vielfach,
adj. :
quotuplex, wy vil vach Diefenbach
gloss. 481
c; vielfältig, vielfach, mancherley Krämer
deutsch-ital. dict. (1678) 1137
a; vielfach,
multiplex Steinbach 1, 361; Frisch 2, 400
c; vielfach
gewinnt erst in der neueren sprache weitere verbreitung, älter ist mannigfach;
dieses differenziert sich gegenüber vielfach
allmählich in der bedeutung des schwächeren ausdrucks, wie mancherlei
gegen vielerlei. vielfach
ist gleichbedeutend mit vielfältig,
das in der neueren zeit vor vielfach
in bestimmten anwendungen, z. b. im adverbialen gebrauch, zurückzuweichen scheint. über die bildung von vielfach
vgl. oben bd. 3,
sp. 1221;
mhd. wb. 3, 200.
die mit -vach
abgeleiteten adj. erscheinen zuerst im mitteldeutschen. 11)
in vielfach
ist viel
unbestimmte zahl, es steht am ende der reihe ein-, zwei- (zwie-) fach, dreifach
u. s. w., bedeutet also zunächst '
viele male genommen'.
in dem rein rechnerischen sinne wird besonders ein vielfaches, das vielfache (
s. unten)
gebraucht, während im übrigen vielfach
in dieser technischen anwendung jetzt wenig verbreitet ist. 22)
attributiv auf personen bezogen bezeichnet das wort zahlreiche wiederholung des den begriff des wortes bestimmenden: er ist ein vielfacher mörder, betrüger
u. ä. was erheben denn die zu Meyssen nu? eynen vielfachen morder und blutvergieszer und ursacher alles unglucks ynn deutschen landen Luther 15, 187
Weim. ausg.; euch meinen alten freund und vielfachen wohlthäter Göthe 23, 223
Weim. ausg.; ihre vielfache dienerin Schröder
dram. werke (1831) 1, 11. 33)
auf unpersönliches bezogen; zum sing. tretend bezeichnet es eigentlich vielmals genommen, multiplicatus, dann das in einer gröszeren anzahl von wiederholungen vorhandensein, oder eine wiederholte vermehrung und verstärkung, wobei die art und weise, wie diese vermehrung und verstärkung zu denken sei, im bewusztsein mehr oder minder zurücktreten kann, und das wort also nur eine grosze vermehrung, verstärkung im verhältnis zu andern fällen bezeichnet (
s. unten die stelle aus Gottscheds
gedichten): ein vielfacher gesichtspunkt hebt nicht allein die einheit in der erscheinung der formen, sondern auch die einheit in der beleuchtung schlechterdings auf Lessing 10, 262
Muncker; ein vielfaches lebewohl Göthe
briefe 19, 188; und durch eine starke vielfache schnur zusammengehalten Keller
ges. werke 2, 11; hören konnte man zugleich vielfaches rufen (
πολλὴν βοὴν Pers. 400): 'o Hellenenkinder, kommt!'
Aischylos übers. von Droysen (2.
aufl.) 241;
vielgebraucht wird die formel auf vielfachen wunsch, auf vielfaches verlangen;
ungewöhnlich: [] da fochtest du, o Karl, mit dreyen ganz alleine; hier liesz ein vielfach heer sich sehn. Gottsched
ged. (1751) 1, 7. 44)
früher brauchte man vielfache zahl
im sinne von plural (
vgl. unten vielheit 1): er sagt könig in einfacher zahl, da er hätte könige in vielfacher zahl sagen sollen Buchner
anleitg. z. deutschen poeterei (1665) 21; so werden diese wörter, besonders das in der vielfachen zahl, von unserm dichter und von seinen zeitverwandten gebraucht Lessing 7, 399
Muncker; viele hauptwörter in der einfachen werden, wie in Östreich, in der vielfachen zahl ausgesprochen Adelung
magazin f. d. deutsche sprache 2, 1, 105. 55)
attributiv mit einem plural verbunden bedeutet es zunächst soviel wie multiplicatus: so du dein geld werffen wilt, wirffs in gottes-kasten, daselbst wird es reich und mild, ohne ruh und rasten, dir vielfache zinse tragen Schmidt
d. gestriegelte rocken-philosophia 2, 108;
dann bezeichnet es das vorhandensein oder geschehen in mehrfacher wiederholung '
zahlreich, vielmalig': vielfache einbrüche sind ihm nachgewiesen;
es ist stärker als mehrere
und schwächer als viele; ihre (
der hebräischen sprache) so vielfachen verwechselungen ähnlicher buchstaben Herder 5, 13
Suphan; hier im kinde lag ihm, konnte man sagen, ein einzelner würfel vor, auf dessen vielfachen seiten der werth und der unwerth der menschlichen natur so deutlich eingegraben war Göthe 23, 138
Weim. ausg.; mit vergnüglichem andenken an die vielfachen guten, mit seinem herrn vater in Jena durchgelebten stunden
briefe 41, 51; unter vielfachen küssen, die von den lippen des fremden auf ihre knöcherne hand niederregneten H. v. Kleist 3, 321
krit. ausg.; dasz ich ... meine vielfachen begräbnisse mit groszer heiterkeit erlebt habe Ruge
briefw. u. tagebuchbl. (1886) 2, 4. 66)
in attributiver anwendung in freierem gebrauch. zu der bisher behandelten bedeutung tritt die vorstellung der abwechslung, der verschiedenheit im einzelnen hinzu. bei dieser entwicklung begegnet sich das wort gewissermaszen mit verschieden,
das von dem anderssein ausgeht und die bedeutung des mehrfachseins annimmt (ich habe verschiedene reisen in den Orient gemacht,
mehrere).
ob bei vielfach
mehr die vorstellung des mehrfachseins, der multiplicatio oder der vergröszerung, verstärkung hervortritt, hängt vom zusammenhange ab, auch können beide seiten der begriffsentwicklung vereinigt sein. sehr deutlich tritt der begriff der varietas in der verbindung mit wörtern wie art, weise, sinn, beziehung
hervor: auf vielfache weise, in vielfachem sinn, vielfacher beziehung.
man beachte auch die ungewöhnlicheren verbindungen mit sinnlichem. 6@aa)
attributiv mit dem plural verbunden: die kühnsten feinde Shakespears haben ihn — unter wie vielfachen gestalten! beschuldigt und verspottet Herder 5, 208
Suphan; die vielfachen gattungen der erde, der gesteine, der crystallisationen 13, 23; und nun entwickeln sich erst nach und nach die vielfachen bedürfnisse Göthe
briefe 28, 89
Weim. ausg.; grosze und vielfache begebenheiten würden sie stören. ein einfaches leben ist ihr los Novalis 4, 148
Minor; die groszen weiten fenster standen dabei offen, durch welche die lauen abendlüfte den duft vielfacher blumen ... hineinwehten Eichendorff
sämtl. werke (1864) 3, 138; sehe ich nun die vielfachen waaren in den läden Arnim
werke 3, 234; nach aufgehobener tafel vertheilten sich ... die gäste ohne zwang in den vielfachen alleen des gartens Pückler
briefw. u. tageb. 2, 445; vielfache wunder seh' ich, hör' ich an Göthe 15, 214
Weim. 6@bb)
attributiv mit dem singular, nach bildung, zusammensetzung, inhalt mannigfaltig (
gegensatz einfach),
sich in verschiedener weise äuszernd, sich nach verschiedenen richtungen darstellend u. ä.: (
dasz die rede) bey diesem eine vielfache empfindligkeit ... verursachte
[] Lohenstein
Arminius 1, 48
a; ihr (
der quelle) wasser ward zu vielfachem gebrauch der menschen hie und dorthin abgeleitet Herder 16, 145
Suphan; den vielfachen ausdruck von liebe und freundschaftlicher neigung Göthe 4, 82
Weim.; was die sitten, bräuche, den vielfachen aberglauben dieser völker anbetrifft Chamisso
werke (1836) 2, 127. 6@cc)
attributivisch verbunden mit einem substantivierten neutrum des adj.: indem das alte entschiedener dargestellt und vielfaches neue mitgetheilt wird Göthe 49, 1, 163
Weim. 6@dd)
attributiv mit dem infinitiv verbunden: Wilhelm stand in ein vielfaches nachdenken versunken Göthe 23, 16
Weim. 6@ee)
in verbindung mit wörtern wie art, weise, beziehung, sinn
u. ä. im singular. die vorstellung des ver schiedenseins beim mehrfachsein kann hier besonders deutlich hervortreten: und eine dergleichen abwechselung und vielfache art des erdreichs findet man nicht minder an viel hundert anderen örtern der welt Praetorius
anthropodemus plutonicus (1666) 1, 63; das harmonische dreieck ... (
poesie, musik, tanz) kann auf vielfache weise ein ungeheuer werden Herder 12, 178
Suphan. 77)
der gebrauch des adverbiums ist in neuerer sprache sehr beliebt geworden: ich habe ihm den schaden vielfach wieder ersetzt Adelung; '
auf vielerlei art, in vielen fächern'; ein vielfach gebildeter mann Campe.
