steinicht,
adj. das got. hat in stainahs
Marc. 4, 5
u. 16
eine ihm eigentümliche h-
bildung als mengenadjectiv, das wgerm. dagegen die ht-
bildungen ags. stániht <
*stainaht, stǽniht <
*stainiht Bosworth-Toller 911
b und ahd. steinaht
Tatian 71, 3,
mhd. steineht;
ein älteres steinoht
setzt die obd. kürzung steinot Konr. von Megenberg 450, 24
Pf. voraus. frühnhd. zuerst belegt, setzt sich nhd. steinicht
während des 16.
jhs. durch gegen das im obd. haftende steinächt, steinecht (
aber noch 1669 steinächt Grimmelshausen
Simpl. 572
ndr.).
heute ist steinicht
aus dem sprachgebrauch verdrängt durch steinig (
s. d.),
auf dessen einflusz auch die besonders im 17.
und 18.
jh. häufige schreibung steinigt
zurückgeht; so auch schon früher bei Stumpf
gem. eydgen. chron. (1548) 108
b,
im 19.
jh. z. b. noch bei W. Grimm, Hegel, Grillparzer,
s. u. 2
b und c; Göthe
hat in den Schweizer briefen 1779 steinigt IV 4, 106
W., in der späteren druckfassung steinicht I 19, 235
W. die erweiterte form steinechtig
erscheint in md. glossaren des 15.
jhs.: steinechtig
adriaticus (1414), steynechtigk mer
adriaticum Diefenbach 14
a (
vgl. u. bei 3);
häufig in obd. quellen des 16.
jhs. (
vgl. unten passim):
Züricher bibel (1531) 198
a; Höniger
türck. reich (1573) 23; Wirsung
arzneib. (1588)
reg. s. v. wallwurtz; Fischart
bienenkorb (1588) 72
a; Spreng
Ilias 24
b;
durchgehend bei Frisius,
z. b. 53
a; 755
b; 1001
a; 1183
b; Frischlin
nomencl. (1586) 24
a;
später noch: Grimmelshausen 2, 978
K. über steinachtig
s. bei steinhaftig.
die bedeutung von steinicht
ist weder im stamm einheitlich (
vgl. 1, 2
u. 3),
noch in der funktion des formans (
vgl. 1
und 2). 11)
die hauptbedeutung ist '
voller steine'
: lapidosus steynig, steynicht, steynecht Diefenbach 318
b;
herniosus steynecht (1420)
nov. gl. 202
b;
meist zu stein
lapis, feldstein. 1@aa)
von erdoberfläche oder wassergrund; '
voller steine, mit steinen bedeckt': von naturen, ungesat semden (
binsen) an steinnechter stat wachsen pflegen
buch Hiob 2946
Karsten; in verbindung mit rauh (
vgl. u. c): die schwartzwurtzel ... wächst gern in den hecken, ... auf den straszen neben dem weg, sonderlich da es rauch und steinecht ist Bock
kreuterb. (1580) 184
b; hab ich gedacht, wie weger ist, hübsche blümlin und violen bei eim ruhen und steinechten grund abzubrechen, dann derselbigen ... gar manglen Hedio
Josephus (1531) 5
a;
im bilde: also dasz darausz mercklich abzunemmen, das die (
heil.) schrift nit allein finster, sonder auch der maszen rauh, uneben und steinechtig ist, das die catholische kinder der römischen kirchen sich leichtlich daran stoszen und ein bein brechen Fischart
bienenkorb (1588) 72
a;
neben fels: dise thier wonend in den schrofen und velsen, steinächten orten des meers Herold-Forer
Geszners tierb. (1563) 171
a;
später: ein sanftwallender, stetstrudlender ... steinichter ... liespelnder bach Treuer
Dädalus (1675) 1, 147; die stellpflöcke müssen nach gelegenheit des wetters oder des erdreichs gemacht werden, an dürren steinichtern orten kurtze Aitinger
jagd- u. weidbüchl. (1681) 177;
von landschaften: unten (
an der insel) da wir strandeten, war es meist steinicht und felsicht, und daher wenig busch und ackerbau A. Olearius
