vorhalten,
verb. ,
vgl.fürhalten th. 4, 1, 1,
sp. 740;
mhd. vürhalten Lexer 3, 585; Jelinek 885;
restare nd. vorhalden, vorholden sin Diefenbach
gl. 495
a; vorhalten Maaler 475
c; für-
sive vorhalten,
proponere, significare, remonstrare, arguere, it. commodare, subministrare, suppeditare Stieler 745; für-
et vorgehalten, ich halte vor,
propono, ante oculos pono Steinbach 1, 683; vorhalten Frisch 2, 407
a: Adelung; Campe;
vgl. Fischer schwäb. wb. 2, 1656;
schweiz. idiot. 2, 1234; Martin-Lienhart 1, 330
a; Unger-Khull
steir. wortschatz 247
a;
luxemb. wb. 470
a; Spiesz
henneb. idiot. 272; Frischbier
preusz. wb. 2, 448
a; ten Doornkaat-Koolman 1, 541
a; Mi
meckl. wb. 104
a; Bauer-Collitz
waldeck. wb. 36
b; Mensing
schlesw.-holst. wb. 5, 472
b;
mnld. vorehouden Verwijs-Verdam 9, 997;
übernommen im dän. foreholde. —
das anwendungsgebiet des verbums ist in neuerer zeit eingeschränkt worden, die alte sprache bewegt sich im allgemeinen freier, anderseits ist grade eine häufige gebrauchsweise (
s. unten 4)
erst in neuerer zeit in der schriftsprache zu belegen. 11)
in eigentlicher räumlicher bedeutung, von sich aus nach vorn bringen und in dieser lage halten, vor etwas bringen, deckend, schützend, verbergend. 1@aa)
von gliedern des eigenen körpers: die hand v. Frisch 2, 407
a (
prägnant: vor den mund, beide hände vors gesicht); (
im bilde:) ich halte in meiner schrift die hand nicht vor, wenn ich gähne Hippel
über die ehe (1774) 216; das haupt war ihm in die vorgehaltne hand gesunken Fouqué
zauberring (1812) 2, 32; die letzten worte hatte der kammerdiener mit vorgehaltener hand ins ohr gesprochen E. T. A. Hoffmann 5, 86
Gr.; (
dann) hüstelte er verschiedene male mit vorgehaltener hand Holtei
erz. schr. (1861) 22, 175; (
sie) gähnte heimlich hinter der vorgehaltenen hand Storm (1899) 1, 125. —
plur.: (
sie) bedeckt ihr angesicht mit beiden vorgehaltnen händen A. G. Meissner
skizzen (1778) 2, 102; halt stille, mein hertzgen, was heiszen die possen, nun hältst du gar die hände vor (
beim küssen) Chr. Weise
d. grün. jugend überfl. ged. 33
ndr. arme: um die zum schirm (
ἐν προβολῇ) vorgehaltene linke gewickelt Böttiger
kl. schr. (1837) 2, 52; mit vorgehaltenen armen tastete ich mich durch mein verliesz Gaudy (1844) 3, 148; (
sie) verbirgt das gesicht im vorgehaltenen arm G. Hauptmann
Rose Bernd (1904) 11;
vorstrecken: doch der knappe tritt zurück, spricht mit vorgehaltner rechte Uhland
ged. (1898) 1, 207. 1@bb)
auf waffen bezogen; hier wie auch in den zunächst folgenden gebrauchsweisen kann sich mit der vorstellung des nach vorn bringens natürlich auch schon hier der sinn verbinden, dasz etwas nun vor einen anderen oder ein anderes gehalten wird, bei waffen zur abwehr oder zum angriff: (
Georg,) der mit vorgehaltener büchse leise über das theater schreitet Göthe 13, 1, 321
W.; brüder! brüder! jetzt voran! haltet eure schwerter vor! maler Müller (1811) 1, 365; indem er abgehen will, tritt ihm Frieszhardt mit vorgehaltner pike entgegen Schiller
Wilhelm Tell 3, 3; (
er) ging mit vorgehaltenem degen ihr voraus Laube (1875) 15, 179; indessen nahet sich, mit vorgehaltnen spieszen, die schwarze legion Zachariä
poet. schr. (1763) 1, 131; (
Äneas) hielt den glatten schild und weit die lanze vor (
πρόσθε δέ οἱ δόρυτ' ἔσχε καὶ ἀσπίδα πάντος' ἐίσην Il. 5, 300) Bürger 162
a Bohtz; den schild, sich schützend: alle köchinnen sind bewaffnet in einem corps, sie halten statt den schildern s nudelbret vor Meisl
theatral. quodlibet 2, 50. 1@cc)
so nun allgemein mit objecten verschiedenster art: (
sie) trat ein mit vorgehaltenem lichte Laube (1875) 2, 273.
