vertragen,
verb. ,
in den bedeutungen reich verzweigtes comp. von tragen.
schon ahd. häufig: fartragan, fertragen,
bei Otfrid firdragan Graff 5, 497;
mhd. vertragen
mhd. wb. 3, 74
f.; Lexer 3, 272
f.; mehrfach bei Diefenbach, Alberus, Frisius, Calepinus, Faber (
s. unten); Maaler 434
f.; Stieler 2314; Kramer 2, 1111
f.; Dentzler 314
f.; Kirsch 2, 315
a; Frisch 2, 380
bc; Adelung; Campe.
auch als mundartlich häufig gebucht; schweiz. Stalder 1, 294; Seiler 106; Tobler 190
a;
elsäss. Martin-Lienhart 2, 744
b;
schwäb. Fischer 2, 1381
ff.; bair. Schmeller 1, 656
f.; steir. kärnt. Unger-Khull 222
a, Lexer 66;
lothring. Follmann 155
b;
oberhess. Crecelius 2, 863; Schöner
Eschenrod 84;
lux. siebenbürg. verdrôen
lux. wb. 458
b;
pfälz. Autenrieth 148;
frankfurt. Askenasy 225;
köln. Hönig 191
a;
meining. Spiess 270;
obersächs. Göpfert
zeitschr. f. d. mundarten 4, 50;
waldeck. Bauer-Collitz 32
a.
altsächs. fardragan Gallée 65;
mnd. vordragen Schiller-Lübben 5, 342
f.; 6, 303
a;
mnl. nl. verdragen Verdam 619
a; Kilian 585
ab.
nd. verdragen:
ostfries. Doornkaat 1, 444
a;
götting. Schambach 260;
holstein. Schütze 4, 199, 205;
altmärk. Danneil 237
a;
neumärk. zeitschr. f. d. mundarten 4, 74;
berlin. Meyer 128
a;
preusz. Frischbier 2, 443
a. — verdrägen, verdregen:
brem. wb. 1, 237;
osnabrück. Strodtmann 257;
westfäl. Woeste 290
b;
lübisch Schumann 32;
pomm. Dähnert 519
b.
entlehnt schwed. fördraga,
dän. fordrage.
in vertragen
lassen sich drei grosze bedeutungsrichtungen unterscheiden. II.
soweit vertragen
eine anschaulichere bedeutung aufweist, liegt eine fra-
type zugrunde ('
wegtragen, austragen');
nur gelegentlich scheint eine fair- (1, 6)
oder faur-
type (6)
hineinzuspielen. I@11) '
in einer richtung hintragen, befördern': fartregit,
asportabit ahd. glossen 1, 445
b Steinmeyer-Sievers; vertragen, zutragen,
apportare voc. 1482 kk 3
a; vertragen, hintragen,
transferre Dentzler; mich wundert waʒ dich her vertruoc Wolfram v. Eschenbach
Parzival 49, 18. '
rings umher, hin und her, von einem ort zum andern tragen'
: differre, vertragen yetz an das, denn in dises ort Frisius 414
a; Maaler; Stieler; item do gab ich den tregern vor den selben roggen czu vortragen 6
β 8 D
handelsrechnungen des deutschen ordens 472, 20
Sattler; dasz dieselbig sperma vertragen wirdt durch die geist .. die tragen ihn an end und örter, da er auszgebrütet mag werden Paracelsus
opera 1, 101 B; fragmente eines gewissen werks .., das .. aus einer provinz in die andre vertragen ward Lessing 13, 382; wenn die bienen den blumenstaub in die kelche vertragen Bettine
Günderode 1, 46; welche .. das spärliche wasser des dogenbrunnen sammeln und in die häuser vertragen Gaudy 13, 85; weit und breit durch Deutschland, Holland und Russland wird das schnitzwerk von den Tyrolern vertragen Zschokke 1, 103; weiters hat er die gemeindeschriften zu vertragen Rosegger
schriften II 9, 155.
subst. inf.: sein vater hatte ihn .. früh zum vertragen der .. briefe und packete gebraucht C.
F. Meyer
Jenatsch 83.
heute gewöhnlich durch austragen
ersetzt. I@22) '
auseinandertragen, zerstreuen, verschlagen, verschwenden': alle ir hab wart verwüest und vertragen
gesta Romanorum 169
Keller; damit (
von dem salz) nichts vertragen noch verrört werde
quelle v. 1616
bei Lori
bair. bergrecht 487
a; hirumbe verfilen die steyne unde worden von jaren zu jaren vertragin Gerstenberg
hess. chron. 267; i han es hämpfeli haber g'streut, do chund de wind und het's vertreit
bibl. schweiz. ält. schriftwerke I 4, 140; die lüfte es (
das singen) vertragen weit in das land hinein Eichendorff 1, 625; und wie vom wilden weltsturm weit vertragen ein ferner vogel in ein fremd' gebiet Brentano
schriften 6, 7. er hat sein vatergut ziemlich vertragen,
imminuit, effudit, decoxit Stieler; das geld in unnützen dingen vertragen Kramer; Frisch;
noch schwäb. Fischer; darmit vertregst vil geldts fürwar. was kost dein schiesen dich ein jar? Sachs 21, 93, 33
Götze; damit die profand gespart und nicht vergebens vertragen werde Fronsperger
kriegsbuch 1, 5
r.
selten auf die zeit angewandt: ich kann die trennung nicht recht vertragen, aber ich darf die zeit nicht vertragen, drum leben sie wohl Nestroy 2, 33; wenn sie zuweilen über einem buch die zeit vertrug Steub
deutsche träume 1, 186. I@33) '
etwas an eine stelle tragen, wo es nicht hingehört und nicht wiederzufinden ist, verschleppen': ich habe es vertragen und weisz nicht mehr wohin; die dohlen pflegen gerne das geld zu vertragen Adelung;
osnabrück. götting. westfäl. Strodtmann, Schambach, Woeste;
elsäss. Martin-Lienhart. so wie ein kind, das eine frucht vertragen, und ganz vergasz, wohin es sie gesteckt
Ariostos Roland 1, 192
Gries; (
die mäuse haben) das gelt zernaget und zerbissen, so gar vertragen und vertrieben, ist nit ein pfennig uber blieben Waldis
Esopus 1, 146; ich wil etwan ein ausred finden, sam habn mirs die katzen vertragen Sachs 9, 463, 9
Keller; wo er hin kam, kan ich nit sagn. ich glaub, die rabn habn ihn vertragn Ayrer
dramen 1844, 22
Keller; es fand sich nicht ein blättchen. 'das wasser wird's vertragen haben', sagte Sabin Rosegger
weltgift 248. '
in bestimmter absicht dem anblick entziehen'
: schwäb. eine krankheit vertragen
in einem glas oder papier dorthin, wo weder sonne noch mond scheint, und sie dort begraben Fischer; ein bauernhaus ..., aus dem sie den aufrechten mann .. an einen stillen ort vertragen hatten, wo ... würde und bürde ein ende hat Zahn
helden des alltags 10; wan ein katz merckt, das man weisz, wa sy die jungen hat, so vertragt sy sie Keisersberg
emeis 7
d; die katzen vertragen oft ihre jungen Kramer; Frisch; Adelung; Campe; solcher teuffel etliche verwahren die schätze, .. verwahren und vertragen sie biszweilen von einem ort zum andern Prätorius
Anthropodemus 1, 93.
