trieb,
m. ,
vereinzelt n. (
s. u. bei C 5).
herkunft und form. nomen actionis nach der analogie der mask. i-
stämme zu treiben;
es ersetzt das ältere trift,
welches in seiner allgemeinen function im hd. schon um 1300
abgestorben ist. trieb
erscheint seit dem 13. (
s. bei C 1),
literarisch häufig seit dem 16.
jh. im hd. sprachgebiet, während im nd. drift
seinen platz behauptet hat. die ahd. composita buochi thanatribes
libellum repudii (
scheidungsbrief)
Tatian 29, 1; anagatripe
impulsu (10.
jh.)
ahd. gll. 2, 764, 7
haben vermutlich î,
wie die meisten verbalabstracta mit ga-,
vgl. mhd. getrîp.
zu dryb
bei Lexer
mhd. 2, 1516
s. oben sp. 30
bei 3 d
γ. dryff
bei Schiller-Lübben 1, 576
ist dem hd. trieb
in einem liede des Hans Sachs (22, 105
K.)
nachgebildet; beachtenswert dagegen: des wassers dryff (1476) Chr. Wierstraet,
s. u. bei A 3
d. das mnl. dreve,
nnl. dreef
ist eine vom hd. unabhängige bildung, vgl. Franck
etym. wb. 131;
dasselbe gilt von ags. drâf,
engl. drove,
s. Bosworth-Toller 209
b und suppl. 156
a.
der stammvocal ist wie bei den alten mascul. i-
stämmen ursprünglich kurz und bleibt es vielfach bis in das 16.
jh.; frühe bezeugung der dehnung in viehtriep (1483)
zs. f. gesch. d. Oberrheins 7 (1856) 301; trieb (1535)
chron. d. st. Eger 377
Gradl; ebenso durchweg bei Hans Sachs (
frühster beleg 22, 105
v. j. 1524).
vereinzelt ist mhd. trîp
und später treib,
vgl. das etwas häufigere getrîp
u. vertrîp: vrouwen lîp unt wîplich wîp besliuzet aller vrouden trîp, die menschlich herze, sin ie vlaht Frauenlob 25
Ettm.; die tummen jehen, got spræche sîner muoter wîp. valsch ist ir trîp
ebda 109;
vielleicht dazu auch: nach der natur treib Wickram
in der übertragung von Albrechts von Halberstadt
Ovid., s. u. bei A 2 b
δ; ausz treib gewiszens (1594)
aus dem Frankfurter stadtarch. bei Diefenbach-Wülcker 876;
vgl. noch: das soll auch han ein starkhen treib (:leib)
Endinger judenspiel 80
ndr.; treib und gewalt Moscherosch
Philander (1650) 1, 466;
lexikalisch: treib
und trieb,
plur. triebe Stieler (1691) 2319; trieb (
quasi treib)
cacciamento Kramer 2 (1702) 1125
a.
vereinzelt ist der plural triber (
steir.)
österr. weistümer 6, 116.
bedeutung und anwendung. die breitenentwickelung des wortes vollzieht sich im anschlusz an verschiedene bedeutungen von treiben;
an den sinnlichen bedeutungen (A)
mit ihren weiterbildungen (B, C)
haben berufs- und sondersprachen einen wichtigen anteil. die gröszte tiefenentwickelung hat trieb
als '
innere treibende kraft' (D). AA. trieb
im verbalen gebrauch, als handlung und vorgang des treibens. A@11) A@1@aa) trieb
in der viehwirtschaft, '
das treiben von vieh'
; schon früh im compositum, s. teil 11, 2, 614
bei übertrieb;
dass. v. j. 1331
bei Senckenberg
corp. iur. germ. 1, 2, 5;
vgl. auch viehtrieb
teil 12, 2, 99.
selbständig, öfter und früh gemeiner trieb: (
vereinbarung) das sye ir fyech us demselben vorwerke vor den gemeynen hirten sullen treyben ... und sullen off ihrem erbe den gemeinen treb lossen (1407)
geschichtsqu. d. grafsch. Glatz 2, 25; weliche aber ihr vich for der zeit in die gemain treiben, dieselbe, ehe und bevor die ganze dorfschaft den ersten gemainen trib mit dem halter (
hirt) machet, abweiden (
deren vieh wird gepfändet)
österr. weist. 6, 445 (
v. j. 1715); so folgt alsobald, dasz sich der ambtmann solches triebs auf fremden grundt mäszigen soll (1535)
chron. d. stadt Eger 376
Gradl; was beim ersten trieb (
austrieb) trieblaib gibt, gibtkeinen wunpfennig (1546)
württ. vierteljahrshefte 9, 227.
verschiedene wendungen: einen den trieb vergönnen, verbieten
concedere, interdire ad uno il caccio do bestiami per il suo terreno Kramer 2 (1702) 1125
a; auf den trieb mästen
heiszt solch derbes fleisch ... dem vieh anmästen, dasz es sich darin nicht verschlechtert, wenn es auch zum handel umhergetrieben wird F. W. Weber
ök. lex. (1829) 598; Diethelm empfahl ihm (
dem schäfer) ruhigen trieb zu halten Auerbach
dorfgesch. 4, 40;
noch in neuster zeit lebendig: die eigenart dieses wagenverkehrs (
in den kolonien) in verbindung mit dem triebe der groszen viehherden ... bedingt ... eigenartige polizeiliche masznahmen
handwb. d. staatswiss.2 5, 212. A@1@bb)
in der jägersprache bezeichnet trieb
das treiben des wildes, dann auch den abschnitt einer gröszeren treibjagd (
vgl. treiben,
n., sp. 76): ist aber das jagen noch zu weitläufftig, so thut man noch einen oder zwey triebe Döbel
jägerpract. (1754) 2, 80; den trieb blasen
mit dem hiefhorn das zeichen zur fortsetzung des treibens geben Adelung 4, 677; itzt sind sie im besten jagen. eher dürfen wirs nicht wagen, bis der trieb ist ganz vorbei G. Stephanie
d. j.
sämtl. singsp. (1792) 92; so folgte sich trieb auf trieb, und die jagd zog sich immer weiter Aug. Becker
des rabbi verm. 1, 2, 351; die gesellschaft ... bestieg ... die wagen, die sie nach dem revier brachten, wo der erste trieb stattfand v. Ebner-Eschenbach
ges. schr. 6, 179. A@22)
in der obd. literatursprache des 16.
jh. (
nicht bei Luther)
setzte sich trieb
in der bedeutung '
antreiben, antrieb' (
s. treiben I C)
und —
wo die wirkung nicht auf ein bestimmtes object gerichtet ist —
als '
betreiben'
durch gegen substantiviertes treiben
in gleicher bedeutung (
s. o. sp. 29
f., auch bei Luther 24, 537
W.), treibung (
sp. 96)
und getrieb (
oft bei Luther,
s. teil 4, 1, 3, 4530).
über die weiterbildung zu bedeutungen wie '
anreizende kraft', '
instinct'
s. unten D. A@2@aa)
für äuszeres antreiben vornehmlich im 16.
jh.: stimulatio stupffung, trib, reitzung Frisius 1242
b;
agitatio bewegung, trib, engstigung 69
a;
exactio operis trib, zwang, und nötigung zu wärck, so man einen redlich treybt und nötiget zu wärcken 507
b;
adactio trib oder trang Calepinus
XI ling. (1598) 32
a; doch gehört die rut, der trib, der zwang nur auff die narren, knecht, und die kinder S. Franck
sprichw. (1541) 2, 105
a; seind es gute, fromme schlechte, einfältige leute, ... so bedörffen sie dester weniger satzungen, gebott und verbott, dester minder tribs und zwangs v. Raumer
oeconomia (1567) b 1
b;
vereinzelt '
das betreiben': das ist gewisz des bösen feinds trib und anschlag, das er mit gern eine böse ehe machen ... wolte Huberinus
mancherlei form zu predigen (1557) 73
b.
von gegenständen ausgehender antrieb, anreiz: sie haben von jugend auf dem trieb äuszerlicher dinge gefolget Leibniz
dtsch. schr. 1, 424;
bei Lohenstein
zur bedeutung '
reiz'
hinüberspielend: du kennst des kaysers arth: wie vieler frauen trieb, wie mancher jahre reitz bey uns ohnmächtig blieb
Ibrahim (1680) 7; hals, brust und schoos verliert durch ehbruch allen trieb
Agrippina (1685) 34;
gelegentlich in leicht nominaler bedeutung: anreitzung, trib, stupff, gart
incitamentum; hoc maximum incitamentum laborum Frisius 673
b; (
die raketen) sind allen andern feuerwercken ein zierd und auch ein trieb Fronsperger
kriegsb. 1 (1578) 138
b; diese zänck der gelehrten sollen uns vielmehr ein trib und stimulus sein H. Röslin
prodromus (1612) 4; also seyn sie (
geld und gut) einem frommen eine reiche beyhülf und starker trieb zur tugend
Reinicke fuchs (1650) 169; zu edlen thaten fühlt er (
der unfreie) nimmer muth, ihm ist sein leben oder guth der höchste trieb zum thun und unterlassen v. Gökingk
ged. (1780) 3, 169; die kraft derselben liebe, die du (
Tell) dem knaben trugst, ward einst in dir zum triebe, dasz du den zwingherrn schlugst Uhland
ged. (1863) 395.
