unruhig,
adj. adv. ,
gth. v. ruhig.
mhd. unruowec, -wic;
mnd. unrouwich;
mnl. onroewigh
nur bei Kilian,
nl. vereinzelt im 17.
jh. onrouwig,
sonst onrustig.
zu den formen s. ruhig.
vgl. unruh,
adj., -ruhiglich, -ruhlich, -ruhsam;
ungeruhig, -geruhiglich, -geruhlich, -geruhsam(keit); ruhelos, unruhevoll; unrastig, -rüstig. 11) ruhig B I,
unruhe 1
entsprechend, ἄπαυστος (B. Garth
lex. [1657] 394
b); '
rastlos tätig, geschäftig' Staub-Tobler 6, 1907, 1.
von personen: und kan doch der mensch als ein unriegigs thier (
zur thätigkeit bestimmtes lebewesen) nit miessig gon Murner
a. d. adel 48
ndr.; mit näherer bestimmung: szo er yn diszer gifftigen, selbererdachten, unvorschampten lugen szo unrugig ist Luther 7, 272, 2
W.; andere thyerer seind des leibs lusts zuo settigen, aber der mensch ist des orts alzeit unrhwig Eppendorff
Plin. 90 (
vgl. Zimm. chron. 4, 70; 1, 436);
ohne solche bestimmungen: der teufel ist ein emsiger, unrugiger geist (
vgl. 4) Luther 34
2, 390, 2
W.; S. verweilt nie lange, er ist ein unruhiger geist G. Freytag 3, 34; eine unruhige seele; ein unruhiger gast Fischart
discours (1589) f 3
a (
eigentlich ein gast, der sich nicht setzen will und dadurch die ruhe mit fortnimmt); ein weib ... unrüwig von leib H. Sachs 19, 260
G. (
sprüche Salom. 9, 13); der unruhigste vagabond Göthe 19, 39
W.; adv.: der freigewordene mensch ist u. und ziellos unterwegs Nietzsche I 2, 7.
von thieren: J. A. Naumann
vögel 2, 96 (
syn. lebhaft); unruhigster der hähne J.
N. Götz
ged. (1785) 1, 47 (
bed. 2
und 3 b
flieszen ein).
von dingen und abstractis: jener unruhige berg (
Vesuv)
schr. d. Götheges. 5, 74; unruhige irrfahrt Göthe 41, 265
W.; ein frühlingstag ist unruhiges werden Auerbach 17, 57.
bes. der nachtruhe entbehrend: wer klopfft da und mich bey der nacht mit meinem hauszgsind unruig macht? H. Sachs 12, 89, 25
K.; u. schlafen
Sirach 31, 23 (
auch bed. 2
und 5
können damit verbunden werden; Krünitz 199, 230); unruhiger schlaf
M. Meyr
a. d. Ries 1, 30; ein unruhiger schläffer
ollapatrida 135, 16
ndr.; eine unruhige nacht Lehmann
florileg. 1, 168 (
s. auch bed. 3 b, 5
und 6).