von menschen: der .. wolt in an ein heimlich stat tragen und wolt in vertragen das man sein nit innen würde
der heyligen leben 30
a b; er (
Jesus) sey wahrhafftiglich mit leib und seel vertragen und transportiret worden Prätorius
blocksberg 229. '
kinder aussetzen': wie er desz künigs tochter kind vertragen hett inn walt geschwind Sachs 2, 89, 25
Keller (
vgl. 20, 184, 30
Götze). '
einem andern dadurch etwas entziehen': Kramer;
heimlich beiseite schaffen und verkaufen Fischer; die becken stalen und vertrugen die seck
d. städtechron. 2, 304, 28; wur de hof nicht betunet is, dar werd de vrucht des hoves vordraghen,
diripietur Sir. 36, 27
bei Schiller Lübben; dasz auch kein bauer schärfer prügelt, wenn ihm ein dieb das korn verträgt Triller
poet. betrachtungen 2, 299; bis sy die würst gaszen sy sorgten und entsaszen, in wurden die vertragen Hätzlerin
liederbuch 261 (192); (
sie) hetten den schatz für sich gespart und in vertragen fein allein Fischart
Eulenspiegel v. 13023; mir ht a wolf a schâfel iaz votrgn
volksschauspiele in Bayern u. Österreich 307, 176
Hartmann; knechte sind oft saumselig beym futtern oder gar tückisch, vertragen's dem einen und werfen's dem andern überflüssig zu maler Müller 3, 42; wir werden doch uns'rer frau wirthin die kundschaft nicht vertragen Holtei
erz. schriften 13, 127.
dieser ausdruck ist seit 1700
verbreitet: einem krämer das geld vertragen; vertragt mir das geld nicht,
non comprate da altri che da me! Kramer;
zu seinem nachtheil bei einem andern kaufen Adelung, Campe;
md. und nd.: meining. schles. die kundschaft einem kaufmann vertragen Spiess, Holtei (
s. oben); frankfurt. mer soll seim vatterland des gold und silwer net vertrage Askenasy;
berlin- verdragen se mir nich's jeld! Meyer;
pomm. ik will em dat geld nig verdrägen Dähnert. I@44)
schon die letzte verwendung entwickelt oft üblen nebensinn. veraltet '
den weg des verderbens führen, verführen, schädigen': Ulrich .. vertrug sein pferd in dem scharmützeln, das er davon must vallen
d. städtechron. 2, 66, 8; unprîs sîn het aldâ gewalt, dô in sîn gir dar zuo vertruoc, ime gruoʒe er mînen hêrren sluoc Wolfram v. Eschenbach
Parzival 321, 9; dasz dich des nachts kein grau vertrag, durchs feindes list und triegen, des tags keyn pfeil nicht schaden mag Waldis
psalter 163
b (
ps. 91).
in einzelnen mundarten vom vieh: '
falsch austragen, eine fehlgeburt haben'
pfälz. Autenrieth,
schwäb. Fischer;
schwäb. auf den winter übertragen, der verträgt,
wenn es schon um Martini gefriert und nachher wieder wärmer wird, wenn kein schnee kommen will und keine winterliche kälte eintritt ebd.; reflex. elsäss. sich vertragen, '
sich durch tragen schaden machen' Martin-Lienhart.
selten ist '
einen austragen, ins gerede der leute bringen, verleumden'
; meist obd.: einen gegen etlichen falschlich verträgen, vertragen, verklagen, verrätschen, verklapperen, verlümbden, verschreien, verschwätzen Frisius 56
b, 375
b, 414
a, 537
b, 605
a, 901
a, 1265
a; Maaler; das heimlich vertragen oder verrathen, anklagung,
delatio Calepinus 381
b; verleumbden Dentzler;
bair. Schmeller; die predigermunch haben die armen lieben frauen gegen dem bâbst mit der unwârheit belaidigt und vertragen
habsburg. urkunden (15.
jh.) 3, 67; ward Crato ... dermaszen gegen Liutolfen vertragen, dasz er .. das closter verlaszen muoszt Watt
hist. schriften 1, 187; do er also mit disen falschen meren zuo in vertragen ward, weli disen meersagern wider in gelopten Seuse 124, 17; damit er .. den frummen und theüren ritter gegen allem hoffgesindt vertragen möcht Wickram 1, 30, 19; der seinen nechsten heimlich vertreyt, den wil ich umbringen
Zürcher bibel (1531)
ps. 100
a;
vgl. schweiz. schausp. des 16.
jhs. 1, 153
Bächtold; eyn zeichen der liechtfertikeyt ist, glouben was eyn yeder seit, eyn klapperer bald vil lüt vertreit Brant
narrenschiff 101
Zarncke; Vilmar pfleget mann und weib bei der herrschaft zu vertragen, und vermeinet grosze gunst und befördrung zu erjagen Grob
dicht. versuchgabe 38; (
sie) verleumdet, stiehlt, verträgt, laurt, ist heimtückisch Schubart
briefe 1, 190.
seltener nd.: köln. Hönig; so werde in der gesindestube geredet .. als aber díe schürzenmagd es an die frau vertragen, sei die zum tod erschrocken worden Storm 6, 315.
der ganze gebrauch ist veraltet. I@55)
ohne üblen nebensinn in perfectiver verwendung. austragen, zu ende tragen': wenn ein kind nicht vertragen wird, das es neun monat hat, so ist es ein unzeitige geburt Agricola
sprichw. 351.
sonst '
abnutzen': hintragen, vertragen, verbrauchen,
degero Frisius 380
a; (
gott hat) kleider und schue in die viertzig jarlang gantz behalten, nicht sich vertragen und vernützen lassen Luther 28, 725, 16
Weim.; ich will es (
das kleid) noch vollends vertragen
d. schaubühne 3, 132
Gottsched; es musz auf erden jeder mensch sein pärchen narrenschuh' vertragen Wilh. Müller
ged. 325.
gewöhnlich in der form des part. prät. statt des üblicheren abgetragen: nam daselbst zurissen und vertragene alte lumpen
Jer. 38, 11; alte odder beschabene, vertragene .. kleider Luther 23, 543, 8
Weim.; die alten lang vertragnen sachen Fischart
nachtrab v. 616; zieht diesen filz, unscheinbar, alt, vertragen, aus seinem busen Tieck
schriften 3, 259; könige und fürsten gleich alten vertragenen kleidern .. abzuthun Arndt
an s. l. Deutschen 3, 87; in ihrem vertragenen kleidchen kam sie zu ihm in den garten Storm 2, 163.
