wocken,
wocke,
m. ,
seltener f., colus, pensum, rocken, spinnrocken; mnd. wocke, wokken,
mnl. wocke Verwijs-Verdam 9, 2756.
seit der mitte des 14.
jh. bezeugtes wort niederdeutscher herkunft, das seit dem 16.,
zunehmend seit dem 19.
jh. bei schriftstellern der nd. und der angrenzenden md. landschaft aus der mundart in den schriftsprachlichen gebrauch eindringt; nur selten, und dann in jüngerem literarischem gebrauch, über dieses gebiet hinaus: bei Göthe
neben rocken
und kunkel
auch wocken I 42, 2, 159
W.; Rückert
ges. poet. w. (1867) 3, 50; Stehr
heiligenhof (1918) 1, 245.
in gleicher bedeutung wie das vorwiegend obd., md. rocken (
s. d.),
das aber auch im nd. neben wocken
begegnet, z. b. eyn garnewinde, eyn haspell, eyn rocke spindeln weruel gordel budell (15.
jh., Rüden in Westfalen)
bei Wigand
archiv f. gesch. u. alterthumskde Westphalens 5, 72; de eyget nycht meer dan ere schapene kleder und eyn spyll und eyn rocken (
Dortmunder willküren des 15.
jh.)
in: zs. d. ver. f. gesch. u. alterthumskde Westfalens 3, 302; wocken
daneben rocken Mi
mecklenburg. 71
b, 108
a; rokə ...
das häufigere synon. ist wokn Teuchert
neumärk. 211. (
über das ebenfalls gleichbedeutende, im westl. teil des obd. und md. verbreitete kunkel
s. d.) —
in der älteren bezeugung überwiegt die form wocke,
wie älteres rocke
neben rocken:
colus wocke (
nd. 1417) Diefenbach
n. gl. 102
b; Bucholtz
Herkuliskus (1665) 316; Stieler (1691) 2531;
im 16.
und 17.
jh. (
wie auch im mundartlichen, s. unten) wocke
gelegentlich als fem.: colus ein wocke oder rocke
generis feminini Trochus
promptuar. (1517) r 2
b; Widerhold (1669) 424
b; Kramer
teutschital. (1678) 1247
a.
die form wocke
noch bis ins 18.
jh.: wocke
vide rocken Kramer 2 (1702) 1378
c; rocken
colus Wachter
gloss. (1737) 1303, wocke
pensum in colo ebda 1921.
seither schriftsprachlich nur wocken,
das aber schon alt bezeugt ist: colus wocken (
nd. 15.
jh.) Diefenbach
n. gl. 102
b;
nomencl. in usum scholar. (
Hamburg 1634) 417; Rachel
satyr. ged. 130
ndr. bei Adelung
und Campe
ausdrücklich als nd. wort. im gen. sing. durchweg mit flexivischem -s: wockens Artomedes 56
pred. (1604) 33; Fouqué
held d. nordens (1810) 2, 72. —
mundartlich ist wocken
auf dem gesamten nd. sprachgebiet und —
mit ausnahme des mittelfränk. —
auch in den angrenzenden teilen des md. verbreitet, so im kurhessischen Vilmar 457,
[] im nordthüring. Kleemann 25
c, Hertel 259,
im mansfeldischen Jecht 125
a,
im ostteil der provinz Sachsen Bruns
volkswb. 75
b,
laut literarischer bezeugung auch in der Niederlausitz: Bas. Faber
Saxonia (1563) 56
a; Tharaeus
klage d. lieben frau Gerste (1609)
in: schr. d. ver. f. d. gesch. Berlins 33 (1897) 55
a Bolte. wocke (
meist neben wocken)
verzeichnen Doornkaat-Koolman
ostfries. 3, 568
a;
brem.-niedersächs. wb. 5, 284; Woeste
westf. 327
b; Strodtmann
Osnabrück 289; Vilmar
Kurhessen 457; Teuchert
neumärk. 251.
formen mit u
im holstein.: wukken Richey
id. hamburg. (1755) 348; Schütze
holstein. 4, 371; wucken, wuppen C. Schumann
Lübeck 19; wucken, wrucken (
die form mit r
unter einflusz von rocken) Mensing 5, 678;
s. auch Sarauw
nd. forschungen 1, 81.
einsilbige formen: wock, wuck Mensing 5, 678;
nordfries. wôk Jensen 708; wogg Schmidt-Petersen 164
b;
ferner wock Hupel
Lief- u. Ehstland 267.
als fem. auch mundartlich nur selten bezeugt: wocke,
f., Woeste
westfäl. 327
b (
aber auch für das westfäl. nicht allgemein gültig); wôk,
f., Jensen
nordfries. 708.