verinnerlicht: herr, mein lieb soll stets antreiben, dasz ich mitten in der angst mög in deinen armen bleiben ... und wie könte meine lieb unterlassen ihren trieb? (17.
jh.)
bei Fischer-Tümpel 3, 184;
instinctus divinus: der fröuden uns belonung gib, teil mit uns deiner gnaden trib (
Zürich 1560)
bei Wackernagel
kirchenlied 3, 15; dasz
s. Paulus vom heil. geist unmittelbar erleuchtet gewest, davon zeuget sein apostolischer unmittelbarer beruff, göttlicher trieb, herrliche und kräfftige amptsgaben Dannhawer
catechismusmilch (1657) 1, 32; heiliger trieb
commotio spiritus sancti interna Stieler (1691) 2319;
noch ähnlich: dergestalt, dasz sie (
propheten), wo sie den trieb des prophetischen geistes in ihren hertzen gefühlet, sodann von den andern zu keiner andern verrichtung aufgefordert worden G. Arnold
kirchenhist. (1699) 35
a; ein jeder mensch wird bey sich fühlen, dasz die neigung und der trieb des willens in seinem hertzen vorgehe Thomasius
artzenei (1696) 80; da die thiere dem triebe ihrer natürlichen neigungen folgen Chr. Wolff
gedancken (1720) 136;
sonst vereinzelt: (
die liebe) treibt mich oft zum singen an, ... und wenn ich ihrem triebe dann nicht länger widerstehen kann, so zwingt das alter mich zu — plaudern J. A. Ebert
episteln (1789) 173;
noch heute möglich: da die fremden schläfer ... durch eines willens trieb zusammengezwungen waren Kolbenheyer
Paracelsus (1926) 3, 5.
im hinblick auf ein ziel des treibens, '
anstosz zu etwas': es befinden sich in uns auch ebenmäszig flammen des göttlichen willens, so uns einen trieb zum guten geben Leibniz
dtsch. schr. 2, 35;
ohne ein bestimmtes subject, '
anlasz, ursache, zu etwas': ich gestehe gar nit, dasz meine prognostica ausz einem besondern (
ungewöhnlichen) trieb gehen. ich kan einem die ursachen für augen setzen Kepler
opera omnia 1, 526; was man aber von dem ursprung und innerlichen trieb dieser dinge (
schäden im rechtswesen) insgemein zu sagen hat, komt fürnehmlich ... auf den geitz an, welcher, wie die wurtzel alles, also auch dieses übels bey denen judiciis ist Thomasius
ernsthafte gedanken (1720) 2, 2. A@2@bb)
besonders häufig in präpos. fügung; es geschieht etwas aus, durch, nach trieb
eines menschen oder einer geistigen macht, d. h. auf anregung oder anstiften, betreiben, durch wirkung; vgl. bei treiben,
sp. 29.
noch bei Steinbach (1734): auf deinen trieb
tuo impulsu, durch fremden trieb
alieno pulsu 2, 854. A@2@b@aα)
am häufigsten aus trieb (
vgl. teil 1, 822
nr. 7): ausz deinem trib hab ichs gethan
c'est à ta sollicitation Hulsius-Ravellus (1616) 329
a; alle diejenigen, welche er hat ... zum übel verursachet, dasz sie aus seinem trieb haben auch sünde gewürcket, werden (
dem menschen)
unter augen tretten J. Böhme
schr. (1620) 4, 4; trieb
des teufels: und hat (vielleicht ausz trieb des böszen feinds ...) das elter das kleiner (
von zwei kindern) ... in ein bein gestochen Kirchhof
wendunmuth 2, 476
lit. ver.; ausz anstiftung und trieb des teuffels Prätorius
blockesberges verrichtg (1668) 97; trieb des gewissens: aber itzt ausz triebe der gewissen halb odder ausz ander redlichen sachen seind sie (
aus dem kloster) gewichen (1524) Eberlin v. Günzburg 3, 141
ndr.; der eine unter ihnen hat, ungezweifeld ausz treib gewiszens, von der kutschen entwischet (
Frankf. 1594) Diefenbach-Wülcker 876; aus trieb seines bösen gewissens G. Arnold
kirchenhist. (1699) 293
b;
anderes: mancher thut böses ausz trieb der angebornen sünden Lehman
flor. polit. (1662) 1, 116; ich hab meine liebe mutter ... offt sehr bekümmert ..., obwohl mehr ausz unverstand ... und ausz trieb der verderbten natur, alsz ausz gefasztem vorsatz Moscherosch
cura parent. 19
ndr.; noch ähnlich: die wölffe und füchse sahe ich ausz trieb des hungers umher lauffen Schottel
friedens sieg 69
ndr.; als aber dieselb (
sau) in einer scheuer über den habern kame, frasse sie ausz trieb desz hungers etwas zuviel Agyrtas
grillenvertr. (1670) 135;
erstarrt, mit gen. obj., '
um einer sache willen': (
ich habe viele bücher) nur aus trieb der delectation (
gelesen) Leibniz
deutsche schr. 1, 277.
anders ist aus einem trieb '
inneren drang',
s. u. bei D 1 a. A@2@b@bβ)
besondere berücksichtigung verlangt das schon früh belegte aus eigenem trieb:
spontalis freywillig, das ausz eygnem trib ist Calepinus
XI ling. (1598) 1375
a; ich schwöre bey der götter schar ... das ich jetzt nicht ausz eignem trib mich hinder zauberey begib, sondern die gröste not mich zwingt Spreng
Äneis 75
a;
im 18.
jh. noch ganz geläufig: aus eigenem triebe also und ganz ohn all interesse redet er so vortheilhaft von mir beim kaiser Mozart
bei Jahn
Mozart 3, 56; empfange sie um meinetwillen freundlich, bis du aus eignem trieb und überzeugung ihr wohlgefällig und nützlich sein magst Göthe IV 28, 161
W.; später seltener werdend, zu gunsten von aus eigenem antrieb.