deckend, verdeckend: umbrella ... der federbusch, den das frawenzimmer vorhält Corvinus
fons lat. (1646) 993; wegen des sonnenscheins halten sie den schatten (
ventilabrum) vor Steinbach 1, 683; (
sie) hielt ein seidenes tuch vor und trocknete sich
d. Leipziger avanturieur (1756) 1, 137; ein admiralskopf — der sein schnupftuch vorhält und sich segel macht Hippel
lebensl. (1778) 1, 433; als ob er hinter dem vorgehaltenen tuche bitterlich weine Langbein (1835) 31, 158; lange hielt dieser die ihn belästigende maske nicht vor Holtei
erz. schr. (1861) 4, 86; sie hielt zwar die schürze vor (
vors gesicht) O. Ludwig (1891) 2, 333; wir saszen alle mit vorgehaltnen krimstechern mit halblinks in den sätteln D. v. Liliencron
kriegsnovellen 194. 1@dd)
landschaftlich, sich v.,
sich nach vorn lehnen: ich erseh das, halt mich vor, und das stemmeisen fahrt mir zolltief in die achsel hinein Nestroy (1890) 1, 77. 1@ee)
die vorstellung, dasz sich der gehaltene gegenstand vor jemandem oder vor etwas befindet, tritt deutlicher hervor, wenn ein dativ hinzutritt, doch kann der dativ auch fehlen. der dativ kann natürlich auch mit dem subject des verbums identisch sein: sich etwas v.;
die zwecke und absichten, die den wendungen ihre besondere färbung geben, lassen sich nicht erschöpfen. 1@e@aα)
zur abwehr, zur bekämpfung, bedrohung u. ä.: einem schweine den spiesz v. Adelung; dahero sich auch einer den vorgehaltenen sebel des printzen unter der lincken brust ... einlieff Ziegler
asiat. Banise (1689) 5; diese (
eine fee) hielt ihm den talisman vor, und er (
ein riese) stürzte ... zu boden Rabener (1777) 5, 88; hierauf hält er den degen dem geist vor Lichtenberg
nachl. (1899) 163; weil ich mich von der vernunft, die er mir, wie Ruggiero seinen feinden das enthüllte glänzende schild, beständig vorhält, nicht will blind machen lassen Fr. H. Jacobi (1812) 1, 116; als der dicke ... auf dem rücken lag, hielt ihm Anton wieder die treue pistole vor Freytag (1886) 4, 420; denn Carl hält Pallas aegide den höllenungeheuern vor Schubart
ged. (1825) 2, 30; die wache hält ihm an der schwelle kreuzweis die hellebarden vor Göthe
Faust 4740; als du die faust ihm vor die nase strecktest, hielt er die faust dir vor Pfeffel
poet. vers. (1812) 5, 49; mit vorgehaltnem eisen zwing einen ich von des gebäudes bewohnern, zu folgen mir Grillparzer 5, 48
Cotta; er singt, anstatt zu schrein und nach dem messer zu greifen, das ihm vorgehalten wird Hebbel
w. 2, 337
W. 1@e@bβ)
deckend, schützend, verdeckend: haltet ihr die hände vor, mag ihre leeren augenlöcher nicht sehn maler Müller (1811) 3, 384; hat mir gott das hemd ausgezogen ..., so will ich mir keine staatslivree als feigenblatt ... v. Bettine
Günderode (1840) 2, 45; in Asien, wo dienende hände ... ihm (
dem fürsten) sonnenschirme vorhalten
rechtsalt. 41, 491; die wackern streitgenossen hielten ihm (
dem Pandaros) die schilde vor (
πρόσθεν δὲ σάκεα σχέθον ἐσθλοὶ ἑταῖροι Il. 4, 113) Bürger 157
b Bohtz. 1@e@gγ)
thiere zu füttern: man soll ihnen (
pferden) allezeit frisches (
wasser) holen und dasselbe v. Walther
pferde- u. viehzucht (1658) 24; körner, die man ihr vorhält (
einer ente) Nicolai
reise durch Deutschl. (1783) 1, 281; unterdessen hatte ich eine schüssel mit wasser dem thiere vorgehalten Holtei
erz. schr. (1861) 2, 54. —
das part. präs. passivisch: als ich mich nun bemühete, die elephanten mit viel schmeichelnden worten und vorhaltendem futter zu besänfftigen Ziegler
asiat. Banise (1689) 20. 1@e@dδ)
und so in allgemeiner, mannigfaltigster verwendung, damit etwas mit den sinnen wahrgenommen, benutzt, ergriffen, irgendwie behandelt, genossen wird u. s. w.: einem etwas v., dasz ers sehe, rühre, rieche
etc. Kramer
teutschital. dict. 1 (1700) 611
c; unterliesz sie doch nicht auch ihren leiblichen augen die gestalt seines angesichts vorzuhalten
theatrum amoris (1626) 192; das sie ihm ein handbeckin vorhalte Zinkgref
apophth. (1628) 209; erstlich kam es nur denen bischöffen zu, die weykertzen denen sterbenden vorzuhalten v. Fleming
d. vollk. t. soldat (1726) 374; (
im bilde:) sie machen die augen zu, wenn man ihnen das licht der wahrheit vorhält
d. vern. tadlerinnen 1, 197; schnupftabaksdose ..., die er mir offen vorhielt Bode
Yoricks empfinds. reise (1768) 1, 48; Diomed hält nämlich dem Achill einen blanken schild vor, in welchem dieser sich besieht (
eine zeichnung) Göthe 48, 37
W.; schauen sie doch nur gefälligst her, sprach Prosper, indem er dem fräulein Balthasars horoskop ... vorhielt E. Th. A. Hoffmann 5, 68
Gr.; da kamen die Franzosen und hielten ihnen den freiheitsbaum vor, mit einer mischung von syrup und cognac bestrichen Immermann 1, 8
B.; hielt ihm den klingelbeutel vor Stifter (1901) 3, 136; um dieses kreuz, das sie mir vorgehalten, musz ich jetzt die lieben hände falten Brentano (1852) 6, 358; ihn (
einen vogel) mit vorgehaltnem finger reizen, dasz er bisse Rückert (1867) 2, 458; am (
dem munde eines toten) vorgehaltnen flaume nicht ein schwaches fäserchen sich beugt A. v. Droste-Hülshoff (1878) 2, 73. 1@e@eε)
besonders häufig ist die wendung jemandem einen spiegel v.,
gern in freiem übertragenerem gebrauch; spiegel
im eigentlichen sinne: ein mädchen, neben ihr kniend, hielt ihr einen reichverzierten spiegel vor Eichendorff (1864) 3, 139;
spiegelndes: (
die nasse strasze) hielt ihm (
dem monde) tausend spiegel vor O. Ludwig (1891) 2, 16; staune, hält der molch, dein vetter dir die pfütze vor als spiegel Fr. W. Weber
Dreizehnlinden (1907) 175. jemandem den (einen) spiegel v.,
ihn zur selbsterkenntnis, zur selbstbesinnung bringen: soll ich diesen vorhang deines herzens wegziehen, dir einen spiegel v. Göthe 39, 32
W.; es ist ein zauberspiel, ein nachtgesicht, das mich erschreckt, das mir einen spiegel vorhält 11, 119; ich will zu ihr ... will ihr einen spiegel v. Schiller
kab. u. liebe 1, 7; (
der einzige,) der ihnen den spiegel der wahrheit treu vorhielt Klinger (1809) 8, 99; ich will mich im möglichst akkuraten spiegel sehen, um den, welchen ich mir selbst vorhalte, damit zu vergleichen fürst Pückler
briefw. u. tageb. (1873) 6, 126; ich zitterte darnach, ihr noch
einmal den spiegel vorzuhalten G. Keller (1889) 4, 65; du hast mir oft den spiegel vorgehalten und absichtslos mich viel und schön belehrt Raupach
dram. w. ernster gattung (1835) 4, 88.