sprachlich gehören wocken
und rocken
nicht zusammen (
s. o. rocken 1).
am ersten stellt sich mnd. wocke
zu as. wocco '
cicindela, docht eines lichtes'
als schwachstufige bildung (
wie vielleicht in norw. oke '
verworrene, verfitzte masse'
; anders Torp 473)
mit übertragung des w
von der hochstufe her (o
nicht durch w-
wirkung aus e,
trotz Wadstein 244)
zur idg. wurzel *eg- '
weben'; '
gewebe',
deren hochstufige entsprechungen vorliegen würden in mnd. wecke '
docht, lunte',
mhd. wicke '
docht', '
scharpie',
ahd. wickilī,
mhd. wickel '
das vom rocken abzuspinnende flachspensum',
mhd. wiht
docht, wozu sich als reduplizierte formen stellen würden ags. wēoce,
engl. wick,
and. viuca (
überliefert vinca)
scirpus (11.
jh.)
ahd. gl. 3, 686, 58
St.-S., mnd. wēke, weike '
charpie, lunte, docht' (
woraus entlehnt dän. væge,
schwed. veke,
norw. veik
docht),
mnl. wieke '
flügel, flederwisch',
nl. wiek '
flügel, charpie, lampendocht',
ahd. wiocha,
mhd. wieche,
nhd. mundartlich wieche (
mit zahlreichen nebenformen) '
gedrehtes garn für docht oder scharpie' (
s. d., vgl. Lidén
studien z. aind. u. vergl. sprachgesch. 25
ff., idg. forsch. 359
ff., Fick 3
4, 381; Walde-Pokorny 1, 247). 11) wocken
bezeichnet wie rocken
und kunkel
sowohl ein spinngerät wie die davon abzuspinnende menge flachs, hanf, wolle u. s. w.; häufig beides zugleich oder doch ohne fühlbare unterscheidung. 1@aa)
colus, ein stabartiges holzgerät, der spinnrocken (
s. o. spinnwocken,
s. u. wockenscheid; wockenstock),
um das beim spinnen mit oder ohne rad das zum abspinnen bestimmte material gewunden wird; in zweiter linie auch das ganze, namentlich das zum spinnen ohne rad gebräuchliche gerät. trotz der mehr nach b '
flachsbündel'
weisenden etymologischen beziehungen (
s. o. as. wocco
cicindela)
so zufrühest (
s. u. den beleg von ca. 1360)
und von jeher vorwiegend bezeugt, vgl. colus wocke (
nd. 1417), wocken (
nd. 15.
jh.) Diefenbach
n. gl. 102
b;
pensum disne (
d. i. flachs) up den wocken (
nd. 15.
jh.)
gl. 423
b;
colus ein wocke oder rocke Trochus
promptuar. (1517) r 2
b; Decimator
sylvae (1591) M m m 4
b;
colus ein wocke, kunkel Orsaeus
nomencl. (1623) 254;
colo aliquid aptare etwas an den wocken machen
nomencl. in usum scholar. (
Hamburg 1634) 417.
sprichwörtlich: was eine an den wocken bindet, das spinnet sie auch ab Petri
weiszheit (1604) 2, Y y 3
b; wocke, wocke, du bist vom quaden (
d. i. bösen) stocke, wenn ich dich ansehe, so thun mir alle knochen wehe
ebda 3, S s s 4
a; wann aber diese faule tockn einschlummern unter ihren wockn, darauf sie mich (
den flachs) gewundn habn Tharaeus
klage d. lieben frau Gerste (1609)
in: schr. d. ver. f. d. gesch. Berlins 33 (1897) 55
a Bolte. in gelegentlicher, wohl nur künstlicher unterscheidung von rocken: 'wocken
ist das oberste theil am spinnerad
oder rocken,
worum der flachs, werck oder die wolle geschlagen wird' Amaranthes
frauenz.-lex. (1715) 2131; spinnen heiszet das auf den wocken gelegte garn ... vermöge
[] des spinnrads oder rockens in tüchtige und gleiche fäden zusammendrehen
ebda 1885.
anderseits steht wocken,
besonders im ostnd., als bezeichnender teil auch für das ganze spinngerät wie spinnrad,
vgl. ein wocken
ein spinnrad Gottsched
sprachkunst (1762) 148 (
neben ein rocken
ein spinnzeug ebda 136): für das spinnrad ist in der prov. Preuszen der fast ausschlieszlich gebrauchte name: der wocken, scherzweise wird es auch die hungerkarre genannt Frischbier
bei Schade
wiss. monatsbl. (
Königsberg 1874) 7, 205; die monde gehen, die jahre gehen vorbei. singend dreht ihren wocken die gräfin Madei Agnes Miegel
ges. ged. (1927) 15; der wock
statt spinnrad
oder rocken Hupel
Lief- u. Ehstland 267; Schemionek
elbingsche ma. 45; Liesenberg
Stieger ma. 221.
