versiegen,
verb. ,
vertrocknen; das verbum ist erst im nhd. zum part. versiegen
gebildet, das zum starken verb. verseihen (
s. oben sp. 1267)
gehört. dort wäre, ebenso unter verseichen
sp. 1266
zu erwähnen gewesen, dasz neben verseigen, verseihen
auch verseichen
im sinne von austrocknen, versickern vorkommt (
zunächst als mundartliche aussprache von verseigen)
in der unter verseichen
aus H. Sachs
angeführten stelle ist verseichst
vielleicht als '
du trocknest aus'
aufzufassen. versiegen Schottel 647
a; der brunn versieget,
et verseiget,
fons intermittit fluxum. Stieler 1661; ich versiege,
interaresco, exsiccor. Steinbach 2, 600; versiegen, '
nach und nach in die erde einziehen und verschwinden'. Adelung;
er meint, dasz es mehr der '
edleren schreibart'
als der sprache '
des gemeinen lebens'
angehöre. über das fortleben der älteren präsensformen vgl. oben verseihen,
verseigen.
diese haben mit dem schon bei Luther
neben verseigen
gebrauchten versiegen
das part. prät. zunächst gemeinsam (
mnd. versegen Schiller-Lübben
mnd. wb. 5, 445
b). Adelung
erklärt versiegen
noch für die normale form des part. prät., Campe
zieht versiegt
vor. das part. versiegen
ist aus dem 18.
jh. noch mehrfach zu belegen: dessen unversiegene quelle von den lautersten gesinnungen gegen dich überströmte. Lessing
3 10, 27; durchlöcherte und oft versiegene quelle. Herder 2, 114
Suphan; bayrisch bluet ist noch nicht versigen. Schmeller
bayer. wb. 2, 249; (
wenn das land) nichts zeigt, als versiegne bäche. Brockes 2, 173 (1739); ein nie versiegner starker luft-strich. 8, 254 (1750); in nie versiegnem lauen schweisz. 8, 270; der quell von stätigem vergnügen ist nimmermehr bei dir versiegen. Haller
ged. 18
Hirzel; im anfang jener zeit, die gott allein beginnet, die ewig ohne quell und unversiegen rinnet. 125;
doch hat schon Stieler
das schwach gebildete part. prät.: das waszer ist vom wind und von der sonnen versieget. 1661;
auch Steinbach 2, 600
verzeichnet das schwache part. versieget. Fleming
bildet das starke part. prät. versogen (
wie gebogen
zu biegen): Hippokrene ist versogen, hat mir allen saft entzogen.
ged. 1, 346
Lappenberg; daneben hat er auch versiegen: das blut ist ausgedorrt, das heisze mark versiegen. 532.
als älteres, unregelmäsziges starkes prät. könnte allenfalls das auf sp. 1268
unten belegte zu verseihen, verseigen
gehörige versieg
gelten; vgl. noch: nachmals als die brunnen zu Jerusalem versigen. Reiszner
Jerusalem 2, 100
a (1565); das oel versieg. Lohenstein
Arminius 1, 789
a.
zu versiegen
bildet sich eine nebenform versiechen (Andresen
volksetymologie4 245, 3),
indem das wort auf siech
bezogen wird: ach, er möchte wie ein quell versiechen. Platen 6, 209 (1853); so versiechte bald der schatz Abdalla'
s. 4, 325. 11)
vom wasser, das in die erde eintrocknet, gewöhnlich von flieszendem, quellendem, das zu rinnen aufhört; auch von verdunstendem wasser: das waszer ist vom wind und der sonnen versieget. Stieler 1661; es ist müglicher, das der Rein versiege, denn das dirs an worten gebreche. Luther 1, 390
b; wie ein strom versieget und vertrocknet.
Hiob 14, 11; du lessest versiegen starcke ströme.
ps. 74, 15; die, welchen jre beche vertrockent, und die wasserquelle versiegen waren. 107, 33; dazu der strom wird versiegen und verschwinden.
Jes. 19, 5; truckne sol komen uber jre wasser, das sie versiegen.
Jer. 50, 38; aber vor der letzten zerstörung ist der brunn mit andern flüssen gar versiegen und auszgedorret. Reiszner
Jerusalem 1, 108
b (1565); er drückte an einem knopf am felsen und die wasserstralen versiegten plötzlich. Tieck 20, 43; kan aus versieg'nem kwell ein köstlich wasser fliessen? Lohenstein
blumen 68 (1680). 22)
bildlicher, freierer, übertragener gebrauch: der gottlosen güter versiegen, wie ein bach.