in freieren wendungen: dieser heuchlerischen selbstgefälligkeit den spiegel vorzuhalten Treitschke
hist. u. polit. aufsätze (1886) 1, 325; er (
Lucilius) hielt den lastern Roms den spiegel vor Ayrenhoff (1814) 5, 93; jetzt halten sie (
Roms hügel), ach! nur noch einen spiegel dem frevelhaften trotz des übermuthes vor Tiedge (1823) 2, 194; den feuerspiegel hält die schuld ihr vor A. v. Droste-Hülshoff (1879) 2, 232
Cotta. der sinn der wendung kann aber auch ein anderer sein: haltet ihm in euren spiegeln die freuden des himmels vor (
hoffnung gebend) Schiller
räuber 2, 1; (
diese grundsätze) verdienen noch heut ... der alterthumsforschung als spiegel vorgehalten zu werden (
zur beherzigung) W. v. Humboldt
br. an Welcker (1859) viii (Haym);
kühner: Moritz wird mir wie ein spiegel vorgehalten Göthe IV 8, 144
W.; darf ich in den spiegel schauen, den die hoffnung vor mir hält Tieck (1828) 4, 311. 1@e@zζ)
von einer andern grundanschauung ausgehend: jemandem
oder sich ein glas v.,
um seinen blick zu schärfen oder auch ungünstig zu beeinflussen, ebenfalls oft übertragen: so fern du auch nur ein klein vergröszerungsglasz ... deinen augen v. soltest Ettner - Eiteritz
d. mediz. maulaffe (1719) 12; wenn einem mal die rechte linse für das litterarische treiben vorgehalten wird A. v. Droste-Hülshoff
br. an L. Schücking (1893) 268; drum hielt die eifersucht, eh sich der zorn verlor, ihr das vergröszrungsglas zur rechten stunde vor Rost
verm. ged. (1769) 12; drauf hielt sie mir ein fernglas vor und hiesz mich aufwärts schauen Blumauer
ged. (1782) 209. 1@e@hη)
man beachte noch folgende wendungen; sowohl das subject des verbums wie der hinzutretende oder zu ergänzende dat. kann unpersönlich, gegenständlich sein, wofür schon einige beispiele gegeben sind: ich mus die hand v. (
der hosentasche), das mir der vogel nicht entfliehe
schausp. engl. com. 122
Cr.; so zeigt auch ein gefäsz voll wasser mit flachem spiegelndem boden die ihm vorgehaltnen gegenstände doppelt Göthe II 1, 93
W.; in jedem dorfe, das ihm der bunte grund vorhielt Jean Paul (1826) 7, 166; so muszte er seine wurzel (
der verschlossenen thür) v., und alsbald sprang sie krachend auf
dtsche sagen (1891) 1, 6; es ward gewissermaszen nur die pflaume von weitem vorgehalten der begierde Immermann 15, 87
B. 22)
von der räumlichen vorstellung aus übertragen, dem innern sinn zur kenntnisahme darbieten, womit natürlich die äuszere wahrnehmung und das wirkliche hinhalten unter umständen deutlich vorgestellt werden kann; jemandem oder sich etwas v.: so ist doch hier zum abschlusz das höchste verdienst einer entscheidenden schnelligkeit verkündet und ihm von einem frohen anhänger vorgehalten (
im gemalten triumphzug wird eine tafel mit der inschrift veni, vidi, vici Cäsar vorangetragen) Göthe 49, 283
W.: (
sie hat) das liederbuch verschmähet, so ich ihr zum lernen vorgehalten G. Keller (1889) 1, 48; wenn ich ihm das gedruckte zeugnisz nicht v. kann S.
Brunner erz. u. schr. (1864) 1, 71; (
teufel) suchen den kranken durch v. des (
sünden-)registers zur verzweiflung zu bringen Laistner
nebelsagen (1879) 302. —
die bedeutungsentwicklung zeigt eine allmähliche einschränkung des sinnes bis zur prägnanz, ohne dasz doch der freiere gebrauch ganz aufgegeben wird. 2@aa)
in allgemeinem sinne, etwas zur kenntnisnahme darbieten durch mittheilung, in älterer sprache gern auf belehrung bezogen: v., anzeygen,
proposer, declarer Hulsius-Ravellus (1616) 388
b; für-
sive vorhalten,
proponere, significare Stieler 745;
vgl. Diefenbach-Wülcker 588
und fürhalten 1 a b,
th. 4, 1, 1,
sp. 740; nach vorgesprochnen und vorgehaltnen worten schweeren Frisius
dict. (1556) 743
a; (
bergordnung,) die der son gottes ... seinem volck Israel hat ... erkleren und v. lassen Mathesius
Sarepta (1571) 20
a; (
dasz er ihm solle) diejenigen artickul und puncten v., mit was condition er ihme dienen wolle Widmann
Fausts leben 107
Keller; so viel von dem inhalt und lere, die in Hans Pfriemers historien oder mehrlin wird vorgehalten Hayneccius
Hans Pfriem s. 10
ndr.; er müsse dann zugleich alles annemen, was dieselbige kirch vorhält und glaubt Fischart
bienenkorb (1588) 1
a; so sol der schultheisz ... den eyd v. Reutter v. Speir
kriegsordn. (1594) 52; (
ich) hielt die sache dem hauptmann vor (
meinen plan) Grimmelshausen 1, 233
Kurz; (
encyclopädie, die von) den schönen wissenschaften ihnen (
den frauen) nur soviel vorhält, als nöthig ist, sie zur schönheit des geistes zu bilden Herder 1, 394
S.; es sind dem zeichner nur ... gewisse allgemeine ideen vorgehalten worden, die ihn leiten sollten Lavater
physiognom. fragm. (1775) 1, 22; als ob der fuchs oder wolf, den sie (
die fabel) uns vorhält, die einzigen im lande wären J. Grimm
Reinhart fuchs (1834) x; auff dasz man also dadurch mög vorhalten und spielweisz lehren beyds die alten und auch die liebe zarte jugend so wol die laster als die tugend
griech. tragöd. 1,
s. 267, 19
Dähnhardt. 2@bb)
es tritt dann noch deutlicher die vorstellung hervor, dasz durch das v.
ein eindruck, eine wirkung erzielt wird; es kann daher eine mahnung damit verbunden sein, eine beabsichtigte aufforderung zur äuszerung zu einer sache, eine einwirkung auf das verhalten eines andern, oder noch schärfer, mit einengung des sinnes, soll das v.
eine änderung des bisherigen verhaltens oder der bisherigen meinung bewirken: so will ich die artikel, so von üch vorgehalten, umstoszen Zwingli
dt. schr. (1828) 1, 148; solchem bericht nach ward die stadt abermahl aufgefordert und dem commendanten seine extremität vorgehalten Chemnitz
schwed. krieg 2 (1653) 164; wie man ihm vorgehalten, warumb er so viel übels vom regenten gesprochen, hatt er geantwortet Elis. Charl. v. Orleans
br. 357
Menzel; und wurde inquisitae die deposition ihrer tochter Reginae ... vorgehalten Thomasius
ernsth. ged. u. erinn. (1720) 2, 316;
in dieser anwendung noch jetzt in der rechtssprache sehr häufig: v. zur äuszerung, auf v. erklären
u. ä.; man musz ihnen ihre ehre und reputation v.
discourse d. mahlern (1721) 1, 3; der hr. pastor fährt hierauf fort, mir dinge vorzuhalten, an denen ich nie gezweifelt habe Lessing 23, 122
L.-M.; der lehrer hält ihm die wahrheit vor, damit er sich solche autonomisch aneigne Herder 17, 296
S.; da ihm seine gegner beständig das ansehen des pabstes vorhielten, so ist leicht zu begreifen, wie er dazu gekommen, es endlich ganz zu läugnen
M. I. Schmidt
gesch. d. Deutschen (1778) 5, 64; weiter hat sie ihm bey dieser gelegenheit ... kein memento vorzuhalten Caroline 2, 11
Waitz; deshalb werde meiner seele qualvolles ringen einem dritten vorgehalten, dasz dieser mit unbefangenem urtheil entscheide, was geschehen musz Holtei
erz. schr. (1861) 3, 157; als ihm (
Gottsched) plötzlich Bodmer eine gegenschrift von John Douglas vorhielt Gervinus
gesch. d. dt. dicht. (1853) 4, 52; es war ihm kaum not, sich diesen satz seiner regel vorzuhalten Scheffel (1907) 1, 158; das musz man sich immer wieder v. E. Jünger
d. wäldchen (1928) 74; dein arme seel ... sie hält dir vor des frommen gottes willen Neumark
fortgepfl. musik.-poet. lustw. (1657) 1, 39; wie hältst du gottes furchtbar wort uns vor (
how canst thou urge God's dreadful law to us), das du gebrochen in so hohem maasz?
Shakespeare Richard III. 1, 4; (
wir haben) ihnen auch die strenge unsers ordens, wie wir gewuszt und kunnten, vorgehalten
Z. Werner
d. söhne d. thales (1803) 1, 241. 2@cc)
der gegenstand des vorhaltens kann durch einen satz ausgedrückt sein: wann man einem dieb, den man itz hengen solle, vorhalte, er soll wohlgemuth sein; Christus sey ... nahe bey ihm Zinkgref
apophth. (1628) 281; bis die herren präzeptoren mir ... vorhielten, was ich schon wuszte, dasz dieses gedicht kein bardiet sey Kretschmann (1784) 1, 36; wenn ihr mir aber v. könntet, es freue euch nun einmal so und nicht anders Stifter (1901) 1, 118; diesen wilden republikanern hielt er weislich vor, dasz die tugend das princip der republik sei Ranke (1867) 40/41, 9; (
wenn der jüngling) schweigend, nicht zu stolz, dir vorhielt, dasz die natur ihn für dich geschaffen Klopstock
oden 1, 70
M.-P. 2@dd)
der eigentlichen bedeutung wieder näher sind häufige wendungen wie ein bild, beispiel, muster, etwas als beispiel, muster v.
u. ä.; doch auch hier dann ganz verblassend, besonders vor persönlichem object: die geschichte der völker und zeiten hält uns hierüber warnende beispiele vor Herder 22, 214
S.; künftig werden sie mir von ihr täglich als muster vorgehalten werden Miller
briefw. dreier akad. freunde (1778) 1, 239; dasz ich dieses gemählde so wenig nur allein räubern vorhalte, als die satyre des Spaniers nur allein ritter geiszelt Schiller 2, 10
G.; und er mir dabei allzeit als exempel, wie ich werden solle, vorgehalten worden ist Gaudy (1844) 4, 122; ihm die erfahrungen und das beispiel seines eignen lebens vorhaltend Gervinus
gesch. d. dt. dichtung (1853) 1, 426; den düstersten bildern, welche die vergangenheit uns vorhält Döllinger
akad. vorträge (1888) 1, 20; o phantasie, wenn du die blüthe willst entfalten der menschheit, sollst du ihr kein jammerbild vorhalten Rückert (1867) 8, 59.
kürzer: als ihr als einem unkeuschen weib einer die turteltauben vorhielt (
als muster der keuschheit) Zinkgref
apophth. (1628) 65; oder wollen sie mir die griechische tragödie vorhalten O. Ludwig (1891) 5, 85; als mustergültige vordermänner auf diesem wege wurden mir ... männer wie Pommer-Esche und Delbrück vorgehalten Bismarck
ged. u. erinn. 1, 21
volksausg. 2@ee) v.
zur erinnerung, zum trost oder sonst zu besonderen stimmungen: nehmen sie mir es nicht übel, dasz ich meinem stolze einmal solche süsze träume vorhalte Lessing 3, 25
Petersen; ich hielt mir die schönen tage vor, wo ich freier und stiller um Diotima lebte Hölderlin
dicht. 2, 57
Litzmann; gern hielt er sich alsdann ... ein schönes wort zu seinem troste vor Mörike (1905) 3, 33
Göschen; sucht gleich so nacht als traum, zu stöhrung deiner ruh, den augen den verlohrnen schatz aufs neue wieder vorzuhalten Stoppe
Parnasz (1785) 155; (
der alte kirchthurm) hält in seinen narbenvollen zügen seine welt noch unsern tagen vor Tiedge (1823) 2, 63. 2@ff)
in neuerer sprache unmöglich, einen vorschlag machen: practicieret beiden tribunis, sich widern rath zu setzen und der gemein v., Marium zu wehlen Kirchhof
wendunmuth 2, 24
Ö. 2@gg)
besonders in neuerer sprache wird der gebrauch dann insofern verengt, dasz mit dem v.
ein tadel, ein vorwurf, eine zurechtsetzung verbunden ist (
vgl. vorrücken, vorwerfen);
demgemäsz werden die objecte gewählt, doch kann das verb. auch ganz prägnant gebraucht werden. 2@g@aα)
mit dem acc. eines objects bestimmteren inhaltes: unser gewissen hält uns oft unsere sünden vor Steinbach 1, 683; jemandem sein vergehen, seine fehler v. Adelung; jem. sein versprechen v.,
das er nicht gehalten hat; sein benehmen,
das tadelnswert ist; allda alle seine handlungen ihm von den bösen geistern vorgehalten ... werden Moscherosch
gesichte (1650) 1, 611; dasz er den cattischen räthen ... ihre schwachheiten vorgehalten hätte Lohenstein
Armin. (1689) 2, 988
a; wie soll ich diejenigen beschuldigungen ablehnen, die ihr mir vorgehalten habt?
d. vernünft. tadlerinnen (1725) 2, 269; der herzog fährt darauf fort, ihm sein unrecht in einem etwas gelinderen tone vorzuhalten Lessing 10, 43
L.-M.; um ihnen ihre unschicklichkeit ... vorzuhalten Herder 16, 147
S.; wodurch sie ihm die unbilligkeit seines verdachts vorhielt Wieland
Agathon (1766) 2, 240; eheleute, sagt sie, müssen einander stets ihre fehler v. Bräker (1789) 2, 190; weil ich ihnen ihr leben mütterlich vorgehalten Göthe 38, 277
W.; möchten wir ihm ... nur seine eitelkeit v. J. Grimm
kl. schr. 6, 133; hielt ich ihm seine schmutzigkeit vor Hebbel
tageb. 2, 234
W.; wenn man uns unsere breitere darstellung der anfänge unseres theaters ... v. wollte Gervinus
gesch. d. dt. dicht. (1853) 5, 499; als er ihre neigung für galante abenteuer ... ihr vorhielt Treitschke
hist. u. polit. aufsätze (1886) 1, 91; und wir verstehn ihn wohl, wie er uns vorhält unsre wildern tage (
how he comes o'er us with our wilder days)
Shakespeare Heinrich V. 1, 2. 2@g@bβ)
der inhalt des vorhaltens durch einen satz oder ein satzglied ausgedrückt: upp dat orer eyn dem anderen nicht vorholden dochte, dat he syn recht in ghemeyne hand verontbordet hette
dt. städtechron. 16, 27 (
Braunschweig); (
als ihm) vorgehalten, dasz er ... seine religion endere Zinkgref-Weidner
t. nation weish. 3 (1653) 23; hielt ihm verweiszlich vor, warum er mit aller gewalt in das narrenregister wolle gesetzt seyn Chr. Weise
erzn. 19
ndr.; (
als er) ihm vorhielt, wie sehr er sich ... dem göttlichen strafgerichte aussetzte Knigge
roman m. lebens (1781) 2, 110; beim geringsten defekt würde sie es mir lange v., uns haben anführen zu lassen fürst Pückler
briefw. u. tageb. (1873) 6, 86; (
jeder) hat das recht seinen brüdern vorzuhalten, wo sie irren Lagarde
dt. schr. (1886) 214; (
ich) hielt ihm vor, dasz er mit allen mir feindlichen elementen in verbindung getreten sei Bismarck
ged. u. erinn. 2, 191
volksausg. 2@g@gγ)
mit unbestimmtem object, das dem zusammenhange zu entnehmen ist: einander was v.,
invicem expostulare Steinbach 1, 683; mich warlich nit mer bekümmern soll das, so ich dir vorgehalten hab Wickram 1, 47
B.; das mädgen kam zu mir und hielt mir solches vor, ich excusierte mich Ch. Reuter
ehrl. frau 26
ndr.; ich habs ihr gleich vorgehalten, da war sie sehr empört Holtei
erz. schr. (1861) 15, 165; wenn ich es mir nicht nachher täglich soll v. lassen A. v. Droste-Hülshoff
br. an L. Schücking (1893) 250; wie viele male hab ich dir das schon v. müssen Fontane I 6, 58;
alleinstehend: ein müdes halbtotes zanken und v. mit dem andern G. Keller (1889) 4, 105. 33)
nur der älteren sprache gehört der gebrauch im sinne von vorenthalten
an; dabei kann die vorstellung mit dem verbum verbunden sein, dasz die sache einem andern mit unrecht nicht überlassen, zugestanden wird, oder aber, dasz der andere anspruch auf etwas erhebt, das gegen ihn behauptet wird, vgl. oben fürhalten 3,
th. 4, 1, 1,
sp. 740. 3@aa)
jemandem etwas vorenthalten: usurpare aliquid ex alterius bonis eines anderen guot im selbs wider rächts und billichs zueignen, nutzen und einem v. Frisius
dict. (1556) 1419
b; v. einem das seinige,
praecerpere, praeripere Dentzler
clavis ling. lat. (1716) 337
a; das mich alles nicht hat mugen gehelfen und (
ihr) halt mir das mein noch in ewer gewalt und hohmut vor
dt. städtechron. 2, 71 (
Nürnberg); (
er hat) den obgenanten unsern mitbürgern ... ir egenantes libtinge ... fräventlichen eingenomen und vorgehalten 5, 347 (
Augsburg); (
da) der acker mir zuogehört: aber du in mit gewalt mir vorhaltest Riederer
spiegel d. waren rhetor. (1493) j 3
b; (
dasz uns die schlösser,) die uns der bemelt von Schaumburg vor- und inhelt, rechtlich zugehören
urk. z. gesch. Maximilians 178
lit. ver.; diser ursachen halben hat auch der heilig Paulus ... dem Philemoni seinen leibeignen knecht Onesimum nit wöllen v. Gebweiler
beschirmung d. lobs Mariä (1523) 41
a; du solt dem dürftigen und armen seinen lohn nicht v.
