gotik,
f. ,
stil- und epochenbezeichnung, zunächst in der bildenden kunst, dann auch für das zugrundeliegende lebensgefühl. gegen ausgang des 18.
jhs. zu gotisch
gebildet mit dem auf gr. -ικη (
sc. τέχνη),
lat. -ica (
sc. ars)
zurückgehenden, im 19.
und 20.
jh. stark wuchernden abstraktsuffix -ik (
wie klassik, romantik, technik).
für sich steht das im 18.
jh. belegte substantivierte adj. das gothique
aus frz. le gothique
allgemein von mittelalterlicher kunst (
frz. la gothique
ist '
die gotische schrift'): sie wird auch ew. hochfürstl. durchlaucht übrigen kunstsamlung dadurch noch einen merklichen vortheil schaffen, dasz nemlich inskünftige das gothique von denen antiquen und neuern kunstwerken zu beider vortheil, ganz separiret werden wird (1768) R. E. Raspe
bei: R. Hallo
R. E. Raspe 2.
dazu zunächst als gelegenheitsbildung in eingedeutschter form das fem. die gotik: alles, was man unter dem namen der gotik verstehet, ist übertrieben, mit einem ängstlichen fleisz überladen, ohne vernünftige verhältnisse Ad. Fr. Öser
ebda 202. 11)
seit dem 19.
jh., wie gotisch B 2 c,
zuerst in der fachsprache der kunstgeschichte. 1@aa)
der baustil Mitteleuropas gegen ende des hoch- und im spätmittelalter: gothische kirchen dürfen unter ein bestimmtes masz der grösze nicht herabsinken, ohne dasz ihre wirkung beeinträchtigt wird. die gothik ist so ernst und grosz, dasz sie sogleich lächerlich wird, wenn man
[] sie auf zu kleines anwendet (1859) Stifter
s. w. 14 (1901) 127; es ist bemerkenswert, dasz alles gotische oder aus der gotik hergeleitete auf unserem märkischen boden seit wiederbelebung dieses stils (eine epoche, die kaum zwei menschenalter zurückliegt) nicht gelingen wollte Fontane
Havelland (
21880) 426; ich ... meine wähnen zu dürfen, dasz den grünen Alpen nichts besser stehe, als die gothik des deutschen mittelalters Steub
drei sommer in Tirol (1895) 1, 287; von der späteren romanischdeutschen baukunst, insbesondere von der rheinischen, giebt es keinen unmittelbaren übergang zur gotik Springer
hdb. d. kunstgesch. 2 (1895) 186; diese notwendige ideenverbindung zwischen gotik und architektur deckt sich mit der historischen tatsache, dasz die stilepoche gotik von der architektur ganz beherrscht wird ... wenn wir ... von der gotik sprechen, dann steht sofort das bild gotischer kathedralen vor uns Worringer
formprobleme d. gotik (1911) 60; die zweite hälfte des mittelalters, die wir im engeren sinne gotik nennen Schmarsow
gotik i. d. renaiss. (1921) 16; mystische raumstimmung eignet der gotik wie keinem anderen baustil Schwietering in:
zs. f. dt. altert. 60 (1923) 123; die gotik hat nicht einzelne lagen aufeinandergeschichtet, um in die höhe zu kommen, sondern alles geht in einem schusz empor Wölfflin
ged. z. kunstgesch. (1941) 114; für die gotik liegt das bedeutsame nicht in der beharrenden form, sondern in der bewegung, nicht im sein, sondern im geschehen
ebda 112; ... dasz die gotik mehr gewesen als die frucht der verfallenen römischen und griechischen architektur Th. Mann
Lotte in Weimar (1946) 352; ein rathaus, im baucharakter zwischen gotik und renaissance schwebend
ders., Faustus (1948) 59. 1@bb)
schon früh bahnt sich eine bedeutungserweiterung an, bei der die inhaltsgrenzen ins flieszen geraten (
vgl. 3): wird nicht die ganze frucht der modernen aufklärung ... mit der vernichtung bedroht, wenn ... der extremste radikalismus des kritischen verstandes sich mit den bunten gebilden einer groszartig wilden gothik der phantasie versöhnt? Lange
gesch. d. materialism. (1866) VIII; da war dann allerdings von düsterer deutscher gothik und all den alfanzereien nicht mehr die rede; dagegen flosz das stück unter den händen meines freundes mit einer 'griechischen heiterkeit' über das klavier hin (1869) R. Wagner
ges. schr. u. dicht. 8, 317
Golther. 1@cc)
die kunstwissenschaft des 20.