Sir. 40, 13; dasz Thomas von Aquin (der selbs ain brunn der hailigen geschrift geachtet was) vil geschriben hab, doch an seinem letsten end versigen sei. Schade
sat. u. pasqu. 3, 211, 38; ist denn aber der brunn seiner freude mit seinem leben versiegen? Arminius 2, 793
a; die quelle der italiänischen literatur ... versiegte zum zweitenmale. Göthe
tages- u. jahreshefte 1808 (36, 41
Weim. ausg.); der quell versieget nie, woraus sein (
des bechers) nektar quillet. Wieland 22, 85 (
Oberon 2, 50); wie er an der lippen rand ihn (
den vollen becher) bringt, versiegt der wein. 22, 161 (
Oberon 4, 28);
getränk im becher versiegt,
wenn nichts mehr einzuschänken da ist: so bald im trocknen becher der wein versiegt, ist kein Patroclus mehr (
kein freund mehr). 9, 5 (
Musarion 1).
vom weinkeller: der keller ist schier gar versiegen. H. Sachs 9, 17, 18
Keller-Götze; speise im eimer: doch wollen wir essen und trinken, versiegt in den eimern die speis. Immermann 15, 122
Boxberger. thränen: versieget doch einmal, ihr siedenheisze tropfen. Fleming
ged. 1, 535
Lappenberg; in besonderer wendung: das auge war ihm nicht dunkel geworden, die seligen enkel zu schauen, noch zu der freudenthräne versiegt. Klopstock
Mess. 5, 159.
schwinden der belebenden feuchtigkeit ist ein absterben und vergehen, in diesem sinne erweitert sich der gebrauch des verbums bis zur freiesten anwendung: kan man nicht anders denken, denn das sie (
die juden) mit der zeit versiegen, und gantz untergangen sind. Luther 8, 121
b; die kraft seiner lenden ist versiegen gegangen. Schiller
räuber 1, 2
schauspiel (2, 29); die nie versiegende hoffnung. Klinger 5, 335; und wie in dem augenblick aller schmerz versiegt.
theater 2, 186 (1786); zehrte mich ab, brennend auf herz, nier, leber und geist, dasz ich meynte zu versiegen. 4, 155 (1787); das auszenbleiben oder versiegen vernünftiger gespräche. J. Paul
aus d. teufels papieren 1, 70; deckt eure hand auf die versiegende wunde (
wunde, durch die man vergeht, versiegt).
unsichtbare loge 3, 114; dieses versiegende zwergleben.
Hesperus 2, 186; die töne, die über diesen garten flossen, sind versiegt. 3, 57; seine zersetzte und versiegte seele. 3, 258; so würde doch das versiegen des repertoirs der sache ein ende gemacht haben. Immermann 20, 109
Boxberger; ohne das der mund versiegte, — oder der schlaf das auge besiegte. Rückert
poet. werke 11, 240 (1882); woher aber meine versiegte kasse neu füllen? Gutzkow
ritter vom geist 7, 29; denn ihm entquillt nur dämmernder, bald versiegender schimmer. Klopstock
Messias 1, 642; versiegte völker dort: — leer ihre leinwandhäuser. Freiligrath
ges. dichtungen 2, 206 (1886); wenn allgemach die sinne ihm versiegen (
im schlaf). Lenau
Faust 164 (1840). 33) versiegen
wird als ausdruck des gewöhnlichen lebens vom ausgehen der milch im euter gebraucht, auch auf das milchgebende thier selbst bezogen (
vgl. oben verseihen, verseigen
sp. 1268
und versiechen
sp. 1314); versiegen '
sagt man auch noch vom vieh, das aufhört milch zu geben'. Frisch 2, 277
a; versiegen
oder versiechen, '
wird meistens von denen kühen gesaget, wenn ihnen, da sie sonst noch gemolcken, die milch vergehet'.
öcon. lexicon 3000 (1744);
vgl. Jacobsson
techn. wb. 4, 530
a;
vom menschen: welcher frawen die milch versiegen ist, soll diese wurtzel mit fenchel und langen pfeffer ... in der speisz nützen. Tabernaemontanus
kräuterbuch 1079 II (1664);
in feierlicher sprache: gib jnen unfruchtbare leibe und versiegene brüste.
Hosea 9, 14. 44) Luther
gebraucht das wort auch activ (
vertrocknen machen): der herr wird aus der wüsten her auff faren, und jren brun austrucken, und jre quelle versiegen.
Hosea 13, 15;
auch verseihen (verseigen)
hatte intransitive und transitive bedeutung.