wildnis,
f. und n., zu wild
adj. II.
form. I@11)
endung. mhd. wiltnisse, wiltnis, wiltnüsse, wiltnus Lexer 3, 895;
im 16.
jahrhundert wiltnus Stainhöwel, H. Sachs, S. Münster, S. Franck, Fischart, Frischlin, Mathesius, Paracelsus, Ayrer, Kirchhof,
Züricher bibel (1531); wildnis Luther, S. Brant, Paracelsus; wildnüsz Arigo, Stainhöwel, Emmelius; wilnüss Arigo;
vereinzelt wiltenüsse Gerstenberg;
vom 17.
jahrhundert an wird wildnis
vorherrschend Harsdörffer, Grimmelshausen, Prätorius, Bucholtz, Lohenstein, Weise, Bodmer; wildnus
findet sich noch bei Opitz, Zinkgref, Grimmelshausen, Moscherosch, Spreng, Rompler, Abraham a St. Clara, Stranitzky
und erhält sich in einzelnen oberdeutschen mundarten, wie bairisch Schmeller,
tirolisch Schöpf,
kärntisch Lexer,
aargauisch Hunziker;
im steirischen wüllnis Unger-Khull
neben wildnus Rosegger II 6, 170. I@22)
flexion. dativ singularis alterthümlich wildnisse, wildnüsse Prätorius
Anthropodemus 1, 397; Joachim
Marienburger treszlerbuch 98, 34;
daneben wildnis Kirchhof
Wendunmuth 1, 13.
alter nominativ pluralis wildnusse, wildnüsse, wildnussen Sebiz 25, S. Münster
cosmogr. vorrede 6; Micraelius 2, 250; Dannhawer
catech. 1, 454; wildnissen Schottel
friedenssieg 4
neudr.; Bodmer
discourse 2, 178. I@33)
geschlecht. mhd. noch häufig neutrum, später nur noch vereinzelt: in das wiltenisse
chronik des Wigand Gerstenberg 131;
im neuhochdeutschen nur noch bei Opitz (
in der bedeutung '
das wild',
s. unten)
und bei Baggesen:
ins öde wildnis der natur
poet. werke 2, 267;
in beiden fällen in übereinstimmung mit dem sonstigen sprachgebrauch, der die concreten substantive auf -nis
meist als neutra, die abstracten als feminina behandelt, vgl. md. gewildnis
n., sowie Wilmanns
gramm. 2, 362. I@44)
wörterbuchbelege: Diefenbach
gloss. 176 a
desertum, 202 c
und 275 c
heremus; wildnisz, wiltnisse
heremus (
oberdeutsch 15.
jh.) Diefenbach-Wülcker 904; wildnusz
einöd. einsam, solitudo, eremus Emmelius 36; wildnüsz Stieler; wildnisz Rädlein; Adelung. IIII.
bedeutung und gebrauch. II@AA.
bedeutungsentwicklung, synonyme. die grundbedeutung ist eine weitere, als der heutige gebrauch vermuthen läszt. das wort bezeichnet ursprünglich nicht ausschlieszlich eine örtlichkeit, sondern ganz allgemein '
wildheit, etwas wildes',
sowohl zuständlich als gegenständlich, wobei wild
nicht in der heutigen, sondern in der alten, umfassenderen verwendung (
also auch als '
wirr, seltsam, häszlich, unrein')
zu verstehen ist. so erklärt sich das ursprüngliche nebeneinander von bedeutungen wie '
wilde örtlichkeit, das wild, wildheit, verwirrung, krankheit, häszlichkeit, unreinheit'.
allerdings scheinen diese verwendungen sämtlich, abgesehen von der erstgenannten, nur der umgangssprache oder den mundarten angehört zu haben, da sie in den wörterbüchern nicht gebucht sind und sich völlig verloren haben. der alten sprache fremd ist die heutige bildliche verwendung von wildnis
für '
üppigwuchernde fülle, hemmende noth, geistige verwirrung'.
synonyme ausdrücke von dem gleichen grundwort sind gewild, gewildnis, wilde, wildene, wildenei, wildernis, wildung,
wildigkeit, wildheit;
vgl. auch engl. wildness,
wildheit, wildnis. II@BB.
gebrauch im einzelnen. II@B@11)
unbewohnte, unwegsame gegend; der vorstellung des waldes, des gebirges und der wüste nahestehend; daher gerne in verbindung mit synonymen ausdrücken wie einöde, wüste, gebirge, wald
u. a.: in der grösten wildnus und einöde Abraham a St. Clara
etwas für alle 1, 28; durch wälder, felder, gärten, wildnis und wüste Brentano 4, 148; aber Judas Maccabeus machte sich davon mit neun brüdern in die wildnis und das gebirge 2.
Maccab. 5, 27; indem er nun durch manch gehölz und wildnis gehet
volksbuch v. geh. Siegfried 62
neudr.; in diser wildnüsz und wald des Haidwangs Knebel
chronik v. Kaisheim 8; in wildnissen und wäldern Kotzebue
dram. werke 7, 265; ich eil' durch busch und wildnis fort Heine 1, 14.
entweder als ein bestimmter, begrenzter landstrich gedacht und dann manchmal durch einen namen besonders gekennzeichnet: ain mennlin wonet in ainer wiltnus Stainhöwel
Äsop 236; an dem flusz Endoram in der wiltnus Isernho Thurneyszer
magna alchymia 66;
oder ganz allgemein und ohne genauere angabe: in Norddeutschland, wo der strauch (
seidelbast) selten in der wildnis vorkommt Schlechtendal
flora von Deutschland 10, 181;
in letzterem falle nach dem alten sprachgebrauch gerne im plural: ain ainsidel ist, der .. in den wildnussen wont Ferdinand v. Tirol
speculum vitae humanae 9
neudr.; (
schwalbenwurz) wachst .. in wildnussen Bock
kreuterbuch 1, 156. II@B@1@aa)
die gewöhnliche volksthümliche und ältere vorstellung der wildnis
ist die eines '
dichten waldes' (
daher die verbindung die grüne wildnis)
oder '
unwegsamen gebirges': als er jagt in eim holze, er in der wildnus funde .. ein kueles prunlein clare Hans Sachs 22, 196, 7
Keller-Götze; da stand er endlich athemlos in der grünen wildnis Arnim 3, 44; ein bergicht land, mit felsen überstreüt, zu dessen wildnis kaum sich eine deichsel waget Drollinger 87; abgründe schlieszen rings umher uns ein, in dieser wildnis fürcht' ich keinen zeugen Schiller 14, 343 (
Tell 3, 2); in den feuchten wildnissen Germaniens A. W. Schlegel
Athenäum 1, 12;
ein sonderfall sind die preuszischen wildnisse, d. h. die aus der ordenszeit herrührenden und zum schutz angelegten grenzwälder im osten und süden des ordenslandes: 2 zimmerman ken Konigisberg zu furen, dy in der wiltnisse slusen sullen machen Joachim
Marienb. treszlerbuch 98; ein schoner wald, Schiman genant, ½ meile von Kottenberg .. leit an der wiltnusz Nostitz
haushaltungsbuch des fürstenth. Preuszen 34, 26; dann sie selbst auf den wildnisemptern bekennen, das viel see in wildnissen sein, der man nicht achte Hennenberger
erclerung d. preusz. landtafel 5; in den ungeheuren wäldern, bei uns (
um Königsberg) wildnisse genannt A. Lewald
ges. schriften 1, 8. II@B@1@bb)
seltener und meist nur in übersetzungen, namentlich in der biblischen sprache '
wüste'
im orientalischen sinne: das also der bock alle ire missethat auf im in eine wildnis trage, und lasse in in die wüste
3. Mos 16, 22; dornoch zugen wir (
die juden unter Moses) witter hin in ein wildnus, die gnent wirt Syn Bächtold
schweiz. schauspiele des 16. jhs. 2, 156; nachdeme Joannes der täufer .. in der wildnus zahm gelebt an den sitten Abraham a St. Clara
merks Wien 122;
in der gewöhnlichen sprache werden dagegen wildnis
und wüste
von einander geschieden: wol ein wildnusz, aber dennocht nit gar ein wüste Stumpf
Schwytzerchronik 426
b. II@B@1@cc)
vom standpunkt des ackerbautreibenden das von der cultur noch nicht berührte land, der wildboden,
im gegensatz zum culturland: drum haben unsre väter für den boden, den sie der alten wildnis abgewonnen, die ehr' gegönnt dem kaiser Schiller 14, 326 (
Tell 2, 2); so gieng er (
der mensch) in der wildnis, und so geht er im civilisirten leben Schopenhauer 1, 405;
gerne dichterisch im gegensatz zum paradies: was ist es nun wunder, dasz jetzt aus der wüsten wildnus Germanie ein paradeis ist worden Franck
chron. Germaniae 3
b; er (
der erste mensch) würde das paradies in eine wildnis verwandelt, und dann die wildnis zum paradies gemacht haben Schiller 9, 129.
auch eine rauhe oder verwilderte culturgegend, wie verwüstete felder, verwahrloste gärten: das lachende land (
wurde) in eine traurige wildnis verwandelt Schiller 9, 298; auch auf dem kirchhofe dringt diese wildnis ein Göthe 48, 167
Weim.; weise dem postillon den leidlichsten weg durch diese zahme wildnis Holtei
erz. schr. 25, 193; gemüse- und blumengärten, vernachlässigte zwischenräume, hollunderbüsche und eingefaszte quellen, alles von bäumen überschattet, bildeten eine reizende wildnis Keller 1, 190.
namentlich ein wildes, von der cultur noch nicht berührtes land in fernen erdtheilen; daher alterthümlich die menschen der wildnis
für späteren plural von wilde
m.: die Sylphes nehren sich wie die menschen der wildnus der kreuter in wälden Paracelsus
opera 2, 184
c; die Lappländer sind nicht rechte christen; dann sie nur in der wildnusz nisten Opel-Cohn
dreiszigjähr. krieg 243; man hat leute in der wildnis gefunden, die nimmer brodt gekostet, und doch gelebet haben Liscov 600; sich ... an die fremden völker und an ihre wildnisse gewöhnen Hebel 2, 432; junge Australier .. kehrten .. in die wildnis zurück Ratzel
völkerkunde 2, 22.
in der wissenschaftlichen sprache mit vorsicht gebraucht: wirklich durchaus öde, von niemand in anspruch genommene wildnis musz für die damalige zeit auf deutschem boden in abrede gestellt werden Wimmer
gesch. des deutschen bodens 15; das südliche Ungarn, mit seinen .. sümpfen, bietet tausenden dieser vögel (
rohrdommeln) einen aufenthalt, während die .. gegenden Deutschlands nur wenige aufnehmen können, weil wildnisse .. hier kaum noch vorkommen Naumann
naturgesch. der vögel 9, 204. II@B@1@dd)
in ungenauer und übertreibender weise auch von örtlichkeiten, denen wesentliche eigenschaften der wildnis
fehlen; so eine bewohnte, aber etwas abliegende und unwegsame gegend: da sie (
die als wölfe verkleideten zauberer) dann in den wiltnissen auf den dörfern den bauren in die häuser fallen Prätorius
Blockesberges verrichtung 264; dasz .. die leute in den wildnissen bis zehn deutsche meilen von dem prediger entfernt Haller
tagebuch und beobachtungen 1, 49;
namentlich eine künstlich angelegte, wildnisartige gartenpartie, im 18.