zu beachten ist, dasz beim adverbium in der sprache der gegenwart die anwendung in abgeblaszter bedeutung ganz besonders häufig ist. man gebraucht es im sinne von '
öfters, an vielen stellen, in vieler beziehung, von vielen seiten': man behauptet vielfach; ich habe vielfach beobachten können, dasz; vielfach schreibt man das wort ohne h; so vielfach,
so oft. 7@aa)
als bestimmung zum verbum tretend; die vorstellung des oft wiederholten, des viele male in erscheinung tretenden, der multiplicatio wiegt zunächst vor; gleichbedeutend mit '
im plural': vettel, die, das alte weib. vielfach die vetteln Braun
deutsch. orthogr.-gramm. wb. (1793) 288
b;
viele male, oft, in gröszerer anzahl, an vielen stellen, in vielen beziehungen, von vielen seiten: so sie selbst gutwillig, ja vielfach mehr zur bestärkung der rebellion wider ew. maj. auf sich genommen
verhandlungen d. schles. fürsten u. stände 5, 21; (
der eigentliche sinn von vielfach
tritt nach dem vorhergehenden doppelt
besonders deutlich hervor): ich empfand zum erstenmal einen leidenschaftlichen schmerz, doppelt und vielfach Göthe 25, 1, 47
Weim.; und es ist das ewig eine, das sich vielfach offenbart 3, 84; aber empor spritzt weiszer schaum vor dem stosze der vielfach zuckenden windsbraut (
πολυπλάγκτοις) Voss
Ilias 11, 308.
ungewöhnlich, im gegensatz zu einfach,
wobei es jedoch nicht auf blosz äuszere vermehrung, sondern auf reichere ausgestaltung ankommt: eben dasz er (
Aristoteles) Thespis und Aeschylus verliesz, und sich ganz an den vielfach dichtenden Sophokles hält Herder 5, 212
Suphan; der begriff des verschiedentlichen, mannigfaltigen tritt mehr hervor: in Dante's hölle, wo die verdammten so vielfach gepeinigt werden 22, 28; den gegenüberliegenden berg mit seinen vielfach grünenden gebüschen und schönen waldparthieen Tieck
schriften (1828) 4, 58.
in besonderer wendung: (
Gellula) ist vielfach eine frau und geht im krantze doch Logau
sinnged. 138 (1, 7, 4)
lit. ver. 7@bb)
das adverb. als bestimmung beim adj. und part. praet.: mich zur theilnahme an einer bedeutenden, vielfach wirksamen zeitschrift einzuladen Göthe
briefe 38, 151
Weim. ausg.; bei der auswahl der von dir nach hause geschickten, vielfach unschätzbaren gegenstände Ebner-Eschenbach
ges. schriften 2 4, 83;
die meinung ist, dasz ein groszer theil der gegenstände unschätzbar ist. [] der mann ist vielfach (
in vielen beziehungen) grosz, den du dir auserwählt Göthe 16, 156
Weim.; in wunderlichem ausdruck: und (
die schlangen) drängten mir den vielfach gift'gen zahn gerad an's herz Fouqué
held. d. nordens 2, 109.
beim comparativ, im eigentlichen sinne: ein neues werkzeug ist dem menschenvolk ein vielfachstärkres aug' und ohr und hand Herder 28, 367
Suphan. ein vielfach geflickter rock,
ein an vielen stellen geflickter; vielfach vermehrte und verbesserte auflage;
seltener zusammengeschrieben; der vielfach geschmähte reichskanzler,
der von vielen seiten, oder auch in vielen beziehungen geschmähte; mein gemüth ist so vielfach beschäftigt Goethe 23, 209
Weim.; nehmt einer vielfach geschmähten und geschändeten jungfrau euch an H. v. Kleist
Käthchen von Heilbronn 2, 8.
mit deutlicher hervorhebung der zahlenvorstellung: die vielfach aufeinander gebauten verdecke unseres schiffs Forster
schriften (1843) 1, 147; die vielfach verschlungenen schnüre Holtei
erz. schriften 3, 150; wer öffnet dieser knospen haut, die man nicht ohn' ergetzen schaut, wie vielfach sie gedoppelt sitzen Brockes
ird. vergnügen 2, 100;
nach analogie von viel
wird auch vielfach
mit adj., part. praes. oder praet. zusammengerückt, vgl. z. b. unten vielfachlaut, -redend. 88)
anwendung des adj. in praedicativem gebrauch, in den verschiedenen bisher belegten bedeutungen, doch im allgemeinen in der sprache der gegenwart gemieden; besonders fremdartig klingt uns praedicatives vielfach
auf eine person bezogen, vgl. unten die stelle aus E. v. Kleist;
ferner ist zu beachten, dasz in der heutigen sprache bei nachgestelltem praedicat im plural flectierte form, im singular flectierte form mit ein
der unflectierten form vorgezogen wird; man sagt also lieber: seine bedürfnisse waren vielfache,
als: seine bedürfnisse waren vielfach, der gebrauch dieses arzneimittels ist ein vielfacher,
lieber als: der gebrauch u.
s. w. ist vielfach.
die belege zeigen, dasz der gebrauch der unflectierten form früher nicht gemieden wurde; auf einen plural bezogen: aber seine leiden sind zu vielfach Gerstenberg
Ugolino V; der menschen bedürfnisse sind so vielfach und so verschränkt Göthe
werke, abt. 2, 7, 144
Weim.; unendlich vielfach sind die gedanken, welche in der menschenseele gegen einander kämpfen Freytag
ges. werke 14, 262;
auf den singular bezogen: die gezwungene und gezierte art in ihren geberden und kleidungen ist so wunderlich und so vielfach, dasz ich sie nicht beschreiben kan
die vernünft. tadlerinnen (1725
ff.) 1, 238; vielfach ist der menschen streben, ihre unruh, ihr verdrusz Göthe 1, 38
Weim. kühnere anwendung: (
dieser baum) im bau und umrisz seiner blätter, blüthen und früchte so vielfach und doch sich selbst so harmonisch Herder 22, 517
Suphan; die stadt war grosz, die gesellschaft vielfach Göthe 25, 146
Weim.; heilige, seg'ne, behüte diesz par! mache sie vielfach, wie Abraham war! Weichmann
poesie d. Niedersachsen 7, 163; war vielfach und gelehrt, sich in die zeit zu schicken, verband mit zwanzig sich, um einen zu erdrücken E. v. Kleist 1, 121. 99) vielfach
ist der steigerung fähig, es begegnet comparativ und superlativ: je vielfacher in diesen ihre bedeutung gewandt, und angewandt wird Herder 23, 319
Suphan; eben als wenn eine masse quecksilber fällt und sich nach allen seiten hin in die vielfachsten unzähligen kügelchen zertheilt Göthe 24, 188
Weim.; adverb.: wohl weisz der poet, dasz fromme zumal ihn vielfachst haben gescholten Platen 2, 355
Hempel. [] 1010) das vielfache, ein vielfaches
werden meist in rechnerischem sinne oder doch mit der vorstellung des zahlenmäszigen angewandt: banknoten dürfen nur auf beträge von 100, 200, 500 und 1000 Mark oder von einem vielfachen von 1000 Mark ausgefertigt werden
bankgesetz vom 14. 3. 1875 § 3; eine kleinere teilmünze und eine grobe münze, die oft ein vielfaches der mittleren ist Luschin v. Ebengreuth
münzkunde u. geldgeschichte 153.
eine vielfache,
eine zahl im verhältnis zu einer andern, insofern sie aus dieser durch multiplication gewonnen werden kann; 35
ist eine vielfache
von 7
oder 5;
zu ergänzen ist zahl.