der wocken
gilt seit alters als typisches arbeits- und ausstattungsgerät der frau: van deme gherade (
frauengerät) ... dat beste gordel, dat beste vingeren, scho, patinen, wocken, spillen und werven (
ca. 1360,
aus statutarrechten der stadt Geseke)
urk.-buch z. landes- u. rechtsgesch. d. herzogth. Westfalen 2, 474
Seibertz; in gleicher oder ähnlicher aufzählung, formelhaft: he (
der mann) moste my (
seiner frau) halen beyde wocken unde spillen, den wervel sochte he my under der bank
fastnachtsp. 972
Keller; ebda 974; wocken, warvel unde spylle, de hören to der vrouwen warke
de koker in: Reinke de vos (1711) 333;
ebda 375; sêt (
ihr frauen) na der vodinge unde swyget stille unde radet over wocken, warve unde spille (
ged.: van veleme rade
aus einem Wernigeroder druck)
bei Hoffmann v. Fallersleben
findlinge 1, 69; wann sie (
die mutter) dich zum wocken und zur nähnadel geschikt gemacht hatte Bucholtz
Herkuliskus (1665) 300; hette in abwesen ihres frommen ehelichen mannes sich sollen still ... halten, irer hauszarbeit und wockens warten Artomedes 56
pred. (1604) 33; lasz uns drum den geist hinlenken auf das heitre werk des webstuhls und des wockens Fouqué
held des nordens (1810) 2, 72.
als attribut der hexen: da (
auf dem Brocken) fand sich keine hexe mehr, kein besen und kein wocken Rückert
ges. poet. w. (1867) 3, 50; wocken
und schwert
in alter symbolischer gegenüberstellung (
vgl. auch unter kunkel, spille, spindel): ore wif weren menliker mit oren wocken wenn de borger van Magdeborch mit oren swerden (
Magdeburg 1406)
dtsche städtechron. 7, 321; euch stehet nicht zu helffen, dann der wocke henget in eurem hause über dem schwerdt (
von einem pantoffelhelden) herzog Heinr. Jul. v. Braunschweig
schauspiele 246
Holland. 1@bb)
das um den spinnrocken zu windende oder gewundene flachsbündel selbst: für pensum in einem Oldenburg. voc. des 15.
jh. bei Schiller-Lübben 5, 757
b; wocke
pensum in colu Wachter
gloss. (1737) 1921 (
neben rocken
colus ebda 1303).
gelegentlich auf diese bedeutung beschränkt: '
die wocke
heiszt der flachs, die wolle, die seide etc., die man an die kunkel
auf einmal bindet. einige nennen irrig den kunkelstiel
die wocke' Popowitsch
versuch 628; wocke,
f. '
bündchen flachs, welches auf den wockenstock
gebracht werden soll' Woeste
westfäl. 327
b (
dagegen rocken,
m. '
spinnrocken'
ebda 216
b).
in anderen wbb. des westnd. ausdrücklich neben der bedeutung a,
vgl. brem.-niedersächs. wb. 5, 284; Mensing 5, 678.
literarisch: ein ... nest ... musz so weich sein wie der flachs von Reginens wocken Fontane I 2, 326; dasz sie mit den steifen fingern den dicken wocken, den sie ihnen zur nacht noch aufzustecken pflegte, nicht völlig hätten zwingen können Storm
w. (1899) 4, 258.
in bildlicher anspielung auf weibliche haartracht; so vielleicht schon im folgenden beleg: viel putzen sie sich aus und stutzen wie die docken, auch manche geht daher wie ein geputzter wocken und ein geputztes holz Rachel
satyr. ged. 130
ndr.;
[] sie ... war der reizendste backfisch, den sie sich denken können. ich seh noch ihren haardutt, den wir immer den wocken nannten Fontane I 5, 171.
uneigentlich: einen mit der gabel sorgfältig zusammengestochenen wocken heu über die wagenleitern hinaufzulangen Stehr
d. heiligenhof (1918) 1, 245. 1@cc)
häufig sind a
und b
zusammengenommen oder nicht zu unterscheiden, vgl. wocken '
stab, um den der flachs gewickelt ist' Bauer-Collitz
waldeck. 288; wockn '
der spinnrocken mit dem um denselben gewickelten flachs' Danneil
altmärk. 249
b.