jh. gebräuchlich, Liechtenstern 10, 378, Hübner
zeitungslexicon 31 4, 940
a: ein chinesischer thurm und hinter demselben verschiedene abgründe und wildnisse Nicolai
Seb. Nothanker 3, 92; die wildnisse, die sie angelegt haben, scheinen natürlich zu sein Göthe 18, 39
Weim. (
die aufgeregten 2, 4); indessen hatte er (
der Schwetzinger garten) doch schon partieen von aller art — chinesische wildnisse, englische einsiedeleien Schubart
leben und gesinnungen 1, 220. II@B@1@ee)
der gefühlston des wortes ist je nach dem standpunkt oder dem zeitalter sehr verschieden. II@B@1@e@aα)
die gewöhnliche, ältere vorstellung scheint fast nur die unfreundlichen züge des bildes zu bemerken, so vor allem die gefahren durch wilde thiere und andere bewohner der wildnis: (
er) besorget, das si nicht von den wolfen und peren in der wiltnüsz zuorissen würde Arigo
decamerone 329, 25; wie .. ein drache der wildnis im lager harret des hirten Bürger 235, 94; da kommt der riese der wildnis, die bange jungfrau flieht Heine 1, 83.
ferner erscheint die wildnis
als stätte der busze und entbehrungen: zoch also von stund an noch seiner (
eines verstorbenen einsiedels) wiltnus Luther 26, 13
Weim. (
ein gesicht bruder Clausen); vergienge er sich in eine wildnis, da er busz gewürket und gestorben Birken
der verm. Donaustrand 136; und wöllen keern unser leben in ain wiltnüs, darinnen wöll wir pleiben
fastnachtsspiele 719, 12;
oder als öde, still, finster, unwirthlich, unwegsam und weit ausgedehnt: nichts unterbricht das schweigen der wildnis weit und breit Salis 62; in dieser langweiligen wildnis, in der man sich zwischen nachteulen und bären befindet Pocci 4, 102; (
ich) in ein finster wildnusz schlich Nic. Frischlin 14; in wildnissen dunkel und dicht Böhme
volksthüml. lieder 282; ungeheuere dunkele wildnüssen Fleming
vollkomm. teutscher jäger 22; die unwirthbarsten wildnisse Lenz 3, 286; sie (
Hänsel und Gretel) verirrten sich bald in der groszen wildnis J.
und W. Grimm
kinder- u. hausmärchen 1, 54; langes gefild' und unabsehbare wildnis Vosz
gedichte 3, 120; durch ungebahnte wildnis Platen 2, 459 (
Abbassiden 1). II@B@1@e@bβ)
daneben findet sich aber auch schon früh eine mildere auffassung, die es gestattet, das wort auch auf schöne und anziehende gegenden anzuwenden: das war ein lüstig wildnusz, die gab im der kaiser für aigen Franck
chron. Germaniae 158
b; in den anmuthigen wildnissen dieses berges (
Ida) Wieland
Lucian 2, 136; in der lachenden wildnis Platen 1, 303;
namentlich neuerdings auf romantische wald- und gebirgsgegenden in der heimath: dasz schöne und volkreiche städte, wie z. b. Passau oder Linz mit den romantischsten wildnissen schnell abwechseln Nicolai
reise durch Deutschland und die Schweiz 2, 425;
ferner erscheint die wildnis
als zufluchtstätte des traurigen und trostsuchenden: so flieh ich denn .. und suche in wildnissen meinen trost maler Müller 3, 307; zur wildnis fliehest du, dem menschen zu entfliehn Rückert 8, 99;
als quelle erhebenden naturgenusses: ich verlor mich in jenen wildnissen voll heiligen schauers auf dem meer, in schlachtgefilden, an einsamen gräbern (
bei Ossian) Herder 18, 464. II@B@22)
wildheit, wildes wesen, verwilderung, zunächst von thieren und menschen: das fleisch .. hat nach Adams fal in seiner wildnusz und vihischer art so vaszt uberhand gewunnen Berthold v. Chiemsee
teutsche theologei 233; (
die thiere) vergessen ihrer wildnusz schier Fischart
lob der lauten 188