aus der grabesruhe aufgestört: warumb hastu mich unrgig gemacht 1
Sam. 28, 15; u. werden,
im jenseits keine ruhe finden Staub-Tobler 6, 1907. 22)
mit vorwalten der bewegungsvorstellung, ruhig B 2 a, unruhe 2
entsprechend, von natürlichen gegenständen: die unruhige welle, unruhiges wasser Göthe II 12, 103
W.; das meer ist allezeit u. Kramer (1702) 2, 386
b (
im bilde: der ewig unruhige flusz des nichtseienden Schleiermacher
Platon 6, 40); das meer und die wasser unrwig machen (
excitare, turbare, vgl. bed. 3 c)
theatrum diabol. (1569) 117
a; das schiff lag u. vor ancker A. Olearius
verm. reisebeschr. (1696) 210; unruhige überfahrt Solger
nachgel. schr. 1, 320; luft Muspratt
chemie (1900) 7, 126; Laistner
nebelsagen 242; unruhiges leuchten, flimmern, blitze, scheinwerfer, funken; wie u. die sterne sind Storm 1, 223;
von winden J. Rauw
cosmographia (1597) 121; Frenssen
Hilligenlei 153 (
nicht nur unruhig bewegt, sondern auch umspringend, ungleichmäszig)
; von dem umlauf des himmels S. Franck
sprichw. (1541) 1, 120
a,
von baumeln, zappeln, grabeln, zielen u. dgl.; Garg. 110
ndr.; mit bed. 3 b: Eichendorff 3, 427; unruhige wege (so nennen sie im Harz einen rauhen, auf- und abgehenden wald- und bergpfad) J. G. Kohl
volksbilder a. d. Harz 167;
vgl. G. Keller 3, 170; ich erhielt natürlich den rücksitz neben unruhigen (
sich hin und her bewegenden, zu fallen drohenden) schachteln, die gehütet sein wollten Laube 1, 171; der unruhige schildklee
hedysarum gyrans Oken
naturgesch. 3
3, 1623,
desmodium, s. wandelklee; sie haben .. gemeynet, das die wein ... sich bewegen und u. werden Sebiz
feldbau 523; glückseligkeyt ist ein unruowig ding, es treibt sich selber (
vgl. unruhe 2 a
β)
klugreden (1548) 123
a.
von thieren: das ist auch eyn gut zeychen an eynem pferd, wann es still stehet, das es unrwig seie und die erd auffscharre, als begeret es zu lauffen
M. Herr
feldbau 186
b; die bruthänne unrhuig machen (
aufstören) Sebiz 106.
vom floh Fischart
flöhatz 159
ndr.; bildliche ra. S. hatte mir einen unruhigen floh ins ohr gesetzt
Simpl. 247
Kögel (
vgl. bed. 6); schafe in unruhigem gewimmel Polenz
Grabenhäger 1, 17.
von menschen: als die unruhigen knaben weiter kletterten Göthe 24, 43, 9
W.; u. sein
von kindern, von schülern während des unterrichts Staub-Tobler 6, 1907, 1 b
u. allgemein (
dazu bed. 3 b
und c); ein unruhiger schüler, seine unruhige haltung;
ra. unruhiger als ein jude
els. wb. 2, 246
a; u. wie die maus in dem kindbette (im kinderbette) Fischer
schwäb. wb. 6, 213; ameisen, die wie ein unruhiges heer landsknechte (
vgl.ungerüg H. Sachs 2, 137, 147
Tittmann zum adj. rüge
th. 8, 1411,
unbändig Weinhold
schles. wb. 78
b) sind Hohberg
georg. 1, 424; die unruhige (
immer auf der walze befindliche) gesellschaft G. Keller 1, 17; ich schosz, etwas u. geworden Moltke 6, 284 (
dazu bed. 6); ein unruhiger mensch '
der entweder keine ruhe an einem orte hat, bald hierher, bald dorthin zieht, d. h. sowohl seinen wohnort als seine wohnung selbst im orte oft verändert, oder in seinen beschäftigungen oft wechselt, bald dieses, bald jenes gewerbe betreibt; auch an keinem orte lange verweilt, wo er zum besuche einkehrt (
vgl. 1),
immer in lebhafter bewegung ist; auch unaufhörlich zank u. streit sucht' (
s. 3 c) Krünitz 199, 230; unrwigs umblouffen (
der barfüszer) Eberlin v. Günzburg 1, 87
ndr. häufig stellt sich, unruhe 2 b