persian. reisebeschr. (1696) 34; das land (
bei Brescia) ist steinicht und wenig fruchtbar und ohne hügel Heinse 7, 220
Sch.; der boden ist sehr steinigt, überall liegen sehr grosze hauffen zusammen gelesen (
im frz. Jura, 1779) Göthe IV 4, 106
W. ebenso vom erdreich, '
mit steinen durchsetzt': das steinecht erdreich (
terres pierreuses) ist auch zu saubern, so
[] man die stein abwegschaffet Sebiz
feldbau (1579) 20; der generalmajor ... lies, in betrachtung das erdreich dermaszen steinicht, dasz er mit den approchen in die erde nicht fortkommen können, fascinen verfertigen v. Chemnitz
schwed. krieg (1648) 1, 73; steinichter
boden ist fest, haltbar, tragfähig: ist der grund ... von zähem festen leim, oder steinigt und starck, so wird die (
eis-) gruben nur mit brettern oder strohdecken ausgefüttert v. Hohberg
georg. curiosa (1682) 1, 62; allenthalben hat man chausseen. in Österreich, wo der boden sehr steinicht ist, hat man sich dazu des kieselsandes bedient und nur hie und da ist man genötigt gewesen, grund zu legen Ranke
s. w. 30, 32. 1@bb)
als kulturboden ist steinichtes
land wohl für den weinbau brauchbar: etliche (
böden) sind steinecht und küszlich, welche besser für die räben sindt Sebiz
feldbau (1579) 12.
sonst aber haftet an dem wort der begriff des unfruchtbaren, dürftigen; deutlich entwickelt sich das am gleichnis vom sämann: andaru fielun in steinahti lant
Tatian 71, 3; etlichs fiel in das steinichte, da es nicht viel erden hatte
Matth. 13, 5; damit nicht alle leer in ein steinecht, verdorret, unfruchtbar erdrich fiele und kein frucht brächte Scheit
Grobian. 6
ndr.; ihre sat fiel meist unter disteln und dornen oder in steinichtes land Weinhold
Boie (1868) 10;
auch sonst häufig: die Massilier habend sich, durch rauhe und mägere des steinigten gelends daselbst genötiget, vil mer des meers dann des erdtrichs erneert Stumpf
gem. eydgen. chron. (1548) 108
b;
besonders in der neueren literatur: unfruchtbar erdreich (
bezeichnet man als) das sandichte, steinichte ... erdreich Treuer
Dädalus (1675) 1, 477; ein palmbaum prangt in ihrem schilde gepflanzt auf steinigtem gefilde Brandenburg
bei Weichmann
poesie d. Niedersachsen 6, 196; ein verwilderts steinigt feld, welches schon von vielen jahren nicht den einschnitt eines pflugs, noch der sichel hieb erfahren Triller
poet. betrachtungen (1750) 1, 629; dieser pöbel ... hält sich überzeugt, dasz ein Schweizer schwerlich mehr zu tun fähig ist, als seinen steinichten boden zu umackern Nicolai
literaturbr. 10, 246;
im bilde: transplantieren wollen sie mich? gut! so reiszen sie denn mich geduldige pflanze aus meinem steinigten boden heraus Schubart
bei D. Fr. Strausz 8, 69;
später noch: man ahndet vorher kaum, dasz sich in solcher öde, auf unfruchtbarem steinichten boden, ... menschen ansiedeln konnten Hoffmann v. Fallersleben
ges. schr. 7, 97. 1@cc) steinichter weg
u. ä., mit dem nebensinn '
beschwerlich'
; das biblische bild (
Matth. 7, 14)
steht wiederum voran (
zu der verbindung mit rauh
vgl. o. bei a): o wie eng und schmal ist der weg, der do gat zu dem leben. es ist ein ruher, steynechter, herter weg denen, die do kein tugenden hant Keisersberg
bilgersch. 92
a; sie kamen an ein wegscheid, der ein weg was lüstig und eben, der ander steinecht und ruch Pauli