Hauffen; ein jeglich wetter .. melden die vögel und das vieh mit geschrei und etlicher weis mit tobigkeit und wildnusz Paracelsus
opera 1, 596 c; ihr habt die wildnis selbst gezähmt Gottsched
gedichte 29; diese wildnis der sitten erstreckte sich .. auf das ganze volk Moser
beherzigungen 3 158; im punkte der ärzte .. denkt der vornehmste pöbel wie der niedrigste und schätzet männer und schoszhunde nach äuszerer zottiger wildnis Jean Paul
Hesperus 3, 111;
auch von pflanzen: solche drei ding werden in der natur also grob, dasz sie nimmer ohn feces nit wachsen, und haben alle mal eine wildnis in inen Paracelsus
opera 1, 478 b; .. über des strauchs wildnis hebt sich der kunst meisterhaft werk daurend empor Klopstock
oden 1, 197 (
Stintenburg 15);
vom urzustand oder der verwilderung eines landes und volkes: das künigreich Scithia zuo denselben ziten dannocht von wildnüs und wüsti unerbuwen Stainhöwel
de claris mulieribus 51; das land lag wegen der beständigen zänkereien seiner verschiedenen besitzer .. in seiner wildnis begraben Schubart
leben und gesinnungen 1, 79; die kräftigen contraste zwischen tüchtigem freisinn in der wildnis und einer zwar geordneten, aber doch immer unzulänglichen barbarischen übergewalt Göthe 41 II, 21, 1
Weim. (
literatur)
; von irgendwelcher andern wildheit, verwirrung, zerrüttung: und sihet noch rot, graurot, wildnis, lest als bleiben, ut est in mundo Luther 34 II, 440, 10
Weim.; warausz dan die grausame wildnusz und zerrüttung aller dinge endlich musz erfolgen Moscherosch
gesichte 2, 117; lasz uns andre, die im schrecken erschaffen, auch schrecken und wildnis lieben maler Müller 2, 128;
vereinzelt im plural von tollen einfällen: dein sinn und kopf ist dermaszen so voller wildnussen Guarinonius
greuel der verwüstung 468. II@B@33)
mundartlich '
krankheit'
und '
krankheitserscheinungen'
verschiedener art, ausgehend entweder von der vorstellung wild '
bösartig'
oder wild '
seltsam, abnorm'
; vgl. wildigkeit. II@B@3@aa)
wildes fleisch in wunden, steirisch Unger-Khull,
bairisch Höfler
krankheitsnamen 805. II@B@3@bb)
brandiges gewebe, geschwulst, hitzbläschen, wie wildfeuer,
bair. Höfler 805;
ferner '
offener schaden am leib, dusel': die gemeinsten heilungsmittel bei krankheiten, die man wildnis oder dusel nennt, sind branntwein, theriak und verschiedene öle Hübner
salzb. 382
bei Schmeller 2, 900;
tirolisch '
ausschlag, geschwür' Schöpf. II@B@3@cc)
verschiedene gefürchtete krankheiten, vor allem fieberanfälle bei wöchnerinnen Schmeller 2, 900;
pestfieber, influenza, reiszende gicht, frostanfall (
wimmes)
; durch verwechslung mit wollnis, wille
auch für '
voluptas',
sämtlich bei Höfler 805;
auch schwächeanfall: als .. der mann .. die amb zu bett funden, fragt die alt mutter, was ihr were? antwort ihr tochter, die kindbetterin, es were sie ein wildnusz ankommen Guarinonius
greuel der verwüstung 768; (
die frauen essen während der badekur häufig) damit nit etwann ein wildnusz zuschlage 955. II@B@44)
bairisch und alterthümlich '
häszlichkeit': dise drei weiber waren ein compendium aller erdenklichen wildnussen Gansler 35
bei Schmeller 2, 900. II@B@55)
in der bergmannssprache '
unreinheit',
vgl. wildigkeit: wann du nun ein erz hast, das viel schwefel, kobalt, vitriel oder andere wildnis bei sich hat Kellner
die wilde antimonische erze 25. II@B@66) '
das wild',
nur bei Opitz
belegt, und zwar als neutrum: alles wildnusz in den wäldern schmeckt die süsze liebeskost
t. poemata 122
neudr.; bei Liechtenstern 10, 378
gebucht als süddeutsch und gleichbedeutend mit wildstand;
kärntisch wildnus,
wildfleisch Lexer 257. II@B@77)
übertragen und bildlich, namentlich in der neueren sprache. II@B@7@aa)
ein üppig wuchernder pflanzenwuchs: da .. alles mit wildnusz verwachsen war
buch der liebe 146
c; wie er durch die wildnis wohlriechender sachen hingegangen Bodmer
v. d. wunderbaren 335; alles von einer üppig blühenden wildnis grünverschlungener ranken, hecken und hohen unkrautes überdeckt Eichendorff 2, 365
Dietze; des unkrauts träge wildnis auszuroden Geibel 1, 117; der garten war von einer wildnis wuchernder feldblumen bedeckt Keller 3, 105; die
epheuwildnis verschlang alle strahlen Heyse
Mer. nov. 260; aus der gelben und grünen
rebenwildnis 61. 173;
auch auf den haarwuchs übertragen: um die stirne war eine wildnis dunkelbrauner haare Stifter 1, 177. II@B@7@bb)
die welt und das menschenleben wegen ihrer öde, verworrenheit und verlassenheit: o ihr elende erdwürmerchen, die ihr in der wildnis und ganz wilde gezeuget seid Bucholtz
Herkuliskus und Herkuladisla 1199; solange noch eine melodie nur tönt, so scheu' ich nicht die totenstille der wildnis unter den sternen Hölderlin 2, 112 (
Hyperion); innerhalb der cultivirten welt, die in einem gewissen sinne auch gar oft eine wildnis genannt werden kann Göthe 24, 122
Weim. II@B@7@cc)
je nach dem standpunkt das landleben oder das stadtleben, ersteres wegen seines mangels an cultur, letzteres wegen der zuchtlosigkeit: zu dieser wildnis frechen städtelebens Göthe 10, 375
Weim. (
natürl. tochter); so wichen diese behaglichen 'herren' und fachgebildeten bettler umgekehrt aus der wildnis des landes in die civilisirtesten groszstädte Riehl
die deutsche arbeit 126. II@B@7@dd)
die nöthe des lebens, weil man keinen weg durch ihre hemmnisse findet: durch grause wildnis ohne trost und rath irrt mein verlangen, einsam, hoffnungsleer Freytag 3, 209 (
Fabier III); in ihrer nöthen wildnis R. Wagner 7, 320 (
Meistersinger). II@B@88)
in stehenden, meist alterthümlichen verbindungen wie eine wildnis
werden, in verwirrung gerathen: das weltlich recht, hilf got, wie ist das auch ein wildnis worden Luther 6, 459
Weim.; — in die wildnis
kommen, verwildern: als do lange zeit kein herre noch graffe gewesen was, alle dinge in wildnüsz kamen und verdorben waren Arigo
decamerone 228, 23; — sich in eine wildnis
führen, sich verirren: der irrt gar dick uff ebner strosz und fürt sich inn ein wiltnis grosz Brant
narrenschiff 38, 6; — in die wildnis
gehen, von der bildfläche verschwinden: das er (
Cicero) ihm (
Catilina) mit dapferen reden zuosetzet, hiesz ihn in die wiltnus ghän Schwarzenberg
der teutsch Cicero 6
b; das geht in die wildnis,
das ist übertrieben, vgl. ins wilde
oben sp. 62: dabei in wehmüthigste gedanken zu versinken, das geht etwas in die wildnis Bettine
Cl. Brentanos frühlingskranz 228; — in die wildnis
gerathen, auf abwege kommen: vor allem soll Guido hören und nicht in die wildnis gerathen Görres
briefe 1, 124; — wî
sint jâ noch nich uf der wildnisse,
in der anarchie, wo ein jeder ungestraft alles thun kann Schambach
götting. idiotikon. auch mit genauerer ausführung des bildes in sprichwörtern und redensarten: in der wildnüsz wachsen selten lorbeerbäume Happel
akad. roman 1005; einen .. falschen boten, der aus der wildnis in die wüste führt Iffland 9, 300 (
die advokaten 5, 13). II@B@99)
als endglied in zusammensetzungen wie alpen-, berg-, blätter-, blüthen-, felsen-, moor- und bruch-, gebirgs-, märchen-, urwald-, wald-, zauberwildnis.