entsprechend, die schattierung '
ungleichmäszig, sprunghaft, unregelmäszig'
u. dgl. ein: u. steuern Hoyer-Kreuter
technol. wb. 1, 731, schieszen, zielen
u. ä. (
vgl. oben)
; von bewegung der magnetnadel Chamisso 1, 315;
vom wetter, von der wetterlage; das gebirg ... erhebt zackige gipfel in unruhigen linien (
vgl. 6 c
γ) 2, 294;
übertragen: von modulation O. Jahn
Mozart 3, 275; handlung G. Freytag 14, 101; entwicklung, darstellung, folge, politik, bildungsgang; unruhiger (
unruhig wirkender) eindruck (Hoops
waldbäume 524), vordergrund
im gemälde (Stifter 14, 187)
u. s. w. 33) unruhe 3, ruhig B II 2 b, III, IV
entsprechend. 3@aa)
mit plage, last u. mühe verbunden (
gth. geruhlich 4)
oder solche verursachend, importunus, beunruhigend, beunruhigt; schwach entwickelt u. in n. spr. verblaszt: unruhig machen
molester Hulsius-Ravellus (1616) 381
b;
belästigen Staub-Tobler 6, 1907; solche haben mich in verhindernüsz bracht, unrwig und leidig gemacht, in farhe und not gesetzt Hutten 1, 417, 34
B.; der mensch musz leiden, dasz beide fliegen, mucken, flöhe, leuse und ander gewürm in u. machen und uberlestig sein, allenthalben hindern und beschweren C. Spangenberg
jagteufel B 2
a; ain klaine narung ist rhwig, ain grosze narung ist unrhwig G. Mayr
sprüchw. (1567) c 1
b; d 2
b; Eyering 1, 125;
für müelich liute
Renner 2914
setzt der Frankf. druck 18
a ohnrugig, Warlies 67
b; der ist ein unruhiger und unglückhaffter mensch, der nicht weisz, wenn er gnug hat Lehmann
florileg. 1, 808; 3 b
und c, 6 c,
einschlieszend: und war disz ein uberaus unruhiges jahr, denn viel wunderzeichen itzt da, denn dort, grosze erdbeben, brennende fackeln, so in lfften schwebeten, erschienen Binhardus
thür. chron. 25. 3@bb)
gth. v. ruhig III,
geräuschvoll, laut, lärmend, mit ewigem kommen u. gehen verbunden, tumultuosus: mhd. wb. 2, 819
b; ein unruhiges gewerb Kramer (1702) 2, 386
b; unruhige nachbarschaft Göthe III 4, 100, 24
W.; gasse (Kramer-Moerbeek), wohnung, lage; unruhige mieter; es ist mir da zu u.; Staub-Tobler 6, 1908; ein unruhiges warte-, schul-, geschäftszimmer
u. s. w.; getümmel Hirschfeld
gartenkunst 5, 32, flüstern Auerbach 6, 51 (
vgl. bed. c
und 6); das local und die procedur hatten etwas von dem unruhigen verkehre an einem eisenbahnschalter Bismarck
gedanken u. er. 1, 26; unruhige tage Göthe IV 8, 338
W.; so ging der ganze tag u. hin 23, 99, 2
W.; die zahlreichen hunde der gegend werden u. E. Th. A. Hoffmann 1, 27; sich u. bemerkbar machen; dies fremde unruhige (
vgl. 3 a, 6) leben Göthe 22, 303
W.; wie unruhe
für fracas: das schreiende und unruhige meiner ergüsse G. Keller 1, 290;
vgl. 2
ende. 3@cc) unruhe 3 c, ruhig II 2, IV
entsprechend, discordiosus, seditiosus, insedatus, effrenatus, dissolutus, turbulentus, furibundus, ferox u. dgl.: die zung ... ist ein unruowiges ubel
erste d. bibel 2, 419, 7;
vgl. ungeruhig
sp. 825; B. v. Chiemsee 315; zeigt damit an, was für ein unruhiges ubel ... aus einer ungezämten zungen rhre G. L. Hartmann
fluchspiegel 1; u. sein,
krakehlen beim trunk, der unruhige,
krakehler, widersetzliche, raufbold österr. weist. 11, 241, 11; 10, 73, 23;
gth. gehorsam
schweiz. schausp. 3, 84, 44
B.; u. wider den römischen kayser sein
lieder a. d. winterkönig 85
Wolkan; ein unruhiger bauer, welcher sich mit seinen beamten zerfallen Belemnon
bauernlex. 50; Bräker 1, 276.
