sittich,
m. papagei, entstanden aus griech.-lat. psittacus.
der anlaut des zu grunde liegenden worts bleibt bisweilen erhalten, in neuerer zeit durch bewuszte gelehrte anlehnung an dies (
s. psittich
oben theil 6, 2201),
denn anlautendes griech.-lat. ps
ist nicht der deutschen zunge gemäsz und wird in der regel vereinfacht zu s. gramm. 1
2, 149.
während bei psalm, psalter
die theologische gelehrsamkeit die eigentlich volksmäszige form verdrängt hat (
s. diese oben theil 6, 2198. 2199
und salm
theil 8, 1698),
ist hier sittich
die herrschende form geblieben. auch andre formen, in denen die griech.-lat. endung festgehalten wird (
s. unten sittkust),
sind davor zurückgetreten. in sittich
ist der zweite vocal dem ersten angeglichen und das c
regelrecht zu (c)h
verschoben. Graff 3, 370
bezeugt sitich
neben psitich
aus dem 12.
jahrh. mhd. begegnet sonst sitich, sittich, sitech, setich
und ein pluralisches sitige (Lamprecht
Alex. 5559,
s. unten 2). Lexer
mhd. handwb. 2, 943. 944,
frühmd. sedech, sedec (Berthold v. Holle).
[] ebenda, siedich, sedich. Dief. 470
a, sichtig. Diefenbach-Wülcker 855,
mnd. sedik, sedek, sedeck. Schiller-Lübben 4, 163
a, zetich, zethech,
verkürzt czeke. Diefenbach-Wülcker 855.
die md. und nd. formen mit d
zeigen, dasz das wort von süden gekommen und nach analogie eines wirklich hd. worts behandelt ist. für entlehnung aus dem hd. sprechen auch die nd. formen mit ch.
nhd. setzen sich sitich (15.
jahrh.), sittich
und sittig
fort. Dief. 470
a. Stieler 2044
bietet sittig, Steinbach 2, 594
verzeichnet sittich
als nicht überall gebräuchlich, Adelung sittig
als oberdeutsch, Nemnich sittich
und sittig.
nachdem der historischen erkenntnis unserer sprache gemäsz sittig
nachdrücklich als falsch bezeichnet ist, z. b. Weigand
4 2, 723,
gilt heute allgemein sittich. —
das wort flectiert stark, doch begegnen in älterer sprache gelegentlich auch schwache formen, so Geszners
vogelbuch übersetzt von Heuszlin 220
a (
die stelle s. unter 1). 11)
dem ursprung des worts gemäsz bezeichnet sittich
zunächst den papagei überhaupt. in den oben aus Diefenbachs
gl. angeführten belegen glossiert es psittacus, und in diesem allgemeinen sinne bieten es Steinbach 2, 594, Adelung
und Nemnich,
wird es auch heute noch gebraucht. Megenberg
schreibt: psitacus haiʒt ain sitich, daʒ ist ain vogel in Inden lant, sam Jacobus und Solînus sprechent, und ist grüener varb, aber sein halskraiʒ ist rôtvar und vil nâhent goltvar. 221, 28.
die merkmale passen nicht einmal auf alle papageienarten der alten welt. gemeint ist wol der in Asien und Afrika heimische halsbandsittich,
palaeornis torquatus, der wahrscheinlich zuerst im abendlande bekannt wurde und lange der bekannteste blieb. Megenberg
fand die beschreibung in seinen quellen und kannte selber keinen andern. in Geszners
vogelb. übers. von Heuszlin (1582)
heiszt es: der sickust wirt auch ain sittich und pappengey genennt. 219
b.
dort wird 219
a ein rotgälber sittich
erwähnt, 220
a ein land .., das voll vilgefarbter und schöner sittichen ist.
ebenda steht: die alten habend vast nun (
l. nur) das grün gschlächt erkennt. der sittich ist am gantzen leyb gälgrün, on am hals hat er ein guldin halszband.
da ist augenscheinlich wieder der halsbandsittich gemeint. in quellen des 16.
und 17.
