stieglitz,
m. ,
fringilla carduelis. herkunft und form. seit dem 13.
jh. bezeugt. aus dem slav. entlehnt (
s. Jac. Grimm
kl. schr. 8, 52),
ebenso wie die namen der verwandten vögel girlitz, grünitz, zeisig;
slavisch-deutscher vogelhandel ist im 13.
jh. bezeugt, s. Schrader reallex.2 2, 397.
der heimische name distelfink (
teil 2, 1195)
erlitt durch diese entlehnung starke einbusze. stieglitz
ist offenbar gleich nach seiner entlehnung weit ins schrifttum gedrungen und ist lexikographisch häufig verzeichnet. vielleicht trug zu der raschen verbreitung bei, dasz die vogelkenner in dem fremden wort eine naturgetreue nachahmung seines rufes sehen: aput nos distelvinche,
aput quosdam vero stygeliz
ab imitatione vocis vocatur Albertus Magnus
de animalibus 2, 1415
Stalder; so auch Brehm
tierl. 4, 303;
hwb. d. dtsch. aberglaubens 8 (1937) 481; Brückner
slownik etymol. języka polsk. 545
sieht in den slav. formen (
s. u.)
eine schallnachahmende wurzel. die heutige mundartliche verbreitung des wortes entspricht seiner östlichen herkunft, s. Suolahti
vogelnamen 117:
im nd. von Ostpreuszen bis Westfalen; im md. von Schlesien bis Thüringen, vgl.: stieglitz '
sehr selten' Schöner
Eschenrod i. Oberhess. 52;
darüber hinaus nur stirlitz
luxemburg. 423
b;
im schwäb. augenscheinlich unter schriftsprachlichem einflusz, s. Fischer 5, 1767;
im bair.-österreich. neben distelfink. —
keines der deutschen zeugnisse weist, wegen des auslautes, auf herkunft aus formen wie poln. szczygieł, szczyglik,
tschech. stehlík.
näher stehen tschech. stehlec
und das demin. poln. szczygliczek,
tschech. stehliček,
auch poln. szczyglica '
stieglitzweibchen'.
obersorb. štiglica, štiglic
und andere slav. formen sind aus dem deutschen rückentlehnt, s. Bielfeldt
dtsche lehnw. im obersorb. 262; Miklosich
et. wb. 342;
aus dem deutschen auch lit. štyglìtsas,
s. Alminauskis
germanismen des lit. (1934) 136.
das seit ältester zeit neben stieglitz
häufige stiegelitz
zeigt wohl deutschen sproszvocal, weniger wahrscheinlich ist dagegen direkte wiedergabe einer slav. form wie poln. szczygieł, szczygiełek.
auf einer slav. form beruht wohl der auslaut des nd. stiglitsch, stigelitsch, steilitsch,
s. Mensing
schlesw.-holst. 4, 826; Danneil
altmärk. 212;
nd. korresp.-bl. 16, 84 (
mecklenburg.); Dähnert
pomm.-rüg. 460
a,
vgl. poln. szczygliczek;
andere form zeigt stieglitzk Frischbier
preusz. 2, 371;
vgl. stegelistike
voc. v. 1425
bei Diefenbach 100.
fem. genus ist auszer im nd. auch bezeugt im thür. sdeleze Hertel 235
und im schles. stilze Knothe 518;
so auch: die stieglitz
ein vogel Steinbach 2, 702;
vgl. damit die alten formen mit ausl. e: stigelitze
voc. d. 15.
jh. bei Diefenbach 100; steghelitze
voc. v. 1417
bei Diefenbach
nov. gl. 75.
abweichend von der schriftsprache ist für das altmärk. (
s. o.)
der wortton auf der zweiten silbe bezeugt, wie im poln. szczygliczek;
die gleiche betonung wird auf nd. boden und bei autoren nd. herkunft nicht selten durch reim und rhythmus nahegelegt: Fritze, schtiejlitze, dein zeisig is dodt Brendicke
Berliner wortschatz 178
b; und den vorrath seines gerstentrankes für stieglitzenschmäuse angeschafft U. G. Prätzel
feldherrnränke (1815) 6;
siehe unten noch J. H. Voss (
ders. auch sämtl. ged. [1825] 2, 162), Chr. Ew. v. Kleist (
sp. 2830)
sowie Ringwalt (
s. u.);
abseits steht und für sich zu werten liederbuch der Kl. Hätzlerin 158,
s. u. —
die form mit e
in der hauptsilbe scheint auf das ältere nd. beschränkt: stegelicz
deutsch-preusz. voc. nr. 734
Nesselmann; stegelitze
nd. voc. d. 15.
jh. bei Diefenbach 100; stegelitz
s. u. 2;
auch stegelisse,
s. Schiller-Lübben 4, 376. —
schwed. steglitsa
und älter dän. stiglits
aus dem deutschen, s. Falk-Torp 1167.
bedeutung und gebrauch. 11) stieglitz
erscheint häufig, von den ersten belegen bis heute, associativ mit distel
verbunden, von deren samen er sich nährt (
darauf beruht sein heimischer name):
carduall disteluinch, stigliz (13.
jh.)
ahd. gl. 3, 31, 55; distelfinck, stiglitz
pascitur semine carduorum Er. Alberus
nov. dict. (1540) z 1
a; ein distelvogel, distelfincke oder stieglitz Coler
oec. rur. (1645) 1, 620; die groszen disteln ..., deren saamen die stieglitze auch sehr gerne fressen mögen Döbel
neueröffn. jägerpractica (1754) 2, 255; im sommer werden die stieglitzer da wieder lustig um die rothen distelblumen spielen Storm
w. (1899) 7, 175; nannte der vorfahr ... den distelfink stiegl-iz, weil er das stichelgewächs liebt J. H. Voss
zeitm. d. dt. spr. (1802) 73.
allegorisch: carduelis haizt ain stiglitz. der nert sich von den disteln, und daz ist ain groz wunder, daz der vogel so wol singt. ach got, du waist wol, wa dein stiglitz singent, du waist auch ir haimlich dornezzen wol Konrad v. Megenberg
buch d. natur 183
Pf. —
in der dichtung steht der stieglitz
traditionell in einer reihe anderer kleiner vögel, besonders oft mit zeisig
und fink
zusammen: gallander und die nachtigall stiglicz und zeyslein Seifrid
Alexander 4855; des laids wir da vergassen, wir sahen ob vns sitzen nachtgall, droscheln und stiglitzen
liederbuch der Hätzlerin 158; der zeyssig, stegelitz und henfeling wolten nicht bier sondern wein trinck
spruch u. alcherey von vögeln (
Erfurt, M. Sachs 1532) a 3
b; zu disem sah ich uberall vil drusseln, lerchen, nachtigall, stiglitzen, zeisig, küniglein und andre vögel gros und klein Ringwalt
christl. warnung (1589) e 5
b; wie dann die schwalb, im nest verborgen, mir beut vom giebel guten morgen, und fink, stiegliz und nachtigall vom blütenhain am wasserfall J. H. Voss
s. ged. (1802) 6, 193; stieglitz, zeisig und konsorten Gaudy
s. w. (1844) 1, 194.
der stieglitz
als typ des munteren singvogels: kein stieglitz pfeift mir hier was für Stoppe
Parnasz (1735) 413; als dieser im irrgarten einen munter zwitschernden stieglitz vom baume schosz Holtei
erzähl. schr. (1861) 14, 30; der eintönige stieglitz spielt frage und antwort mit den spatzen im gärtchen Bismarck
briefe an braut u. gattin 365. —
der stieglitz
wird gefangen und im käfig gehalten: ein husz, des dach und wende sollen sin von erendrote dicke geflochten. in das sollen gesatzt werden rephüner, nachtgallen, stigelitz, und ander geslechte vogel wol singinder
Petrus de Crescentiis ruralium commod. lib. (1495) 145
b; es het ein knab ein stiglitz gfangen, im kevit an ein fenster ghangen Burkhard Waldis
Esopus 1, 262
Kurz; zeisige und stieglitze in käfigen aufgehangen zwitschern dazwischen Göthe 25, 113
W.; in winter fungen se steilitschen in en slaggbur, ... de speln int bur Klaus Groth
ges. w. (1893) 1, 11;
daher: wer nit besser, dein strauszmägiger magnet ziehe gold wie der stiglitz die leimrut am wadel nach? Fischart
Garg. 397
ndr.; ja, mein vater hat zwar den stieglitz nicht gefangen — aber er hat doch seine portion mutterwitz Meisl
theatral. quodlibet (1820) 3, 197; sie sehnt sich nach mir, pan Oginski. wie das kind den stieglitz, hält sie mich festgebunden am bein Gerhart Hauptmann
Elga (1929) 53; leben wie ein stieglitz,
id est wol zu essen und zu trincken haben, aber gefangen sitzen Kramer 2 (1702) 970; du wilt mich leycht erst beten lern, du kanst kaumb ein stiglitz ernern Hans Sachs 14, 268
lit. ver. —
der stieglitz
ist durch sein buntes gefieder vor anderen vögeln ausgezeichnet: es gibt viele vögel und darunter auch recht hübsche bunte, aber keiner hat doch so viele farben als der stieglitz
naturgesch. märchen (1904) 70
Dähnhardt; ein stieglitz, dessen tracht die vögel neidisch macht Hagedorn
poet. w. (1757) 2, 144; ... ein heer von bunten stieglitzen hüpft hin und wieder auf strauch, beschaut die blühende distel Chr. Ew. v. Kleist (1760) 2, 29; wie jedes anständige denkende wesen machte ich den versuch, in waffen gegen die welt aufzustehen; sie erhaschten aber den bunten stieglitz schon auf der nächsten hecke wieder und nun sitzt er in seinem käficht W. Raabe
Abu Telfan (1870) 78; Malchen un Salchen keken ut ehre bunten, siden kleder up de drei lütten mätens in ehre verwaschenen kattunen kleder as de stiglitsch up de grasmügg Fr. Reuter 2, 104
Seelm.; steilitsch '
frauenzimmer, das in seinem bunten putze die nase hoch trägt' Richey
hamb. 290;
nach der bunten uniform benannt: stieglitz '
in früherer zeit spottname für die Königsberger stadtsoldaten' Frischbier
preusz. 2, 371; stigliz '
hiesz in Augsburg der schar- und nachtwächter' Birlinger
schwäb.-augsb. wb. 411.
vgl. noch: seine sprache war ein stieglitz, sie hatte, wie es schien, aus allen gauen ein färbchen abbekommen P. Dörfler
Apollonias sommer (1932) 8. 22)
übertragen auf einen fisch: von den stieglitzen. es sind diese gestaltet wie die ellritzen, sie stehen auch in den bächen gerne zwischen den ellritzen. der kopf und der rücken sind durchaus gantz schön buntfleckigt; weshalber ihnen auch nach dem buntfleckigten stieglitz vogel dieser name beygeleget wird Döbel
neueröffn. jägerpractica (1754) 4, 86;
von Adelung
für Sachsen bezeugt: stieglitz
eine kleine fischart 4 (1780) 751. 33)
das fem. gelegentlich für das weibchen: auf dem kleinen zweige ... sasz eine junge stieglitz und lockte so zärtlich ... ich dachte wunder was für eine schöner junger stieglitz ihre verliebten seufzer erhören würde J. Chr. Krüger
schr. (1763) 241.
ebenso gelegentlich stieglitzin: der stieglitz auf der wanderschaft beträgt sich sehr scholarenhaft ... und trifft er eine stieglitzin, — gleich fliegt er zwitschernd zu ihr hin
F. Dahn
ged. (1908) 306.