im engeren rechtlichen sinne: mit einem u. werden Staub-Tobler 6, 1907; solich unrwige klag under fürsten, edlen, burgern und pawren Eberlin v. Günzburg 1, 11
ndr.; umb etlicher unrwiger (
strittiger) sachen halben Montanus
schwankbücher 276
B.; veraltet. unser lieb unruig machen (
stören) H. Sachs 13, 183, 15
G.; Bräker 2, 84; eine schauderhafte stille, eine unruhige stumme scene (
die in offenen zwist auszubrechen droht), wie vor einem ungewitter, herrscht im Olymp! Herder 3, 208; ein unruogiger fried Lobwasser
calumnia b 7; die sünde schläft auch, aber an einem unruhigen orte (
friedlos) Körte
sprichw. 157; tauben wild und u. machen Sebiz
feldbau 120; dasz die gemsen ... aus dem gehegten reviere hinaus in unruhigere gegenden versprengt werden sollen H. v. Barth
kalkalpen 131. die unrbigen,
τοὺς ἀτάκτους erste d. bibel 2, 203, 39
var.; das der poffel .. durch solche geyster .. so stoltz und unrügig ist worden Luther 18, 93, 10
W.; 30
2, 31
W.; sprüche Sal. 30, 21;
dissolutus Alberus; ein unruhiges lästermaul Zesen
helikon. rosenthal 37; der unruhige priester kam ... mit einem herben verweise davon H. P. Sturz
schriften 1, 151;
F. Th. v. Schubert
verm. schr. 2, 9; seinen etwas unruhigen (
bewegten, unregelmäszigen) lebensgang (
Flacius Illyricus) R. v. Raumer
gesch. d. g. phil. 33; die satire ist von haus aus u. J. Grimm
R. Fuchs xi;
subst.: sie hatte etwas wühlendes, unruhiges Gutzkow
zauberer 1, 41;
adv.: so darf ich wohl versichern, dasz mir die letzten monate zwar nicht u., aber doch sehr überdrängt vorbeygegangen Göthe IV 32, 124
W.; unruhigzerstörend sich entwickeln Brinckmann
filosof. ansichten (1806) 299;
euphemisch: es könnte hier mit nächstem ein klein wenig unruhig zugehen (
sturm auf Zabern ist geplant) Bauernfeld 5, 132.
furibundus gemma 1508: hasz Luther 7, 263
W. u. ö.; dweil ihre (
der trinker) vernufft ... unruig worden ist Ambach
v. zusauffen c 3
a;
veraltet. mnl. onrustich
auch illepidus, illiberalis, invenustus, improbus. Walch
philos. lex. 2, 2755. Pansner
schimpfwb. 74
a.
mit vorliebe im politischen sinne: von unstAeten, ungleichen sinnen werden land und leut unrwig Eberlin von Günzburg 1, 47
ndr.; unruhig gselln, die immer was neus haben wölln Opel-Cohn 362; den unruhigen nachbar (
Frankreich) Ranke 2, 211; unruhige massen H. Grimm
Michelangelo 1, 20;
subst.: Opel-Cohn 364; Dahlmann
gesch. v. Dänemark 3, 230; dieweil ... gemelter hoher standt bei uns nit fridsam, sonder onrwig und zerteylet ist Sleidan
reden 81
B.; mit unrwigen brieffen
tumultuosioribus literis Frisius 622
a; läufte, zeiten G. Arnold
ketzerhist. 22
a; Gottsched
d. neueste 1, 354; ereignisse Göthe 49, 34, 12
W.; bestrebungen Bismarck
gedanken u. erinn. 2, 260; in Preuszen auch schritt ein unruhiger geist durch die massen Treitschke
aufsätze 2, 49;
prädicativ: bei uns ists u. Göthe IV 9, 310
W.; 22, 160
W.; 48, 132
W.; adv.: Treitschke
aufsätze 1, 28; noch unruhiger sah es in
F. aus Raumer
Hohenstaufen 4, 187.
ra. unruhige köpfe, ein unruhiger kopf: er nennt die Bayrn und Schwaben lästerliche machthansen und unrwig köpff Nas
antip. eins u. hund. 2, 197
b; zweitens würden unruhige köpfe, falls man Glatz nicht cernire, .. trachten
acta publ. 5, 48
P.; wollte gott, es gäbe keine unruhige köpfe in ganz Deutschland! Göthe 8, 115, 19
W.; erinnerung an einen unruhigen kopff Harsdörffer
secretarius 1, j i 4
a;
unpersönlich: einfälle seines unruhigen kopfes Treitschke
d. gesch. 1, 219.