noch schwäb. Fischer;
frankfurt. Askenasy;
pomm. Dähnert.
frei: vaterlande vergehen, volkstümer bestehen, verträge werden von der zeit vertragen
F. L. Jahn 2, 573.
reflex. mhd. '
zu ende kommen': dô sich der zît vil vertrûc mit ir loufenden jâren
passional 345, 71
Hahn. I@66)
ein paar vereinzelte verwendungen in älterer sprache werden hier angeschlossen. refl. sich vertragen können, '
es aushalten können': (
die betrügerin) stellt sich, als ob sie in acht tagen on speisz und tranck sich kön vertragen Fischart
nachtrab v. 2342.
vgl. sich wol ertragen, '
sich wohl befinden'
th. 3, 1032.
mhd. unpersönlich wie es verschlägt (
sp. 1089),
aus vürtragen
geschwächt (Lexer 3, 588; Schmeller 1, 656): in vertruoc dehein sîn schônheit Herbort v. Fritzlar
troj. krieg 159; nichtsz mack meher nutzs im streit bringen und vortragen, dan das die rittere an der spitz, mit stetiger ubunge ordenunge halten Vegetius Renatus
epitoma (1511) B 2
b.
heute noch schweiz.: das vertreit jetz nit viel, '
macht keinen groszen unterschied' Stalder; es mag-mer-schi nüd vertrga, '
es mag sich für mich nicht der mühe lohnen, ich möchte mich nicht darum bekümmern' Tobler
Appenzell; 's mag si nitt ferdräge Seiler
Basel. IIII. vertragen
in der allgemeinsten verwendung '
ertragen, erdulden'
wird von Wilmanns
gramm. 2, § 126, 7
mit dem hinweis auf ertragen (
got. us-)
als fra-
type angesprochen. ahd. erscheint vertragen
fast ausschlieszlich in dieser bedeutung, wie sie auch nhd. an häufigkeit des gebrauchs alle anderen in den hintergrund stellt: ferre, sufferre, tolerare, sustinere, supportare Graff;
altnd. fardragan scal,
patiar vos Gallée (
Essener glossen); ähnlich
mhd. und
mnd.;
nhd. perferre, supportare, tolerare, sustinere, pati, sufferre gemma gemmarum A 1 a
a; B 2 b
b; C 3 b
b; Diefenbach
gloss. 425
c, 568
b, 586
c; Stieler; Kramer; Frisch.
sinnliche anschauung schimmert selten einmal hindurch: da hingegen der gute priester .. alles auff seinen breiten schuldern verträget
der wohlgeplagte priester (1695) 149.
oft wird vertragen
mit leiden
zusammengestellt: das ers (
das leiden) ... so wenig vertragen wil, als jemand leiden kan, das man ihm im augapffel viel tastens mache Luther 28, 150, 29
Weim.; leid und vertrag, dein leyd nit klag, an gott nit zag, glück kompt all tag
schöne weise klugreden (1548) 24
b; schweig', leid', meid' und vertrag, dein noth niemand klag' Herder 25, 599 (
ähnlich verändert schon bei Faber
thesaurus 335
a; Spreng
Ilias 12
b).
seit dem 17.
jh. hat eine fortschreitende verengung des gebrauchs von vertragen
gegenüber ertragen
stattgefunden, das im mhd. überhaupt selten ist (Lexer 3, 164).
in der heutigen sprache erträgt
man beschwerden, wenn dazu ein höheres masz von kraft und besonders festigkeit des willens gehört; man verträgt
etwas, das auf körper oder geist von schädlicher wirkung sein könnte, wenn man es ohne nachtheil genieszt oder erduldet vgl. Eberhard-Lyon; der mensch erträgt mit pläsir, dasz man über ihn (
aus kummer) weint; aber dasz man über ihn lacht, verträgt er nicht Raabe
Horacker 95. Adelung
weist vertragen
dem '
gemeinen leben für das anständigere ertragen'
zu. II@11)
am geläufigsten ist das ertragen von körperlichen beschwerden: einem so viel stösze geben als er vertragen kann Kramer; das weib vertrug auch disen stos, lies von der bitt nit abe Ringwalt
evangelia L v
a; dasz ich einen puff lerne vertragen Holtei
erz. schriften 15, 238;
holstein. et kann en gooden stoot verdragen Schütze; diese schale ist sehr dick und beträchtlich fest, so dasz sie einen ziemlichen druck verträgt, ehe sie reiszt Sömmerring
menschl. körper 5, 454; man müsse nun auf beiden seiten die streiche und schmerzen des alten haders vergessen, vergeben und vertragen Ranke 4, 60.
besonders von der widerstandsfähigkeit des magens: vertragen, verdäuen,
concoquere Dentzler; dye bosen magen, die der speys nit vordragen konnen Luther 2, 106
Weim.; disz edel confect .. stercker ist, dann der selbigen (
kinder) natur vertragen mag Ryff
confectbuch 11
a; zu dem so kundte Thurnmeyr den wein nicht wohl vertragen Moscherosch
Philander 2, 211; Göthe III 1, 220
Weim.; die Deutschen vermöchten ... den mit eysz und schnee vermengten tranck wohl zu vertragen Lohenstein
Arminius 2, 300
b; sie hat seit mehreren tagen kaum einen tropfen wasser mehr vertragen, ohne zu erbrechen Brentano 8, 317; mein magen kann alles vertragen Castelli 10, 257; mein vater verträgt .. nicht die rauhe kost Storm 6, 108; dasz einem kerl wie mir, der seinen tabak verträgt, sich manchmal die därme im leibe umwenden Hauptmann
Rose Bernd 101.
sprichwörtlich: er kann viel vertragen, er hat einen ausgepichten magen Wander 4, 1615.
holstein. he kann en gooden stevel verdragen, '
er kann viel saufen' Schütze.
die weiter verbreitete wendung einen guten stiefel vertragen
wird von Borchardt-Wustmann 461
darauf zurückgeführt, dasz noch heute bisweilen ein kleiner stiefel aus glas als trinkgefäsz dient, wie früher die mannigfaltigsten gestalten in biertöpfen und krügen nachgeahmt worden sind. nicht viel vertragen ('
trinken') können
ist allgemein verbreitet. scherzhaft von der kost übertragen: und hast du erst mein buch vertragen, verträgst du dich gewisz mit mir! Nietzsche 5, 28.
anstrengung und entbehrung: (
leute) die ... kälte und hitze, nas und trucken, hunger und durst vertrügen Chemnitz
schwed. krieg 2, 101; obschon mein kopf seit einigen tagen auch nicht die geringste anstrengung vertragen will Lessing 17, 348; dasz wir nun beide das tanzen nicht mehr vertragen konnten Göthe 22, 27
Weim. (
Meister); an seine grösze glaub' ich wohl gern, verträgt er so reichliche aderlässe Lenau 643.
besonders sinnliche eindrücke: kälte, hitze Kramer;
allgemein üblich; schwache augen können ein starkes licht nicht vertragen Campe; wie viel vögel die luft ihrer gegend nicht vertragen können, und daher andere stellen suchen Prätorius
winterflucht 243; vermummt, weil bosheit nicht das licht vertragen kan Gryphius
trauersp. 464 (
Stuardus 5, 412); ich tadle drum die stärksten nerven nicht, die ihn (
den betäubenden duft) vertragen. nur schlägt er mir nicht zu Lessing 3, 75 (
Nathan 3, 60); den spektakel verträgt kein vieh Holtei
erz. schriften 5, 156; wer das feuer genieszen will, musz auch den rauch vertragen lernen Langbein
schriften 31, 148.
auf sachen übertragen, '
ohne schädigung aushalten': diese farbe ist aber ungemein zart, auszerdem dasz sie keine art von nässe, nicht einmal regen vertragen kann Forster 1, 289; auch vertragen diese baumarten die scheere am besten Tieck
schriften 4, 126; meine kassa verträgt solche depensen nicht Nestroy 1, 8.
auch wohl reflex. form statt der passiven: diese speise verträgt sich nicht gut Heyne. II@22)
auf geistigem gebiet greifen vertragen
und ertragen
häufiger ineinander über: Kramer; mich versetzt sie gewisz in einen stand, darinn ich keinen schertz vertragen kan Weise
comödienprobe 79; dasz sie durchaus keinen zwang vertragen kan Zesen
Helikon 1, 117; ich vertrage jeden mir gegenüber geübten widerspruch Bismarck
erinnerungen 2, 18; Pyramus musz ein schwert ziehen, um sich selbst umzubringen, und das können die damen nicht vertragen
Shakespeare 1, 218 (
sommernachtstraum 3, 1); also vertregt offtmals ein gütige, gelinde (
frau) .. eine schertzhafftige rede Barth
weiberspiegel J vi
ab; ich kann das predigen nicht mehr vertragen, ich glaube, ich habe in meiner jugend mich daran übergessen Göthe 42
2, 204
Weim.; er liebt gerechtigkeit, er kann die wahrheit vertragen Schiller 14, 198 (
parasit 1, 2); sie kenn' ooch a offnes wort vertragen Hauptmann
biberpelz 104.
einem vertragen
in der älteren sprache würden wir bisweilen ertragen
vorziehen: di lieb ist gefridsam, si ist gutig .. alle dink vertregt si
1 Kor. 13, 7 (
codex Teplensis; sie vertreget alles Luther); daʒ man vil michel baʒ vertreit durch verre minne ein verre leit Gottfried v. Straszburg
Tristan 19369; wo ein solch mann vermeiligt wirdt ... so vertregt ers doch mit gedult Sachs 9, 199, 5
Keller; er zeiget dasz du pein und leid vertragen kannst Opitz
teutsche poemata 202
neudr.; ich ... finde, dasz es gott gefällt den stoltz nicht zu vertragen
Königsberger dichterkreis 206
neudr.; kanst du noch der fremden schmach vertragen? Lohenstein
Arminius 1, e 3/4; ich kann die furchtbare wahrheit nicht vertragen, die von deinen lippen donnert Wieland 3, 52
akad. ausg. Schiller
schwankt gelegentlich: verachtung nicht erträgt (
var. verträgt) mein edles herz 14, 33 (
braut 475).
bei sächlichem subject aber steht vertragen
allein: denn ihre reichs-geschäffte vertrügen kein langes abseyn aus Thracien Lohenstein
Arminius 2, 44
a; es stehe diese schreibahrt der italiänischen sprache garnicht an, als welche solche schwülstige composita nicht wol vertragen könne Morhof
unterricht 209; streng genommen verträgt zwar der zweck des dichters weder den ton der strafe noch den der belustigung Schiller 10, 457; am abend ... wurden einige bilder, die es vorzüglich vertragen, bey erleuchtung angesehen Göthe IV 25, 49
Weim.; die gemeindeordnung ... möchte deshalb eine noch gründlichere ... berathung sehr wohl vertragen Bismarck
polit. reden 1, 204.
dieser gebrauch gehört erst der neueren sprache an. II@33) '
eine nicht angenehme handlung ruhig geschehen lassen, einen zustand ruhig ansehen, dulden': vertragen,
parcere, indulgere voc. inc. teut. ii 5
b;
condono, ich vertrag, übersehe, duld, leid Alberus 31
a; das der man viel an ihr (
der gattin) muos vertragen, sollen sie eyns bleyben Luther 12, 137
Weim.; hinter einer etwas rauhen bürgerlichen schale, die man am reichen reichsstädter wohl verträgt, zeigt sich grosze kenntnis der weltlichen dinge Göthe
an Carl August (
jahrbuch 18, 3); ob sie ... seine verhaszte gegenwart auff kurtze zeit vertragen solte Ziegler
Banise 120; ob Ruszland die nachbarschaft einer siegreichen französisch-östreichischen coalition an seinen polnischen grenzen vertragen könne Bismarck
erinnerungen 2, 75.
gewöhnlich wird das obj. durch einen nebensatz gegeben: wer aber kan im geist vertragen, das man ihm mag die warheit sagn Ringwalt
lauter wahrheit a i
a; und sagt, dasz er durchaus nicht könte das vertragen, dasz ihm der Rodomont sein rosz fürhalten wolt' Dietrich v.
d. Werder
Roland 196; die unvernünftigsten leute können es bekanntlich am allerwenigsten vertragen, dasz man an ihrem verstande zweifle Zimmermann
von dem nationalstolze 52; ich kann unmöglich vertragen, dasz er immer anderer leute arbeit für die seinige ausgibt Ayrenhoff 3, 150; besonders schien die bairische regierung nicht vertragen zu können, dasz sich die religiöse neuerung in ihrer nähe festsetze Ranke 4, 49.
bisweilen nebensätze anderer art: gedulteclichen er vertruoc, do man in an die wangen sluoc
der spiegel 329 (1, 221
Mone); das auch ein weib .. nicht wol vertragen noch leiden könte, wan ir man nach .. fremden .. wasseren starck schmackte Fischart
ehzuchtbüchlin 175; der angebliche hochmuth .. kan es nicht vertragen, wenn andere sich vermessen Breitinger
crit. dichtkunst 1, 166.