5. Mos. 24, 14; (
welcher) witwen oder weysen beraubte oder das ir gwaltiglich vorhielte Seb. Franck
chron. German. (1538) 87
b; wir haben die sacrament den leuten biszher von des gelts wegen vorgehalten
sat. u. pasqu. 3, 143
Schade; dasz dies wider gott sei, einem vater und mutter seine kinder vorzuhalten Schweinichen
denkw. 161
Ö.; wie es (
Mailand) dann die könig in Hispanien mit gewalt dem Frantzosen noch diser zeyt vorhalten Stumpf
Schweizerchron. (1606) 8
a; folgenden morgen brachen die gesandten ... auf, um ihren gewaltgebern die fröliche zeitung nicht lange vorzuhalten Lohenstein
Armin. (1689) 2, 1306
b; oder (
er musz) dem meister für iedes stück, das er ihm vorhält, einen groschen ... lassen Hübner
cur. u. reales lex. (1714) 1735; (
land) das kunig Niclas der alt uns vorhelt mit gewalt Seifrid
Alexander 836
Gereke; eyn willig rosz würt stettig baldt, wann man das fuotter im vorhaldt Brant
narrenschiff 59, 12
Z.; nembt auch mit euch zwey hundert pferdt, wo sie euch vorgehalten werd, das ir mügt handlen mit gewalt H. Sachs 12, 393
K.; derhalben ubel wer gethon, dasz ir mir mein schwer sauren lohn abbrechen und vorhalten wolten Fischart
Eulenspiegel 4378
H.; (
die Griechen) rhieten dahin, dasz man dem alten sein kind nit länger solt vorhalten Spreng
Ilias (1610) 2
a. 3@bb)
im sinne von sperren, versperren, verlegen u. ä.: iter intercipere den wäg fürlauffen, versperren, den passz v. Frisius
dict. (1556) 719
a;
prohibere aditum den zuogang v., oder nit zuohin lassen 33
a; eim das hausz v. oder verbieten Maaler 475
c;
vgl. schweiz. idiot. 2, 1234; kamen an die thor, die wurden in vorgehalten und beschlossen Carbach
Livius (1551) 133
b; welche ihm den passz über das pyreneisch hochgebirg vorzuhalten understanden Wurstisen
Pauli Aemilii ... hist. (1572) 1, 3; Rotterdam und Delfft den Spanieren die porten vorhielten Stumpf
Schweizerchron. (1606) 276
b; dasz einer vor die an ihn gräntzende wälder des nachts lappen vorziehen oder mit hunden v. oder sonst abschrecken und vertreten lassen wolte J. B. v. Rohr
hauszhalt.-bibl. (1716) 293. —
festhalten: plagiarius der ein freygebornen menschen in leybeigenschafft vorhaltet Frisius
dict. (1556) 1009
a. —
das verb. kann sich auch der bedeutung von verteidigen nähern: dasz disz land von natur beschlossen an dem end durch wenig leut groszer macht möchte vorgehalten werden Stumpf
a. a. o. 638
a. —
noch freier, bewahren, s. vorhalter 7 a
und vorhaltung 7 b
η. —
vereinzelt einem v.,
widerstehen: die übrigen ... so lang sy narung habend, allem irdeschen gewalt v. mögend Riederer
spiegel d. waren rhetor. (1493) h 6
a. 3@cc)
zurückhalten, was man sagen sollte, verschweigen, nicht mittheilen, verheimlichen: ich darff dir auch nicht v., das diese rede: das ist mein leib
etc. mit einem groszen buochstaben ... angefangen ist Karlstadt
bei Luther 18, 148
W.; sam wir wider gott und die propheten wären, in dem wir etliche ding vorhalten und nit jederman entdecken Nas
d. antipap. eins u. hundert (1567) 3, 16
a; bitt, wölst dran nicht vorhalten mir H. Sachs 8, 248
K. 3@dd)
entgegengesetzt der unter a
belegten bedeutung, zurückhalten für andere oder für sich (
vorbehalten): vorhabens, durch ihren eigenen gesandten ihnen weiters vorzuehalten
verh. d. schles. fürsten u. stände 2, 10; allein ich halte mir austrücklich vor, dasz alles, was ich sagen werde, im grunde gelogen seye Lindenborn
Diogenes (1742) 2, 291; wenn er (
Alexander) ein kläger vor sich hett, so hielt er zu das eine ohr, der andern part zu halten vor Ringwaldt
d. lauter warheit (1597) 223. sich v.
braucht noch Göthe
in diesem sinne: was die mittheilung meiner Iphigenie betrifft, halt ich mir vor, ew. excell. mündlich meine bedencklichkeiten zu sagen IV 4, 47. 44) '
vorwärts, der zeit nach, in die künftige zeit gleichsam vor halten, dauern, hinreichend oder dienlich sein; dieser vorrath wird nicht lange v.' Campe (
als '
niedrig, aber deswegen noch nicht verwerflich').
diese noch bei Adelung
fehlende, im 19.
jh. in den allgemeinen sprachgebrauch aufgenommene anwendung stammt aus dem nd., vgl. die zu anfang angeführten wörterbücher. 4@aa)
gegenständliches, das vernutzt, verbraucht werden kann: so lange das (
geld) vorhielt, bediente ich mich des wagens Göthe 25, 165
W.; die schuhe müssen so lange als die der kinder Israels in der wüste v. Gaudy (1844) 2, 72; doch sind die Schwaben menschen, bei denen die galle lange im blute vorhält Gutzkow (1872) 11, 41; wunderst du dich, dasz des posthalters alte kalesche noch immer vorhält? Holtei
erz. schr. (1861) 9, 14; es musz ein festes tuch sein, damit es vorhält G. Keller (1889) 3, 167; Gustens pantoffeln halten immer noch vor Moltke
ges. schr. u. denkw. (1892) 4, 19; masken, deren bemalung nur wenige tage vorzuhalten brauchte v.
d. Steinen
naturvölker Zentral-Brasiliens (1894) 418; nur halt es (
das schwert) besser vor, als wie das erste, desz klinge mir beim leichsten schwunge brach Fouqué
held d. nordens (1810) 1, 12. 4@bb)
auf unsinnliches bezogen: der wilden verhöhnung der gefahr, welche wohl blenden aber nicht v. kann L. v. Dohna
landwehrbr. (1813) 212; standhaftigkeit hält nicht vor gegen knurrende eingeweide Immermann 3, 16
B.; eine ungeheure freude ..., die noch vorhält und noch lange v. wird Hebbel
br. 5, 341
W.; der gemachte enthusiasmus will nicht mehr v. Varnhagen v. Ense
tageb. (1861) 1, 28; wer kann wissen, ob die neigung v. würde auf die länge Laube (1875) 14, 159; wenn deren (
der locken) macht nicht mehr v. wollte G. Keller (1889) 5, 179; (
eine konstitution,) welche sechs jahre vorhielt Moltke
ges. schr. u. denkw. (1892) 2, 53; was nicht im blut liegt, hält nicht vor Hebbel
w. 4, 264
W. freier: ohne einen zweiten abschied zu nehmen, da der erste noch vorhielt Immermann 1, 146
B. 4@cc)
besondere, vom gewöhnlichen sprachgebrauch abweichende wendungen: das war so eine wunderliche verblendung, ... aber es hält damit nicht vor Fouqué
alts. bildersaal (1818) 2, 26; es schien der ahn ... in dem geschlecht lange v. zu wollen E.