schimpf und ernst 31
lit. ver.; (
wir) giengen ... oder stolperten vielmehr in dem steinigten wege A. Olearius
persian. reisebeschr. (1696) 249; die wege waren alle felsigt oder steinigt Bahrdt
gesch. s. lebens (1790) 2, 315; wankend und wegesmüde klimmt er hinan den steinigten pfad Grillparzer 2, 38
Sauer; (
Jean Pauls) stil wird man endlich müd, es ist mir immer dabei, als ob ich auf einem steinigten weg ginge Wilh. Grimm im
briefw. zw. J. u. W. Grimm (1881) 65;
anders, '
mit steinuntergrund': es schlich (
im reisewagen) langsam im sande fort, ... auf besserem, steinigtem wege war es noch ärger Hegel
w. 19, 2, 111,
vgl. Ranke
oben 1
a. 1@dd) '
steinhaltig',
in besonderem zusammenhang; '
voller steine': die harten mühlsteine mahlen gutes, die weichen aber steinigtes mehl
allg. haush.-lex. (1749) 2, 301
a;
zu stein '
steinartiges gebilde': nim ein rindes lebern, die niht steineht si
buch v. guter speise 12
lit. ver.; vgl. leberstein
teil 6, 464; die biren werden nicht steynecht, so man
[] vorhin an dem ort, da der birenbaum stehen soll, die stein gantz sauber erliset Sebiz
feldbau (1579) 340; der birnbaum wäre mit seinen meist steinichten früchten zu wenig, den preisz unter den obstbäumen zu erstreiten Lohenstein
Arminius 2, 327
a; steinicht ... birne
lapidosus Frisch 2, 329,
vgl. steinzelle.
in anderem sinne: (
man) kan unschwer schlüszen, dasz ... die steinichten und kalkichten (
wasser) das geblüte versteinern und die eingeweide angreifen Lohenstein
Arminius 2, 738
b. 22)
nicht häufig daneben '
steinern, steinartig',
zu stein
als materie: staineihter, staineger, stainein
saxeus (
Nürnberg 1482) Diefenbach 514
c; wenn die steinichte scherffen die schiff zubrechen, so ist der schiffbruch one auszug allen gemein Bresnicerus
regiment wider die pestilentz (1552) a 7
b; in drei oder vier stunden ..., in welchen das (
vorher erhitzte) wasser, so von der steinichten materi (
hineingeworfenes alaun, saxea materia) erkaltet, widerumb zu sieden anheben wird Bech
Agricolas bergwerkb. 470; dieses ist der ersten gestalt der natur nach der finstern welt ihr coaguliret wesen, und ist das steinichte wesen, versteht die grobheit des steines und aller metallen, so wohl der erden J. Böhme
schr. (1620) 2, 52; oft hat ein abträufelndes wasser in berghölen steinigte theilchen in sich, die sich unten ansetzen und den tuffstein erzeugen
anmuth. gelehrsamk. 6, 730
Gottsched; (
die in einem steinbruch gefundene schildkröte) war hie und da mit einer steinigten kruste umgeben Hufeland
kunst d. menschl. leben zu verlängern (1797) 116; der rauhe, scharffe, ... steinichte ... hagel Treuer
Dädalus (1675) 1, 806;
so auch Frisch: steinicht
als stein, den steinen gleich, lapidi similis 2, 329;
und Adelung
will unterscheiden: steinicht
steinen ähnlich, und steinig
steine enthaltend lehrgeb. 2, 64.
hierher gehört auch steinichtes herz: so bald der mammon die groben, steinechten hertzen eingenomen, ... treibt und verjagt er alle tugent hinwegk Scheit
Grobianus 4
ndr.; wir sollen das alte steinichte und sündenfelsichte hertz hinweg thun Dannhawer
catechismusmilch (1657) 5, 1002,
nach cor lapideum Hes. 11, 19; 36, 26. 33)
zu stein
in der bedeutung felsen: steynecht
petrosus (
md., 15.
