verseihen,
verseigen,
verb. 11)
verseihen, durch langsames austropfen ve trocknen; mhd. versîhen,
starkes verbum (Lexer
mhd. handwb. 3, 229);
s. oben seihen
th. 10,
sp. 205;
exsiccare, versyhen, verseihen. Diefenbach
gloss. 219
b;
das verbum hat in alter sprache transitive und intransitive bedeutung. exsiccare, -ari, gar vertrockenen oder ausstreugen, verseihen. Corvinus
fons lat. 600
a (1660).
das wort ist seit dem 18.
jh. durch versiegen
ersetzt (
s. dieses),
doch behält dies zunächst noch das starke part. prät. bei, das also eine zeitlang den verben verseihen, verseigen, vers egen
gemeinsam ist (
s. auch die jüngeren belege für versiegen,
part. prät. unter versiegen,
verb.);
ausgleich vom präsens her, perf. plural versihen
unten unter a (
d. städtechron. 10, 336, 2),
part. perf. versihen
bei Schmeller
bair. wb. 2, 249.
während im älteren nhd. präsensformen von verseihen
und das part. prät. versiegen
häufig sind, werden formen des indic. und conj. prät. schwer zu belegen sein. 1@aa)
vom wasser, brunnen, flüssen, lachen u. s. w. (
vgl. Schmeller
bair. wb. 2, 249): das di burnen und die fliessenden wasser vil bi alle versigent (
prät.).
d. städtechron. 8, 437, 14; die prunen die versihen (
prät.) der dürren halben. 10, 336, 2; so er dem meer nun gebütet, so tröcknet ers ausz, unnd machet alle flüsz versyhen.
Zür. bibel (1531)
Nahum 1, 4 (Luther: und alle wasser vertrockent);
in Lutmers
bibel: ich wil jr meer austrocken, und jre brunnen verseihen lassen.
Jeremias 51, 36; die welchen jre beche vertrockent und die wasserquelle versiegen waren.
psalm 107, 33; (
im bilde:) dasz Thomas von Aquin (der selbs ain brunn der hailigen geschrift geachtet was) vil geschriben hab, doch an seinem letsten end versigen sei. Schade
sat. u. pasqu. 3, 211, 38; (
sprichwörtlich:) dann wa es allzeit tropfft, ja regnet, da verseihet es nimmer, wie man spricht. Franck
weltb. 133
a (1542); die bronnen verseihen nit. Mathesius
Sarepta (1571) 127
b; dasz alle brunnen und bäch verseihen thäten. Hammer
hist. rosengarten (1654) 8; si muosten drî tage ligen unʒ daʒ die wasser versigen. Heinrich von Neustadt
Apollonius 10993; (
ein brünnlein,) welches sommer und winter fleust, miltiglich quillet und auszgeust, thut nicht verseyhen noch gefrieren. H. Sachs 7, 368, 27
Keller-Götze (
in demselben stüch verseigt, 3.
p. präs. ind., s. unten); dem vertrucknen im land ir bech und verseyhen ir brunquel frech. 18, 419, 19.
übertragen im vergleich: der gottlosen güter verseyen gleich wie ein bach. 19, 176, 13. 1@bb)
vom ausgehen der muttermilch: wann einem weib die milch in den brüsten verseihen wil. Tabernaemontanus
kräuterbuch 1110 D (1664).
auf die brüste der mutter bezogen: gib jnen unfruchtbare leibe, und versiegene brüste.
Hosea 9, 14;
oft vom ausgehen der thierischen milch, gewöhnlich vom thier selbst ausgesagt (die kuh verseiht, ist versiegen,
vgl. Frommanns
zeitschr. 4, 308); verseihen '
heiszt vertrocknen, wird vom vieh gebraucht, wann ihnen die milch vergeht, dasz man sie nicht mehr melken kann'. Frisch 2, 260
b;
vgl. in gleichem sinne beseihen
bei Schmeller
bair. wb. 2, 248,
in der form beseichen (bei der kuh beseicht die milch, die kuh beseicht, beseicht sich)
oben th. 1,
sp. 1613;
th. 10,
sp. 206
unten. vgl. ferner unter verseigen. mein kw mir gar verseyhen wil. H. Sachs 14, 306, 14
Keller-Götze; (
die kuh) gab auch kein milch, war gar versiegen. B. Waldis
Esop 4, 58, 13
Kurz; so solt noch wol ein jar hingehn, das ewre kuh versiegen blieb. 27. 1@cc)
freiere anwendung in älterer sprache. ich klag ein leit klegelich, daʒ daʒ edel lant zFrancrîch bî dir an êren ist versigen. Ottokar
reimchron. 63689; so ligt er still (
im ehebett) und ist versigen.
fastn. sp. 2, 771, 30; kan man nicht anders dencken, denn das sie (
die ächten juden) mit der zeit versiegen, und gantz untergangen ... sind. Luther 8, 121
b. 22)
eine nebenform dieses verbums entsteht durch das eindringen des g
aus dem plur. ind., dem conj. und part. prät. in die präsensformen, so steht schon im mhd. sîgen
neben sîhen (Lexer
mhd. handwb. 2, 919;
vgl. oben seihen 1,
th. 10,
sp. 205).
mit altem î
bei Geiler von Keisersberg: künnent die hexszen dye k versigen und inen di milch nemmen.
emeis 54
a (1516);
zur bedeutung vgl. 1,
b und 2,
b. das verbum ist hier transitiv gebraucht, gleich darauf intransitiv: wann einem ein kuo also versigt, und umb die milch kumpt. 54
d (
in derselben spalte in gleicher anwendung ersigen).
in neuhochd. form verseigen: verseigen,
exsiccari. Stieler 1660; verseigen,
scolare, seccarsi scolando. Kramer
deutsch-it. dict. 2, 759
b (1702).
das part. prät. ist natürlich mit dem alten part. präs. von verseihen
identisch; eine schwache form ist unter a aus Bode
belegt (
vgl. versiegt
neben versiegen);
prät. ind.: ach! aber wenig zeit genosz man diese frucht, das zucker-quell versieg. Lohenstein
rosen 106.
entstellt zu verseugen: verseuget (ich bin),
präs. ich verseuge,
exsiccor, interaresco. Steinbach 2, 600; die nimmer verseugenden flüsse. Lohenstein
Arminius 1, 554
b.
im gebrauch stimmt das verbum völlig mit dem unter 1
behandelten verseihen
überein. 2@aa)
versickern, vertrocknen von wassern: der ich spreche zu der tieffe verseige, und zu den strömen, vertrockent.
Jes. 44, 27; besonders im lettig- und leimigen boden verseiget das wasser nicht. Döbel
jäger-practica 3, 182
b (1754); so wirt sein lauff auch mat und schwach, und verseigt endtlich dieser stram. H. Sachs 7, 367, 16
Keller-Götze; das wasser auch in deinem brunnen verseigt zu keiner zeit. Lobwasser
ps. 65; der ströme flut hat müssen dir verseigen die doch vorhin mit rauschen sich gerührt. Opitz
psalmen 142 (74, 14); ach! wie würde dieser strom der dein bestürmtes schiff, wil in den abgrund neigen in einem augenblick sich theilen und verseigen. A. Gryphius 1, 438 (1698); (
wenn) das rad am born zerlechst, der güldne quell verseiget. Günther
ged. 809; lasz ihre (
der Elbe) tief' auf keiner stelle sich mindern, oder gar verseigen. Brockes 2, 160 (1739);
im vergleich übertragen: die börn und beche vertrockenen und verseigen. also verseigen jetzt auch alle gelehrten im bapstthumb. Luther
tischreden 251
a (1568); das gespräch war ohne ihn bereits verseiget, und schon in einem andern bette. Bode
Tristr. Shandy 2, 95.
quelle des lebens: es schwindet und verseigt die quelle meines lebens. Hallmann
Antiochus 2.
thränenquell: der thränen-quell verseigt, das seuffzen wird gestillet. Chr. Gryphius
poet. wälder 2, 191; ist's möglich, dasz so bald der thränenquell verseigt. J. E. Schlegel 1, 472;
physiologische betrachtung: dasz hiernächst durch stete güsse unser aug' ohn unterlasz nicht in thränen stehen müsse; wird ein überflüssigs nasz, wie man es beständig spüret, durch die nase weggeführet, welches, da es so verseigt, eine grosse weisheit zeigt. Brockes 2, 279 (1739). 2@bb)
vom ausgehen der milch, auf das milch gebende thier bezogen (
s. oben unter 1,
b): wenn man milch aus zweier herren vieh sich mengt, verseigen dem einen die kühe. J. Grimm
myth.4 3, 449 (
aberglaube 466). 2@cc)
freierer gebrauch: denn als ich meine noth auch dachte zu verschweigen, da wolte mir für angst der beine marck verseigen. P. Fleming 1, 5
Lappenberg.