ähnlich ist aus freiem triebe: etwan zweihundert und zwanzig blieben aus freiem triebe auf dem vorhaben, den ausfall zu tun Heilmann
peloponn. krieg (1760) 334;
gemischt: eine anzahl verwandter seelen war ja aus eigenem freien triebe vor kurzem zusammengetreten Gutzkow
ritter v. geist 1, 47. A@2@b@gγ)
durch trieb '
auf veranlassung': der sol in christenlicher lieb durch desz heiligen geistes trieb sein nechsten halten Hans Sachs 18, 47
K.; ich achte, dasz ich durch gottes trib dise reisz gethan Reiszner
Jerusalem (1565) 2, 47
a; durch trieb des kleinen knaben Cupidinis Fortuna euch mir also zugeführet hat
bei Creizenach
schausp. engl. com. 194; du darffst es offentlich gestehen und sagst, durch keines zwang und trieb ja ja, mein kind, ich hab euch lieb
Königsb. dichterkreis 11
ndr.; ohne zweifel durch eingeben und trieb desz leidigen sathans Grimmelshausen 4, 688
Keller; ähnlich noch: ich habe durch den süszen trieb der schönheit auch ein mädgen lieb Chr. Weise
überfl. ged. 43
ndr.; '
auf betreiben': Paulus offentlich überwunden ist worden als ein ketzer, ... und das durch das anhalten und ernstlichen tryeb ... Malchionis Hedio
chron. Germ. (1530) l 3
b; durch trieb und verdriesz der händelschlichter und mittelmänner umbkommen Moscherosch
Philander 1, 186; '
durch wirkung': wie das lautere gold ... der hochdeutschen sprache unsichtbarlich, durch den trieb der natur, von der zungen, sichtbarlich aber, durch den trieb der kunst, aus der feder ... so wunderbahrer weise und so reichlich entsprieszet Zesen
rosenmand (1651)
titel. A@2@b@dδ)
nach trieb: also der mensch inn mutterleib thut wassen nach der natur treib Wickram 8, 233
Bolte; (
gute christen) handlen auch sünst darbey mit irem nechsten nach der lieb, nach des heyligen geistes trieb Hans Sachs 17, 387
K.; wir haben gebraucht all creatur auff erdt zu unserm wollust nur on all gotsfurcht nach fleisches trieb 11, 441; sonst hat unser seliger uhrheber ... nach dem triebe seines gemüthsgeistes ... geschrieben
bei Lohenstein
Arminius 1, c
a. A@2@cc)
parallel mit treiben I C 4 '
heftig auf jemand einwirken, plagen, quälen'
: vexatio plag, peinigung, trib, bekümmernusz, sülchung Frisius 1373
a;
ähnlich 832
a s. v. molimen u. 909
a s. v. odium; dazu gehört das sprichwort: amantium ira amoris redintegratio est die lieb musz zanckt haben. trieb macht lieb, krieg bringt fried S. Franck
spr. (1545) 1, 7
b;
ähnlich: das lieb kommet von trieb. es musz alles erarnet werden 1, 22
b;
dieses später miszverstanden: liebe kompt vom trib Gruterus
florileg. 3 (1612)
anh. 63;
u. ö. A@33) trieb
im anschlusz an treiben
als mechanischen vorgang, in trans. wie intrans. sinne (
vgl. treiben II
u. VI,
oben sp. 31
u. 67). A@3@aa)
als mechanischer anstosz, nachdruck: propulsus trib, stosz Frisius 1077
a; der wind ... hat den ursprung, so grosse hitz die feuchte betrifft, und der hefftig starck tryb (
impetus) der hitz die versamlung ... (
des) luffts zu einem wind treibt Ryff
Vitruv (1575) 90; und würt ir (
der fliegenden schwäne) ordnung ... ie länger ie spitziger, uff daz sie ein trib von dem lufft haben v. Eppendorff
Plinius (1543) 151; gleichwie das ruder den nachen oder das fährschiff forttreibt, ... also ertheilt ihnen (
den skiläufern) dieser stab (
skistock) einen trieb und nachdruck, desto schneller fortzugleiten E. Francisci
luftkreis (1680) 836; jede bewegung, deren richtung bestimmt ist, musz den angespannten trieb früher oder später ermüden Schlegel
sämtl. werke 3, 104;
beim wasser: es seind aber etliche wasser, die sich nicht lassen ansehen, als kämen sie ausz den bergen, sonder als ob sie unden ausz dem erdtrich quellen ... und iren trib ausz dem meer haben Herr
feldbau (1551) 31
a; auff diszmal soll gnugsamm bekant sein, dasz das frey unverhindert wasser allein durch den trieb (
impetus) lauffet. der trib aber ist zweierlei (
druck und gefälle) Pantaleon
offenbarung der natur (1559) 45; '
druck, anprall': zerbrechliches glasz (
als einfassungsmauer) gegen dem gewaltsamen triebe dieser (
unterirdischen) flüsse nicht bestehen würde Lohenstein
Armin. 1, 1114
b;
so noch mundartlich: es hed ken rechta treb
das wasser hat nicht den gehörigen druck und lauf (
bei wasserleitungen) Tobler
appenzell. 152
a;
auch für die '
triebkraft'
des wassers: daher sich auch viel hammerwercke, säg- und dratmühlen seines (
des flusses) triebs bedienen J. W. Valvasor
herzogt. Crain (1689) 1, 152;
mundartlich: s wasser het trib
triebkraft Hunziker
Aargan 59. '
stosz': es habend aber die esel (
schweres geschütz) also grosze krefft, ... dasz sie alles so darunder ligt, ... von wegen desz starcken trib (
impetus) und nit des lasts, zerstören Pantaleon
offenbarung d. natur (1559) 484; sie brachten dar den wagen sein, setzten die truhen auch darein, ... lieszen dem seil neun elen lang drifach herumber seinen gang, auff dasz die truhen steiff belib und schockelt nit von starckem trib Spreng
Ilias 342
b.
ähnlich, '
ansturm': zuletst war auch der furdt des umbschweifenden bachs allenthalben voll steinen und schlipfferig, also dasz der lauff und trib (
cursus atque impetus) deren, so hinüber wölten ... gar fast verhinderet ward Pantaleon
Paulus Jovius (1560) 97. A@3@bb)
in der schiesztechnik bezeichnet man mit trieb
einerseits den schusz: damit dieselben (
böller) im augenblick desz anzünden und abgehenden triebs nit liederlich verrucken ... und so bald zurück oder beysatz in die freundt, als fürausz in die feindt ... iren trieb vollbringen Fronsperger
kriegsb. 2 (1573) 128
b;
oder die schuszkraft des pulvers bzw. einer waffe: aber von wegen seines (
des pulvers) geschwinden tribs, wann es ein wenig stercke und widersatz befindt, bricht es anderswa hinausz D. Speckle
architectura v. vestungen (1589) 72
a; und haben die armbröst ein solchen trieb, dasz sie durch ein bantzer und doppelten harnisch als durch ein weichen beltz schieszen können 3 (1573) 141
a; dieses aber soll also verstanden werden, wenn das schiff nit zu weit, sonder innerhalb des natürlichen triebs eines stücks ist de Bry
archelei (1614) 148; das gewehr hat einen guten trieb Heppe
jäger (1763) 297
b,
vgl. sp. 35
bei 5 b.
andererseits ist trieb
die schwungkraft des geschosses: wann aber der trib (
impetus) etwas nachgelassen, fallet es (
das geschosz) ehe nider sich, dieweil die lufft solliches nit so wol ertragen mag Pantaleon
offenbarg. der natur (1559) 484;
so noch in der neuzeit: durch blosze änderung der natürlichen biegung des bogens bekam der pfeil trieb genug G. Forster
sämtl. schr. 1, 349; trieb
die kraft, welche ein feuerrohr dem geschosse zu geben vermag Hoyer-Kreuter 1, 778. A@3@cc)
im sinne eines maschinellen antriebs; in verschiedener anwendung: so denn ein zänlein das ander treibt oder für sich ruckt, geben sie einen mittelmessigen trieb und bewegung
theatr. machinarum (
Lpz. 1607) 1, 37; so ist benebens auch durch eben sie (
uhrmacher) bekannt, wie durch der rädlein griff und trieb der stählnen fäder ein unbeseltes bild kan gehn Rompler v. Löwenhalt
erstes gebüsch (1647) 51; wenn durch empfangnen trieb ein reges uhrwerk geht Wieland
ges. schr. I 1, 39; (
ohne die güte) wäre die ganze gottheit eine unendliche maschine, welche ewig still stünde, weil der trieb fehlete, der sie in bewegung setzete
M. Crugot
der christ in der einsamkeit (1771) 81; ein durch trieb auf gezähnten bogen drehbarer thurm Göthe II 12, 160
W.; übertragen, mit der bedeutung '
innerer trieb'
spielend: ich soll dir, seliger, zu ehren etwas schreiben, dein werthes trauerhaus hat es mir aufgelegt; was aber für ein trieb soll meine feder treiben? v. Besser
schr. (1732) 1, 313. '
betrieb'
eines werkes: (
er soll) solch obgedacht unser bergwerk in trieb halten und nicht stecken lassen (1640)
cod. dipl. Silesiae 21, 193; (
das hammerwerk) in seinem gang und triebe erhalten Herttwig
bergbuch 202
a;
ähnlich: an der weser liegt eine mühle, die der teufel, ... gebaut und durch das felsenwasser das rad in trieb gesetzt brüder Grimm
dtsch. sagen (1891) 1, 141. A@3@dd)
nahe verwandt ist trieb
als '
treibende bewegung', '
strömung': der wind ... ist ein stracker tryb grosser schwebender versamlung des luffts (
aeris fluens unda) W. H. Ryff
Vitruv (1575) 90;
besonders vom wasser: dye zeuldner by des Rynes klyff woulden œuer ryden sonder schyff. sy quæmen in des wassers dryff: deyls moysten dayr in steruen Chr. Wierstraet
beleeg v. Nuys v. 159
Meisen; die andern all sonst mit henden und füszen sich gegen dem lauf und trieb des wassers arbeiten S. Franck
Germ. chron.; (
der) fisch und thierer anfäng und somen ... jetzt durch den gewalt der wind, bald den natürlichen trib des wassers vermischt werden (
nunc flatu nunc fluctu) v. Eppendorf
Plinius (1543) 99; welche (
städte) aber zwischen pfülen und sümpffen ligen, so kein solchen auszgang oder auszflusz haben, oder keinen tryb flieszender wasser (
exitus profluentes neque per flumina neque per fossas), ... das gibt vast schedlichen gifftigen bösen dampff G. H. Ryff
Vitruv (1575) 72; wenn das wasser grosz und in starkem trieb sei (
Frankf. 1599) Diefenbach-Wülcker 876; das schiff geht still im triebe, es trägt ein teure last (
Straszb. 1626) Wackernagel
kirchenlied 2, 303; wann er (
der schiffsmann) dem port nahe kommt, wickelt er die segel zusammen und lauffet mit sachtem trieb, bisz er anlandet v. Hohberg
georg. cur. 1 (1682) 174; es war ein ganz früher morgen gewesen, ... wann am erwachenden flusse der trieb des wassers ... zu hören (
ist) H. Grimm
volk ohne raum 1, 126;
mundartlich: trib
das treibende wasser, die strömung (
Straszb.) Martin-Lienhart 2, 965;
auch sonst: am meisten schinen sie (
dicke leute) sich auf den zufall und den trieb eines gedränges zu verlassen, wohin sie gerathen würden Dusch
verm. schr. (1758) 160;
abstract: nach dem alten trib und lauff der welt C. Huberinus
postilla teutsch (1552) 1, 92
b; so erweiterte sich dein blick im freien triebe des lebens
Athenäum 3, 53. A@44) trieb
im sinne eines organischen treibens; vgl. treiben II B 5
und C 2, 3. A@4@aa)
im botanischen bereich, '
das ausschlagen, der sommerwuchs' (
vgl. bei treiben,
oben sp. 41
u. 70): (
durch das ausbrechen der knospen) werden auch solche (
unfruchtbare äste) von ihrem trieb zuruck gehalten Hohberg
georgica cur. 3 (1715) 327
a; auch genieszbare äpfel von einem zweiten triebe, die wir jetzt haben, dessen erinnert sich niemand Lichtenberg
briefe 1, 333; der mächtige trieb dieses frühjahrs liesz ihn (
den roggen) nicht zur bestaudung kommen Thaer
gesch. m. wirthschaft (1815) 117; wie eine knospe, die durch zu starken trieb in sich selbst vergeht, ehe sie sich aufschlieszt Schleiermacher
weihnachtsfeier 14.