jh.) Diefenbach 432
b. steinichtes gebirge
heiszt '
gebirge aus nacktem gestein, felsengebirge': man vindet si (
die regenbogensteine) auch in däutschen landen an dem stainoten geperg Konrad v. Megenberg 450, 24
Pfeiffer; im groszen, hohen, steinechten gebürg (1594)
württ. landtagsacten 2, 1, 210; (
beim ansegeln einer insel) schätzten wir dem ansehen nach, dasz es ein steinächtes, hohes, unfruchtbares gebürge sein müste Grimmelshausen
Simplicissimus 572
ndr.; hinter Montereal, wenn man den schönen weg verläszt und ins steinigte gebirge kommt
schr. d. Götheges. 2, 296;
als übersetzung: auf der wasserscheide der steinigten berge (Rocky Mountains) in Nordamerika liegen die ursprünge des Missuri Ritter
erdkunde (1822) 1, 79;
in gleicher bedeutung: nach 40 tagen, als sie ihre speise verzehret hatten, sahen sie eine insel gegen mitternacht gelegen, die war steinicht und hoch Gabr. Rollenhagen
indian. reisen (1603) 160.
in der bedeutung '
felsenreich, voller felsen': so machten sie doch dem Argrim in ihrem schnee- und steinichten lande, da sie alle schliche wusten, ... mehr zu schaffen, als er ihm hatte träumen lassen Lohenstein
Arminius 2, 904
b; den 22 sten halb vier uhr verlieszen wir unsere herberge, um aus dem glatten Urserner thal ins steinichte Liviner thal einzutreten Göthe 29, 122
W. in geogr. namen: steynechtigk mer (
md., 15.
jh.), steinicht mer (
Nürnberg 1482)
adriaticum, steynnecht mer
adricum mare (
md., 15.
jh.) Diefenbach 14
a;
vgl.: Adria est mare petrosum, ab adros petra (1478)
ebda. steinichtes Arabien (Luther
hat steyn Arabia 10, 1, 1, 551
W. übersetzt)
das antike Arabia Petraea (
eigtl. das zu der stadt Petra gehörige Arabien, d. i. Sinai und östl. angrenzendes gebiet): Loths nachkommen namen ... die steinichte und wüsten Arabien ein Mathesius
Sarepta (1571) 19
a; er hat auch under seinem gewalt Arabiam das steinnechtig und ein theil des fruchtbaren Arabie Höniger
türck. [] reich (1573) 23; (
es sei ein wilder mann zu sehen,) der in der wüstenei des steinigten Arabiae wäre gefangen worden Grimmelshausen
Simplicissimus 548
ndr.; freier: Antonius (
eilte) mit Philadelphus und der steinichten Araber könige Jamblichus nach Actium Lohenstein
Arminius 2, 69
a;
die aufklärung beseitigt diesen namen: (
der verf.) nennt den einen theil (
Arabiens) noch immer das steinigte Arabien, erinnert aber, dasz es diesen namen von der stadt Petra führe
allg. dt. bibl. anhang zu 25-36,
abt. 6, 3413.
homerisch: die völcker auserkohren, welche bewohnten Olenum, ... auch die steinechtig Calydon (
πετρηέσσαν Καλυδῶνα) Spreng
Ilias 24
b;
das 'steinichte
Ithaka' (
κραναή Il. 3, 201,
Od. 1, 247
u. ö.),
mit dem nebensinn des unfruchtbaren, ärmlichen: bei dem Homer sagete der weise man Olysses von seinem dürren, steinichten vaterland Ithaka, er habe kein ... lieblicher gegend gefunden Rätel
Curäi chron. (1607) 303; hingegen vermag ein einiger geist sein niedriges geschlechte, wie Ulysses sein steinichtes Ithaka, ... ans licht der welt zu versetzen Lohenstein
Georg Wilhelms lobschrift (1679) k a
a; die sehnsucht des Ulysses zu seiner alten Penelope und seinem steinigten Ithaka dünkt uns abentheuerlich Herder 3, 32
S.