nackt,
nackend,
adj. nudus; attributiv und prädicativ. II.
Herkunft und formen. Unserm worte entspricht in den urverwandten sprachen sanskr. nagna,
lit. nuoga,
altslav. nagu,
lat. nudus (
für nugdus
s. Corssen
beitr. 100)
von der wurzel nag, nig,
sanskr. nij
blank machen. die germanischen dialekte haben die vocalische ableitung (
lit. und altslav.)
ganz aufgegeben, denn das mundartliche nd. nack
ist nur eine verstümmelte form, und haben das wort gleich dem lat. und sanskr. mit d-
oder n-
ableitung gebildet;
goth. naquaths,
altn. nökkvidhr, nökdhr
und nakinn,
ags. naced, nacod,
engl. naked,
altfries. nakad, naked
und naken,
mnd. naket
und naken,
nd. naket, nakend,
md. nacket, nackit
und nacken (
passional 344, 30
H.). —
In den hochdeutschen formen herrscht die d-
ableitung; das doppelsussix nd, nt
kann durch einschub eines n (nackent,
aus nacket)
oder, was mir wahrscheinlicher ist, durch anfügung eines d (nackend
aus nacken)
entstanden sein. die formen sind: ahd. nachat, nahhut (
im u
klingt noch altes v
nach), nachot, nakot, nachet, nakhit (Graff 2, 1015),
mhd. in älteren denkmälern noch nachot, nachent,
sodann nacket, nact, nackent (Lexer 2, 13),
nhd. nacket (
noch bei Ramler, Lessing), nackt, nackend,
aber auch nacken (Philander 1, 190. Keisersberg
bilg. 148
a. Schm. 1, 1721; 15.
jh.),
in den sieben deutschen gemeinden nackena (
neben nackot, nackont, nackend) Schmeller
cimbr. wb. 149
a.
die mundarten zeigen neben den einfachen (nacket, nackt, nackend)
auch verstümmelte oder durch -ig, -icht
weitergebildete formen: kölnisch, plattd. nack (Hönig 117. Wander
sprichw. 3, 855),
daraus hennebergisch, nassauisch und in Leipzig nackig (Spiesz 169. Kehrein 1, 289. Albrecht 174
b),
das auch schwäbisch-alemannisch vorkommt, s. Birlinger 349. Seiler 218;
ferner nackicht, nackigt (Ch. Weise, D. v.
d. Werder, Rabener, Lessing,
F. Müller, Albrecht
Leipz. mundart), nacketich Harf
pilgers. 145, 4, necketich 144, 7. 11, nackedig Seiler
Basler mundart 218
b, nacktig Albrecht
Leipz. mundart 174
b, nackentig (
neben nackent) Lexer
kärnt. wb. 195. IIII.
Bedeutung, vergl. die synonymen baar, blosz. II@11)
unbekleidet. II@1@aa)
vom menschlichen körper: ahd. ir thultut thuruh got, thaʒ ich giangi nachot. Otfried 5, 20, 75; er giduit, thaʒ thu uueist, thaʒ thu nakot ni geist. 2, 22, 21;
mhd. furhten ich mir begunde, wand ich was nachot.
Milstäter genesis 16, 2; sus lief er über gevilde nacket nâch der wilde.
Iwein 3238; und wær si nacket sam mîn hant.
Erec 652; ich hete ungerne 'decke blôʒ!' gerüefet, do ich sie nacket sach. Walther 54, 22; die aller hande kleider bar und nackent wâren, als si ir müeter gebâren.
krone 28638; ze dir (
welt) ich nacket wart geborn, unt scheide oucht blôʒ von dir.
minnesinger 2, 233
b;
nhd. Aristotiles schreibt in seinem puech: ich cham nackent ân ein tuech .. und nackend var ich wider hin. H. Vintler 368; nackend bin ich ausgegangen von dem leibe meiner muter, nackend ker ich wider dahin.
bibel v. 1483 250
b (
Hiob 1, 20); nacket bin ich in die welt kummen und nacket gang ich wider darusz. Keisersberg
narrensch. 168
b; zer werlt du nacken bist geborn und scheidst öch blos von ir. Philander 1, 190; und sie waren beide nacket, der mensch und sein weib, und schemeten sich nicht.