so namentlich in den festen verbalverbindungen beim, am wocken sitzen: als er ... kompt, findet er sein weib beim wocken sitzen und spinnen Hennenberger
ercler. d. preusz. landtaffel (1595) 425; ein alt weib spinnet am wocken und betet (1579) Entzelt
altmärk. chron. 96
Bohm; am wocken hinter dem ofen allein sasz Gretchen beim matten lampenschein Hoffmann v. Fallersleben
ges. schr. (1890) 3, 258; sie (
Frigga) sasz am wocken und spann dem dasein das wärmende kleid W. Schäfer 13
bücher d. deutschen seele (1923) 7. den wocken (ab)spinnen
u. ähnl., ursprünglich wohl mehr von b
aus: wer ihn auch nutzer gewest, sie hetten die zeit ihres gelobens ... den wocken gespunnen Carlstadt
von gelubden unterricht. (1521) d 1
a; er solte sich aus Italia drollen und als ein eunuchus neben andern weibern den wocken spinnen Bas. Faber
Saxonia (1563) 56
a; ein wocken abzuspinnen Bastel v.
d. Sohle
junker Harnisch aus Fleckenland (1648) 73; die Jeschke, die ..., wenn sie den faden von ihrem wocken spann, immer nur geschichten ... hören wollte Fontane I 6, 365; dafür erzeigt er sich wie ein getreuer diener, er spuelt den wokken ab, holt gersten, speist die hüner Rachel
satyr. ged. 24
ndr.; gelegentlich auch von a
aus: weil du heut ganz leer den wocken sponnst, Fickchen, komm und sing mir ein te deum
Athenäum (1798) 3, 162; das frauenzimmer dagegen, welches ... mit der spindel vom wocken spann Gaudy (1844) 2, 76.
complex: dər frühling sitzt am wocken, von dem er mit gesängen um meine wildnis grüne schleier spinnt R. Dehmel
ges. w. (1906) 3, 99. 1@dd)
bildlich und übertragen in der für den wortbereich von spinnen
geltenden anwendung auf geistige vorgänge, namentlich auf den gang oder fortgang einer erzählung oder eines gedankens (
s. spinnen III 1, spindel 1 l, spinnrad 2 b);
meist im anschlusz an die verbalen wendungen von c: ich habe noch viele kamellen am wocken, die ich abspinnen musz Fr. Reuter
br. (1863) 496; so lief endlich aus dem verwirrten wocken in seinem bauerngehirn ein faden ab, mit dem er dieses loch zuflicken konnte W. Schäfer
d. verlorene sarg (1911) 172; so könnte ich von dem angefangenen wocken den faden noch lange weiterspinnen. habe ich doch noch nicht mit einem wort an das ... götterwesen der Ilias gerührt R. A. Schröder
aufsätze u. reden (1939) 1, 26.
anders nur vereinzelt: laune spann am wocken des traums, an dem wocken der freude spann die eine, die, sie, alles in allem mir war grafen zu Stolberg
ges. w. (1820) 2, 70.
in negativer wendung, vom aufzehren der lebenskraft: wenn die männer sich mit den weibern schleppen, so werden sie so gleichsam abgesponnen wie ein wocken Göthe I 42, 2, 159
W. 22)
als schimpfwort für einen tölpelhaften, bäurischen menschen, für einen groben kerl begegnet wocken
in teilen des westlichen nd. vom 16.
bis 18.
jh.; wohl von 1 b
aus, mit anspielung auf das spinnmaterial in seinem rohzustande: vnd schreibt Orosinus vom namen Vocaudae, das er sonderlich den bawersleuten sey aufferlegt worden. daher ich schlieszen wolte, das daher bey den Sachsen vnd Westualen geblieben ... das wort wocke, welches zum hohn und spot von dölpischen, groben, ungeschickten
[] leuten gebraucht wird R. Reineck (
aus Steinheim in Westf.)
v. d. Meissner anfengl. herkommen (1576) 107; nur köntestu ungeschliffener wocke mir wol mit höflicher antwort begegnen Bucholtz
Herkuliskus (1665) 316; et is een rechte wocke, een grove wocke vom keerl ... man sagt auch heuwocke, tünswocke, die Lüneburger aber wockfoot:
homo plumbeus Strodtmann
Osnabrück 289;
brem.-nieders. wb. (
für Hannover) 5, 284;
vgl.wokke
importunus, morum agrestium homo Schottel
haubtspr. (1663) 1445; Stieler (1691) 2531. 33)
vereinzelt: dauwe wocken (taube wocken)
schilf und rohr, so in fischteichen wachsen Strodtmann
Osnabrück 289. 44)
auch in den zusammensetzungen geht wocken,
wenn auch in minder zahlreichen bildungen, mit rocken
und kunkel
parallel: