gewesen I,
verb. ,
verstärktes wesen (
s. d.).
der defective gebrauch des einfachen verbums, das sich mit den stämmen von sein
und bin
in das verbum substantivum theilt (
vgl. teil 10,
sp. 228
ff. 2,
sp. 31),
bedingt auch für die mit dem präfix verstärkten formen zurückhaltung. dazu kommt noch für die althochdeutsche periode, die das verbum in mehr zeitformen heranzog als die neuere sprache (
s. Graff 1, 1056),
eine auffallende sprödigkeit gegen das präfix. dieses ist nur einmal überliefert: giwisit,
restat. Monseer glossen u. a. z. Gregor, s. Steinmeyer-Sievers 2, 284.
die mittelhochdeutsche zeit ist demgegenüber im vorteil, insofern sie das particip des prät. auftauchen läszt, das ausschlieszlich mit dem präfix belegt ist, vgl. gewesen II
und gewest.
andererseits erleidet sie einbusze auf dem gebiet der präsensformen, die vom stamme sein
erobert werden. mit dem präfix ist hier eigentlich nur der infinitiv belegt (
als seltene zeugnisse für das part. d. präsens vgl. ein got der ie gewesende wart. Walther v.
d. Vogelweide 5, 31
Lachmann; daz si in magt unphiuch, magt getruoch, magt gebar, immer maget gewesende
altd. pred. 1, 41 Schönbach),
und dieser wird auch im rahmen der zusammengesetzten formen durch das concurrenzwort bedrängt (
vgl. gesein sp. 4023).
der indicat. und conjunct. des präteritums andererseits, die den stamm von wesen
auch in der neuern sprache festhalten, haben sich nur vorübergehend als träger des präfix erwiesen. 11)
die formen des präteritums (
zum particip s. u.)
sind vereinzelt im übergang zur mittelhochd. zeit mit dem präfix belegt; in der blüthezeit setzen die zeugnisse gänzlich aus und häufen sich erst wieder bei den nachzüglern und in der prosa des 14.
und 15.
jahrh.: 1@aa) dô ne gewas bî dem mer weder sît noch êr nechên sô stadehafter man.
könig Rother 4873
v. Bahder; dô man ir recht in dâ getete, und sie zwêne an ir gebete gewârin mit ir mâgin, wen biʒ sieʒ genoc gephlâgin: dô ritin sie ungebeitit.
Athis und Prophilias D 121
W. Grimm; dô der hêre Ênêas alsô lange dâ gewas und diu frouwe Dîdô. H. v. Veldeke
Eneit 58, 34
Ettmüller (
var. was); sente Fabianus was pabist ze Rome, und do er lange mit worten unde mit werkin der christenheit vor gewas, do wart er alse huote durch daʒ recht gemartert.
pred. der Leipziger handschr. (177)
Schönbach 1, 279,
vgl. auch Pfeiffer
myst. 1, 430. 1@bb)
die späteren belege weisen alle den gleichen typus wie die beiden letzten zeugnisse auf, gewas
für das plusquamperf. in einem mit der zeitpartikel eingeleiteten nebensatze. 1@b@aα) und dô der selbe Balke meistir in dem lande zwâr gewas unʒ in daʒ sechste jâr, als ich gesprochin hab ouch ê, und er nicht vermochte mê der arbeit, do vûr er auch wider kein dûtschin landin.
N. v. Jeroschin 5678.
ebenso Ulrich v. Thürheim
Willehalm 259
a u. a. vgl. auch mittelhochd. wb. 3, 768
b; und dô si dâ gewâren lange zît, dô wart geoffinbâret sancte Ursulen.