im bilde: die gottheit ist mein safft; was ausz mir grünt und blüht, dasz ist sein heilger geist durch den der trieb geschieht (1675) Silesius
cherub. wand. 22
ndr.; er schien am zweiten tag (
nach der hochzeit) von hohem muth und schritt einher gerader als ein bolz. zu schwellen es war der letzte trieb von einem dürren holz Wieland
sämtl. w. (1794) 22, 268;
allgemeiner als '
das wachstum'
in der wendung im triebe stehen (
vgl. in blüte,
d. h. im zustand des blühens, stehen): wenn ich aus meinem fenster meiner obersten etage auf einen tief darunter stehenden baum hinabsehe, so unterscheide ich gewisz sehr richtig an der belaubung des wipfels, ob der baum in gesundem starkem trieb stehe Göthe
gespräche 2, 18
Biedermann; ähnlich als bild bei Ranke: eine epoche ..., in welcher die religiös-politische lebensthätigkeit der deutschen nation in ihren kraftvollsten und productivsten trieben stand
sämtl. w. 1, 5,
ebenso 3, 76.
vom '
frühlingswachstum'
zur bedeutung '
sprosz' (
s. unten 444)
überleitend: in dem thiergarten ist auch das gehöltze mit abholtzung zu verschonen, ... weil das wildpret von jungem triebe und sommerlatten nichts wiederum aufkommen lässet
allg. ök. lex. (1731) 2439. A@4@bb)
literarisch findet sich oft vermischung der wachstumsvorstellung mit der des inneren antriebs in lebenden wesen. so der trieb
als das drängen, das fördern von innen heraus: ein wachsbar ding, so fern es nur ein gewächs sein und bleiben soll, ... nichts anders als einen vor sich ausz innerlichem trieb zunehmlichen blossen cörper auszträgt E. Weigel
moralweiszheit (1674) 135; eignen platz soll er finden (
der baum), damit er durch eignen trieb wurzelaus in die höhe steige und eine blühende krone treibe (1785) Herder 13, 322
S.; wie sie (
die natur) dort mit unwiderstehlichem trieb und kräftiger anstrengung die blumen bildet und zu den werken der liebe rüstet Göthe II 6, 27
W.; trieb
als '
treibende kraft': verflächung (
im wuchs eines baumes) deutet immer auf einen mächtigen, ja gewaltigen trieb, der zum ende der vegetation, zur entwicklung aller möglicher gemmen hinstrebt Göthe III 4, 123
W.; in einer einzgen schwülen nacht zerbricht der mächtge trieb im korn sein schmal gehäuse Müllner
dram. w. (1828) 3, 29. A@55) trieb
als '
flöszung von holz' (
vgl. oben sp. 39
bei 2 b): der holzflosz selbst wurde bis nach Wetsheim von den flöszern, von dort aus aber der weitere trieb von der siederschaft auf eigene kosten besorgt
wirtemb. Franken 8, 464. A@66)
einmalige förderung im bergwerk (
vgl. oben sp. 76 treiben,
n., 2): der dampfgöpel ... macht bei 21¼ ltr. schachtteufe in 9 arbeitsstunden ... nur 400 triebe mit einem 2 tonnen gefäsz
jahrb. d. schles. vereins f. berg- u. hüttenwesen 2 (1860)
beil. 28
b. A@77)
mundartlich ist trieb,
nach treiben II C 2 a (
sp. 43)
das aufgehen, schwellen des backteigs: s' proat hat an guotn trîb Lexer
kärnt. 68. A@88) trieb
abstract als '
das tun',
im sinne von treiben IV (
oben sp. 54),
vornehmlich im 16.
jh. in der formel seinen trieb führen
oder haben: dann hernach folgen ausz andern dem arzt, so sie zerrissen kleider haben, und der seckel zu einer reuttern und sib worden ist, die wöllen auch also ihren trib füren Paracelsus
chirurg. bücher (1618) 332
H.; in arbeit hab sein trib ein jeder in dem handel sein Hans Sachs 21, 142
K.; hassen und auch hertzenlieb, jedes hat seiner zeit sein trieb 19, 382; auch rauber, mörder und die dieb haben wider das glück iren trieb 12, 225;
anders angewandt: die listigen dieb tückischer weis durch nächtlich trieb ... auch von der reichen hauffen scharren 9, 147;
in der alten formel noch bis ins 17.
jh.: er heist Saturus, sprach das weib, in diser stat hat er sein trib Thurneysser
Archidoxa f 4
a; nun haben sie (
die kath. lehrer) aber iren trib bei allen propheten, aposteln, evangelisten und bei Christo, baids im werck und der lehr Nas
nasenesel (1571) 88
b; lieben herren, wie so sehr habet ihr das eitel lieb! und wie gerne haben auch lügen bei euch ihren trieb! (1654) Logau 434
Eitner; singulär in der neuzeit: die in der zeit hochmütgem trieb und trachten die heilge flamme treu in sich bewachten Eichendorff
sämtl. w. (1864) 1, 306; ich fühl mich so befreiet von eitlem trieb und streit 1, 514. A@99)
mundartlich in ganz Süddeutschland verbreitet ist jemand oder etwas im trieb haben, in verschiedener bedeutung: man sagt er hat sie im trieb,
wenn die rede von einem liebhaber ist, der seine geliebte öfters besuchet (
Pfalz) Klein
dtsch. provinzialwb. (1792) 2, 196; eine im trieb haben
liebesverhältnis (
zu trieb
als jagdausdruck, s. o. 1 b,
gestellt) Fischer
schwäb. 2, 376. etwas im trib haben
ihm nachjagen Schmeller-Fr. 1, 641;
ebenso bei Knothe
nordböhm. 187
und Schöpf
tirol. 756;
einer sache nachjagen, etwas beabsichtigen Martin-Lienhart 2, 737
b;
ebenso: etwas im schilde führen (
Straszburg)
zs. f. deutsche philologie 29, 266;
anders im schweizerischen: der landwirt musz land und waren im triib haa,
d. h. sich drum kümmern Friedli
Bärndütsch 6, 219; er hets im trib
im betrieb Hunziker
Aaargau 59;
dazu: ebbs im dribb han
etwas angefangenes fortsetzen Ch. Schmidt
Straszburg. 28. BB.
aus verbaler anwendung erwachsen bedeutungen der rechtssprache. B@11)
aus der bedeutung '
austreiben des viehs auf die weide' (
s. oben A 1 a)
ist entwickelt trieb
als '
weiderecht' (
vgl. auch trift 3 a,
und weide,
teil 14, 1, 551
f., ferner unten 3 trieb und tratt);
früh in zusammensetzungen belegt: uns und unsern nachkomen fürbehalten (
wir) den viehtriep und weidegangk nach sant Michels tag bitz sant Jorgen tag ungevärlich (1483)
zs. f. gesch. d. Oberrheins 7 (1856) 301; schaftrieb (
oberfränk. 1458,
nied.-öst. 1494)
s. Lexer
mhd. 2, 636;
als simplex: das ain veld ... ist der Bentzenzymmer aigen waid, und der trib bys auf den Fachsenberg; vom Fachsenberg treybt man herumb für desz Mairs holtz (
usw.)
württ. ländl. rechtsqu. 1, 164 (
v. j. 1484); (
sie sollen) mit vorgemeldter anzall viehs auf die zweyteil desselben Lintachs (
ein holz) ... iren trib und blumbsuch haben (1493)
monum. Boica 9, 306; das soliche wissen (
wiese) ewiglichen bey ainer gemeind pleyb und die gemeind iren ewigen trybe mit iren kuen ze seiner zytt vorbehalden (1500)
monum. Boica 47, 689; ain span ... von ains tribs wegen in dasz wiszmad Heuchelbuchel genant (1531) Knebel
chron. v. Kaisheim 261; die angezogene dörffer (
haben) eine alte triebgerechtigkeit in den marggräff. wald ..., müszen auch vor solchen habenden trieb ihre jährl. beschwärdt den marggräff. geben (1535)
chron. d. stadt Eger 377
Gradl. B@22) '
wegerecht' (
vgl. auch 1treib,
oben sp. 1,
und weg,
teil 13, 2857): der trib ist ain gerechtigkait, das ainer auff dem treibweg geen, reiten, faren, auch sein viech treiben mag Pegius
dienstbark. (1558) 72
b.
s. auch das folgende. B@33)
trieb und tratt. diese formel war früher im schwäb. und alem. für gewisse bäuerliche rechte häufig; nach einer alten erklärung bezeichnete sie das weg- und weiderecht: trib ist, da ainer zutreiben, aber nit zuwaiden gewalt, tratt und trib zusamen ist, da ainer zutreiben und zuwaiden fug und macht hat (
ende d. 16.
jh.)
württ. vierteljahrsh. f. landesgesch., n. f. 23 (1914) 337;
anders erklärt Buck: unter trieb verstand man den gemeinen waidgang in das holz, unter tratt den gemeinen waidgang in die brache
mitt. d. vereins. f. gesch. in Hohenzollern 7, 31.
die belege lassen eine eindeutig differenzierende erklärung nicht zu: (
ein bach bildet die) scheide von trieb und tratt zwischen Rüttlingen und Dyetelhofen (1431,
regest)
fürstenb. urkb. 6, 191;
meist in aufzählungen von rechten: darzu (
verkaufe ich) den hof daselbs mit husern, schuren, ... wunn und weiden, trib und tratt, wasser wasserflüssen H. Geszler
rethoric u. briefformulary (1498) c 5
a; ain brief ... dasz dise guter frey, ledig und unbekumert von yederman solt (!) sein, weder mit trib noch tratt ymands kain recht da nit sollen noch mugen haben (1531) Knebel
chron. v. Kaisheim 261; wir (
haben) zuo denen von Roschach dhain gerechtigkait in trib und trat, wunn und waid (
St. Gallen, 1535)
bei Staub-Tobler 6, 232; was die gemeinwasser anlangt, sollen allein diese zu fischen macht haben, die daselbst neben andern weid, trieb und trat haben Hohberg
georg. cur. (1682) 2, 468;
lexikalisch: viehtrifft, hut und trifft, trieb und trat
das recht, sein vieh auf einem boden zu weiden allg. öc. lex. (1731) 2506;
urkundlich noch 1779: zu erb- und schupflehen besitzen mit denen dazu gehörigen gerichten, zwing und bännen, trieb und tratt, wun und waid, fischenz, frohnen und diensten
stadtr. v. Überlingen 687;
zuweilen reimend trieb und trab: als wît die allment und gueter zuo B. begriffend in holz und feld, hat nieman ... waeder holtz noch weidrecht, trib noch trap zuo inen hinein
weist. 4, 321; (
man musz die kleinbauern) bschützen und schirmen und mit trib und trab und holz fürsehen (1521) Schade
sat. u. pasqu. 2, 149. B@44)
das recht, einen stollen zu graben: wir wollen auch, das niemant kein trib uf denselben pergh, noch uf allen den pergen, die zue Sulzbach gehörent, do man perghwerghk wurgkht, ... hab, er sitze dan heuslich in unser state zu Sulzbach (1394) Lori
baier. bergrecht xx (
zur erklärung vgl. eine ähnliche bestimmung ebda 351
b). CC.
aus der verbalen anwendung erwachsene concretisierungen. C@11)
alt ist die entwicklung von der bedeutung '
viehtrieb'
zu jener des '
landes, auf das das vieh getrieben wird',
des '
weidelandes': silva ... cum adiacente terra, quae vocatur trib (1208)
bei Neugart
cod. dipl. Alem. 2 (1795) 128; wer aber nit aigen trib und grund hat, dem soll solch viech (
schweine) auf ander leut schaden ze treiben und ze halten gar nit gestattet werden (
hs. von 1585)
österr. weist. 1, 157; wann ain gericht und nachbawrschafft die andern in den tälern, alben oder andern gemainden triben ... mit ihrem vichtrib überfaren
tirol. landordnung von 1603
bei Schöpf 756; ein jeder warte (
mit dem viehtrieb), bisz die velder gahr lär und der arm so wol als der reich mit seinen viech des tribs genieszen mög. wellicher aber triber betretten, der soll mit dem vüch ... von dem richter gepfendt ... werden (
steir., 1603)
österr. weistümer 6, 116; wann bey der melkerey etwan des viehes viel und die waid schmal wäre, solle der beste trieb und waidgang dem kühevieh gelassen ... werden Hohberg
georgica cur. 3, 239
a; in hellen haufen begleitete man die herde nach dem trieb, wo die stiere um den besitz der alleinherrschaft zu kämpfen hatten (
Gieszen) C. Vogt
aus m. leben 27; Medard hatte seinen sämtlichen schafen schellen umgehängt, und es ging nun auf den trieb ins hohe waldgebirge Auerbach
dorfgesch. (1884) 4, 21;
verzeichnet auch bei Crecelius
Oberhess. 296;
als flurname; der trieb
nicht verteilter, gemeiner grund Buck
obd. flurnamenb. 281;
a. d. j. 1682
belegt als bezeichnung für eine gröszere ackerfläche, s. Unger-Khull
steir. 172. C@22) trieb
der weg, auf dem das vieh getrieben wird: (
dasz) das zäubereywerck begraben worden sey in der gemeinen strassen, darüber das vieh an die weide getrieben wardt, hat der aussgang hernach bewisen, als die zäuberey aussgegraben und hinweg bracht, und der trieb verändert worden Nigrinus
von zäuberern (1592) 84; doch soll kain zaun, der von alters her nit gewesen ist und das vich an dem trib, auch an den farwegen verhindern, irren oder umbweisen thet, gemacht werden (
hs. v. 1555)
österr. weist. 3, 141; und wirt nemlich ein fuszpfad geachtet, darauff einer für sich selb gehn odder reiten, aber kein vieh treiben mag, ein trib, darauff einer gehen, reiten, faren, auch sein vieh treiben mag
statutenbuch (
Frankf. 1572) 113
a; es ist aber nichts verricht worden, als dasz ein trieb verordnet ward, wo die von Prauschdorf mit ihren schafen auf die heide kommen möchten (1601) v. Schweinichen
denkwürd. 530; von dem erbherrn das auenrecht bisz an den trieb und fahrweg übergeben Schottel
de singularibus iuribus (1671) 331; die gemeindeordnung von Eichenau (1696) unterscheidet von überfahrtswegen fuhrwege, dungwege, viehtrieb und trieb für das schmalvieh
württ. vierteljahrsh. 9 (1886) 133;
mundartl. noch in Hessen: der drib Crecelius
oberhess. 296; der trip Vilmar
Kurhessen 417;
mittelbairisch (
mündl.) der trieb. C@33)
der geländeabschnitt, auf dem bei einer treibjagd das treiben geschieht, vgl. oben A 1 b: soll keiner bey straff desz strohwisches in dem trieb schieszen (1718) v. Moser
forstarch. 1, 295; die sauen aber, welche sich im trieb verbellen lieszen, wurden im innern desselben durch dorthin verbrachte hatzhunde angehetzt und gefangen v. Wagner
in Germania 29 (1884) 115. C@44) trieb,
von tieren, was getrieben wird, die herde (
vgl. trift 3 d): darzu (
an das kloster gegeben) einen groszen holzhouw, besonders von eichinem holz, und einen järlichen trib einer anzal schweinen J. von Watt
dt. hist. schr. 1, 181;
armenta bovum ein hauffen ochsen, ein tribe rinder oder küyen Frisius 163
a; ein trieb viehe, ein trieb ochsen Kramer 2 (1702) 1125
a.
in der neuzeit mundartlich im Erzgebirge, s. Müller-Fraureuth 1, 249; trieb ochsen, gänse
mittelbair., umgangssprache (
mündl.);
ebenso bei Lexer
kärnt. 68;
alem. vgl. tribede, tribete
in gleicher bedeutung bei Seiler
Basel 84
b; Martin-Lienhart 2, 739;
für das schwäb. zeugen literarische belege: nächt ist in unsern trieb der gleiszend wolf gefallen, er nahm so viel ihm lieb Uhland
ged. (1863) 369;
übertragen: bringst ja rekruten mit einen ganzen trieb Schiller 2, 78
G.; schnell um ihn her der helden trieb 1, 346;
ebenso: dort war in der weinstube ein ganzer trieb Bündischer, Augsburger, Nürnberger, Ulmer, alle mögliche städtler Hauff
sämtl. w. (1890) 1, 218;
im vergleich: und nun mit lehrer Rölke ... setzte sich die schar von neuem in bewegung ... und drückte scheuend bei weit aufgerissenen augen wie ein trieb tiere sich an der leiche vorbei Hans Grimm
volk ohne raum 1, 69.
ähnlich, doch von intransitiver bedeutungsbasis aus: ein tüchtiger trieb eisschollen Riehl
culturhist. nov. 381. C@55)
in der mechanik ist trieb
als sachbezeichnung ein kleines triebrad aus zwei am rande durch stäbe (
s. triebstecken)
verbundenen scheiben, in groszen und kleinen räderwerken; schon frühzeitig belegt: item vor scheiben zu den treben zu der radestobe (
radstube in der mühle) 5
gr. (1432)
cod. dipl. Lusatiae sup. 2, 352; ain ... grosz ziehwerk ... mit seinen ibersetzten redern und triben (1592)
bei Fischer
schwäb. 2, 376; das grosze wasserradt, an welches welbaum ist ein zahn- oder kampradt, dessen zähn lassen sich in ein kamp oder trieb
theatr. machinarum (1610) 2, 27; lasz dir den drechsler ein holtz drehen, wie die triebe in den höltzern seigern oder in den mühlen sind Grüwel
bienenkunst (1719) 253; (
zwei wellbäume) deren jeder zwo rollen hat, die die figur eines triebs von einer uhr haben v. Uffenbach
merkw. reisen (1753) 1, 215;
etwas anders, als neutrum: bei zwei auf einer axe befestigten, verschieden groszen zahnrädern wird meist, besonders in der uhrmacherei, das kleinere zahnrad das trieb, das gröszere schlechtweg das rad genannt Lueger 7, 721; nach dem schneiden wird das trieb gehärtet Karmarsch-Heeren 9, 795.
in der function einer stellschraube: in diesem cylinder aber ist ein embolus, wie in einer luftpumpe verborgen, den man durch einen sogenannten trillis oder trieb hoch und niedrig stellen kan v. Uffenbach
merkw. reisen (1753) 1, 215; (
man vergröszert) den cameraauszug und stellt hierauf wieder mittels des triebes scharf ein Muspratt
chemie 7, 126. C@66) trieb
das durch das treiben von gewächsen hervorgebrachte, der sprosz, schosz (
vgl. oben A 4): trieb
surculus, hat bei holzgewächsen die bedeutung der jüngsten, erst im jahre hervorgebrochenen zweige Behlen
forst- u. jagdkde 6, 90;
zur abgrenzung gegen sprosz: wir brauchen hier den allgemeiner angewendeten ausdruck trieb, während namentlich in neuerer zeit die wissenschaft lieber sprosz sagt Rossmässler
der wald3 64;
die einbürgerung von trieb
beginnt erst im späteren 18.
jh.: die weiblichen (
blüten der eiche) sind rothe knöpfchen an den jungen trieben v. Burgsdorf
forsthandb. (1788) 127; es waren junge stämmchen, die ich rettete, ... ohne zweifel werden sie auch dieses jahr sich durch neue triebe wieder dankbar hervorthun Göthe 20, 31
W.; fort und fort wächst auf diese weise das moos vor unsern augen, alljährlich trieb auf trieb nach oben ansetzend, nach unten zu verwesend oder verkohlend Allmers
marschenb. 77;
gern dichterisch: zur zeit, da unterm schnee der steppe sacht des frühlings erste triebe schon sich rühren Geibel
ges. w. (1893) 2, 276; rings blüthen nur und triebe und halme von segen schwer Fontane
ged. 3; mit macht schwollen die triebe und knospen W. v. Polenz
Grabenhäger 2, 116; diese anmuthigen gebilde, die vielleicht der letzte grüne trieb waren am absterbenden stamm der kunst Justi
Winckelmann 2, 1, 197;
auch in mundarten eingedrungen: '
eine rebe, rose ... hat im frühjahr viele junge, neue, frische triebe' Fischer
schwäb. 2, 376; drîf
schöszling, scheint nachbildung des hd. Damköhler
Nordharz. (1927) 46
a. C@77) trieb
die hefe, die den teig treibt; in ganz Oberdeutschland, s. Schmeller-Fr. 1, 644; Schöpf 756;
beschr. d. oberamts Reutlingen 1, 119; Staub-Tobler 2, 864;
für Rastatt bei Kretschmer
wortgeogr. 106; Schön
Saarbrück. 211
a. C@88) trieb '
dung',
d. i. der das wachstum, das treiben befördert; schwäbisch, s. beschr. d. oberamts Reutlingen 1, 119. C@99) trieb
eine abführende droge, '
ammon. carbonicum' Arends
arzneimittel, drogen (1930) 266. C@1010) trieb
eine art fischnetz, erwähnt in steir. fischm.-instr. von 1626
und 1738,
s. Unger-Khull 172.
identisch mit triebbere,
m., s. d. und die erklärung daselbst; auch im Bodensee sind mehrere solche primitive netze üblich, welche dort triebe oder fangnetze genannt werden A. Seligo
d. fanggeräte d. deutschen binnenfischerei 87. C@1111) trieb
le tourniquet, d. i. beweglicher zeiger über einem mit nummern beschriebenen ... brette, womit man ehmals zu spielen pflegte. wem der zeiger nach dem umtreiben, umdrehen, über einer höheren zahl stehen blieb, der hatte gewonnen Schmeller-Fr. 1, 641.
vgl. triebspiel,
sp. 462. DD.
aus '
antreiben, antrieb' (
oben A 2)
entwickelt sich die geläufigste bedeutung '
innere treibende kraft'. D@11) trieb
als '
innerer drang, lust, energie'.
nur im singular, häufig mit unbestimmtem artikel und attributen wie innerlich, natürlich
u. ä. heute sagt man im allgemeinen eher drang
oder lust.
vgl. bei treiben I C 3
besonders d
γ und c
β.
in dieser bedeutung auch in mundarten, s. unter driəf Woeste
westf. (1930) 57
b; drevv Hönig
Köln. 37
a; drēp Hofmann
niederhess. 241; dreff Bruns
prov. Sachsen 15
b; drīb, trīb Fischer
schwäb. 2, 376,
vgl. unten bei 2;
verschiedentlich ist dabei schriftsprachliche herkunft erkennbar, vgl.: der trieb
der animalien, die neigung, der hang wird bei uns trīb
ausgesprochen (
sonst trib, treb) Tobler
appenzell. 152
a. D@1@aa)
eine nicht genau definierbare innere kraft macht sich fühlbar und übt eine bestimmte wirkung aus; zumeist spontan: ein verborgener trieb entzündet mich, das musz ich gestehen, und ein innerlicher zug heiszet mich lieben Ziegler
Banise (1689) 488; bei denen armen ist die natur der beste artzt, und der innerliche trieb und verlangen schreibet ihnen die besten recepte vor Lolivetta
das teutsche gespenst (1684) 246; ein mir selbst unbegreiflicher trieb nöthiget mich, keinem andern gesetze ... zu gehorchen Weiskern
in sammlg v. schauspielen 1 (1764) 19; voll unwiderstehlichen triebes reden sie (
die propheten) also, oft wider ihren willen Herder 12, 43
S.; vielfach bei Göthe: da ich mich (
bei abfassung des Götz), ohne plan und entwurf, blosz der einbildungskraft und einem innern trieb überliesz, so war ich von vorn herein ziemlich bei der klinge geblieben 28, 199
W.; der echte gesetzgebende künstler strebt nach kunstwahrheit, der gesetzlose, der einem blinden trieb folgt, nach naturwirklichkeit 47, 23;
wie '
wunsch': in meinem letzten briefe wollt ich ihnen schon antragen mir aufs frühjahr bis Mayland entgegen zu kommen. desto besser dasz es ihr eigner trieb ist (1787) IV 8, 256;
wie '
lust': gewisz ist in Rom alles zu studiren, wer sinn und trieb hätte IV 8, 142; der not gehorchend, nicht dem eignen trieb, tret ich ... heraus zu euch Schiller 14, 15
G.; später meist besonders erläutert: er folgte mehr einem trieb, von dem er sich keine rechenschaft geben konnte Justi
Winckelmann 1, 186; (
es scheint) als sollte ihr leidenschaftliches wesen das unglück nach sich ziehen, das blinder trieb mit sich führt Gervinus
gesch. d. dt. dichtg.5 5, 14; untätig bin ich hier, ein nichtger träumer, nach schönen fernen lockt mich dunkler trieb Bauernfeld
ges. schr. 5, 24; er fühlte: ein trieb muszte da gewesen sein, ein zwang und drang, ... um einen mann wie ihn zu dem unmöglichen zu bewegen H. Hesse
Klingsors letzter sommer (1921) 53. ein trieb
als individuelle naturveranlagung, natürliche neigung: es hatte so wol sein natürlicher trieb, als seine biszherige verwaltungen ihn mehr zu schlichtung der rechtshändel, als schlachtordnungen zu stellen geschickt gemacht Lohenstein
Arminius 1, 43
b; (
warum) sich fast jedermann untersteht zu curiren ...? ich bin der gäntzlichen meynung, dasz dieses erstlich aus einem trieb der natur herrühre Ettner v. Eiteritz
med. maulaffe (1719) 985; ein löw in der fabel ist von einem löwen in der natur nicht anderst unterschieden, als dasz er nun mit überlegung thut, was er sonst nach dem blinden triebe der natur thun würde Breitinger
crit. dichtkunst (1740) 1, 212; der trieb, den gott in jedem schuf, ist sein natürlicher beruf Lichtwer
äsopische fabeln (1748) 84; der wolf ändert das haar, aber nicht den trieb Düringsfeld
sprichw. 1, 47
b;
mit attributiver bestimmung: nur ein gewisser philosophischer trieb ist mir in meinem wesen nicht lieb Tieck
schr. (1828) 2, 346; ich hatte bis dahin, obwohl mein zeichnerischer trieb zu keiner zeit müszig geblieben war, einer methodischen anleitung gänzlich entbehrt Mörike
Nolten (1893) 1, 22.