mit infinitivsatz: wie möchte ich immer vertragen in keinerley unern wider in ze thon Arigo
decamerone 177; ich für mein theil kann es nicht vertragen, aufgeknöpft und in weiten kleidern zu gehen Bode
Montaigne 2, 152. II@44)
mit persönlichem object, '
einen ruhig gewähren lassen, sein treiben oder seine gegenwart dulden': vertragen einen, einem übersehen,
indulgere alicui Dentzler; '
übersehen, geduld haben mit einem'
brem. wb. 1, 237; hettestu nút gotte me zuo dankende denne daʒ er lidet dich und vertreit und dich spart und din beitet Tauler 309, 2
Vetter; wann gern vertragt ir die unweysen, so ir selb seyt weyse
2 Kor. 11, 19 (
erste d. bibel 2, 134, 28; ir vertraget gerne die narren, dieweil ir klug seid Luther); man musz ins warlich teutsch jetz sagen, sie lassen sich nit so vertragen Fischart
nachtrab v. 238; dasz der mann sein weib verträget, dasz das weib trägt ihren mann, dieses richtet frieden an Logau
sinnged. 130 (565); so wollen sie frieden unter einander halten, und jeder den andern vertragen Bodmer
Noah 56 (2, 503); nur musz der eine nicht den andern mäckeln. nur musz der knorr den knuppen hübsch vertragen Lessing 3, 62 (
Nathan 2, 492); es thut mir leid, dasz sie ihn nicht vertragen können, und dasz ihnen seine gegenwart so sehr beschwerlich fällt Petrasch
lustspiele 1, 770; lasse mich und vertrage mich wie ich bin Bettine
Günderode 1, 258; die soldaten .. konnten zuletzt keinen kaiser mehr vertragen, dessen regierung etwas lange dauerte
M. J. Schmidt
geschichte der Deutschen 1, 100; euer vater war ein mann, wie man sie zu Philipp des zweyten zeiten nicht wohl vertragen konnte Klinger
werke 4, 83.
ungewöhnlich mit folgendem nebensatz: vertragt mich, das ich auch rede, und spottet darnach mein
Hiob 21, 3. II@55)
bis um 1600
findet sich die rection einem etwas vertragen '
hingehen lassen': eim vil vertragen und gestatten, eim nachlassen was er wil,
indulgenter aliquem habere Frisius 685, Maaler; Schmeller; der knappe sprach 'ich ensage iu niht ... daʒ sult ir mir durch zuht vertragen' ... Wolfram v. Eschenbach
Parzival 648, 25; so wolt man dem das nicht vertragen, sunder den umbslahen
d. städtechron. 2, 261; ein ungengs volck das do nit vertregt dem alten noch erbarmt sich des lútzeln
erste d. bibel 4, 222, 38; gleichwie gott der vater uns vergiebt und vertragt in Christo Jesu Luther
briefe 5, 55; vertraget einer dem (
geändert: den) andern in der liebe
Eph. 4, 2; mich wundret, dasz man ims so lang vertragen hat Zwingli
d. schriften 1, 99; dann ich dem untreuen man sein list nit vertragen kan Maximilian
Teuerdank 57, 55; sol ich den muotwil in vertragen? Murner
narrenbeschwörung v. 162; als Pandarus nun sahe disz, ... das Diomedes sich vorab under den feinden starck umbgab, derselben vil zu tode schlug, er ihm ein sollichs nit vertrug Spreng
Ilias 53
b; is ist winderlich nu, dasz hie (
gott) dir dit vortrein magk also
Alsfelder pass. v. 4881; durch daʒ muoʒet ir mir vertragen, daʒ ich der rede ein teil gedage Krolewitz
vaterunser 2352.
mit folgendem inf.: dasz man dem keyser nit weyter vertragen sölte, bischoff, äbt und prelaten zu bestätigen Stumpf
Schwytzerchron. 79
a; uns die zeit lenger nit vertragen will bei einander zuo bleiben Wickram 1, 235, 10.
ohne dativ der person: wir betrachteten sie alle, so viel es die zeit vertrug Lohenstein
Arminius 1, 695
a. II@66)
ebenfalls veraltet ist '
etwas erlassen, einen einer sache überheben'.
neben dem dativ der person das obj. im genitiv: owe und owe, in berg und tal, wes beitent ir, wes haltent ir so lange uf, wes vertragent ir uns Seuse 238, 35; ich bitt eüch, vertragen mich euers schimpffs und nit legen mir solliche schöne zuo Wickram 1, 84, 11; (
er) das so lange treyb das etlich in der nachperschaft im seins pleüen und schreyen nit mer vertragen mochten Arigo
decamerone 85; de ridder beschermen dat gemeyne gut, darumme vordrecht men em ock gemeiner gave (
steuern)
Sachsenspiegel 2, 26
glosse. mit acc. der person: und was du dir nit günnen sölst, dein nächsten des vertragen wölst Schwarzenberg
teutsch Cicero 147
v; die partheyen merer cost, mue und zerung zu vertragen
urkunde v. 1481
bei Haltaus.
besonders die verbindung mit dem part. prät. ist in urkunden verbreitet: eines dinges vertragen werden, sein, bleiben '
überhoben'.
belege finden sich zahlreich bei Haltaus, Lexer, Schiller-Lübben, Schmeller, Fischer. des sie sünst vertragen weren gewest, weren sie bei einander beliben
d. städtechron. 2, 330; des alles er vertragen gewesen, wo er im stand der unschuld beliben wäre Berthold v. Chiemsee
theologey 222; ... wärstu söliches verklagen von den juden vertragen?
Tirol. pass. 91
Wackernell hett sy ein frummen eeman gnummen, des jamers wer sy gar vertragen Murner
narrenbeschwörung v. 119; das sy alles bösen lümdes gantz syen gewesen vertragen Wyle
translationen 318; es sollen alle arckelleypersonen tag und nacht wacht und hut uberhebt und vertragen sein Fronsperger
kriegsbuch 1, p 4
v; so wer ich der unehrlichen widerfahrt vertragen bliben Carbach
Tit. Liv. 189
v.
diese verwendung erlischt schon um die mitte des 16.
jhs. II@77)
selten ist ein älteres intrans. '
unterlassen'
; mit obj. im acc.: sîn zorn unt sîn andunge vertreit niht deheine râche
predigten 6, 40
Leyser. mit obj. im genitiv: 'wie solt ich davon peichten mich? ich hab nye sünd damit bejagt!' der herre sprach: 'der red vertragt, kain puolschafft mag on sünd gewesen!' Hätzlerin
liederbuch 116.
absolut mit infinitivsatz: der reiche .. vortrug zu nemen von seinen schafen und seinen ochsen (
parcens sumere)
Wenzelbibel (14.
jh.)
bei Jelinek 851; stell ab Euriole ze hoffen das, das sich nit gebürt ze erfolgen. vertrag mit botten und briefen mich ze bekümbern Wyle
translationen 35, 21. II@88)
durative verwendung '
verweilen, verzögern'
erscheint vereinzelt auf nd. und md. boden: dat it em lever was, dat de sake nicht verdragen wurt Kantzow
pomm. chron. 206.
subst. inf.: sunder einich lenger verdragen spranc hê up dat gôde ros
Karlmeinet 65, 20. IIIIII.
die bedeutungen '
sachen zum austrag und vergleich bringen, personen zu versöhnung und eintracht bewegen, ein abkommen treffen, sich aussöhnen, sich einträchtig stellen mit anderen'
sind wohl von II herzuleiten. übrigens datiert dieser gebrauch erst vom 15.
jh., wo er in der urkundensprache einsetzt. der trans. veraltet im 18.
jh., wird aber hier und da wieder belebt; der reflexive verbreitet und erhält sich allein. III@11) '
eine verabredung treffen, einen vertrag schlieszen'
: decidere, verrichten, vertädingen, vertragen, vereinbaren;
decisa negotia, auszgemacht und vertragen Frisius 367
b; Maaler; ein vertrag oder pact machen, vertragen,
depaciscor Calepinus 397
b; dat wart vordregen,
concordatum est slavische chron. 284, 5 (Schiller-Lübben); dar nâ verdrôgen sî under ein
Karlmeinet 383, 52
Bartsch; und ward die sach vertragen, daʒ der bischoff von Basel im solt geben 900 marck sylber Münster
cosmographey 420; ist die sache vertragen, wir haben noch da wegen eines schweren brieffes was mit einander zu thun Weise
comödienprobe 338; so hab ich seithero hören sagen, es sey mit der cron Böheim gericht und vertragen worden Berlichingen 37.
danach alterthümelnd: ja, vertrag du mit den pfaffen! Göthe 8, 6
Weim. (
Götz); drum hat der edle graf von Rochepierre, der drinn befiehlt, in dieser höchsten noth vertragen mit dem feind, nach alten brauch, sich zu ergeben auf den zwölften tag Schiller 13, 195 (
jungfrau 570); Holda, die freie — vertragen ist's — sie tragen wir heim R. Wagner 5, 218 (
Rheingold); er hatte schweigend vorhin zugehört, als wäre es so mit dem gaste vertragen gewesen Alexis
Isegrim 1, 125; 1529 (
wurde) aber vertragen, dasz künftig bei jeder huldigung .. markgräfliche räthe gegenwärtig seyn sollten Eichhorn
d. staats- und rechtsgeschichte 3, 137; angebliche verletzungen des vertragenen rechts Mommsen
röm. geschichte 1, 159; die stadt ergab sich vor dem vertragenen tage Dahn
urgeschichte 1, 270.
part. präs. in substantivischer form: die dauer derselben (
verträge) gründet sich auf die kräfte der vertragenden
neue schauspiele (1771) 2, 3, 53. III@22) '
eine streitsache zum austrag bringen, schlichten': etwas fründtlich und glücklich vertragen, verrichten, zerlegen,
cum bona gratia componere Frisius 610
b;
dijudico 418
a; schlichten, verschlichten, hinlegen, vertragen,
dirimere Alberus 41
a; den streit vertragen, ausmachen Kirsch, Frisch;
noch Adelung
geläufig, erst von Campe
als veraltet bezeichnet. ältere belege bei Schiller-Lübben, Lexer, Schmeller, Fischer. der abt vilerlay handlung mit gerichtlicher costung .. vertragen mochte Knebel
Kaisheimer chron. 478; zuletzt ward der krieg durch die Teutschen vertragen Franck
chron. Germaniae 160; wir wölln euch führen zu dem wein und wollen den hader vertragen Sachs 17, 168, 29
Keller-Götze; stellet beyde bürgen her, in zwey tagen zu vertragen dieses mit der scharpfen wehr
Reinicke Fuchs (1650) 392; vor solchen lehen-männern .. soll die sache vertragen, gehandelt, .. erkennet werden Hohberg
georgica 3, 9
b.
zusatz einer präpos. bestimmung: das die ding meer zwischen uns vertragen werden mit guter gnad dann mit böser (
componamus)
Terenz deutsch (1499) 133
a; das der hader zwischen got und menschen durch disz kindlein vertragen Mathesius
leichenreden 53; so bald sie den krieg mit den Carthaginiensern vertragen Xylander
Polybius 73.
besonders im part. prät.: dasz alles vergleicht und vertragen were Luther 34
2, 544, 16
Weim.; lasz es gut seyn und vertragen, was ist wider dich gethan Opitz
psalmen Davids (1637) 49; rück niemandts sein gebrechen auff, noch alt vortragne sach Ringwalt
warnung N 1
b.
danach nur noch alterthümelnd: mach' immer die nase kraus bei allen den vertragenen geschichten Arndt
werke 3, 48; seit wann hat denn der Götz wieder händel mit dem bischof von Bamberg? es hiesz ja, alles wäre vertragen und geschlichtet Göthe 8, 6
Weim. (
Götz); was trennt und irrt, kann hernach unter uns geschlichtet und vertragen werden Görres
schriften 2, 94; er .. flohe aus dem lande, bis die sache vertragen ward und er verzeihung erhielt Grimm
deutsche sagen 1, 78; (
es) bildete sich 1376 eine verbindung von 14 reichsstädten in Schwaben, die sich zusagten, .. die gegenseitigen streitigkeiten .. zu vertragen oder zu entscheiden Eichhorn
d. staats- u. rechtsgeschichte 3, 74.
ausnahmsweise reflex. form zum ersatz der passiven: denn so wir unser rüstung hetten, würd dieser zweyspalt sich bald anderst vertragen
Amadis 1, 332
Keller. III@33) '
einen gegner aussöhnen, streitende parteien einträchtig machen'
: reducam te cum fratre in gratiam, ich wil euch eyns machen .., wil euch vertragen Alberus;
componere amicos, zwen freünd die uneins oder zweyträchtig sind widerumb eins machen und sy miteinanderen vertragen Frisius 271
b; Faber; Calepinus; Stieler; Dentzler; Frisch;
noch Adelung
geläufig; von Campe
als landschaftlich bezeichnet, aber in den mundartlichen wb. nicht nachzuweisen (
doch vgl. unten den beleg bei Bismarck). ich aber will .. gott bitten, das er euch .. vertrage und vereynige Luther 18, 334, 4
Weim.; beide parten in der güte und süne zu gleichen und zu vertragen Schütz
preusz. chron. 1, S IV
a; ein schöner pfau, sampt dem weiblein, die zanckten mit einander, und bald wurden sie vertragen
Faustbuch 22
neudr.; man solt zwey widerwertig heer ... viel ehe vertragen, auff mein eyd, als diese schöne heiligkeit Fischart
S. Dominici leben v. 121; Pompejus drey schieds-richter beyde könige zu vertragen abfertigte Lohenstein
Arminius 1, 214
a; vor zehn jahren haben wir euch vertragen, und ihr habt wieder angefangen Alexis
Roland 1, 41; (
danach) habe ich hier termin in deichsachen abzuhalten, um zänkische bauern zu vertragen Bismarck
an braut und gattin 20.
mit präpos. zusatz: ob er wol durch den ewigen mittler wider mit gott vertragen wurde Mathesius
Sarepta 182
a; ehe er nun ausz Italia kame, vertruog er Berengarium mit dem babst Franck
chron. Germaniae 89; Galba vertruge darauf meinen bruder und mich miteinander A. U. v. Braunschweig
Octavia 2, 756; um die könige von Frankreich und Engelland mit einander zu vertragen
M. J. Schmidt
geschichte der Deutschen 3, 409.