ra. unruhiges musz kochen
unruhe stiften Staub - Tobler 6, 1908.
perturbator zerrütter, betrüber, verwirrer, ein unrwiger (
nomen agentis?) Frisius 994
b. 3@dd) unruhe 3 d
entsprechend, πολυπράγμων,
occupatus: ardelio ein fürwitziger, unrwiger mensch, der vil auszrichten wil, dasz er doch keyn befehl hat und man wol entpern kndt Alberus; Hans in allen gassen, meister Forwitz H. Decimator; zuo demselbigen sprach uf ein zeit der keiser (dann in gedenckt, er were zuo vil unrwig), er begerte nicht, das er sich zu todt arbeitet J. B. Grass
schöne histor. (1570) 159
b; der thätige, unruhige fürst Göthe 7, 194, 18
W.; die Franzosen .. ein immer eben so knechtisches als unruhiges volk E.
M. Arndt 1 (1845), 233 (
vgl.c); unruhiges blut haben (
vgl. 6 c
δ) Nestroy 11, 201; u. (
brünstig) sein, werden Staub-Tobler 6, 1908; ein unrwigs leben Fronsperger
kriegsbuch 1, m 1
b; ein so stilles leben wir nun ... führten, in einem um so unruhigeren trieben sich damals meine brüder ... umher Kerner
bilderbuch 264; geschäfte Thümmel
reise 1, 9; unruowige vogtey, da man vil ze schaffen und auszerichten hat Maaler 467
a; amt Rabener 1, 85; rectorat Gottsched
beob. (1758)
vorr. a 6
b; beschäftigung, plackerei
u. dgl. 44)
dämonologisch (unruhe 4).
vgl. ungeruhig
sp. 824:
Zimmer. chron. 3, 4; 12
bei Fischer
schwäb. wb. 6, 212; ewr widersacher der unruhige geyst schlefft .. nicht Mathesius
bibl. d. schr. a. Böhmen 4, 191, 5.
vgl. unrüebiger und unsuberer irrgeist (1670) Staub - Tobler 6, 1908; Saul ... den ein unruhiger geist quälte Herder 19, 14;
vgl. bildlich: ein unruhiger dämon des ehrgeizes Gerstenberg
recens. 273, 3
ndr.; wenn Göthe Merck zugleich kalt und unruhig 28, 185
W. nennt, ist das mephistophelische verneinen und zerstören einbegriffen; dasz des calenderschreibers unruhiger geist auf der gasse irre gehen ... werde
polit. maulaffe 27; Lohenstein
Arm. 1, 169
a; in einem solchem unruhigen (
von einem gespenste heimgesuchten) schlosse Gottsched
schaubühne 2, 270;
adv.: Fouqué
held d. nordens 3, 163. 55)
nosologisch (unruhe 5): zuo dem dritten so haben sye hitz und seint rittig oder febricitieren und seint fast unrüwig Gersdorff
wundarzney (1517) 20
b;
dem vieh das gehirn sehr u. machen Sebiz
feldbau 500; wann die mutter anfahet unrhwig zu werden Gäbelkover 2, 18; unruhige mutter
gebärmutterleiden Höfler 429
a. 1
Samuel. 16, 14; Lehmann
florileg. 2, 571; J. G. Schmidt
rockenphilos. 1, 1; was hast du denn? unruhig bist du nicht und auch nicht ruhig; machst mir ein gesicht, als schwanktest du, magnet'schen schlaf zu ahnen Göthe 3, 285
W. (
zahme xenien 3, 804); vergangne nacht war sehr u. III 3, 2
W.; ungewöhnlich: es wurde ihm im bette so u. Arnim 7, 30;
von fieberkranken Staub-Tobler 6, 1907,
nervösen Fischer 6, 212.
vgl. überruhig Staub-Tobler 6, 1906. 66) unruhe 6
entsprechend, a)
im kirchlichen sinne. α)
angefochten, friedlos, unselig: ob sich der mensch vindt unrwig und in unfrid Tauler
serm. (1508) 54
a; Luther 10
3, 303, 16
W.; daz sie .. unrüwig sein gegen inen selber Pauli
schimpf u. ernst 37; u. in ihm selber J. Arndt
nachf. Christi 8; unrugige anfechtung (
vgl. 1) Luther 10
1, 1, 696
W.; zerstreut, in anspruch genommen Keisersberg
predigten (1508) 10
b; ihr seyd zu u. zum gebeth Miller
predigten f. landvolk 1, 14.