etwas tun aus einem trieb,
d. h. inneren drang, anschlieszend an aus trieb '
auf veranlassung'
jemandes, und aus eigenem trieb (
s. oben A 2 b
α und β);
meist mit näherer bezeichnung: so der herr ein solcher ist, wie er offentlich schreibet, so mag er wol prüfen an wen er glaubet, oder aus was vor einem geiste und triebe er lehret und prediget A. v. Franckenberg
v. d. rechten kirchengehen (1667) 67; (
Lohenstein) gleichsam aus einem poetischen triebe gewahrsaget hat, dasz derselbe (
könig Joseph) ... kayser Carl
V. fuszstapffen betreten ... würde
bei Lohenstein
Arminius 1, d 2
b; ich liebte dich sonst auch, doch mehr aus blindem triebe. jetzt, vater, seh ich erst, warum ich dich so liebe J. E. Schlegel
werke 4, 75; da die menschen sich aus einem unwillkührlichen triebe den bewegungen der natur überlassen
anmuth. gelehrsamk. 9, 374
Gottsched; (
sie) floh aus rauhem wilden triebe, nicht aus tugend alle liebe, ihre freude war die jagd Göthe 37, 14
W. D@1@bb) trieb
als '
drang'
mit bezeichnung eines zieles, einer richtung des handelns. das übliche ist trieb zu etwas: (
kinder) wolten übers meer, das globt land zu gwinnen, und hetten dazu ein solchen lust und trib, das sie niemand abwendig machen ... mocht S. Franck
chron. Germ. (1538) 283
a; ich hatt altzeit ein drib in mir, mich in allem, was eim medico von nöten zewissen ... zelernen
F. Platter 331
Boos; niemand ist wol dermaszen hölzern ... dasz sich nicht ein natürlicher trieb bey ihm finden solte, allerhand zu wissen Stieler
zeitungs lust (1697) 1; ich habe getan, was meine pflicht erfodert, und worzu mich der innerliche trieb in dero diensten zu sterben, anführet Ziegler
Banise (1700) 195; in währendem disem trieb, oder so zu reden begird, wegzuweichen, werden die an der sonnen oder dem liecht stehende runde himmelskügelein gestossen Scheuchzer
physica (1711) 1, 97; brennt nicht in seinen sinnen ein reger trieb, den ruhm der weisheit zu gewinnen? Gottsched
neueste ged. (1750) 2; hier folgt ein jeder dem triebe seines herzens, sich freimüthig mitzutheilen Knigge
umgang m. menschen (1796) 1, 90; er suchte mich auf, und ich fühlte sogleich trieb und bedürfnis, mich ihm anzuschlieszen Göthe 29, 167
W.; auf philosophische weise erleuchtet und gefördert zu werden, hatten wir keinen trieb noch hang 28, 68
W.; ich wuszte nicht, ob ich mich der lust zu lachen oder dem trieb zur verachtung hingeben sollte 33, 9
W.; es lag in Sulzer der trieb, alles strebende zu fördern Justi
Winckelmann 2, 2, 302; die römische curie aber ist eine unabhängige politische macht, zu deren unabänderlichen eigenschaften derselbe trieb zum umsichgreifen gehört, der unsern französischen nachbarn innewohnt Bismarck
ged. u. erinn. 2, 136.
jünger und seltener trieb nach etwas,
wie bei verlangen, streben: wenn gott in seiner rechten alle wahrheit, und in seiner linken den einzigen, immer regen trieb nach wahrheit ... verschlossen hielte Lessing 13, 24
L.-M.; der mensch, ... vom ewigen triebe nach thätigkeit gequält, dürstet nach bessern auserlesenern vergnügungen Schiller 3, 523
G.; der trieb unserer zeit nach constitutionalismus Gutzkow
ges. w. 8, 55.
vereinzelt trieb
nach einem bestimmten ort: der herzog hatte einen unüberwindlichen trieb nach Dessau Göthe IV 6, 353
W.; der lebhafte trieb nach Amerika im anfange des achtzehnten jahrhunderts war grosz I 24, 120
W.; trieb nach Berlin empfinde ich gar keinen J. Grimm
in briefw. zwischen J. u. W. Grimm, Dahlmann u. Gervinus 1, 399. D@1@cc)
während vom zielmäszig bestimmten trieb
die entwickelung zu '
instinct' (2)
weitergeht, gewinnt das absolute trieb
die bedeutung '
eifer, energie, kraftvolles temperament': sollen beide obgemelt magistri ... mit allem vleisz dahin trachten, das die jugend ... in der grammatik auch baider lateinischer und griechischer sprachen underricht, und inen empsiger ernst und vleisziger trib ingebildet (
wird)
urk. zur gesch. d. univ. Tübingen 233,
v. j. 1544;
ähnlich: der ernst und trib deines emsigen studierens, vorbelibter son, möcht wol gäntzlich erheischen ... Fischart
Garg. 332
ndr.; anders: der innere trieb der raschmacher und wollkämmer bricht hier oft in erbauungsstunden und weissagungen aus Nicolai
Seb. Nothanker 2, 77;
meist in wendungen wie es ist trieb
oder kein trieb in einem: es ist kein trib in ihm
nullo urgetur bonae laudis stimulo Weismann
lex. bipart. (1698) 379
b; die meisten (
Griechen) lernen das altgriechische sehr emsig. es ist überhaupt ein wundersamer trieb in dieser nation Göthe IV 29, 22
W.; graf Keller, von geburt kein Hesse, ein schon bejahrter und gutherziger, zuweilen eigensinniger, auffahrender mann, dem der recht hessische trieb fehlte J. Grimm
kl. schrift. 1, 13; grosz war er (
Kraus) vor allem in dem feuer, das er auf diejenigen seiner schüler übertrug, in denen er trieb und anlage wahrnahm Fr. Meinecke
v. Boyen 1, 26; es bleibt bei der reise, ob ich es zwar nicht ehr glauben werde, bis ich es sehe, und auch dann nicht recht, so wenig trieb ist in mir Caroline 2, 60
Waitz. etwas tun mit trieb (
meist mit attribut),
d. h. mit innerer anteilnahme, mit eifer: so lang er konte noch gebahnten hufschlag sehen und vorgezeigter spuhr mit strengem trieb nachspehen, so lang war er vergnügt v. Hohberg
habsburg. Ottobert (1664) B b 5
a; und dein geschlecht, die pfänder deiner liebe, verehren dich mit neuem triebe Gottsched
ged. (1751) 1, 327;
auch 311; es opfert heut mit frohem triebe, ... wer dich (
den bürgermeister) verehrt und Hamburg liebt Giseke
poet. w. (1767) 140; man glaubt nicht, wie viel todtes und tödtendes in den wissenschaften ist, bis man mit ernst und trieb selbst hineinkommt Göthe IV 13, 18
W.; wir sind die alten noch, die sich vor euch mit warmem trieb und eifer ausgebildet Schiller 12, 5
G. D@22)
die systematische psychologie übernahm im 18.
jh. das wort als deutsche bezeichnung für instinct
und gebraucht es seitdem als terminus in verschiedener weise (
vgl. Eisler
wb. d. philos. begriffe4 3, 268): das wort trieb oder instinct war bisher so unbestimmt und schwebend, dasz es kaum eine gewisse bedeutung hatte, oder doch sehr verschieden gebraucht wurde H. S. Reimarus
triebe der tiere (1760)
*3
a.
