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gottvergessen

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DWB
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Eintrag · Grimm (DWB, 1854–1961)

gottvergessen part. adj.

Bd. 8, Sp. 1419
gottvergessen, part. adj. u. adv.; seit dem ausgehenden 16. jh. bezeugt. wohl im hinblick auf die seit Notker nachweisbare biblische verbalverbindung gottes vergessen gebildet, die dem deum oblivisci der vulgata entspricht (vgl. Hiob 8, 13; ps. 9, 18; 50, 22 u. ö.). zu der deutschen verbalverbindung vgl. s. v. gott I D 2 d, sp. 1063; dazu noch: Notker 2, 193, 23 P.; mitteld. Hiob 2890 Karsten; erste dt. bibel 7, 164 Kurr.; ebda 252; 315; ferner Luthers übersetzung der angeführten stellen. eigenartigerweise begegnen substantivierungen des part. schon wesentlich früher als das part. adj., so seit dem 13. jh. für den pflanzennamen (s. unt. gottvergesz). vereinzelt bleibt eine bedeutungsmäszig zum adj. stimmende substantivierte form gotvorgeten, m. (zum -en-ausgang des nominativs vgl. Lübben mnd. gramm. 103 ff.; Sarauw ndd. forsch. 2, 78 f.) aus dem frühen 16. jh. (s. unt. 1 a α), welche räumlich und zeitlich neben einer substantivierung gottvergesser, m. (s. d.) steht. zur mundartlichen verbreitung vgl. Schmidt-Petersen nordfries. spr. 52; Mensing schwesw.-holst. 2, 448; Müller-Fraureuth obersächs. 1, 434a; luxemb. ma. 151; Fischer schwäb. 3, 771; Martin-Lienhart elsäss. 1, 236a; schweiz. id. 2, 454. — während des 17. jhs. überwiegen die formen gott- u. gottsvergessen die bildungen mit gottes-, die erst im 18. jh. vorherrschend werden. seit dem ende des 18. jhs. treten in der schriftsprache die gotts-bildungen völlig, die gottes-bildungen weitgehend zurück. das wort wird bei Adelung versuch 2 (1775) 758 noch als gottesvergessen, bei Campe (1808) 2, 434 bereits in der seither bevorzugten form als gottvergessen angesetzt.das der bildung zugrunde liegende part. prät. hat im adj. vorwiegend aktivischen (vgl. unten 1), seltener passivischen sinn (vgl. unten 2). gelegentlich wird für die aktivische bedeutung rektifizierend das part. präs. gewählt: die gottvergessende bosheit der menschen Breitinger crit. dichtkunst (1740) 1, 346. 11) in aktivischem sinn: 'gott vergessen habend'. 1@aa) als bezeichnung einer menschlichen eigenschaft. 1@a@aα) im sinne von 'gottlos, von gott abgefallen, frevelhaft' für fast alle schattierungen des religiös oder sittlich unwertigen (vgl. auch unten gottverlassen 1 b): so ist darber kommen her, von Arimathea so ferr, Joseph der gotsuergessne mann, vnd von dem creutz genommen schon, den leichnam des verfrers gros (sagen die juden) B. Krüger aktion v. d. anfang u. ende d. welt (1580) F 1a; der gottsvergeszne feind (der teufel) Simon Dach 118 Ö.; 8 personen ... welche die geistligkeit für meinaidige, gottesvergeszene rebellanten intituliret acta publica 2, 249 Palm; sie habe ... gar oft mit grauen gesehen, wie diese gottesvergessenen menschen das liebe brot kugel- und brockenweise sich an den kopf geworfen Göthe I 33, 173 W. besonders: gottvergessene leute: hilff mir o herr zu rechter zeit ... vnd straff die gottes vergeszne leut, die tAeglich vmb mich hincken. vnd mir vil leyd, ausz bOesem neyd, gedencken bey zufgen (psalmnachdichtung) B. Ringwaldt handbüchlein (1598) 30; es (das wort) wird hier gantz gottes-vergessenen leuten als das letzte argument angeführet Zinzendorf Jeremias (1741) 219. schon frühzeitig substantiviert: des mag ein ider wol vorschrecken, dat du so ein arm godvorgeten bist und lovest nicht, dat god und Maria allweldig ist (1519-20) hist. volksl. 3, 296 Liliencron; du gotteszuergessener du hast das mit andern verrehtern aus deinem kopff erdacht C. Hennenberger erclerung d. preuss. landtaffel (1595) 48; du zeihst, du wagst es, die olympischen des frevels, gottvergeszner, der verübt ward? H. v. Kleist w. 1, 262 E. Schmidt; gelegentlich in besonderer anwendung (vgl. auch s. v. gottvergessenheit 1): gottlos im eigentlichen wortsinn bin ich nie gewesen ... gottvergessen aber war ich oft. es schlummerte der gedanke an gott in mir W. Harnisch mein lebensmorgen (1865) 38. 