jhs. entwickelt zu schärferer gliederung der gesamten stilepoche zusammensetzungen mit dem grundwort gotik (
vgl. gotisch B 2f): die grundlage der gesamten zeitgenössischen spätgotik Wölfflin
d. kunst Dürers (1919) 236; (
es) trifft nach unserm gefühl jedenfalls nicht das bezeichnende am stilwillen und am seelischen gehalt der hochgotik (1936) A. Hübner
kl. schr. (1940) 271; 'spätgotik' läszt erwarten, dasz vorher eine 'hochgotik' sich zu ihr gewandelt habe ... uns fehlt einfach ein deutlicher name, und deshalb nehmen wir den an sich irreführenden 'spätgotik' an Pinder
kunst d. ersten bürgerzeit (1937) 283; er machte aus der 'deutschen gotik' ... die 'deutsche sondergotik'
ebda 301; neu-
oder neogotik
für die bauten des 19.
jhs., die die bauformen der echten gotik
des mittelalters nachahmen. 22)
daneben im 20.
jh. unter dem bestimmenden einflusz des kunsthistorikers Wilhelm Worringer
zu allgemeiner stilbezeichnung geweitet, die den festen zeitlichen rahmen, der bisher als integrierender bestandteil zum vorstellungsinhalt gehörte, sprengt und allein bestimmte konstruktive grundzüge der gestaltung als entscheidend für die zuordnung ansieht (
vgl. die entsprechende entwicklung für gotisch B 2 d): so geht also der stilpsychologische begriff der gotik auch nach der gegenwart zu über den schulbegriff gotik hinaus W. Worringer
formprobleme d. gotik (1911) 28; der romanische stil ist eine gotik ohne enthusiasmus, eine gotik, die noch in materieller schwere befangen ist, eine gotik ohne letzte transzendentale auslösung
ebda 94; die geheime gotik vor der eigentlichen gotik aufzudecken ..., um auch die geheime gotik nach der eigentlichen gotik bis hinauf in unsere zeit hinein festzustellen
ebda 127;
[] man weisz, dasz eine heimliche gotik durch alle jahrhunderte deutscher kunst durchgeht Wölfflin
gedanken z. kunstgesch. (1941) 123.
ihre eigenart steht in schärfstem gegensatz zur baugesinnung und künstlerischen gestaltung in klassik und renaissance: denn gotik nannten wir die grosze unvereinbare gegensatzerscheinung zur klassik, die nicht an eine einzelne stilperiode gebunden ist, sondern durch all die jahrhunderte hindurchgehend in immer neuen verkleidungen sich offenbart Worringer
a. a. o. 126; der ganze europäische kunstverlauf der nachantiken zeit läszt sich geradezu reduzieren auf eine konzentrierte auseinandersetzung zwischen gotik und klassik
ebda 9; der mann und begriff Raffael ... zeigt symbolisch, ... dasz wir die gotik messen nach der renaissance R. Benz
d. dt. volksbuch (1913) 35.
sie erscheint als kennzeichnender ausdruck bestimmter völkischer anlagen und beziehungen: anderseits deckt sich allerdings diese spezielle heranziehung der Germanen mit unserer ansicht, dasz die disposition zur gotik nur da eintritt, wo germanisches blut sich mit dem blute der anderen europäischen rassen mischt; die Germanen sind also nicht die alleinigen träger der gotik und ihre alleinigen schöpfer; Kelten und Romanen haben denselben wichtigen anteil an der gotischen entwicklung. wohl aber sind die Germanen die conditio sine qua non der gotik Worringer
a. a. o. 29; erheblich war ihm allein (
Raspe), dasz gotik ausdruck jenes germanischen wesens war R. Hallo
R. E. Raspe 226; und wie sehr die kunst Italiens im natürlichen verankert ist, beweist allein die tatsache, dasz die gotik hier nie eigentlich hat fusz fassen können Wölfflin
gedanken z. kunstgesch. (1941) 55. 33)
gleichzeitig erfolgt eine bedeutungsausweitung in anderer richtung durch übertragung auf entsprechende stilformen in anderen künsten (
vgl. oben unter 1 b; gotisch B 2 e): Bachs musik ist gotik A. Schweitzer
Bach (
11908) 336; (
über Bachs musik:) was seinem wesen nach dichterische und bildliche musik ist, stellt sich als klang gewordene gotik dar
ders., leben u. denken (1932) 55; musik der gotik — damit meinen wir die musik, die mit den kathedralen wuchs, die neue klangwelt, die diese geheimnisvollen säulenwälder erfüllte Schmidt-Görg
musik d. gotik (1946) 7; ordnung und bewegung: so erkannten wir die grundelemente der musikalischen gotik
ebda 27; W. Stammler prosa der deutschen gotik (1933)
titel. ferner auf die geistig-seelische haltung, das lebensgefühl und den ausdruckswillen der menschen und der zeit bezogen, die vollendete werke gotischer kunst hervorgebracht haben: uns Deutschen steht das erbteil der gotik jedenfalls näher als die leichten freiheiten Hellas Ginzkey
Brigitte u. Regine 18
Reclam; die opern Händels ... sind deutsches barock, sind barocke gotik G. Müller
gesch. d. dt. seele 3; aus dem abfall von der gotik, den die römischen jahre (
Göthes) gebracht hatten, wurde (
im alter) eine rückkehr zur gotik A. Hübner
kl. schr. (1940) 276.