M. Arndt (1892) 1, 39. —
im part. präs.: ein tüchtiges und vorhaltendes gespräch über stadtneuigkeiten Tieck (1828) 17, 295; begann er, an eine starke vorhaltende zukunft zu denken Gutzkow (1872) 9, 22; unrecht gut ist nie vorhaltend Düringsfeld
sprichw. (1875) 1, 337
b. 55)
die vorstellung des dauerns, beständig bleibens (4)
kann schwinden, vorhalten müssen,
zu etwas dienen, verwendet werden, mit der nebenvorstellung, dasz es eigentlich anders sein müszte: armselige advokatenkünste muszten v. um den vertragsbruch zu beschönigen Treitschke
dt. gesch. im 19.
jh. 4 (1897) 354. 66)
einzelnes und fachsprachliches: 6@aa) Stieler
giebt dem wort eine bedeutung (
commodare, subministrare, suppeditare),
die sonst nicht belegt werden konnte, aber von der anwendung im sinne von vorbehalten aus (3 d)
zu verstehen ist: ich kann ihm meine bücher nicht v.,
libros ei commodare diutius non possum 745;
s. unten vorhaltung 7 b
θ. 6@bb)
in der folgenden stelle ist vor (
in räumlichem sinne)
enger mit dem dativ, halten
übertragen enger mit dem objectsaccus. verbunden: wo er doch seinem geliebten vaterdorfe eine vakanzpredigt vorhielt Jean Paul 3, 112
H. 6@cc) vor mit zeitlicher bedeutung (
vorher): mit bedachtem und vorgehaltenem rat des babsts Öheim
Reichenauer chron. 7
Barack. —
durch nachhin
gestützt in bestimmter verbalform: welche das kindbeth nicht vorhelt, die muse es nachhin halten Petri
d. Teutschen weiszheit (1604) 2 Aaa 1
b. 6@dd)
im sinne von vorziehen, höher achten: die älteren hand nach Christus lehr dem fyrtag die liebi gemeiner not vorgehalten
quelle im schweiz. idiot. 2, 1234. 6@ee)
der genit. des infin. als accus. (
nominat.): da hat ... Joist Rhau ein vorhaltens gethan,
etwas vorgebracht, vorgetragen quelle des 16.
jh. in der zschr. f. dt. wortf. 4, 90. 6@ff) v.
in älterer musikalischer sprache entsprechend dem sinne von vorhalt 3,
auch wohl einfach für aushalten: der letztere klinget wegen der lange vorgehaltenen octave leer Ph. E. Bach
art d. clavier zu spielen (1759) 2, 232;
im activum: hier müssen die accompagnisten nicht warten, bis der sänger die letzte silbe ausgesprochen hat; sondern sie müssen schon unter der vorletzten oder vorhaltenden note einfallen Quantz
anweisung d. flöte zu spielen (1789) 272. 6@gg)
beim zielen die ziellinie etwas vor ein in bewegung befindliches ziel legen: ist was aufgestoszen, musz man augenblicks anschlagen, das korn und flüchtige wild zusammen fassen, und nachdem es langsam oder schnell flieget, wohin die flucht mit dem kopf gehen soll, eine halbe elle, eine spanne und dergleichen v., so wird man es nicht leicht verfehlen v. Fleming
d. vollk. t. soldat (1726) 29; v., '
einem flüchtigen wild dicht vor die brust zielen' Kehrein
waidmannsspr. (1871) 313; darauf ein wohlgezielter schusz, gut vorgehalten W. v. Polenz
Büttnerbauer (1895) 3, 343. —
wohl auch noch in anderem sinne bei infanterie- und geschützfeuer, etwas vor das ziel halten, um die entfernung sicherer zu ermitteln. 6@hh)
jägersprache: v., '
mit den hatzhunden heiszt: die hatzhunde irgendwo auf einen wechsel placiren' Hartig
lex. d. jäger (1861) 574;
hierzu vgl. fürhalten 4
im sinne von auflauern th. 4, 1, 1,
sp. 741. 77)
von v.
abgeleitet. 7@aa)
vorhalter, m., s. fürhalter th. 4, 1, 1,
sp. 741;
mnld. vorehouder Verwijs-Verdam 9, 998; solche erdichter und ungehörsame v. (
bewahrer) der ubelthäter Nas
d. antipap. eins u. hundert (1567) 5, 234
b;
vgl.fürhalter 1
a. a. o. und oben 3 b
am ende; plagiarius ein abzieher und v. (
einer der festhält) eins andern leybeignen personen Frisius
dict. (1556) 1009
a;
in eigenthümlicher verwendung: fället etwas vor, wan die bornmeistere über den brunnen nicht anzutreffen, haben sie unter den bornknechten auff ihre kosten vorhaltere bestellt, welche sie zu hause suchen und über die brunnen holen müssen Hondorff
d. saltzwerk zu Halle (1670) 61;
so auch bei Hübner
curieus. u. reales lex. (1714) 1676;
die bezeichnung geht aus von der unter 2 a
dargestellten anwendung des verbums. im entwickelten allgemeinen sprachgebrauch wird v.
kaum verwendet. 7@bb)
vorhaltung, f., s. fürhaltung th. 4, 1, 1,
sp. 741 (
nur mit einem beleg des 18.
