hehr,
adj. praestans, magnus, altus, sanctus, ein nur in den continentalen ländern des deutschen sprachgebietes übliches wort, ahd. mhd. hêr,
alts. mittelniederd. hêr,
nl. heer
in heerlick
magnificus (Kilian).
Die verwandtschaftlichen verhältnisse des wortes genau festzustellen, fällt schwer. als grundbegriff hat man fast allgemein leuchtend, glänzend angenommen, und das gothische, nur einmal begegnende hais
leuchte (
dat. pl. haizam
μετὰ λαμπάδων Joh. 18, 3)
herangezogen, so dasz das r
im auslaute von hêr
auf früheres s
zurückgienge. indes ist das goth. hais
selbst ein etymologisch dunkles wort, das aber wahrscheinlich nicht von seiner wirkung, sondern von der form den namen trägt, das wie goth. mais (
mehr)
eine innere zerrüttung erfahren hat und dessen auslaut suffixaler natur ist, so dasz eine verwandtschaft zwischen beiden wörtern anzunehmen bedenklich fällt. eher möchte hêr (
und dann mit ursprünglichem auslautenden r)
mit sanskr. kil
sich freuen, spielen, tändeln, kila,
spiel, tändelei, kilakilâ
freudengeschrei, kêli
belustigung, spiel, liebesspiel, tändelei (Böhtl.-Roth 2, 292. 293. 428)
zu vermitteln sein, wörter, deren sinn auf der grundanschauung des behagens und des gehobenen fuszt. diese grundanschauung zeigt sich auch beim deutschen hehr
deutlich, wenn es freudig, stolz auszudrücken hat, eine bedeutung, die obschon ahd. nicht bezeugt, doch die ursprünglichste zu sein scheint. Bedeutung und gebrauch. 11)
gehoben, stolz, freudig, mhd. nicht unhäufig: ich was mînes muotes ie sô hêr daʒ ich in gedanken dicke schône lac.
minnes. frühling 180, 1; daʒ si im entrunnen,des wâren si vil hêr.
Nib. 1474, 3; der rede was dô Hagnein sime herzen hêr. 1478, 1; swelch man wirt âne muot ze rîch, wil er ze sêre striuʒen sich ûf sîne rîchheit, so wirt er ze hêre. Walther 81, 25.
nhd. noch in einer formel nachzuweisen: sie thäten mich bald fragen, ob ich der schreiber wär, das sollt ich kurzum sagen; darzu ward mir nicht hehr (=
dabei ward mir nicht wol).
des knaben wunderhorn 2, 256. 22)
überwiegender wird hehr
gebraucht vom hervorragen rücksichtlich der gesellschaftlichen stellung und des ansehens, eine bedeutung die noch jetzt in dem verdunkelten comparativ herr (
s. d.)
dominiert, die auch in den unten folgenden compositen hehrfroh, hehrgut
zu tage tritt: ahd. hêren
proceres, hêrero, hêriro, hêrôro,
praestantior, senior, prior, major, hêrôsto
primus, princeps Graff 4, 988; Lysianuse hêristen in theru steti thiu Abilina was heiʒʒan, untar thên hêriston biscofun Anna in Caipha (
Lysania tetrarcha Abilinae, sub principibus sacerdotum Anna et Caipha).
Tatian 13, 1; er was hêrôro man.
Hildebrandslied 7; manige bischof alsô hêrin, die dir ceichin haftig wârin.
Annolied 101;
alts. sia quâðun that sia kuning ôðran ne habdin undar irô heriskipie, newan thena hêran kêsar fan Rumu-burg.
Heliand 5377;
mhd. Philippe, künec hêre. Walther 16, 36; owê waʒ lob ich tumber man? mach ich mir si ze hêr (
erhebe ich sie zu hoch), vil lîhte wirt mîns mundes lop mîns herzen sêr. 54, 5; gîstu mir dîn swester,sô wil ich eʒ tuon, die schœnen Kriemhilde,ein küniginne hêr.
Nib. 332, 3; daʒ ich ir êre, reht als ein wunderso sunderso sêre minn und meine,si reine,si sælic, si hêre.
frauendienst 394, 20;
mnd. sô stolt is nicht noch sô hêr ein vrouwe, ik vleige an êr lêr (
wange).
niederd. Äsop v. Hoffmann 3, 21;
die moderne schriftsprache ist zu dem gebrauche von hehr
in diesem sinne erst seit dem wieder bekannt werden der mhd. dichtungen gelangt (
vergl. über den neuern gebrauch von hehr
unten no. 6): ich sah noch nie solch einen hehren kreis. Schiller
Demetrius 1, 1; den hehren despoten lieb ich im krieg. Göthe 4, 322; o könig Karl, mein bruder hehr, o dasz ich floh von dir! Uhland
ged. 333.
[] 33)
doch ist hehr
auch in der volksmäszigen sprache des 17.—18.
jahrh. in der bedeutung 2
bezeugt, in der formel nämlich einen hehr halten,
einen hoch ansehen, schätzen: weil er seines schlauen kopfs wegen von der ganzen gemeine schrecklich hehr gehalten wird. Schoch
stud.-leben D ij;
ebenso hehr thun,
hohe absicht haben: sie verwarf alle spekulationen wohlmeinender basen und tanten, die auf eine ehestiftung zielten, und that mit der fräulein tochter so hehr, dasz sich kein junker an sie wagte. Musäus
volksm. 513 (
die entführung). 44) hehr
bezogen auf personen und gegenstände des cultus, auf gott, Christus, die heiligen, wunder, die bibel u. s. w.: ahd. ih ne êroti noh ne gewirdota .. daʒ hêra heilictuom, neheina gotes wîha, fastataga, fîrtaga, andera hêra dultaga. Müllenhoff
u. Scherer 220, 100;
alts. bâdun alo-waldon, hêran heBen-kuning.
Heliand 691;
mhd. daʒ ein magt ein kint gebar hêre übr aller engel schar. Walther 15, 10; hêre frouwe! (
ausruf an die jungfrau Maria). 39, 24; daʒ hêre (
gelobte) lant vil reine. 78, 12; Christ herre! du bist gût, nu hilf uns durch dîn reines plût, durch dîne hêren wunden. Uhland
volksl. 797; daʒ diser segen werde vollebrâht in der hêren namen drîn di ein wârer got sî
n. 815;
nhd. hehr
sacrosanctus, solennis, augustus Alb. cc 3
a; heilig und hehr ist sein name.
ps. 111, 9;
vgl. die auslegung dieser stelle: das wort terribile heisze ich auf mein deudsch, hehr, das man zu latein metuendum, reverendum heiszt. als wenn man ein bilde, kirche, fest, heiligthum oder dergleichen, schön und hehr helt, und gleich mit sorgen und ernst sich dagegen stellt. also ist der name des herrn nicht allein heilig an sich selbs, sondern auch hehr und hoch gehalten von den menschen. Luther 5, 206
b; das heer und werde liecht des evangelii. Mathesius
Sar. 61
a; nachdem die glock grosz und schwer, und die stet heilig, kostlich, heer. B. Waldis
d. päbstl. reich 1, 16;
mit bezug auf das feiern von festen: und (
hat) die heidnischen orgia und Mertens tage alle wochen hehr und heilig gehalten. Mathes.
Sar. 15
a.
Bei neuern steht hehr (
vergl. unten 6)
auch von heidnischen gottheiten, oder von personificationen im gewande der gottheit: dort wo Kalypso wohnt, die schöngelockte, die hehre melodische göttin, die mich gepflegt und erquickt.
Odyssee 12, 449; fragt den forscher, wo die wahrheit wohnt; aber sieh! der himmel ist verschlossen, wo die hehre göttin thront. Tiedge
Urania 1; und so haben mich, im stillen, ... hehre musen auferzogen. Göthe 2, 23; wenn gottheit Camarupa, hoch und hehr, durch lüfte schwankend wandelt leicht und schwer. 3, 104. 55)
die ältere sprache braucht hehr,
zunächst wieder an die bedeutung 2
angeschlossen, weiter von profanen dingen, die sich auszeichnen, hervorstechen: âlôê mit allen dên hêresten salbon. Williram 38, 10; dere geslehte dâre quam wîlin êre von Armênîe der hêrin, dâ Nôê ûʒ der arkin gîng.
Annolied 308; schœniu lant rîch und hêre. Walther 15, 6; dâr ist ein mîle oder mêr, daʒ ich gesach nie burc sô hêr mit aller slachte rîchheit.
Parz. 250, 14.
in diesem sinne noch im 16. 17.
jahrh.: so habe man disen flusz für ein heer und heilig, oder köstlich herrnwasser gehalten. Mathesius
in Wackernagels leseb. 3, 1, 425; soll wol Bireno sie gesehen nacket haben, ihr heere zarte haut und schönste leibes gaben. D. v.
d. Werder
Ariost 2, 68, 2. 66)
später, nach dem 17.
jahrh., ist hehr
in diesem sinne verschollen, und lebt überhaupt (
auszer in den formeln 3)
nur in der bedeutung 4,
in der man es aus Luthers
bibel kennt. in der 2.
hälfte des 18.
jahrh. kommt es wieder in häufige anwendung. Wieland
bezeichnet es in einem aufsatze vom jahre 1792
über die Borussias von Jenisch
als ein '
veraltetes, aber aus Luthers bibel bekanntes'
wort, dessen wiederbelebung er empfiehlt: nur däucht mich sollte es nicht pro lubitu statt eines andern ähnlichen, sondern nur als die stärkste poetische farbe in
[] der ganzen schattirung, zu der es gehört (ehrwürdig, ernst, erhaben, furchtbar, majestätisch, heilig, hehr), und also sehr sparsam gebraucht werden.
werke in der Göschenschen ausgabe 35, 69.
aber er hatte sich selbst nicht an diese regel gebunden, hehr
vielmehr schon 1776
freier verwendet: der ganze hof in kurzer frist gestiefelt und beritten ist. ein hehrer zug!
wintermärchen (
werke 18, 1796
s. 243).
genauer im geiste der Wielandschen vorschrift nahm Klopstock hehr
in die letzte ausgabe seines Messias (1780)
auf: denn es hielt noch immer der sohn aus der fülle der seele mit dem vater gespräche des schicksalenthüllenden inhalts heilig, und furchtbar und hehr.
werke 3, 25;
ähnlich s. 15 (
noch nicht in der ausgabe des Messias von 1751).
es wird nun hehr
wieder häufig im sinne von erhaben, ehrfurchtgebietend gebraucht; so vom menschen, von dessen gefühlen, blicken, aussprüchen: sieh, schlecht und recht, ein bauersmann am wanderstabe schritt daher, mit grobem kittel angethan, an wuchs und antlitz hoch und hehr. Bürger 37
a; richt, ob ich recht, ob unrecht that; auf dich beruf ich mich, dein spruch wird hehr mir sein! Stolberg 15, 216; die ewigen gefühle heben mich, hoch und hehr, aus irdischem gewühle. Göthe 1, 98; wenn du von Laura wahres hast gesungen, von hehrem blick, von himmlischer geberde. Uhland
ged. 126;
von der natur, dem himmel, den sternen: sanft umsäuselten mich und hehr die nächtlichen schauer. Stolberg
gedichte (1779) 162; natur, so hehr! so wunderbar! 183,
die bezüglichen gedichte sind von 1776; ein wundersamer zustand bei hehrem mondenschein brachte mir das lied 'um mitternacht'. Göthe 32, 138; gen himmel blickt ich, er war hell und hehr. 1, 6; nur immer zu! euch ist die welt erschlossen, die erde weit, der himmel hehr und grosz. 3, 29; die hehre welt, wie schwindet sie den sinnen!
s. 30; die welt sie ist so grosz und breit, der himmel auch so hehr und weit.
s. 103; der tempel steht, dem höchsten sinn geweiht, auf felsengrund in hehrer einsamkeit.
s. 139; (
das schlosz) erleuchtet auszen hehr vom sonnengold. 47, 156;
selbst von gebäuden: es stand in alten zeiten ein schlosz so hoch und hehr. Uhland
ged. 390. 77) hehr
heiszt mundartlich auch fein, dünn, schmal, von der druckschrift, vom garn, helltönender stimme. Kehrein 191. Schmidt
westerw. idiotikon 72; hehr geriebenes brot. Vilmar 157.