mystiker 1, 223
Pfeiffer;
ebenso 1, 99; dise gezierde fuort er mit ime enweg gein Sicilien. und do er uf sehs jor do gewas, do wart er in eime bade erslagen. Königshofen,
s. d. städtechron. 8, 394. 1@b@bβ)
eines der spätesten zeugnisse —
allerdings der gebundenen sprache entstammend —
zeigt das präfix wieder beim präteritum des hauptsatzes: keines kauffes ich nie froer gewas
Alsfelder passionsspiel 3193
Grein. 22)
für den infinitiv liegen aus der classischen zeit mittelhochdeutscher dichtung belege vor; in der erstarrten form der substantivierung erreicht er überdiesz die neuere sprache. 2@aa)
als verbalform ist der infinitiv mit dem präfix nur neben dem hilfsverb mugen
belegt. 2@a@aα)
die verbindung mit einem adjectiv, die auf die bedeutungsenergie des verbums vor andern drückte, scheint trotzdem das zusammengesetzte verbum zu begünstigen: macht dû mir dar zuo guot gewesen (
var.: wesen) ich engân dir niemer nihtes abe, die wîle und ich daʒ leben habe. Gottfried v. Strassburg
Tristan 1234
Marold; eim ungefriunten knehte enmöhte baʒ gewesen niht. Konrad v. Würzburg
Engelhard 1559; sit si (
die pfaffen) nach rehte niht entuont,wie möhte dan ein leie guot gewesen. Meister Stolle (13)
bei von der Hagen 3, 6
a; wa man sie ir hende legen siht uf siechen hin, die sint genesen, wie siech sie mogent joch gewesen.
ev. v. St. Paul 71
a Schönbach (
Marc. 16, 18); golt ... silber ... edels gesteine und ... alles alzumal, das teuer gewesen mag uf erden. Johann v. Neumarkt
übers. des lebens des heil. Hieronymus (66) 62
Benedikt; de in god den heren sint ghevestiget u bestediget de en konen neuerleiwijs homodich ghewesen. Thom. a Kempis
van der nauolghinge Jhesu Kristi (1489)
buch 2
cap. 10. 2@a@bβ)
verwendungen, die zwischen verbum und subject keine nähere bestimmung aufnehmen: 2@a@b@11))
die engste verbindung von verbum und subject, in der das verbum mehr nur grammatische functionen ausübt, läszt das präfix nur selten zu: eʒ mag hie weder tac noch vride gewesen zwischen mir und in. Joh. v. Würzburg
Wilhelm v. Österreich 4655
Regel. 2@a@b@22))
anders in lockeren verbindungen, in die das verbum mit der vollen bedeutung der existenz eintritt: daʒ er niht bischof mohte sin wand die alde e hat also beschriben in Levitico, daʒ kein bischof mac gewesen ane ganz gelit irlesen.
das buch der Maccabäer (
prolog auf Hyrcan.) 13643
Helm; du warest mit mir und ich was niht mit dir und etleiche dink machten mich verre von dir, di niht gewesen mohten, wenn in dir. (
quae esse non poterant nisi in te). Johann von Neumarkt
übers. der Pseudo-Augustinischen soliloquium (31) 74
Sattler; das ich an dich iht verderb, an den ich mit nicht mag gewesen (
sine te esse non possim) 35 (14); kein ganze kunst mac niht gewesen âne der liehten ougen rôt.
meisterlieder der Kolmarer handschr. 99, 50
Bartsch s. 440; sô spricht er wie daʒ müge gewesen daʒ ein dinc sî wol daʒ beste und das bœste besunder. 136, 5
Bartsch s. 508;
ebenso Alsfelder passionsspiel 1565
Grein; ähnlich 5058; er hiesʒ von dem tode uff stan Lazarum einen toden man und liesz en widder genesen: das mocht von nicht gewesen dan von dem waren godes degen.
Alsfelder passionsspiel 2539
Grein. 2@bb)
die substantivierung ist auch an gewesen
in den beiden hauptformen belegt, die am substantivierten wesen
zu beobachten sind:
in der abstracten bedeutung der existenz und in der übertragung auf die räumlichkeit, in die sie eingeschlossen ist. 2@b@aα) vielleicht werd' ich noch ein paar mal verwandelt, ehe ich das bewusztsein meines ganzen gewesens erhalte und die kette übersehe, welche ich hinauf ging. Hippel (
lebensläufe 3, 2) 4 (1828), 174. 2@b@bβ) das gewesen des alten Jem Bork ist ein opfer der letzten sturmfluth geworden. H. Smidt
meeresstille 26.
bei demselben (
das dünendorf)
der plural gewesen
vgl. oben sp. 5684.