jh.);
propositio ein fürhaltung, wor von einer wölle disputieren oder reden Frisius
dict. (1556) 1079
a;
propositio ein kurtze und vollkommne fürhaltung eines dings, zu welchem man die gantze red alsz zu einem zweck richten will Calepinus
dict. XI ling. (1598) 1175
a; vorhaltung, die,
remonstratio, propositio, elenchus Stieler 745; vorhaltung,
proposta, propositione, proponimento Kramer
teutsch-ital. dict. 1 (1700) 612
a; fürhaltung, die,
propositio, exprobratio Steinbach 1, 683; Adelung; Campe;
vgl. Fischer
schwäb. wb. 2, 1656;
mnld. vorehoudinge
in der besonderen bedeutung von auflauerung, vgl. fürhalten 4
th. 4, 1, 1,
sp. 741. 7@b@aα)
im eigentlichen sinne des verbums, s. oben 1: dadurch dir der schild entfiele, und also die v. des schilds verhindert würde Spee
güldenes tugendb. (1640) 650; es ist mir weiter nicht erlaubet, als mit v. des degens ihn abzuhalten Chr. Wolff
ged. von d. menschen thun u. l. (1720) 588; (
klapper) instrument ... durch dessen bewegung und klang die muhmen oder ammen die kleinen schreyenden kinder zu schweigen machen und sie durch v. selbiger zu besänfftigen suchen Amaranthes
frauenz. lex. (1715) 1049; (
dasz) ihn (
den basilisken) der aberglaube durch v. eines spiegels tödten läszt Brentano (1852) 6, 441; die stumme v. der Lorenzodose Immermann 6, 89
B.; (
der teufel) wird aber von Marien durch v. des kreuzes und des mit den thränen des ritters begossenen gewandes verjagt Uhland
schr. z. gesch. d. dicht. u. sage 2, 45. —
in gegenständliche bedeutung übergehend: obtentus fürhaltung, fürschlag, fürhang, verdeckung Frisius
dict. (1656) 900
a. 7@b@bβ)
das wort folgt dem verbum in der übertragenen anwendung (
oben 2)
in den verschiedenen sinnesfärbungen und der eigenthümlichen einschränkung von ganz neutraler anwendung (
vgl. z. b. unter γ die stelle aus Herder)
bis zur bedeutung der zurechtsetzung, der strafenden rede, des tadels und vorwurfs (
s. besonders unter ε): zum dritten wurd ich antwortten ... über alle und ytliche dein fürhaltung Folz
meisterlieder 100, 61
Mayer; niemand rümpffe die nasen darab, ee dann er verläsz und bedenck mein fürhaltung Eberlin v. Günzburg 1, 24
ndr.; solcher Saduceischer fürhaltung mehr Paracelsus (1616) 2, 644
Huser (
hier von unbegründeter behauptung); verdrusz, betrübte stunden, harte v. und mit einem wort elende zeit Zinzendorf
in ztschr. f. brüdergesch. 4, 94; durch fleiszige vorhaltungen in seiner logisch scharfen art Immermann 2, 146
B.; durch moralische vorhaltungen und andere pferdekuren wollen wir sie auf den weg der tugend zurückführen W. Alexis
Isegrim (1854) 1, 253; dasz dieses kind auf die groszmütterliche v. antwortete Bismarck
ged. u. erinn. 1, 251
volksausg. 7@b@gγ)
näher bestimmt durch einen objectsgenit.: in fürhaltung billicher beschwerung
dt. städtechron. 23, 225 (
Augsburg); nach miner frag und fürhaltung obgemelter artickel Riederer
spiegel d. waren rhetor. (1493) 96
a; kein schelten, kein fürhaltung der exempel Dannhawer
catech.-milch (1657) 3, 387; mit v. der löblichen gesellschaft gesetze Neumark
neuspr. t. palmb. (1668) 292; durch gute wort und v. des geleisteten schwures J. Riemer
d. polit. maulaffe (1679) 33; abbitt des göttlichen zorns mit v. der von alters her erzeigten gnaden Frisch
neukling. harpfe Davids (1719) 741; mit modesten schimpff, v. ihrer schuldigkeit v. Fleming
d. vollk. t. soldat (1726) 160; mit ernstlicher vorhalt- und verweisung ihrer ungeschicklichkeit Heppe
aufricht. lehrprinz (1751) 273; den einzug Christi zu Jerusalem leitet Johannes durch v. der örtlichen lage befriedigend ein Herder 19, 333
S.; als er sich durch v. seiner eigenen briefworte ... besiegt und gefangen sah Fontane I 1, 18. 7@b@dδ)
andere arten der näheren bestimmung: der fähnrich wurde mit starken vorhaltungen über sein dreistes und zu gewaltthaten geneigtes wesen aus dem verhör entlassen Freytag (1886) 12, 291. — mit v., dasz gott ... sie in die ewige verdamnusz und hellisch feuwr verstoszen werde Kirchhof
wendunmuth 1, 414
Ö.; meine v., dasz die Augustenburger kein recht hätten ..., machte keinen eindruck Bismarck
ged. u. erinn. 2, 27
volksausg. 7@b@eε)
sehr häufig ist im entwickelten nhd. die wendung jemandem vorhaltungen machen,
wobei v.
durchaus im eingeschränkten sinne von mahnung, zurechtsetzung, tadel, vorwurf u. ä. gebraucht wird; die verbindung mit anderen verben und der gebrauch des sing. gehört mehr der älteren sprache an: ihm vorhaltungen über seine niedrige gesinnung machen zu können Fontane I 5, 247; (
ich bin) nicht der mann, der andern über briefschreiben vorhaltungen machen sollte Bismarck
br. an s. braut u. gattin 23; als ich S. einmal wegen seiner verschwendung vorhaltungen machte Dwinger
wir rufen Deutschland 444. — '
jemanden vorhaltung thun ...
wird nur in den kanzelleyen und im gemeinen leben gebraucht' Adelung; hernach wird den ständen ... nochmahls eine v. gethan Ch. Weise
polit. redner (1677) 976; und mögen wohl dem herrn grafen von Zinzendorf dieserhalb v. gethan ... haben Winckler
unternehm. in relig. sachen (1770) 12. — und ist uns durch herren Caspar von Schönberg ... diese v. geschehen
verh. d. schles. fürsten u. stände 4, 70; als ihm v. geschehn Schottel
t. haubtspr. (1663) 392; dieselben hätten aber ihnen auf geschehene v. nicht gestehen wollen, dasz sie die schüler geschlagen Thomasius
ernsth. ged. u. erinn. (1720) 2, 73. — die geheimräthin hielt ihr eine ernste v. W. Alexis
ruhe ist d. erste bürgerpfl. (1852) 1, 70. 7@b@zζ)
veraltet im sinne von vorenthaltung (
s. oben 3 a): gefencknusz der person, v. der güter Knebel
chron. v. Kaisheim 253
Hüttner. 7@b@hη)
bewahrung (
s. oben 3 b
gegen ende): wo das wort gots blyt in reiner trüwer fürhaltung Eberlin v. Günzburg 1, 46
ndr.; vgl. oben vorhalter 7 a
zu anfang. 7@b@thθ)
bereitstellen für jemanden: kosten für v. und darleihung der gerätschaften Mothes
baulex. 1, 305;
s. oben 6 a. 7@b@iι)
im musikalischen sinne, wie vorhalt 3: weil sie (
die secunde) ... nur im durchgange oder als eine v. vorkommt Ph. E. Bach
art d. clavier zu spielen (1759) 2, 149.