die streitsache selbst wird selten durch den genitiv, gewöhnlich durch eine präpos. bestimmung ausgedrückt: sie unser herr der künig solcher sach in der gütikeit nit vertragen mocht
d. städtechron. 2, 238, 3; ob einicher totschleger oder übelteter mit seinem widerteil umb die tat vertragen were
Nürnberger polizeiordnungen 43; Rothweil ist mit Stoffeln von Landenberg, uber das er yr vorstat auszprant .. hatt, vertragen Scheurl
briefbuch 2, 245; den von Zeringen und hertzog Fridrichen mit einandern zu vertragen, von des alamannischen hertzogthumbs wegen Tschudi
helvet. chron. 1, 33.
das part. prät. gilt als adj. '
einträchtig, harmonisch': weiln wir nunmehro wider einig und vertragen seynd Bastel v.
d. Sohle
harnisch von Fleckenland 250; eh als sie (
die welt) selber war, war gott mit ihm vertragen, der vater und der sohn Opitz
opera (1690) 3, 227; der himmel steht nicht, wie er stund, mit land und see vertragen Dach
bei Fischer-Tümpel
kirchenlied 3, 84.
alterthümelnd: höfe, die sich von vornherein durch abgetöntes, hocharistokratisch vertragenes wesen auszeichnen muszten Lamprecht
deutsche geschichte 3, 195.
der reflex. gebrauch folgt dem transitiven. III@44) '
einen vergleich, eine vereinbarung treffen, einen vertrag abschlieszen': sich vertragen, vergleichen Dentzler; Kramer; wir haben es so miteinander vertragen,
verglichen, verabredet, wofür man aber lieber einen vertrag machen
sagt Adelung; Campe
erklärt es noch als wenig gebräuchlich, heute ist es durchaus ungebräuchlich. doch bucht Frischbier
als preuszisch: er hat sich als knecht vertragen, '
sich verdungen, durch vertrag gebunden'; Schmeller
als bair. lebendig beim gerichtlichen vergleich der bauern. (
der könig) lies mit den juden handeln, und vertrug sich mit inen, und schwur den vertrag zu halten 2
Macc. 13, 23; Hieron vertregt und verbindt sich gegen den Römern Xylander
Polybius 10; auch die sudler und sudlerin, so im läger kochen, sollen sich alle monat mit dem profosen nach zimlichen dingen vertragen ('
abrechnen') Fronsperger
kriegsbuch 1, M 3
r; ein jeglicher gang in sein selbs gewissen, wie er sich vergleiche und vertrag mit der geschrifft Paracelsus
opera 2, 642; zwei tüchtigen helden, die sich ritterlich vertragen und gegenseitig stählen, ehe sie sich befehden Keller 4, 226.
das object der vereinbarung bringt die ältere sprache im genitiv, später erscheint ein präpos. zusatz: darnach .. vertrugen sich etwevil fursten einer puntnusz
d. städtechr. 3, 302; sie vertruegen sich selbs der wehr und wat, also das ir kainer mehr dan ein langen spies mit langen tegen haben solten Wilwolt v. Schaumburg 124; haben sie sich desz kauffs vertragen, dasz der schuhmacher im solt geben die 24 gülden eben Fischart
Eulenspiegel v. 6048.
um: wo sich kauffer und verkauffer des schmaltz umb den abschlag des gevesz gutlich nicht vertragen mogen
Nürnberg. polizeiordnungen 220; Christus und Belial können sich nimer mehr vertragen in einem bett um die braut Luther 18, 268
Weim.; wie verträgt sich der teufel und du um deine seele, die du ihm .. verkauft hast?
Shakespeare, Heinrich der vierte I 1, 2; um dessen (
herzens) andere beiden drittheile sich Kanngieszer und ich vertragen sollen Holtei
vierzig jahre 1, 174.
über: die weil der metziger also (
mit einem anderen) zanckt .. hiesz (
Ulenspiegel) sie sich darüber vertragen so best sie konten
Eulenspiegel (1515) 93
neudr.; wie sie aus ihrer klaus' entkommen, darüber mag, wie's ihm gefällt, sich jedes mit sich selbst vertragen Wieland
werke (1794) 9, 211; die weiber wissen niemals, worüber eigentlich die männer sich nicht vertragen können Göthe
gespräche 2, 325
Biedermann; denn über alle punkte habe man sich mit ihm .. vertragen Ranke 4, 313.
mit: dasz sie mit verglichener proviant und fourage sich nicht vertragen könnten
acta publica 6, 301
Palm; so suchte ich mit Lenzen einen handel zu schlieszen, und hofrath Loder möchte alsdann mit dem vorschusz der quartale .. sich mit dem Leipziger zu vertragen suchen Göthe IV 11, 218
Weim. wegen: wir haben uns mit dem edeln .. graven zu Fürstenberg, von wegen unser stat Prunlingen, gütlich vertragen
urkunden zur geschichte Maximilians 7
Chmel; bis dein abt .. sich mit mir wegen der wiesen verträgt Freytag
werke 9, 58.
mit nebensatz: an. 1538 vertrug er sich mit k. Ferdinando, dasz nach seinem tode das reich an Österreich kommen .. sollte Birken
Donaustrand 163; dies schandbare wirrsal wegzutilgen vertrugen unsre väter sich im kloster J. Immermann
werke 15, 270. III@55) '
sich aussöhnen, versöhnen, den gegenseitigen unwillen fahren lassen' Adelung;
noch heute lebendig. versöhnen
weist auf eine stärkere uneinigkeit zurück als vertragen
und hat den nebensinn, dasz zugleich geschehenes unrecht wieder gut gemacht werde vgl. Eberhard-Lyon. sich mit eim vertragen und zum end kommen,
componere et transigere Frisius 271
b; Kramer. '
frieden schlieszen': dieweil vertruog sich sein sun Albertus .. mit dem babst Franck
chron. Germaniae 90; die ewige stete feinde sind und sich nicht vertragen lassen, als Christus und der römische Antichrist Luther 18, 268
Weim.; vertragen wir uns lieber in der güte mit einander! Gryphius
Horribil. 81
neudr.; sie .. reicheten sich die hände, und vertrugen sich Happel
akad. roman 905; ich vertrage mich mit meinen offenbaren feinden, um gegen meine heimlichen desto besser auf meiner hut seyn zu können Lessing 18, 227; ist's wahr, dasz beide stämme sich vertragen? Göthe 9, 402
Weim. (
Tankred 911); Paris hat sich vertragen mit dem Dauphin Schiller 13, 241 (
jungfrau 2309); der könig vertrug sich dann aber mit Manteuffel, der inzwischen 'gehorsam' gelobt hatte Bismarck
erinnerungen 1, 158; wir wollen uns vertragen, mutter. du bist, wie du bist Fontane 6, 78; 's beste wär, sie vertrügen sich wieder Hauptmann
biberpelz 75.
mundartlich verbreitet; sprichwörtlich: pack schlägt sich, pack verträgt sich Hippel
lebensläufe; Gaudy 2, 85;
schwäb. Fischer. III@66)
dann wird sich vertragen,
besonders in der neueren sprache, von dauernden verhältnissen gebraucht, '
mit einander auskommen, harmonieren': wie verträgst du dich mit deinem herrn? ... nun, wie vertragt ihr euch?
Skakespeare 4, 41 (
kaufmann von Venedig 2, 2); sie (
die gatten) vertrugen sich schlecht, sie lieszen sich scheiden Bauernfeld 3, 298.
gewöhnlich sich gut miteinander vertragen Adelung;
convenire optime cum aliquo, uberausz mit eim wol eins und zefriden seyn, sich mit eim wol vertragen Frisius 328
a; Dentzler; das man und weib sich lieblich mit einander vertragen Luther 34
1, 60, 13
Weim.; frembd leut sich fridlich wol vertragen Sachs 22, 219, 9
Götze; sondern habe mich mit jedermann wohl vertragen Schweinichen 34; se vertrug sich su wuhl mit e katzen Gryphius
lustspiele 261 (
Dornrose); wenn du willst hübsch lustig sein und dich mit allen gut vertragen Brentano
schriften 7, 106; dasz alles .. sich brüderlich vertrage, beständig und lustig unter ihm lebe Ranke 3, 386.
volksthümliche vergleiche gehören hierher: wie braut und breutgam sich vertragen Rollenhagen
Froschmeuseler NII
a; wie hund und katze sich vertragen Rückert
werke 3, 76;
schon bei Kramer;
oberhess. luxemburg. preusz. Leihener,
lux. wb., Frischbier
sprichw. 1, 273; wie ein paar kaninchen 2, 190; wie katze und maus; wie speck, ratzen und katzen; wie feuer und wasser Wander
sprichw. 4, 1614; 1615;
ostfries. mester (
lehrer) un pastor moten sück vertragen as speck un kohl Kern-Willms
Ostfriesland 40. sich nicht vertragen neben einander Kramer; sie konnten sich niemals vertragen Adelung; von auszen vertragen sich zwen hart gsellen und herte stein nit mit einander Franck
sprüchw. (1541) 2, 24
a; darnach mochten sie sich nit vertragen, sunder ein brueder schlug den andern zu tot
d. städtechron. 3, 104; ir weyber aber in kurtzen tagen die kundten sich gar nicht vertragen Sachs 8, 524, 16
Keller; dasz er sich gar noch obendrein mit seinem übrigen geschwister zu hause nicht vertregt Lessing 17, 203; sie konnte sich mit dem herzog nicht vertragen Göthe 8, 246
Weim. (
Egmont); zwei sonnen vertragen sich nicht am himmel Alexis
ruhe 1, 64.
der positive gebrauch sich vertragen
ohne jeden zusatz ist erst im 18.
jh. möglich: können zweene sich vertragen, hat der dritte nichts zu sagen Spanutius
sprichwörterlex. (1720) 627; eine zeitlang vertrugen sich die brüder und lebten nach dem gebot des vaters Herder 24, 426; dasz kaum je zwei, höchst selten sie sich zu drei vertragen Göthe IV 28, 176
Weim.; mit denen du dich verträgst, wenn kein mensch mit dir auskommt Bettine
Günderode 1, 109. Sallmann 85
b verzeichnet für Estland einen sonderbaren participialen ausdruck: ein vertragener meister
ist ein handwerker, der, vom land zur stadt gezogen, mit der zunft sich verträgt. III@77)
spät hat sich auch die verbindung mit sächlichem object herausgebildet, sich mit etwas vertragen, '
harmonieren, sich einverstanden erklären mit etwas': dasz der stolze und lasterhafte mensch mit der ewigen ordnung .. gottes sich unmöglich vertragen kann Haller
tagebuch 1, 19; personen .., die sich mit dem blendenden zeitgeiste nicht vertragen konnten Göthe 28, 106
Weim.; ich kann mich überhaupt mit wenigen kinderbüchern vertragen
aus Schleiermachers leben 1, 106; die Franzosen haben sich deshalben am wenigsten mit Shakespeare (
seinen werken) vertragen können Hegel 10
1, 344; könnt ihr euch aber mit dem glauben vertragen, dasz sie vielleicht hülflos .. sind Tieck
schriften 4, 93.
älter und häufiger ist der gebrauch, wenn auch das subject sächlich wird: sachen vertragen sich, '
stehen miteinander im einklang, harmonieren'; wasser und feuer Kramer; thorheit und weisheit Adelung; wan zweijer leige werke envertragent sich nút mit ein ander Tauler 182, 4
Vetter; fure mir die schrifft, ut sich mit dem glaube reime und vertrage Luther 34
1, 106, 9
Weim.; dasz freylich ungemein zugleiche sich vertragen keusch und auch schöne seyn Opitz
opera 3, 83 (
Judith 2, 6); auch pflagst du stets zu klagen, gesund seyn wolle sich nie recht mit dir vertragen? Dach 758
Österley; kann schnee sich mit der gluth, und laub mit schnee vertragen? Brockes
irdisches vergnügen 4, 105; mit dieser schmeicheley .. hätten sie mich verschonen sollen. sie will sich mit meinem vorsatze .. nicht vertragen Lessing 2, 323 (
Sara 4, 4); wie er dich aus diesem unedelen staub, der sich so wenig mit deinem geist und adel verträgt, ans licht emporheben wollte Schiller 2, 60 (
räuber 2, 1); diese künste .., die sich so übel mit den vorurtheilen vertragen Wieland
Agathon 1, 109; mit dieser vermittelnden neigung vertrug sich sehr wohl ein starkes rechtsgefühl Treitschke
hist. aufsätze 1, 145; die frömmigkeit jener katholischen zeiten vertrug sich mit recht groszer lustigkeit Alexis
Roland 1, 88.
unpersönlich: was sich verträgt mit meiner pflicht, will ich ihr gern erweisen Schiller 12, 462 (
M. Stuart 1506); so lange .., als es sich mit meinen übrigen umständen nur vertragen kann Lessing 18, 191; zufall? bester, wie vertrüge es sich mit der gesunden philosophie, diesen zu statuiren! Tieck
schriften 3, 4; es vertrug sich sehr wenig mit dem geist der römischen institutionen, dasz .. Mommsen
röm. geschichte 2, 94; mehr aufwand zu machen, als sich mit haushälterischer bedächtigkeit vertrüge Keller 1, 136. III@88)
nach heutigem sprachgebrauch läszt sich das subst. vertrag (
s. d.)
zu den gruppen 1, 4, 5
in beziehung setzen; sonst tritt der subst. infinitiv als ersatz ein. in älterer zeit war die verwendung von vertrag
ausgedehnter. das subst. die vertragung (
s. d.)
verwirft schon Adelung. —
vertragenheit, f., ungebräuchliche abstractbildung zu vertragen II 5, '
nachsicht'
: licentia, erlaubnusz, übersähung, willfart, vertragenheit, verhengnusz, verwilligung Frisius 771
a; Maaler 435
a.