1@a@bβ) mit stark verblasztem religiösem bezug: so albern und gottesvergessen (dasz ich einen geldverlust nicht für das gröszte übel gehalten hätte) bin ich in meiner jugend nicht gewesen Lessing 3, 194 L.-M. gern mit scherzhaftem oder ironischem unterton: ich halte dich bis auf weiteres für ein faules und gottvergessenes Julchen Caroline br. 2, 280 Waitz; es war, als hielten sich alle faune und panisken der au die bäuchlein über einen tollen und gottvergessenen einfall C. F. Meyer s. w. 3, 97 Knaur. schlieszlich auch nach art eines bloszen schimpfwortes: glashäuser anzulegen ist das vernünftigste, wenn gleich diese von dem gott- und weltvergessenen hagel so übel behandelt werden Göthe IV 46, 16 W.; die peitschenschnüre der knechte konnten gar noch nicht an ihn kommen vor den ergrimmten mädchen, die mit ihren fäusten und nägeln gegen den gottvergessenen betrüger (einen krämer) eiferten W. Alexis die hosen (1846) 1, 77; es gehe wieder was vor und der gottvergessene kerl, der Gambetta, stecke dahinter Fontane ges. w. (1905) I 6, 19. in nur mehr steigernder funktion: gottvergessen drinschlajen ohne schonung, unvernünftig zuhauen. gottvergessen viel unendlich viel Martin-Lienhart elsäss. 1, 236a. 1@bb) auf handlungen und verhaltensweisen bezogen, zeigt das wort die gleiche allmähliche verringerung in der intensität seines religiösen gehalts: die ungetreue Schotten hatten nicht allein, durch einen gottsvergessenen aufstand, zu allererst die waffen wider den könig ergriffen Zesen gekrönte majestät (1662) 49; 'der liebe gott', fügte er hinzu, 'behüte mich, dasz solche gottesvergessene worte niemals aus meinem munde gehen' J. J. Chr. Bode gesch. d. Thomas Jones (1786) 1, 270; (eine) schändliche gottesvergessne geld- und wucherpolitik Fr. v. Gentz schr. 5, 78 Schlesier. in erweiterter anwendung von den ergebnissen solcher handlungen: d. Faustus sasze hierüber in sehr tieffen gedancken, und je mehr und öffter er diese greuliche und gottsvergessene articul übersahe und überlase, je schwerer sie ihme zu halten fallen wolten Widmann Faust 112 lit. ver.; ihr sollt treue schwören der heillosen, ärgerlichen, gottesvergessenen verfassung Zschokke s. ausgew. schr. (1824) 2, 58. 1@cc) in adverbialem gebrauch: und wer wollte so gottvergessen handeln, dieselbe (die natur) einer schandthat zu beschuldigen J. J. Schwabe belustigungen 5 (1745) 355; die menschen sehen alles so gottesvergessen und lieblos an Ph. O. Runge hinterl. schr. (1840) 1, 202. so auch in der formelhaften verbindung ehr- und gottvergessen: dahero vns die gedAechtnusz voriger zeiten, die wir bey schOenem wetter ... so ehr- und gottesvergessen ... durchgetriben, desto mehr peiniget Moscherosch gesichte (1650) 378; vgl. auch Grimmelshausen Simpl. 41 Scholte; der stolz der vorsteher liebt zwar im dorfe die würde, aber erleichtert sich auf ehr- und gottesvergessene weise die bürde, wie es gehen mag Zschokke s. ausgew. schr. (1824) 14, 270. 22) in passivischem sinn, erst seit dem 19. jh. belegbar. 2@aa) nur vereinzelt in eigentlicher bedeutung 'von gott vergessen': als der liebe gott ... berg und thal und wald und weide erschaffen hatte, da gab er auch jedem gewächse sein salz (würze) ... einen einzigen strauch nur hatte der liebe gott vergessen, die wilde johannesbeere (ribes alpina) ... diese beere ist daher geschmacklos und wird noch heute die gottvergessene beere genannt Wucke sagen d. mittl. Werra (1891) 413. von da her wohl auch: gottesvergessenbeere ribes alpinum L. Pritzel-Jessen volksnamen d. pflanzen 333. 2@bb) in erweiterter anwendung 'einsam', wie häufigeres gottverlassen (s. d. 2), gottverloren (s. d. 2), doch vgl. auch gott komp.-typen I F 4: als wir aufwachten, regnete es so innig und gemüthlich, wie das nur in einem kurzen, gottvergessenen norddeutschen städtchen passieren kann H. Laube ges. schr. (1875) 8, 182. ähnlich: ein gottvergessener kiewiet, der hinter dem gerippe sich zur nachtruh hingeduckt hatte, flog schreiend auf Storm s. w. 7, 319 Köster.
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gott+(ver+gessen)

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gottvergessenheit

DWB

gottvergessen·heit

gottvergessenheit , f. , älter meist gottesvergessenheit, ' gesinnung oder haltung dessen, der gott vergessen hat, oblivio dei '. in gleiche…