zugleich ein schlinger, und er stets roh von trunck und liede. Logau 3, 238, 116. II@1212)
ausschlieszlich technische bezeichnungen, die zum gröszten theil ohne zweifel auf die unter 5
aufgeführte bedeutung zurückgehen: [] rohe schicht
nennt man es, wenn geringhaltige erze mit guten schlacken oder kiesen geschmolzen werden. mineral- u. bergwerkslex. (1743) 451
a; auf die rohe schicht es wagen
bedeutet in bergmannskreisen '
leichtsinnig sein'.
ebenda; roher flusz,
gepulverter weinstein und salpeter, unter einander gemischt und noch nicht verpufft. Jacobsson 4, 431
a; roher schlich,
klein gepochtes und reingewaschenes erz, das noch nicht geröstet ist. ebenda; roher rost,
der vom kupferschmelzen gefallene, viermal geröstete rothstein. 3, 430
a; rohe arbeit,
s. roharbeit; rohe schau,
die besichtigung des rohen, d. i. ungewalkten tuches durch geschworene schaumeister. 3, 430
b. II@1313)
das adverb begleitet der bedeutung von roh
zu folge am häufigsten verbale ausdrücke: man hatte diesen ganzen spitzbau aus tüchtigen sandquadern roh über einander gethürmt. Göthe 44, 183; ein roh gezimmerter tisch; roh behauene steine. das nenne ich roh gehandelt; ein roh gesinnter mensch; da kommt das schicksal — roh und kalt faszt es des freundes zärtliche gestalt und wirft ihn unter den hufschlag seiner pferde. Schiller
Wallenst. tod 4, 12.
in wendungen, wie etwas roh essen,
ist roh
prädicatives adjectiv (
vgl. oben unter 2). —
beim adjectiv: ich glaubte recht und tadellos zu thun, und musz hier stehen, wie ein hassenswerther, ein roh unmenschlicher. Schiller
Wallenst. tod 3, 21.
vgl. rohunschuldig.