jahrh. werden papagei
und sittich
unterschieden: so der pappagey redt, der sittich, die dolen, die hätz: sag nicht, der vogel ist menschlich, er ist viehisch. Paracelsus 2 (1616), 325 C; beedes sittich und papageyen sind einer fremden specht-art. Hohberg 2, 719
b; der sittig grün, der sittig grün, war bey ihn uber dmassen schö
n. der papagei, het ein grosz gschrei, war frölich bei den dingen. Uhland
volksl.2 32 (
nr. 10 B), 17 (
von 1613). Hohberg
beschreibt die sittiche
so: die sittich reden nichts, aber lachen und pfeiffen, weinen auch, der gleichheit nach wie die kleinen kinder, wann sie kranck sind oder gestäupt werden, sind nicht viel grösser als eine droschel, aber langschweiffig, gantz grasgrün, und am leib etwas liechter; der schnabel und die füsse sind röthlicht und fleischfarb, sonderlich auswärts, inwendig sind sie etwas dunckeler. das männlein hat um den hals ein ringlein gelbgrünlicht.
ebenda. auch dies weist auf den halsbandsittich, der allerdings sprechen lernt. Fleming
teutscher jäger (1719) 159
b bemerkt: die sittich sind auch eine art von papageyen
und wiederholt Hohbergs
beschreibung. Jablonski
lex. (1721) 523
b bietet: eine art (
papageien), die besonders sittich heissen, sind wie eine droszel, graszgrün, mit einem langen schwantze, rothem schnabel und füssen. sie reden nicht, sondern lachen nur, und pfeiffen.
heute bezeichnet man besonders die langschwänzigen papageien als sittiche.
dazu gehören der halsbandsittich,
der grassittich,
der wellensittich
und andere. 22)
der sittich
als sprechender vogel: ouh sante mir di kuningîn fünf hundrit fugelîn sitige unde spingen, di sprechent unde singen. Lamprecht
Alex. 5559; wær ein sitich oder ein star, die mehtin sit gelernet hân daʒ si spræchen Minnen.
minnes. frühling 127, 23; ich wolte, daʒ der anger sprechen solte, als der sitich in dem glas.
minnes. 1, 112
a Hagen; eʒ hêt der künec von Îrlant durch âventiure dar gesant daʒ schœnist pfert daʒ ich ie gesach, und einen sitech, der wol sprach swaʒ er sprechen wolde. Wirnt v. Gravenberg
Wigalois 2517; der sitich kriechisch wörter sprichet, ... daʒ macht der hunger. Hugo v. Trimberg
renner 3687;
[] darausz wird gwiszlich colligirt, das er der schrifft ist ungelert, inn der selben so wol beredt, wie der sittich den glauben bett. Waldis
streitged. gegen herzog Heinrich v. Braunschw. 35. 316
neudr. dargestellt auf kleidungsstücken, tischlaken, als verzierung: in eine hûben er eʒ (
das haar) vie, diu was von bilden wæhe. ich wæne, ieman gesæhe sô mangen vogel ûf hûben. siteche unde tûben die wâren aldar ûf genât. Wernher
Helmbr. 18; dô lêrte Hugdietrîchzwô megde, daʒ ist wâr, alsô wæhe würkenwol ein halbeʒ jâr tischlachen schœne,diu wâren wîʒ unt breit .. siteche unde zîsel,droschel und nahtegal, daʒ was an den endengezieret hin zetal.
Wolfdietrich B 61, 1.
auch auf priesterlichen gewändern (
casula, dalmatica, tunica)
werden sittiche dargestellt. s. citacus. Du Cange 2, 344.
das steht wol im zusammenhange damit, dasz der sittich als sinnbild der unbefleckten empfängnis gilt. vgl. unten sittkust.
vielleicht soll er auch als wappenthier mit beziehung darauf reinheit bezeichnen: die Preising von Wolnzach fuhren im schildt einen sittich.
quelle bei Schm.
2 2, 338. die Sterner und Sitticher zu Basel (
zwei parteien des 13.
jahrh., von denen die eine einen stern, die andre einen sittich im wappen führte). Varnhagen 5, 383.
vgl. Schm.
a. a. o. und sittkust.
in den gleichen zusammenhang gehört es augenscheinlich, wenn frau Zucht einen sittich besitzt. s. sittkust.