1 Mos. 2, 25; er gieng nacket und barfus.
Jes. 20, 2. 3. 4; so du einen nacket sihest so kleide in. 58, 7; und bedecke die nacketen mit deinen kleidern.
Tob. 4, 17; Petrus gürtet das hemd um sich, denn er war nacket.
Joh. 21, 7; sie (
Adam und Eva) waren beide nackat gar. H. Sachs 1, 175, 1
K.; da fur er nacket ausz dem bett. 2, 272, 30 (nackent 13); nackend kinder.
F. Platter 187
B.; sy stoth nachet auf. 158; er liesz den poeten ganz nackend auszziehen.
persian. rosenthal 4, 11; ich wolte mich schämen und vor der alten nicht nackend sehen lassen.
Simplic. 1, 554, 3
K.; ein nackendes weibsbild. Chr. Weise
kl. leute 378; Cupinula klaget sehr über Adams fall, drum dasz niemand überall darf ietzund gehn nackend mehr. Logau 1, 2, 60; so hell und schön jetzund die göttin hier erschien, als in Endimjons arm sie sich gab nackicht hin. D. v.
d. Werder
Ariost 18, 173, 4; aber pfui! frau nachbarin, nackigt! ich schämte mich zu tode.
der lustige schuster (1768) 178; die mit der frommen hand .. die nackenden bekleidt. Hagedorn 1, 20; du (
freiheit) die den nackten wilden in wäldern glücklich macht. Uz 1, 242; die nackende sirene scherzt singend bei uns her auf klippenvoller flut. 2, 60; (
der junge Sophokles tanzte) nach einigen nacket und gesalbt, nach andern aber bekleidet. Lessing 6, 283. 307; also ging der held in den kreis schönlockiger jungfraun sich zu mischen, so nackend er war. Voss
Od. (1781) 6, 136; (
der) mich nach den gräbern schleppt' und nackend stehen liesz. Wieland 18, 295; es mangelt ihnen nichts um grazien zu sein, als dasz sie nicht ein wenig nackter waren. 17, 261; sie werden mich in ewigkeit nicht überreden, dasz die sitten eines volkes desto reiner seien, je nackender die weiber desselben sind. 19, 103; bei nackten nonnen hast du ein groszes maul. Schiller 2, 98 (
räuber, schausp. 2, 3); sie will nicht nackend vor seinen augen erscheinen. Göthe 16, 214; ich stehe nackend wie ein missethäter vor gericht. 42, 226; er kann doch nicht nackend gehen. Freytag
ahnen 4, 303; kein schneider kleidet so viele nackte. Göthe 3, 205
H. verstärkt durch das synonyme blosz:
mhd. wir scheiden alle nachent und blôʒ von dir (
welt). Walther 67, 10
var.; der keiser dô mit willen schreit nacket und blôʒ dar în (
ins wasser zur taufe). Konrad
Silvester 1758;
nhd. sît wir nacken und blosz uf das erdrich komen. Keisersberg
bilg. 148
a; noch hastu nie gedacht an die zeit deiner jugent, wie blos und nacket du warest.
Hesek. 16, 22; darumb schambt er sich, das er also nacket und plosz was. Aventin. 4, 47, 29; er schwam nacket (
var. nackat, nackent) und plosz aus. 195, 24; wann einer in kriegsgefahr ist, und nacket und blosz davon kommt, so danket er gott. Schuppius 161; ein derwisch, so auf der straszen .. ganz nackent und blosz in groszer kälte lag.
persian. rosenthal 1, 15; gott hat die unvernünftigen tihre mit ihren wehren, aber den menschen nakkend und blos erschaffen. Butschky
kanzl. 441; da man dem wunderthiere hin an des meeres strandt zu einem speisemaal sie blosz und nackicht band. D. v.
d. Werder
Ariost 19, 39, 8; der arme freund ist ausgezogen und fast, wie Adam, blosz und nackt. Göthe 1, 210; junge hexchen nackt und blosz. 12, 211; es friert uns nicht, gingen wir nackend und blosz 42, 177; nackend und blosz davon laufen. Wieland 8, 222. II@1@bb)
in sprichwörtern und redensarten: dem nackenden die kleider ausziehen (
sich umsonst bemühen). Fischart (
kloster 8, 587); man kan keinen nackenden ausziehen. Frank
sprichwort. 2, 97
a; der nackte ist übel zu berauben; zwei nackte können einander nicht bekleiden; der ist nackt genug, der keine kleider hat; besser nackt und blosz als mit schande grosz
u. a. bei Simrock 392. Wander 3, 854
fg. II@1@cc)
von körpertheilen: mhd. in solhem jâmer er si vant .. mit nackenden armen, mit zerfuortem hâre.
Wigalois 127, 23;
nhd. auch zum molo bewegt sich die menge, wo hingestreckt sonnt die nackenden glieder der bräunliche lazzaron. Platen (1847) 2, 213; nuditäten (
der frau), die durch das dunkelhell der fackeln und der nacht noch zehnmahl nackender ... scheinen als sie sind. Wieland 18, 289; eine braut mit nacketem ars (
ohne hemd, ganz arm). Kirchhof
wendunm. (1602) 2, 275,
vgl. nackarschicht; do legt in (
der nachrichter) mit dem bûch auf den stock und den nachenden hals uf ein stock.
F. Platter 210
B.; nackigter hals bis auf die bruste halb hinab. Mülmann 36; ich erfror an fieszen, so nackend waren.
F. Platter 180
B.; ich, ich bins, Chloe! flieh nicht mit nacketem fusz. Ramler 1, 8; anmutsvoll dann gehn sie mit nackenden füszen nach haus. Voss
Theokrits id. 16, 8; das wasser schwoll, netzt' ihm den nackten fusz. Göthe 1, 186;
bildlich: männer schämen sich beinahe neben einander anderer als stummer empfindungen, aber weibliche seelen öffnen sich gern die verschämten gefühle: denn sie decken das nackte herz mit mutterwärme zu, damit es nicht unter dem enthüllen erkalte. J. Paul
Hesp. 2, 87. II@1@dd) das nackte,
die nacktheit, nackter körper oder körpertheil, tirol. das nacket, das nackits. Schöpf 456. Hintner 174;
besonders das durch die bildende kunst dargestellte nackte des menschlichen körpers: von der zeichnung des nackenden. Winkelmann 3, 66; vereinigen sie sich mit mir, die artisten zu ersuchen, dasz es ihnen belieben möchte, ihre geschicklichkeit im nackenden lieber an irdischen formen .. zu beweisen. Wieland 10, 44; die vollkommenheit des nackten vom menschen, als des höchsten vorwurfs der kunst. Heinse (1857) 1, 231; die blosze vokalmusik ist eigentlich was in den bildenden künsten das nackende ist. 2, 10; das nackte und die schöne form des unterleibs. 1, 300; das nackte der brust bis auf die bekleideten schenkel. 1, 312; sieh, wie er (
der maler) .. mit schlichter natürlichkeit das nackte hier gestaltet. Chamisso (1872) 2, 109; nackte figuren. Winkelmann 3, 217; darstellung des nackten mannes und weibes. Göthe 35, 377; denn wohin sie (
die Abderiten) in dem sahl ihrer gewöhnlichen sitzungen ihre augen warfen, glänzten ihnen schöne nackende kämpfer entgegen. Wieland 19, 18; Virgils Laokoon ist in seinem priesterlichen ornate, und in der gruppe erscheint er, mit beiden seinen söhnen, völlig nackend. Lessing 6, 412. II@22)
leicht und ärmlich gekleidet (
besonders von einem der nichts als sein hemd am leibe hat),
daher auch lumpig, arm, dürftig, ohne vermögen: mhd. si lât in nacket unde blôʒ mit jæmerlîcher armuot.
Barlaam 11, 4;
nhd. ain sun und ein tochter (
erheiratete ich mit der wittwe), die waren auch nackent, die beschlöffent ich von fusz auf. B. Zink 139, 9; do kamen sy (
die mädchen) dick also naket, nur den underrock über sich geworfen, hureten um mich.
F. Platter 147
B.; dasz er (
der wirth) weisz .. sich vor den nackten (
verlumpten) buben zu hüten. Kirchhof
wendunm. 193
a; ich hätte doch wohl so einen nackichten bernheuter gekriegt. Chr. Weise
erzn. 10; man hiesz mich einen nackigten bettler, einen verlaufenen kerl, den man auf der strasze aufgelesen hätte. Rabener (1771) 1, 130; ich bin so nackigt wie ein gratulant.
briefe an Ferber 281; er nannte mich einen nackten abenteurer. Kotzebue
dram. sp. 3, 297;
holstein. en naakte deeren (
ein mädchen ohne vermögen). Schütze 2, 129;
vgl. unten 4
und 6,
f, g. II@33)
ohne schützende waffen und rüstung, unbewaffnet: mhd. ir sehet wol, ich bin nacket gar.
Wigalois 156, 32;
nhd. sind es doch eitel nackete leute und keine krieger.
Judith 5, 25; wie zu gedenken, dasz ein nackender einem schwer angethanen (
geharnischten) zuvor lauft.
b. d. liebe 208, 3; nackete leute (
die keinen harnisch anhaben). Fronsperger 97
a; kein harnisch, kein gewehr .. kan einen weibersinn zu dapferkeit bewegen: vergeusz ihn ganz in stahl, so wird er doch gejagt; ein freier sinn ist blosz und nackend unverzagt. Opitz (1645) 3, 286; aber, nymphen, scheut, o scheut ihn (
Amor) auch nackt! er überlistet, er verletzt euch mädchen doch! denn den waffenlosen rüstet seine ganze schönheit noch. Bürger 114
a; wenn ein wolf aus dichtem walde sprang und ich mit nackter hand umsonst dem räuber wehrte. Schulze
Cäcil. 14, 44.
auch von unbewaffneten augen: da wir mit nacktem auge nirgends farbensäume .. erblicken. Göthe 54, 201. II@44)
von thieren, ohne eine natürliche bedeckung, ungefiedert, unbehaart, ohne schuppen u. dgl.: als ihn Diogenes durch einen nackigten hahn lächerlich machen wollte. Rabener (1757) 1, 142; wenn eine nachtigall die nackte brut verläszt. Götz 1, 103; alda ruhten im neste des sperlings nackende kindlein. Voss
Il. 2, 311;
vergleichend um völlige nacktheit oder armut auszudrücken: so nackigt wie ein gerupfter hahn. Weisze
kom. opern (1768) 2, 155. 174; was? die nackigte maus, ihr bräutigam? Lessing 2, 401; en naakter hund (
ein geldarmer mensch). Schütze
holst. idiot. 2, 128; he is so naakt as en luus. 129; hä ess esu nack wie 'ne wurm. Wander
sprichw. 3, 855. II@55)
von waaren, ohne verpackung: ein nackendes fuder salz. Schm. 1, 1721
Fromm. Lexer
mhd. wb. 2, 13. II@66)
überhaupt unverhüllt, unbedeckt, entblöszt, blank, kahl. II@6@aa)
von theilen des menschlichen körpers: mit nackten köpfen ohne kranz und schleier. J. Paul 48, 173
Hempel; zum schädel ohne zopf und schopf, zum nackten schädel ward sein kopf, sein körper zum gerippe. Bürger (1778) 95; beim kranken gatten sizt der tod, und bei der gattin, blasz und hager, der hunger, welcher schon verderben aus seinen nackten zähnen droht. Gökingk 1, 121. II@6@bb)
von inneren theilen des körpers: indesz alle nerven und wurzeln seiner seele nackt an der harten luft bloszlagen. J. Paul
Titan 1, 110. II@6@cc)
von waffen, ohne scheide, entblöszt, blank: mhd. di tiuren siges helede jageten von dem velde mit nacten swerten.
Rolandslied 199, 9;
nhd. und jeder dolch und jeder nackte degen schleicht in die scheide still zurück. Wieland
Oberon 1, 45; in meiner gegenwart führt ungestraft kein mann das nackte schwert. Göthe 9, 90 (
Iphig. 5, 4); vor dir verbarg er kaum das nackte schwert. 9, 162 (
Tasso 2, 4); er fiel beim anblick des nackten degens .. auf die knie und sagte: barmherzigkeit! J. Paul
Titan 2, 110. II@6@dd)
vom erdboden, unbewachsen, unbedeckt, kahl: es war ihm, als säh er hinein in seine .. zukunft ein volles paradies in die nackte erde gebaut. J. Paul
Titan 3, 2; das feld war izt nakt, der pflug und der saemann giengen izt auf selbigem daher. Geszner 2, 27; aber bald, du mond am hügel, schaust du auf diesz nacktre (
abgeerntete) feld. Gerstenberg
verm. schriften 2, 222; und das nackte gefild begonn zu kreisen, und aufzuwerfen schedel und rippen. Schiller 2, 178 (
räuber, schausp. 5, 1); alsdann war das eigenthum nackt und so unfruchtbar wie das einer landstrasze. Niebuhr 2, 156; eine nackte heide.
F. Müller 2, 311; die nackte erdmasse der berge. Freytag
ahnen 2, 117; der nackende felsen. Klinger 3, x; auf der felsen nackte rippen klettert sie (
die gemse) mit leichtem schwung. Schiller 11, 403; cap Misen ragt mitten im abendlicht als nackende felsbrust. Platen (1847) 2, 172; lechzend eilt sie durch der wüste nackte strecken. Freiligrath (1870) 1, 151. II@6@ee)
von pflanzen, ohne blätter, laublos: aus der wurzel (
der herbstzeitlose) kommen im herbst die blosze nackende blumen ohne kraut oder blätter herfür. Tabernaemont. 1008; die (
blumen der herbstzeitlosen) kriechen also ohn kleidung, das ist ohn krautblätter herfür, sonder schlieffen nacket aus den runden zwibeln .. etliche nennen sie .. nacket huren, dieweil sie ohn kleider, oder ohn kraut erscheinen. Bock
kräuterbuch 601;
sie heiszt auch nackte jungfer. Weber
öcon. lexic. 384
a; du kleidest die heiden und nackigten weiden.
F. Müller 2, 389; und um nackende gesträuche wirft der mai sein buntes kleid. Schubart (1825) 1, 191; wie am nackten zweige des feigenbaums scheinbare früchte sprieszen. J. Paul
Titan 1, 110; nackte äste starrten zwischen dem laube. Freytag
ahnen 5, 1; nackt von,
entblöszt von: drum seht ihr freunde schon beinah das bäumchen nackt von blättern. Göthe 2, 208. II@6@ff)
von früchten, ohne hülse oder mit glatter schale: nackte gerste, nackter hafer
mit nackten körnern, nackter pfirsich
mit glatter haut. Weber
öcon. lexic. 384
a; eine nackte (
schotenlose oder geschälte) bohne,
sprichwörtlich: er ist nackter als eine geschälte bohne. Wander 3, 855. II@6@gg)
von andern gegenständen, besonders von einem frisch abgesprungenen splitter, der als zeichen völliger nacktheit gilt (
s. splitternackt): ein feind der schlafend liegt und nackter als ein splitter, schläft sicher neben mir. Wieland
Oberon 3, 30; nackt und blosz wie eine mörserkeule. Wander 3, 855. II@6@hh)
ohne schützenden anstrich: die schaubaren vorderbeine (
des gartenstuhles) beschirmt man durch firnis vor fäulnis; da man aber die hinterbeine nackt läszt, so bricht der gleiszende edenstuhl rückwärts um. J. Paul
dämmerungen 84. II@77)
besonders von dem nötigsten (
geräte, schmuck u. dgl.)
entblöszt und deshalb kahl aussehend: in dieser beraubten, nackenden .. wohnung. Ayrer
proc. 1, 5; das kind .. schlief in einer kammer auf der nackten erde (
ohne unterlage auf dem bloszen boden). Göthe 18, 172; nichts als die vier nackten wände haben sie stehen lassen. 8, 198; die langen kirchenfenster standen .. nackt und von keinen emporen überbauet da. J. Paul
Nepomukkirche 121. II@88)
daher ärmlich, oder auch schlicht und einfach aussehend: landstrasze, die ... ein nacktes dörfchen durchschneidet. J. Paul
leben Fibels 30. II@99)
nichts als, blosz, für sich allein: die nackte armatur (
des magneten) belehrte mich nicht weiter. Göthe 24, 188; jeder mensch musz nach seiner weise denken .. der blosze nackte instinct geziemt nicht dem menschen. 22, 220; die glückliche ankunft der Iphigenia ward mir .. verkündigt .. herzlich dank ich, dasz mir die nackte ankunft gemeldet worden, möget ihr euer nächstens (nächstes
H.) mit einem guten worte des beifalls begleiten. 27, 275; blose semmelkrumen, nacktes wasser. J. Paul
jubels. 61; Lessing war ein mächtiger schmiedehammer, der auf einen nackten ambos schlug; denn zu seiner zeit hatten die Deutschen weder theater noch litteratur und der hammer fand kein eisen zu schmieden. Börne 2, 178; auf die nackte hand (
bloszen handschlag, ohne pfand und versicherung) einem geld leihen. Gotthelf
Uli der pächter (1859) 104; wir müssen ihm also alles nehmen, bis ihm nichts als die nackte rechtschaffenheit übrig bleibt. Wieland 36, 66; selbst der ungewissheit ausgesetzt, wie er das nackte leben, das ihm übrig gelassen war, erhalten möchte. 1, 26; am fusz des Kaukasus raubt eine wilde horde ... uns die schätze, nur das nackte leben blieb uns zum gewinn. Schiller 13, 344 (
Turandot 1, 1); das nackte dasein. Göthe 24, 239. II@1010)
unverhüllt; in abstracter anwendung: rein, lauter, unverfälscht, klar, deutlich; in der wahren gestalt sich zeigend, ohne beschönigende oder verschönernde zuthat, schmucklos: ich wäre sehr begierig gewesen, den eindruck, den ihr Herrmann auf meine Stuttgarter freunde gemacht, zu beobachten. an einer gewissen innigkeit des empfangens hat es sicher nicht gefehlt, aber so wenige menschen können das nackende der menschlichen natur ohne störung genieszen. Schiller
an Göthe 362 (3, 270); weg dann mit dieser lästigen larve von sanftmuth und tugend! nun sollt ihr den nackten Franz sehen und euch entsetzen!
räuber, schausp. 2, 2; man stelle seine überzeugung klar und nackt hin. Göthe 50, 66; wenn die that nakt vor das auge sich stellt. Klopstock 2, 156; nakt steht da was geschah. 157; die nackte geschichtliche thatsache. J. Paul
Hesp. 1, 80; indem du ... ähnliche empfindungen nackt gibst.
Levana 2, 69; ein nacktes nein. 3, 16; die nackte wahrheit. Logau 1, 3, 13; der die nackte wahrheit scheute. Chamisso (1872) 2, 130; die nackte stärke der wahrheit. Kant 8, 100; nackte worte. Schlosser
weltg. 16, 139; nackte aufrichtigkeit. Holtei
vagab. (1876) 2, 139.