β)
sollicitus, fluctuans: ich hab mich geerbeytet mit sufftzen, byn unrgig geweszen vor sufftzen Luther 1, 162, 32
W.; was betrübest du dich, mein seel, und bist unrwig in mir?
psalm 42, 6; 43, 5; H. Sachs
bei Wackernagel
kirchenlied 3, 65; Butschky
Pathmos 10; ein unruhiges gewissen
th. 4
1, 3, 6246
und allgemein. γ)
unruhig streben: wir seind immer unrhig, bisz wir endlich ihn erlangen Spee
tugendbuch (1649) 4
b;
keine ruhe lassend: die unrügige lust Luther 23, 424, 23
Weim. b)
in der sprache der liebe: ich ... tuon ... unrüwiger machen die grewe diner alten krancken anfechtigung der minne
N. v. Wyle
translationen 20, 23
K.; suchend in der lieb unruhwig meine ruhe Weckherlin 2, 404, 135; die unruhige ruhe der liebe J. G. Neukirch
anfangsgründe 334; unruhigste begierde
vern. tadlerinnen 2, 69; das unruhige, bewegte in der gemüthsstimmung beider liebenden O. Jahn
Mozart 4, 400. c)
im allgemeinpsychologischen sinne. α) allerhand unruhige affecten Chr. Wolff
v. d. menschen thun 35; unruhige und unordentliche affecten Walch
phil. lex. 1, 1167; Lotze
mikrokosmus 1, v; Solger
Erwin 1, 69; gemüt Kramer (1702) 2, 386
a; gedanken Bodmer
sammlung crit. poet. schriften 1, 34, sinn Göthe 2, 4, 4
W., stimmung
u. s. w. versichere ihn, dasz ich seinetwegen recht sehr u. bin Lessing 17, 386; u. über H. Beck
d. herz behält s. rechte 12; da ich sie (
die ursache) nicht finden konnte, war ich äuszerst u. Göthe 43, 349
W.; nun werden sie nicht u. Bettine
d. buch gehört d. könig 1, 160;
selten: mir ist so u. zu muthe Holtei
erz. schr. 12, 221;
veraltet: des tages war er mit ihm selbst u. Lohenstein
Arm. 2, 50
b;
adv. Fontane I 1, 78. das wird mir nicht eine einzige unruhige stunde verursachen Ayrenhoff 3, 129; unruhige befangenheit Nestroy 1, 43; frage (
von unruhe eingegeben, davon zeugend); tritte,
u. bewegte G. Keller 5, 36
u. s. w. β)
vom ausdruck, von darstellung der unruhe: mit unruhigem auge Droste-Hülshoff 2, 276; züge 2, 284, gesichter Fontane I 4, 276; eine arie ... sehr u. und bewegt O. Jahn
Mozart 1, 370.