der höheren gemeinsprache sind die triebe
als gewisse generelle naturkräfte der seele geläufig; für die mundart eine ausdrückliche fehlanzeige bei Fischer
schwäb. 2, 376:
die bedeutung instinct und der plural. gebrauch ist uns fremd. D@2@aa)
die triebe
sind die primitivsten natürlichen regungen: Uri, Schweitz und Unterwalden, welche durch die närrischen gesetze einer falsch genannten höflichkeit ... noch nicht gäntzlich von der natur und ihren einfältigen trieben sind abgekehret worden (1721)
chron. d. ges. der mahler 59
Vetter; sind sie auch in hingabe an die triebe ihrer natur echte naturvölker Ratzel
völkerkde 2, 120;
sie stehen im gegensatz zur vernunft: der mensch, als sinnliches wesen betrachtet, wird durch triebe geleitet, die ohne aufhören geschäftig sind, seine rationale freiheit zu unterdrücken Schiller
briefe 3, 377
G.; meine schuld ist es nicht, ... wenn ich meine triebe und meine vernunft nicht völlig habe in einstimmung bringen können Göthe 23, 197
W.; nur die absicht kann die werke des triebes verewigen, für sich erzeugt der natürliche trieb nichts beharrliches Schlegel
sämtl. w. 4, 18;
sie werden ruhend und erwachend gedacht: alle sinne in uns üben sich gemeinschaftlich auf diesem kampfplatz, und die nach und nach erwachenden triebe sind, wie ihr name sagt, ihre treiber und helfer Herder 20, 228
S. die definition eines bestimmten triebes
geschieht am häufigsten durch composita: äuszerungstrieb ... lusttrieb ... nachahmungstrieb ... bildungstrieb Göthe 47, 299
W.; oder mit attributivem genitiv: gott hat ... den trieb der geselligkeit so gar tief ins herz gelegt v. Hippel
lebensläufe (1778) 3, 1, 432; jedenfalls war ich entschlossen, ... dem könige zu jedem acte energischer abwehr zu rathen, den der trieb der staatlichen selbsterhaltung eingeben kann Bismarck
ged. u. erinn. 2, 96
volksausg.; der trieb der arterhaltung Adolf Hitler
mein kampf (1933) 165;
aber auch mannigfaltiger: nun kenne ich in mir den trieb des hungers und des durstes, den trieb nach dem weibe, und ... den trieb alles zu wissen was die menschen in den städten wissen Klinger
werke 6, 95;
hunger, liebe und viele andere regungen werden als triebe
bezeichnet und gern moralisch beurteilt: (
gott) legte tief in uns zwei unterschiedne triebe, die liebe für sich selbst und seines nächsten liebe Haller
ged. 129; die eifersucht, der stolz, die liebe, geiz, rachgier, neid und hundert triebe bestürmen die geputzte schaar Gottsched
neueste ged. (1750) 40; der geiz erniedrigt unser herz, erstickt die edlern triebe Gellert
sämtl. schr. (1789) 2, 209; entschlafen sind nun wilde triebe mit jedem ungestümen tun, es reget sich die menschenliebe, die liebe gottes regt sich nun Göthe 14, 61
W.; thierische triebe weken und entwikeln die geistige Schiller 1, 150
G.; de la Mettries freund hat nur vergessen, dasz auch die religion selbst zu den natürlichen trieben des menschen gehören musz Lange
materialismus (1866) 178; den antrieb zum handeln ... gibt in der regel der hunger oder das bedürfnis nach dem nest. das sind triebe
forschungen u. fortschritte (1930) 237; wandern ist der deutscheste aller eingeborenen triebe
zupfgeigenhansl, vorrede v. 1915;
von menschlichen gemeinschaften: historische darstellungen, in welchen man den geist und die triebe der nationen in den verschiedenen epochen übersieht Göthe IV 14, 185
W.; obgleich die Schweiz ... eine von dem reiche unabhängige politik verfolgte, so war sie doch von denselben geistigen trieben durchdrungen, welche unter den Deutschen ... vorwalteten Ranke
sämtl. w. 3, 40. D@2@bb)
am meisten tritt der trieb der liebe
hervor, zumal in der dichtung: Carl (
bräutigam), der itzo mit vergnügen den trieb der liebe selig preiszt Stoppe
Parnasz (1735) 20; doch auch der vögel glückliche geschlechte genieszen des gesanges heilge rechte nur, wenn der liebe trieb sie süsz begeistert W. v. Humboldt
sonette 295;
gern in andeutender umschreibung: die lippen werden durch öffters kussen den scharlach übertreffen, und meine haare haben wohl eher verliebte seelen gefesselt ... wilstu nun den reinen trieb der natur hemmen? Ziegler
Banise (1700) 144; Lea und Rahel überwanden dieser bürgerlichen ehre wegen den trieb der natur Hippel
über die ehe (1774) 29;
mit vorliebe pluralisch: die priester lehren einen gott der liebe ... wer mild und gütig ist, wie einst ihr meister war, o, dem verzeihen sie des warmen blutes triebe Gotter
ged. (1787) 1, 410; von süszer lockung rasch bewegt folgt Edgar leicht des herzens trieben Gaudy
sämtl. w. 4, 47;
ebenso mit adjectiven: der held erwacht' und fühlt' den wundersahmen trieb, fort war noch lagerstat noch schlaff ihm weiter lieb. er schliche leis hinab nach Fillis kammertühr Stieler
geharnschte Venus 120
ndr.; kein stein fühlt durst und zarte triebe er wächset ohne trunk und liebe Lessing 1, 96
L.-M.; (
der lenz) der jedes fühlende geschöpf zu sanften trieben weckt Denis
lieder Sineds (1772) 197; insonderheit, dünkt mich, demüthiget es den menschen, dasz er mit den süszen trieben, die er liebe nennt, ... beinah eben so blind wie die pflanze den gesetzen der natur dienet Herder 13, 53
S.; dasz es gelehrte dichter waren, die hier ihre süszen triebe verewigten, zeigen die häufigen anspielungen auf die heidnische götterwelt Steub
wanderungen (1862) 191;
in anderm sinne: du bist von den edlen seelen, die kein schnöder trieb entzündt, aber die, sobald sie wählen, zärtlich und beständig sind Gottsched
ged. (1751) 240; und ists denn nothwendig zum glück der ehe, dasz man thierische triebe stillt? Lenz
ges. schr. 1, 77; er ... geriet durch die macht roher triebe in die gewalt seiner zweiten frau Hauptmann
bahnw. Thiel (1892) 7. trieb,
oder häufiger triebe
schlechthin als liebesdrang: liebe kompt vom trib Gruterus,
vgl. bei A 2 c; er sagte mir von nichts, als ungefärbten trieben, und ich sprach ebenfalls vom unverfälschten lieben Glaubitz
bei Gottsched
schaubühne 1, 11; der wächter huth und gitter, schlosz und thüren sind ein zu schwacher damm für junger mädchen trieb Rost
verm. ged. (1769) 95; bin ichs allein, für den kein wesen meiner art, kein gegenstand der unstillbaren triebe, die ich in mir empfind, erschaffen ward? Wieland
sämtl. w. (1794) 17, 136; willst du deine triebe durch den abend singen Brentano
ges. schr. 3, 352; den jüngling, dem die liebe heiszes sehnen aufgeweckt, der in ungestilltem triebe offne arme ausgestreckt Uhland
ged. (1863) 5;
der reim liebe — triebe
verfällt schlieszlich dem spott: nun weisz jeder, dasz jedem, der von dem liebesfieber ergriffen, konnt er auch sonst kaum wonne auf sonne und triebe auf liebe reimen, ... plötzlich das dichten ankommt E. T. A. Hoffmann
sämtl. w. 1, 165
Gr. EE.
schon seit dem mhd. erscheint trieb-
in zusammensetzungen, und zwar sowohl verbal (
parallel mit treib-,
s. sp. 72),
wie nominal. selten ist ein e
in der compositionslücke, s. bei triebholz, triebkaule, triebstock (
vgl. auch dazu bei treiben VII,
sp. 72);
ebenfalls selten die verbindung mit dem genitiv: triebesbeschaffenheit H. Simmel
moralwiss. 1, 237; triebesforderungen Zschokke
ausgew. schr. 10, 23;
oder mit dem plural: triebereich Herder 20, 220
S. die zusammensetzung findet meist mit substantiven statt, seltener, und zwar nur in den jungen gruppen 3
und 4,
mit adjectiven. gröszere ausdehnung gewann die compositionsbildung früh im bezirk des viehtriebs (
s. oben A 1 a)
und in der mechanik (A 3),
später im botanischen (A 4)
und im psychologischen bereich (D). E@11)
im bezirk der viehwirtschaft bezeichnen zusammensetzungen mit verbalem trieb-
was zum viehtrieb gehört, wie: triebgeld, -recht, -rute, -weg, -zeit;
nominal, mit der bedeutung '
weide'
scheint trieb
in: triebgrube, -mark, -stein (
alle an alphab. stelle);
eine grosze zahl von flurnamen, wie triebacker, -halde, -see, -wald
verzeichnet Fischer
schwäb. 2, 377. E@22)
in der technischen sprache fungiert trieb
in zusammensetzungen schon sehr früh als '
kleines triebrad',
s. triebeisen, -ring, -scheibe, -stecken
an alphab. stelle, jünger triebfeile, -stahl, -zahn
s. u.; häufiger, auch in neuster zeit, als '
maschineller antrieb',
s. triebfeder, -kraft, -rad, -wagen -werk
und weitere im folgenden: