seihen,
verb. (
vergl. oben seigen). 11)
im altn. ist ein schwaches verb. sía,
durchsickern lassen bezeugt; ags. seón
ist stark, prät. sáh,
plur. sigon,
part. sigen, siwen, seowen,
die bedeutung ist transitiv (
to strain, filter)
und intransitiv (
to ooze, trickle).
ahd. starkes verb. sîhan
in transitivem sinne, excolare, colare, dagegen bisîhan,
versiegen, trocken werden, irsiwaniu,
vacuefactus Graff 6, 133.
man vergleicht sanskrit. siñcati,
er gieszt aus; mit sîhan
verwandt sind nhd. seichen,
mingere und sîgan,
sinken; ags. sígan
erscheint auch in gleicher bedeutung wie seón,
vgl. mhd. mnd. sîgen,
tröpfelnd rinnen. ahd. bisîhan,
versiegen, austrocknen läszt sich aus der im ags. hervortretenden bedeutung des einfachen verbums '
tröpfelnd rinnen'
verstehen, weil das versiegen als ein einsickern unter die oberfläche gedacht wird; daneben ist in gleichem sinne irseigrên
bezeugt (Graff 6, 131),
vgl. oben erseigern
theil 3,
sp. 982;
mhd. sîhen (
mhd. wb. 2, 2, 286
a ff. Lexer
mhd. handwb. 2, 919),
stark flectierend, part. gesigen,
erscheint fast immer in transitiver bedeutung, durch ein sieb, tuch u. ähnl. laufen, rinnen lassen, doch vergl. Lexer
a. a. o., intransitiva: besîhen, ersîhen, versîhen,
ausflieszen, vertrocknen; causativ: erseigen,
versiegen machen, erschöpfen (
ebenso erseigern), verseigen,
ausflieszen lassen. in der weiteren sprachentwicklung vereinigen sich zerstörung des grammatischen wechsels und übertritt in die schwache flexion zur verwirrung der verhältnisse; lange hält sich das starke part. perf. gesigen,
im präs. tritt neben seihen seigen
auf. dieses seigen
zeigt auch intransitive bedeutung ('
rinnen, tröpfeln'),
auch die, wie sie ahd. bisîhan
aufwies (
s. unten): seigen,
vertrocknen, ausgehen; ebenso verseigen,
an dessen stelle später das zum part. versiegen
neugebildete verb. versiegen
tritt. 22)
transitives seihen,
colare; die im älteren nhd. besonders im md. übliche form seigen (
die hier und da zu säugen
entstellt wurde, s. unten Günther 534),
ist jetzt aufgegeben, die flexion durchaus schwach geworden: daʒ waʒʒer, daʒ gesigen ist oder gewaschen durch der veigenpaum aschen. Megenberg 322, 30;
colare, sihen, seihen, als die milch durch ein tuoch, sichen, sygen, seigen, siggen, syen, zien, sighen, durchsiegen Diefenbach 131
a;
excolare, syhen, usz-, us-, auszsyhen, -seyhen 215
a;
qualus, eyn korp da man milch o. most durch syhet 477
a;
colare, sygen, sigen, seychen
nov. gl. 99
b,
vgl. Schiller-Lübben 4, 206
a; gesigen roshoning,
melus rosarum colati. quelle bei Schm. 2, 248; seygen durch ein sack oder tuoch. Maaler 371
b; den weyn durch ein sack sygen, das er nit zerauch seye. 397
a; durchschlagen, seyhen,
colare Henisch 774, 49; seihen, durch eine seihe gieszen unnd lauffen lassen. Hulsius
dict. (1616) 295
b; ich seihe, seige, seihete, seigete, gesiehen, gesigen Schottel 595; seigen, geseiget,
colare; bier, wein, essig seigen, zucker seigen; geseigetes, ungeseigetes getränke. etwas durch kleckpapir durchseigen Stieler 1660. seigen, geseiget
et usitatius seihen, geseihet ...
in participio habet: geseiget, gesieget,
et gesiegen. 1999; seihen, dasz das flüssige klar wegfliesze. Frisch 2, 260
b; die milch durch ein leinen tuch, den wein durch löschpapier, die grütze durch den durchschlag oder seiher seihen Adelung (seigen
ist ihm mundartlich);
dagegen hält Campe seigen
für die bessere form; zum gebrauche der mundarten: seichen
mit starkem part. perf. g'sichn, g'sign Schm. 2, 248; seichen, g'sîchen Schöpf 666; saigen Zingerle 48
b; sejen Liesenberg 213; seigen Weinhold 90
a; sēgen Frischbier 2, 336
a; dörsijen, upsijen,
die frische milch durch den seiher in die milchnäpfe laufen lassen brem. wb. 4, 785, sijen Dähnert 423
b, siggen Woeste 237
a, sējen ten Doornkaat Koolman 3, 169
b; herausz geseihet als ein podenschar (
bodensatz).
d. städtechr. 3, 144, 2; jr verblente leiter, die jr mückea seiget, und kamel verschluckt. Luther 1, 7
a.
Matth. 23, 24; sol doch das meer drumb gesaltzen sein, das es durch die erde, wie durch ein laugensack gesiegen wird. Mathesius
Sar. 119
b; durch ein tuch gesihen und zu trincken geben. Forer
fischbuch 117
b; das wasser werde so lang durch die äsche geseyet und durchgegossen, bisz gar laugen drausz werde. Zincgref
apophth. 1, 220 (1639); bisz der wein anfängt zu sieden, der hernach gesiegen, aufbehalten und getruncken wird. Hohberg
adl. landleben 1, 175
b; durch ein sauber tuch gesihen. 2, 11
a; dasz man sie (
die laune) für solche leute durch so viel löschpapier und filzene filtrierhüte seihen musz, dasz ich keinen korrekturbogen nachher darum gebe. J. Paul
Kampanerthal 23; da kanstu durch den bart hübsch seigen solchen tranck. W. Scherffer
d. Grobianer (1640) 235; indem doch euer hertz ein Pharisäer ist, der eine mücke säugt und zehn camele frist. Günther 534; wenn die kuh ist gemolken, die milch ist geseiht, so will ich schon kommen; da ist es noch zeit.
wunderhorn 2, 22
Boxberger (
vgl. Schmeller 2, 248).
reflexiv: dardurch das wasser in den samenkasten sich seicht. Tucher
baumeisterb. 164, 24; es wird jederzeit etwas von demselben (
dem regenwasser) durch alle schichten bis zu den felsigten sich hinunterseigen. Kant 9, 18. 33) seihen, seigen,
tropfen, tropfend flieszen. in diesem sinne ags. sígan,
mhd. mnd. sî
gen. seygen, rünnen,
fluere, manare Maaler 371
d; seigen, rinnen,
profluere Schottel 1414; (
nesselpflaster) truckhent dy seigunden geswer.
quelle bei Schmeller 2, 248; alsz ein schnee, der erst vom himmel gesiegen. W. Scherffer
ged. (1647) 405; bald aus dem wolcken-leib ein regen abwerts seiget.
H. Hugonis gotts. verl. 233 (1662). durchseihen,
durchflieszen wie durch ein feines sieb: die feuchtigkeit, welche durch die keime zu den übrigen theilen durchseiht. Göthe 53, 46;
aber transitiv: feuchtigkeit, indem sie die pflanzengefäsze durchseihet. 47; abseihen,
defluere per colum Frisch 2, 260
b; erseihen, erseigen,
abflieszen; dann aber besonders in dem sinne, dasz die flüssigkeit verflieszt und trockenheit, erschöpfung entsteht, vgl. Schm. 2, 248. 2, 236,
oben th. 3,
sp. 982,
ahd. irseigren Graff 6, 131.
ebenso auch abseihen: der brunnen ist abgesigen Schöpf 667; beseihen (
vergl. ahd. besîhan
unter 1)
wird besonders vom versiegen der milch bei den thieren gebraucht: bei der kuh beseicht die milch, kühe beseichen. Schöpf 667,
vgl. Schm. 2, 248 (
hier auch: der brunnen beseicht),
s. oben beseichen 3,
theil 1,
sp. 1613; die kuh, das schaf ist aufgesiegen,
sie geben keine milch mehr. Adelung (
unter aufseigen); zerseigen,
diminui, perire; verseigen,
exsiccari Stieler 1660. verseihen, vom vieh wenn die milch vertrocknet. Frisch 2, 260
b,
weiteres s. unter versiegen.
einfaches seigen
im sinne von versiegen: die wälder fangen feur! die kühle bäche stehn und seigen. A. Gryphius (1698) 1, 701.