γ)
von ästhetischer wirkung (
vgl.unruhe 6 a 2): die (
farben) von der minusseite stimmen u., weich, sehnend Göthe II 5
2, 196
W.; vgl. II 1, 314
W.; der u. anstrebende antispast J. H. Voss
zeitmessung 157; eine freude aber, die so heftig, u., vermischt ist, wie die, welche das komische bewirkt, ist höchst sinnlich
F. Schlegel
jugendschr. 1, 19
M.; unruhige farbe, mischung, betonung, rhythmen, triolen, taktverschiebungen
u. dgl. δ) unruhe 6 a
ζ und η entsprechend. bisweilen noch halb sinnlich (
vgl. 1, 2): die unruhige phantasey desz menschen Abr. a S. Clara
Judas 1, 2; Herder 22, 253; Klinger
neues theater 2, 241; einem unruhigen und stürmischen fechter Scherer
litgesch. 284;
M. ist in Florenz sehr u., ich fürchte fast, er packt auf und kommt zurück Göthe iv 11, 197
W.; nun macht mich das schöne septemberwetter ganz u. iv 28, 238
W. auch tadelnd: aufmerksamkeit der menschen auf andere ist oft nur eine müszige und unruhige (
unbeständige, desultorische, blosz äuszeren antrieben folgende) neubegierde J. A. Cramer
nord. aufseher 1, 40; unruhiger produktionstrieb
des dilettantismus Göthe 47, 312
W.; durch diesen sittlich unruhigen geist, durch dieses bedürfnis, die menschen hämisch und tückisch zu behandeln (
von Merck) 28, 96, 13
W. aber auch anerkennend oder farblos: allerdings fordern die gesetze geschichtlicher untersuchungen ... eine seltene mischung von geisteskälte und kleinlicher unruhiger sorge 46, 96, 6
W.; ich ... war nach dieser entdeckung ruhiger und unruhiger als vorher 21, 20, 14
W.; unruhige neugier
im sinne von unruhe 6 a
ζ; forschbegier A. v. Humboldt
ansichten d. natur 2, 2, trieb J. H. Voss
antisymb. 2, 186, gefühl G. Forster 3, 328 (das leichtunruhige gefühl Göthe
an Lottchen 19), ehrgeiz Ranke 38, 104, streben Mommsen
röm. gesch. 1, 6; B. fühlte den unruhigsten kitzel, alles zu verneuen Göthe 28, 274
W.; das unruhige (
keine ruhe lassende) bedürfnisz, politik zu treiben Bismarck
gedanken u. er. 2, 69; temperament Mörike 3, 29; Knigge
umgang 1, 27 (
syn. lebhaft, bewegsam); unruhige freude Gerstenberg
recensionen 283, 34
F.; die leidenschaftlichkeit und unruhige (
beunruhigende, aufwühlende) gewalt seiner beichtreden Nitzsch
d. studien 7.
prädicativ: kenner, die ihn (
den bildenden künstler) u. machen Göthe 47, 31
W.; ich bin u., es treibt mich zur arbeit, und wenn ich dabei bin, treibt's mich wider weg Bauernfeld 2, 61; er erschien ... bei audienzen finster, u., streng Justi
Winckelmann 2
1, 225; wir sind sehr begierig und u., ihre urtheile ... zu wissen
bibl. ä. schriftwerke d. Schweiz II 1, 64; u. danach sein Bettine
Günderode 2, 259; sie waren u., was die nacht ... bringen könnte Stifter 5
1, 358.
adv. u. (
triebhaft) und dunkel empfinden G. Keller 1, 275. 77)
die bestimmtheit und eindeutigkeit des begriffs wird durch mischung der bedd. erheblich beeinträchtigt; sinnliches und geistiges (
vgl. 6 c
δ)
durchkreuzen sich oft kräftig: szo mag die unrugige vornunfft nit still bleyben und yhr dran benugen lassen, wills alles wissen und sehen, wie eyn affe Luther 10
1, 1, 565
W.; 14, 48
Erl. ausg.; H. Sachs 14, 36, 19
G.; das unruhige feuer der ehrbegierde Klinger 8, 139; ich musz jauchzen vor vergnügen über ein unbestimmtes etwas ... das macht mich auch wieder u., ich nehme drei treppen unter die füsze bis zum dachgiebel hinauf Bettine
Brentanos frühlingskranz 81;
ein und derselbe ausdruck (
z. b. u. werden)
kann träger jeder bed. (1
bis 6)
sein; verschiedene einzelne bedd. schieben sich, wie mehrfach gezeigt, durcheinander (
z. b. unruhiger mensch, unruhige nacht).
anderseits gewinnt der begriff durch diese unbestimmtheit an tiefe, umfang und poetischem gefühlsreichtum; z. b. jetzt liegt er im schoosze der mütterlichen erde und ist dieser unruhigen welt entflohen Knigge
roman m. lebens 3, 136; Göthe
Faust 646.
lieblingswort der Zimm. chronik Fischer
schwäb. wb. 6, 212. —